Der Schlachtruf der Lemminge: Wir müssen alle mitnehmen!

Zurzeit nehmen wir vor allem das mit, was noch übrig ist. Das sind nicht Menschen, Eltern, Schüler*innen, Mitarbeitenden, denn davon gibt es ja (noch) genug. Wir nehmen die Reste an Nahrungsmitteln mit, an fossilen Brennstoffen, an Geld, an Wald, an Fleisch, an sauberem Wasser. Wir überschlagen uns vor Empörung über die Plünderungen angesichts der Massenproteste in den USA oder an jenem legendären Ausrasterabend vor kurzem in der Stuttgarter Innenstadt. Dabei sind das Spiegel-Phänomene einer globalen Gesellschaft, die auf dem Prinzip der Plünderung basiert.

Wir müssen die Menschen mitnehmen, höre ich. Speziell in Unternehmens- und Bildungskontexten höre ich das: Die Führungskräfte müssen die Mitarbeitenden mitnehmen. Die Pioniere müssen auf die Ängstlichen warten, Lehrer*innen müssen alle Schüler*innen mitnehmen, Schulleitende die Lehrer*innen, Politiker*innen das Volk.

Jede und jeder hat jemanden, den er und sie mitnimmt. Das nennen sie Verantwortung. Einspruch.
Wir lenken mit dieser Taktik, mit diesem Narrativ konsequent von uns selbst ab; und wir geben die Verantwortung, die wir für uns selbst haben, an andere weiter, denn irgendjemand muss auch uns immer mitnehmen.
Die soziale Funktion des und der Einzelnen ist darauf reduziert, dass er und sie andere mitnimmt. Das ist eine „Hidden Agenda“, die mich davor bewahren soll, für mich selbst zu sorgen, denn ich muss immer andere mitnehmen. Für mich sorgen dann schon andere, die mich mitnehmen, bezahlen, versorgen.

Wichtiger als das „Wohin“ ist, dass wir alle dorthin mitnehmen

Hinter diesem Karussell-Spiel steckt die kollektive Angst, dass wir ja gar nicht weiterwissen; dass wir keine Ahnung davon haben, wohin wir uns eigentlich alle mitnehmen sollen. Und der einzige Proviant, den wir derzeit haben, sind die(se) Durchhaltesprüche – und die Ignoranz der Bedingungen, unter denen wir dieses Spiel spielen.


Nirgendwo in den Diskussionen über Bildung und Zukunft geht es um die großen Herausforderungen, in denen wir stehen. Es geht in diesen Diskussionen ausschließlich um Fragen der Organisation: Wie organisieren wir Bildung und Schule unter den Bedingungen von Corona oder Digitalität? Es geht nicht um die Fragen: Wie wollen oder sogar wie müssen wir leben – und wie lernen wir das? Welche Perspektiven haben wir eigentlich: die Mitnehmerinnen, die Mitnehmer – und die Mitgenommenen, die wir alle sind?

Mitnehmen was übrig ist

Und in Wirklichkeit nehmen wir zurzeit vor allem das mit, was noch übrig ist. Das sind nicht Eltern, Schüler*innen, Mitarbeitende, denn davon gibt es ja (noch) genügend. Wir nehmen die Reste an Nahrungsmitteln mit, an fossilen Brennstoffen, an Geld, an Wald, an Fleisch, an sauberem Wasser. Wir überschlagen uns vor Empörung über Plünderungen angesichts der Massenproteste in den USA oder an jenem legendären Ausrasterabend vor kurzem in der Stuttgarter Innenstadt. Dabei sind das Spiegel-Phänomene einer globalen Gesellschaft, die auf dem Prinzip der Plünderung basiert – während wir uns zeitgleich und mit Verve in den Diskursen und Diskussionen über die Zukunft von Bildung, Lernen und Arbeit in ein Gefasel darüber verlieren, wer jetzt wen mitnimmt.

Wohin denn?