„Ach wie gut, dass niemand weiß …“ (M)ein Rückblick auf 20 Jahre Leben & Arbeiten in der Schweiz

Titelbild: Papageno Musiktheater/rheinmain4family.de

Sauber, innovativ, international, urdemokratische Strukturen. Landschaftlicher Traum. Hohe Löhne, niedrige Steuern. Geopolitisch optimal gelegen: eingebettet ins Zentrum des reichen Europa, und zugleich abgegrenzt durch den Anspruch der Neutralität. Hervorragende öffentliche (Infra-)Struktur, Sicherheit, wohin das Auge reicht. Die rechtsnationalen Tendenzen sind politisch eingebunden. Freundliche und unaufdringliche Menschen gehen vor allem ihrer Arbeit nach, von der es noch immer ausreichend gibt.

Ist die Schweiz ein Paradies – oder ein perfektes Beispiel für den Rumpelstilzchen-Effekt? Denn der Preis für diese paradiesischen Zustände ist hoch. Nicht nur gemessen in Schweizerfranken, der in absurder Höhe verharrt, sondern vor allem kulturell.

Was zeigt und erzählt die Schweizer Kultur über sich selbst einem Beobachter, der zwei Jahrzehnte hier lebt und arbeitet, und der dabei fremd bleibt? Was kann der überhaupt „sehen“? Ein belesener Schweizer Ethnologe hat mir vor Jahren einmal gesagt, dass dir eine fremde Kultur umso fremder wird, je länger du in ihr lebst. Damit hat er eine Erfahrung artikuliert, die mich in der Schweiz stets begleitet hat, und die ich bis dahin nicht artikulieren konnte. Auch hielt ich die Fremdheit, die unsichtbare Wand zwischen mir und der Schweizer Kultur und Lebenswelt bis heute eher als eine Unfähigkeit meinerseits mich zu integrieren.

Hat diese kulturelle „Wand“ Methode? Ist sie der Preis, den die Schweiz bezahlt, um weiterhin Stroh zu Gold zu spinnen und zugleich alles beim alten zu lassen – auch wenn dieser Preis dabei immer höher wird? Im Märchen vom Rumpelstilzchen fordert der Zwerg gegen Ende sogar das Kind der Königin – eine Metapher für die „Zukunft des Reiches“. Er fordert es als Tribut, um das Erfolgsgeheimnis zu wahren, das mir übrigens sehr patriarchal vorkommt. Dieses Märchen kann durchaus als Urahn des „vom Tellerwäscher zum Millionär“-Narrativs gelesen werden. Eine durch und durch männliche Erzählung, die in meinen Augen vor allem eine Story über Ausbeutung ist.

Die Schweiz und der kulturelle Wandel

Zurück zur Schweiz. Ich habe sie als eine Kultur erlebt, deren Stabilität auf einem Tabu basiert, und zwar in dem Sinn, wie Sigmund Freud es in seiner kulturtheoretischen Schrift „Totem und Tabu“ beschrieben hat: Die Tabuisierung bestimmter Bedürfnisse und Triebe in der kulturellen Kommunikation wirkt konstituierend, stabilisierend und selbsterhaltend. Kurz: Was wir nicht kommunizieren, das macht uns aus.

In der Schweiz ist das der Konflikt. Er ist tabu.

Was ich in der Schweizer Unternehmens-, Bildungs- und Politiklandschaft als erstes beliefern muss, ist das Bedürfnis nach Konsens, nach Harmonie und nach dem Kompromiss. Durch diese drei Schleusen („Tore“) muss ich durch, bevor ich überhaupt in der Eingangshalle stehe. Was diesen drei zuwider läuft, kommt nicht in die Tüte. Es wird durchgereicht: “Göschenen – Airolo“, sagen die Schweizer*innen, wenn sie auf Durchzug schalten – in Anlehnung an die beiden Portale des Gotthardtunnels. Schon die Wahrscheinlichkeit von „Konflikt“ – z. B. als Anzeichen einer „Krise“ – ist zu vermeiden. Sie stellen sich tot.

Nun ist jedoch jede „Krise“ immer auch ein Anzeichen und eine Voraussetzung für Entwicklung, und weil Strategien der Konfliktvermeidung in der Schweiz die Oberhand haben, tritt sie kulturell gesehen auf der Stelle, ohne das wiederum handlungs- und entwicklungsrelevant thematisieren zu können, denn das würde direkt in Konflikte führen – und auch Konflikte über Konfliktvermeidung sind zu vermeiden. Der Wecker, der jüngst im Fahrwasser der Thüringer Landtagswahl ohrenbetäubend geschellt hat – in der Schweiz ist der konsequent auf stumm geschaltet.

Nichts gegen den Wunsch und das Bedürfnis nach Harmonie, Konsens und Konstanz. Wenn die sich jedoch zu Prinzipien auswachsen, die das Denken und Handeln als Geiseln nehmen, dann liefere ich mich als Land und Gesellschaft der kulturellen Stagnation aus – umgeben von und doch „irgendwie“ auch angewiesen auf eine Welt, in der gerade nichts anderes stattfindet als kultureller Wandel – und eine Menge Konflikt. Mein Bild dazu: Die Königstochter, die in ihrer Kemenate brav am Spinnen ist, und die Welt da draußen den großen Jungs überläßt.

Erste Schweizer Pflicht ist es, den Status Quo zu bewahren. So jedenfalls mein Eindruck. Blind für die kulturellen Optionen des Hier und Jetzt. Als typisch dafür habe ich über 20 Jahre hinweg die Verweigerung einer wirklichen kulturellen Gleichstellung von Mann und Frau erlebt. Ein vielsagendes Beispiel ist hier der „Vaterschaftsurlaub“ als Miniaturausgabe des „Mutterschaftsurlaubs“. Es spiegelt den ungebrochenen Paternalismus wider, der die DNA der Schweizer Kultur bis heute prägt, und der womöglich eine der Wurzeln des helvetischen Beharrungswillens bildet.

In diesem Geist unterwirft sich die Schweiz ganz und gar einem harten Funktionalismus: Gut ist, was den Bestand des Bestehenden garantiert,

unter Ausschaltung der Frage, wozu denn das alles gut ist, welche Funktion, die nicht selbst wieder die Funktion von etwas ist, das alles nun haben soll.

Buchinger/Klinkhammer: Beratungskompetenz, S. 141

Über diese Frage zu sinnieren, ist in der Schweiz dem privaten Meinungslotto überlassen, das mittlerweile auch den Feuilleton in sich aufgesaugt hat. Es ist schwierig geworden, einen Journalismus zu finden, der nicht schon persönlicher Kommentar des Schreibenden ist – und die sterilisierten Geisteswissenschaften sind zu Drittmittelpumpen mutiert (wem haben sie das nun wieder nachgemacht?). Das Narrativ dahinter: Wir vermeiden jeglichen gesellschaftlichen Konflikt über den Sinn von Gesellschaft in der Absicht, sie dadurch zu erhalten.

Das Sicherheitsbedürfnis, das sich in der Schweiz auf einem extrem hohen Sicherheitsniveau austobt und pausenlos Ängste vor Sicherheitsverlust produziert, hat in eine kulturelle Erstarrung geführt: Oben werden (wenn überhaupt) gegenwartsfremde Entscheidungen getroffen, die dann unten, wo vor allem malocht wird, irgendwie und bis zur nächsten Entscheidung umgesetzt werden sollen. Den Kollateralschaden fängt eine Coaching-, Supervisions-, Therapie- und Berater*innenbranche auf, die in der Schweiz eine zertifizierte Dichte aufweist, wie sie auf so engem Raum einmalig ist auf der Welt. In der schrumpfenden gesellschaftlichen Mitte, wo sich die von oben und die von unten hier und da über den Weg laufen (z. B. am Bundesfeiertag, oder bei einem der zahlreichen Apéros), sind dann aber alle lieb zueinander. Keine Konflikte bitte.

Wenn die Angst die Bedrohung auslöst

Klar kann einem der momentane Zustand der Welt Angst machen. Und solche Angst ist alles andere als irrational. Sie ist eine Ressource, die hilft, Veränderung in Situationen anzugehen, die unausweichlich sind. Eine reale Bedrohung löst Angst aus als Aufforderung einen Weg zu finden, mit ihr umzugehen. In der Schweiz habe ich es umgekehrt erlebt. Hier löst nicht die Bedrohung Angst aus, sondern Angst die Bedrohung. Nahezu unabhängig von Situationen und Kontexten gereicht der Angst alles, was nicht an seinem Platz ist, zum Auslöser. Also gilt: Nicht bewegen. Einfach weiterspinnen. Mehr Stroh zu mehr Gold.

Auf diesem Nährboden macht sich jetzt in der Organisationsberatung das Konzept der „psychologischen Sicherheit“ breit. Es propagiert sichere soziale Rahmenbedingungen als Voraussetzung für Lernen & Entwicklung. Für Veränderung. Das ist ein nächster geschickter Schachzug der Konfliktvermeidungskultur. Ein Konzept, dem schon die (unangenehme aber) simple Erfahrung gegenüber steht, dass Lernen, zumindest jenes, das zu einem Zuwachs an Kompetenz und an Resilienz („Zukunftsreserven“) führt, nur über Verunsicherung möglich ist, neudeutsch „Labilisierung“.

Solches und jedes Lernen findet nicht aus einer Sicherheit heraus statt (warum sollte es auch), sondern aufgrund von Verunsicherung. Ich vermute: Der laute Ruf nach Sicherheit will einen wesentlichen Auslöser und Anlass für Entwicklung vermeiden:

Kompetenzentwicklung heißt auch ein Aufbrechen von Stabilität. Nach der Selbstorganisationstheorie … ist Störung nicht mehr länger eine Irritation bestehender Ordnung, sondern notwendige Voraussetzung für das Entstehen neuer Ordnung. Die Selbstorganisationstheorie belegt, dass komplexe Ordnungsbildung in der Natur an Phasen von Instabilität gebunden ist. Genau diese „emotionale Labilisierung“ passiert auch bei der Kompetenzentwicklung. Durch den Umgang mit kritischen Situationen oder das Durchleben von Grenzerfahrungen passiert in aller Regel die größte und nachhaltigste Kompetenzentwicklung. Es gibt keine Kompetenzentwicklung ohne emotionale Labilisierung.

Rarrek/Werner (2012): Die Krux mit den Fähigkeiten, in: J. Erpenbeck (Hrsg.) Der Königsweg zur Kompetenz. Grundlagen qualitativ-quantitativer Kompetenzerfassung. Münster u.a.: Waxmann, S. 48.

Davon ist die Schweizer Kultur m. E. noch weit entfernt. Nirgendwo habe ich stärker erfahren, wie Wandel & Veränderung einem Sicherheitsbedürfnis und dem Drang nach Konsens und Harmonie geopfert werden, als im Bildungssystem.

Als Lehrer in allen Schularten und später als Kurzzeitrektor eines Privatgymnasiums habe ich erlebt: Das System ist nicht in der Lage, die Potenziale junger Menschen zu diagnostizieren und zu fördern. Schule versäumt es konsequent, sich entsprechend aufzustellen und zu organisieren. Als Lehrbeauftragter für die didaktische Ausbildung habe ich realisiert: Die Entwicklung entsprechender Diagnosekompetenz bei Lehrenden findet praktisch nicht statt. In diesem Kontext sei als Erfahrungsbericht das Buch von Maximilian Janisch empfohlen, dessen Odyssee durch das Schweizer Schul- und Hochschulsystem ich selber miterlebt habe.

Der Argwohn, der ihm und seinen Eltern aus dem Schulsystem entgegenschlug, war für mich bis dahin ohne Vergleich. Heute weiß ich: Er war nur ein extremes Beispiel für den Unwillen, Schule und Bildung vom Kind aus zu denken, wie das Remo Largo schon lange fordert. Hier ein Interview, das ich vergangenes Jahr mit Maximilian führen durfte.

Die Schweizer Kultur (nicht bloß die Bildungs- und Erziehungskultur) steht sich da selber im Weg mit einer Tradition der Gleichmacherei, mit ihrem Unvermögen, in pädagogischen und erzieherischen Kontexten einen wertschätzenden Umgang mit Individualität und mit der Entwicklung von Persönlichkeit zu finden – denn das würde unvermeidlich in entsprechende Konflikte führen, die mit der Ausbildung von Individualität und Persönlichkeit untrennbar verbunden sind.

Das fällt der Schweiz mittlerweile bleischwer auf die Füße. Ihrem Schulsystem will es nicht gelingen, junge Leute während ihrer Bildungszeit konsequent beim Entdecken und Entfalten ihrer Potenziale zu unterstützen, damit sie sich für Zukunftsthemen und Zukunftsberufe begeistern und befähigen, die für die Schweiz überlebensnotwendig sind – nicht zuletzt im Kontext zivilgesellschaftlichen Engagements und politischer Ämter auf allen Ebenen, die offenbar nur noch mit Mühe besetzt werden können.

… viele Gemeinden bekunden Mühe, Freiwillige dafür zu finden, die erst noch geeignet für das Amt sind.

swissinfo – 24.5.2019

Der Hinweis auf die Tatsache, dass es im umliegenden Ausland ähnliche Entwicklungen gibt (reflexartig: „Die Deutschen sind ja auch nicht besser.“), ist da nur eine billig(end)e Ausrede.

Warum tut sich die Schweiz das an?

Für mich ist bis heute unbegreiflich, wie die Schweiz all jenen Chancen, die ihr pausenlos wie gebratenes Geflügel in den Mund flattern wollen, geschickt ausweicht. Welches andere Land hat denn eine bessere oder auch nur vergleichbar gute geopolitische, infrastrukturelle und finanzielle Ausgangslage wie die Schweiz? Warum opfert sie die Möglichkeiten einer echten Innovationskultur ihrem sturen Beharrungswillen? Es reicht schon lange nicht mehr, sich mit den Quartalszahlen & Patenten internationaler Unternehmen zu schmücken, die sich lächelnd ein Schweizerkreuz ans Revers heften.

Die Schweiz blutet aus, wenn sie sich mit Innovationen schmückt, die sich dort nur einmieten, und wenn sie die Löcher in den Zukunftsbranchen bloß durch den Einkauf von Arbeitskraft stopft. Es braucht andere Antworten auf die Frage, was übrigbleibt an Sinn und Identität, an Gemeinschaft und an Identifikation, wenn der Import an Wertschöpfung und ökonomischer Zukunftskraft seine Grenze erreicht hat. Auch führt es in keine gute Zukunft, wenn die eigene Jugend, wenn das menschliche Potenzial eines Landes durch ein reformunwilliges Schul- und Hochschulsystem gepresst wird, wo statt Zukunftskompetenzen überholte Menschen- und Gesellschaftsbilder im Zentrum stehen.

Der Fachkräftemangel in der Schweiz hat zugenommen: Die Situation in den Berufen mit dem grössten Fachkräftemangel hat sich im Vergleich zum Vorjahr nochmals akzentuiert. Unternehmen fällt es im Jahr 2019 damit noch schwerer, für die betroffenen Berufe geeignetes Personal zu finden, als noch vor einem Jahr.

Stellenmarkt-Monitor der Uni Zürich vom 28.11.2019

Nur wer Bildung jetzt radikal neu erfindet, hat als Kultur eine Überlebenschance. Arbeitskraft kann ich als reiches Land einkaufen, Kultur nicht. Hier hat die Schweiz als kleine Volkswirtschaft mit kurzen Entscheidungswegen und einem eher pragmatischen Approach in Entscheidungsfragen die Chance auf einen enormen Vorsprung, weil ja der gesamte sie umgebende Kulturraum in Sachen Bildung völlig gelähmt ist.

Warum nutzt die Schweiz diese Chance nicht? Warum überlässt sie die kulturelle Zukunftsplanung einer Altherren- und Altdamenriege in einem Parlament, das unter dem Deckmantel alpenländischer Urdemokratie zu einem Lobbyistentempel mutiert ist? Die Schweizerinnen und Schweizer lassen das geschehen bzw. stimmen sogar regelmäßig dafür, dass es so bleibt.

Quelle

Mein Fazit: Der Schweiz steht nichts und niemand im Weg außer sie sich selbst.

Die Lösung?

Im Märchen vom Rumpelstilzchen ist die Lösung ergreifend einfach: Die Dinge beim Namen nennen. Was ich benennen kann, verliert seine absolute Macht über mich. Dadurch öffne ich mir eine Tür aus der Rolle der Passivität. Ich bilde und erfahre einen Unterschied zwischen dem Nichtwissen, das mich hilflos und abhängig macht von Vermutungen, Gerüchten, Fakes (Wie heißt der Zwerg bloß?) und einem Wissen, das mir Unabhängigkeit von Tabuisiertem emöglicht. Das wirkt emanzipatorisch. Es eröffnet Perspektiven, Alternativen, Handlungsfreiheiten. Es macht Angst handhabbar.

Dabei geht es offenbar weder um reine Information, die wir einfach korrekt wiederzugeben hätten wie in der Schule oder bei „Wer wird Millionär?“, wo wir von vier Alternativen die richtige auszuwählen haben. Es geht auch nicht um empirisches Wissen, von dem wir ja mehr als genug haben, ohne dass wir spürbar vom Fleck kommen würden.

Es geht nicht um ein Wissen, das mir Macht über andere verleihen würde – sondern um eines, das mich aus der Opferrolle holt, indem es den Einfluss fremder Macht über mich schlagartig beendet. Es geht um Befreiung. Von hier aus ist dann alles möglich.

Farewell Switzerland.

Warum die Schule demokratisch werden muss

Schule kann nicht fehlen

Dieser Satz lässt mindestens zwei Deutungen zu. Ich kann ihn so interpretieren, dass die Schule unverzichtbar ist und in einer etwas altmodischen Lesart so, dass sie nicht fehlbar ist. Wie der Papst in Glaubensfragen. Zusammengenommen führen beide Deutungen in die Selbstreferenzialität jeder Argumentation über die Notwendigkeit von Schule. Sie bilden jene Voraussetzung, über die in den endlosen Diskussionen über Schule nicht noch einmal nachgedacht wird oder diskutiert. Wo und wann auch immer über Schule gesprochen wird, gilt unausgesprochen: Sie kann nicht fehlen. Was auch immer sie falsch macht – fehlen kann sie nicht.

Die unkontrollierte Kontrolle

Kein anderes kulturelles System ist in seiner Existenz wie in seiner Pragmatik so gründlich von der Reziprozität der Kontrolle ausgenommen, wie die Schule. Wann immer Schule in den Fokus von Kontrolle gerät, sind die Kontrolleure in irgendeiner Form selber Teil des Schulsystems.

Quelle: Google

Nirgendwo sonst (?) gibt es in demokratischen Gesellschaften ein System, das nichts anderes tut, als Menschen in seine Gegenwart zu zwingen, um sie zu bewerten und zu beurteilen, ohne selbst in diesen Kernprozessen von unabhängigen Instanzen bewertet und beurteilt zu werden, denn: Schule kann nicht fehlen. Sie ist „infallibel“, indem sie nicht nur auf normativer, materialer und struktureller Ebene selbstreferenziell darüber bestimmt, was sie tut, wie sie es tut und wie sie es richtig tut. Vielmehr (re-)produziert sie auf dieser Basis das Narrativ ihrer Unverzichtbarkeit (Alternativlosigkeit), also die erste angenommene Bedeutung von „Schule kann nicht fehlen“.

Verrückte Welt: Wo wir vor allem in D-A-CH pausenlos um Themen wie Privatsphäre, Datenschutz und den digitalen Kontrollverlust streiten, leisten wir uns eine Schule, in der junge Menschen ein einseitiges und absurdes Verständnis von Kontrolle entwickeln, weil sie in der Schule täglich damit konfrontiert sind und aufwachsen: mit einem einseitigen Command & Control Setting.

Bild von Jonny Lindner auf Pixabay

Schule ist nicht undemokratisch, sondern nicht-demokratisch

Das demokratische Prinzip lebt davon, dass es sich selbst nicht abschaffen kann. Deshalb unterliegen Parlamente und Regierungen einer regelmäßigen Kontrolle durch den Souverän, der auch eine Sie ist. Dieses Kontrollprinzip gilt nicht für Schule. Die demokratische Legitimierung ihres Handelns endet auf der Schwelle.

Auf dieser Basis realisiert und reproduziert Schule mentale und soziale Rahmenbedingungen, die dem Demokratieprinzip im Kern widersprechen. Im Vollzug ebenso wie in Struktur und Kontrolle. Sie ist ein nicht-demokratisches System, kein undemokratisches. Letzteres wäre sie, wenn sie schlechte Demokratie praktizieren würde, wie das z.B. Regierungen und Parlamente regelmäßig tun. Schule hingegen ist, was auch immer sie tut, nicht-demokratisch konstruiert. Sie unterliegt keiner demokratischen Legitimation, nur ihrer eigenen, die eine bürokratische ist. Als Schüler*in kann ich dieses System nicht verlassen. Herausgeholt werden von mündigen Eltern kann ich auch nicht, denn entscheidende Grundrechte der Bürgerinnen und Bürger sind durch die Schulpflicht ausgesetzt – wie sonst nur noch im Militär oder im Gefängnis.

Wir suchen derzeit händeringend nach Gründen und Zusammenhängen dafür, warum Demokratie merkwürdig dysfunktional erscheint und für sehr viele Menschen (links und rechts) gefühlt wirkungslos. Ein ganz offensichlicher Grund liegt für mich hier: In der Schule lernen wir durch den Rahmen und die Art, wie wir dort lernen, das Gegenteil von Demokratie als Funktionsprinzip sozialer Interaktion kennen und akzeptieren. Weil Schule von ihrer Wurzel her nicht-demokratisch ist, prägt sie am Fließband Haltungen, die vieles sind – außer demokratisch.

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Was bedeutet für dich „demokratisch“?

Für mich bedeutet es, willens, motiviert und in der Lage zu sein, in diskursiven Prozessen und unter freiem Einsatz des eigenen Verstandes daran interessiert und darum bemüht zu sein, die Frage nach dem „Demokratischen“ gemeinsam und immer besser zu beantworten. Es bedeutet, sich dafür einzusetzen, dass dieser Diskurs so offen und heterogen wie möglich geführt werden und lebendig bleiben kann. Das ist für mich die Bedeutung von „demokratisch“, inklusive der auf diesem Weg immer wieder neu anzugehenden Klärung und Schärfung der Begriffe „freiheitlich“ und „rechtsstaatlich“ – dies alles unter Bedingungen, die das, was wir darunter verstehen, mindestens im Ansatz schon garantieren. Wobei in meiner Vorstellung von „demokratisch“ Bedingungen nichts gegebenes sind. Sie entstehen erst dadurch, dass wir sie forlaufend schaffen und reflektieren.

Diese Haltungen und Prozesse abzubilden und konsequent zu praktizieren, Menschen dabei zu unterstützen, diese Haltungen und Prozesse zu verstehen, sie zu verinnerlichen (Haltungen) und zu führen (Prozesse) – das ist in meinen Augen erste Pflicht und Aufgabe von Schule in sog. demokratischen Gesellschaften. Das Gegenteil wird heute praktiziert.

Wie Schule demokratisch wird

Woran ich erkenne, dass Schule auf dem Weg in eine demokratische Zukunft ist, und diese Zukunft auf diesem Weg ermöglicht – zusammen mit denen, die so eine ZUKUNFT wollen?

Wenn Schule als System ihre Vorläufigkeit und Fehlbarkeit erkennt und anerkennt, wenn sie sich vorbehaltlos einlässt auf die Begegnung und Auseinandersetzung mit allen Kräften, die Demokratie herausfordern und gestalten, wenn sie zulässt, dass sie in offenen Diskursen folgenschwer auf ihre Demokratiefähigkeit hin abgeklopft wird, wenn sie praktisch und pausenlos unter Beweis stellt, dass und wie sie jungen Menschen ECHTE Angebote macht, die sie dabei unterstützen, demokratieaffin und demokratiefähig zu werden, und wenn sie Reziprozität in ihr Selbstverständnis als bildende Institution eingeschrieben hat – und wenn jeder Mensch ganz grundsätzlich auch „Nein“ zu ihr sagen kann. Dann ist sie auf dem Weg.

Diese Schule und die Demokratie.