Irgendwas ist anders

Das Schulsystem braucht kein Update mehr, weil sein Code nicht mehr anschlussfähig ist. Das Programm muss neu geschrieben werden.

Titelfoto: Gerd Altmann auf Pixabay

Jetzt sollen Corona und der Kälteeinbruch auch noch mit dem Klimawandel zusammenhängen. So unwahrscheinlich ist das nicht, denn alles hängt mit allem zusammen. Mehr als je zuvor handeln wir in einer völlig vernetzten Welt. Doch was wir tun und lassen, das hat mittlerweile mehr Nebenwirkungen, die sich gegen uns verbünden, als wir davon profitieren würden. Womit hängt das jetzt wieder zusammen?

Auch damit: Wir wollen über das grundsätzliche Setting, in dem wir uns täglich bewegen, nicht kritisch werden. Stattdessen setzen wir den „großen Rahmen“ als gegeben voraus. In der Ökonomie zum Beispiel wähnen wir den kapitalistischen Rahmen als alternativlos und in der Bildung den des traditionellen Schulsystems. Letzteres wurde während der ersten industriellen Revolution programmiert & installiert und seither nicht mehr verändert.

Auch deshalb kann sich Schule nicht an die sich immer schneller verändernden Umstände anpassen, sondern hält am umgekehrten Weg fest: Technologische Entwicklungen sollen mühsam in den bestehenden Rahmen integriert werden. Sie brechen das „framing“ nicht auf, auch jetzt nicht, wo Schule im Angesicht der Pandemie völlig überfordert ist. Nach wie vor zeigt sie sich unfähig, die Kontingenz dieses Rahmens zu begreifen.

Metaphorische Schlussfolgerung: Das Schulsystem braucht kein Update mehr, weil sein Code nicht mehr anschlussfähig ist – aka lesbar.

Die Nebenwirkungen machen das Rennen

Doch die Schule bildet da keine Ausnahme. Unser gesamtes Setting agiert nur noch an seinen Grenzen. Auch mit seinen Notfallszenarien kann es nicht mehr hinreichend für eine Kontinuität kultureller Grundvollzüge sorgen: Ver- und Entsorgung, Kommunikation, Mobilität, Gesundheit, Kunst, Sicherheit, politische Kommunikation, Bewahrung der Lebensgrundlagen – und eben Bildung.

Für die Schule bedeutet das: Innerhalb ihres lange erstarrten Rahmens ist sie pausenlos überfordert von den anschwellenden Nebenwirkungen, die sie zusammen mit anderen kulturellen Trägersystemen seit über 200 Jahren produziert (z.B. die Reproduktion sozialer Ungleichheit). Diese Nebenwirkungen haben sich heute zu unvorhersehbaren und immer weniger steuerbaren Hauptwirkungen gemausert – im Sinne von Wechselwirkungen. Kausalität als Erklärungsmuster greift hier schon lange zu kurz, doch auch das sehen wir nicht, auch weil Schule uns Kausalität gelehrt hat.

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Am Beispiel der Digitalität

In der Praxis sieht das dann so aus, dass der enorme Impact/Einfluss der Digitalität auf unsere gesamte Kultur im Bildungsbereich zu Überlegungen führt, wie sich das zum Beispiel auf die Veränderung und Anreicherung der Lehrinhalte auswirken müsste und ob dazu neue Fächer eingerichtet werden sollten – und ob und wie anders geprüft werden sollte und Wissen anders vermittelt.

Wir verbleiben also weiterhin innerhalb des Rahmens.

Auch wird überlegt, inwiefern digitale Technologien, Anwendungen und Geräte in die Organisation von Bildung integriert werden sollen und bis wohin. Nicht reflektiert wird, wie sich durch Digitalität die Funktionen, Rollen, Aufgaben, Prozesse, Strukturen und Verantwortlichkeiten verändern, sprich: das Design von Bildung und Lernen, und wie sich institutionelle Bildung neu aufstellen muss. Stattdessen verbleiben wir innerhalb eines Rahmens, der gar nicht mehr existiert – außer in unserem Denken, das wir ums Verrecken nicht hinterfragen wollen.

Denn Digitalität ist ein Phänomen, das Kultur und Gesellschaft auf eine neue Entwicklungsstufe hebt bzw. bereits gehoben hat. Diesen kulturellen Wandel kann das Schulsystem nicht mitmachen, auch weil es als Erfindung und Konstrukt einer untergegangenen Kultur in eine andere Epoche gehört.

Quelle Grafik: https://bit.ly/3t9lvB8

Diese Grafik aus dem OECD Lernkompass 2030 bringt es auf den Punkt: Im Kontext kulturellen Fortschritts (hier: Technologie, dunkle Linie), war die Bildung (helle Linie) jeweils erst „auf der Höhe der Zeit“, wenn die Kultur bereits auf halbem Weg in eine neue war. Die industriell geprägte Zielgröße der Prosperität (Wachstum) trat verzögert ein und verkürzt, und nicht ohne sozialen Schmerz/social pain (Verwerfungen in sozialen Gefügen).

Jetzt/heute sind die Steigungen, die kulturellen Wandel abbilden, exponenziell (gepunktete, helle, steile Linie). Getrieben durch Zukunftstechnologie – aber nicht nur. Vielmehr transformieren sich derzeit ALLE kulturellen Dimensionen wie z.B. Wissenschaft Forschung, Mobilität, Ökonomie, Kunst und Arbeit – und damit auch Prosperitäts-Vorstellungen selbst.

Das Bildungssystem, wie wir es kennen, kommt nicht mehr hinterher, jedoch: Die Bildung selbst als eine Aktivität von Menschen (du & ich) durchläuft eine Transformation. Sie verlässt die Gefäße und Räume von Schule & Co, um transformativ sein zu können bzw. weil sie es schlicht ist. Was dadurch auch zunimmt, ist der soziale Schmerz, der Digital Divide, sind die gesellschaftlichen Spaltungen und Verwerfungen.

Digitale Spaltung ist also nicht bloß ein großes Problem in Bildung und Schule – sondern zukünftig das Problem, das wir uns heute durch Schule und Bildung aufhalsen. Es gilt jetzt aufzuwachen und ein paar fundamentale Entscheidungen zu treffen.

Es ist höchste Zeit, Lernen und Bildung neu zu erfinden.

Schule, worauf wartest Du?

Auf Schule kommt ein tiefgreifender Wandel zu. Sie ist nicht mehr Nadelöhr, nicht mehr Gatekeeperin, die bestimmt, wer und was vorkommt. Sie sieht ihre Funktion nicht mehr in Selektion von Wissen und Menschen, sondern in der Organisation und Ermöglichung von Begegnung, Vernetzung, Austausch.

Titelbild: Pexels auf Pixabay

Bildung und Erziehung ruhen in unseren Köpfen und in der realen Gesellschaft auf zwei Säulen: Schule und Familie. Beide stehen momentan enorm unter Druck. Es werden hohe Anforderungen an sie gestellt und Erwartungen, die beide immer weniger erfüllen können, weil sowohl Familie als auch Schule mit Vorstellungen behaftet sind und mit Kopfbildern, die aus einer anderen Zeit stammen.

Zwar verändert sich der Alltag von Familien (und Elternsein) schon länger. Beschleunigt nicht zuletzt durch ökonomische Entwicklungen: neue Berufsbilder, flexible Arbeitsbedingungen, Job-Akkumulationen, und auch weil sich Rollenbilder, Gender- und Beziehungskulturen verändern: Unsere Selbstbilder sind stark in Bewegung geraten. Da kommen nicht alle „so einfach“ mit, manch eine:r erlebt sich überfordert, weil die teils fundamentalen Neu- und Umdeutungen in unseren Geschlechter- und Familienbildern ziemlich viel Flexibilität, Offenheit, Auseinandersetzung und Toleranz fordern – und die schüttle ich nicht aus dem Ärmel.

Schule als Kreativwerkstatt des kulturellen Wandels

Schule kann da helfen, unterstützen und entlasten, indem sie kulturelle Entwicklungen nicht nur inhaltlich thematisiert, sondern ihnen auch anders Raum gibt: Schule kann sich zu einem Netz von Netzwerken mausern, in dem Kinder und Jugendliche kulturellen Wandel in all seiner Buntheit und sich selber mittendrin ganz selbstverständlich erleben, gestalten und reflektieren.

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Auf Schule kommt damit ein tiefgreifender Wandel in ihrem Selbstverständnis zu. Sie ist nicht mehr das Nadelöhr, nicht mehr die Gatekeeperin, die bestimmt, wer und was vorkommen soll und nicht. Sie sieht ihre Funktion und Aufgabe nicht mehr in der Selektion von Wissen, Information und Menschen, sondern in der Organisation und Ermöglichung von Begegnung, von Vernetzung, von fortwährendem Austausch, von Erkundung, Expedition und Serendipität, von Persönlichkeitentfaltung und Welterschließung. Damit dies möglich wird, werden sich Bildung und Erziehung zukünftig auf viel mehr Säulen stützen als heute. Sie werden immer mehr (und immer schneller) zu einem Auftrag, der zivilgesellschaftlich von viel mehr Schultern getragen wird, um ihn überhaupt leisten zu können.

Diese fundamentale Veränderung kann und will sich im Moment noch niemand so recht vorstellen. Gerade während der aktuellen Pandemie wird deutlich, wie sehr wir Lernen und Bildung noch immer auf zwei Pole reduzieren: Schule – und im Notfall zuhause.

Innovative Lerngemeinschaften (z.B. die Agora-Schulen in den Niederlanden oder die learnlife community), die die Zeichen der Zeit erkennen und entsprechend deuten, machen Lernen und Bildung hingegen zu einem fortwährenden Ereignis, das in viele kulturelle, gesellschaftliche und ökonomische Welten diffundiert – aber nicht „verdampft“. Sie bilden vielmehr Netzwerke, wo bis anhin klare Grenzen waren: hier Schule, dort der Rest der Welt.

Schule neu gemacht

Hier und da lese ich den Vorschlag, jetzt endlich Schule neu zu denken. Doch das ist eben längst an vielen Orten dieser Welt passiert und wird deshalb bereits neu gemacht. Die vielfältigen, sich überschlagenden Diskurse über Schule bei uns hier bringen die aktuelle und einigermaßen festgefahrene Bildungsproblematik also erst dann vom Fleck, wenn sie sich trauen, radikale Alternativen zu praktizieren.

Jetzt geht es um eine neue Praxis von Schule, Bildung und Lernen, die

-> die radikal sich verändernden Lebens- und Arbeitswelten von Familien, Eltern und Kindern ins Zentrum ihrer Aktivitäten gestellt hat;

-> die losgekommen ist von der klassischen Überzeugung, dass Bildung in einer Gesellschaft nur in der jetzigen Struktur und Form und deshalb auch nur von Schule geleistet werden (können) soll;

-> die alten Zöpfe abgeschnitten hat, an denen Schule bis heute hängt, und die sie so unbeweglich machen.

Konkret:

  • Nicht mehr darauf schielen, wie Lernen irgendwie bewertet und benotet werden könnte, sondern mal denen über die Schulter kucken, die jungen Leuten helfen, ihre persönliche Entwicklung anders einzuschätzen: resourcenorientiert und auf Resilienz fokussiert.
  • Nicht mehr Kinder und Jugendliche unterschiedslos in gleiche Jahrgangsgruppen stopfen, sondern sie (sich) selbst mitmischen lassen, sich finden lassen als Teil ihres Entwicklungsprozesses; nicht als Vorspiel, sondern als Bestandteil des Prozesses. Statt Klassen bilden Menschen neigungs- und projektbasierte autonome Gruppen. Sie nutzen die Heterogenität und die Zonen der nächsten Entwicklung nach Lew Wygotski.
  • Nicht mehr unterrichten. Wo diese Linearität wegfällt, beginnt das Lernen zu mäandern. Statt Fremdsteuerung entwickelt sich Selbststeuerung von Individuen, Gruppen und Prozessen. Statt Vermitteln entwickelt sich Erforschen & Ermitteln. Statt strukturellen, inhaltlichen und zeitlichen Vorgaben zu folgen, entwickeln Menschen kollaborative Prozesse. Statt sich disziplinarischer Kontrolle zu unterwerfen, entwickeln sie ein differenziertes Verhältnis zu ihren eigene Bedürfnissen und zu denen ihrer Mitmenschen.
  • Statt Lernende linear mit einem Wissenskanon zu versorgen, erschließen die sich von Grund auf & kokreativ die Welten gemäß ihres Entwicklungsstands, ihrer Interessen, Neugier und Potenziale. Sie organisieren sich das Wissen, das sie brauchen, um die ihnen entsprechenden Kompetenzen und Literacies zu entwickeln.
  • Statt weiterhin auf synchrone Präsenz zu pochen, ermöglicht Schule den Lernenden – der Ungleichzeitigkeit ihres Lernens geschuldet, ihrer eigenen Lernzeit und ihren eigenen Lerninteressen, Schwerpunkten und Vertiefungen zu folgen. Lernzeiten werden nicht mehr an Präsenz und nicht mehr an Gleichzeitigkeit gebunden. Menschen organisieren sich und ihre Lernprozesse durch vernetzende Indivualisierung.

Lust loszulegen? Dann hier reinhören und Kontakt aufnehmen:

https://open.spotify.com/episode/6ObwTWp792l8Sdceb4brev?si=J-BV6pOfQ1-HL76nbsYKUA

Das Jahr der vielen ersten Male. Ein Gastbeitrag

Mein Vetter Bengt Krezdorn ist Familien- und Ehemann, Vater von drei Söhnen, gelernter Kunstschmid, Imker und Naturfotograf und ernährt zusammen mit seiner Frau die Familie. Auch heuer, in dieser aufwühlenden Zeit, hat er auf Facebook seine Jahresendgedanken publiziert und ich freue mich, sie hier in meinem Blog dokumentieren zu dürfen.

Text & Fotos: Bengt Krezdorn

„Die Frage wird sein, wie gehen wir mit den Folgen von Corona um. Und nicht, wann das Ganze zu Ende ist, nicht, wann wir wieder zurückkehren zu 2019. Wir werden nicht zurückkehren – das ist klar, oder?“

Claudia Brözel, Professorin für Tourismuswirtschaft im SPIEGEL

Ein merkwürdiges Jahr geht zu Ende. Für uns alle hat sich einiges verändert, fast nie zum Guten oder sagen wir Besseren. Vielleicht steht der eine oder andere vor den Trümmern seiner Existenz, vor den Scherben seines Lebenstraums. Die allgegenwärtige Corona-Krise trägt dazu bei, bereits vorhandene Probleme und Konflikte zu verschärfen. Ich denke dabei ganz aktuell an den Brexit und die Probleme innerhalb der Europäischen Union oder im Gesundheitswesen. Vor diesem Hintergrund möchte ich euch meine subjektive Sicht auf dieses besondere Jahr schildern.

Viele von euch kennen mich als Pessimisten, als eingefleischten Schwarzseher. Vielleicht ist daher mancher etwas überrascht von einigen meiner Gedankengänge. Ich habe das Geschehen um die Pandemie von Anfang an vor allem als eine Chance wahrgenommen. Frank-Walter Steinmeier sagte in einer Rede zu Beginn des ersten Lockdowns im Frühjahr, dass die Welt eine andere sein werde, wenn das vorüber sei. Das war damals auch mein erster Gedanke und ich dachte noch: da kann was draus werden, wenn wir uns nicht wieder zu dämlich anstellen. Dann wäre dieses Opfer vielleicht nicht umsonst.Ich weiß schon: makaber! Denken jetzt sicher einige. Schließlich ist das die größte Katastrophe seit Menschengedenken, vergleichbar bloß mit den Weltkriegen oder der spanischen Grippe 1918-1920. Ja, tatsächlich! Wir alle haben Vergleichbares nicht erlebt.

Pflöcke im Treibsand

Und das ist auch schon mein erster Punkt. Je älter man wird, desto weniger erste Male kommen einem unter. Irgendwann hört es gefühlt ganz auf. Für mich war dieses Jahr voller erster Male. Das erste Mal Homeoffice, das erste Mal versuchen, drei Kinder daheim zu beschulen, ihnen Teilhabe am online-Unterricht zu ermöglichen. Zum ersten Mal face-time mit meinem Vater, zwei Stunden bevor er gestorben ist. Ich konnte ihn ja nicht mehr besuchen in Kanada. Die erste Weihnachtsfeier per Teams. Zum ersten Mal mit dem Rad zur Arbeit. Und dann immer wieder, den ganzen Sommer lang bis in den Oktober hinein. Zum ersten Mal mit Maske einkaufen gehen und dabei versuchen, den Mindestabstand einzuhalten. Zum ersten Mal in meinem Leben Ausgangssperre. Daheim sein müssen um acht Uhr.

Wenn man etwas zum ersten Mal macht, begegnet einem etwas Neues. Man macht Erfahrungen, die einem bisher unbekannt waren. Man lernt. Klar, das ist für Manchen ganz schön hart. Vieles von dem, was einem in dieser Krise zum ersten Mal begegnet, ist nicht dazu angetan, das Gemüt zu erheitern. Wenn man den Laden jetzt zum zweiten Mal wieder zuschließen muss für weiß der Himmel wie lang, oder wenn man nicht mehr auftreten darf. In der Messe- und Veranstaltungsbranche, im Tourismus ist die Luft grad sehr dünn, da gibt es wenig Spielräume. Das ist mir durchaus bewusst. Denen, die gar nicht über die Runden kommen können, hat der Staat ja Hilfen versprochen, aber weil der Staat halt so ist wie er ist, lässt er sich damit ziemlich viel Zeit. Der Einzelhandel und auch die Gastonomie hatten größtenteils schon im ersten Lockdown Mittel und Wege gefunden, ihre Kunden dennoch zu beliefern. Unser Buchhändler vor Ort hat seine Mitarbeiter die Bestellungen einfach ausfahren lassen und viele andere Geschäfte machen es inzwischen genauso. Fast alle Gaststätten bieten Take-out oder Lieferservice für ihre Gerichte an.

Wir lernen. Wir passen uns an

Das war schon immer so. Das ist unsere Natur, deshalb waren wir auch in den letzten 50.000 Jahren so grausam erfolgreich. In der ZEIT vom 23.12.2020 stand ein kurzer Bericht über einen jungen Schiffbauingenieur. Titel: „Ich sehe mich als Corona-Gewinner“ Was? Ja, der junge Mann war im April mit dem Studium fertig. Aus der zugesagten Stelle wurde nichts. Er musste sich umorientieren und ist auf die private Seenotrettung gekommen. Was als Notnagel begonnen hat, erwies sich als Berufung und inzwischen hat er dort eine Arbeit, die ihn sogar ernährt.

Es bleibt uns momentan wenig übrig, als uns – unser Verhältnis zur Welt – neu zu denken. Ganze Branchen werden möglicherweise verschwinden. Vielleicht müssen sie das auch. Schließlich war auch vor Corona schon klar, dass wir so nicht mehr weitermachen können. Wir fahren den kompletten Planeten auf Verschleiß ,und das wissen wir alle sehr genau, nur hat es unsere Entscheidungen bisher so gut wie nicht beeinflusst. Dank Corona stehen wir aber auf einmal – notgedrungen – auf der Bremse. Wenn die Tourismusindustrie jetzt kaum noch eine Rolle spielt, dann ist das gut für uns alle, denn es schont eine Menge Ressourcen, die wir ohnehin eigentlich gar nicht mehr zur Verfügung haben.

Bullshit-Jobs vs. Grundeinkommen

Ja, ich weiß: die vielen Menschen, die ihre Jobs verlieren. Riesenproblem! Wirklich? Ich bin mir da nicht so sicher, denn ernährt, gekleidet, behaust und gebildet haben wir diese vielen Leute auch vorher schon. Ein bisschen pervers finde ich, dass das direkt an den individuellen Beitrag zum Bruttosozialprodukt gekoppelt zu sein hat. Zumal auch das oft eine Fantasiegröße ist. David Graeber, auch einer von denen, die dieses merkwürdige Jahr so einfach hinweggefegt hat, hat den Begriff der sogenannten Bullshit-Jobs geprägt, also von Arbeit, die eigentlich nichts Sinnvolles hervorbringt, die bloß als Ausrede dafür dient, dem „Arbeitnehmer“ das Geld zu überweisen, dass er zum Leben braucht. Graebers Vorschlag zur Lösung des Problems war, die Bullshit-Jobber freizustellen und ihnen ein bedingungsloses Grundeinkommen zu zahlen.

Eine Überlegung, die mir dabei gerade durch den Kopf geht: das wäre wahrscheinlich auch gut für die Umwelt: Das Pendeln würde wegfallen. Das Heizen und Beleuchten vieler Büros könnte man sich sparen, ebenso die Serverleistung, die der Mitarbeiter belegt hätte. Die Firmen würden immense Personalkosten sparen, weit über die Gehälter hinaus. Eigentlich hätten wir alle was davon.

Zurück zum Tourismus. Momentan kann man fast nirgends hin. Für die Umwelt ist das ein Riesengewinn. Schließlich ist allein der Flugverkehr zeitweise um über 70% eingebrochen. Für manche Weltgegenden ist das aber dramatisch. Wer von den Urlaubern lebt, die Devisen bringen, schaut in die Röhre. Aus diesem Blickwinkel betrachtet ist die Lage oft sehr bescheiden. Da gibt es auch keine Patentlösung, die sich ad hoc anwenden ließe. Es bräuchte weltweite Solidarität, um andere Möglichkeiten des Auskommens in den Urlaubsgebieten zu schaffen.

Klatschen oder Solidarität?

Und plötzlich bewege ich mich im Konjunktiv und das verdirbt sehr schnell die Laune, denn der Konjunktiv deutet darauf hin, dass die angedachte Lösung wohl nicht funktioniert. Solidarität ist momentan schon innerhalb Europas ein vom Aussterben bedrohtes Konzept, mindestens ein stark gefährdetes. Das geht schon bei der Solidarität mit dem Pflegepersonal los. Mehr als Klatschen vom Balkon ist uns dazu nicht eingefallen. Das ist verdammt mager. Andererseits können wir auch nicht viel mehr tun. Den Rahmen für eine faire Bezahlung unserer Pflegekräfte muss die Politik setzen und darum drückt sie sich seit Jahrzehnten recht erfolgreich. Vielleicht wäre jetzt Zeit für eine Mail an den Bundestagsabgeordneten? Ein bisschen was geht schließlich immer. Viele von uns versuchen ja auch in dem Mass, wie es ihnen möglich ist, andere zu unterstützen, lokal einzukaufen, die Lieferdienste der Gaststätten zu nutzen und vielleicht auch Gutscheine zu erwerben für Dienstleistungen für die Zeit nach dem Lockdown. Microkredite sozusagen. Alles das hilft ein wenig und ich hoffe auch, dass es in unseren Köpfen etwas verändert und unseren Blick schärft für die Dinge die zählen.

Es gibt verdammt viel zu tun für uns und diese Krise hat uns klar gezeigt, wo die Baustellen sind. Wir müssen jetzt anfangen diese Baustellen abzuschließen. Die Krise bietet uns eine einmalige Chance dazu. Wofür ich dieses Jahr dankbar bin, das sind die vielen ersten Male, diese Momente der Erkenntnis und des Lernens, von denen es in diesem außerordentlichen Jahr wirklich eine Menge gegeben hat. Mir hat das gezeigt, wie flexibel und anpassungsfähig wir sein können, wenn wir wach sind und uns auch weiterentwickeln wollen. Ich hatte alles in allem ein tatsächlich für mich persönlich erfülltes und in vielen einzelnen Momenten auch schönes Jahr voller neuer Erkenntnisse über mich selbst und uns als Gemeinschaft.

Es ist schön mit euch, Leute! Macht‘s gut, wir sehen uns nächstes Jahr!

Bildungsgerechtigkeit durch Präsenzunterricht: Warum das eine Lüge ist und das Gegenteil der Fall.

Titelbild: Irgendein Gymnasium (Quelle: Autor)

Alle müssen zur Schule. Nur so sei Bildungsgerechtigkeit gewährleistet. Nur so würden junge Menschen auf eine erfolgreiche Zukunft vorbereitet – so tönt es aus den Kanälen der Bildungspolitik. Doch die Reproduktion von Stoff führt nicht zu Gerechtigkeit – und vermittelt wird durch die Hintertür etwas anderes.

Die Inhalte, die wir grundsätzlich auf den ersten Platz stellen, Stoff und Wissen, sind in jeder Hinsicht zweitrangig. Wir vergessen das meiste davon wieder. Der Unterrichtsstoff ist vielmehr ein Transportmittel. Mit seiner Hilfe vollziehen wir den Kernauftrag von Schule, der nicht in der Wissensvermittlung liegt, sondern in der Selbstreproduktion von Kultur. Der Stoff ist eine Lokomotive.

In neun Schuljahren lernten die Kinder Lesen zum Entziffern der Werbeanzeigen. Schreiben, zum Bestellen von Waren, Rechnen zum Kalkulieren der Ratenzahlungen. Lesen, Schreiben, Rechnen. Für andere Dinge war keine Zeit.

Wolfgang Bittner (Quelle)

Durch Schule reproduziert und implantiert eine Kultur nicht etwas („Wissen“) sondern sich selbst. Hierarchien, Menschenbilder, Werte und Normen, Verhaltenskodices, Überzeugungen von Gesellschaft und Zusammenleben, Sinn und Lebensziele, ästhetische Urteile, Vorstellungen von Geschlecht und Beziehung. Was und wie ein Mensch sei und wie nicht, wie er und sie lebt, was richtig und falsch ist, gut und böse. Das alles reproduziert Kultur mithilfe von Kulturtechnik.

Lesen, Schreiben, Rechnen: ein geschicktes Ablenkungsmanöver

Es ist also nicht die Kulturtechnik, die wir durch Schule reproduzieren, sondern die Kultur, die wir mit Hilfe ihrer Technik reproduzieren: Kinder müssen „in die Schule“, weil nur so ihre Eltern das tun können, worauf Schule zuvor sie vorbereitet hat. Und nur wenn Kinder zur Schule gehen, kann Schule sie auf das vorbereiten, worauf sie bereits deren Eltern vorbereitet hat. So geht Reproduktion von Kultur.

Der Fokus auf Stoff und Wissen, der Ruf nach Bildungsgerechtigkeit durch Präsenzunterricht, also: alle denselben Stoff zur selben Zeit am selben Ort in der selben Form, im selben Tempo – das ist bloß ein Ablenkungsmanöver. Die Kultur lässt sich einfach leichter reproduzieren, solange alle daran glauben, es würde um Wissen, Stoff und Kulturtechnik gehen. „Sozialisationsprozesse sind dann erfolgreich, wenn die Individuen am Ende genau das tun wollen, was das System benötigt, um sich zu reproduzieren.“ (Zygmunt Baumann, Leben in der Flüchtigen Moderne, S. 150).

Auf dem Weg zum Erfolg: Informationen von A nach B tragen.
Aus einem Werbevideo eines privaten Gymnasiums (Quelle: youtube. Release: 19.11.2020)

Ein Beispiel

Ich kann Unterrichtsstoff wie „Menschenrechte“ oder „Menschenwürde“ so durchnehmen (aka „unterrichten“), dass ich dadurch gegen beide verstoße, indem ich z.B. Unterricht misogyn, rassistisch, homophob, autoritär organisiere (strukturell) und durchführe (Prozess). Was ich dabei reproduziere, ist Kultur, sind Menschenbilder.

„Wer nämlich mit ‚h‘ schreibt, ist dämlich.“

Umgekehrt: Wenn mir wichtig ist, dass wir Menschenrecht und Menschenwürde verwirklichen, brauchen wir dafür keine Schule und keinen Unterricht, sondern eine bestimmte Art des sozialen Miteinanders, das wir überall gestalten können.

Wichtig im Kontext von Schule ist immer die Frage: Welche Kultur reproduziert sich da? Das finden wir nicht über das heraus, was sie inhaltlich reproduziert, nicht über Formeln, Texte und Landkarten, sondern über die Kultur, in der sie es tut.

Was ich in der Schule lerne

  • Wer vorne steht, hat das Sagen – egal, was er oder sie sagt.
  • Autoritäre Autoritäten bestimmen über meinen Alltag: wie ich ihn gestalte, wo ich mich wann aufhalte, was ich wann mache und nicht, mit wem und was ich mich beschäftige und nicht, wofür ich Zeit einsetze, die niemals meine ist, weil andere sie mir zuteilen und sie portionieren, sie mir geben und nehmen.
  • Individuelle Bedürfnisse sind mindestens zweitrangig. Es ist besser, sich nicht so intensiv mit ihnen zu beschäftigen bzw. sie gar zu einem Bestandteil meines Lernens und meiner Bildungsprozesse zu machen.
Martin Walser (1982), Heimatlob, S. 34, 37. Insel Verlag.
  • Die Bewertung durch andere ist jederzeit Ausgangs- und Zielpunkt meiner Selbsteinschätzung. Im Zweifelsfall gilt, wie andere mich einschätzen.
  • Es entscheiden immer andere über richtig und falsch. Ich lerne, diese Perspektive zu übernehmen. Ich lerne nicht zu entscheiden, was richtig und was falsch ist. Ich lerne, dass andere darüber entscheiden. Das lerne ich als richtig. Ich verinnerliche das.
  • Andere entscheiden über mich.
  • Protest führt zu Sanktion und Verlust von Chancen.
  • Ich habe keinen Einfluss auf die äußeren Bedingungen meines Lernens. Auch nicht auf die Gestaltung der Rahmenbedingungen. Sie sind immer von anderen gesetzt.
  • Wer es mit Autoritäten gut kann, wird Erfolg haben.

Und wenn du beim Lesen denkst: „Aber ja, darum geht es doch im Leben später auch. So ist das Leben, so ist die Arbeit!“ – dann liegst du richtig.

Es geht in der Schule darum, eine Kultur zu reproduzieren. Eine Kultur der Kontrolle. Eine Kultur der Reiblungslosigkeit. Eine Kultur des sich Ein- und Unterordnens. Eine Kultur der Milieus und der Schichten, des Oben und des Unten. Eine Kultur, deren Basis die Selektion bildet. Eine Kultur, in der im Wesentlichen immer andere über dein Leben, dessen Spielräume und seine Gestaltung entscheiden.

Darauf bereitet Schule vor, indem sie es tut.

Warum also Präsenzunterricht?

Schule braucht den direkten, umfassenden, physischen Zugriff auf Kinder und Jugendliche. Nur so kann sie ihren Auftrag der Reproduktion von Kultur erfüllen. Je weniger Zugriff sie auf die Lernenden hat, je weniger die ihrer Kontrolle unterstehen, je freier und diverser die ihr Lernen gestalten, zusammen mit unzähligen Akteuren der Zivilgesellschaft, umso mehr schrumpfen die Möglichkeiten zur Kontrolle, umso schwieriger wird es für Schule, Kultur zu reproduzieren.

Darum geht’s bei Präsenzunterricht.

Ein Elternbrief

In unserer Gesellschaft gibt es so unglaublich viele spannende, interessante, kompetente Menschen, die Kinder haben, und die ihren Kindern so viel bieten können, wenn sie denn zusammenkommen und sich gegenseitig Kraft geben, um ihre Kinder in deren Leben hinein zu begleiten. Dazu braucht es die Schule, unter der Kinder heute leiden, überhaupt nicht. Im Gegenteil.

Titelbild von Victoria Borodinova auf pexels

Schulen verschicken Elternbriefe um Eltern zu informieren, was in Schulen so abgeht. Diese literarische Gattung werde ich jetzt verfremden. Denn es gibt gute Nachrichten: Neuere Initiativen des Lernens, die das Kind und die Jugendliche ins Zentrum stellen, haben deshalb Erfolg, weil Mütter und Väter dahinterstehen. In zweifacher Hinsicht: Entweder sie unterstützen solche Initiativen, indem sie ihr Kind dort lernen lassen, oder sie gründen selber eine – und/oder beides. Diese ermutigende Tatsache hat mich auf den Gedanken gebracht, dass hier ein Schlüssel liegen könnte für die Überwindung unseres Schulsystems.

Liebe Eltern: Es braucht jetzt euren Widerstand

Euren Widerstand gegen das Schulsystem. Anders hört das nicht auf. Dafür braucht es jetzt euch, die Eltern: Solidarisiert euch. Tut euch zusammen und entscheidet: Wir schicken unsere Kinder da nicht mehr hin.

Lasst euch nicht mehr gegeneinander ausspielen. Lasst euch vom Schulsystem nicht mehr einreden, dass sie schließlich das beste für eure Kinder tun. Es stimmt nicht. Lasst euch nicht mehr einreden, dass die einen von euch bildungsfern sein sollen und die anderen bildungsnsah. Damit ist nämlich nur gemeint, dass manche Kinder besser mit dem klarkommen, was Schule mit ihnen macht und manche nicht so gut. Manche Kids kommen einfach besser mit Beschulung klar, andere weniger gut. Mit bildungsnah oder -fern hat das nichts zu tun.

Tut euch zusammen. Fangt damit an, euch gegenseitig zu stärken und zu unterstützen. Gebt euch gegenseitig Kraft, um auch jene Spalt-Bilder zu überwinden, die Schule und Lehrer:innen auf euch und auf eure Kinder projizieren, weil sie nicht ohne diese Schubladen sein können.

Lasst eine Elternkraft und eine Elternmacht entstehen, die aus gegenseitiger Solidarität wächst. Lasst zum Beispiel ganze Klassen nicht mehr in der Schule auftauchen. Dann wird es für Ämter schon schwieriger mit repressiven Maßnahmen, als wenn nur einzelne Eltern ihr Kind da rausnehmen.

Anders kriegen wir keine Bewegung in das System rein, das immer so weitermachen wird, solange ihr eure Kinder da hinschickt.

Denn: Es gibt andere Wege des Lernens und Wachsens, auf denen es euren Kindern besser geht und dadurch auch euren Familien, die dadurch entlastet werden, die sich gegenseitig entlasten und Ressourcen freikriegen für sich selbst, für Entwicklungsthemen, oder einfach nur fürs Wohlfühlen und glücklich sein. Klingt unwahrscheinlich? Vielleicht, aber von diesen Initiativen gibt es immer mehr. Und sie funktionieren.

Nicht nur nicht hinschicken

Statt eure Kinder nur nicht hinzuschicken, das alleine wäre ja Quatsch, könnt ihr Netzwerke bilden. Ihr könnt Netzwerke bauen in euren Lebens- und Arbeitswelten und euch konsequent verbinden, euch digital und analog vernetzen, die Bildungs- und Lernarbeit eurer Kinder selber organisieren, indem ihr die analogen und physischen Räume unserer Gesellschaft nutzt, indem ihr sie öffnet, indem sich dort Akteure vernetzen und aktiv werden, und indem ihr Lernen und Bildung zu einer lebendigen, fundamentalen, lustvollen Tätigkeit von Zivilgesellschaft macht. Der Film Caraba erzählt übrigens von dieser Vision.

Zum Beispiel

  • Gerade jetzt könnte doch ein großartiges Netzwerk zu spielen anfangen: Wenn ihr Eltern eure beruflichen Verbindungen spielen lasst, die Kontakte zu euren Arbeitgeber:innen, falls ihr nicht selber welche seid, eure eigene Firma ins Spiel bringen, Kontakte zu interessanten, neuen Unternehmensformen spielen lassen. Kleine und kleinste Gruppen von Lernenden könnten entstehen, womöglich unterstützt durch Sozialarbeitende, durch Institutionen, die Sozialpädagogik anbieten.
  • Ihr könntet anfangen, miteinander Gesellschaft in Besitz zu nehmen, um euren Kindern und Jugendlichen das Lernen zu ermöglichen, das sie brauchen – und lieben. Ein Lernen, das mitten in ihren Lebenswelten stattfindet. Freigelassen und quasi „unisoliert“, losgelöst von den künstlichen Grenzen des Schulsystems, die sie bisher in diese engen, beengten und beengenden Lehrräume sperren – mental ebenso wie physisch.
  • Das Lernen und das Entwickeln von Kompetenz eurer Kinder und Jugendlichen könnte sich ausbreiten in diese Lebens-, Lern- und Arbeitsräume, in denen sie dann, jederzeit gut geschützt und begleitet, mit Abstandsregeln und Hygieneregeln, die besser wären als in jeder Schule, das Leben kennen und begreifen lernen. Begleitet und betreut durch ältere Schüler:innen, die Verantwortung übernehmen (lernen) wie früher in der Jugendarbeit, begleitet durch Auszubildende in Firmen oder auch Studierende, denen gerade selber die Pläne durcheinander geraten, die gemeinsam Verantwortung übernehmen und sich um kleine und Kleinstgruppen von Lernenden kümmern, die ihnen auch gar nicht fremd sein müssen, weil Geschwister oder andere Anverwandte in ihnen vorkommen.
  • Es gäbe da womöglich auch diese bis aufs Blut ausgenützten Praktikant:innen, die für wenig Geld, meist in Firmen der Kreativbranche, für dubiose Karriereversprechen ihre jungen Jahre opfern: Die hätten womöglich Lust und in jedem Fall Zeit und andere Ressourcen, mit Jugendlichen zusammen was zu arbeiten. Es gibt Leute in Sport- und anderen Vereinen, die sich ehrenamtlich um junge Menschen kümmern, die könnten jetzt aktiviert werden. Die Bänker könnten ihre Krawatten ablegen und ihre Teppichetagen lüften.

Wenn wir jetzt als Gesellschaft in Bewegung kommen würden, Ideen zusammenbringen und Engagement, wenn wir die vielen unsichtbaren und sichtbaren Mauern und Grenzen ignorieren und aufeinander zukommen würden, um die Verantwortung für die kommende Generation zu teilen, statt sie weiterhin einfach in diese Kaninchenställe zu stecken:

Dann würde Schule womöglich merken und begreifen, dass es ohne sie geht; Dass es erst recht ohne sie geht. Dann kommen die vielleicht auf die Idee, was sie von sich her tun könnten, damit es mit ihnen geht.

Diese Idee des dichten Vernetzens von Lernen und Bildung mit allen möglichen Akteur:innen der Gesellschaft liegt übrigens auch der Agora zugrunde, einem innovativen Ansatz von Schule, der sich gerade in den Niederlanden erfolgreich etabliert.

Sollen Schulen mittelmäßige Roboter hervorbringen oder erstklassige Menschen? Und: Welche Art von Bildung brauchen wir, um die Probleme zu lösen, mit denen wir als Gesellschaft gegenwärtig konfrontiert sind? Nils Landolt hat die Antworten.

Schafft für eure Kinder Lernräume, in denen es um ihre Zukunft geht

Schule, wie sie heute ist, steht weder auf der Seite der Kinder, noch auf der Seite der Eltern. Sie ist ein rein selbstbezüglich funktionierender Apparat, in dem es nur darum geht, dass er sich selbst aufrecht und am Leben erhält: seine Beschulungskultur, seine Be- und Entwertungskultur, seine Instruktions- und Unterrichtskultur, das künstliche Einteilen von Menschen in Jahrgangsgruppen, die alles und jeden gleichschaltende Präsenzkultur – das alles gibt es nur, damit der Apparat Schule sich und seine Prozesse aufrecht halten kann, damit er sich selbst irgendwie am Laufen halten kann.

Um Kinder und deren Zukunft geht es da nicht.

Das müsst ihr Eltern endlich begreifen, und womöglich habt ihr das längst begriffen und traut euch einfach nicht, dagegen aufzustehen.

Tut euch zusammen, sucht euch Unterstützung durch andere und mit anderen Eltern, immer mit dem Fokus auf die Kinder, deren aktuelles Wohlergehen und ihre Zukunft – und auf die Zeit dazwischen. Nehmt das Lernen, die Bildung und damit die Zukunft eurer Kinder selber in die Hand. Und wenn das unter Einbezug von Schule ist: ok.

Entscheidend ist doch, dass ihr als Eltern zusammen mit euren Kindern darüber bestimmt, wie, wo, was und mit wem die wann lernen.

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Solidarität zwischen Eltern – der Kinder wegen

Ihr könnt euch gegenseitig stärken im Vertrauen auf eure Wahrnehmung, was die Zukunftschancen und Zukunftspotentiale eurer Kinder betrifft. Ihr könnt diesbezüglich sprachfähig werden und auch sprachmutig.

Das mit der Solidarität zwischen den Eltern meine ich bitterernst, denn Eltern wissen schon seit Generationen, dass das, was Schule mit Kindern macht, im besten Fall suboptimal auf Zukunft vorbereitet und auch gar nicht bei der Gegenwart ihrer Kinder ansetzt. Schule wird den individuellen Lebensgeschichten, Bedürfnissen und Potenzialen von Kindern nicht gerecht. Das kann sie gar nicht von ihrem Aufbau, von ihrem Selbstverständnis, von ihren Strukturen, Aufgaben, Funktionen und Prozessen her. Das ist alles im Gegenteil darauf angelegt, das Individuelle am Lernen zu minimieren, um „alle zu erreichen“. Was für ein Quatsch!

Als Eltern wisst ihr, dass Prüfungen eure Kinder von individueller Entwicklung abhalten, weil sie den Fokus vom Individuum und seiner Entwicklung weg lenken. Schule verhindert, das euer Kind sich intensiver mit Phänomenen auseinandersetzt, die ihm oder ihr entsprechen, und weil sie dort ihre Talente und Potenziale haben. Schule kann euren Kindern gar nicht die Förderung geben, die sie brauchen, um an ihre Potenziale heranzukommen. In der Schule bedeutet „Förderung“ immer eine Unterstützung von Kindern beim Anpassen an die offizielle Lehr-Lern-Doktrin. Förderung soll aus Schulperspektive dafür sorgen, dass Kinder im Ablauf weniger auffällig werden.

Als Eltern wisst ihr, dass Noten und Prüfungen und alle die anderen Be- und Entwertungsstrategien von Schule überhaupt nichts über euer Kind und über dessen oder deren Potenziale aussagen, sondern nur etwas über ihre und seine Anpassungsmöglichkeiten an das Selektionssystem Schule.

Das alles wisst ihr als Eltern. Eure Kinder spüren es, ihr wisst es. Wir alle haben es durchgemacht. Was es jetzt braucht, um dem allem Einhalt zu gebieten, um der Kinder und um deren Gegenwart und Zukunft willen, und dadurch eben auch für das Wohlergehen der Familien (Kinder, die sich entfalten können und deren individuelle Entwicklungswege respektiert werden, die werden auch zu anderen Kindern in familiären Kontexten), ist eine Solidarität von euch Eltern untereinander um eurer Kinder willen.

Es braucht Eltern wie dich, die einander Kraft geben um sagen zu können: erstens schicke ich mein Kind nicht mehr da hin, und zweitens sorgen wir gemeinsam für Alternativen.


In unserer Gesellschaft gibt es so unglaublich viele spannende, interessante, kompetente Menschen, die Kinder haben, und die ihren Kindern so viel bieten können, wenn sie denn zusammenkommen und sich gegenseitig Kraft geben, um ihre Kinder in deren Leben hinein zu begleiten. Dazu braucht es die Schule, unter der Kinder heute leiden, überhaupt nicht. Im Gegenteil.

Ich bin ganz sicher, das in jeder Mutter und in jedem Vater eine Utopie schlummert, die vielleicht auch etwas mit der Beziehung zu tun hat, die du zu deinem Kind hast, eine Utopie von einem guten Leben. Auch von einem guten Leben miteinander und untereinander. Vorstellungen von einem gelingenden Ko-Existieren.

Photo: Karen Robinson for the Observer


Da geht es um die brandaktuelle Frage, wie wir zusammenleben wollen als Gesellschaft, und wie wir uns allen gemeinsam eine Chance geben wollen auf ein glückliches, gesundes und nachhaltiges Leben. Das hat so wahnsinnig viel mit der Art und Weise zu tun, wie wir mit unseren Kindern und Jugendlichen umgehen, und was wir denen ermöglichen und vorenthalten – auch an sozialen Erfahrungen. Von dieser Seite nähere ich mich der Bildungsthematik.

Diese Utopie oder Vision gemeinsam zu artikulieren und in der ganzen Vielfalt und Heterogenität zur Ausgangslage für Bildung, Lernen und Erziehung zum machen, das ist, finde ich, eine ganz zauberhafte Utopie, in der wir uns zwar von Anfang an in Ruhe (leben) lassen – um dann dort „gemeinsam zu werden“, wo wir um der Kinder willen gemeinsam etwas unternehmen.

Kultursoziologie und Sozialpsychologie lassen Rückschlüsse darauf zu (Rudger Bregman schreibt seit Jahren darüber), dass Menschen, auch die, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben (wollen), die einander eher aus dem Weg gehen, die misstrauisch sind, die argwöhnisch sind, weil sei aus verschiedenen Kulturen kommen, und weil sie sich und andere anderen Schichten zuordnen,

dass Menschen in dem Moment willens und fähig werden, an einem Strang zu ziehen, wenn sie ein gemeinsames Anliegen artikulieren können. Und das könnten doch die Kinder sein. Also für einmal nicht „der gemeinsame Feind“, gegen den sich Menschen kurzzeitig verbünden, sondern ein positives, lebensförderliches Anliegen, ein Ziel: die Kinder. Nicht „Schule“ als zu bekämpfender Feind, sondern die solidarische Entwicklung neuer Lernwelten.

Raus aus dem autoritären Obrigkeitsdenken

Und vielleicht gehört zu diesem Weg und Prozess auch, dass wir Erwachsene aus dem tief in uns verankerten, autoritären Obrigkeitsdenken rausfinden, das uns durch Bildung und Erziehung eingeimpft wurde – und das wir uns schon als Kinder aktiv einverleibt haben: Wer in der Schule das Sagen hat, wer über Zugänge und Übergänge im Kontext von Karrieren und damit Lebenswegen bestimmt, und wie stark das in der Schule heute noch gekoppelt ist an autoritäre und adultistische Beziehungsstrukturen und Rollenverständnisse.

Auch da ist für dich und mich ein persönlicher und ein kultureller Fortschritt möglich, indem wir anfangen zu reflektieren, mit welchen Erfahrungen und Rollenbildern wir selber als Eltern unterwegs sind, und warum wir deshalb auch (unbewusst) unseren Kindern diesen Weg zumuten. Die müssen aber gar nicht diesen Weg gehen.

Und um was es mir in all dem gar nicht geht, und was ich damit auch gar nicht anstoßen möchte, ist dass wir Kinder ausspielen gegen das Schulsystem, dass wir sie in die erste Frontreihe eines Erwachsenenkrieges stellen im Kampf gegen irgendein System. Ich habe jederzeit vor Augen, dass es uns dabei tatsächlich um Kinder geht, um deren Wohl, um deren Entwicklung, um deren Gegenwart und Zukunft.

Oder um einen der beeindruckensten Anwälte der Kinder zu Wort kommen zu lassen – Remo Largo:

Kinder auf die Zukunft vorbereiten: Drei pädagogische Fehlsch(l)üsse

So wenig eine Safari die Teilnehmer:innen auf ein Leben in der Wildnis vorbereitet, bereitet Schule Kinder auf die oder ihre oder auf irgendeine Zukunft vor. Das tun die selber. Auch in der Schule. Egal, was die mit ihnen tut oder nicht. Wir Menschen sind vom ersten Atemzug an unendlich adaptiv. Unser Lernen ist und bleibt lebenslang so pluripotent wie Stammzellen. Ich kann mich immer wieder in etwas anderes entwickeln, mich gar neu erfinden.

Titelbild:  Andrea Piacquadio auf Pexels

Der Vorwurf lautet: Schule bereitet Kinder und Jugendliche nicht mehr auf die Zukunft vor. Tatsache ist: Das hat sie noch nie, weil das gar nicht möglich ist. Mich selber oder jemand anderen jetzt auf etwas vorzubereiten, von dem niemand weiß, was es ist und ob das irgendwann eintreffen wird – das funktioniert nicht. Nehmen wir also drei der beliebtesten pädagogischen Fehlschlüssse in den Blick.

Erster pädagogischer Fehlschluss: „Wir bereiten dich vor“

So wenig eine Safari die Teilnehmer:innen auf ein Leben in der Wildnis vorbereitet, bereitet Schule Kinder auf die oder ihre oder auf irgendeine Zukunft vor. Das tun die selber. Auch in der Schule. Egal, was die mit ihnen tut oder nicht. Wir Menschen sind vom ersten Atemzug an unendlich adaptiv. Unser Lernen ist und bleibt lebenslang so pluripotent wie Stammzellen. Ich kann mich immer wieder in etwas anderes entwickeln, mich gar neu erfinden – mitsamt der nötigen Kompetenz. Schule bereitet darauf nicht vor. Sie ist dafür lediglich ein Auslöser unter vielen. Sie ist eine Challenge der besonderen Art:

Wir Menschen besitzen den evolutionären Vorteil uns lebenslang lernend an neue kulturelle Anforderungen anzupassen. Das haben wir während unserer Schulkarriere gründlich vergessen, weil die uns erlaubt bzw. dazu gezwungen hat, das Lernen als fremdgesteuerten Vermittlungsprozess zu akzeptieren – und es genau dadurch zu verlernen.

Foto von Kaitlyn Jade auf Pexels

Wenn Schule diese Pluripotenz nicht völlig zu desavouieren vermag, entwickeln wir aus dem Vermögen, uns selbst und die Welt in jedem Moment anders zu sehen und neu zu erfinden, die Kreativität im Sinne einer Lösungskompetenz. Die ist ein umfassendes Versprechen an die Zukunftsfähigkeit von uns Menschen. Sie zeigt, dass wir alles schon mitbringen, um uns hier und jetzt an die Gestaltung unserer Gegenwart zu machen – welche Zukunft dann auch immer kommt.

Kinder und andere Menschen entwickeln & erfinden sich, ihre Fähigkeiten und ihr Potenzial im Austausch mit den realen, gegenwärtigen Umwelten, nicht mit der Zukunft. Alles, was ein Mensch lernt, lernt sie in Auseinandersetzung mit der Gegenwart. Ich lerne „etwas“ also nicht, weil ich „es“ fürs Abitur brauche, sondern weil es für mich jetzt gerade eine Lösung zu versprechen scheint. Aufs Abitur lerne ich bekanntlich kurz vorher.

Beispiel: Im Unterricht „Mitschreiben“ hat eine Entlastungsfunktion von dem Druck, sich bezogen auf die Prüfungszukunft alles merken zu müssen. Nützen tut es mir dabei nur jetzt, nicht „in Zukunft“. 

Womöglich bereiten Kinder sich also nicht einmal auf die Zukunft vor, wenn sie das tun, was wir Lernen nennen. Vielleicht trainieren sie sich dadurch einfach in der Fähigkeit, unangepasst zu bleiben um sich an jede nicht absehbare Zukunft anpassen zu können.

Wenn Schule und Erziehung das zulassen.

Zweiter pädagogischer Fehlschluss: „Zukunft ist planbar“

Zukunft ist nicht vorhersehbar und nicht planbar. Das heißt nicht, dass ich nicht absehen kann, dass mir die Wohnung gekündigt wird, wenn ich die Miete nicht bezahle. Doch das ist nicht vorhersehbar. Das ist absehbar. Nichts ist vorhersehbar. Auch die Zukunft nicht. Sie ist, zumindest für den Moment, auch für den des Lernens, unausweichlich. Das wars.

„Voller Hoffnung zu reisen ist besser als anzukommen“ – nie war Robert Louis Stevensons Verdikt wahrer als in unserer flüchtigen Moderne. Wenn die Ziele beweglich sind oder ihren Reiz schneller verlieren, als Menschen laufen, Autos fahren und Flugzeuge fliegen können, dann ist das Unterwegssein wichtiger als das Ziel. … Unsere Kultur beruht nicht mehr wie die Kulturen früherer Zeiten oder jene, die die ersten Ethnologen vorfanden, auf einer Praxis der Erinnerung, der Bewahrung und der Gelehrsamkeit. Sie ist eine Kultur der Auflösung, der Diskontinuität und des Vergessens.

Zygmunt Baumann, Leben in der Flüchtigen Moderne, S. 198f.

Deswegen ist die beim ersten pädagogischen Fehlschluss reflektierte Fähigkeit, sich so offen wie möglich auf neue Situationen einzulassen und sie lösungsorientiert anzupacken, so wichtig und vielversprechend. Gäbe es diese Pluripotenz des Lernens nicht, wären wir alle verloren, weil wir ja in der Gegenwart nicht wissen, auf welche Art von Zukunft wir uns gefasst machen sollen.

Foto von cottonbro auf Pexels

Außerdem ist das, was wir Kultur nennen, also Sinn, Wert und Bedeutung von Gesellschaft, Arbeit und Individualität, mittlerweile so komplex und wechselhaft, dass es fast schon ridikül anmutet, sich durch irgendeine Art des Lernens auf etwas „einstellen“ zu wollen, das weiter als ein, zwei Jahre in der so genannten Zukunft liegt. Wir wissen praktisch nicht mehr, wie es werden wird mit Ökonomie, Arbeit, Kapital, Politik, und den natürlichen Grundlagen unseres Lebens.

Dieses Nichtwissen ist und bleibt unausweichlich.

Dritter pädagogischer Fehlschluss: „Zukunft fokussieren statt Gegenwart“

Der Ort, an dem Lernen passiert, ist die Gegenwart. Sie steckt voller Herausforderungen, Chancen, Aufgaben und divergierender Bedürfnisse ihrer Bewohner:innen. Schule und Erziehung sagen jedoch: „Oh, wir können und du solltest auf deine Gegenwarts-Bedürfnisse nicht allzu sehr eingehen, weil es ja um deine und um die Zukunft aller anderen geht. Wir müssen die Aufmerksamkeit und die Ressourcen da hin lenken.“ Didaktik und Methodik sollen diesen Widerspruch dann abmildern, indem sie die Kinder dort abholen, wo sie stehen (siehe erster pädagogischer Fehlschluss: Safarimodus – bitte alle einsteigen…).

Schule und Erziehung neigen dazu, individuelle und soziale Gegenwart zu entwerten – um der Zukunft willen.

Beispiel: Dass mein Kind es einmal besser haben soll, klingt erstmal total nach Zukunft und nach deren Planung z. B. durch gute Schulabschlüsse. Also durch Zeugnisse und Noten. Dieses Motto bezieht sich jedoch lebenslang ausschließlich auf die Gegenwart eines so programmierten Kindes und darauf, wie es diese Gegenwart gestaltet. Es ist das Jetzt des Kindes, das durch den Ansatz vom „Es mal besser haben“ seine Ausrichtung erhält – nicht dessen Zukunft. Wenngleich auch ihr Leben als Erwachsene mit hoher Wahrscheinlichkeit von diesem Grundton begleitet sein wird: dass sie es einmal besser haben soll als ihre Eltern – außer sie dreht diesen Ton irgendwann ab. Im Hier und Jetzt. Nicht in der Zukunft.

Lernen, also lieben, streiten, atmen, spielen, bauen, kommunizieren, interagieren, berechnen, verstehen, beschreiben, sich verlaufen, nach Hause finden, Umwege gehen, pipapo, findet in einer Gegenwart statt, die bewältigt werden will. So geht Leben – und die Art, wie wir diese Dinge, wie wir die Gegenwart in ihrer Komplexität und Unausweichlichkeit angehen, entscheidet maßgeblich darüber, welche Zukunft wir dadurch provozieren – ohne je eine Garantie dafür zu haben, dass sie so kommt, wie wir sie gerne hätten.

Eine Schule, die das ernst nimmt, hat nichts mehr mit dem zu tun, was sie heute ist und tut.

„Wenn du nicht die Zukunft der Kinder vor Augen hast, bist du ganz schnell wieder im alten Trott“

Wir bringen jetzt jene Menschen enger zusammen, die bisher vor allem in ihren eigenen Ecosystemen innovatives Lernen fördern. Wir bauen ein LEAD-Netzwerk: Learning Ecosystem Architecture & Design. Es gibt so viele wunderbare Initiativen: Wir werden eine Menge Power freisetzen, wenn wir diese Kräfte jetzt bündeln.

Titelfoto: Guido van Dijk. Die AGORA Schule Niekee

Meine Notizen aus einem Gespräch mit Guido von Dijk, einem Mit-Initiator von AGORA in den Niederlanden über die Erfolgsfaktoren auf dem Weg in ein anderes Lernen.

Vor einigen Tagen habe ich in den Sozialen Medien ein Statement publiziert, in dem wir zu viert unsere Sehnsucht nach einer anderen Kultur des Lernens zum Ausdruck bringen. Hier die Kurzvariante:

Die Zeit für eine andere Schule ist JETZT

Guido van Dijk hat auf linkedIn reagiert, und so kam es zu einem Zoom-Talk zwischen uns beiden.

Was ist AGORA, und was hat dieser Begriff mit einem radikalen Neuansatz von Schule zu tun? Wie bei vielen anderen echt innovativen Learning Communities gibt es auch an einer AGORA keine Fächer, keinen Unterricht, keine Klassen. Und wie bei allen anderen Communities verstehst du erst dann wirklich, worum es geht und was, warum wie gut funktioniert, wenn du eine Weile mitlebst oder zumindest mal mit jemandem ins Gespräch kommst, der dir von der DNA erzählen kann. Jemand wie Guido van Dijk. Für mich als großer Fan von Learnlife in Barcelona war es beeindruckend, wie viele Gemeinsamkeiten innovative Learning Communities haben.

Es beginnt immer mit einer Hand voll Menschen, die sich zusammentun, um Schule neu zu erfinden. Immer ist es eine Gruppe, die den Anfang wagt und loslegt. Mitgetragen wird die Zeit des Anfangs durch eine Stiftung oder andere Kapitalgeber, die eine Anschubfinanzierung leisten. Dann beginnt kontinuierlich ein Netzwerk zu wachsen.

Lernende und ihre Interessen stehen im Zentrum

Der entscheidende Unterschied zwischen traditioneller Schule und der AGORA ist der Perspektivwechsel: Die Lernenden und ihre Fragen und Interessen stehen im Fokus. Um sie herum und aus ihnen heraus gestalten sich ihre Lernprozesse. Nicht Lehrende „liefern“ Wissen über eine Lehrplan- und Fächerstruktur. Vielmehr entwickelt sich um den/die LernendeN herum ein Netzwerk, mit dem er oder sie sich nach und nach die Welt in ihrer Multidimensionalität (technisch, naturwissenschaftlich, sozial, ethisch, historisch …) erschließt.

Weil auch die AGORA nicht auf der grünen Wiese gestartet ist, sondern mit Lernenden und Lehrenden, die im klassischen System sozialisiert wurden, wurde dem Team schnell klar, dass sie auch auf der Ebene der Prozesse ein alternatives Konzept einführen müssen, um nicht der Gefahr zu erliegen, bei Schwierig- und Hilflosigkeiten zurück in die klassischen Abläufe zu fallen. AGORA hat sich für „Agile Learning“ mit SCRUM entschieden.

Inspirieren statt belehren

Guido van Dijk

Besonders beeindruckt hat mich in Guidos Erzählung von den ersten Jahren, dass es für sie ganz entscheidend war, Lernende mit inspirierenden Menschen zusammen zu bringen: „Lernen wird organisiert, indem Begegnung organisiert wird“, sagt Guido zu mir im Talk. Aus diesem Grund haben sie über die ersten Jahre so genannte „Field Labs“ entwickelt, die das Lernen mit Expert*innen im sozialen, ökonomischen und kulturellen Umfeld der Schule möglich machen. Das ist eine wunderbare, praktische Anwendung des „place based learning“.

Lehrer*innen haben in diesem Konzept nicht mehr die fachliche Hoheit und vermitteln kein Wissen mehr. Sie werden als Prozessbegleiter und „Facilitators“ wichtig, die damit selber auf ziemlich radikale Weise zu Lernenden werden, und es kommen zur Begleitung und Beratung der Schüler*innen auch andere Berufsgruppen in den Blick, die wir im klassischen Schulsystem nicht vermuten würden.

Ganz besonders hat mich beeindruckt, wie Guido den Ablauf einer staatlichen Visitation geschildert hat, an deren Ende die Kontrolleure am liebsten ihre eigenen Kinder angemeldet hätten. Was die Kontrollinstanzen überzeugt, ist dies: Es wird sichtbar, wie Lernende wachsen, und wie sie ihre Fortschritte über digitale Portfolios dokumentieren um ihren Weg für sich selbst sichtbar zu machen – also intrinsisch motiviert, nicht weil es dafür eine Bewertung geben würde. Die Community wiederum reflektiert mit den Lernenden deren Lern- und Lösungsstrategien und unterstützt sie dabei, diese Strategien zu verfeinern.

Noch ein Mitgründer: Jan Fasen über seine Passion und über das Konzept AGORA

Digitale Technologie dient der Lernbiografie des Menschen

Im Verlauf des Gesprächs mit Guido wird auch sichtbar, wie viel Research und Empirie, wie viel Forschung und ständige Reflexion der eigenen Arbeit in diesem Projekt steckt. Das erinnert mich an Learnlife, die es sich ebenfalls zur Aufgabe gemacht haben, ihre Arbeit mit jungen Menschen fortlaufend und auf dem Hintergrund wissenschaftlicher Erkenntnisse zu reflektieren.

Dabei und beim Gestalten der Lernprozesse hilft digitale Technologie, hilft die Zusammenarbeit mit Hochschulen, hilft auch eine Kultur des „Computational Thinking“, wie Guido sie mir anhand der Auswertung einer breit angelegten Umfrage unter den Stakeholdern von AGORA geschildert hat. Das Ziel ist ganz offenbar, so nahe wie nur möglich an den Bedürfnissen aller Beteiligten zu sein, um die Prozesse so zu planen, dass die grundlegende Idee der „Learner Centered Education“ in allem den Vorang hat – was intensive Überlegungen zu den Möglichkeiten von Learning Analytics mit einschließt.

Was mich nach diesem ersten Gespräch mit Guido stark beschäftigt und antreibt: Wie bauen wir ein starkes, länderübergreifendes und digitales Netzwerk von Multiplikator*innen und Facilitator*innen, um die zahlreichen, guten, hoch wirksamen Konzepte und Initiativen zur Grundlage eines Paradigmenwechsels in Bildung und Lernen zu machen? Wie kommen wir in die Breite? Was braucht’s noch, damit wir in unserem Schulsystem alte Strukturen, Rituale und Praktiken endlich loslassen, die sich selber überlebt haben? Wie sorgen wir dafür, dass an die Stelle überholter Berufsbilder und Ausbildungsformate im Schulbetrieb neue entstehen, die den Beruf attraktiv und für die Arbeit mit jungen Menschen wirksam machen?

Eine nächste Etappe könnte so aussehen:

Im Gespräch mit Christopher Pommerening, dem Gründer der Learnlife-Community, haben sich im Sinne eines ersten Aufschlags folgende Ideen herauskristallisiert:

  • Wir bringen jetzt jene Menschen enger zusammen, die bisher vor allem in ihren eigenen Ecosystems innovatives Lernen fördern. Wir bauen ein LEAD-Netzwerk: Learning Ecosystem Architecture & Design. Es gibt so viele wunderbare Initiativen: Wir könnten eine Menge Power freisetzen, wenn wir diese Kräfte bündeln.
  • Wir laden bereits existierende Communities, Netzwerke und Stiftungen ein, mit diesem „Ecosystem der Praxis“ zu kollaborieren und es zu vergrößern.
  • Wir organisieren stationäre, temporäre und digitale Hubs, in denen interessierte „Learning Innovators“ sich finden, voneinander lernen und sich gegenseitig anleiten auf dem Weg in ein neues Lern-Paradigma.

Und noch zwei spannende Pfade zum Schluss:

Benjamin Fuchs von Perspective Daily hat AGORA besucht und darüber geschrieben. Du findest den Artikel hier.

Learnlife lädt ein zum Online Festival [Re]Learn, where actionable learning innovation is shared & grown among education professionals to positively change education worldwide.

Let’s come & travel this together 🙌

Selbstbestimmt lernen ganz radikal gemacht

Zukunftsfähig ist das Schulsystem als Kurator von Lernprozessen dann, wenn Lernende ganz selbstverständlich darüber entscheiden, wie sie lernen, was, mit wem, wie lange, wo und mit welchen Ergebnissen – bzw. ob Ergebnisse jetzt gerade überhaupt wichtig sind.

Titelfoto von Gerd Altmann auf Pixabay

Hier und da kommt ja die Frage auf, ob und wodurch sich unser Schulsystem als zukunftstauglich entpuppt. Für mich qualifiziert sich ein Diskurs oder eine Diskussion über diese Frage, über Wert und Unwert von Bildungshandeln in erster Linie dadurch, dass Lernende selbstverständliche Teilnehmende und Teilgebende in diesem Diskurs sind. Das ist für sehr viele Lehrende und Lernende, ja eigentlich für alle, die zur Schule gegangen sind, eher ungewöhnlich bis unvorstellbar.

Das Bildungssystem ist nämlich in einem anderen Modus und Selbstverständnis unterwegs: Die Menschen, um die es in den Kern-Prozessen institutioneller Bildungsarbeit geht (aka Schüler*innen oder Studierende), sind aus der Planung, der Gestaltung, der Reflexion und der Weiterentwicklung ihrer Lern- und Bildungsprozesse ausgeschlossen, bzw. sie bestimmen an keiner Stelle und zu keiner Zeit über die Art, die Qualität, das Gewicht und die Konsequenzen ihrer Beteiligung mit. Die Begründung des Systems lautet: Um das zu können, müssen sie ja erst einmal gebildet sein. So das Argument des allgegenwärtigen Adultismus, der bis heute das Fundament unseres Bildungssystems ist – egal, wie modern es sich ansonsten gibt.

Qualifiziertes Lernen ist Lernen, für das ich mich fortlaufend entscheide

Zukunftsfähig ist das Schulsystem als Kurator von Lernprozessen meiner Überzeugung nach dann, wenn Lernende ganz selbstverständlich darüber entscheiden, wie sie lernen, was, mit wem, wie lange, wo und mit welchen Ergebnissen – bzw. ob Ergebnisse jetzt gerade überhaupt wichtig sind. Gemeint ist damit weder, dass sie das „alleine entscheiden“, oder dass sie „alleine lernen“. Niemand, der oder die bei Verstand ist, trifft große Entscheidungen alleine (aber hoffentlich selber), und niemand lernt alleine. Vielmehr zeichnet sich der qualifizierte Lernprozess dadurch aus, dass sich lernende Menschen bewusst für oder gegen einen Weg, ein Thema, eine Lerngemeinschaft und -begleitung entschieden haben – und das lernen sie wie? Indem sie sich entscheiden. Pausenlos, und zwar:

  • Wie sie ihr Lernen organisieren: ob in Form von Unterricht oder nicht, in homogenen Klassen oder nicht, ob in Jahrgänge gesplittet, oder ob sie andere Gefäße bevorzugen und gestalten: altersdurchmischt, interessengeleitet, nach Neigung und Sympathie, on- oder offline, zu Hause, in einer anderen Learning Community oder sonstwo, mit Hilfe der Medien, die ihnen geeignet erscheinen und begleitet von Menschen, die sie sich aussuchen.
  • Welche inhaltlichen Schwerpunkte und Ausrichtungen sie erwägen: ob unter Rückgriff auf fixfertige Pläne und in Form von Fächern oder in anderen Formationen, linear oder eher mändernd, rhapsodisch oder eher stringent. Vertiefend oder eher oberflächlich.
  • Wie sie ihre eigenen Lernfortschritte reflektieren: ob sie sich benoten und bewerten lassen, oder ob sie lieber/auch/manchmal/vermehrt in kollaborativen Teams eigene Methoden der Reflexion entwickeln, einsetzen und verfeinern.

Wie gestalten wir den Diskurs, wie die Diskussion über diese Prozesse und Strukturen?

Die gleichwertige und gleichberechtigte Teilnahme Lernender (Schüler*innen, Studierende, Auszubildende) an den Diskussionen und Entscheidungen über die Entwicklung institutionalisierter Lern- und Bildungsprozesse bildet für mich ein KO-Kriterium und ein Merkmal, an dem ich erkenne: Dieser Diskurs oder diese Diskussion über „Schule der Zukunft“ ist (endlich) in dem Modus unterwegs, der sie als zeitgemäße Lern- und Bildungskuratorin qualifiziert. Bildung und Lernen werden dann nicht mehr über die Köpfe der Zielgruppen hinweg entwickelt, strukturiert, organisiert, durchgeführt und reflektiert, sondern als „deren ureigene Sache“ verhandelt, die nur dann sinnvoll verhandelt werden kann, wenn allen klar ist, dass sie die Träger*innen und Inhaber*innen (Ownership) ihres Lernens sind.

Die Beteiligten haben dann verstanden, dass die Entwicklung von Lern- und Bildungsprozessen jederzeit von den lernenden und sich bildenden Menschen ihren Ausgang nimmt, nicht indem Annahmen und Wissen über sie auf pädagogischen und didaktischen Umwegen einfließen, sondern indem die lernenden und sich bildenden Menschen diese Prozesse ganz selbstverständlich als ihre eigenen Lernprozesse gestalten – zu welchen Entscheidungen auch immer sie dabei kommen.

Also ein neues Lernparadigma

In meiner – an unterschiedlichen Orten außerhalb des staatlich verpflichtenden Schulsystems schon verwirklichten – Vision von Lernen haben Pioniere exakt daraus ihre zentralen Anliegen gemacht:

Lernende selbstverständlich und ausnahmslos als gleichwertige, -würdige und -berechtigte Partner*innen zu betrachten, weil es um die Gestalt und um die Gestaltung ihrer eigenen, nicht dispensierbaren Bildungs- und Lernprozesse geht: um das Tempo, die Rhythmen, die Interessen, die Potenziale, die unterschiedlichen, weil individuellen und nicht homogenisierbaren Entwicklungsphasen. Lernende gelten ihnen als gleichwertige und gleichberechtigte Träger*innen und Vertreter*innen ihrer Bedürfnisse, Fragen, Ideen und Sorgen.

Dass dieser entscheidende Schritt in ein neues Lernparadigma in einem schulischen Feld oder System gemacht ist, das erkennen wir unter anderem daran: lernende, studierende und sich ausbildende Menschen nehmen ganz selbstverständlich an diesen Diskursen und Diskussionen teil – unaufgefordert und auch nicht „eingeladen“, weil es ja um sie geht. Konkret: weil es ihnen um ihr Lernen geht. Sie sind selbstverständlich auf allen Ebenen und in alle Prozesse eingebunden, nicht als „Beisitzende ohne Stimme“, sondern als Entscheider*innen.

Und das alles gibt es bereits. Demokratische und soziokratische Schulen arbeiten nach diesem Prinzip. Wenn wir diese Pioniere jetzt noch ins Netz bringen und davon überzeugen können, dass sie die digitale Netzwerk-Community um das neue Lernen unendlich bereichern – dann sehe ich großen Zeiten entgegen. 

Lehrer: Ein aussterbender Beruf

Der vielbejammerte Lehrermangel ist gar keiner. Ebensowenig wie z.B. der Priestermangel in der katholischen Kirche. Es gibt davon immer weniger, weil diese Berufe aussterben. Wir sollten das akzeptieren und möglichst heute anfangen, uns entsprechend zu organisieren. Auch und gerade als Lehrer.

Titelfoto: Pexels auf Pixabay

Wir sind ausnahmslos alle in der “Sagen-sie-uns-wie-das-geht-und-was-wir-tun-müssen“-Kultur aufgewachsen. Jetzt finden wir uns in einer Kultur wieder, in der nicht einmal mehr die Expertinnen und Experten wissen, wie es weitergeht – wir müssen das also selber herausfinden und wissen erst einmal nicht, wie.

Besonders augenfällig und dramatisch erleben wir den Kulturwandel derzeit also beim Lernen. Wir, die wir in einem Bildungssystem groß geworden sind, in dem Expert*innen zu wissen vorgaben, wie Lernen geht, und wie wir zu lernen haben. Dabei weiß keiner wirklich, wie Lernen geht: „Lernen ist nicht zu verstehen“ (Andreas Sägesser).

Bei hoch komplexen, technischen Vorgängen wie beim Operieren von Menschen oder beim Fliegen von Flugzeugen sind Experten ziemlich nützlich. Aber bei der Grundfunktion menschlicher Existenz, dem Lernen, gibt es außer dem Menschen, der oder die jetzt gerade lernt, keine andere Expertin als sie oder ihn – und diese Expertise ist auch nicht delegierbar, weil jeder Mensch total individuell lernt.

Lernen bis der Lehrer kommt

Mit dieser Erfahrung kommen Menschen auf die Welt und sind von Anfang an in diesem Flow unterwegs, bis er ihnen ausgetrieben wird von zertifizierten Expert*innen des Lernens, die ab jetzt die Steuerung, die Inhalte, die Strukturen, die Organisation und den Outcome bestimmen und überwachen. Ein absurdes Unterfangen – und doch bildet es bis heute die Grundlage einer Kultur und deren Reproduktion, die jetzt abgehakt ist ­– außer in den Köpfen derer, die vorgeben, das Lernen anderer zu organisieren.

Die Aufgabe, in der wir im Moment stecken, scheint mir klar: Das Lernen zuzulassen, um jene Fähigkeiten zu entwickeln, die uns helfen die Kultur zu gestalten, in die wir uns hineinkatapultiert finden – und in der es z. B. darum geht, Alternativen fürs Fliegen von Flugzeugen zu finden und verrückt präzise und erfolgreiche Operationsmethoden, die von Künstlicher Intelligenz gesteuert und von Maschinen durchgeführt werden.

Welche Aufgabe dabei ausgebildete und zertifizierte Lehr- und Lernexpertinnen und -experten noch spielen: da sehe ich eher schwarz. Sie selber womöglich auch, und das könnte ein Grund dafür sein, dass sie sich so hartnäckig gegen eine Kultur der Digitalität wenden. Weil sie (und ihre Arbeitgeber*innen und ihre Ausbilder*innen) intuitiv realisieren, dass Lehrsysteme mitsamt den Angeboten, Funktionen und Aufgaben, die sie heute erfüllen,

  • erstens für lernende Menschen womöglich gar nie wirklich gebraucht wurden, weil all das, was sie didaktisch und methodisch zaubern, Menschen eher von ihrem Lernen abhält als es sie je hätte (hätte Fahrradkette) darin fördern können;
  • und weil sie merken, dass solches Expertentum in der kulturellen Zukunft nicht mehr gefragt sein wird.

Und was brauchen wir jetzt?

Was es womöglich noch viel mehr brauchen wird, sind Menschen, die eine Ahnung haben von dem, was sich heute in Fächern und Lehrplänen versteckt – aber nicht in dieser Form: Kein Lehrplan und kein Fach kann formal oder inhaltlich mithalten mit dem, was im Internet qualitativ zu finden ist, wenn ich zu suchen weiß. Fächer und Lehrpläne sind bereits heute eine ganz und gar anachronistische Form der Wissensorganisation. Für das Gestalten individueller Lernprozesse taugen sie nicht.

Es braucht womöglich Menschen, die für ihr Anliegen und ihre Sache brennen, die es lieben mit jungen Menschen unterwegs zu sein auf Lernexpedition in eine Welt, in der wir uns gerade auf technologischen Wegen riesige Möglichkeiten und Freiheiten erschaffen, um gemeinsam immer weiter auf Entdeckungstour zu sein – mit der Frage im Gepäck, wie wir das alles nachhaltig und menschlich nützen. Das weiß kein Lehrplan, der ja zukünftig bereits in dem Moment veraltet ist, in dem er ratifiziert wird.

Es braucht Menschen, die all den pädagogisch-methodisch-didaktischen Schnickschnack eines durchstrukturierten Command-and-Control-Systems hinter sich gelassen haben. Die stattdesssen häufiger mal tief ein- und wieder ausatmen, und die dann einfach da sind, wenn junge Menschen auf sie zukommen, weil sie auf ihrer Expedition in die Welt festgestellt haben, dass sie jetzt einen Experten brauchen. Oder eine Expertin. Sehr konkret, aktuell, situativ.

Und natürlich wird jetzt der eine oder andere sagen: Genau! Solche Lehrer brauchen wir! Und ich sage dir: Wir brauchen sie nicht. Denn Lehren gehört einer Kultur an, die tot ist. Aus und vorbei – und leider sind es bis heute vor allem jene, die hauptberuflich mit Lehren beschäftigt sind, die diesen radikalen Kulturwandel noch nicht einmal bemerkt haben. Deshalb halten sie so kraftvoll und manchmal auch verbissen daran fest, dass es das Lehren und den Lehrer in alle Zukunft brauchen wird. Dabei ist es ein Beruf, der der Kultur der Digitalität zum Opfer gefallen ist.

Da kommen jetzt nicht andere Aufgaben und Funktionen auf den Beruf der Lehrerin und des Lehrers zu. Der Beruf verschwindet. Wenn Flugzeuge von Maschinen geflogen werden, ändert sich nicht der Beruf des Piloten, und wenn Maschinen operieren, verändert sich nicht der Beruf der Chirurgin. Es braucht dann diese Berufe nicht mehr. Es entstehen andere und neue.

Das wird ja seit einiger Zeit rauf- und runtergebetet angesichts der Digitalen Transformation. Es mag halt keineR so richtig glauben. Am wenigsten die Angehörigen der Berufe, um die es geht. Niemand sieht freiwillig dabei zu, wie sein oder ihr Beruf verschwindet. Und doch würde ich allen, die sich da aktiv auf den Weg machen wollen, ans Herz legen: Geht davon aus, dass ihr tatsächlich einen neuen Beruf erlernt und nicht den alten irgendwie anders gestaltet.

Der vielbejammerte Lehrermangel ist keiner. Ebensowenig wie z.B. der Priestermangel in der katholischen Kirche. Es gibt davon immer weniger, weil diese Berufe aussterben. Es gilt also auch nicht, „den Lehrerberuf neu zu erfinden“. Wir sollten das akzeptieren und möglichst heute anfangen, uns entsprechend zu organisieren. Auch und gerade als Lehrer.

Warum digitale Präsenzlehre eine teure Sackgasse ist

Menschen lernen nicht auf Befehl und gemäß äußeren Vorgaben, das wäre Dressur – und bilden kann sich jeder Mensch nur selbst. Das wissen wir alles schon lange. Wir ziehen aber nicht die Konsequenzen. Wir lernen nicht daraus. Selbst jetzt, wo uns die Möglichkeiten einer Kultur der Digitalität völlig neue Räume eröffnen: Das ist uns wurscht. Digitalisierung ist böse.

Titelfoto: Ruben Rubio auf Pixabay

Das synchrone Lehren und Lernen ist ein Relikt aus vergangenen, analogen Zeiten, in denen Menschen nach Alter und Fach organisiert in ein Klassenzimmer, in einen Seminarraum oder Hörsaal gesteckt wurden, um alle zur selben Zeit mit denselben Informationen versorgt zu werden. „Synchrones Lehren“ war einer Organisation von Bildungsprozessen geschuldet, die keine anderen Möglichkeiten hatte, um bzw. als Menschen mit Lehrinhalten zu bespielen.

Dabei wurden der Charakter und das Wesen des Lernens der Vermittlung von Information untergeordnet, bzw. sie wurden ganz ignoriert. Das nennen wir bis heute „Bildung“. Aber Menschen lernen nicht auf Befehl und gemäß äußeren Vorgaben, das wäre bloß Dressur oder Konditionierung – und bilden kann sich ein Mensch nur selbst. Er oder sie kann nicht gebildet werden (Peter Bieri). Das wissen wir schon lange. Wir ziehen aber nicht die entsprechenden Konsequenzen aus diesem Wissen. Wir lernen nicht daraus. Selbst jetzt, wo uns die Möglichkeiten einer Kultur der Digitalität völlig neue Räume eröffnen. Das ist uns wurscht. Digitalisierung ist böse:

Der Teufelskreis: Weil wir alles, was mit Digitalität zu tun hat, mit großen Vorbehalten verbinden, informieren wir uns nicht – und weil wir uns nicht informieren, werde unsere Vorbehalte größer.
Der Primat der Präsenz ist Vergangenheit

Lernen ist in jeder Hinsicht ein individueller Prozess, der sich in sozialen Kontexten organisiert und dabei an Individualisierung ständig zunimmt. Deshalb funktioniert er an sich asynchron und ist nicht synchronisierbar:

Was ein Mensch in welcher Zeit, mit wem zusammen, in welchen Kontexen mit welchen Schwerpunkten, Vertiefungen, Anknüpfungen und (jederzeit vorläufigen) Ergebnissen in welchem Tempo lernt, ist mit keinem Lehr- und Stundenplan synchronisierbar. Auch das weiß die Schule – und sie ignoriert es hartnäckig.

Auch deshalb bleibt einer der großen Vorteile des Internets, die asynchrone Kommunikation und Organisation von Prozessen, außen vor. Wir bleiben beim Primat der Präsenz, sprich wir halten an synchroner Lehre fest – et pereat mundus, und ginge darob die Welt zu Grunde.

Dabei hat das „alle-hier-und-jetzt-dasselbe-Prinzip“ schon heute das Nachsehen in der Kultur, in der wir leben und uns organisieren. Asynchrone Kommunikation und Organisation sind ein wesentliches Merkmal nicht nur menschlichen Lernens, sondern auch unserer Arbeit, der Forschung und unseres Zusammenlebens in Familien, im Freundeskreis und in der Gesellschaft. Wir leben und arbeiten in einer Kultur der Digitalität.

Unter asynchroner Kommunikation versteht man … einen Modus der Kommunikation, bei dem das Senden und Empfangen von Daten zeitlich versetzt und ohne Blockieren des Prozesses durch bspw. Warten auf die Antwort des Empfängers (wie bei synchroner Kommunikation der Fall) stattfindet.

Wikipedia

Die Digitalisierung hat das zuerst möglich und dann unausweichlich gemacht. Das verstehen Schulen, Hochschulen und Bildungspolitiker*innen bis heute nicht. Sie sind an den entscheidenden Stellen un- oder desinformiert und nicht bereit, sich selbst entsprechend kundig zu machen. Das ist ökonomisch ebenso verantwortungslos wie gegenüber der Klientel.
Stattdessen wird, wo überhaupt eine digitale Infrastruktur vorhanden ist plus Know-How, wie sie eingesetzt werden kann, vor allem Lehre synchron ins Netz übertragen – und mit digitalen Gimmicks aufgepimpt: Digitales Live-Lehrfernsehen. Das wird dann gerne als „virtuelle Präsenzlehre“ bezeichnet, was es aber auch nicht ist. „Virtuell“ steht für eine technisch erzeugte Realität, nicht für eine digital übertragene, die auch ohne diese Übertragung existiert.

Per Strategie in die Sackgasse

Die Strategie unzähliger öffentlicher und privater Bildungsanbieter sieht im Moment so aus: Es werden Unmengen an Zeit und Geld investiert, um eine ansonsten mehr oder weniger unveränderte Lehre synchron ins Netz zu bringen – oder mann lässt es gleich dabei bewenden, das Klassenzimmer bzw. den Seminarraum mit digitaler Technik aufzumotzen.

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Dieser Weg ist eine Sackgasse. In ihr wimmelt es nur so von Scharlatanen, die überforderten Lehrer*innen, Schulleiter*innen und Bildungspolitiker*innen Hilfe anbieten „auf dem Weg in die Digitalisierung“. Dabei verlängern sie nur das Überleben einer Lehrpraxis, die von der Kultur der Digitalität längst abgelöst worden ist.

Menschen in jedem Alter lernen längst auf anderen, digital formatierten Wegen. Unser gesellschaftliches Leben hat sich durchgehend in einer Kultur der Digitalität organisiert und eingerichtet – auch was das Arbeiten, die Künste, den Konsum, die Mobilität, das Reisen, das Forschen, das Publizieren, das Verkaufen, die Logistik, den Handel, das Produzieren, das politische Engagement und vieles mehr betrifft – und die Ökonomie gibt in Fragen digitaler Wertschöpfung den Ton und das Tempo an.

Nur die Bildung hat sich tief in der Gutenberg-Galaxis verfahren. Von Montag bis Freitag von 7.30 bis 11.30, und von 13.00 bis 16.55 auf Sendung – an 40 Wochen im Jahr.

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