Was brauchen Kinder und Jugendliche jetzt gerade ganz dringend?

Kinder und Jugendliche brauchen jetzt Erwachsene, die in der Lage sind, die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen in all ihrer Individualität und Vielfalt wahrzunehmen, anzuerkennen, wertzuschätzen und darauf einzugehen. Sie brauchen Erwachsene, die die Faktizität dieser Vielfalt zur Grundlage ihres Entscheidens und Handelns machen. Hier und jetzt.

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Reden wir mal darüber, was Kinder und Jugendliche derzeit ganz besonders brauchen. Im Sinne einer situativen Dringlichkeit: Was brauchen sie im Hier und jetzt?

Ich würde diese brennende Frage vor allem auf das Jetzt der Kinder und Jugendlichen beziehen und nicht auf irgendeine Zukunft, von der wir gar nicht wissen, wie die sein wird und wie wir (uns und wen auch immer) konkret darauf vorbereiten sollen. Kümmern wir uns doch erst mal um die Gegenwart.

Was alle Kinder und Jugendlichen gemeinsam haben

Dann werden wir schnell feststellen, dass es die Kinder und Jugendlichen gar nicht gibt, und dass die Pandemie, die es sehr wohl gibt, uns gerade eines vor Augen führt: Kinder und Jugendliche sind ebenso wie ihre Situationen, ihre Kontexte, Familien und Bedürfnisse enorm vielfältig, unterschiedlich, heterogen. Das haben sie, das haben wir alle gemeinsam.

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Deshalb: Bevor wir konkret darüber werden, was dieses oder jenes Kind und diese und jener Jugendliche jetzt braucht, realisieren wir zuerst, dass wir die Perspektive der Heterogenität und Vielfalt kindlicher Bedürfnisse und Situationen ein- und ernstnehmen – was wir jederzeit tun können. Wer oder was sollte uns davon abhalten?

Dann lautet eine erste Antwort auf die Frage, was Kinder und Jugendliche jetzt brauchen:

Sie brauchen Erwachsene, die in der Lage sind, die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen in all ihrer Individualität und Vielfalt wahrzunehmen, anzuerkennen, wertzuschätzen und darauf einzugehen. Sie brauchen Erwachsene, die die Faktizität dieser Vielfalt zur Grundlage (bildungs-, familien-, finanz-, sozial-, kultur-)politischen Entscheidens und Handelns machen. Hier und jetzt.

Wir fangen dann also an, das einzelne Kind und die und den einzelne:n Jugendliche:n zu sehen. Das ist es, was Kinder und Jugendliche jetzt brauchen.

Die Stunde der Partizipation

Je nach Menschenbild, in dem ich unterwegs bin, kann ich diese präzisierte Frage danach, was Kinder und Jugendliche jetzt brauchen, so beantworten, dass ich Kinder und Jugendliche in das Finden und Formulieren dieser Antwort, sprich der Lösungen und dem Entwickeln und Umsetzen von Maßnahmen, aktiv mit einbeziehe.

Ich entscheide dann nicht einfach aus Sicht versorgender Systeme darüber, was Kinder und Jugendliche jetzt (zu) brauchen (haben). Ich gehe also nicht adultistisch (hier erklärt) vor. Ich beobachte sie auch nicht bloß mit der Erwachsenenbrille auf der Nase und ziehe daraus Schlussfolgerungen, was sie jetzt wohl brauchen könnten, sondern: ich lasse sie ganz selbstverständlich wesentliche und entscheidende Teilnehmer:innen und Teilgeber:innen dieser Suchprozesse sein, in denen es um Antworten auf die Frage geht, was sie aus ihrer Perspektive hier und jetzt ganz konkret brauchen. Ich nehme also die Pandemie zum Anlass, eine Kultur der Partizipation zu entwickeln.

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Um das zu ermöglichen, nutze ich die Beziehungen der Kinder und Jugendlichen untereinander und die Beziehungen der Eltern dieser Kinder und Jugendlichen untereinander. Ich sorge dafür, dass, pandemiebedingt vor allem auf digitalen Wegen, Plattformen und Foren auf den Weg kommen, auf und in denen sich Gruppen und Teams finden, die gemeinsam artikulieren, was sie als diese ganz konkreten Kinder und Jugendlichen und ihre Eltern hier jetzt brauchen.

Wir als Erwachsene entwickeln in diesen Prozessen eine neue Aufmerksamkeit auf die Fähigkeit von Kindern und Jugendlichen, sich und ihre eigenen Bedürfnisse zu äußern und auf die anderer Kinder und Jugendlicher einzugehen, sie sichtbar zu machen und ihre Sichtbarkeit zu verstärken.

Wir erkennen dadurch nicht nur, was Kinder und Jugendliche hier und jetzt dringend brauchen, sondern auch, was sie beitragen können, um miteinander in dieser Situation einen Schritt weiterzukommen.

Und was hat das alles mit Ethik zu tun?

Unsere Vorstellungen von einem guten Leben unterscheiden sich ein wenig bis völlig. Also alles beliebig? Oder kommen wir gemeinsam auf einen grünen Zweig? Und wenn ja warum sollten wir das?

Manchmal taucht eher zart die Frage auf, was der digitale Overkill in Bildung und Ökonomie mit Ethik zu tun hat, oder unser fatales Konsumverhalten und all die anderen Buzzwords, die unser schlechtes Gewissen triggern. Kann Ethik da helfen? Und wenn ja wie?

Ich bin von Haus aus Ethiker. Mich interessiert schon immer, was ein gutes Leben ist und wie ich es verwirklichen kann. Wie wir das können als Angehörige einer Gemeinschaft, für die wir Verantwortung tragen. Was ist wann ein gutes Leben? Wodurch? Für wen? Und wer entscheidet das?

Wenn ich annehme, dass es das gute Leben tatsächlich gibt, dann nehme ich damit auch an, dass es das für mehr als einen Menschen gleichzeitig gibt. Ich merke recht schnell, dass sich unsere Vorstellungen von einem guten Leben ein wenig bis ganz voneinander unterscheiden (können). Bereits innerhalb derselben Familie, Wohngemeinschaft, oder am selben Bahnsteig gegenüber.

Das gute Leben

Tun wir also gut daran, die Frage nach dem guten Leben der Beliebigkeit zu überlassen? Ist diese Frage womöglich gar nicht zu entscheiden? Oder helfen womöglich Regeln weiter?

Von Geboten, Normen und Regeln haben wie ja mittlerweile mehr als genug. Ihre Wirksamkeit wird angesichts des „digitalen Kontrollverlusts“ sogar in Frage gestellt. Wer sie einhält oder nicht, das entzieht sich immer mehr der Überprüfbarkeit. Und heute gelten womöglich andere Regeln als morgen: „It’s VUCA time, folks!“ Das Misstrauen in Regulierung ist so groß wie der Ruf nach ihr. Die einen wollen immer mehr davon, damit das Leben besser wird, andere fordern deren Abbau mit demselben Ziel. Also doch „jeder seines Glückes Schmied“?

Ich vermute, dass wir tatsächlich keine Einigkeit (mehr) darüber hinkriegen, was ein gutes Leben ist. Trotzdem sollten wir uns zusammensetzen und die Frage gemeinsam erörtern. Wieso? Weil wir dann, wenn uns so ein Gespräch wirklich gelingt, etwas vom „guten Leben“ praktizieren. Menschen, die einander wohlgesonnen zuhören, die sich und ihren Vorstellungen von einem guten Leben gegenseitig Raum geben und Respekt zeigen, verwirklichen es damit bereits. Wie komme ich darauf?

Wenn wir auf eine bestimmte Weise unsere Vorstellungen vom guten Leben teilen, dann fangen wir damit an, unseren Lebensraum anders zu teilen als bisher. Wenn wir ein Gespräch darüber führen, wie für möglichst viele ein gutes Leben in ihrem Sinn möglich wird, dann machen wir uns den Lebensraum nicht gegenseitig streitig und kämpfen nicht um die besten Plätze. Wir nutzen diesen Raum dann um zu klären, wie wir ihn am besten gestalten – so, dass er für alle „reicht“ und lebenswert ist.

Womöglich steht das gute Leben dann nicht mehr als große Idee am Anfang seiner Verwirklichung. Womöglich ist es auch nicht das Ergebnis eines langwierigen Prozesses. Womöglich entsteht es durch eine bestimmte Art und Weise, wie wir miteinander umgehen und sprechen. Schwer genug.

Doch wir stechen uns dann nicht mehr länger gegenseitig aus mit konkurrierenden Vorstellungen vom guten Leben. Wir praktizieren es, indem wir ein Gespräch darüber am Laufen halten. Damit das funktioniert, richten wir unser Gespräch nach einer Maxime aus, die als „Goldene Regel“ bekannt ist. Mit dem kleinen Unterschied dass wir sie nicht als Erwartung an andere formulieren, sondern an uns selbst – ganz im Sinne einer Selbstverpflichtung.

Ich behandle andere so, wie ich von ihnen behandelt werden will.

Beziehungsweise: Was ich mir um Umgang anderer mit mir verbitte, versage ich mir selber im Umgang mit ihnen.

Das klappt doch nie in dieser Ego-Welt!

Das klappt nie, oder? Keine Ahnung. Wissen werden wir das erst am Ende dieses Gesprächs. Nicht an seinem Anfang und schon gar nicht, bevor wir es begonnen haben. Ob es funktioniert, erfahren wir nur, indem wir es ausprobieren. Indem wir einmal mehr nicht abbrechen als wir gerne abbrechen würden.

Wir müssen ja niemanden dazu verpflichten. Einladen geht auch. Und bei Einladungen entscheiden meistens drei Faktoren darüber, ob wir sie annehmen. Erstens, wer auch noch da ist. Also machen wir die Liste so attraktiv wie möglich. Zweitens, wie einladend das Ganze ist. Also „Menschlichkeit statt Moral“. Drittens, was es zu essen gibt. Also decken wir einen Tisch!

Beginnen würde ich das Gespräch über ein gutes Leben mit einer Selbstaussage: Wir erzählen einander, was wir uns unter einem guten Leben vorstellen und was wir schon alles unternommen haben, um ihm ein Stück näher zu kommen. Ich garantiere euch: Die Geschichten, die dann erzählt werden, hauen uns vom Hocker! Und wir hören sie uns an. Aufmerksam, empathisch, ganz Ohr.

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Welchen Sinn ergibt das?

Wir helfen uns gegenseitig in einem solchen Gespräch dabei, die eigenen Vorstellungen vom guten Leben zu schärfen, zu vertiefen und immer besser zu verstehen. Unaufdringlich und ohne zu urteilen. Wir helfen anderen, bei sich selbst anzukommen. Das ist eine Idee, die auch den Philosophen Emmanuel Lévinas umgetrieben hat.

Corinne Pellouchon, auch Philosophin, denkt mit Lévinas „über die ethische Notwendigkeit nach, die Andersartigkeit neu zu entdecken und wertzuschätzen. Ich meine wie er, dass die Erfahrung der eigenen Verwundbarkeit für die Wertschätzung des anderen bestimmend ist: Sie ist die einzige Gelegenheit, die wir haben, das Leiden anderer zu verstehen und uns für sie verantwortlich zu wissen.“ (Quelle)

Das klingt womöglich wuchtiger, als es ist. Ich sehe es einfach als einen Dialog der neuen Art. Einer, den womöglich immer mehr Menschen gerne führen, weil sie durch andere Anwesende erfahren, dass es um sie geht und um ihre Sehnsucht nach einem guten Leben. Eingeladen zu diesem Gespräch sind alle. Denn wir sollten möglichst viele Dimensionen eines gutes Lebens hörbar machen, aus möglichst vielen Perspektiven und Disziplinen.

Die Digitalisierung kann dabei aus technologischer Sicht eine große Hilfe sein. Sie ermöglicht uns, räumliche und zeitliche Distanz auszuschalten: über innere und äußere Kontinente und über Zeitzonen hinweg ins Gespräch zu kommen und im Gespräch zu bleiben.

Und wie lernen wir das?

Zuerst: Unsere eigene Idee und Vorstellung eines guten Lebens zu artikulieren, ist uns Menschen in die Wiege gelegt, denn nichts anderes ist die Triebfeder unseres Lebens. Das gute Leben ist über alle Ebenen unseres Daseins hinweg unsere große Sehnsucht: Kunst und Konsum sind ebenso Ausdruck dieser Sehnsucht wie Wissenschaft und Forschung.

Warum diese Vorbemerkung? Weil wir immer dann, wenn wir vom Lernen sprechen, davon ausgehen, dass wir am Ende des Lernens etwas können, das wir vorher noch nicht konnten. Ich gehe jedoch davon aus, dass es ein paar Sachen gibt, die wir als Menschen ganz grundsätzlich können, die wir jedoch gerade in bestimmten Lernumgebungen wieder verlernen. Das Zuhören zum Beispiel. Niemand hört intensiver hin und zu als Kinder. Niemand sieht genauer hin, untersucht hartnäckiger, geht den Dingen ernsthafter auf den Grund als Kinder. Das verlernen sie jedoch in Lernumgebungen, die das verkümmern lassen bzw. die es instrumentalisieren.

Was ich sagen will: Alles was ein Mensch braucht, um seine Frage nach dem guten Leben immer reichhaltiger und bunter zu beantworten, sind andere Menschen, die sich für diese Antworten interessieren. Dafür, was für dieses Kind, für jenen Jugendlichen, für welches konkrete Gegenüber auch immer, mit dem ich in einen Dialog verwickelt bin, ein gutes Leben ist. Dies immer angemessener zu artikulieren und zu verwirklichen, setzt das offene und interessierte Ohr voraus. Fertig.

Selbstverständlich sind in diesem Gespräch auch Fragen erlaubt. Nichts lädt mich mehr ein, über mein Innerstes zu erzählen, als eine Frage, die signalisiert: Ich bin an deiner Geschichte interessiert.

Jede Zuwendung, die als Bekehrung verstanden werden könnte, ist Misshandlung.

Martin Walser

Nicht schlecht wäre also eine Art von Bildungsethik, die ihre Wurzel in der Frage nach dem guten Leben hat und von hier aus fragt, was dann gute Bildung ist – und zwar indem sie das schützt und ermöglicht, was in jedem Menschen nicht nur der Möglichkeit nach angelegt ist, sondern sich vom ersten Atemzug an verwirklicht: Die Frage nach dem guten Leben.

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In Zeiten der digitalen Totaltransparenz fällt es womöglich schwer, eine Aufmerksamkeit, die sich ganz auf mich ausrichtet, als etwas Positives zu erleben. Zu stark ist der Reflex geworden, sich gegen Aufmerksamkeitsübergriffe zu schützen – und oft ist dieser Reflex wichtig. Zu wuchtig wird vielleicht auch die damit einhergehende Einladung erlebt, mich zu öffnen.

Kein Problem. Fangen wir doch deshalb einfach mal damit an, einander zu erzählen, was für uns ein gutes Leben ist.