Schule: Kann das weg?

Alles was außerhalb gemauerter und gezimmerter Schule an Lernen und Bildung stattfindet, trennen wir strikt von dem, was in Schulen zu passieren hat – und das andere „da draußen“ ist dann auch nur zufällig Bildung, und Lernen ist es nur informell. Solches Denken verhindert bis heute systematisch, das eine dringend benötigte, neue Form von Schule und Bildung auf den Weg kommt.

Titelbild: geralt/pixabay

Dass Schule soziale Selektion und Ungleichheit eher verstärkt als sie abzubauen, ist nicht neu. Seit geraumer Zeit weitet sich diese Problematik aus in eine neue Dimension, die unter dem Begriff der digitalen Kluft verhandelt wird, auch Digital Divide genannt. Ob und wie nämlich ein junger Mensch in einer Kultur der Digitalität zu Teilgabe und Teilhabe fähig wird, das blendet Schule faktisch aus ihrem Auftrag aus. Mehr noch: Was Schule tut, steht immer deutlicher in Konkurrenz zu dem, was Digital Citizenship bedeutet.

Dass Systeme sich selbst überlebt haben, erkennen wir daran, dass sie das Problem, zu dessen Lösung sie erfunden wurden, verstärken oder gar hervorbringen: Der motorisierte Individualverkehr erhöht und beschleunigt die Mobilität nicht länger, denn verstopfte Straßen und Staus führen immer häufiger zum teuren Gegenteil – und mehr Straßen führen zu mehr Verkehr. Die Polizei, erfunden um öffentliche Sicherheit zu gewährleisten, wird selber zu einem Unsicherheitsfaktor im Umgang mit sichtbarer und unsichtbarer Macht. Gesundheitssysteme bringen vermehrt kranke Menschen hervor. Das traditionelle Schulsystem fördert nicht Bildung und Teilhabe, sondern verengt und reduziert sie.

Problematisch daran ist nicht so sehr, dass Systeme, die einst revolutionäre Entwicklung ermöglicht haben, an ihr Ende kommen, sondern dass wir die Endphasen dieser Systeme nicht als Übergang in neue Systeme erleben, sondern als große Bedrohung – weil uns die alternativen Vorstellungen und Konzepte (noch) fehlen.

In punkto Schulsystem ist da zum Beispiel die eiserne Überzeugung, dass alles, was mit Bildung und Lernen zu tun hat, in der Schule zu passieren hat und nur dort, und dass es nur von ihr organisiert werden kann. So wie viele Arbeitgeber*innen und Arbeitnehmer*innen noch immer fest davon überzeugt sind, dass Arbeiten „in der Firma“ zu passieren hat: Wir gehen zur Arbeit, unsere Kinder zur Schule. Es gibt da klare Trennlinien in unseren Köpfen. Eine stark verminte Grenze ist die zwischen Gesellschaft und Schule.

„Von draußen“ sehen sich Menschen lediglich in der Position, Schule zu kommentieren: positiv oder negativ. In welcher Qualität auch immer. Wenn überhaupt. Von draußen aktiv Einfluss zu nehmen auf das, was Schule tut, also einzugreifen, das ist nicht Teil der kollektiven Vorstellungswelt. Es ist nicht vorgesehen. Vielleicht wecken diese fehlenden Einflussmöglichkeiten z.B. bei Eltern schon das Bedürfnis einzugreifen. Immerhin geht’s da ja um ihre Kinder und wie mit ihnen umgegangen wird. Doch von draußen auf tiefgreifende Veränderung hin aktiv zu werden, sie also zu bewirken, das bleibt aus. Finger weg.

Schule ist, was wir uns darunter vorstellen

Fakt ist: Die allermeisten Menschen, seien sie nun Lehrer*innen, Eltern oder Schüler*innen, betrachten Lernen & Bildung junger Menschen als das exklusive Kerngeschäft von Schule. Das ist an Schule gebunden. Dabei sind mit Schule vor allem Klassenzimmer gemeint und andere schulische Areale wie zum Beispiel Pausenhöfe, Turnhallen, Sportplätze, Schulbibliotheken, Computerräume, Aufenthaltsräume, eine Mensa. Schon schwieriger wird es mit digitalen Räumen, so metaphorisch die auch sein mögen. Die gehen irgendwie gar nicht. Nicht einmal während einer Pandemie, die ja gezeigt hat, wie inkompatibel sich das Physische und das Digitale in unseren Köpfen immer noch geben, und wie am Ende immer „der physische Raum Schule“ gewinnt – in unserem Kopf.

Alles, was bis heute außerhalb gemauerter und gezimmerter schulischer Orte an Lernen und Bildung stattfindet, trennen wir strikt von dem, was in Schulen stattfindet – und dieses andere „da draußen“ ist dann auch nur zufällig Bildung, und Lernen ist es nur informell. So denken wir.

Es gibt also diese unsichtbare Trennlinie: Hier die Schule als ein Ensemble physischer Orte, und dort die Welt außerhalb von Schule, also der ganze Rest – digitaler Raum inklusive. „Bildung“ ist eines der wenigen Phänomene, dass in unseren Köpfen (zumal als wahrhaft gerechte Bildung) nur an einem (1) physischen Ort namens Schule stattfinden bzw. sich ereignen kann.

Selbst im Kontext von Arbeit ist mittlerweile vielen, sowohl auf der Arbeitgeber*innen- als auf der Arbeitnehmer*innenseite klar geworden, dass die Kernfunktionen von Erwerbsarbeit nicht an einen Ort (Büro) gebunden sind.

Anders beim Phänomen Schule: Sobald die Aktivitäten, die in den Köpfen der Menschen mit Schule verbunden sind, außerhalb dieser physisch oder mental gemauerten und umzäunten Schulräume gedacht werden sollen, werden sie undenkbar. Da kommt das Denken nicht hin. Nicht einmal als Vorstellung. Dabei kann ja auch Lernen, kann Kompetenzentwicklung, kann Auseinandersetzung mit Information, kann Durchdringen wissenschaftlicher Phänomene, jederzeit an jedem Ort, in beliebiger Zusammensetzung der lernenden Gruppen, kollaborativ bzw. kooperativ stattfinden. Aber darum geht es eben gar nicht.

Drei Mal Schule zum Einpacken

Die eigentlichen Funktionen und Aufgaben, die mit Schule bis heute unlösbar verbunden werden, haben nämlich nicht so sehr mit Bildung, Lernen, Persönlichkeitsentwicklung, Welterschließung, Aufbau von Wissen und Kompetenz zu tun, sondern

  • erstens mit dem durch die ökonomischen Rahmenbedingungen unseres Daseins notwendigen Zusammenzug von Kindern und Jugendlichen an einem physischen Ort, wo die „Aufgabe der Sozialisation“ kollektiv geleistet wird, damit Eltern und andere Bezugspersonen von Kindern und Jugendlichen ihren ökonomischen Pflichten nachkommen können.
  • Zweitens mit dem Auftrag der sozialen Selektion und der Organisation der damit verbundenen Instrumente wie unterrichten, prüfen und benoten.
  • Drittens mit der Darreichung von Informationen und dem Entwickeln kultureller Techniken, was zu der Zeit, als Schule erfunden wurde, nur ganz wenigen Menschen aus oberen Schichten zugänglich war.

Das ist der historisch gewachsene Auftrag von Schule, und der wird in einer Kultur der Digitalität hinfällig. Das kann weg. Schule hat in den vergangenen 300 Jahren zumindest dafür sorgen können, dass alle Menschen, auf die sie Zugriff hat, über ein Mindestmaß an Kulturtechnik verfügen. Heute ist sie, unter den Bedingungen der Digitalität, gar nicht mehr in der Lage, dieser Aufgabe nachzukommen, da das „Konzept Schule“ (als Konzept, nicht so sehr in seinen Einzelteilen und Einzelheiten) während der Zeit der Industrialisierung erfunden wurde, konzipiert nach den damaligen ökonomischen und gesellschaftlichen Bedürfnissen.

Als Konzept ist Schule damit weder in ihrem Aufbau und in ihrer Organisation, noch in ihren Grundfunktionen und Kernaufgaben anschlussfähig an die Kultur der Digitalität, in der wir heute leben, und wie sie hier in den ersten 13 Minuten beschrieben wird.

Auch die beiden zuerst genannten Funktionen von Schule: „Zusammenzug von Kindern und Jugendlichen“ und „soziale Selektion“, verlieren heute zunehmend ihre Notwendigkeit aufgrund der individuellen und sozialen Möglichkeiten, die digitale Technologien nicht nur anbieten sondern mittlerweile auch einfordern:

  • Heterogenität, Vielfalt und Diversität mausern sich zu mächtigen kulturellen Prinzipien gegenüber einer Schul- und Arbeitswelt, die bis heute Homogenisierung und Gleichschaltung favorisiert.
  • Die Ubiquität und Allverfügbarkeit von Information ist durch die Digitalisierung Realität geworden,
  • ebenso die Gleichzeitigkeit und örtliche Unabhängigkeit von Kommunikation und Interaktion,
  • und die beschleunigte Vervielfältigung und Halbwertszeit von Information und Wissen.

Die Möglichkeiten für Menschen jeden Alters, jeder Schicht und Herkunft wachsen tatsächlich exponentiell: wir können uns jederzeit, überall, kurzfristig in jeglicher „Mischung“ zu jedem Thema treffen, uns austauschen und vertiefen, daraus politische oder demokratische Bewegungen werden lassen, in kurzer Zeit auf digitalen Wegen enormen Einfluss auf politische Prozesse und Entscheidungen nehmen – mit allen damit verbundenen Chancen und Risiken. Digitalität ist eine neue Kultur:

Raum der Zirkulation, des Umherlaufens, diffuse Oralität, Bewegungsfreiheit, Ende der klassifizierten Klassen, disparate Verteilung, Serendipität der Erfindung, Geschwindigkeit des Lichts, Neuartigkeit der Subjekte wie der Objekte, Suche nach einer anderen Vernunft … – die Verbreitung des Wissens kann auf keinem Campus dieser Welt mehr stattfinden, sind sie doch ihrerseits Seite für Seite geordnet, formatiert, vernünftig im alten Sinne, die Lager der römischen Armee imitierend.

Michel Serres

Das „Konzept Schule“ ist veraltet, nicht jedoch die Notwendigkeit, Bildung gesellschaftlich zu organisieren. Was tut Schule angesichts dieser Erkenntnis, die sich aus ihrer zunehmenden Dysfunktionalität und dem anschwellenden Kontrollverlust über Menschen, Strukturen, Prozesse, Inhalte über Räume, gewinnen lässt?

Sie erhöht den Druck auf alle Beteiligten: auf Schüler*innen, Lehrer*innen, Eltern. Sie besteht noch stärker als bisher auf den genannten Kernfunktionen, sie argumentiert sich in die Position, dass es sie auf dem Hintergrund der unsäglichen Entwicklungen in Welt und Gesellschaft erst recht brauche. Indem sie was tut? Mehr desselben.

Deshalb muss und wird der Schnitt ein radikaler sein. Früher oder später. Je nachdem, wann wir tatsächlich aufwachen und uns in vollem Umfang klar darüber werden, welchen Schaden wir mit diesem „Mehr desselben“ anrichten.

Auch der Kulturwissenschaftler Martin Burckhardt arbeitet in seinen Analysen mit eher drastischen Metaphern, wenn er zum Beispiel vorschlägt, das Bildungssystem platt zu machen und ganz von vorne zu beginnen. Quasi mit einer „Stunde Null“:

„Das hätte den Vorteil, dass man sich neu über die Ziele verständigen müsste. Wozu lernen wir? Vor allem: Worauf kommt es dabei an? Wenn wir von Bildung sprechen, so ist doch zuallererst die Formung des Selbstbildes gemeint. Aber wenn eine positive Zukunftsvision fehlt, lässt sich auch keinerlei Bildung betreiben. Selbst das Eingeständnis, dass eine solche Vision fehlt, wäre besser als dieser Fake von Bildung, der am Ende doch nur eine Form der Scheinproduktion darstellt. Ein System, dessen einziger Sinn im Selbsterhalt liegt, ist nur noch gespenstisch.“ (Quelle)

Bildung und Digitalität: Drei Schritte in Richtung Zukunft

Drei Schritte, ein Ziel: Was Schulen tun können, um an Digitalität anschlussfähig zu werden.

Haben wir uns tatsächlich damit abgefunden, dass Bildung und Digitalität nicht zusammenkommen? In der Phantasie der allermeisten Menschen bringt es digitale Technologie heute nicht viel weiter als bis zum Status eines methodisch-didaktischen Spielzeugs in weiterhin geschlossenen Settings. Wenig Bereitschaft zeigen Schule und Hochschule hingegen, sich zu den neuen Bedingungen kundig zu machen, unter denen sie ihre Arbeit zu machen haben. Dabei ließe sich Bildung auch unter Bedingungen der Digitalität durchaus gestalten.

Dann jedoch ist „Weiter so!“ die falsche Devise. Sascha Lobo hat jüngst mit seiner Eröffnungsrede auf der re:publica deutlich gemacht: Die aktuelle Pandemie zeigt, dass Deutschland auf dem letzten Loch pfeift, was seine Zukunftsfähigkeit betrifft. Das ist natürlich viel auf einmal, und löst eher Depression aus als es sie zu überwinden hilft.

Ich halte in diesen stürmischen Zeiten an meiner Überzeugung fest: Wandel ist gestaltbar. In jedem Moment. Das Gerede von den Bedingungen, die wir erst zu schaffen hätten, damit sich Menschen auf den Wandel einlassen können, ignoriert, dass es diese Bedingungen nicht geben wird, außer wir schaffen sie gemeinsam – und DAS ist dann der Wandel.

Wir sollten begreifen, dass „Sicherheit“ keine Voraussetzung für Veränderung ist. Sie entsteht erst in diesem Prozess. Wir erarbeiten sie uns, in diesem Prozess. Dass Menschen Sicherheit bräuchten, um überhaupt mit dem Lernen anfangen zu können, stimmt nicht. Lernen hebt erst in jenen Situationen an, in denen Sicherheit nicht gegeben ist oder verloren zu gehen droht.

Wir Menschen verändern uns und die Welt, wir lernen, damit wir dadurch Sicherheit gewinnen, nicht weil wir sie schon haben.

Das Fehlen oder (antizipierte) Abnehmen von Sicherheit ist der Auslöser von Lernen, mit dem Ziel, Resilienz zu entwickeln. Niemand verlässt freiwillig die eigene Komfortzone, egal mit welchen methodisch-didaktischen Tricks operiert wird. Der einzige Grund sie zu verlassen, ist, wenn ich aus ihr vertrieben werde. In allen anderen Fällen erweitere ich sie bloß – und das ist die allgegenwärtige Tendenz in unserem Bildungssystem: Zurück in die gute Schulstube.

Doch selbst unter solchen Bedingungen können wir mitgestalten.

Wenn eine Schule oder Hochschule oder ein Anbieter der beruflichen oder betrieblichen Aus- und Weiterbildung sich und sein Angebot angesichts einer „Kultur der Digitalität“ weiterentwickeln möchte, dann empfehle ich als Einstieg drei Aktivitäten. Die folgende Aufzählung ist dabei weder hierarchisch noch bedeutet sie eine zeitliche Abfolge. Jede kann den ersten Schritt bilden, eine Organisation kann die drei Schritte auch gleichzeitig machen (oder andere 🙂) – wie es passt.

Hier also mein Vorschlag für die ersten Schritte:

Sich informieren, was abgeht

Organisation und Mitarbeiter*innen informieren sich umfassend und entwerfen für sich, ihren Beruf, ihre Organisation und für ihr Angebot als Bildungseinrichtung ein Bild dessen, was „Kultur der Digitalität“ für sie konkret bedeutet: für den eigenen Handlungsraum. Anschließend fragen sie sich: Was ist für uns jetzt zu tun angesichts des Wissens, das wir uns erarbeitet haben? Erstes Ziel ist also:

Aufholen des teilweise erschreckend großen Rückstands nur schon hinsichtlich Information darüber, was „Kultur der Digitalität“ beinhaltet und bedeutet.

Den eigenen, digitalen Reifegrad ermitteln

Die Führung einer Schule, einer Hochschule oder einer privaten Anbieterin von Bildung fokussiert den digitalen Reifegrad ihrer Organisation und ihrer Mitarbeitenden in technischer, organisatorischer, kultureller und strategischer Hinsicht, um entsprechende Entwicklungsmaßnahmen ergreifen zu können. Hierfür gibt es bereits brauchbare „Lese- und Arbeitsinstrumente“.

Meine Zielgruppe verstehen

Ökonomisch formuliert geht es dabei um Marktfähigkeit – nicht von Menschen, sondern von Bildungsangeboten. Zwar halten öffentliche Bildungseinrichtungen hartnäckig daran fest, dass sie diesseits von Ökonomie agieren würden und Bildung nicht ökonomisiert werden dürfe. Aus dem Blick gerät bei diesem ideologischen Gerangel jedoch, dass es bei Bildung jederzeit auch darum geht, wie lernende Menschen anschlussfähig werden an Arbeitsmärkte , die sich im Rahmen der Digitalität völlig verändern – und damit verändern sich ja auch die Lebenswelten.

Dabei geht es nicht darum, dass Schule die Arbeitsmärkte mit Personal versorgt. Diese Verkürzung ist zynisch. Es geht um die Frage, welche Kompetenzen Menschen brauchen, damit sie in Zukunft (u. a.) ökonomische Realitäten aktiv mitgestalten können. Deshalb stellen wir uns als Bildungsorganisation analytische Fragen zu unseren Zielgruppen. Sie helfen uns dabei, uns entsprechend aufzustellen.

Was sind auf diesem Hintergrund die Herausforderungen unserer aktuellen oder zukünftigen Zielgruppen? Wie müssen die lernen? Was müssen die lernen, wissen, können?

Um das zu eruieren, muss ich nicht nur meine Zielgruppe und deren Bedarfe analysieren, sondern auch zukünftige Lebens- und Arbeitsbedingungen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit zu erwarten sind, weil sie sich bereits heute andeuten:

  • Wie werden Menschen, für die wir Bildung anbieten, in Zukunft arbeiten und wo?
  • Welche Optionen entwickeln sich hinsichtlich Arbeitsverhältnissen? Welche verschwinden?
  • In welchen Berufen werden Menschen in wenigen Jahren vor allem tätig sein? Wie sehen diese Berufe aus?
  • Welche Märkte und Branchen entstehen neu?
  • Wie verändert sich dabei das soziale Gefüge, wie das Verhältnis von Arbeits- und Privatleben, kurz:

Wie sehen die Lebens- und Arbeitswelten meiner Zielgruppen unter den Bedingungen der Digitalität aus?

Das Ziel: Die neuen Lebens- und Arbeitswelten lesen und verstehen lernen

Diese Phänomene muss ich als Bildungsanbieterin lesen und deuten können. In einem nächsten Schritt entwerfen wir dann Szenarien, wie sich die diagnostizierten Entwicklungen auf Bildungswirklichkeiten und Bildungswelten auswirken.

Aus solchen Analysen wird ersichtlich, was unsere Zielgruppen lernen und sich aneignen, was sie wissen und können, wenn sie uns in Anspruch nehmen.

Bei der Weiterentwicklung bzw. Neupositionierung von Bildungsorganisationen geht es also darum

  • wie in Zukunft Bildungs- und Lernprozesse überhaupt aussehen,
  • wie Menschen diese Prozesse organisieren: Prozesse, in denen sie lernen, was sie können und wissen müssen und wie sie es wissen und können müssen.
  • Was in diesen Prozessen die Funktionen und Aufgaben von Bildungsanbieterinnen sind – queer durch die Biografien von Menschen hindurch.

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Warum Schule nicht vom Fleck kommt – und wie vielleicht doch …

Egal an welcher Stelle ich beim Thema „Schulentwicklung“ ansetze und dabei nicht einfach das Bestehende verändere sondern ersetze durch zeitgemäße Prozesse und Strukturen, die an den Menschen, ihren Bedarfen und Potenzialen ausgerichtet sind: das bestehende System von Kontrolle, Selektion und Disziplinierung würde sich entweder sofort selber aufheben – oder, was es bisher immer tut: sich durchsetzen.

Titelbild von Vishwas Bangar auf Pixabay

Ein wesentlicher Faktor, warum Schulentwicklung auch im 21. Jahrhundert nicht funktioniert, und in der Folge auch nicht die Entwicklung entsprechender Kompetenz bei Lernenden, ist der: Das System kann nicht an einzelnen Stellen verändert werden ohne dass das Gesamtsystem kollabieren würde. Alles hängt mit allem zusammen. Ich kann nicht nur an einer Stelle radikal werden, weil Wechselwirkungen eine ungeheure Macht haben. Deshalb kommt Schule nicht vom Fleck.

Die Kernfunktionen von Schule: Disziplinieren, Kontrollieren, Selektion

Ich kann nicht etwa, was ich müsste, um ein anderes Paradigma von Bildung und Lernen zu ermöglichen, das längst entlarvte Benotungs- und Prüfungswesen durch etwas anderes ersetzen, und alles andere beim Alten lassen, denn es handelt sich dabei um ein Prinzip von Schule: um eine grundsätzliche Funktion von Schule und um ein dahinter liegendes Prinzip: Kontrolle, Disziplinierung und Selektion. Wann immer ich versuchen würde, eine Alternative für „Prüfen und Benoten“ einzuführen, die nicht mehr Kontrolle, Disziplinierung und Selektion zum Ziel hat, würde das System Schule alles daran setzen, diese drei Funktionen in der gefundenen Alternative doch wieder unterzubringen.

Wenn ich also Schule als System neu aufsetzen will, muss ich zuerst den funktionalen Kernauftrag von „Kontrolle, Disziplinierung und Selektion“ außer Kraft setzen, der allen schulischen Strukturen und Prozessen zugrunde liegt, weil er sich sonst in jeder Entwicklungs-Aktivität re-installiert und in Stellung bringt. Mala herba non interit 🙂

Wechselwirkungen: Ohne Noten kein Unterricht – und umgekehrt

Würden „Prüfung“, „Note“ und „Zeugnis“ wegfallen, wäre z.B. die funktionale Ausrichtung eines anderen strukturellen Handlungsfelds hinfällig: das Unterrichten. Unterrichten ist vom Design her durch das Prüfungswesen strukturiert, getaktet und darauf ausgerichtet. Prüfen und Benoten sind bis heute das zentrale Werkzeug der Disziplinierung im Kontext des Unterrichtens. Wir erinnern uns an das Drama von Orchideenfächern: „Wie kriege ich Disziplin hin, ohne dass ich mit Noten Druck ausüben kann?“

Einen nächsten Zweck hat das Format des Unterrichts darin, Stoff so zu vermitteln, damit der auf den aktuellen Unterricht folgende Unterricht in der nächsten Jahrgangsstufe „stoffmäßig“ darauf aufbauen kann. Auch das prüfen Prüfungen.

„Was hat denn der in der achten mit denen gemacht in Mathe? Die können ja gar nix!“

Wer Fächer abschafft, schafft Schule ab

Ähnlich ist das mit dem Fächersystem, das wie das Prüfungswesen ein Weltbild repräsentiert, das im Rest der Welt abgelöst ist. In einer Gesellschaft und Ökonomie, die nach dem Netzwerkprinzip arbeitet, steht das Denken in Disziplinen quer zu den Funktionsprinzipien von Forschung, Wissenschaft, Organisation von Gesellschaft, Ökonomie. Wenn ich jedoch innerhalb von Schule das Fächersystem schleifen würde, brächte ich damit die Prozesskette heillos durcheinander:

  • die Organisation des Schulbetriebes
  • das Ausbildungssystem der Lehrpersonen
  • den gesamten Lehrmittelbereich

Praktisch alles würde von jetzt auf gleich dysfunktional werden, weil Schule ausnahmslos auf das Denken, Strukturieren, Planen und Handeln „in Fächern“ ausgelegt ist, aus dem ein bestimmter Unterricht folgt, der wiederum auf Prüfen und Benoten ausgelegt ist.

Bild von Free-Photos auf Pixabay

Entweder bewegt sich alles – oder nichts

Ich kann also Unterricht als Handlungsprinzip, als Prozess und Struktur (Aufbau) schulischen Handelns nicht „mal eben“ durch andere, zeitgemäße Formate und Prozesse des Lernens und der Kompetenzentwicklung ersetzen, ohne dass das System kollabieren würde:

Nimm dem Unterricht das, was ihn zum Unterricht macht: Kontrolle, Disziplinierung, Selektion – und er ist keiner mehr.

Deshalb kann er im bestehenden Schulsystem nicht ersetzt werden, außer wieder durch eine andere Form von Unterricht. Dasselbe würde sich beim Prinzip der Synchronizität ergeben: Jede und jeder zur selben Zeit am selben Ort, denselben Stoff in derselben Form mit denselben Quellen und Methoden und denselben, geprüften und benoteten Ergebnissen. Schaffen wir das ab, fällt das System in sich zusammen. Dasselbe gilt für das Prinzip Jahrgangsklassen, mit ihrem Nivellierungs-Auftrag individueller Entwicklung: Wer in welcher Klasse was wissen und können muss, was wann dran ist im Stoffplan usw.

Lesen lernen hat für alle in der ersten Klasse zu erfolgen, egal was in der Entwicklung eines Kindes gerade dran ist und was nicht.

Und kommt das Kind nicht mit, drohen Förderung und Nachhilfe. Übrigens: Da geht es überhaupt nicht darum, auf „die bösen Lehrer*innen“ zu schielen, denn die machen, wenn sie unterrichten, kontrollieren, disziplinieren, selektionieren, prüfen und benoten – ihren Job. Die einen besser, andere suboptimal, doch sie machen immer ihren Job. Von ihnen etwas anderes zu erwarten, wäre mindestens unredlich.

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Deshalb schlage ich ein lösungsorientiertes Vorgehen vor

Wir schaffen Laborsituationen: Entwicklungsnischen, in denen sich alternative Lernformen unabhängig vom schulischen Mainstream entwickeln können. Projekte, die eng mit jenen innovativen Initiativen zusammenarbeiten, die weltweit bereits existieren. Wir beginnen also auch mit einer starken, digitalen Vernetzungsarbeit zwischen Pionier*innen und solchen, die sich auf den Weg machen.
In diesen Zukunftslaboren sind die oben erwähnten, klassischen Parameter von Schule außer Kraft gesetzt. Lernende, die sich dafür entscheiden, Teil einer solchen Expedition zu werden, sind eingeladen, für einen bestimmten Zeitraum ihre Lernbiografie in diesen Laboren zu gestalten. Wie solche Netzwerke und Learn-Labs aussehen und wie sie funktionieren können, habe ich in mehreren Blog-Posts skizziert:

Dieses Vorgehen hat den Vorteil, dass nicht ein ganzes System auf einmal „abgeschaltet“ werden müsste, was ja gar nicht geht und deshalb auch nicht passiert. Vielmehr werden Räume eröffnet, die dezidiert außerhalb des traditionellen Schulsystems und seiner Normierungen stehen und arbeiten. Solche Labore können durchaus wissenschaftlich begleitet und evaluiert werden.

Idee: Christoph Schmitt

Diese Begleitung & Evaluation sollte nun aber nicht vom Bildungssystem aus erfolgen, weil dann ja über die Evaluation wieder jene Parameter wirksam werden, zu deren Überwindung so ein Projekt antritt. Ich würde Forschungs- und Beobachtungsteams zusammenstellen, die nicht im weiteren und engeren Sinn dem „pädagogischen Kuchen“ entstammen und möglichst nicht dem Frame „Hochschule“ oder gar „Kultusministerium“, da es ja nicht um eine Weiterentwicklung bestehender Schulformate geht (also gerade nicht anders unterrichten, anders benoten, andere Fächer etc.) sondern um Strukturen und Prozesse, die diese Kultur und Tradition überwinden.

Schule und Corona: Warum „Wissenslücken füllen“ der falsche Ansatz ist

Eine neue Art von Informationsmanagement und Wissensarbeit nach dem Vorbild innovativer Learning-Communities („colearning spaces“) wäre ein idealer Approach, um Schule als konkreten, kritischen und effektiven Gestaltungsraum von Kultur und Gesellschaft zu initiieren, nicht als das Auf- und Abarbeiten von Informationsmyriaden zum Zwecke ihres Abprüfens und Benotens.

Beitragsbild: Noupload auf Pixabay

Allerorten kreischen die Sirenen: Es seien jetzt dringend Wissenslücken aufzufüllen bei Schüler*innen. Stoff muss nachgepaukt werden, zur Not in den Ferien: um aufzuholen. Der Alarmismus entlarvt ein Verständnis von Wissen, das im Bildungssystem nicht erst seit Corona sein Unwesen treibt – und lernende Menschen zur Verzweiflung.

Dabei steht Schule vor allem für eine bestimmte Art der Darreichung von Information. Wissen entsteht erst im praktischen Umgang damit. „Wissen“ ist angewandte Information. Wissen ist wissen, was zu tun ist, wenn etwas der Fall ist. Wissen ist das, was ich, am besten mit anderen zusammen, aus Informationen mache, um eine Herausforderung nach der anderen anzupacken.

Wissen ist Information im Kontext

Ein oder jedes Schulfach repräsentiert also, wenn es das tut, was Schule Wissens- und Stoffvermittlung nennt, nicht Wissen aus (s)einer Disziplin, sondern Informationen. Diese Informationen werden zwecks ihrer Darreichung an Schüler*innen didaktisch-methodisch aufbereitet: weichgekocht, in Häppchen geschnitten, repetitionsfähig portioniert, visualisiert, manchmal auch geschickt versteckt (Osterhasenpädagogik).

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Wissen entsteht aus diesen Informationen dadurch, dass Menschen, denen diese Informationen dargereicht werden, in unserem Fall Schüler*innen und Studierende, Entscheidungen treffen, was sie mit diesen Informationen tun: wozu sie sie gebrauchen und einsetzen. Die „Metamorphose“ von Information zu Wissen findet statt, wenn Menschen eine Brauchbarkeit konstruieren in realen, lebensweltlichen Situationen: Was bringt mir die Information? Wobei nützt sie mir? In dieser notwendigen Konstruktionsleistung – notwendig, weil die Antworten auf Nützlichkeitsfragen in den dargereichten Informationen nicht enthalten sind – generiert ein Individuum Wissen.

Hier liegt also der Grund, warum es äusserst sinnvoll ist, zwischen Wissen und Informationen zu unterscheiden, also einen Unterschied zu bilden zwischen diesen beiden Phänomenen. Diese Unterscheidung erlaubt mir nämlich, den genuin kreativen, produktiven und konstruierenden Anteil des Menschen herauszustellen und sichtbar zu machen. Das ist übrigens auch ein wesentlicher Unterschied zwischen dem, was Maschinen mit Informationen tun (empfangen, speichern, vergleichen) und Menschen (Sinn entwerfen).

Wie komme ich zu einer guten Note?

In der Schule ist dieser Vorgang der Wissenskonstruktion jederzeit eingebettet in folgenden Kontext: Alles, was ich als Schüler*in mit den mir dargereichten Informationen anstelle und was nicht, endet in einer Note. Das gilt auch für meinen Umgang mit Informationen, die nicht als explizit prüfungsrelevant eingeführt werden, denn: je mehr Zeit ich mit denen verbringe, umso weniger Zeit bleibt mir zur Organisation jener Informationen, die prüfungsrelevant sind.

In der Schule ist jede Information prüfungsrelevant. Bis hin zur Laune der Lehrkraft.

Die Grundfrage, die sich zu Beginn eines jeden Umgangs mit allen in der Schule dargereichten Informationen stellt, lautet also: Was muss ich mit diesen Informationen tun, damit die nächste Note eine ist, die mindestens mein „Bestehen“ nicht gefährdet? Völlig wurscht, in welcher (traditionellen oder innovativen) Form die Prüfung am Ende daherkommt und die Note zustande: Das ist das Ziel von „Informations- und Wissensmanagement“ in schulischen Kontexten.

Wenn ich weiß (!), wie ich mit den Informationen, die mir im Unterricht dargereicht werden, notenkonform umgehe, bestehe ich Prüfungen, die mir im Kontext dieser Informationen gestellt werden.

Diesen Prozess (aus der dargereichten Informationsfülle derart Wissen konstruieren, dass ich damit Prüfungen bestehe) kann Schule nun auf vielfältige Art gestalten: frontal, gesprenkelt mit Gruppenarbeit, angelegt als Projektarbeit, eng geführt oder maximal selbstorganisiert, analog oder digital, synchron oder asynchron, mit „flipped classroom“, Tutorials – you name it.

Die konkrete Organisationsform der Informationsverarbeitung ändert, entgegen anderslautender Meinungen, nichts am Paradigma, denn unabhängig davon, wie Schule diese Prozesse methodisch-didaktisch organisiert, bleibt der Fokus für Schüler*innen jeweils derselbe: er ist gerichtet auf die Konstruktion von strategischem Wissen, wie sie dargereichte Informationen so organisieren, dass sie eine Prüfung bestehen, in der es darum geht, die dargereichten Information wiederzugeben.

Abiturprüfung im Mai 2020 in einer Sporthalle in Ravensburg Foto: Felix Kästle / picture alliance / dpa (Quelle)

So prüfen z.B. Prüfungen im Fach „Französisch“ die Fähigkeit und das Wissen, Prüfungen im Fach „Französisch“ zu absolvieren, sprich: Wie ich die im Französischunterricht dargereichten Informationen so einsetze, damit ich die damit verbundene Prüfung bei dieser (und nicht bei einer anderen) Lehrkraft bestehe: „What a person learns in a classroom is how to be a person in a classroom“ (Clark Aldrich). Das gilt für alle Fächer und für alle Formen des Prüfens, auf die die Auseinandersetzung mit „Stoff“ angelegt und ausgerichtet ist – unter der Voraussetzung, dass ich als Schüler*in diese Prüfung bestehen will, was ich womöglich muss.

Solange Schule prüft, bewertet und benotet, ist sie für Schüler*innen ein Ort der Prüfungsvorbereitung. Schulische Satelliten eingeschlossen, denn Schüler*innen „lernen“ ja auch zuhause oder sonst wo. Der Fokus, sprich das „erkenntnistheoretische Interesse“ Studierender wird immer darauf liegen, wie sie eine Prüfung bestehen, wobei gilt: Nach der Prüfung ist vor der Prüfung.

Den Zirkel erkennen und durchbrechen

Diesen Teufelskreis kann Schule aufbrechen, wenn sie versteht,

  • dass sie nicht Wissen vermittelt sondern Information darreicht, wie das auch Rezo, Böhmermann, Welke, von Wagner, Uthoff und Konsorten tun;
  • dass sie Wissen gar nicht vermitteln kann, weil Wissen in und aus einem individuellen bzw. gemeinschaftlichen Konstruktionsprozess derer hervorgeht, die dargereichte Information organisieren: in konkreten Situationen, in denen Menschen alleine oder gemeinsam Probleme lösen – mit Hilfe von Information, die sie sich idealerweise selbst beschaffen (statt sie von der Schule dargereicht zu bekommen), um sich in diesem Beschaffungsprozess Grundsätzliches über Wissens- und Informationsmanagement beizubringen, was Unterricht aufgrund seiner Parameter ja gar nicht leisten kann;
  • dass das an die schulischen Darreichungsformen von Information jederzeit geknüpfte Prüfungs- und Benotungsparadigma den erkenntnistheoretischen und -praktischen Rahmen schulischer Wissensarbeit bildet, und damit zum leitenden Paradigma schulischen Handelns von Lernenden (Schüler*innen) wird, die dadurch lernen, Wissensarbeit als defensive Strategie zu begreifen und einzusetzen, mit der sie Sanktionen abwehren.

Stattdessen kann sich Schule zu einem Raum der kreativen Wissenskonstruktion entwickeln, die sich der Lösung realer Menschheitsprobleme zuwendet, wenn sie sämtliche damit verbundenen Prozesse prüfungs-, bewertungs- und benotungsfrei macht und stattdessen lernenden Menschen anbietet, ihre eigenen Qualitätskriterien zu entwickeln, die nicht nach Parametern schulischer Bewertungsraster funktionieren, sondern z.B. nach Kriterien, die wir aus Forschung, Produktentwicklung, aus Scrum und Design Thinking kennen, oder auch aus den Beratungswissenschaften (z.B. „Creative Knowledge Feedback“ nach Radatz mit entsprechender Anpassung).

Selbstbestimmt studieren

In diesen neuen Zugängen zur Konstruktion und Produktion von Wissen steckt sehr viel Potenzial für das Anpacken der Herausforderungen, in denen wir in unseren globalisierten Welt-Dörfern stehen: Klimawandel, Pandemien, soziale Ungleichheit, Kriege, Ernährungskollaps, Populismus, Diskriminierung sexueller und geschlechtlicher Vielfalt, von BIPoC, von Migrant*innen, Geflüchteten, armen Menschen, Working Poors, von Menschen mit Behinderung, von Sinti und Roma, Religionsgruppen, HIV-Positiven, chronisch Kranken, zunehmendem Rassismus, den Folgen von Heteronormativität, Heterosexismus, Misogynie, Bodyism, sprich von körperbezogener Diskriminierung.

Diese Themen würden dann nicht mehr als fächerspezifisch aufbereitete Informationen dargereicht, um mit ihrer Hilfe prüfungsrelevantes Wissen zu generieren, sondern um sie als reale Problemkonstellationen anzugehen.

Eine neue Art von Informationsmanagement und Wissensarbeit nach dem Vorbild innovativer Learning-Communities („colearning spaces“) wäre deshalb ein idealer Approach, um Schule als konkreten, kritischen und effektiven Gestaltungsraum von Kultur und Gesellschaft zu initiieren, nicht als das Auf- und Abarbeiten von Informationsmyriaden zum Zweck ihres Abprüfens und Benotens.

Auf diesem Hintergrund finde ich es sehr bedauerlich, dass im Kontext von Digitalität und Corona derzeit große Chancen verschenkt werden, wenn in den Bildungsdebatten mit voller Überzeugung gefordert wird, es müssten jetzt schulische Wissenslücken gefüllt und Stoff nachgeholt werden.

Auch kristallisiert sich heraus, dass digitale Technologien in großem Umfang zur Anwendung kommen sollen, um diesen Vermittlungs- und Darreichungszirkus von Stoff zu perfektionieren. Der Diskurs hat sich also offenbar dafür entschieden, eine weitere Variante zu kreieren von „Prüfungen im Fach Französisch prüfen die Fähigkeit und das Wissen, Prüfungen im Fach Französisch zu absolvieren.“

Damit bleibt wohl auch der Diskurs um „alternative Schule“ auf die Frage reduziert, wer am Ende das Rennen um die bessere Prüfungsvorbereitung macht: Der analoge, mehrheitlich synchrone Präsenzunterricht, gespickt mit digitalen Flöckchen und Gruppenarbeiten, oder das mehrheitlich asynchrone, digitale Darreichen von Information und das (via Learning Analytics?) organisierte Einüben ihrer korrekten Anwendung auf die nächste Prüfung.

Julia M Cameron on pexels

Und dass es „am Ende wohl eine gute Mischung aus beidem “ sein könnte, ist ebenfalls keine gute Nachricht für junge Menschen.

Paradigmenwechsel statt Methodenwechsel. Fünf Mal Abschied von Schule

„Imagine what education would be like if every learning experience began with individuals finding and understanding their purpose or why; if every student was given agency to decide what they wanted to learn, how they wanted to learn it, and were guided by professionals who could mentor and coach them to inspire success.“ (Learnlife)

Beitragsbild: Karikatur von www.f-woessner.de – Verwendung mit freundlicher Genehmigung des Autors

Sämtliche Diskussionen, die derzeit über „Schule der Zukunft“ geführt werden, reden über Varianten des Bestehenden. Was wir jedoch angesichts unserer Gegenwart brauchen, ist eine radikale Alternative, die die fünf tragenden Säulen traditioneller Schule geschleift hat.

Erstens: Kein Unterricht mehr

Wir brauchen keine alternativen Unterrichtskonzepte mehr, also nicht „anderen Unterricht“, sondern Alternativen für Unterricht: Lernen in lebensweltlichen Formationen, Strukturen, Prozessen, die nicht mehr in der Architektur und im Paradigma des Unterrichts und des Unterrichtens gedacht, geplant, vorbereitet, durchgeführt und reflektiert werden. Wir lassen das Konzept Unterricht hinter uns. Ein gelingendes Beispiel dafür im Kontext von „Numeracy“ findest du hier.

Zweitens: Keine Prüfungen und keine Noten mehr

Lernende und sich (weiter-)bildende Menschen brauchen keine neuen und alternativen Formen des Prüfens, Bewertens und Benotens. Die sind erwiesenermaßen nutzlos für die, die bewertet und benotet werden. Deshalb geht es jetzt um Alternativen für das Konzept des Prüfens, des Bewertens und Benotens, mit deren Hilfe lernende Menschen auf sich und ihre Entwicklung achten können und diese Prozesse reflektieren. Vorschläge für Alternativen aus einer Community, die das erfolgreich praktiziert, findest du hier.

Drittens: Keine Fächer mehr

Lernende brauchen keine neuen oder anderen Fächer, um die sich verändernde Welt zu begreifen – auch keine fächerübergreifenden Fächer.

Quelle

Die Aufteilung der Welt, und damit die von Lernprozessen in Fächer, entspricht nicht mehr den Möglichkeiten, den Anforderungen und den Herausforderungen, wie Menschen heute Welt entdecken und verstehen. Das Denken in Fächern führt in verkürzte Weltbilder und verhindert die Entwicklung eines profunden Blicks für Zusammenhänge, die es zu entdecken gilt, nicht herzustellen, wie Prof. Dr. Wanner beschreibt. Deshalb entwickeln wir keine alternativen Fächer, sondern Alternativen für „Lernen in Fächern“:

Imagine what education would be like if every learning experience began with individuals finding and understanding their purpose or why; if every student was given agency to decide what they wanted to learn, how they wanted to learn it, and were guided by professionals who could mentor and coach them to inspire success.

Quelle
Viertens: Keine Klassen mehr

Wir brauchen keine anderen Zusammensetzungen von Klassen und Jahrgängen. Keine grösseren oder kleineren Klassen, keine homogenen oder buntere, besser gemischte Klassen. Wir brauchen Alternativen für das Denken und Organisieren von Lernen in Klassen und Jahrgängen, damit lernende Menschen Lernpartner*innen jenseits dieser Vorgaben finden, und so ihre Interessen und Potenziale zur Vorgabe ihres Lernens machen.

Quelle
Fünftens: Schluss mit synchroner Präsenz

Und wir verabschieden uns endlich und endgültig vom Konzept der Synchronizität und der synchronen Präsenz, sei sie digital oder physisch: Alle zur selben Zeit am selben Ort, denselben Stoff auf dieselbe Art. Nichts steht dem Lernen und seinen individuellen Entwicklungspfaden mächtiger im Weg als diese Praxis der Gleichschaltung.

Dass wir tatsächlich auf dem Weg eines neuen Paradigma des Lernens sind, erkennen wir daran, dass vor allem dieses Relikt verschwunden ist. Stattdessen sind lernende Menschen ganz selbstverständlich in ihrem eigenen Tempo, in ihren eigenen Rhythmen und mit den Themen unterwegs, die ihnen ganz entsprechen.

Der erste Schritt: Schüler*innen übernehmen die Führung, die Organisation und das Gestalten ihres Lernens:

Mehr Videos von diesem großartigen Bildungsgipfel von Schüler*innen für Schüler*innen findest du hier.

Irgendwas ist anders

Das Schulsystem braucht kein Update mehr, weil sein Code nicht mehr anschlussfähig ist. Das Programm muss neu geschrieben werden.

Titelfoto: Gerd Altmann auf Pixabay

Jetzt sollen Corona und der Kälteeinbruch auch noch mit dem Klimawandel zusammenhängen. So unwahrscheinlich ist das nicht, denn alles hängt mit allem zusammen. Mehr als je zuvor handeln wir in einer völlig vernetzten Welt. Doch was wir tun und lassen, das hat mittlerweile mehr Nebenwirkungen, die sich gegen uns verbünden, als wir davon profitieren würden. Womit hängt das jetzt wieder zusammen?

Auch damit: Wir wollen über das grundsätzliche Setting, in dem wir uns täglich bewegen, nicht kritisch werden. Stattdessen setzen wir den „großen Rahmen“ als gegeben voraus. In der Ökonomie zum Beispiel wähnen wir den kapitalistischen Rahmen als alternativlos und in der Bildung den des traditionellen Schulsystems. Letzteres wurde während der ersten industriellen Revolution programmiert & installiert und seither nicht mehr verändert.

Auch deshalb kann sich Schule nicht an die sich immer schneller verändernden Umstände anpassen, sondern hält am umgekehrten Weg fest: Technologische Entwicklungen sollen mühsam in den bestehenden Rahmen integriert werden. Sie brechen das „framing“ nicht auf, auch jetzt nicht, wo Schule im Angesicht der Pandemie völlig überfordert ist. Nach wie vor zeigt sie sich unfähig, die Kontingenz dieses Rahmens zu begreifen.

Metaphorische Schlussfolgerung: Das Schulsystem braucht kein Update mehr, weil sein Code nicht mehr anschlussfähig ist – aka lesbar.

Die Nebenwirkungen machen das Rennen

Doch die Schule bildet da keine Ausnahme. Unser gesamtes Setting agiert nur noch an seinen Grenzen. Auch mit seinen Notfallszenarien kann es nicht mehr hinreichend für eine Kontinuität kultureller Grundvollzüge sorgen: Ver- und Entsorgung, Kommunikation, Mobilität, Gesundheit, Kunst, Sicherheit, politische Kommunikation, Bewahrung der Lebensgrundlagen – und eben Bildung.

Für die Schule bedeutet das: Innerhalb ihres lange erstarrten Rahmens ist sie pausenlos überfordert von den anschwellenden Nebenwirkungen, die sie zusammen mit anderen kulturellen Trägersystemen seit über 200 Jahren produziert (z.B. die Reproduktion sozialer Ungleichheit). Diese Nebenwirkungen haben sich heute zu unvorhersehbaren und immer weniger steuerbaren Hauptwirkungen gemausert – im Sinne von Wechselwirkungen. Kausalität als Erklärungsmuster greift hier schon lange zu kurz, doch auch das sehen wir nicht, auch weil Schule uns Kausalität gelehrt hat.

Bild von kalhh auf Pixabay

Am Beispiel der Digitalität

In der Praxis sieht das dann so aus, dass der enorme Impact/Einfluss der Digitalität auf unsere gesamte Kultur im Bildungsbereich zu Überlegungen führt, wie sich das zum Beispiel auf die Veränderung und Anreicherung der Lehrinhalte auswirken müsste und ob dazu neue Fächer eingerichtet werden sollten – und ob und wie anders geprüft werden sollte und Wissen anders vermittelt.

Wir verbleiben also weiterhin innerhalb des Rahmens.

Auch wird überlegt, inwiefern digitale Technologien, Anwendungen und Geräte in die Organisation von Bildung integriert werden sollen und bis wohin. Nicht reflektiert wird, wie sich durch Digitalität die Funktionen, Rollen, Aufgaben, Prozesse, Strukturen und Verantwortlichkeiten verändern, sprich: das Design von Bildung und Lernen, und wie sich institutionelle Bildung neu aufstellen muss. Stattdessen verbleiben wir innerhalb eines Rahmens, der gar nicht mehr existiert – außer in unserem Denken, das wir ums Verrecken nicht hinterfragen wollen.

Denn Digitalität ist ein Phänomen, das Kultur und Gesellschaft auf eine neue Entwicklungsstufe hebt bzw. bereits gehoben hat. Diesen kulturellen Wandel kann das Schulsystem nicht mitmachen, auch weil es als Erfindung und Konstrukt einer untergegangenen Kultur in eine andere Epoche gehört.

Quelle Grafik: https://bit.ly/3t9lvB8

Diese Grafik aus dem OECD Lernkompass 2030 bringt es auf den Punkt: Im Kontext kulturellen Fortschritts (hier: Technologie, dunkle Linie), war die Bildung (helle Linie) jeweils erst „auf der Höhe der Zeit“, wenn die Kultur bereits auf halbem Weg in eine neue war. Die industriell geprägte Zielgröße der Prosperität (Wachstum) trat verzögert ein und verkürzt, und nicht ohne sozialen Schmerz/social pain (Verwerfungen in sozialen Gefügen).

Jetzt/heute sind die Steigungen, die kulturellen Wandel abbilden, exponenziell (gepunktete, helle, steile Linie). Getrieben durch Zukunftstechnologie – aber nicht nur. Vielmehr transformieren sich derzeit ALLE kulturellen Dimensionen wie z.B. Wissenschaft Forschung, Mobilität, Ökonomie, Kunst und Arbeit – und damit auch Prosperitäts-Vorstellungen selbst.

Das Bildungssystem, wie wir es kennen, kommt nicht mehr hinterher, jedoch: Die Bildung selbst als eine Aktivität von Menschen (du & ich) durchläuft eine Transformation. Sie verlässt die Gefäße und Räume von Schule & Co, um transformativ sein zu können bzw. weil sie es schlicht ist. Was dadurch auch zunimmt, ist der soziale Schmerz, der Digital Divide, sind die gesellschaftlichen Spaltungen und Verwerfungen.

Digitale Spaltung ist also nicht bloß ein großes Problem in Bildung und Schule – sondern zukünftig das Problem, das wir uns heute durch Schule und Bildung aufhalsen. Es gilt jetzt aufzuwachen und ein paar fundamentale Entscheidungen zu treffen.

Es ist höchste Zeit, Lernen und Bildung neu zu erfinden.

Schule, worauf wartest Du?

Auf Schule kommt ein tiefgreifender Wandel zu. Sie ist nicht mehr Nadelöhr, nicht mehr Gatekeeperin, die bestimmt, wer und was vorkommt. Sie sieht ihre Funktion nicht mehr in Selektion von Wissen und Menschen, sondern in der Organisation und Ermöglichung von Begegnung, Vernetzung, Austausch.

Titelbild: Pexels auf Pixabay

Bildung und Erziehung ruhen in unseren Köpfen und in der realen Gesellschaft auf zwei Säulen: Schule und Familie. Beide stehen momentan enorm unter Druck. Es werden hohe Anforderungen an sie gestellt und Erwartungen, die beide immer weniger erfüllen können, weil sowohl Familie als auch Schule mit Vorstellungen behaftet sind und mit Kopfbildern, die aus einer anderen Zeit stammen.

Zwar verändert sich der Alltag von Familien (und Elternsein) schon länger. Beschleunigt nicht zuletzt durch ökonomische Entwicklungen: neue Berufsbilder, flexible Arbeitsbedingungen, Job-Akkumulationen, und auch weil sich Rollenbilder, Gender- und Beziehungskulturen verändern: Unsere Selbstbilder sind stark in Bewegung geraten. Da kommen nicht alle „so einfach“ mit, manch eine:r erlebt sich überfordert, weil die teils fundamentalen Neu- und Umdeutungen in unseren Geschlechter- und Familienbildern ziemlich viel Flexibilität, Offenheit, Auseinandersetzung und Toleranz fordern – und die schüttle ich nicht aus dem Ärmel.

Schule als Kreativwerkstatt des kulturellen Wandels

Schule kann da helfen, unterstützen und entlasten, indem sie kulturelle Entwicklungen nicht nur inhaltlich thematisiert, sondern ihnen auch anders Raum gibt: Schule kann sich zu einem Netz von Netzwerken mausern, in dem Kinder und Jugendliche kulturellen Wandel in all seiner Buntheit und sich selber mittendrin ganz selbstverständlich erleben, gestalten und reflektieren.

Bild von Foundry Co auf Pixabay

Auf Schule kommt damit ein tiefgreifender Wandel in ihrem Selbstverständnis zu. Sie ist nicht mehr das Nadelöhr, nicht mehr die Gatekeeperin, die bestimmt, wer und was vorkommen soll und nicht. Sie sieht ihre Funktion und Aufgabe nicht mehr in der Selektion von Wissen, Information und Menschen, sondern in der Organisation und Ermöglichung von Begegnung, von Vernetzung, von fortwährendem Austausch, von Erkundung, Expedition und Serendipität, von Persönlichkeitentfaltung und Welterschließung. Damit dies möglich wird, werden sich Bildung und Erziehung zukünftig auf viel mehr Säulen stützen als heute. Sie werden immer mehr (und immer schneller) zu einem Auftrag, der zivilgesellschaftlich von viel mehr Schultern getragen wird, um ihn überhaupt leisten zu können.

Diese fundamentale Veränderung kann und will sich im Moment noch niemand so recht vorstellen. Gerade während der aktuellen Pandemie wird deutlich, wie sehr wir Lernen und Bildung noch immer auf zwei Pole reduzieren: Schule – und im Notfall zuhause.

Innovative Lerngemeinschaften (z.B. die Agora-Schulen in den Niederlanden oder die learnlife community), die die Zeichen der Zeit erkennen und entsprechend deuten, machen Lernen und Bildung hingegen zu einem fortwährenden Ereignis, das in viele kulturelle, gesellschaftliche und ökonomische Welten diffundiert – aber nicht „verdampft“. Sie bilden vielmehr Netzwerke, wo bis anhin klare Grenzen waren: hier Schule, dort der Rest der Welt.

Schule neu gemacht

Hier und da lese ich den Vorschlag, jetzt endlich Schule neu zu denken. Doch das ist eben längst an vielen Orten dieser Welt passiert und wird deshalb bereits neu gemacht. Die vielfältigen, sich überschlagenden Diskurse über Schule bei uns hier bringen die aktuelle und einigermaßen festgefahrene Bildungsproblematik also erst dann vom Fleck, wenn sie sich trauen, radikale Alternativen zu praktizieren.

Jetzt geht es um eine neue Praxis von Schule, Bildung und Lernen, die

-> die radikal sich verändernden Lebens- und Arbeitswelten von Familien, Eltern und Kindern ins Zentrum ihrer Aktivitäten gestellt hat;

-> die losgekommen ist von der klassischen Überzeugung, dass Bildung in einer Gesellschaft nur in der jetzigen Struktur und Form und deshalb auch nur von Schule geleistet werden (können) soll;

-> die alten Zöpfe abgeschnitten hat, an denen Schule bis heute hängt, und die sie so unbeweglich machen.

Konkret:

  • Nicht mehr darauf schielen, wie Lernen irgendwie bewertet und benotet werden könnte, sondern mal denen über die Schulter kucken, die jungen Leuten helfen, ihre persönliche Entwicklung anders einzuschätzen: resourcenorientiert und auf Resilienz fokussiert.
  • Nicht mehr Kinder und Jugendliche unterschiedslos in gleiche Jahrgangsgruppen stopfen, sondern sie (sich) selbst mitmischen lassen, sich finden lassen als Teil ihres Entwicklungsprozesses; nicht als Vorspiel, sondern als Bestandteil des Prozesses. Statt Klassen bilden Menschen neigungs- und projektbasierte autonome Gruppen. Sie nutzen die Heterogenität und die Zonen der nächsten Entwicklung nach Lew Wygotski.
  • Nicht mehr unterrichten. Wo diese Linearität wegfällt, beginnt das Lernen zu mäandern. Statt Fremdsteuerung entwickelt sich Selbststeuerung von Individuen, Gruppen und Prozessen. Statt Vermitteln entwickelt sich Erforschen & Ermitteln. Statt strukturellen, inhaltlichen und zeitlichen Vorgaben zu folgen, entwickeln Menschen kollaborative Prozesse. Statt sich disziplinarischer Kontrolle zu unterwerfen, entwickeln sie ein differenziertes Verhältnis zu ihren eigene Bedürfnissen und zu denen ihrer Mitmenschen.
  • Statt Lernende linear mit einem Wissenskanon zu versorgen, erschließen die sich von Grund auf & kokreativ die Welten gemäß ihres Entwicklungsstands, ihrer Interessen, Neugier und Potenziale. Sie organisieren sich das Wissen, das sie brauchen, um die ihnen entsprechenden Kompetenzen und Literacies zu entwickeln.
  • Statt weiterhin auf synchrone Präsenz zu pochen, ermöglicht Schule den Lernenden – der Ungleichzeitigkeit ihres Lernens geschuldet, ihrer eigenen Lernzeit und ihren eigenen Lerninteressen, Schwerpunkten und Vertiefungen zu folgen. Lernzeiten werden nicht mehr an Präsenz und nicht mehr an Gleichzeitigkeit gebunden. Menschen organisieren sich und ihre Lernprozesse durch vernetzende Indivualisierung.

Lust loszulegen? Dann hier reinhören und Kontakt aufnehmen:

https://open.spotify.com/episode/6ObwTWp792l8Sdceb4brev?si=J-BV6pOfQ1-HL76nbsYKUA

Das Jahr der vielen ersten Male. Ein Gastbeitrag

Mein Vetter Bengt Krezdorn ist Familien- und Ehemann, Vater von drei Söhnen, gelernter Kunstschmid, Imker und Naturfotograf und ernährt zusammen mit seiner Frau die Familie. Auch heuer, in dieser aufwühlenden Zeit, hat er auf Facebook seine Jahresendgedanken publiziert und ich freue mich, sie hier in meinem Blog dokumentieren zu dürfen.

Text & Fotos: Bengt Krezdorn

„Die Frage wird sein, wie gehen wir mit den Folgen von Corona um. Und nicht, wann das Ganze zu Ende ist, nicht, wann wir wieder zurückkehren zu 2019. Wir werden nicht zurückkehren – das ist klar, oder?“

Claudia Brözel, Professorin für Tourismuswirtschaft im SPIEGEL

Ein merkwürdiges Jahr geht zu Ende. Für uns alle hat sich einiges verändert, fast nie zum Guten oder sagen wir Besseren. Vielleicht steht der eine oder andere vor den Trümmern seiner Existenz, vor den Scherben seines Lebenstraums. Die allgegenwärtige Corona-Krise trägt dazu bei, bereits vorhandene Probleme und Konflikte zu verschärfen. Ich denke dabei ganz aktuell an den Brexit und die Probleme innerhalb der Europäischen Union oder im Gesundheitswesen. Vor diesem Hintergrund möchte ich euch meine subjektive Sicht auf dieses besondere Jahr schildern.

Viele von euch kennen mich als Pessimisten, als eingefleischten Schwarzseher. Vielleicht ist daher mancher etwas überrascht von einigen meiner Gedankengänge. Ich habe das Geschehen um die Pandemie von Anfang an vor allem als eine Chance wahrgenommen. Frank-Walter Steinmeier sagte in einer Rede zu Beginn des ersten Lockdowns im Frühjahr, dass die Welt eine andere sein werde, wenn das vorüber sei. Das war damals auch mein erster Gedanke und ich dachte noch: da kann was draus werden, wenn wir uns nicht wieder zu dämlich anstellen. Dann wäre dieses Opfer vielleicht nicht umsonst.Ich weiß schon: makaber! Denken jetzt sicher einige. Schließlich ist das die größte Katastrophe seit Menschengedenken, vergleichbar bloß mit den Weltkriegen oder der spanischen Grippe 1918-1920. Ja, tatsächlich! Wir alle haben Vergleichbares nicht erlebt.

Pflöcke im Treibsand

Und das ist auch schon mein erster Punkt. Je älter man wird, desto weniger erste Male kommen einem unter. Irgendwann hört es gefühlt ganz auf. Für mich war dieses Jahr voller erster Male. Das erste Mal Homeoffice, das erste Mal versuchen, drei Kinder daheim zu beschulen, ihnen Teilhabe am online-Unterricht zu ermöglichen. Zum ersten Mal face-time mit meinem Vater, zwei Stunden bevor er gestorben ist. Ich konnte ihn ja nicht mehr besuchen in Kanada. Die erste Weihnachtsfeier per Teams. Zum ersten Mal mit dem Rad zur Arbeit. Und dann immer wieder, den ganzen Sommer lang bis in den Oktober hinein. Zum ersten Mal mit Maske einkaufen gehen und dabei versuchen, den Mindestabstand einzuhalten. Zum ersten Mal in meinem Leben Ausgangssperre. Daheim sein müssen um acht Uhr.

Wenn man etwas zum ersten Mal macht, begegnet einem etwas Neues. Man macht Erfahrungen, die einem bisher unbekannt waren. Man lernt. Klar, das ist für Manchen ganz schön hart. Vieles von dem, was einem in dieser Krise zum ersten Mal begegnet, ist nicht dazu angetan, das Gemüt zu erheitern. Wenn man den Laden jetzt zum zweiten Mal wieder zuschließen muss für weiß der Himmel wie lang, oder wenn man nicht mehr auftreten darf. In der Messe- und Veranstaltungsbranche, im Tourismus ist die Luft grad sehr dünn, da gibt es wenig Spielräume. Das ist mir durchaus bewusst. Denen, die gar nicht über die Runden kommen können, hat der Staat ja Hilfen versprochen, aber weil der Staat halt so ist wie er ist, lässt er sich damit ziemlich viel Zeit. Der Einzelhandel und auch die Gastonomie hatten größtenteils schon im ersten Lockdown Mittel und Wege gefunden, ihre Kunden dennoch zu beliefern. Unser Buchhändler vor Ort hat seine Mitarbeiter die Bestellungen einfach ausfahren lassen und viele andere Geschäfte machen es inzwischen genauso. Fast alle Gaststätten bieten Take-out oder Lieferservice für ihre Gerichte an.

Wir lernen. Wir passen uns an

Das war schon immer so. Das ist unsere Natur, deshalb waren wir auch in den letzten 50.000 Jahren so grausam erfolgreich. In der ZEIT vom 23.12.2020 stand ein kurzer Bericht über einen jungen Schiffbauingenieur. Titel: „Ich sehe mich als Corona-Gewinner“ Was? Ja, der junge Mann war im April mit dem Studium fertig. Aus der zugesagten Stelle wurde nichts. Er musste sich umorientieren und ist auf die private Seenotrettung gekommen. Was als Notnagel begonnen hat, erwies sich als Berufung und inzwischen hat er dort eine Arbeit, die ihn sogar ernährt.

Es bleibt uns momentan wenig übrig, als uns – unser Verhältnis zur Welt – neu zu denken. Ganze Branchen werden möglicherweise verschwinden. Vielleicht müssen sie das auch. Schließlich war auch vor Corona schon klar, dass wir so nicht mehr weitermachen können. Wir fahren den kompletten Planeten auf Verschleiß ,und das wissen wir alle sehr genau, nur hat es unsere Entscheidungen bisher so gut wie nicht beeinflusst. Dank Corona stehen wir aber auf einmal – notgedrungen – auf der Bremse. Wenn die Tourismusindustrie jetzt kaum noch eine Rolle spielt, dann ist das gut für uns alle, denn es schont eine Menge Ressourcen, die wir ohnehin eigentlich gar nicht mehr zur Verfügung haben.

Bullshit-Jobs vs. Grundeinkommen

Ja, ich weiß: die vielen Menschen, die ihre Jobs verlieren. Riesenproblem! Wirklich? Ich bin mir da nicht so sicher, denn ernährt, gekleidet, behaust und gebildet haben wir diese vielen Leute auch vorher schon. Ein bisschen pervers finde ich, dass das direkt an den individuellen Beitrag zum Bruttosozialprodukt gekoppelt zu sein hat. Zumal auch das oft eine Fantasiegröße ist. David Graeber, auch einer von denen, die dieses merkwürdige Jahr so einfach hinweggefegt hat, hat den Begriff der sogenannten Bullshit-Jobs geprägt, also von Arbeit, die eigentlich nichts Sinnvolles hervorbringt, die bloß als Ausrede dafür dient, dem „Arbeitnehmer“ das Geld zu überweisen, dass er zum Leben braucht. Graebers Vorschlag zur Lösung des Problems war, die Bullshit-Jobber freizustellen und ihnen ein bedingungsloses Grundeinkommen zu zahlen.

Eine Überlegung, die mir dabei gerade durch den Kopf geht: das wäre wahrscheinlich auch gut für die Umwelt: Das Pendeln würde wegfallen. Das Heizen und Beleuchten vieler Büros könnte man sich sparen, ebenso die Serverleistung, die der Mitarbeiter belegt hätte. Die Firmen würden immense Personalkosten sparen, weit über die Gehälter hinaus. Eigentlich hätten wir alle was davon.

Zurück zum Tourismus. Momentan kann man fast nirgends hin. Für die Umwelt ist das ein Riesengewinn. Schließlich ist allein der Flugverkehr zeitweise um über 70% eingebrochen. Für manche Weltgegenden ist das aber dramatisch. Wer von den Urlaubern lebt, die Devisen bringen, schaut in die Röhre. Aus diesem Blickwinkel betrachtet ist die Lage oft sehr bescheiden. Da gibt es auch keine Patentlösung, die sich ad hoc anwenden ließe. Es bräuchte weltweite Solidarität, um andere Möglichkeiten des Auskommens in den Urlaubsgebieten zu schaffen.

Klatschen oder Solidarität?

Und plötzlich bewege ich mich im Konjunktiv und das verdirbt sehr schnell die Laune, denn der Konjunktiv deutet darauf hin, dass die angedachte Lösung wohl nicht funktioniert. Solidarität ist momentan schon innerhalb Europas ein vom Aussterben bedrohtes Konzept, mindestens ein stark gefährdetes. Das geht schon bei der Solidarität mit dem Pflegepersonal los. Mehr als Klatschen vom Balkon ist uns dazu nicht eingefallen. Das ist verdammt mager. Andererseits können wir auch nicht viel mehr tun. Den Rahmen für eine faire Bezahlung unserer Pflegekräfte muss die Politik setzen und darum drückt sie sich seit Jahrzehnten recht erfolgreich. Vielleicht wäre jetzt Zeit für eine Mail an den Bundestagsabgeordneten? Ein bisschen was geht schließlich immer. Viele von uns versuchen ja auch in dem Mass, wie es ihnen möglich ist, andere zu unterstützen, lokal einzukaufen, die Lieferdienste der Gaststätten zu nutzen und vielleicht auch Gutscheine zu erwerben für Dienstleistungen für die Zeit nach dem Lockdown. Microkredite sozusagen. Alles das hilft ein wenig und ich hoffe auch, dass es in unseren Köpfen etwas verändert und unseren Blick schärft für die Dinge die zählen.

Es gibt verdammt viel zu tun für uns und diese Krise hat uns klar gezeigt, wo die Baustellen sind. Wir müssen jetzt anfangen diese Baustellen abzuschließen. Die Krise bietet uns eine einmalige Chance dazu. Wofür ich dieses Jahr dankbar bin, das sind die vielen ersten Male, diese Momente der Erkenntnis und des Lernens, von denen es in diesem außerordentlichen Jahr wirklich eine Menge gegeben hat. Mir hat das gezeigt, wie flexibel und anpassungsfähig wir sein können, wenn wir wach sind und uns auch weiterentwickeln wollen. Ich hatte alles in allem ein tatsächlich für mich persönlich erfülltes und in vielen einzelnen Momenten auch schönes Jahr voller neuer Erkenntnisse über mich selbst und uns als Gemeinschaft.

Es ist schön mit euch, Leute! Macht‘s gut, wir sehen uns nächstes Jahr!

Bildungsgerechtigkeit durch Präsenzunterricht: Warum das eine Lüge ist und das Gegenteil der Fall.

Titelbild: Irgendein Gymnasium (Quelle: Autor)

Alle müssen zur Schule. Nur so sei Bildungsgerechtigkeit gewährleistet. Nur so würden junge Menschen auf eine erfolgreiche Zukunft vorbereitet – so tönt es aus den Kanälen der Bildungspolitik. Doch die Reproduktion von Stoff führt nicht zu Gerechtigkeit – und vermittelt wird durch die Hintertür etwas anderes.

Die Inhalte, die wir grundsätzlich auf den ersten Platz stellen, Stoff und Wissen, sind in jeder Hinsicht zweitrangig. Wir vergessen das meiste davon wieder. Der Unterrichtsstoff ist vielmehr ein Transportmittel. Mit seiner Hilfe vollziehen wir den Kernauftrag von Schule, der nicht in der Wissensvermittlung liegt, sondern in der Selbstreproduktion von Kultur. Der Stoff ist eine Lokomotive.

In neun Schuljahren lernten die Kinder Lesen zum Entziffern der Werbeanzeigen. Schreiben, zum Bestellen von Waren, Rechnen zum Kalkulieren der Ratenzahlungen. Lesen, Schreiben, Rechnen. Für andere Dinge war keine Zeit.

Wolfgang Bittner (Quelle)

Durch Schule reproduziert und implantiert eine Kultur nicht Wissen, sondern sich selbst. Hierarchien, Menschenbilder, Werte und Normen, Verhaltenskodices, Überzeugungen von Gesellschaft und Zusammenleben, Sinn und Lebensziele, ästhetische Urteile, Vorstellungen von Geschlecht und Beziehung. Was und wie ein Mensch sei und wie nicht, wie er und sie lebt, was richtig und falsch ist, gut und böse. Das alles reproduziert Kultur mithilfe von Kulturtechnik.

Lesen, Schreiben, Rechnen: ein geschicktes Ablenkungsmanöver

Es ist also nicht die Kulturtechnik, die wir durch Schule reproduzieren, sondern die Kultur, die wir mit Hilfe ihrer Technik reproduzieren: Kinder müssen „in die Schule“, weil nur so ihre Eltern das tun können, worauf Schule zuvor sie vorbereitet hat. Und nur wenn Kinder zur Schule gehen, kann Schule sie auf das vorbereiten, worauf sie bereits deren Eltern vorbereitet hat. So geht Reproduktion von Kultur.

Der Fokus auf Stoff und Wissen, der Ruf nach Bildungsgerechtigkeit durch Präsenzunterricht, also: alle denselben Stoff zur selben Zeit am selben Ort in der selben Form, im selben Tempo – das ist bloß ein Ablenkungsmanöver. Die Kultur lässt sich einfach leichter reproduzieren, solange alle daran glauben, es würde um Wissen, Stoff und Kulturtechnik gehen. „Sozialisationsprozesse sind dann erfolgreich, wenn die Individuen am Ende genau das tun wollen, was das System benötigt, um sich zu reproduzieren.“ (Zygmunt Baumann, Leben in der Flüchtigen Moderne, S. 150).

Auf dem Weg zum Erfolg: Informationen von A nach B tragen.
Aus einem Werbevideo eines privaten Gymnasiums (Quelle: youtube. Release: 19.11.2020)

Ein Beispiel

Ich kann Unterrichtsstoff wie „Menschenrechte“ oder „Menschenwürde“ so durchnehmen (aka „unterrichten“), dass ich dadurch gegen beide verstoße, indem ich z.B. Unterricht misogyn, rassistisch, homophob, autoritär organisiere (strukturell) und durchführe (Prozess). Was ich dabei reproduziere, ist Kultur, sind Menschenbilder.

„Wer nämlich mit ‚h‘ schreibt, ist dämlich.“

Umgekehrt: Wenn mir wichtig ist, dass wir Menschenrecht und Menschenwürde verwirklichen, brauchen wir dafür keine Schule und keinen Unterricht, sondern eine bestimmte Art des sozialen Miteinanders, das wir überall gestalten können.

Wichtig im Kontext von Schule ist immer die Frage: Welche Kultur reproduziert sich da? Das finden wir nicht über das heraus, was sie inhaltlich reproduziert, nicht über Formeln, Texte und Landkarten, sondern über die Kultur, in der sie es tut.

Was ich in der Schule lerne

  • Wer vorne steht, hat das Sagen – egal, was er oder sie sagt.
  • Autoritäre Autoritäten bestimmen über meinen Alltag: wie ich ihn gestalte, wo ich mich wann aufhalte, was ich wann mache und nicht, mit wem und was ich mich beschäftige und nicht, wofür ich Zeit einsetze, die niemals meine ist, weil andere sie mir zuteilen und sie portionieren, sie mir geben und nehmen.
  • Individuelle Bedürfnisse sind mindestens zweitrangig. Es ist besser, sich nicht so intensiv mit ihnen zu beschäftigen bzw. sie gar zu einem Bestandteil meines Lernens und meiner Bildungsprozesse zu machen.
Martin Walser (1982), Heimatlob, S. 34, 37. Insel Verlag.
  • Die Bewertung durch andere ist jederzeit Ausgangs- und Zielpunkt meiner Selbsteinschätzung. Im Zweifelsfall gilt, wie andere mich einschätzen.
  • Es entscheiden immer andere über richtig und falsch. Ich lerne, diese Perspektive zu übernehmen. Ich lerne nicht zu entscheiden, was richtig und was falsch ist. Ich lerne, dass andere darüber entscheiden. Das lerne ich als richtig. Ich verinnerliche das.
  • Andere entscheiden über mich.
  • Protest führt zu Sanktion und Verlust von Chancen.
  • Ich habe keinen Einfluss auf die äußeren Bedingungen meines Lernens. Auch nicht auf die Gestaltung der Rahmenbedingungen. Sie sind immer von anderen gesetzt.
  • Wer es mit Autoritäten gut kann, wird Erfolg haben.

Und wenn du beim Lesen denkst: „Aber ja, darum geht es doch im Leben später auch. So ist das Leben, so ist die Arbeit!“ – dann liegst du richtig.

Es geht in der Schule darum, eine Kultur zu reproduzieren. Eine Kultur der Kontrolle. Eine Kultur der Reiblungslosigkeit. Eine Kultur des sich Ein- und Unterordnens. Eine Kultur der Milieus und der Schichten, des Oben und des Unten. Eine Kultur, deren Basis die Selektion bildet. Eine Kultur, in der im Wesentlichen immer andere über dein Leben, dessen Spielräume und seine Gestaltung entscheiden.

Darauf bereitet Schule vor, indem sie es tut.

Warum also Präsenzunterricht?

Schule braucht den direkten, umfassenden, physischen Zugriff auf Kinder und Jugendliche. Nur so kann sie ihren Auftrag der Reproduktion von Kultur erfüllen. Je weniger Zugriff sie auf die Lernenden hat, je weniger die ihrer Kontrolle unterstehen, je freier und diverser die ihr Lernen gestalten, zusammen mit unzähligen Akteuren der Zivilgesellschaft, umso mehr schrumpfen die Möglichkeiten zur Kontrolle, umso schwieriger wird es für Schule, Kultur zu reproduzieren.

Darum geht’s bei Präsenzunterricht.

Ein Elternbrief

In unserer Gesellschaft gibt es so unglaublich viele spannende, interessante, kompetente Menschen, die Kinder haben, und die ihren Kindern so viel bieten können, wenn sie denn zusammenkommen und sich gegenseitig Kraft geben, um ihre Kinder in deren Leben hinein zu begleiten. Dazu braucht es die Schule, unter der Kinder heute leiden, überhaupt nicht. Im Gegenteil.

Titelbild von Victoria Borodinova auf pexels

Schulen verschicken Elternbriefe um Eltern zu informieren, was in Schulen so abgeht. Diese literarische Gattung werde ich jetzt verfremden. Denn es gibt gute Nachrichten: Neuere Initiativen des Lernens, die das Kind und die Jugendliche ins Zentrum stellen, haben deshalb Erfolg, weil Mütter und Väter dahinterstehen. In zweifacher Hinsicht: Entweder sie unterstützen solche Initiativen, indem sie ihr Kind dort lernen lassen, oder sie gründen selber eine – und/oder beides. Diese ermutigende Tatsache hat mich auf den Gedanken gebracht, dass hier ein Schlüssel liegen könnte für die Überwindung unseres Schulsystems.

Liebe Eltern: Es braucht jetzt euren Widerstand

Euren Widerstand gegen das Schulsystem. Anders hört das nicht auf. Dafür braucht es jetzt euch, die Eltern: Solidarisiert euch. Tut euch zusammen und entscheidet: Wir schicken unsere Kinder da nicht mehr hin.

Lasst euch nicht mehr gegeneinander ausspielen. Lasst euch vom Schulsystem nicht mehr einreden, dass sie schließlich das beste für eure Kinder tun. Es stimmt nicht. Lasst euch nicht mehr einreden, dass die einen von euch bildungsfern sein sollen und die anderen bildungsnsah. Damit ist nämlich nur gemeint, dass manche Kinder besser mit dem klarkommen, was Schule mit ihnen macht und manche nicht so gut. Manche Kids kommen einfach besser mit Beschulung klar, andere weniger gut. Mit bildungsnah oder -fern hat das nichts zu tun.

Tut euch zusammen. Fangt damit an, euch gegenseitig zu stärken und zu unterstützen. Gebt euch gegenseitig Kraft, um auch jene Spalt-Bilder zu überwinden, die Schule und Lehrer:innen auf euch und auf eure Kinder projizieren, weil sie nicht ohne diese Schubladen sein können.

Lasst eine Elternkraft und eine Elternmacht entstehen, die aus gegenseitiger Solidarität wächst. Lasst zum Beispiel ganze Klassen nicht mehr in der Schule auftauchen. Dann wird es für Ämter schon schwieriger mit repressiven Maßnahmen, als wenn nur einzelne Eltern ihr Kind da rausnehmen.

Anders kriegen wir keine Bewegung in das System rein, das immer so weitermachen wird, solange ihr eure Kinder da hinschickt.

Denn: Es gibt andere Wege des Lernens und Wachsens, auf denen es euren Kindern besser geht und dadurch auch euren Familien, die dadurch entlastet werden, die sich gegenseitig entlasten und Ressourcen freikriegen für sich selbst, für Entwicklungsthemen, oder einfach nur fürs Wohlfühlen und glücklich sein. Klingt unwahrscheinlich? Vielleicht, aber von diesen Initiativen gibt es immer mehr. Und sie funktionieren.

Nicht nur nicht hinschicken

Statt eure Kinder nur nicht hinzuschicken, das alleine wäre ja Quatsch, könnt ihr Netzwerke bilden. Ihr könnt Netzwerke bauen in euren Lebens- und Arbeitswelten und euch konsequent verbinden, euch digital und analog vernetzen, die Bildungs- und Lernarbeit eurer Kinder selber organisieren, indem ihr die analogen und physischen Räume unserer Gesellschaft nutzt, indem ihr sie öffnet, indem sich dort Akteure vernetzen und aktiv werden, und indem ihr Lernen und Bildung zu einer lebendigen, fundamentalen, lustvollen Tätigkeit von Zivilgesellschaft macht. Der Film Caraba erzählt übrigens von dieser Vision.

Zum Beispiel

  • Gerade jetzt könnte doch ein großartiges Netzwerk zu spielen anfangen: Wenn ihr Eltern eure beruflichen Verbindungen spielen lasst, die Kontakte zu euren Arbeitgeber:innen, falls ihr nicht selber welche seid, eure eigene Firma ins Spiel bringen, Kontakte zu interessanten, neuen Unternehmensformen spielen lassen. Kleine und kleinste Gruppen von Lernenden könnten entstehen, womöglich unterstützt durch Sozialarbeitende, durch Institutionen, die Sozialpädagogik anbieten.
  • Ihr könntet anfangen, miteinander Gesellschaft in Besitz zu nehmen, um euren Kindern und Jugendlichen das Lernen zu ermöglichen, das sie brauchen – und lieben. Ein Lernen, das mitten in ihren Lebenswelten stattfindet. Freigelassen und quasi „unisoliert“, losgelöst von den künstlichen Grenzen des Schulsystems, die sie bisher in diese engen, beengten und beengenden Lehrräume sperren – mental ebenso wie physisch.
  • Das Lernen und das Entwickeln von Kompetenz eurer Kinder und Jugendlichen könnte sich ausbreiten in diese Lebens-, Lern- und Arbeitsräume, in denen sie dann, jederzeit gut geschützt und begleitet, mit Abstandsregeln und Hygieneregeln, die besser wären als in jeder Schule, das Leben kennen und begreifen lernen. Begleitet und betreut durch ältere Schüler:innen, die Verantwortung übernehmen (lernen) wie früher in der Jugendarbeit, begleitet durch Auszubildende in Firmen oder auch Studierende, denen gerade selber die Pläne durcheinander geraten, die gemeinsam Verantwortung übernehmen und sich um kleine und Kleinstgruppen von Lernenden kümmern, die ihnen auch gar nicht fremd sein müssen, weil Geschwister oder andere Anverwandte in ihnen vorkommen.
  • Es gäbe da womöglich auch diese bis aufs Blut ausgenützten Praktikant:innen, die für wenig Geld, meist in Firmen der Kreativbranche, für dubiose Karriereversprechen ihre jungen Jahre opfern: Die hätten womöglich Lust und in jedem Fall Zeit und andere Ressourcen, mit Jugendlichen zusammen was zu arbeiten. Es gibt Leute in Sport- und anderen Vereinen, die sich ehrenamtlich um junge Menschen kümmern, die könnten jetzt aktiviert werden. Die Bänker könnten ihre Krawatten ablegen und ihre Teppichetagen lüften.

Wenn wir jetzt als Gesellschaft in Bewegung kommen würden, Ideen zusammenbringen und Engagement, wenn wir die vielen unsichtbaren und sichtbaren Mauern und Grenzen ignorieren und aufeinander zukommen würden, um die Verantwortung für die kommende Generation zu teilen, statt sie weiterhin einfach in diese Kaninchenställe zu stecken:

Dann würde Schule womöglich merken und begreifen, dass es ohne sie geht; Dass es erst recht ohne sie geht. Dann kommen die vielleicht auf die Idee, was sie von sich her tun könnten, damit es mit ihnen geht.

Diese Idee des dichten Vernetzens von Lernen und Bildung mit allen möglichen Akteur:innen der Gesellschaft liegt übrigens auch der Agora zugrunde, einem innovativen Ansatz von Schule, der sich gerade in den Niederlanden erfolgreich etabliert.

Sollen Schulen mittelmäßige Roboter hervorbringen oder erstklassige Menschen? Und: Welche Art von Bildung brauchen wir, um die Probleme zu lösen, mit denen wir als Gesellschaft gegenwärtig konfrontiert sind? Nils Landolt hat die Antworten.

Schafft für eure Kinder Lernräume, in denen es um ihre Zukunft geht

Schule, wie sie heute ist, steht weder auf der Seite der Kinder, noch auf der Seite der Eltern. Sie ist ein rein selbstbezüglich funktionierender Apparat, in dem es nur darum geht, dass er sich selbst aufrecht und am Leben erhält: seine Beschulungskultur, seine Be- und Entwertungskultur, seine Instruktions- und Unterrichtskultur, das künstliche Einteilen von Menschen in Jahrgangsgruppen, die alles und jeden gleichschaltende Präsenzkultur – das alles gibt es nur, damit der Apparat Schule sich und seine Prozesse aufrecht halten kann, damit er sich selbst irgendwie am Laufen halten kann.

Um Kinder und deren Zukunft geht es da nicht.

Das müsst ihr Eltern endlich begreifen, und womöglich habt ihr das längst begriffen und traut euch einfach nicht, dagegen aufzustehen.

Tut euch zusammen, sucht euch Unterstützung durch andere und mit anderen Eltern, immer mit dem Fokus auf die Kinder, deren aktuelles Wohlergehen und ihre Zukunft – und auf die Zeit dazwischen. Nehmt das Lernen, die Bildung und damit die Zukunft eurer Kinder selber in die Hand. Und wenn das unter Einbezug von Schule ist: ok.

Entscheidend ist doch, dass ihr als Eltern zusammen mit euren Kindern darüber bestimmt, wie, wo, was und mit wem die wann lernen.

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Solidarität zwischen Eltern – der Kinder wegen

Ihr könnt euch gegenseitig stärken im Vertrauen auf eure Wahrnehmung, was die Zukunftschancen und Zukunftspotentiale eurer Kinder betrifft. Ihr könnt diesbezüglich sprachfähig werden und auch sprachmutig.

Das mit der Solidarität zwischen den Eltern meine ich bitterernst, denn Eltern wissen schon seit Generationen, dass das, was Schule mit Kindern macht, im besten Fall suboptimal auf Zukunft vorbereitet und auch gar nicht bei der Gegenwart ihrer Kinder ansetzt. Schule wird den individuellen Lebensgeschichten, Bedürfnissen und Potenzialen von Kindern nicht gerecht. Das kann sie gar nicht von ihrem Aufbau, von ihrem Selbstverständnis, von ihren Strukturen, Aufgaben, Funktionen und Prozessen her. Das ist alles im Gegenteil darauf angelegt, das Individuelle am Lernen zu minimieren, um „alle zu erreichen“. Was für ein Quatsch!

Als Eltern wisst ihr, dass Prüfungen eure Kinder von individueller Entwicklung abhalten, weil sie den Fokus vom Individuum und seiner Entwicklung weg lenken. Schule verhindert, das euer Kind sich intensiver mit Phänomenen auseinandersetzt, die ihm oder ihr entsprechen, und weil sie dort ihre Talente und Potenziale haben. Schule kann euren Kindern gar nicht die Förderung geben, die sie brauchen, um an ihre Potenziale heranzukommen. In der Schule bedeutet „Förderung“ immer eine Unterstützung von Kindern beim Anpassen an die offizielle Lehr-Lern-Doktrin. Förderung soll aus Schulperspektive dafür sorgen, dass Kinder im Ablauf weniger auffällig werden.

Als Eltern wisst ihr, dass Noten und Prüfungen und alle die anderen Be- und Entwertungsstrategien von Schule überhaupt nichts über euer Kind und über dessen oder deren Potenziale aussagen, sondern nur etwas über ihre und seine Anpassungsmöglichkeiten an das Selektionssystem Schule.

Das alles wisst ihr als Eltern. Eure Kinder spüren es, ihr wisst es. Wir alle haben es durchgemacht. Was es jetzt braucht, um dem allem Einhalt zu gebieten, um der Kinder und um deren Gegenwart und Zukunft willen, und dadurch eben auch für das Wohlergehen der Familien (Kinder, die sich entfalten können und deren individuelle Entwicklungswege respektiert werden, die werden auch zu anderen Kindern in familiären Kontexten), ist eine Solidarität von euch Eltern untereinander um eurer Kinder willen.

Es braucht Eltern wie dich, die einander Kraft geben um sagen zu können: erstens schicke ich mein Kind nicht mehr da hin, und zweitens sorgen wir gemeinsam für Alternativen.


In unserer Gesellschaft gibt es so unglaublich viele spannende, interessante, kompetente Menschen, die Kinder haben, und die ihren Kindern so viel bieten können, wenn sie denn zusammenkommen und sich gegenseitig Kraft geben, um ihre Kinder in deren Leben hinein zu begleiten. Dazu braucht es die Schule, unter der Kinder heute leiden, überhaupt nicht. Im Gegenteil.

Ich bin ganz sicher, das in jeder Mutter und in jedem Vater eine Utopie schlummert, die vielleicht auch etwas mit der Beziehung zu tun hat, die du zu deinem Kind hast, eine Utopie von einem guten Leben. Auch von einem guten Leben miteinander und untereinander. Vorstellungen von einem gelingenden Ko-Existieren.

Photo: Karen Robinson for the Observer


Da geht es um die brandaktuelle Frage, wie wir zusammenleben wollen als Gesellschaft, und wie wir uns allen gemeinsam eine Chance geben wollen auf ein glückliches, gesundes und nachhaltiges Leben. Das hat so wahnsinnig viel mit der Art und Weise zu tun, wie wir mit unseren Kindern und Jugendlichen umgehen, und was wir denen ermöglichen und vorenthalten – auch an sozialen Erfahrungen. Von dieser Seite nähere ich mich der Bildungsthematik.

Diese Utopie oder Vision gemeinsam zu artikulieren und in der ganzen Vielfalt und Heterogenität zur Ausgangslage für Bildung, Lernen und Erziehung zum machen, das ist, finde ich, eine ganz zauberhafte Utopie, in der wir uns zwar von Anfang an in Ruhe (leben) lassen – um dann dort „gemeinsam zu werden“, wo wir um der Kinder willen gemeinsam etwas unternehmen.

Kultursoziologie und Sozialpsychologie lassen Rückschlüsse darauf zu (Rudger Bregman schreibt seit Jahren darüber), dass Menschen, auch die, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben (wollen), die einander eher aus dem Weg gehen, die misstrauisch sind, die argwöhnisch sind, weil sei aus verschiedenen Kulturen kommen, und weil sie sich und andere anderen Schichten zuordnen,

dass Menschen in dem Moment willens und fähig werden, an einem Strang zu ziehen, wenn sie ein gemeinsames Anliegen artikulieren können. Und das könnten doch die Kinder sein. Also für einmal nicht „der gemeinsame Feind“, gegen den sich Menschen kurzzeitig verbünden, sondern ein positives, lebensförderliches Anliegen, ein Ziel: die Kinder. Nicht „Schule“ als zu bekämpfender Feind, sondern die solidarische Entwicklung neuer Lernwelten.

Raus aus dem autoritären Obrigkeitsdenken

Und vielleicht gehört zu diesem Weg und Prozess auch, dass wir Erwachsene aus dem tief in uns verankerten, autoritären Obrigkeitsdenken rausfinden, das uns durch Bildung und Erziehung eingeimpft wurde – und das wir uns schon als Kinder aktiv einverleibt haben: Wer in der Schule das Sagen hat, wer über Zugänge und Übergänge im Kontext von Karrieren und damit Lebenswegen bestimmt, und wie stark das in der Schule heute noch gekoppelt ist an autoritäre und adultistische Beziehungsstrukturen und Rollenverständnisse.

Auch da ist für dich und mich ein persönlicher und ein kultureller Fortschritt möglich, indem wir anfangen zu reflektieren, mit welchen Erfahrungen und Rollenbildern wir selber als Eltern unterwegs sind, und warum wir deshalb auch (unbewusst) unseren Kindern diesen Weg zumuten. Die müssen aber gar nicht diesen Weg gehen.

Und um was es mir in all dem gar nicht geht, und was ich damit auch gar nicht anstoßen möchte, ist dass wir Kinder ausspielen gegen das Schulsystem, dass wir sie in die erste Frontreihe eines Erwachsenenkrieges stellen im Kampf gegen irgendein System. Ich habe jederzeit vor Augen, dass es uns dabei tatsächlich um Kinder geht, um deren Wohl, um deren Entwicklung, um deren Gegenwart und Zukunft.

Oder um einen der beeindruckensten Anwälte der Kinder zu Wort kommen zu lassen – Remo Largo: