Bildungsaktivist | LinkedIn Top Voice | Colearner | TEDx Speaker | Bildungsdesigner | Bildungsethiker | systemischer Coach & Supervisor | Rituals Expert | Blogger | Nörgler | Ressourcenklempner. Ich unterstütze alles, was mit Aus- und Aufbrechen aus Beschulung zu tun hat. Für Jung UND Alt. Meine Kernkompetenz: Entwicklung ganzheitlich begleiten, moderieren, inspirieren.
Mit der Digitalen Transformation verändert sich Lernen in- und ausserhalb des Bildungssystems grundlegend. Nicht nur die Arbeitsmärkte werden in Kürze nicht mehr wiederzuerkennen sein. Der Leitmedienwechsel von elektronischen zu vernetzten Medien hat einen grundlegenden Wandel in der Kommunikation bewirkt – erst Recht im Umgang mit Information. Monopole und Machtzentren haben sich durch den Zugang zu Daten und Informationen verschoben. Sie zirkulieren vor allem dezentral und ausserhalb institutionalisierter Orte in Netzwerken und Communities. Wie verändert sich da der Job von lehrenden Berufen?
Die Plattformökonomie hat die Bildung erreicht. Das bedeutet: Die Digitale Transformation ist in den Schulen und Hochschulen angekommen – auch wenn sie das noch nicht wirklich realisieren. Sie stehen heute in einem weltweiten Wettbewerb nicht nur mit anderen Hochschulen, sondern auch mit privaten Anbietern sowie selbstorganisierten, dezentralen Fach- und Wissenscommunities.
Interaktionen mit Cracks und Peers sind weltweit und sofort möglich, und zwar jenseits der Grenzen von Bildungsinstitutionen. Immer mehr Aktivitäten zwischen Studierenden und Lehrenden sowie Studierender untereinander haben die Schulzimmer verlassen und verlagern sich in offene, auch digitale Räume. In vielen Bereichen des täglichen Lebens ist das bereits der Fall und selbstverständlich. Bildung und Lernen ziehen jetzt zügig nach.
Auch das Erschließen neuer Zielgruppen und das Design entsprechender Bildungsformate ist ohne flexible, digitale Angebote nicht mehr denkbar. Allem voran wird der Aspekt der Wissensvermittlung sukzessive durch digitale Medien ersetzt. Angebot und Nachfrage von Online-Formaten steigen exponenziell. All das zeigt: Die Bedürfnisse und Ansprüche lernender Menschen verändern sich völlig.
Das neue Berufsbild
Damit einher geht nicht nur ein fundamentaler Wandel der Funktion und Aufgaben lehrender Berufe. Vielmehr verändert sich die Identität des Berufs zur Gänze. Das Berufsbild entwickelt sich weiter vom Dozenten zum Lerncoach und zur Moderatorin von Lernprozessen. „Berufe in der Bildungsarbeit“ sind zukünftig selbstverständlich in digitalen Netzwerken unterwegs. Sie organisieren Lernprozesse digital, sie vernetzen sich mit den entsprechenden Playern und praktizieren einen souveränen Umgang mit digitalen Tools, Medien und Devices. Durch eine Kultur der Kollaboration sorgen sie dafür, dass sich gute Ansätze und Erfahrungen systematisch vernetzen und verbreiten.
Folgende Leitfragen sind möglich:
Wie sieht das Kompetenz-Portfolio einer Lehrperson im Kontext der digitalen Transformation aus?
Was dürfen Schulen und Hochschulen von lehrenden Berufen an Kompetenz und Expertise erwarten?
Wie kommunizieren sie diese Anforderungen und Erwartungen?
Wie unterstützen sie ihre Mitarbeitenden darin, diese Kompetenzen zu erarbeiten?
Konkretisierungen: Die Führung wird aktiv
Zuerst sind die Entscheidungsträger*innen in Schulen und Hochschulen gefragt. Sie werden sich zuerst selber klar über die Tragweite und das Tempo der digitalen Transformation. Als Führungskräfte sind sie die ersten Akteure und agieren als „Role Models“, als Vorbilder für lehrende Berufe. In dieser Funktion werden sie am Beginn des Transformationsprozesses sichtbar. Sie forcieren den Kulturwandel („Business Transformation“) durch koordinierte Massnahmen und Kommunikationen. Sie machen klare Vorgaben hinsichtlich der Befähigung der Lehrenden, deren Umsetzung sie konsequent überwachen (Überprüfung von Kompetenzaufbau).
Die Führung einer (Hoch-)Schule macht also klar,
dass sie als Role Models glaubwürdig sichtbar sein will im Sinne von „Auch wir machen uns bei aller Unsicherheit kompetent auf den Weg“;
dass Administration und Organisation Spiel- und Gestaltungsräume eröffnen und garantieren, innerhalb derer sich der kulturelle Wandel der digitalen Transformation überhaupt realisieren kann (Stichwort „lernende Organisation“);
in welcher Form und in welchem Tempo die lehrenden Berufe sich die notwendigen Kompetenzen aneignen, damit die Institution anschlussfähig an die Digitale Transformation wird.
Es ist die Aufgabe der Führung, ein Job- und Kompetenzprofil für lehrende Berufe zu präsentieren, das als Matrix für die konkrete Planung von Weiterbildungs- und Personalentwicklungsmassnahmen dient. Dazu gehört auch die Festlegung von Zielen, sowie das Formulieren von Massnahmen zum Erreichen dieser Ziele. Erst aufgrund dieser Zielsetzungen können die entsprechende Kompetenzen konkretisiert werden. Hier eine Auswahl:
Lehrkräfte bilden ein Bewusstsein für die Digitale Transformation und für die Veränderungen, die damit auf kultureller und auf technischer Ebene verbunden sind. Sie entwickeln in Teams konkrete Szenarien, wie sie auf diese Herausforderungen mit Eigenaktivität reagieren können. Sie befähigen sich selbst dazu, ihr Portfolio kritisch zu hinterfragen und durch ein digitales Konzept zu erneuern.
Lehrende verschaffen sich einen Überblick über das Angebot an Tools der digitalen Kommunikation und der Kollaboration und setzen diese konsequent bei ihrer Arbeit ein.
Sie lernen digitales Projektmanagement: Planung, Organisation und Durchführung digitaler Lernprozesse und -projekte.
Berufe in der Bildungsarbeit erkennen die Tragweite der digitalen Transformation für Ökonomie und Arbeit, für Gesellschaft und Kultur und für Bildung und Lernen.
Lehrende werden netzwerkfähig. Sie verstehen „Netzwerk“, „Plattform“ und „Digital Ecosystem“ als Funktionsprinzipien der digitalen Transformation und organisieren ihre Dienstleistungen mit dem Ziel, Good- und Best-Practice zu identifizieren und zu vernetzen, damit Diffusion und Dissemination guter Ansätze möglich wird. Dabei werden sie von Administration, Verwaltung, Organisation und Informationsmanagement (vormals „Bibliotheken“) maximal unterstützt.
Unterstützende Schulungsformate wie Supervision, Intervision, Coaching und Reflecting-Teams sorgen dafür, dass die in diesem Prozess des Kulturwandels notwendig auftretenden Störungen und Blockaden aufgefangen und in Ressourcen übersetzt werden können.
Sichtbarmachen und Vernetzen von „Hidden Champions“
Bereits heute gibt es allerorten „Bildungsmenschen“, die über hohe digitale Kompetenz verfügen und viel Erfahrung in der Umsetzung von digitalen Lernaktivitäten und Lernprozessen mitbringen. Solche eher lose organisierten Menschen und Communities sind bereits im Sinne des digitalen Kulturwandels unterwegs und praktizieren eine Art „offenes Curriculum“, das die in dieser Skizze formulierten Anliegen auf den Wegen der digitalen Transformation bereits umsetzt. Diese „Hidden Champions“ gilt es konsequent und fortlaufend sichtbar zu machen und zu vernetzen.
Denn die Communities dieser „Hidden Champions“ wirken netzwerkbildend. Sie vernetzen bestehende, echt transformative Projekte und Player. Sie verstehen sich als Trafo-Netzwerker, die am Aufbau eines digitalen Netzwerks arbeiten mit dem Ziel, dass sich immer mehr lehrende Berufe selbst und gegenseitig weiterentwickeln – und damit gleichzeitig den Kulturwandel unterstützen. Diese „Scouts“ müssen im Rahmen einer Digitalen Transformation von Schulen und Hochschulen sichtbar gemacht und maximal unterstützt werden. So entstehen nämlich die dringend benötigten, agilen Formate „kollaborativer Kompetenzentwicklung“, die von Anfang an den Charakter des Netzwerks haben.
Welche Strategien entwickelt unser Schulsystem, um die Verwerfungen der Digitalen Transformation aufzugreifen und ihre Klient’innen bei der Entwicklung jener Kompetenz zu unterstützen, die sie im Digital Age brauchen? Sämtliche Institutionen der Bildung sind nach wie vor überfordert mit der Frage, wie sie sich aufstellen sollen. Deswegen werde auch die Weckrufe immer lauter. Der ehemalige Präsident der ETH Lausanne spricht von dringendem Handlungsbedarf: Das „Hochschulmodell muss überdacht werden“.
Und das gilt nicht nur für Hochschulen. In Sachen Digitaler Kultur und Kompetenz steht das Bildungssystem auf Feld 1 – und zwar auf allen Stufen seiner Organisation. Damit meine ich nicht die Fähigkeit, elektronische Geräte zu bedienen oder sie in Lehrveranstaltungen einzubauen – auch nicht das Einführen entsprechender Schulfächer oder das Erfinden von fancy Studiengängen oder das Einstellen von Expert’Innen für Blockchain, Datensicherheit und Digital Leadership. Ich spreche von der hartnäckigen Reproduktion klassischer Pädagogik und digital aufgepimpter Didaktik, wie ich sie hier reflektiert habe.
Das Gebot der Stunde. Die Entwicklung Digitaler Kompetenz und Kultur
Schulen und Hochschulen kümmern sich nicht um die Entwicklung von Fähigkeiten im Kontext der digitalen Kollaboration oder Arbeitsorganisation. Um die Fähigkeit und die Bereitschaft, überhaupt ein Bewusstsein dafür zu bilden, was gerade in Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur abgeht im Fahrwasser dieser Digitalisierung, und welche Bedeutungen sich daraus für Bildungsarbeit ergeben.
Dass Schulen und Hochschulen ihre Klient’innen für eine digital transformierte Arbeits-, Forschungs- und Lebenswelt ausbilden, davon ist nichts zu spüren. Auf diese Zukunft bereiten sich junge Menschen nicht dadurch vor, dass sie sich mit Daten und Informationen zu Digitalen Fragestellungen versorgen lassen. Vielmehr entwickeln sie von Grund auf eine persönliche und berufliche Identität, die nichts mehr mit den Mindsets und Menschenbildern zu tun hat, an denen das Bildungssystem seine Angebote ausrichtet. Weil die Bildung da weiter vor sich hin dümple, suchen sich Studierende ihre Wege jetzt selbst – heißt es im Bericht vom Careum Dialog 2019.
Nicht zuletzt fehlt es in Hochschulen, Schulen und bei lehrenden Professionen an der Kompetenz der Digitalen Nachhaltigkeit, sowohl in den Prozessen, als auch in den Strukturen, in denen Bildungsabeiter’innen unterwegs sind, als auch im „Back-End“. „Digitale Nachhaltigkeit besagt, dass digitale Wissensgüter ressourcenschonend hergestellt, frei genutzt, kollaborativ weiterentwickelt und langfristig zugänglich gesichert werden“, so die Definition aus der Forschung.
Open Access (die Gewährleistung des freien Zugangs zu allen durch öffentliche Mittel finanzierten Publikationen) und Open Education Resources (OER) sind nach wie vor ein Ausnahmephänomen. In der Schweiz soll der Öffnungsprozess gemäß swissuniversities bis 2024 (!) abgeschlossen sein – dabei hat der noch gar nicht wirklich begonnen, weil in den Köpfen eine völlig andere Vorstellung dazu herrscht: Bezahlt wird noch immer Inhalt, der in geschlossenen Silos aufbewahrt wird. Ein Lichtblick kommt diesbezüglich vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF), der in Zukunft nur noch solche Forschung untersützt, die sich selbst konsequent offen legt.
Administration verhindert Agilität
Nach wie vor stehen die administrativen Apparaturen mit ihren traditionellen Vorstellungen von „Organisation“ den nötigen Entwicklungen im Weg. Einige interessante Reflexionen dazu aus der Schweizer Denklandschaft finden Sie hier. (Hoch-)Schulen organisieren sich selbst nach Prinzipien, die ein erfolgreiches „Agieren am Markt“ im Digitalen Zeitalter verunmöglichen. In einer Schlagzeile formuliert: „Die Organisation bestimmt über Qualität, nicht die Qualität über die Organisation.“
„Konventionelle Strukturen sind entweder zu hemmend … oder zu locker und desorganisiert … , um Menschen kreativ in die Gestaltung ihrer eigenen Zukunft einzubeziehen. Sie erzeugen regelmäßig Gefühle von Frustration und/oder Ausgeschlossenheit und verhindern, dass gute Ideen entstehen und gedeihen können. Wir verschwenden viel Zeit und viel Geld für die falsche Art zu arbeiten. Und noch mehr Zeit und Geld werden dann verschwendet, um die unabsichtlichen Folgen zu beheben.“ (Quelle)
Hinzu kommt: Alles, was an Hochschulen das Siegel einer qualifizierten Bildung anstrebt, erhält diese Zertifizierung nur über den Moloch der Administration, die (mittlerweile alleine) über all das wacht, was mit Kriteriologie, Qualität und Entwicklung zu tun hat. Alle anderen Formen von Agieren im Bildungsmarkt tauchen als Chancen und Herausforderungen gar nicht auf. Erstens gilt nach wie vor: Hat es kein Zertifikat – ist es nichts wert. Dazu ist der Grad der Hermetik und der Selbstreferenzialität, mit dem die Bildungsadministration diesbezüglich agiert, viel zu hoch. Zweitens gilt: Was nicht die Plausibilität irgendeines bestehenden Reglements „trifft“, hat im Geschäft einer (Hoch-)Schule keine Chance. Das ist gemeint mit der Schlinge, die das System sich selbst immer enger zieht.
Stimmen aus den Bildungstankern
Als Bildungsdesigner und Coach bin ich viel im Gespräch mit Leistungsträger’innen im Lehrbetrieb: Mit Dozierenden, Professor’innen, Leuten aus dem Mittelbau und aus der Administration. Der Tenor lautet zusammengefasst: „Die Art und Weise, wie wir uns als Hochschulen organisieren, verhindert auf breiter Basis, dass wir die nötige Bildungsarbeit im 21. Jahrhundert leisten können.“ Im Kerngeschäft ebenso wie im internen Dienstleistungsbereich. Das Meiste drehe sich, so meine Gesprächspartner’innen, um das Einhalten formaler Richtlinien im Tagesgeschäft und bei der Entwicklung von Formaten (Module, Studiengänge, MAS, CAS, Prüfungen, Assessments usw.). All das – und selbst Interdisziplinarität und Internationalität – sei an die Kette der Administration und ihrer Kontrollkultur gelegt. Bewegungsspielräume seien praktisch nicht gegeben. Die gegenwärtige Administration diene ausschließlich der Kontrolle und der Rechtfertigung. Sie ermögliche keine Bildungsarbeit, die den Herausforderungen der Gegenwart gerecht wird. Im Gegenteil: Sie erschwere und behindere das großflächig. Aus der Administration und aus politischen Kreisen sind hierzu vor allem Rechtfertigungen zu hören, auch wenn diese Probleme seit gut zehn Jahren auf dem Tisch sind.
Andererseits steht das Professionshandeln lehrender Berufe wegen der Digitalen Transformation vor der größten Umwälzung seit es institutionalisierte Lehre gibt. Das ist vielen meiner Gesprächspartner’innen klar. Doch spätestens hier wird der krasse Widerspruch in der Organisation des Schulbetriebs offensichtlich: Was es an konkreten Herausforderungen durch die Digitale Transformation zu bewerkstelligen gilt, befindet sich ebenso wie die Angebote, sich damit auseinanderzusetzen und es in die eigene Expertise als Dozierende zu integrieren, gänzlich ausserhalb des Vorstellungsrahmens, denn, so die Gesprächspartner weiter: Was nützt es, wenn wir eine „digitale Expertise“ entwickeln, wenn doch die Organisation eines Studiums im Kern nach den Prinzipien der alten Welt funktioniert? Eine Studie (Yougov/Februar 2018) stellt fest, dass Institutionen die Bedeutung des digitalen Wandels zwar erkannt hätten. „Doch sie stellen sich derzeit eher den technischen als den kulturellen Herausforderungen.“ Dabei sei der Erfolg „immer auch eine Frage der Kultur“.
Derzeit erlebten … nur elf Prozent der Beschäftigten die Entwicklung als gemeinschaftlichen Prozess unter Beteiligung von Mitarbeitern und Führungskräften. In der Umfrage gab nur jeder vierte Mitarbeiter an, dass er die Geschäftsführung oder den Vorstand als treibende Kraft der Transformation erlebe. (Quelle)
Fünf Herausforderungen
1. „In letzter Konsequenz bedeutet Digitalisierung, dass sich die Institutionen und damit die Ordnung insgesamt langsam, aber sicher aus ihren örtlichen Verankerungen lösen und sich in den sogenannten Cyberspace verlagern. Ordnung ohne Ort. Diese Verschiebung ist in der Geschichte der Menschheit neu.“ (Christoph Hauser [2017]. Ordnung ohne Ort, Zürich: nzz libro)
2. Das Finanzierungsmodell der Hochschulen ist nicht zukunftsfähig, weil es aus (finanz-)politischer Sicht nicht mehr plausibel ist. Gegenwärtig fließen 800 von 1000 Franken, die für (Fach-)Hochschulbildung aufgewendet werden, in Personal und Administration (Quelle: BfS, Werte von 2016). Das sind die beiden „Posten“, die durch die Digitale Transformation bereits heute angezählt sind. Somit steigt der Druck auf den Staat als Allokator finnzieller Ressourcen noch stärker. Massive Kürzungen im öffentlichen Aus- und Weiterbildungssektor werden die Folge sein. Welche Szenarien gibt es, um auf diesem Hintergrund den öffentlichen Bildungsauftrag zu sichern? Wer entwickelt die wann?
3. Das Hochpreismodell im Weiterbildungssektor (MAS, CAS & Co) ist nicht mehr tragfähig, weil der Weiterbildungsmarkt durch private, digitale Konkurrenz massiv aufgemischt wird – und dies zu einem Bruchteil der Kosten, die Hochschulen produzieren. Letztere konkurrenzieren sich auf dem engen Schweizer Bildungsmarkt derzeit gegenseitig und produzieren Redundanzen im Angebot statt zu kollaborieren. Was heute an etlichen Hochschulen v.a. im Weiterbildungsbereich im Sinne von „Cashcows“ geführt und bilanziert wird, fällt in naher Zukunft weg, weil die Kunden das nicht mehr bezahlen werden. Neue Finanzierungsmodelle werden also massiven Einfluss auf die Eigenkostenstrukturen der Hochschulen haben. Wodurch werden die sich dann finanzieren? Welche Szenarien entwickelt sie bereits heute dafür?
4. In wenigen Jahren werden die Mehrzahl der Jobs, auf die Fachhochschulen in der Grundbildung vorbereiten, nicht mehr existieren bzw. sich im Kontext der Industrie 4.0 völlig verändert haben. Wie bereiten sich Hochschulen vor, um auf diese Entwicklung proaktiv reagieren zu können? Wie entwickeln sie radikal andere Bildungsformate in ganz neuen Formen der Kooperation, der Kollaboration (mit anderen Bildungsträgern und Vertretern aus der Ökonomie)?
5. Bildung und Lernen digitalisieren sich in hohem Tempo und demokratisieren sich weltweit. Es entstehen große, selbstorganisierte Lern-Netzwerke, die unterhalb des Radars staatlicher und privater Bildungsanbieter fliegen. Sie sind hoch agil und organisieren Lernen und Kompetenzentwicklung als enge Kollaboration der weltweit wachsenden Communities der WissensarbeiterInnen und Bildungsnomaden. Der Zertifizierungsdruck nimmt dadurch in immer mehr Branchen ab und wird durch neue Kulturen des Kompetenznachweises ersetzt. (Hoch-)Schulen nehmen diese Dynamik entweder gar nicht wahr oder reagieren mit „Mehr Derselben“ aus der didaktischen Mottenkiste.
Agilität: Kein Trend sondern eine Überlebenstechnik
Reflexionen auf Organisation und Administration gehen im Kontext der Digitalen Transformation davon aus, dass es ein Maximum an Agilität der Strukturen und Abläufe braucht, um als Anbieter (von was auch immer) auf irgendeinem Markt bewegungsfähig und erfolgreich unterwegs zu sein. Dirk Baecker bemerkt dazu lapidar: „Die agile Hochschule wird in dem Maße unvermeidlich, wie die digitale Transformation der Gesellschaft weiter voranschreitet“ – und er wird sehr konkret:
„Die Hochschule wird Plattform, das heißt zugleich technische Infrastruktur und soziale Organisation. … Auf dieser Plattform bewähren, messen und bewerben sich Projekte, die solange den Namen der Agilität verdienen, wie die digitalen Apparate uns noch den Raum zu menschlicher Initiative lassen (…). Andernfalls sprinten wir, ohne es zu wissen, naht- und fugenlos vernetzt in die Apparate, die uns keine Aufträge mehr erteilen, die sie selbst schneller und besser erfüllen, sondern nur noch unsere Resonanz testen, wofür auch immer.“
Sehr empfohlen seien an diese Stelle auch die Reflexionen von Laloux & Frei, sowie die Ansätze des Liberating Structures,Working out Loud und lernOS.
Auch für Hochschulen geht es also jetzt um den Übergang in die agile
Organisation. Organisationsentwicklung versteht sich unter diesem Aspekt
als ein geführter Prozess in eine Kultur der Agilität. OE ist nicht mehr wie bisher eine Art Operation, die Fachleute an
einer Organisation vornehmen. Sie ist professionell reflektierte
Selbstorganisation. Gesteuert unter Zuhilfenahme qualifizierter,
externer, systemischer ExpertInnen, die die internen Gestaltungskräfte
nicht bewerten oder gar ersetzen, sondern sie zur Selbstwirksamkeit
bringen.
Dabei muss jederzeit klar sein: Es geht um Agilität vor allem mit dem Ziel, in Zukunft ein erfolgreicher Player in den digital transformierten Bildungsnetzwerken zu sein. Darum geht es jetzt. Denn in erster Linie verlangt der Markt Agilität. Dass Bildung und Märkte einiges gemeinsam haben, und sich die beiden Phänomene nicht aus- sondern einschließen, das hat Lutz Becker hier wunderbar reflektiert.
„Agil“ ist keine lineare Kategorie. Es bedeutet unangepasst zu sein
Agil bedeutet nicht „schnell von A nach B“, oder wer als erster fertig mit irgendwas ist, oder „am Ziel“. Es bedeutet auch nicht „wendig“. Es bedeutet „anpassungsfähig“. Und hier gilt: anpassen kann sich nur, wer konsequent unangepasst ist (Reinhard Sprenger in seinem Klassiker Aufstand des Individuums). Je mehr sich eine Organisation an eine einzige (tatsächliche oder nur angenommene) Situation anpasst, umso weniger anpassungsfähig ist sie an neue Situationen, die gegenwärtig oder in Zukunft Standard sind.
Seinen Ursprung hat der aktuelle Begriff der Agilität in der Software-Entwicklung. Von hier aus hat er die Welt des Projektmanagements und der Organisationsentwicklung erobert.
Agilität bedeutet nicht Tempo, sondern Variabilität
Wie bei einem guten Fussballspiel auch. Schnelligkeit ist nicht automatisch ein Merkmal für Spielqualität und Gewinnermentalität – oder auch nur für Kompetenz. Wer die nicht hat, muss sie unter Umständen durch Tempo kompensieren. Tempo ist keine Strategie. Es ersetzt sie. Wer wenig kann, muss viel laufen. Tempo ist höchstens eine Taktik, um fehlende Strategie zu verbergen. Auch kluges Jagen zeichnet sich ja nicht dadurch aus, dass ein jagendes Tier seiner Beute so lange hinterher rennt, bis einer von beiden nicht mehr kann. So ein Verhalten beruht auf fehlender Variabilität, auf genetischer Fixierung. Da sollten wir ja eigentlich mehr draufhaben.
„Agil“ bedeutet dem gegenüber: In einer Situation möglichst viele Variabilitäten des Planens, Entscheidens und Handelns zu entdecken und praktikabel zu machen, und dafür alle sichtbaren Möglichkeiten und Ressourcen zu nutzen bzw. die noch nicht sichtbaren sichtbar zu machen.Agilität bedeutet, durch geschickte Kombination von Wissen, Information, Daten, Heterogenität und Durchmischung der Mitwirkenden und Beteiligten zu souveränen, situationsgerechten Lösungen zu kommen. Agilität ist die Kompetenz dahinter. Sie ist kein Zustand. Sie ist eine Kompetenz.
Agilität ist die Fähigkeit, ein Netzwerk bauen und nutzen zu können
Zur Lösung von Problemen. Agilität ist das Nutzen eines Netzwerkes durch Vernetzung. In einem Netzwerk folgt der Einsatz desselben nicht nach einer Phase des „Aufbaus“. Der Aufbau ist die Netzwerkarbeit. Und: „Das“ Netzwerk ist – im Zeitalter der Digitalen Transformation – kein Netzwerk unter anderen mehr, sondern ein mehr oder weniger gut vernetzter Teil eines einzigen Netzwerks. Das ist der Unterschied zur Seilschaft. Je mehr Netzwerkarbeit digital organisiert ist, umso freier ist der Zugang, umso transparenter sind die Strukturen, umso offener sind die Zugänge. Das ist ja mit „Netz“ gemeint. Wie sich Bildung im 21. Jahrhundert nach dem Netzwerkprinizip organisieren wird, habe ich hier ausformuliert.
Agil bedeutet, dass der Anteil Energie, den eine Organisation aufbringt, um sich selbst zu ernähren, radikal abnehmen wird – um als Organisation beweglicher und anpassungsfähiger zu werden, um die den klassischen Organisationen eigene Schwerfälligkeit abzubauen und eben in Agilität zu überführen.
Ich habe eine Checkliste entwickelt, mit deren Hilfe Sie recht gut abschätzen können, wie agil und damit zukunftsfähig ein Lernangebot ist. Unter „Lernen“ können hier all jene Prozesse verstanden werden, die mit Entwicklung und Veränderung, mit Reflexion und Innovation zu tun haben. Die Checkliste ist bewusst nicht im Entweder/Oder-Modus formuliert sondern als Skala.
Welche Strategien entwickeln (Hoch-)Schulen, um die umfassenden Veränderungen in den Lebens- und Arbeitswelten aufzugreifen und ihre Klient:innen bei der Entwicklung jener Kompetenzen zu unterstützen, die sie brauchen? Die Institutionen des öffentlichen Bildungswesens wirken überfordert mit der Frage, wie sie sich aufstellen sollen. Deswegen werden auch die Weckrufe immer lauter. Zum Beispiel vom ehemaligen Präsidenten der ETH Lausanne, der in der NZZ von einem „dringenden Handlungsbedarf“ gesprochen hat: Das „Hochschulmodell muss überdacht werden“.
Rona van der Zander zeigt in ihrem jüngsten Video eindrücklich, wie die Corona-Pandemie sich als Lakmustest für den digitalen Reifegrad der Hochschulen erweist, und wie diese krachend versagen. Das gilt übrigens auch für den Bereich der K-12. Ministerin Giffey löst mit ihrem „Wir sind ein Stück weiter als im Frühling“ bei vielen Lehrer:innen und Eltern Unverständnis und auch Wut aus.
Das Bildungssystem ist mit der Entwicklung und der Förderung Digitaler Kompetenz arg im Hintertreffen. Nicht nur was die Fähigkeit betrifft, digitale Endgeräte und ihre Anwendungen zu bedienen oder sie in klassische Lehrveranstaltungen einzubauen. Der Widerstand gegen eine proaktive und nachhaltige Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Digitalität geht tiefer.
Das Gebot der Stunde: Die Entwicklung Digitaler Kompetenz
Wie und wo entwickeln Schulen und Hochschulen ein Bewusstsein dafür, was gerade in Wirtschaft & Gesellschaft abgeht im Fahrwasser der längst vollzogenen Digitalisierung? Wo reflektieren sie die Konsequenzen, die sich daraus für Bildungsarbeit ergeben? Wo packen sie das an?
Dass Schulen und Hochschulen ihre Klient:innen für eine digital transformierte Arbeits-, Forschungs- und Lebenswelt ausbilden, davon ist nichts zu spüren, denn auf diese Zukunft bereiten sich junge Menschen nicht dadurch vor, dass sie mit Daten und Informationen zu Digitalen Fragestellungen versorgt werden, sondern indem sie von Grund auf lernen, eine berufliche und persönliche Identität zu entwickeln, die nichts mehr mit den Mindsets und Menschenbildern zu tun hat, an denen das Bildungssystem heute seine Angebote ausrichtet.
Einerseits gibt es „heute keine richtige Berufswahl mehr, sondern nur noch ein richtiges Mindset“ – wie Sebastian Dettmers in einem Beitrag für die Wirtschaftswoche festhält. Andererseits sind immer mehr Studierende gezwungen, sich ihre Bildungswege selbst und außerhalb der Curricula zu suchen, weil Hochschulen dieses Mindset weder entwickeln noch fördern – heißt es im Bericht vom Careum Dialog 2019.
Digitale Nachhaltigkeit: Fehlanzeige
Nicht zuletzt fehlt es in Hochschulen und Schulen an der Kompetenz der Digitalen Nachhaltigkeit, sowohl in den Prozessen, als auch in den Strukturen, in denen Bildungsabeiter:innen unterwegs sind, als auch im Back-End.
Digitale Nachhaltigkeit besagt, dass digitale Wissensgüter ressourcenschonend hergestellt, frei genutzt, kollaborativ weiterentwickelt und langfristig zugänglich gesichert werden – so die Definition aus der Forschung.
Open Access (die Gewährleistung des freien Zugangs zu allen durch öffentliche Mittel finanzierten Publikationen) und Open Education Resources (OER) sind nach wie vor ein Ausnahmephänomen. In der Schweiz soll der Öffnungsprozess gemäß swissuniversities bis 2024 (!) abgeschlossen sein – dabei hat er noch gar nicht wirklich begonnen, weil in den Köpfen eine völlig andere Vorstellung dazu herrscht: Bezahlt wird noch immer Inhalt, der in geschlossenen Silos aufbewahrt wird. Ein Lichtblick kommt diesbezüglich vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF), der in Zukunft nur noch solche Forschung untersützt, die sich selbst konsequent offen legt.
Administration verhindert Agilität
Nach wie vor stehen die administrativen Apparaturen mit ihren traditionellen Vorstellungen von „Organisation“ den nötigen Entwicklungen im Weg. Einige interessante Reflexionen dazu aus der Schweizer Denklandschaft finden Sie hier. (Hoch-)Schulen organisieren sich selbst nach Prinzipien, die ein erfolgreiches „Agieren am Markt“ im Digitalen Zeitalter verunmöglichen. In einer Schlagzeile formuliert: „Die Organisation bestimmt über Qualität, nicht die Qualität über die Organisation.“
„Konventionelle Strukturen sind entweder zu hemmend … oder zu locker und desorganisiert … , um Menschen kreativ in die Gestaltung ihrer eigenen Zukunft einzubeziehen. Sie erzeugen regelmäßig Gefühle von Frustration und/oder Ausgeschlossenheit und verhindern, dass gute Ideen entstehen und gedeihen können. Wir verschwenden viel Zeit und viel Geld für die falsche Art zu arbeiten. Und noch mehr Zeit und Geld werden dann verschwendet, um die unabsichtlichen Folgen zu beheben.“ (Quelle)
Hinzu kommt: Alles, was an Hochschulen das Siegel einer qualifizierten Bildung anstrebt, erhält diese Zertifizierung nur über den Moloch der Administration, die über all das wacht, was mit Kriteriologie, Qualität und Entwicklung zu tun hat. Innovative und freie Formen des Agierens in Bildungsmärkten werden von Hochschulen als Chance gar nicht gesehen, und erst recht nicht als Herausforderung. Erstens gilt nach wie vor: Hat es kein Zertifikat – ist es nichts wert. Dazu ist der Grad der Geschlossenheit und der Selbstreferenzialität, mit dem die Bildungsadministration heute noch agiert, viel zu hoch. Zweitens gilt: Was nicht die Plausibilität irgendeines bestehenden Reglements „trifft“, hat im Geschäft einer (Hoch-)Schule keine Chance.
Stimmen aus den Bildungssilos
Als Bildungsdesigner und Coach bin ich im Gespräch mit Leistungsträger:innen im Lehrbetrieb: Mit Dozierenden, Professor:innen, Leuten aus dem Mittelbau und aus der Administration. Der Tenor lautet zusammengefasst: „Die Art und Weise, wie wir uns als Hochschulen organisieren, verhindert auf breiter Basis, dass wir die nötige Bildungsarbeit im 21. Jahrhundert leisten können.“ Im Kerngeschäft ebenso wie im internen Dienstleistungsbereich. Das Meiste drehe sich, so meine Gesprächspartner:innen, um das Einhalten formaler Richtlinien im Tagesgeschäft und bei der Entwicklung von Formaten (Module, Studiengänge, MAS, CAS, Prüfungen, Assessments usw.). All das – und selbst Interdisziplinarität und Internationalität – sei an die Kette der Administration und ihrer Kontrollmechanismen gelegt. Bewegungsspielräume seien praktisch nicht gegeben. Die gegenwärtige Administration diene ausschließlich der Kontrolle und der Rechtfertigung. Sie ermögliche keine Bildungsarbeit, die den Herausforderungen der Gegenwart gerecht wird. Im Gegenteil: Sie erschwere und behindere das großflächig. Aus der Administration und aus politischen Kreisen sind hierzu vor allem Rechtfertigungen zu hören, auch wenn diese Probleme seit gut zehn Jahren auf dem Tisch sind.
Andererseits steht das Professionshandeln lehrender Berufe wegen der Digitalen Transformation vor der größten Umwälzung seit es institutionalisierte Lehre gibt. Das ist vielen meiner Gesprächspartner:innen klar. Doch spätestens hier wird der Widerspruch in der Organisation des Lehrbetriebs offensichtlich: Was es an konkreten Herausforderungen durch die Digitale Transformation zu bewerkstelligen gilt, befindet sich ebenso wie die Angebote, sich damit auseinanderzusetzen und es in die eigene Expertise als Dozierende zu integrieren, ausserhalb des Vorstellungsrahmens, denn, so die Gesprächspartner weiter: Was nützt es, wenn wir eine „digitale Expertise“ entwickeln, wenn doch die Organisation eines Studiums im Kern nach den Prinzipien der alten Welt funktioniert? Eine Studie (Yougov/Februar 2018) stellt fest, dass Institutionen die Bedeutung des digitalen Wandels zwar erkannt hätten. „Doch sie stellen sich derzeit eher den technischen als den kulturellen Herausforderungen.“ Dabei sei der Erfolg „immer auch eine Frage der Kultur“.
Derzeit erlebten … nur elf Prozent der Beschäftigten die Entwicklung als gemeinschaftlichen Prozess unter Beteiligung von Mitarbeitern und Führungskräften. In der Umfrage gab nur jeder vierte Mitarbeiter an, dass er die Geschäftsführung oder den Vorstand als treibende Kraft der Transformation erlebe. (Quelle)
Fünf erwartbare Herausforderungen bis 2025
1. „In letzter Konsequenz bedeutet Digitalisierung, dass sich die Institutionen und damit die Ordnung insgesamt langsam, aber sicher aus ihren örtlichen Verankerungen lösen und sich in den sogenannten Cybespace verlagern. Ordnung ohne Ort. Diese Verschiebung ist in der Geschichte der Menschheit neu.“ (Christoph Hauser [2017]. Ordnung ohne Ort, Zürich: nzz libro)
2. Das Finanzierungsmodell der Hochschulen wird so nicht mehr existieren, weil es aus (finanz-)politischer Sicht nicht mehr plausibel ist. Gegenwärtig fließen 800 von 1000 Franken, die für (Fach-)Hochschulbildung aufgewendet werden, in Personal und Administration (Quelle: BfS, Werte von 2016). Das sind die beiden „Posten“, die durch die Digitale Transformation bereits heute angezählt sind. Somit steigt der Druck auf den Staat als Allokator finanzieller Ressourcen noch stärker. Massive Kürzungen im öffentlichen Aus- und Weiterbildungssektor werden die Folge sein. Welche Szenarien gibt es, um auf diesem Hintergrund den öffentlichen Bildungsauftrag zu sichern? Wer entwickelt die wann?
3. Das Hochpreismodell im Weiterbildungssektor (MAS, CAS & Co) ist nicht mehr tragfähig, weil der Weiterbildungsmarkt durch private, digitale Konkurrenz massiv aufgemischt wird – und dies zu einem Bruchteil der Kosten, die Hochschulen produzieren. Letztere konkurrenzieren sich auf dem engen Schweizer Bildungsmarkt derzeit gegenseitig und produzieren Redundanzen im Angebot statt zu kollaborieren. Was heute an etlichen Hochschulen v.a. im Weiterbildungsbereich im Sinne von „Cashcows“ geführt und bilanziert wird, fällt in naher Zukunft weg, weil die Kunden das nicht mehr bezahlen werden. Neue Finanzierungsmodelle werden also massiven Einfluss auf die Eigenkostenstrukturen der Hochschulen haben. Wodurch werden die sich dann finanzieren? Welche Szenarien entwickelt sie bereits heute dafür?
4. In wenigen Jahren werden die Mehrzahl der Jobs, auf die (Fach-)Hochschulen in der Grundbildung vorbereiten, nicht mehr existieren bzw. sich im Kontext der Industrie 4.0 völlig verändert haben. Wie bereiten sich Hochschulen vor, um auf diese Entwicklung proaktiv reagieren zu können? Wie entwickeln sie radikal andere Bildungsformate in ganz neuen Formen der Kooperation, der Kollaboration (mit anderen Bildungsträgern und Vertretern aus der Ökonomie)?
5. Der internationale Bildungsmarkt digitalisiert sich in hohem Tempo. Bildungsanbieter, die heute und in Zukunft als Plattform-Unternehmen aufgestellt sind, sind „digitale Unternehmen mit analogen Anteilen für die Phasen des Übergangs“. Hochschulen sind dagegen in ihrer kulturellen DNA durch und durch analog. Heute und in wenigen Jahren wird die Konkurrenz auf dem Bildungsmarkt hoch präsent sein mit Angeboten, die passgenau auf die Entwicklungen reagiert haben, und die Aus- und Weiterbildung so formatieren, wie sie der Markt und die Klienten brauchen, nachfragen und bezahlen. Die Konkurrenz ist organisatorisch entsprechend aufgestellt, hat die notwendigen Verbindungen und Beziehungen zu den ökonomischen Playern und die nötigen Verträge.
Agilität: Kein Trend sondern eine Überlebenstechnik
Reflexionen auf Organisation und Administration gehen im Kontext der Digitalen Transformation davon aus, dass es ein Maximum an Agilität der Strukturen und Abläufe braucht, um als Anbieter (von was auch immer) auf irgendeinem Markt bewegungsfähig und erfolgreich unterwegs zu sein. Dirk Baecker bemerkt dazu lapidar:
„Die agile Hochschule wird in dem Maße unvermeidlich, wie die digitale Transformation der Gesellschaft weiter voranschreitet“ – und er wird sehr konkret:
Die Hochschule wird Plattform, das heißt zugleich technische Infrastruktur und soziale Organisation. … Auf dieser Plattform bewähren, messen und bewerben sich Projekte, die solange den Namen der Agilität verdienen, wie die digitalen Apparate uns noch den Raum zu menschlicher Initiative lassen (…). Andernfalls sprinten wir, ohne es zu wissen, naht- und fugenlos vernetzt in die Apparate, die uns keine Aufträge mehr erteilen, die sie selbst schneller und besser erfüllen, sondern nur noch unsere Resonanz testen, wofür auch immer.
Sehr empfohlen seien an diese Stelle auch die Reflexionen von Laloux & Frei, sowie die Ansätze des Liberating Structures,Working out Loud und lernOS. Auch für Hochschulen geht es also jetzt um den Übergang in die agile Organisation. Organisationsentwicklung versteht sich unter diesem Aspekt als ein geführter Prozess in eine Kultur der Agilität. OE ist nicht mehr wie bisher eine Art Operation, die Fachleute an einer Organisation vornehmen. Sie ist professionell reflektierte Selbstorganisation. Gesteuert unter Zuhilfenahme qualifizierter, externer, systemischer ExpertInnen, die die internen Gestaltungskräfte nicht bewerten oder gar ersetzen, sondern sie zur Selbstwirksamkeit bringen.
Dabei muss jederzeit klar sein: Es geht um Agilität vor allem mit dem Ziel, in Zukunft ein erfolgreicher Player in den digital transformierten Bildungsmärkten zu sein. Darum geht es jetzt. Denn in erster Linie verlangt der Markt Agilität. Dass Bildung und Märkte einiges gemeinsam haben, und sich die beiden Phänomene nicht aus- sondern einschließen, das hat Lutz Becker hier wunderbar reflektiert.
„Agil“ ist keine lineare Kategorie. Es bedeutet unangepasst zu sein
Agil bedeutet nicht „schnell von A nach B“, oder wer als erster fertig mit irgendwas ist, oder „am Ziel“. Es bedeutet auch nicht „wendig“. Es bedeutet „anpassungsfähig“. Und hier gilt: anpassen kann sich nur, wer konsequent unangepasst ist (Reinhard Sprenger in seinem Klassiker Aufstand des Individuums). Je mehr sich eine Organisation an eine einzige (tatsächliche oder nur angenommene) Situation anpasst, umso weniger anpassungsfähig ist sie an neue Situationen, die gegenwärtig oder in Zukunft Standard sind.
Seinen Ursprung hat der aktuelle Begriff der Agilität in der Software-Entwicklung. Von hier aus hat er die Welt des Projektmanagements und der Organisationsentwicklung erobert.
Agilität bedeutet nicht Tempo sondern Variabilität
Wie bei einem guten Fussballspiel auch. Schnelligkeit ist nicht automatisch ein Merkmal für Spielqualität und Gewinnermentalität – oder auch nur für Kompetenz. Wer die nicht hat, muss sie unter Umständen durch Tempo kompensieren. Tempo ist keine Strategie. Es ersetzt sie. Wer wenig kann, muss viel laufen. Tempo ist höchstens eine Taktik, um fehlende Strategie zu verbergen. Auch kluges Jagen zeichnet sich ja nicht dadurch aus, dass ein jagendes Tier seiner Beute so lange hinterher rennt, bis einer von beiden nicht mehr kann. So ein Verhalten beruht auf fehlender Variabilität, auf genetischer Fixierung. Da sollten wir ja eigentlich mehr draufhaben.
„Agil“ bedeutet dem gegenüber: In einer Situation möglichst viele Variabilitäten des Planens, Entscheidens und Handelns zu entdecken und praktikabel zu machen, und dafür alle sichtbaren Möglichkeiten und Ressourcen zu nutzen bzw. die noch nicht sichtbaren sichtbar zu machen.Agilität bedeutet, durch geschickte Kombination von Wissen, Information, Daten, Heterogenität und Durchmischung der Mitwirkenden und Beteiligten zu souveränen, situationsgerechten Lösungen zu kommen. Agilität ist die Kompetenz dahinter. Sie ist kein Zustand. Sie ist eine Kompetenz.
Agilität ist die Fähigkeit, ein Netzwerk bauen und nutzen zu können
Zur Lösung von Problemen. Agilität ist das Nutzen eines Netzwerkes durch Vernetzung. In einem Netzwerk folgt der Einsatz desselben nicht nach einer Phase des „Aufbaus“. Der Aufbau ist die Netzwerkarbeit. Und: „Das“ Netzwerk ist – im Zeitalter der Digitalen Transformation – kein Netzwerk unter anderen mehr, sondern ein mehr oder weniger gut vernetzter Teil eines einzigen Netzwerks. Das ist der Unterschied zur Seilschaft. Je mehr Netzwerkarbeit digital organisiert ist, umso freier ist der Zugang, umso transparenter sind die Strukturen, umso offener sind die Zugänge. Das ist ja mit „Netz“ gemeint. Wie sich Bildung im 21. Jahrhundert nach dem Netzwerkprinizip organisieren wird, habe ich hier ausformuliert.
Agil bedeutet, dass der Anteil Energie, den eine Organisation aufbringt, um sich selbst zu ernähren, radikal abnehmen wird – um als Organisation beweglicher und anpassungsfähiger zu werden, um die den klassischen Organisationen eigene Schwerfälligkeit abzubauen und eben in Agilität zu überführen.
Ich habe eine Checkliste entwickelt, mit deren Hilfe Sie recht gut abschätzen können, wie agil und damit zukunftsfähig ein Lernangebot ist. Unter „Lernen“ können hier all jene Prozesse verstanden werden, die mit Entwicklung und Veränderung, mit Reflexion und Innovation zu tun haben. Die Checkliste ist bewusst nicht im entweder/oder-Modus formuliert sondern als Skala.
Ja, die PISA-Ergebnisse sind wieder schlecht. Für mich besteht das Problem darin, auch 20 Jahre nach der ersten PISA-Studie immer noch zu glauben, das hinge mit zu wenig oder mit nicht ausreichend guter Schule zusammen – kombiniert mit bildungsfeindlichen und bildungsfernen, lebensweltlichen Faktoren. Sie wissen schon: Diese doofen Eltern 🚁
Und mit jeder weiteren PISA-Katastrophe wachsen der Glaube und die Überzeugung, dass es mehr und bessere Schule braucht, um das Problem zu lösen. Was auf keinen Fall denkbar werden oder sein darf, ist: dass wir dieses Problem von Jahr zu Jahr haben, weil wir an Schule festhalten – nicht an einer bestimmten Form von Schule, sondern an Schule.
PISA zeigt: Je länger du in einer Schule bist, umso schlechter wirst du – ausser du hast ein maximal unterstützendes Umfeld – und wenn du es nicht hast, kann dir Schule auch nicht helfen.
Wie sagte Einstein so schön: „Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.“ Was also, wenn die Lösung nicht eine andere Schule ist, sondern etwas anderes als Schule?
Ich bin davon überzeugt, dass wir in den Bereichen Bildung und Lernen im Moment keine Zeit mehr zu verlieren haben, weil wir junge Menschen durch ihre Beschulung ins „offene Messer“ laufen lassen. Deshalb mein Plädoyer für entschultes Lernen. Aber der Reihe nach:
Das hartnäckige Gerücht von der „wirksamen Methode“
„Methoden“ sind genuin pädagogisch-didaktische Phänomene, die mit dem Lernen des Menschen nur, erst und nur solange zu tun haben, als sein und ihr Lernen innerhalb institutionell organisierter Strukturen und Prozesse abzulaufen hat. In der Schule richten wir unser Lernen an Methoden aus, weil von uns verlangt wird, erfolgreichen Methodeneinsatz zu demonstrieren. Möglichst „intrinsisch motiviert“ fremdgesetzten Zielen folgen. Damit nimmt das Korrumpieren des (lebenslangen) Lernens seinen Anfang.
Vor allem wenn wir jung sind, orientieren wir uns in Kontexten schulischen Lernens jederzeit daran, wie wir diesen Prozessen und Strukturen für uns selbst einen Sinn abgewinnen können – nicht, weil wir uns dadurch die Welt erschließen. Es geht darum, wie wir Aufmerksamkeit, Respekt und „Belohnung“ von Seiten dieses Systems erhalten (Lehrpersonen, Klassengemeinschaften, Noten, Erziehungsberechtigte). Deshalb sind wir darauf angewiesen zu verstehen, nach welchen Prinzipien und Kriterien dieses Lehrsystem funktioniert: weil wir an die Meriten kommen müssen.
Was Schule bei jedem und jeder einzelnen Lernenden erreicht, ist dies: Wir versuchen zu verstehen, was Lehrende und ihr Unterricht von uns erwarten. Den meisten von uns gelingt dies, indem wir unser Lernen auf perverse Weise spalten. Wir demonstrieren auf der einen Seite so genannte „Lernerfolge“, die wir mittels pädagogisch-didaktischen Settings nach institutionellen Kriterien („Lernziele“) zu erreichen versuchen, weil wir sie ja vorzuweisen haben. Auf der anderen Seite lernen wir, während wir diese Scharaden mitspielen, eine ganze Menge anderes. Zum Beispiel wie wir erfolgreich solche und andere Scharaden spielen. Wir lernen in der Schule das Schulspiel zu spielen: „What a person learns in a classroom is how to be a person in a classroom.“
Auch der „richtige Mix von Methode und Instrument“ ändert an dieser Scharade gar nichts. Je ausgefuchster, je methodisch vielfältiger das pädagogisch-didaktische System uns von unserem eigenen Lernen abhält, umso stärker lenkt es unsere Aufmerksamkeit und unsere Lernenergie auf das erfolgreiche Einsetzen dieser Methoden – und auf das Demonstrieren der damit verbundenen Lernziele.
Was den Nerv tatsächlich tötet – und was ihn trifft
Wir wissen alle aus eigener Erfahrung, dass dort, wo wir uns und unserem eigenen Lernen überlassen sind, ein Zustand niemals eintreten wird: Monotones Einerlei und Nervtötendes. Das liegt daran, dass sich unser Lernen jederzeit dem zuwendet, was maximal interessant ist, was uns weiterführt, was uns dabei hilft, die Welt immer tiefer zu verstehen, uns dabei das zu holen, was wir in dem Moment brauchen, um unser Lernen mit spielerischem und hartnäckigem Ernst immer weiter in seine Materie hinein zu treiben. Das kann manchmal für diejenigen nervtötend sein, die wir als ExpertInnen für unser Lernen in Anspruch nehmen, indem wir sie z.B. mit Fragen löchern. Niemals aber für die Lernenden selbst.
Demgegenüber erweist sich jedes noch so ausgefeilte pädagogisch-didaktische Setting als nachgerade armselig, weil es gar nicht in der Lage ist, das explosive, innovative, individuelle Lernpotenzial eines lernenden Menschen in einer Art zu begleiten und zu unterstützen, die diesem Lernen auch nur im Ansatz gerecht werden könnte. Institutionell strukturierte Lernprozesse können das gar nicht leisten, denn erstes Ziel institutionell organisierten, schulischen Lernens ist es, nach vorgegebenen Mustern (Lehrpläne, Lernziele und Methoden und vor allem Prüfungen) zu funktionieren. Dem ist alles Andere untergeordnet. Also auch das Lernen.
Individuelle Begleitung und Förderung bezieht sich innerhalb dieser schulischen Prozesse nie auf das Lernen eines lernenden Menschen, sondern darauf, einen lernenden Menschen mit sehr begrenzten Lehrer-Ressourcen dabei zu unterstützen, dass er und sie „mitkommt“, sprich: das pädagogisch-didaktische Setting besser versteht und sich entsprechend anpassen kann. Konkret: bestimmte Themenblöcke nach bestimmten, vorgegebenen Methoden in einer bestimmten Zeit „abzuarbeiten“, um dafür eine Bewertung zu bekommen und im günstigen Fall „zu bestehen“.
Das ist nervtötend – und vor allem lerntötend.
Schule bedeutet: Das Leben als etwas Fremdgesteuertes zu begreifen lernen
Lernende Menschen lernen im Setting „Schule“ nicht, sich auf sich selbst und auf ihre eigenen Potenziale, Motive und Interessen zu verlassen, sie entwickeln sich nicht zu dem, was die „Natur des Lernens“ eigentlich mit uns vorgesehen hat: während den endlosen Phasen selbstgesteuerten Entdeckens, Vertiefens, Verknüpfens und Vernetzens auf zutiefst lustvolle Art Verantwortung zu übernehmen für das Gestalten dieser Prozesse, für die eigene Entwicklung und für das soziale Umfeld. Das alles wird in schulischen Lehr-Lern-Systemen völlig fremdgesteuert. Es ist vorgegeben. Inhaltlich, zeitlich, methodisch, strukturell – und was die Ziele betrifft.
Was Menschen in dieser traditionellen, schulischen Lern-„kultur“ seit vielen Generation gelernt haben, ist dies: Verantwortlich sind sie „in diesem Setting lediglich für die korrekte Ausführung eines vorgegebenen Organisationsmusters, das sich von Fachlehrerin zu Fachlehrer stark unterscheiden kann. Nahezu 100 Prozent der Ressourcen der Lernenden gehen dafür drauf, die Präferenzen der einzelnen Lehrpersonen herauszufinden und nachvollziehen zu können um dann einigermaßen geglückt zwischen den einzelnen Anforderungssettings hin und her zu zappen. Lernende lernen lavieren.“ (Zitat aus Bildung auf Augenhöhe).
Damit wir als Individuen ebenso wie als soziale Gemeinschaften auf das Angebot und auf die Herausforderungen der Digitalen Transformationen in menschengerechten Formen eingehen können, damit wir überhaupt eine Chance haben, diese gewaltigen Veränderungen als Einzelne wie als Kollektive entsprechend gestalten zu können, damit wir darauf überhaupt Einfluss nehmen können, müssen wir das Lernen radikal entschulen. Daran führt kein Weg vorbei.
Es gibt zwei sehr kräftige Gerüchte über Lernen, die sich im Bildungssystem besonders hartnäckig halten. Das hängt vor allem damit zusammen, dass das Bildungssystem diese Gerüchte braucht, sich quasi an ihnen festhält, denn auf diesen Gerüchten, die eigentlich Lügen sind, basiert das ganze System. Erstens: Lernen kann nicht immer nur nach dem Lustprinzip funktionieren und zweitens: Lernen muss auch mal wehtun. Beides ist nicht nur falsch, sondern nachgerade menschenverachtend. Aber der Reihe nach:
Dass Lernen auch mal wehtun muss heißt mit anderen Worten: Lernen muss auch Schmerzen bereiten. Nochmal anders: Wenn oder solange du keinen Schmerz empfindest, bist du nicht am Lernen. Da lauern dann noch so Sprüche wie: „Die Erfahrung ist ein harter Lehrer“.
Das „muss“ in dieser perversen Formel von „Lernen muss auch mal wehtun“ führt eine „bedingende Notwendigkeit“ in die Lügengeschichte ein, eine normative Prämisse, denn erst durch dieses Bedingungshafte kann all das, was schmerzfrei geschieht, kein vollwertiges Lernen sein, denn Lernen muss ja auch mal wehtun. Dabei ist es völlig wurscht, ob das „auch mal“ in die Formel mit aufgenommen wird oder nicht. Es ist völlig irrelevant, ob mann oder frau diese Lüge mit der blumigen Erweiterung schmückt, dass es ja beim Lernen nicht nur um Schmerz gehe, und dass es ja womöglich schon die meiste Zeit „schmerzfrei“ sei, das Lernen. Denn der eigentliche Punkt, um den sich die Lüge dreht, ist: Es muss, und daran hält die Zunft unbeirrbar fest, auch mal wehtun. Und dafür sorgen sie dann.
Hier wirkt ein so genannter Sein-Sollen-Fehlschluss (der Link führt übrigens zu einer Weiterbildungseite für Gymnasiallehrende). Diesen Fehlschluss kenne ich sonst vor allem aus der Ethik – und der geht so: Anton sagt, er habe im Verlauf seines langen Lebens immer wieder schwangere und sogar gebärende Frauen gesehen. Daraus habe er die Schlussfolgerung gezogen, dass Frauen hier und da schwanger sind und gebären. Mit zunehmendem Alter kommt Anton deshalb zu dem Schluss, dass Frauen schwanger zu werden und Kinder zu bekommen haben. Er leitet aus einem IST ein SOLL ab – er führt also eine verdeckte, normative Prämisse ein.
Im Kontext dieses Blog-Posts hier haben wir es mit mehr als einer Hand voll Menschen zu tun, die entweder selber die Erfahrung gemacht oder bei anderen beobachtet haben, dass Lernen weh tun kann. Sie denken sich also: Lernen kann weh tun, und jetzt führen sie die Prämisse ein, dass, wer keine Kinder bekommt, keine richtige Frau ist.
Die Frage, was auch immer Lernen sonst noch bedeutet, das können die Anwältinnen und Anwälte des Schmerzprinzips nicht weiter ausführen. Mann darf vermuten, dass sie diese Frage mit dem anderen, von ihnen bis aufs Blut verteidigte Prinzip in einem Zusammenhang sehen, dass nämlich Lernen nicht immer und überall nach dem Lustprinzip funktionieren könne. Womit sie auch sagen: Es kann nun wirklich nicht jede und jeder das machen, worauf er oder sie Lust hat. Noch ne Prämisse.
Beide pädagogischen Bekenntnissätze (!) kommen dort, wo Diskussionen über zeitgemäße Lernformen (Selbstorganisation, Selbstverantwortung, Selbststeuerung) entstehen, nach sehr kurzer Zeit reflexartig ins Spiel. Meine Vermutung ist die, dass Lehrerinnen und Lehrer vor nichts mehr Angst haben und von nichts mehr überfordert sind als von der Vorstellung, dass lernende Menschen ihr Lernen restlos in die eigene Hand nehmen, es gemeinsam und selber organisieren und verantworten. Da stellt es einem Lehrer und einer Lehrerin die Haare zu Berge – und dann fällt ihnen nichts anderes mehr ein als: Lernen muss auch mal weh tun und kann nicht immer nur Spaß machen. Wo kämen wir da hin?
Kurt Marti
Es wird ziemlich klar, was wirklich gemeint ist: Echtes, „richtiges“ Lernen geht nur, wenn Lehrerinnen und Lehrer das Ganze kontrollieren, führen, steuern und bewerten. Und dann kann Lernen ja nicht immer einfach lustvoll sein. Nein, es muss dann auch mal weh tun. Der Schmerz muss zugefügt werden. Durch pädagogisch-didaktische Führung. Bis heute. Andernfalls tun Schülerinnen und Schüler offenbar ausschließlich das, was Schmerz vermeidet. Auch das ist ausgemachter Bullshit, dem jede Erfahrungswirklichkeit widerspricht.
Lernen ist aufs Allerhöchste mit Lust verbunden. Das bedeutet nicht, dass der Schmerz da nicht vorkommen kann, oder dass wir Menschen aus Schmerzen nicht oder nichts lernen würden. Aber es bedeutet genau so wenig, dass Menschen anderen Menschen Schmerz zufügen sollten, mit der Begründung, nur so würden sie wirklich lernen.
Und doch ist dieses Menschenbild gang und gäbe. Es ist bis heute tief verwurzelt in unseren Vorstellungen von Lernen – gerade bei Menschen, die lehren und erziehen.
Was Menschen, die durch diese Schule gegangen sind, gelernt haben, ist dies: Vermeide Lernen, und du vermeidest Schmerz.
Ein beliebtes Motiv von Katastrophenfilmen in den 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts waren Verkehrsflugzeuge, die abzustürzen drohen – etwa weil die Piloten kurzerhand an einer Lebensmittelvergiftung sterben. Was jetzt?
Solche Geschichten spielen einerseits mit dem uralten Mythos des Helden. Irgendjemand an Bord übernimmt nämlich dann das Cockpit und bringt den Flieger zum Landen. Andererseits spielen solche Stories auch mit unserer Angst vor Abhängigkeit – gekoppelt mit Hilf- und Ausweglosigkeit: Wenn du im Flugzeug Platz genommen hast und die Türen geschlossen sind, dann bestimmt bis zu dem Zeitpunkt, wenn sie wieder aufgehen, der Captain über dein Schicksal. Du hast sämtliche Verantwortung abgegeben: Zurück in die Unmündigkeit. Wenn es jetzt heißt: Beide Piloten sind tot, und du oder einer von euch muss die Maschine landen, kommt Panik auf: Das können wir nicht. Jemand muss uns sicher führen!
Digitalisierung heißt: Das alte System wird abstürzen. Also erfinde dich jetzt neu!
Genau an diesem Punkt steht derzeit die Mehrheit von uns im Kontext der Digitalisierung. So erklären sich für mich auch die zahlreichen Angstreaktionen: Das können wir nicht, das funktioniert bei uns nicht. Wir sind dafür nicht gemacht oder ausgebildet. Das stimmt zu 100 Prozent, weil es bisher so war. Nun ist es anders. Wir sind jetzt aufgefordert, uns zu autonomen Selbstlernern (Selbstfliegern) zu entwickeln. Bereits nach den neuen Regeln, obwohl wir oft noch im alten Flugzeug fliegen. Denn der Ernstfall wird eintreten – und zwar für uns alle: Der so genannte „Absturz“ des alten Systems. Gemeint ist damit der vollständige Kulturwandel, der durch die Digitalisierung ausgelöst wurde und vorangetrieben wird.
Wenn ich dieses Bild übersetze, dann bedeutet „Digitalisierung“ für mich ganz persönlich: Ich falle aus der Rolle des Transportierten heraus und finde mich in der Funktion dessen wieder, der sich selbstbestimmt und selbstverantwortlich bewegen lernt. Ich muss selber dafür sorgen, dass ich „vom Fleck komme“. Für diese radikale Veränderung gibt es noch eine andere Metapher. Eine vielleicht sogar positive:
In einer digitalen Kultur gibt es keine „Touristen“ mehr. Keine Menschen, die dafür (u.a. mit ihren Daten) bezahlen, dass ihnen eine faszinierende, fremde Welt vorgeführt wird: In Schule und Hochschule, in Aus- und Weiterbildung, „im Netz“. Diese innere Haltung, mit der sehr viele derzeit noch unterwegs sind: sich führen lassen und konsumieren, die muss sich konsequent weiterentwickeln zur Haltung des Scouts, des Pathfinders, der Kartographin.
Die „Safari“ als postkolonialistisches Vergnügen, geschützt und geführt durch die herrliche Wildnis zu fahren, weicht also der „Expedition“, auf der jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer für das Ganze und sein Gelingen verantwortlich ist.
Offenbar stellt uns die Digitalisierung vor eine große Herausforderung. Wir müssen radikal umdenken und radikal umlernen – und dann auch institutionelles Lernen völlig neu konzipieren.
Die Digitale Transformation fordert von mir eine Besinnung auf radikale Formen der Selbstorganisation. Anders ist Lernen und Arbeiten, anders ist Leben im Digital Age qualitativ nicht mehr zu haben. Nicht als eine Methode unter anderen, sondern als Handlungsprinzip für Mensch und Organisation.
Zu dieser Herausforderung gibt es hier einen nächsten BlogPost:
Die beliebteste Erklärung dafür, dass Organisationen und die Menschen in ihr entwicklungsfaul sind, lautet: Sie haben Angst vor Veränderung. Nun ist Angst aber dafür da, um mit ihr umzugehen: um etwas aus und mit ihr zu lernen, um die Kräfte, die mit ihr verbunden sind, nutzbar zu machen. Angst ist vor allem ein Antrieb. Das haben wir gründlich vergessen. Wir haben Angst vor der Angst. Wir lassen uns vor allem von ihr lähmen. Und das, obwohl die Ursachen für lähmende Angst heute so gut wie ausgestorben sind in unseren Breiten.
Wir sind in unseren hochgezüchteten, westlichen Versorgergesellschaften in keinem Moment mehr Gefahren ausgesetzt, die einen Totstell-Reflex von uns verlangen würden. Dennoch praktizieren wir vor allem diesen Reflex: Nicht bewegen, bis alles vorbei ist.
Die Angst vor der Veränderung
Wer keinen Grund sieht, sich und die Umstände, in denen er lebt zu verändern, verändert sich nicht – und auch nicht die Umstände. Soweit alles klar. Damit ist aber noch nicht gesagt, dass er oder sie gleichzeitig verhindern sollte, dass um ihn oder sie herum Entwicklung stattfindet. Warum also sorgen jene Menschen, die sich selbst nicht verändern wollen, dennoch systematisch dafür, dass in ihrem Umfeld Veränderung unterbleibt? Der Grund dafür hat wieder mit Angst zu tun: Wenn ich zulasse oder zumindest nicht verhindere, dass um mich herum Entwicklung möglich wird, dann muss ich mich auch (irgendwann) verändern – und das will ich nicht. Soweit der Status Quo – vor allem dort, wo Führung im Spiel ist. Leadership:
Faul ist nicht gleich untätig: Simulation strengt ziemlich an
Ein weiterer Grund für Entwicklungsfaulheit ist: Ständig entwickelt sich alles überall irgendwie. Da mache ich doch nicht mit. Je mehr sich die Welt und alles in ihr verändert, umso mehr will ich Kontinuität. Mann muss doch nicht jeden Scheiß mitmachen! Deshalb haben wir eine souveräne Strategie entwickelt: Wir simulieren Veränderungsbereitschaft, damit wir „dahinter“ alles beim Alten lassen können. Eine der beliebtesten Simulationen ist übrigens das „Arbeiten bis zum Umfallen“. Das ist eine besonders geschickte Form der Faulheit, denn sie versteckt sich hinter Aktionismus.
Ich habe da so eine Vermutung: Dass all die mehr oder weniger schlüssigen Erklärungen dafür, warum Menschen sich nicht verändern wollen, selber ein Teil dieser Entwicklungsfaulheit sind. Es sind Ausreden auf hohem Niveau. Etwas genauer gehe ich auf unsere Ausredenkultur in diesem Blogpost ein. Wir haben uns mit Erklärungen darüber eingedeckt, warum es völlig normal ist – und deswegen eben auch total ok, dass wir veränderungsscheu sind. Die Begründungen, die wir uns dafür liefern, bilden den Freibrief dafür, um entwicklungsfaul bleiben zu dürfen. Das ist hoch effizient.
Die rationalisierte Angst vor dem Lernen
Hinter all diesem Theater haben wir tatsächlich vor allem Angst – vermutlich vor dem Lernen. Angst davor, diese gewaltige Macht und auch Lust des Lernens in mir selbst – spielend – wieder zu entdecken, die mir durch einen kulturell definierten Bildungs- und Erziehungsprozess systematisch und gründlich ausgetrieben worden ist.
Wir haben Angst vor dem Lernen. Einerseits Angst davor, als Erwachsene wieder in diese Strukturen zurückversetzt zu werden, in denen wir als Kinder und Jugendliche „zu lernen“ hatten. Andererseits fürchten wir, an die Energie dahinter erinnert zu werden, die uns einstmals mit dem Leben bekannt machen wollte: Die Lernkraft.
Wir haben Angst vor dem Lernen. Dadurch schneiden wir uns von der einzigen Kraft ab, mit deren Hilfe allein wir einer Chance hätten, diese gewaltigen Herausforderungen anzugehen, vor denen wir heute stehen – und die uns nur deshalb so Angst machen, weil wir verlernt haben zu lernen.
Aus dieser Situation gibt es – wie immer und aus jeder – nur einen Ausweg: Den, den wir nehmen.
Absolut sehenswert: Ein Digital Native räumt im Interview mit Vorurteilen über seine Generation auf. Stattdessen zeichnet er ein sehr klares Bild davon, welche Schule und welche Lehrer es braucht, damit junge Menschen sich überhaupt auf Arbeit und Leben im 21. Jahrhundert vorbereiten können.
We do not only need new visions, but people who are capable of developing them. That’s why we reinvent education and learning. Not by sort of „new school“, but by something radically different. I call it the „Learning Network“. An idea, that is already realized in many places. Now it’s time to link them. As an alternative to an education system that at least was unable to prevent the planetary catastrophe.
by Christoph Schmitt
Graffiti in Lisbon. Photo by Christoph Schmitt
A vision of education requires a vision of society. An idea of how we as a community of people want to live together (or against each other or side by side) – and how we shape it. This is also about organizing – but not only. At the end it’s all about learning.
Our societies have started to change radically. This is indicated by all observations, analyzes, researches and personal experience. These changes are economic, cultural and social. At the same time, we’re running out of natural resources – through your and my actions.
Facing these global urgencies, famous thinkers have called for new ways of thinking and acting. For example Albert Einstein: „You can not solve a problem with the same parameters by which it was caused.“ So the way we organize education and learning to this day is part of the problem – not its solution.
A vision of education requires first a vision of society
How do we come to a sustainable vision of our future that – at the same time – makes those, who share the vision, sustainable? This duplication of sustainability is a key feature of the vision sought: it will not be designed by the few for the many and then „somehow transferred“, that is, re-taught. It will be a vision that consists of many visions, of people who organize themselves in networks around the world for the purpose of saving our natural resources, to conquer the historical, political and economic restrictions and blockages, that prohibit the invention of much needed solutions until this moment.
It will be a vision developed jointly by all those who just live and share it in their place. Most importantly, the atmosphere in which this vision is developed, will already breathe its spirit as it arises. The design of such approaching has been superbly articulated by David Bohm, within his highly up-to-date essay on dialogue, by Carolin Emckes writings on basic civilization, by Rutger Bregmans „Utopien für Realisten“ or by Carlos Strengers „Zivilisierte Verachtung“. These and many other writings are primarily about cultural issues: How do we want and need to talk to each other, how will we treat each other?
Only learning helps
This is where our human core competence is joining the game: learning. The ability – as an individual as well as a collective – not to react to radical demands with „more stupid things“, but to respond with creative solutions: learning.
The fact that we are only just starting to use our creative potential is mainly due to the fact that there are still too many people (actually men) who are convinced that creativity leads to „children dancing about their names“ at Rudolf-Steiner-Schools.
On the contrary, creativity is one of the most important bundles of competence at all: individually as well as collectively – in order to counteract the complex challenges of the present days. We will only be able to handle complexity through creativity, not any more by reducing it.
We will only reach the next cultural stage of humanity if we work together to find solutions for our ecological and anthropological resources – in no other way than through a radical reorganization of our learning – as individuals with our enormous learning potential as well as collectives with our enormous cultural resources.
How to start rethinking
First, we take societies, cultures and „their“ people as are learning systems. Therefore, we give back the responsibility and organization of all learning to these learning systems.
Second, we finally say goodbye to teaching. That’s a pretty big deal.
What are we going to do instead? The visionary architect and designer Richard Buckminster Fuller has worded a principle of successful future work, which has gained worldwide recognition: „You never change things by fighting the existing reality. To change something, build a new model that makes the existing model obsolete.“ (Google it). That means: Neither criticism of existing education systems nor the innumerable attempts to reform schools and their didactics lead to changes that meet the challenges we face. What we need is „the new model“ that fortunately already exists in many places.
There are world-wide fascinating alternatives not only to traditional ideas of education and learning. At present, concepts are also being developed for how our resources can be rescued with the help of appropriate research, the networking of highly committed people and the continuous creation of new solutions for ecological, social and economic challenges.
The movie „Tomorrow“ gives a fascinating insight into these initiatives, which are almost without exception „grassroot-movements“ – and these movements can also benefit from a radically reconsidering and developing of the learning of people. I have featured some of these initiatives over the last two years in my blog posts on linkedIn (google it).
One of the most important features of Learning Networks is that they are always need-based and need-focused: Learning seeks its networks because people of all ages find themselves constantly in situations in which they have a current „need for solutions“ that makes them using a network. The wonderful thing about this is that all people involved with such needs & tasks continue to develop towards mutually responsible solutions. By need or demand I mean on the one hand a precise cause in the life and work of people, and on the other hand the drive to do everything to solve the case – and to develop appropriate competencies and strategies – by using the Learning Network.
And what’s new about the „new learning“?
Graffiti in Lisbon. Photo by Christoph Schmitt
In the future, learning will be what it has always been: self-organized and self-directed – and not just by those whom we now refer to as pupils and students, but also by those who support them. Learning affects all parties involved. The more we let learning power take effect in the future, the less teaching power will be needed. People who accompany each other on these tracks are no longer state-trained, certified and employed teachers, but everyone & everything else.
Learning, be it children or adolescents, students or people who are continuing their education, will no longer take place in schools but decentralised. People will not go to any school for the purpose of any kind of learning, but will learn where they live, where they work. They will deal with issues and problems that directly affect them. The novelty of new learning goes even further. Organization and support of this learning is no longer delivered by schooling. The pedagogical-didactic construct of institutionalized learning no longer occurs in the future of learning. Schooling as a paradigm has had its day. Instead, we will be learning in networks throughout our lives, just as we are already on our way in networks in many cultural areas: communicating, producing, trading and forming all sizes of interest groups to solve specific problems.
The modeling and implementation of learning networks is an answer to the needs of future people as well as future living and working environments, which otherwise can not be controlled and organized any more than by self-organized learning and working networks. In this respect, the ideas painted here for learning in networks are above all a response to the needs of future generations and their worlds of life.
„Learing Network“ means: Everyone learns and everything learns
Learning cannot be devided into learners here and people being responsible for learning over there. Although schools exactly work this way: While students „learn“ and teachers teach, it’s teachers responsibility how and what students learn. That’s bizarre but still commonplace. The truth ist: „To learn“ is something that is the responsibility of everyone involved into learning – not into teaching.
Our education system is conditioning people in a different direction: My / your / our learning and its organization has always to be organized by any kind of teacher. Therefore, e.g. „Digital Transformation“ in educational contexts ist without exception (!) understood in a way – be it affirmative or negative, favorable or fearful – that teachers and their functions could be „replaced“ by digital media and artificial intelligence („learning analytics“).
In contrast, the idea and culture of Learning Networks is convinced that the responsibility for learning of any kind is currently not delegated. Neither to a teaching profession, nor to intelligent machines. Both are no longer needed in a Learning Network. The idea of the Learning Network leaves the responsibility in the hands of learners, because in my notion of Larning Network there are only learners.
As long as we define education and learning as events, whose organization we equate and confuse with institutionalized organization, we are unable to grasp or make the crucial difference. Today, when we use terms such as „self-organization“ and „self-organized learning“ in the context of education and schooling, we are primarily targeting pupils, students, and people involved in further education. We focus on learners as a target group of teaching action. We do not include schools or related systems such as teaching professions, school administrations or services from the housekeeping up to the business managementas as learners. Nor do we incorporate the „home systems“ of pupils and students into our idea of self-organized learning: families, circles of friends, the fields of profession.
Teaching systems consider „self-organized learning“ as a method provided by the school system, as a possible way alongside other pedagogically-didactically organized approaches. Why? Because learning, which comes into view in the context of school, is always related to and dependent on teaching activities. It’s always the learning of those who are educated and taught by a school system. Hence we are always talking about learning that is constructed and organized using the parameters of pedagogical-didactic paradigms.
To this day, in our view of learning, we always refer to seemingly limited target groups of „learners“ and hide the systems within they are learning. As if learning from people could take place independently of the systems in which it is embedded – and without consequences for those systems. This idea of learning is wrong and it still forms the basis of all schooling activities.
Graffiti in Lisbon. Photo by Christoph Schmitt
But it is always systems that learn. Learning is not an isolated activity of individuals. Learning always leads to changes in systems that are always coupled with other systems. Therefore, the results and impacts of learning can not be controlled at all – unless the teaching systems shut off learning. And even then, „scholastic learning“ affects family systems – and vice versa. As soon as children become compulsory, families as systems start to change fundamentally – especially with regard to the way they organize themselves. The same applies to schools: If they are located in so-called „social hotspots“ or if they take in a particularly large number of learners from refugee families, they organize themselves differently than schools that are mostly visited by learners who share a so-called wealthy and „domestic“ background.
A systemically widening concept of learning shows how all participants in learning operations are affected by learning. Those who speak of „self-organized learning“ must realize that they are talking about „learning in systems“ as well as about „learning systems“; and he or she is actually saying that this and all learning is self-organized – and not in an isolated sense, as if every single pupil „would somehow learn to himself.“
How Learning Networks organize
Learning Networks as successors to traditional education systems are conceivably simple ways of organization. They make use of the phenomenon of self-organization at a high level, as has been demonstrated for many years in a great deal of research on this topic. Evidence can be found again in the writings of Felix Frei (Switzerland), Frederic Laloux (Belgium) and Noah Juval Harari (google it).
The ideal organization of learning is a Network, a Learning Network. Learning explicitly understood as a specific form of linking the known and the unknown through a learning individual. Such a individual can be a human being, a group of people or an organization, which also consists of people and their communications.
Learning is about deliberately controlled and reflected creating, discovering, rejecting, using and linking of resources of any origin and nature in order to solve identified problems – and to identify them as such. What happens in any case is firstly networking and secondly education („formation“). When I look at learning and education as a „networking thing“, the ideal place of learning is not a „school“ but a „node“ in a network. The ideal place for/of learning is a network node.
This place gets its quality for learning people mainly by the density of the network he represents – which means nothing else than this: The place of learning is a network node. It receives its quality for learning people through the node with as many as possible connecting lines (Processes and communications), with as many as possible other nodes in the network. So a network node is not simply „connected to others or not“. Networks are not static but highly dynamic (see Gerald Hüther and Manfred Spitzer for more informations): „What fires together, wires together“.
Unlike traditional notions of scholastic learning organization, where learners are primarily „cared for“, Learning Networks are real communities in which networking exists solely through the activity of the linked and the linking ones which are the same. This difference is very important for using the network metaphor: I do not „have“ a network other than that I and each individual network partner „fires“ it by using, curating, developing, feeding and expanding it. Networking is not a „state“ but a qualified and qualifying process of networking. Learning Networks maintain stability by being in motion. And this movement is called learning.
So a Learning Network is not something that others could set up and manage for me as a service. It is a way of self-organization. Learning Networks construct and organize their learning architectures themselves. A learning location („spot“) is independent of preprogrammed, classical teaching-learning infrastructures. Every „learning spot“ does not derive his quality from the geographical spot where a learning person or organization is situated, but rather this way:
The quality & quantity of being linked within a Learning Network, realized and condensed in any geographical location, makes this & every place a learning space.
This is an reversal of the omnipresence of our classical conceptions of institutional „learning places“. In the conception of Learning Networks learning can only be as good as the network and its quality, which is a matter and concern of everyone.
Learning and its organizing in the future means designing and strengthening Learning Networks, which are at the same time learning networks by themselves. Everyone involved in a learning system perceives him- und herselve as an important part of this network, where there are no teachers but only learners. Teaching as a knowledge-transferring function is no longer needed in the Learning Network.
Learning Networks are colearning-spaces based on the culture of coworking and makerspaces, which are fundamentally defined by the sharing of resources (keyword: „sharing economy“): knowledge, experience, time, material, financial resources, human attention etc. „Learning“ is above all organized as sharing resources and needs.
What benefits does this new way of learning bring?
Learning cannot be taught (Klaus Holzkamp), as little as knowledge or knowledge content can be taught (Rolf Arnold). Everything that people in Learning Networks need to support their learning, they will explore by themselves from an appropriate environment that is maximally geared to support discovery learning. This applies to primary school children based on their opportunities and needs, as well as to adults who are continuously educating themselves.
Prater-Ferris-Wheel, Vienna Photo by Christoph Schmitt
The consistent self-organization of learning and education inside Learning Networks frees up enormous human and physical resources that have hitherto been bonded to the organization, implementation and control of state-mandated educational procedures. In Learning Networks, instead, learning is an act of those who share & shape life and working contexts.
When learning no longer occurs at tightly timed indoor beat in purpose-built buildings, no longer conforming to superior plans that substitute learner’s potential and needs with learning content and learning objectives; when learning becomes aware of its capabilities and needs and conditions, the input of enormous resources for logistics, mobility, organization in families, and for coordination with gainful employment is no longer necessary.
There will be completely new ways in which we organize our own learning, the learning of children, adolescents and adults, so that it takes place either directly in the contexts in which we live or in low-threshold organized „learning communities“, forming and dissolving unspectacular and spontaneous. Every neighborly, cooperative, club or corporate-organized „colearning space“ offers livelier, more creative and situational opportunities for learning than school-based learning inspired by a culture of assessment and selection.
Such Learning Networks expand in terms of needs and solutions to include further dimensions of society and economy. There are – depending on need – other players in the educational game: craftsmen, companies, social and cultural institutions from the Meatspace as well as from cyberspace.
Learning Networks are therefore intensive („active“) and closely linked with actors from science and research. Not in the sense of „teaching“, but in the sense of encounter, exchange, networking and condensation. People who accompany other people in these learning contexts at their own request are, above all, experts in learning: for the unfolding of learning and life processes. They are not experts in teaching, testing and grading.
The Broken Globe, by Karl Anton Wolf. Vienna: Sigmund-Freud-Park. Photo by Christoph Schmitt
Anyone who prepares or develops a profession will draw on resources in various areas of society, which are part of the Learning Network: from the farmer to the architect, from the nutritionist to the development worker to the representatives of the trades, the Arts and the broad field of digital technologies. The „Neue Oberstufe“ concept, which is currently being successfully developed at ESBZ in Berlin and is linked from there across Europe, is a practical and successful example of this. (google it)
Learning Networks are on the one hand designed as linked learning places in the Meatspace, that is to say in a physical space of life. They settle in places where learning people live. These are e.g. Neighborhoods, studios („Ateliers“) in the sense I outlined in my book „Digitalisieung für Nachzügler“, networks of entrepreneurs, sole proprietors or classic SMEs – or places where people stop in transit: Digital Nomads, Digital Expads, Families or even people learning on the(ir) way.
On the other hand, these networks are shaped by a dense digital networking of local learning spots („colearning spaces“): together with cultural and media professionals, (innovators from the) craft, industry and social organizations. One of the reasons why Learning Networks are connected to social and economic contexts is because they are part of the network. Therefore, Learning Networks are not alternatives or opposites to places of vocational education. They have what it takes to replace traditional education systems.
Such Learning Networks may be supported by parent initiatives that wire together for this purpose. As initiators, however, all bearers of social (not necessarily governmental) responsibility are conceivable to organize such Learning Networks – in diverse composition and with completely different interests, which have at least one thing in common: they link together for the purpose of intensive and sustainable learning.
Last but not least, learning in Learning Networks organizes itself quite naturally and successively in the digital space, which is not a counterpart and no alternative to the analogue space, but its supportive extension and consistent network.
What need does this movement respond to?
It responds to an already increasing movement of self-organizing people and their institutions. The kind of learning that enables us to develop common solutions to the great challenges of the present day is no longer supported in traditional school systems. Too much of the demands on us and our learning have strayed from what the education system has to offer.
Therefore, learning from children and adolescents, from students or people who continue to educate themselves, seeks other paths and places. Already nowadays – increasingly supported by the Digital Space. People will stop visiting schools and colleges to learn. And the novelty of this „new learning“ goes even further: The Organizing of all learning business will no longer relate to the scholastic tradition. The pedagogical-didactic construct of institutionalized learning will not occur in the future. „Schooling“ as a concept has served its purpose. It’s all about networking now.
On the one hand, the upcoming of Learning Networks is already a reaction to the emergence of new ideas, practices and needs, how people organize themselves, their work, their relationships and their (self-) care. On the other hand, Learning Networks are increasingly becoming possible because of that.
Learning Networks are our answer to the increasing need to organize life ourselves – in whatever „ways“. Through learning networks we enable ourselves and each other to tackle the increasingly complex challenge called „future“ in a sustainable and enjoyable way.
Die plusbildung-Tagung in Morschach bot den Teilnehmenden einen einführenden Einblick in die schier unbegrenzten Möglichkeiten für Zusammenarbeit, Vernetzung und Lernen in Zeiten der Digitalisierung – eine Entwicklung, die fasziniert, herausfordert, aber auch überfordert und polarisiert.
Eine Wahrnehmung stand am Anfang: Die Bildungswelt befindet sich stark im Umbruch und kreiert neue Trends und digitale Formen der Bildung. Was damit aber genau verbunden ist, und welche Perspektiven sich daraus für die eigene Bildungsarbeit ergeben – mit diesen Fragen setzte sich die Tagung vertiefter auseinander.
Die Einführung durch den Fachreferenten Christoph Schmitt machte schnell einmal klar, dass es beim Thema neue Formen von Bildung bzw. Digitalisierung nicht einfach um die Anwendung dieses neuen Sozialen Mediums oder jenes zusätzlichen elektronischen Tools geht, sondern dass mit der Digitalisierung ein gravierender kultureller Wandel verbunden ist. Auf den Punkt bringen lässt sich diese Veränderung vielleicht im Ausdruck „Netzwerkkultur“.
Demnach wird man als Anbieter einer Dienstleistung oder eines Bildungsangebots künftig ungleich stärker als bislang gefordert sein, in Kooperationen zu denken und sich mit anderen Partnern analog oder digital zu vernetzen. Bezogen auf Bildungsangebote zeichnet sich dabei ab, dass die digitale Kultur sich weg entwickelt von geplanten, gesteuerten, klar nachvollziehbaren und strukturierten Angeboten, hin zu gleichberechtigten, kooperativen, mitgestalteten, individuell-offenen Angeboten des vernetzten Lernens. In der Konsequenz sind für Bildungsanbieter damit längerfristige Herausforderungen des Umdenkens und der kulturellen Veränderung verbunden, welche sich nicht von einem Tag auf den anderen bewerkstelligen lassen.
Die Tagung zeigte aber mögliche erste, gangbare Schritte in die digitale Welt auf: etwa durch den Aufbau einer E-Plattform oder eines WiKi, durch einen Blog oder Podcast, mit einigen Tipps zu Tools, mit denen sich verstärkt online arbeiten und mit Gleichgesinnten vernetzen lässt – oder gar mit dem Versuch, einen Online-Bildungskurs (MOOC) zu skizzieren.
Wie weit man sich in die digitale Welt hineingeben und vertiefen möchte, bleibt aber auch in Zeiten der Digitalisierung stets der Abwägung und Entscheidung jedes einzelnen anheimgestellt.