Warum die traditionelle Schule aus sich heraus nur Varianten ihrer selbst hervorbringt, und was daraus folgt
Titelbild: „Variation ohne Unterschied“. Gestaltet mit Opus 5
Bewegung im Bestehenden
Das Schulsystem befindet sich seit Jahrzehnten in permanenter Reform. Der Diskurs wechselt seine Gegenstände dabei in hoher Frequenz: Inklusion, Separation, Integration, Noten oder Lernberichte, früherer oder späterer Schulstart, neue Fächer, andere Fächer, innovative Unterrichtsformen, Leistung, die sich lohnen soll. Umgesetzt wird davon – wenn überhaupt – ein kleiner und sorgfältig gefilterter Teil. Lehrpläne werden erneuert, Beurteilungsformen angepasst, Kompetenzraster eingeführt, digitale Strategien entwickelt, Förderstrukturen ausgebaut. Die Betriebsamkeit ist hoch, die Belastung der Beteiligten ebenfalls.
Unverändert bleibt in all dem die Logik, in der Lernen organisiert wird.
Konkret: Als Antwort auf gesellschaftlichen Wandel, Digitalisierung und veränderte Kompetenzanforderungen wurde in der Schweiz ab 2017 in den Kantonen der Lehrplan 21 eingeführt. Im Gefolge hat sich an manchen Schulen teilweise die zeitliche Taktung des Unterrichts verändert, etwa durch Doppellektionen oder Halbtagesblöcke. Für die Beurteilung wurden neue Formen entwickelt, weil an vielen Stellen erkennbar wurde, dass die alten nicht mehr genügen: Kompetenzraster, formative Verfahren, Lernberichte, Beurteilungsgespräche, Instrumente der Selbsteinschätzung. Die Praxis nutzt diese Methoden bis heute jedoch nur zum Teil und übersetzt sie nach wir vor in die vertraute Notenlogik.
An dieser Stelle wird zudem ein Unterschied sichtbar, der für alles Weitere entscheidend ist. Verändert hat sich, hier wie in den Reformbewegungen insgesamt, lediglich die Erscheinungsform der Vorgaben. Ihre Funktion im System bleibt dieselbe: Was zuvor als Note im Zeugnis stand, steht jetzt als Text, der Halbtagesblock leistet, was die Einzellektion leistete. Takt und Massstab werden weiterhin institutionell gesetzt, ebenso die altersbasierte Zuordnung. Auch dort, wo diese Formen konsequent genutzt werden, ändert sich daran nichts. Die Selbsteinschätzung Lernender erfolgt ebenfalls entlang vorgegebener Kriterien, das wirksame Urteil verbleibt bei der Institution.
Die Verfeinerung der Verfahren erhöht also lediglich die Dichte der Beurteilung, statt die Einschätzung der eigenen Entwicklung an die lernenden Menschen zu übertragen. Das erst wäre eine andere Grundlogik.
Hinzugekommen sind Planungsinstrumente, Dokumentationspflichten und schulinterne Entwicklungsprozesse. Die schulische Qualitätsentwicklung folgt demselben Muster: Selbstevaluation, externe Evaluation, Indikatoren, Massnahmenpläne. Erzeugt wird Aktivität, während Unterricht, Zeitstruktur, Bewertung und Selektionsfunktion als Rahmen gesetzt bleiben.
Verbreitet ist im Feld zudem die Erfahrung, dass Aufwand und Wirkung auseinanderfallen. Die Deutung dieser Erfahrung verweist in der Regel auf fehlende Konsequenz, knappe Ressourcen oder mangelnde Bereitschaft der Beteiligten. Die Deutung dieser Erfahrung verweist in der Regel auf fehlende Konsequenz, knappe Ressourcen oder mangelnde Bereitschaft der Beteiligten. Sie setzt damit voraus, dass die nächste Reform gelingt, wenn sie nur entschlossener angegangen, besser ausgestattet und breiter getragen wird. Dagegen spricht, dass gerade die konsequent umgesetzten Reformen dasselbe Ergebnis zeigen, bei hohem Einsatz und beträchtlichen Mitteln. Der Aufwand ist nicht die entscheidende Grösse.
Geläufig ist auch die Rede von der „Baustelle Schule“, oftmals in der Steigerung zur ewigen Baustelle. Eine Baustelle setzt allerdings einen Plan voraus, also eine Klärung dessen, was entstehen soll, und sie endet mit dessen Fertigstellung. Wo diese Klärung fehlt, wird die Bautätigkeit dauerhaft und orientiert sich an dem, was bereits steht.
Ein Kriterium statt eines Eindrucks
Ob eine Reform die bestehende Ordnung tatsächlich verändert oder bestätigt, lässt sich prüfen. Entscheidend ist die Zuständigkeit, und dafür genügen vier Fragen:
- Wer bestimmt, was gelernt wird?
- Wer bestimmt Reihenfolge und Zeitpunkt?
- Wer bestimmt, wann etwas als gelernt gilt?
- Wer bestimmt, welche Geltung das Ergebnis erhält?
Solange die Antwort viermal auf die Institution verweist, ist die Form reproduziert, unabhängig von ihrer Oberflächengestalt. Sobald die Antwort in wesentlichen Teilen auf den lernenden Menschen verweist, liegt keine Variante des bestehenden Systems mehr vor, sondern ein anderes. Dann ist Schulschluss.
An dieser Stelle liegt die Rückfrage nahe, weshalb denn die Zuständigkeit beim lernenden Menschen liegen sollte und nicht bei einer Institution, die dafür ausgebildetes Personal beschäftigt. Dafür sprechen zwei Gründe, eine Entwicklung und ein Befund.
Die Entwicklung betrifft die Bedingungen, auf die Schule sich zu beziehen vorgibt, zum Beispiel Erwerbsbiografien. Die verlaufen heute und in Zukunft brüchig, Qualifikationen verlieren rasch an Halbwertszeit, Wissensbestände sind permanent verfügbar und permanent revidierbar, berufliche Zielpunkte lassen sich nicht mehr stabil beschreiben. Das Schulsystem wiederum, das seine Struktur und seine Prozesse als Vorbereitung auf klar umrissene Berufsbilder und in der Annahme gesicherter Wissensbestände organisiert, bezieht sich also auf eine Welt, die so nicht mehr existiert. Tragfähig ist unter diesen Bedingungen vielmehr die Fähigkeit, eigene Lernbewegungen zu bestimmen, zu unterbrechen, neu anzusetzen und einzuschätzen.
Der Unterschied lässt sich an einem Beispiel zeigen. Eine Fachfrau im Detailhandel stellt fest, dass ein Teil ihrer Aufgaben automatisiert wird. Ob sie darauf reagieren kann, hängt daran, ob sie selbst bestimmen kann, was sie jetzt lernen muss, wo sie es findet, wann sie weit genug ist und wann ein eingeschlagener Weg nicht trägt. Wer darin geübt ist, beginnt sofort. Wer es nicht ist, wartet auf einen Kurs, der die Inhalte festlegt, den Ablauf vorgibt und am Ende bescheinigt, dass die Anforderungen erfüllt sind.
Der Befund betrifft das Lernen selbst. Lernen verläuft ungleichzeitig und nichtlinear, es vollzieht sich in Aneignung, Irritation, Verbindung, Verwerfung und Neubewertung. Zeitbedarf, Rhythmus, Reihenfolge und Anschlussfähigkeit unterscheiden sich von Mensch zu Mensch, beim selben Menschen von Gegenstand zu Gegenstand und über die Zeit hinweg. Zugang zu diesen Bedingungen hat allein der lernende Mensch. Schule in ihrer historisch gewordenen Form kann diese Unterschiede weder erfassen noch synchronisieren, versucht aber bis heute nichts anderes und setzt doch nur eine einheitliche Ordnung durch, deren Einhaltung sie überprüft.
Die Frage der Zuständigkeit ist damit keine pädagogische Vorliebe, sondern eine Konsequenz aus dem Gegenstand: Wer über Ziel, Zeitpunkt und Massstab von Lernen und Bildungsarbeit bestimmt, entscheidet darüber, ob Lernprozesse an ihren eigenen Bedingungen ansetzen oder in eine vorgegebene Ordnung überführt und an deren Erfüllung gemessen werden.
Der Testfall: was geschieht, wenn Pfeiler kippen
Die traditionelle Schule ruht auf fünf Pfeilern: Unterricht als Format, Linearität der Lernorganisation, Jahrgangsklasse, Prüfen und Benoten, Fächer und Lehrpläne. Es liegt nahe, in diesen Pfeilern die Ursache dafür zu sehen, dass die Zuständigkeit bei der Institution liegt, und in ihrer Beseitigung der Ausweg. Diese Annahme ist an Schulen auch schon erprobt worden:
Altersdurchmischtes Lernen hebt die Jahrgangsklasse zumindest teilweise auf. Lernlandschaften öffnen den Klassenraum und teilweise den Lektionentakt. Selbstorganisiertes Lernen überträgt die Ablaufplanung an die Lernenden. Kompetenzraster ersetzen die Stofflogik durch differenzierte Zielbeschreibungen. Vier Pfeiler werden hier mit erheblichem Aufwand und hohem Engagement tatsächlich abgeräumt.
Die Zuständigkeit bleibt jedoch in alldem unverändert. Was gelernt wird, steht im Raster, in welcher Reihenfolge, regelt der Wochenplan, wann es als gelernt gilt, entscheidet die Überprüfung, welche Geltung das Ergebnis erhält, entscheidet das Zeugnis.
Die Formel vom selbstorganisierten Lernen meint in dieser Praxis die Organisation des Ausführens von Vorgegebenem. Die Lernenden bestimmen über das Wie der Ausführung, bleibend gerahmt (!) durch Aufgabenformate, Zeitfenster und Abgabetermine, während die Institution Ziel, Massstab und Geltung setzt.
Hinzu kommt: Sobald die selbstständige Ausführung an Lernende übertragen wird, müsste die Fähigkeit, eigene Arbeitsprozesse zu planen, zu unterbrechen und zu revidieren, selbst zum Lerngegenstand werden. Sie wird stattdessen vorausgesetzt, und Schülerinnen und Schüler bleiben mit ihr weitgehend sich selbst überlassen.
Diese Auslassung ist nun aber kein Versäumnis, denn um diese Fähigkeit aufzubauen, müsste Schule Ziel, Zeitpunkt und Massstab aus der Hand geben, also genau jene Operationen aufgeben, mit denen sie sich als unterrichtendes und beurteilendes System am Leben erhält. Die Begleitung selbstbestimmten Lernens verlangt nämlich einen Auftrag, der dem schulischen nicht nur gegenübersteht, sondern ihm widerspricht. Was hier bisher fehlt, fehlt daher folgerichtig.
Damit lässt sich sagen, was die fünf Pfeiler tatsächlich sind. Hinter ihnen steht eine Entscheidung, die nirgends getroffen und überall vorausgesetzt wird: Zuständig für das Lernen ist die Schule, nicht der lernende Mensch. Die Pfeiler sind die sichtbare Form dieser Entscheidung. Wer die Jahrgangsklasse aufheben oder den Lektionentakt auflösen würde, veränderte diese Form, ohne die Entscheidung selbst zu berühren.
Diese Denkform ist historisch datierbar. Sie entstand unter Bedingungen, in denen Arbeit standardisiert, Wissen kanonisiert und Lebensläufe vorhersehbar waren. Ihre Passung war real, ihre Leistungen ebenfalls. Zeitlos ist sie nicht, ihre Voraussetzungen sind es erst recht nicht.
Warum die Grundentscheidung erhalten bleibt
Dass Reformen die Zuständigkeit für Ziel, Zeitpunkt, Massstab und Geltung unangetastet lassen, hat seinen Grund darin, dass das System Schule Vorschläge für Reformen auf deren Anschlussfähigkeit an die eigene Operationsweise prüft, bevor über sie entschieden wird.
Ein Reformvorschlag muss mehrere Filter passieren, um überhaupt bearbeitbar zu werden. Er muss auf das bestehende System hin planbar, dokumentierbar, evaluierbar, finanzierbar und rechtlich absicherbar sein. Vorschläge, die diese Bedingungen nicht erfüllen, gelangen nicht in die Umsetzung, sondern gelten als unrealistisch, unverantwortlich oder nicht anschlussfähig. Bearbeitbar ist ein (Reform-)Vorschlag genau dann, wenn er sich in den vorhandenen Kategorien beschreiben lässt. Die Kategorien sind Unterricht, Lektion, Klasse, Leistung, Niveau, Nachweis.
Die Erhaltung der bestehenden Ordnung setzt damit keine Absicht voraus. Sie ergibt sich daraus, dass nur Vorschläge weiterkommen, die sich in Begriffen der bestehenden Ordnung beschreiben lassen. Eine Reform, die diesen Weg nimmt, gilt am Ende als gelungen. Die Konzepte liegen vor, die Massnahmen sind umgesetzt, die Evaluation bestätigt, dass die gesetzten Ziele erreicht wurden. Was unverändert geblieben ist, kommt in dieser Bilanz nicht vor.
Was die Einzelbeurteilung der Lernenden mit Zusammenarbeit macht
Als Beleg dafür, dass Schule in der Gegenwart angekommen ist und junge Menschen auf sie vorbereitet, dient regelmässig der Verweis auf Formate der Zusammenarbeit. Sie gilt als Schlüsselfähigkeit für Arbeitswelt, Zivilgesellschaft und private Lebensführung, und Formate dafür bestehen: Gruppenarbeiten, Projektwochen, Präsentationen. Wie häufig sie eingesetzt werden und wie viel Spielraum sie tatsächlich lassen, unterscheidet sich von Schule zu Schule erheblich. Zudem eignet sich dieses Thema als Prüfstein, weil dort, wo diese Formate ernsthaft betrieben werden, gewollt wird, was strukturell nicht möglich ist.
Die Formate der Zusammenarbeit verlangen eine gemeinsame Hervorbringung, die Beurteilung aber verlangt eine individuelle Zurechnung. Vom zweiten hängt ab, was zählt: Noten, Übertritte, Abschlüsse. Dieser Zwang wächst mit den Folgen. Auf der Primarstufe lässt sich ein gemeinsames Produkt noch als gemeinsames würdigen, bei einer Zeugnisnote, einer Semesternote, am Gymnasium und an der Hochschule wird die individuelle Zurechnung unumgänglich. Schülerinnen und Schüler handeln deshalb vernünftig, wenn sie sich daran ausrichten. Sie lernen, ihren eigenen Anteil erkennbar zu halten, ihn von den Anteilen der anderen abzugrenzen und dafür zu sorgen, dass er ihnen zugeschrieben wird. Die Gruppe teilt die Arbeit entsprechend auf, oft auf ausdrücklichen Wunsch der Lehrperson, die für eine gerechte Beurteilung sorgen will.
Der günstigste Fall verändert daran wenig. Wo Jugendliche mit hohem Interesse bei der Sache sind, einander vertrauen und füreinander einstehen, unterstützen sie sich gegenseitig beim Erreichen einer guten Beurteilung. Das ist viel wert und bleibt weiterhin innerhalb derselben Ordnung: Der gemeinsame Zweck der Gruppe ist die Einzelleistung ihrer Mitglieder, nicht die Kollaboration selbst.
Kooperation als Arbeitsteilung an einem geteilten Gegenstand bleibt in diesem Rahmen möglich, während Kollaboration als gemeinsame Hervorbringung mit geteilter Ergebnisverantwortung durch die Einzelbeurteilung von vornherein ausgeschlossen ist. Schule trainiert damit unter dem Etikett der Kollaboration deren Gegenteil. Dieser Vorgang ist vollständig folgerichtig innerhalb der schulischen Denkform. Er ist bestechend einfach zu durchschauen. Wo auf ihn hingewiesen wird, winken Betroffene jedoch regelmässig ab.
Zur Rolle der Umwelten
Die Hoffnung auf eine grundlegende Veränderung der Schule richtet sich häufig auf deren Umwelten: Sie sollen von aussen erzwingen, was von innen nicht zustande kommt. Wirtschaft, Hochschulen und Öffentlichkeit stellen nämlich Anforderungen, denen Schule sich am Ende beugen muss. Diese Hoffnung unterschätzt erneut, wie Schule mit Anforderungen umgeht. Sie nimmt auf, was sich in ihren eigenen Kategorien bearbeiten lässt, und übersetzt den Rest so lange, bis er hineinpasst. Aus der Forderung nach überfachlichen Kompetenzen macht sie ein Raster, aus der Forderung nach Digitalisierung einen Fachbereich mit pädagogischem Medienkonzept.
Am deutlichsten zeigt sich das bei Zeugnissen und Abschlüssen. Betriebe und Hochschulen brauchen etwas, worauf sie sich beim Auswählen stützen können, und Schule liefert genau das. An dieser Stelle bestätigt sogar die Umwelt die Schule, statt sie infrage zu stellen.
Daraus ergibt sich eine Folge, die selten mitgedacht wird. Auch wenn Betriebe, Hochschulen und Eltern zunehmend bemerken, dass Schule ihr Versprechen nicht einlöst, verändert diese Wahrnehmung die Schule nicht. Was sie bewirken kann, ist Entzug. Erste Anzeichen lassen sich beobachten: Betriebe stützen ihre Auswahl vermehrt auf Arbeitsproben, Assessments und Probeeinsätze, Hochschulen erweitern ihre Zulassungswege, Familien nehmen private und alternative Angebote stärker in Anspruch. Wie weit diese Entwicklung führt, lässt sich nicht abschätzen, ihre Richtung ist aber erkennbar. Schule bleibt währenddessen unverändert und für alle verbindlich. Was sie bescheinigt, sagt jedoch immer weniger aus. Die Folgen davon treffen zuerst jene, die in ihr lernen und arbeiten.
Konsequenz
Die Debatte über Noten oder Lernberichte, über früheren oder späteren Schulstart, über Integration oder Separation bewegt sich vollständig innerhalb einer Ordnung, die unberührt bleibt, wie immer diese Fragen entschieden werden. Verbesserungen innerhalb dieser Ordnung führen deshalb nicht aus ihr heraus. Der entscheidende Unterschied liegt an anderer Stelle: Ein System, in dem die Zuständigkeit für Ziel, Zeitpunkt, Massstab und Geltung bei den lernenden Menschen liegt, ist keine Variante der bestehenden Form, es operiert nach anderen Kriterien und bringt andere Strukturen hervor. Das wäre Schulschluss.
Solche Systeme existieren, in Nischen, geduldet, privat geführt, in ihrer Reichweite begrenzt. Diese Begrenzung folgt nicht aus mangelnder Qualität. Diese Initiativen haben sich in der Schweiz die institutionelle Anerkennung erarbeitet, jede für sich und jeweils zu den Bedingungen, die das bestehende System setzt. Den Anschluss an das, was „nach der Schulzeit“ kommt, stellen die Lernenden dabei weitgehend selbst her, durch frühe Vernetzung und Zusammenarbeit mit Betrieben und Arbeitsmarkt. Gegen private und alternative Bildungsinitiativen wird in der Schweiz zwar regelmässig eingewendet, ihre Anschlussfähigkeit an weiterführende Schulen und an den Arbeitsmarkt sei nicht gesichert. Die Jugendlichen, die ihren Bildungsweg dort gemacht haben, finden jedoch ausnahmslos und souverän ihre Anschlüsse. Das spricht also eher für den Ansatz dieser Initiativen. Es spricht für Schulschluss.
Damit verschiebt sich der Ort der Frage. Entschlüsse, etwas anderes zu machen, gibt es zuhauf, aus einigen entstehen alternative Initiativen, damit liegen auch ausgearbeitete Konzepte vor. Ein anderes System entsteht daraus noch nicht. Sein Anfang liegt an einer weniger sichtbaren Stelle:
Umwelten von Schule beziehen sich zunächst nicht auf ein System, sondern auf einzelne Menschen. Ein Betrieb stellt eine Jugendliche aus einer solchen Schule ein und macht eine Erfahrung. Eine Hochschule lässt jemanden über ein Portfolio zu und stellt fest, dass die Wahl trägt. Eine Familie erzählt einer anderen, wie es ihrem Kind ergangen ist. Solche Erfahrungen summieren sich, und mit ihnen wächst die Bereitschaft, Nachweise anders zu lesen, Zugänge anders zu regeln und andere Formen rechtlich anzuerkennen. Sichtbarkeit und Anerkennung entstehen auf diesem Weg, nicht vor ihm.
Der einzige Referenzpunkt
Diese Entwicklung entlastet zunächst niemanden. Solange in der Schweiz die traditionelle Volksschule der einzige Referenzpunkt bleibt, rechtlich wie gesellschaftlich, muss sich jede Alternative an ihr ausrichten und an ihren Kriterien ausweisen. Der umgekehrte Fall ist weder vorgesehen noch denkbar, denn kein Verfahren prüft die Volksschule, ihre Denkform und ihre Grundpfeiler daran, ob sie den Kriterien einer anderen Form genügt. Das Problem liegt damit nicht bei den Alternativen, sondern beim Referenzpunkt selbst.
Wie mit dieser Asymmetrie umzugehen wäre, juristisch wie gesellschaftlich, ist offen. Die Abschlüsse der Volksschule bleiben unterdessen formal gültig und verlieren zugleich an Aussagekraft. Schülerinnen und Schüler tragen dabei die grösste Last. Sie verbringen ihre Schulzeit unter Bedingungen, die ihren eigenen Lernbewegungen zuwiderlaufen, mit fremdgesetzten Zielen, vorgegebenen Rhythmen und einer Beurteilung, die den Massstab von aussen setzt und die Einschätzung der eigenen Entwicklung überflüssig macht.
Diese Schulzeit vergeht unwiederbringlich, unabhängig davon, wie sich die Geltung der Abschlüsse später entwickelt. Was am Ende bleibt, sind Nachweise, die jungen Menschen immer weniger einbringen als früher. Lehrpersonen arbeiten unter wachsendem Aufwand für eine Institution, deren Anerkennung von aussen brüchig wird, ohne dass sie diesen Vorgang beeinflussen können. Schule reagiert auf schwindende Geltung mit dem einzigen Mittel, das ihre Denkform kennt: mit mehr Nachweis, mehr Dokumentation, mehr Kontrolle. Familien mit entsprechenden Ressourcen wählen als Erste andere Wege, die übrigen bleiben in einem System zurück, das an Wert verliert, und die Ungleichheit wächst.
Die Abwendung der Umwelten von Schule löst deshalb nichts. Sie verschärft die Lage für alle Beteiligten, solange keine anerkannte Alternative besteht. Darin liegt die Dringlichkeit.
Wie Schule sich verändern liesse, wird jedoch weiterhin innerhalb ihrer traditionellen Denkform gefragt und dort auch beantwortet. Woran sich ihre Umwelten orientieren, wenn das Leistungsversprechen der Schule nicht mehr einlösbar ist, entscheidet sich währenddessen immer häufiger ausserhalb. Diese beiden Bewegungen beschreibt mein Buch Schulschluss. Das Ende eines Konzepts. Die eine betrifft die Umwelten, die ihre Orientierung verlagern, die andere den Ort, an dem junge Menschen lernen: weg von einer Architektur, die ihnen ihre eigenen Wege verstellt, hin zu Lernorten, die diesen Wegen folgen und sie begleiten. Die erste Bewegung entscheidet darüber, ob die zweite über Nischen hinauskommt.
Zum Schluss eine Bemerkung in eigener Sache. Einige der Systeme, von denen hier die Rede ist, habe ich besucht, in einzelnen mitgearbeitet, ihre Prozesse begleitet, analysiert und evaluiert. Fast ausnahmslos haben sie tragfähige Wege gefunden, ihre Lernenden in Ausbildung, Studium und Beruf anschlussfähig zu machen, ohne den jungen Menschen die Verantwortung für ihr eigenes Lernen wieder abzunehmen.






