Lehrer: Ein aussterbender Beruf

Der vielbejammerte Lehrermangel ist gar keiner. Ebensowenig wie z.B. der Priestermangel in der katholischen Kirche. Es gibt davon immer weniger, weil diese Berufe aussterben. Wir sollten das akzeptieren und möglichst heute anfangen, uns entsprechend zu organisieren. Auch und gerade als Lehrer.

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Wir sind ausnahmslos alle in der “Sagen-sie-uns-wie-das-geht-und-was-wir-tun-müssen“-Kultur aufgewachsen. Jetzt finden wir uns in einer Kultur wieder, in der nicht einmal mehr die Expertinnen und Experten wissen, wie es weitergeht – wir müssen das also selber herausfinden und wissen erst einmal nicht, wie.

Besonders augenfällig und dramatisch erleben wir den Kulturwandel derzeit also beim Lernen. Wir, die wir in einem Bildungssystem groß geworden sind, in dem Expert*innen zu wissen vorgaben, wie Lernen geht, und wie wir zu lernen haben. Dabei weiß keiner wirklich, wie Lernen geht: „Lernen ist nicht zu verstehen“ (Andreas Sägesser).

Bei hoch komplexen, technischen Vorgängen wie beim Operieren von Menschen oder beim Fliegen von Flugzeugen sind Experten ziemlich nützlich. Aber bei der Grundfunktion menschlicher Existenz, dem Lernen, gibt es außer dem Menschen, der oder die jetzt gerade lernt, keine andere Expertin als sie oder ihn – und diese Expertise ist auch nicht delegierbar, weil jeder Mensch total individuell lernt.

Lernen bis der Lehrer kommt

Mit dieser Erfahrung kommen Menschen auf die Welt und sind von Anfang an in diesem Flow unterwegs, bis er ihnen ausgetrieben wird von zertifizierten Expert*innen des Lernens, die ab jetzt die Steuerung, die Inhalte, die Strukturen, die Organisation und den Outcome bestimmen und überwachen. Ein absurdes Unterfangen – und doch bildet es bis heute die Grundlage einer Kultur und deren Reproduktion, die jetzt abgehakt ist ­– außer in den Köpfen derer, die vorgeben, das Lernen anderer zu organisieren.

Die Aufgabe, in der wir im Moment stecken, scheint mir klar: Das Lernen zuzulassen, um jene Fähigkeiten zu entwickeln, die uns helfen die Kultur zu gestalten, in die wir uns hineinkatapultiert finden – und in der es z. B. darum geht, Alternativen fürs Fliegen von Flugzeugen zu finden und verrückt präzise und erfolgreiche Operationsmethoden, die von Künstlicher Intelligenz gesteuert und von Maschinen durchgeführt werden.

Welche Aufgabe dabei ausgebildete und zertifizierte Lehr- und Lernexpertinnen und -experten noch spielen: da sehe ich eher schwarz. Sie selber womöglich auch, und das könnte ein Grund dafür sein, dass sie sich so hartnäckig gegen eine Kultur der Digitalität wenden. Weil sie (und ihre Arbeitgeber*innen und ihre Ausbilder*innen) intuitiv realisieren, dass Lehrsysteme mitsamt den Angeboten, Funktionen und Aufgaben, die sie heute erfüllen,

  • erstens für lernende Menschen womöglich gar nie wirklich gebraucht wurden, weil all das, was sie didaktisch und methodisch zaubern, Menschen eher von ihrem Lernen abhält als es sie je hätte (hätte Fahrradkette) darin fördern können;
  • und weil sie merken, dass solches Expertentum in der kulturellen Zukunft nicht mehr gefragt sein wird.

Und was brauchen wir jetzt?

Was es womöglich noch viel mehr brauchen wird, sind Menschen, die eine Ahnung haben von dem, was sich heute in Fächern und Lehrplänen versteckt – aber nicht in dieser Form: Kein Lehrplan und kein Fach kann formal oder inhaltlich mithalten mit dem, was im Internet qualitativ zu finden ist, wenn ich zu suchen weiß. Fächer und Lehrpläne sind bereits heute eine ganz und gar anachronistische Form der Wissensorganisation. Für das Gestalten individueller Lernprozesse taugen sie nicht.

Es braucht womöglich Menschen, die für ihr Anliegen und ihre Sache brennen, die es lieben mit jungen Menschen unterwegs zu sein auf Lernexpedition in eine Welt, in der wir uns gerade auf technologischen Wegen riesige Möglichkeiten und Freiheiten erschaffen, um gemeinsam immer weiter auf Entdeckungstour zu sein – mit der Frage im Gepäck, wie wir das alles nachhaltig und menschlich nützen. Das weiß kein Lehrplan, der ja zukünftig bereits in dem Moment veraltet ist, in dem er ratifiziert wird.

Es braucht Menschen, die all den pädagogisch-methodisch-didaktischen Schnickschnack eines durchstrukturierten Command-and-Control-Systems hinter sich gelassen haben. Die stattdesssen häufiger mal tief ein- und wieder ausatmen, und die dann einfach da sind, wenn junge Menschen auf sie zukommen, weil sie auf ihrer Expedition in die Welt festgestellt haben, dass sie jetzt einen Experten brauchen. Oder eine Expertin. Sehr konkret, aktuell, situativ.

Und natürlich wird jetzt der eine oder andere sagen: Genau! Solche Lehrer brauchen wir! Und ich sage dir: Wir brauchen sie nicht. Denn Lehren gehört einer Kultur an, die tot ist. Aus und vorbei – und leider sind es bis heute vor allem jene, die hauptberuflich mit Lehren beschäftigt sind, die diesen radikalen Kulturwandel noch nicht einmal bemerkt haben. Deshalb halten sie so kraftvoll und manchmal auch verbissen daran fest, dass es das Lehren und den Lehrer in alle Zukunft brauchen wird. Dabei ist es ein Beruf, der der Kultur der Digitalität zum Opfer gefallen ist.

Da kommen jetzt nicht andere Aufgaben und Funktionen auf den Beruf der Lehrerin und des Lehrers zu. Der Beruf verschwindet. Wenn Flugzeuge von Maschinen geflogen werden, ändert sich nicht der Beruf des Piloten, und wenn Maschinen operieren, verändert sich nicht der Beruf der Chirurgin. Es braucht dann diese Berufe nicht mehr. Es entstehen andere und neue.

Das wird ja seit einiger Zeit rauf- und runtergebetet angesichts der Digitalen Transformation. Es mag halt keineR so richtig glauben. Am wenigsten die Angehörigen der Berufe, um die es geht. Niemand sieht freiwillig dabei zu, wie sein oder ihr Beruf verschwindet. Und doch würde ich allen, die sich da aktiv auf den Weg machen wollen, ans Herz legen: Geht davon aus, dass ihr tatsächlich einen neuen Beruf erlernt und nicht den alten irgendwie anders gestaltet.

Der vielbejammerte Lehrermangel ist keiner. Ebensowenig wie z.B. der Priestermangel in der katholischen Kirche. Es gibt davon immer weniger, weil diese Berufe aussterben. Es gilt also auch nicht, „den Lehrerberuf neu zu erfinden“. Wir sollten das akzeptieren und möglichst heute anfangen, uns entsprechend zu organisieren. Auch und gerade als Lehrer.

Die großen Chancen der Digitalen Netzwerk-Community

Die Netzwerkgesellschaft ist eine Beziehungsgesellschaft, weil sie das Verhältnis der Menschen zueinander und ihre Kommunikation neu verhandeln muss – und als Chance formuliert: weil sie sie diese Beziehungen neu verhandeln kann.

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Die Netzwerkgesellschaft ist, anders als ihre Vorgängerin, viel mehr eine Beziehungsgesellschaft, da sie durch ihr digitales Fundament ganz ohne Hierarchien und andere klassische Kontrollmechanismen auskommt bzw. erst ohne sie funktioniert, sprich: zu sich selber kommt.

Wer sich aktiv auf das Netzwerk einlässt, kann ab diesem Moment nicht mehr auf Privilegien pochen, die ihm oder ihr in der analogen Hierarchie-Kultur automatisch zufließen.

Die Netzwerkgesellschaft ist de facto klassenlos, solange sie in ihrem Medium kommuniziert: Im Internet und in seinen Kommunikationsmedien ist der soziale Status erst einmal keine Währung.

Im Moment mag das noch anders aussehen und sich anders anfühlen. Das hat damit zu tun, dass wir mitten im Übergang sind: Im Moment leben wir kulturell gesehen noch in zwei Welten: in der untergehenden und in der aufgehenden.

Michael Seemann: Das neue Spiel. Strategien für die Welt nach dem Digitalen Kontrollverlust

Das erkenne ich auch daran, dass die Begriffswelt der Buchkultur noch immer von einer Dualität ausgeht: Hier die physische, analoge Welt, dort die digitale, die auch oft als „virtuelle“ bezeichnet wird, um ihren aus Sicht der alten Welt eher unwirklichen, nur scheinbaren Charakter zu benennen.

Die Netzwerkgesellschaft ist eine Beziehungsgesellschaft, weil sie das Verhältnis der Menschen zueinander und ihre Kommunikation neu verhandeln muss – und als Chance formuliert: weil sie sie diese Beziehungen neu verhandeln kann.

Jede kann mit jedem in Kontakt treten, Gruppen bilden, Interessen austauschen, Projekte aufgleisen, Beziehungen knüpfen, soziale Räume von Grund auf gestalten. Begegnung kann mehr als je zuvor auf Augenhöhe beginnen.

Soweit die Chancen.

Der Sinn des Lebens: Dem Leben einen Sinn zu geben

Im Internet habe ich den Spruch gelesen: Der Sinn des Lebens ist es, dem Leben einen Sinn zu geben. Der besteht nun aber nicht darin, es den Tieren gleich zu tun mit Nestbau, Fortpflanzung und Revierverteidigung. Bei uns Menschen beginnt die Sinnarbeit ja erst in dem Moment, in dem die Versorgerlage geklärt und gesichert ist. Ab dann wird’s interessant!

Wir haben derzeit nicht das Problem, dass wir uns zu sehr für uns selbst und zu wenig für andere und die Mitwelt interessieren. Wir interessieren uns schlicht für unsere Versorgung, für unsere Sicherheit und dafür, dass sich im Hintergrund alles so anfühlt wie immer. Für uns selbst interessieren wir uns damit aber nicht. Im Gegenteil.

Wir interessieren uns für etwas, das mit uns zu tun hat, so wie Tiere Nester bauen und Nahrung anschaffen, ihre Reviere verteidigen und ihren Nachwuchs schützen. Wir rackern uns ab um für spätere Zeiten etwas auf die Seite zu bringen wie Vierbeiner Wintervorräte anschaffen. Dem gilt unser Interesse.

Im Internet habe ich den Spruch gelesen: Der Sinn des Lebens ist es, dem Leben einen Sinn zu geben. Der besteht nun aber nicht darin, es den Tieren gleich zu tun mit Nestbau, Fortpflanzung und Revierverteidigung. Bei uns Menschen beginnt die Sinnarbeit ja erst in dem Moment, in dem die Versorgerlage geklärt und gesichert ist. Dann wird’s interessant!

Dann öffnet sich ein Horizont an Möglichkeiten, der sich nicht mehr pausenlos mit der Notwendigkeit und der Gefahr auseinandersetzen muss, Fressen anzuschaffen oder gefressen zu werden.

Dann entsteht ein Raum der Möglichkeiten, der auch schon als „conditio humana“ bezeichnet wurde: frei zu gestaltende Zeit, das zweckfreie Spiel, die Muße, das Moment des Ästhetischen, das sich in den Künsten artikuliert, aber auch die Langeweile. Das Herausragen aus den unerbittlichen Abläufen der Natur, aus dem „so und nicht anders“ genetischer Programme. Eine Vielfalt, die aus bewusstem Handeln und Gestalten folgt, aus Entscheiden und Verantworten. Alles jederzeit verbunden mit dem Wissen um die eigene Endlichkeit.

Diese Phänomene sind es, die einen Menschen mit seinen und ihren Mitmenschen verbinden – jenseits instinkthafter Bedürftigkeit. Das macht den Menschen aus. Es führt ihn und sie über das Wesen seiner und ihrer tierischen Mitwelt hinaus, ohne die Verbindung mit ihr zu verlieren.

Wenn also jemand anfängt, sich für sich selbst zu interessieren, dann fängt er und sie damit an, sich für den Kosmos dieser Möglichkeiten zu interessieren, der jenseits einer Selbstbezüglichkeit liegt, gegen die wir keine Macht und die wir bloß zu vollziehen hätten.

Deshalb vermute ich: Wir sind im Moment nicht zu viele Menschen, die nur an sich selber denken, sondern eigentlich an alles andere. Wir kennen den Geschmack von Menschsein jenseits von Versorgung und Sicherheit nicht. Denn täten wir das, dann würden wir uns unmittelbar in einer Gemeinschaft von Mitmenschen wiederfinden, denen pausenlos wie Schuppen von den Augen fällt, wie sehr wir aufeinander angewiesen sind, wenn wir dem Leben einen Sinn geben wollen – jenseits von fressen und gefressen werden, von Absicherung, Abgrenzung, materieller Anhäufung.

Es gibt dazu ein aktuelles Buch: „Im Grunde gut“ – von Rutger Bregman. Er reflektiert dieses Phänomen auf historischem Weg und zeigt Stück für Stück auf, welche Möglichkeiten der Kooperation in uns stecken – über alle jene Grenzen hinweg, die wir uns, aus welchen Gründen auch immer, täglich aufs Neue einfallen lassen.

Partizipation zwischen Durchblick und Augenwischerei

Wolfsrudel funktionieren, weil sie sich in streng hierarchischen Formationen organisieren. Die Kontinuität eines solchen Rudels wird in kritischen Zeiten nicht dadurch gewährleistet, dass seine Hierarchie durch holokratische Zirkel abgelöst wird, sondern durch einen Machtwechsel an der Spitze. Was lernen wir daraus?

Nicht nur in der Sozialen Arbeit oder in Erziehung und Schule hat Partizipation einen prominenten Platz im Wappen. Auch in den Diskussionen um New Work geht es um den Übergang von „Command & Control“ zu Kulturen des Teilgebens, der Mitbestimmung, der geteilten Verantwortung.

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Das Paradox dabei: Wenn eine hierarchische Organisation darüber nachdenkt, ob sie auch partizipativ funktionieren möchte, kann sie darüber zum einen nicht partizipativ entscheiden, sondern nur hierarchisch. Die „Linie“ stimmt zu oder lehnt ab. Zum anderen ist diese Art der Partizipation, wenn sie denn von der Organisation zugelassen wird, eine Partizipation an hierarchischen Strukturen. Das ist die gängige Praxis von Partizipation.

Es gibt sie allerdings auch anders: als fundamentales Merkmal einer Organisation. Originär demokratische und originär soziokratische Schulen funktionieren zum Beispiel so. Sie haben sich selbst als fundamental partizipative Struktur erfunden und können zu keinem Zeitpunkt anders (z. B. hierarchisch) funktionieren.

Stick and Carrot, oder: Wir machen auf partizipativ

Ein Beispiel für Partizipation in hierarchischen Kulturen: Konkrete Bildungsarbeit in einer Schule kann durchaus partiell partizipativ designt sein, ohne das Hierarchieprinzp zu berühren. Etwa wenn Partizipation als Methode der Unterrichtsgestaltung und -durchführung zum Einsatz kommt. Dann „dürfen“ Schüler*innen z.B. mitbestimmen, welche didaktischen Formate („Wollt ihr Gruppenarbeit?“) aus einer zuvor von der Lehrperson bzw. von der Schulleitung bzw. vom (Ober-)Schulamt getroffenen Auswahl zur Anwendung kommen können. Ein anderes Beispiel für diese Art der Partizipation ist es, wenn Schüler*innen darüber mitentscheiden „dürfen“, anhand welcher inhaltlichen Schwerpunkte Lehrplan-Einheiten (über die sie nicht entscheiden) „durchgenommen“ werden.

Manchmal erstreckt sich diese Form der Partizpiation auch über den Unterricht hinaus, und Lernende dürfen dann z.B. darüber mitbestimmen, zu welchen Zeiten die Mikrowellengeräte zum Aufwärmen der mitgebrachten Speisen verwendet werden können – solange sich die Vorschläge der Schüler*innen außerhalb der Kernunterrichtszeiten bewegen: „Wo kämen wir denn hin, wenn die jedes Mal essen würden, wenn sie Hunger haben?“

Partizipation meint hier eine Auswahl aus vorgegebenen Möglichkeiten, die von der hierarchischen Struktur vorgeschlagen und kontrolliert werden, ohne diese Struktur selbst zu tangieren. Mehr noch: Solche partizipativen Elemente können jederzeit durch die Hierarchie angepasst oder zurückgenommen werden, z. B. wenn sich zeigt, dass sie ihr gefährlich werden könnten.

Die Absicht hinter solchen Partizipations-Häppchen: Schüler*innen über die Methode „stick & carrot“ einen Motivationsschub verpassen: „Ihr dürft auch mitreden“ (in der Grafik links unten).

Ähnlich verhält es sich dort, wo nicht Schüler*innen sondern Mitarbeiter*innen durch partizipative Elemente eingeladen werden, die ansonsten gleichbleibenden Prozesse und Aufgaben „partizipativer“ zu erledigen. Das während des Corona Shutdowns auf hoher und im Moment auf mittlerer Flamme gekochte Phänomen des „Homeoffice“ ist dafür ein Beispiel.

Die nächste Stufe der Simulation

Eine nächste Möglichkeit, um Partizipation – jetzt auf höherem Niveau – zu simulieren (in der Grafik unten rechts), ist deren explizite Thematisierung: Wir laden zum kommenden „Jour fixe“ zwei Referent*innen ein, die kontrovers über das Phänomen der Partizipation sprechen. Wir vertiefen das Thema anschließend in Workshops („Lego Serious Play“) und enden mit einem Panel.

Als Schule würden wir hier so vorgehen, dass wir Partizipation in den entsprechenden Fächern – oder fächerübergreifend – thematisieren, diskutieren und anschließend prüfen oder nicht. Wobei die Prüfungsrelevanz (bei Mitarbeitenden analog dazu die Gehalts- oder Karriererelevanz) den Stellenwert eines Themas erheblich steigert (siehe in der Grafik unten links).

Hierarchie als Naturprinzip: „Homo homini lupus“

Nach allem, was ich in den letzten 20 Jahren gelesen habe zu Organisationsentwicklung, lernender Organisation, zum Lernen von Menschen und Systemen, funktoniert alles, was lebt, nach Prinzipien der Selbstorganisation.

Wenn das soweit zutrifft, ist Hierarchie und die Partizipation an ihr womöglich nichts anderes als eine Spielart von Selbstorganisation, mit der sich lebende Systeme selbst organisieren. Hierarchie als Struktur wäre dann mitsamt ihren Prozessen nicht das Gegenteil von Selbstorganisation, sondern ein Ausdruck von ihr – auch wenn die Lektüre des Buches „Im Grunde gut“ von Rudger Bregman mich daran wiederum zweifeln lässt. Er entdeckt das Hierarchie-Prinzip nämlich erst in einer späten Phase menschlicher Entwicklung. Ist Hierarchie also sogar ein „kultureller Evolutionsgewinn“? Oder hilft doch ein Blick auf die nichtmenschliche Tierwelt weiter?

Wolfsrudel funktionieren ja als Wolfsrudel nur, weil sie sich in streng hierarchischen Formationen selbstorganisiert organisieren. Die Kontinuität, sprich das Überleben eines solchen Rudels wird in kritischen Zeiten nicht dadurch gewährleistet, dass seine Hierarchie durch holokratische Zirkel abgelöst wird, sondern durch einen Machtwechsel an der Spitze.

Doch zu früh gefreut (oder geärgert). Unterliegt dieses Argument doch einem Denkfehler, denn der Wolf kann sich nicht für oder gegen eine Form entscheiden, wie er sich und seine Rudel organisiert. Das Argument ignoriert darüber hinaus die Tatsache, dass wir Phänomene des nichtmenschlichen Tierreichs nicht auf kulturelle Phänomene des Menschen übertragen können – wie es z.B. der überzeugte Fleischesser auf der Suche nach Argumenten gegen den Veganismus versucht: „Tiere fressen doch auch Fleisch“. Und womöglich schlummert hier auch ein naturalistischer Fehlschluss, denn die Tatsache, dass Hierarchien in welcher Natur auch immer existieren, ist nicht gleichzusetzen mit der Schlussfolgerung, dass wir deshalb danach zu leben haben.

Fehlt ein Teil des Ganzen, ist es ein anderes. Kommt ein neues hinzu: auch

Was also kann dann Partizipation noch sein? Ich kann sie, wie beschrieben, so verstehen, dass Menschen (1) an etwas teilhaben, das auch ohne sie existiert. Wie bei einer Herde etwa. In dieser Sichtweise spielt die Frage, ob ich bei einer Firma mitarbeite oder Teil einer Schulklasse bin, für deren Existenz, Funktionalität und Identität keine Rolle. Mein Fehlen ist nicht relevant für das System. Jede*r ist ersetzbar.

Auch wenn ich „kulturelle Teilhabe“ so verstehe, spielt es für die Kultur selbst keine Rolle, ob ich an ihr partizipiere oder nicht. Die Partizipation (Teilnahme) eines individuellen Menschen (ich als Mann, du als Frau, als Migrantin, als Schüler) oder einer Gruppe von Menschen ist für das kulturelle System, an dem sie teilhaben, weder existenziell noch wesentlich. Würden sie fehlen, fehlten sie nicht.

Ich kann Partizipation aber auch (2) so verstehen, wie es in der simplen Grafik vom Puzzle zum Ausdruck kommt: Fehlt ein Teil, ist das Ganze unvollständig. Egal an welcher Stelle des Ganzen – und auch ganz ohne Hierarchie. Doch auch hier bin ich als Einzelne*r noch immer „Element“, sprich: ich kann heraus- und wieder hineingerechnet werden.

Noch einmal anders (3) sieht die Sache mit der Partizipation aus, wenn durch deine und meine An- oder Abwesenheit dasjenige, woran wir partizipieren oder eben nicht, ein anderes wird. Nicht einfach unvollständig wie ein Puzzle, sondern anders. Wenn sich die Funktionalität, das Wesen, die Gestalt einer Familie, einer Schulkasse oder eines Teams von Grund auf verändern, wenn sie also eine neue Identität erhalten – allein dadurch, dass du partizipierst oder nicht. Diese Perspektive auf Partizipation verdanke ich dem Philosophen Heinrich Rombach und seiner „Phänomenologie der Freiheit“, die mich sehr geprägt hat.

Ich bin davon überzeugt, dass nur diese dritte Auffassung von Partizipation unserem Menschsein gerecht wird: uns als Individuen und als Gemeinschaften – alles Nichtmenschliche in der Natur eingeschlossen. Erst auf diesem Weg der Anerkennung der prinzipiellen und unvorhersehbaren, nicht plan- und nicht bestimmbaren Selbstorganisation alles Lebendigen können wir jene Rahmenbedingungen schaffen, die dem Wesen alles Lebendigen zu Grunde liegen: Entfaltung, Individuation, Verwirklichung eines Eigenen als unverzichtbares Glied einer kulturellen Gemeinschaft.

Deshalb plädiere ich dafür, Partizipation nicht mehr als Teilhabe an und Weitergabe von Kulturen, Traditionen und Routinen zu verstehen – wie das Weiterreichen von mit Wasser gefüllten Eimern in einer Löschkette.

Sei es mit Blick auf zukünftige Formen des Zusammenlebens, auf Prozesse des Lernens und der Bildung, des Wirtschaftens und der politischen Entscheidungskultur: deren Qualität eröhen wir in dem Maße, wie wir (wieder oder erstmals) die Erkenntnis kultivieren, dass sich der Wert einer Gemeinschaft zuerst daran misst, wie sie den Wert und die Bedeutung jeder und jedes einzelnen Wesens in ihr zu schätzen und zu schützen weiß.

Und was hat das jetzt mit Hierarchie zu tun? Womöglich eben nichts. Umso tragischer wäre es dann, dass wir uns an sie klammern.