Bildung und Digitalität: Drei Schritte in Richtung Zukunft

Drei Schritte, ein Ziel: Was Schulen tun können, um an Digitalität anschlussfähig zu werden.

Haben wir uns tatsächlich damit abgefunden, dass Bildung und Digitalität nicht zusammenkommen? In der Phantasie der allermeisten Menschen bringt es digitale Technologie heute nicht viel weiter als bis zum Status eines methodisch-didaktischen Spielzeugs in weiterhin geschlossenen Settings. Wenig Bereitschaft zeigen Schule und Hochschule hingegen, sich zu den neuen Bedingungen kundig zu machen, unter denen sie ihre Arbeit zu machen haben. Dabei ließe sich Bildung auch unter Bedingungen der Digitalität durchaus gestalten.

Dann jedoch ist „Weiter so!“ die falsche Devise. Sascha Lobo hat jüngst mit seiner Eröffnungsrede auf der re:publica deutlich gemacht: Die aktuelle Pandemie zeigt, dass Deutschland auf dem letzten Loch pfeift, was seine Zukunftsfähigkeit betrifft. Das ist natürlich viel auf einmal, und löst eher Depression aus als es sie zu überwinden hilft.

Ich halte in diesen stürmischen Zeiten an meiner Überzeugung fest: Wandel ist gestaltbar. In jedem Moment. Das Gerede von den Bedingungen, die wir erst zu schaffen hätten, damit sich Menschen auf den Wandel einlassen können, ignoriert, dass es diese Bedingungen nicht geben wird, außer wir schaffen sie gemeinsam – und DAS ist dann der Wandel.

Wir sollten begreifen, dass „Sicherheit“ keine Voraussetzung für Veränderung ist. Sie entsteht erst in diesem Prozess. Wir erarbeiten sie uns, in diesem Prozess. Dass Menschen Sicherheit bräuchten, um überhaupt mit dem Lernen anfangen zu können, stimmt nicht. Lernen hebt erst in jenen Situationen an, in denen Sicherheit nicht gegeben ist oder verloren zu gehen droht.

Wir Menschen verändern uns und die Welt, wir lernen, damit wir dadurch Sicherheit gewinnen, nicht weil wir sie schon haben.

Das Fehlen oder (antizipierte) Abnehmen von Sicherheit ist der Auslöser von Lernen, mit dem Ziel, Resilienz zu entwickeln. Niemand verlässt freiwillig die eigene Komfortzone, egal mit welchen methodisch-didaktischen Tricks operiert wird. Der einzige Grund sie zu verlassen, ist, wenn ich aus ihr vertrieben werde. In allen anderen Fällen erweitere ich sie bloß – und das ist die allgegenwärtige Tendenz in unserem Bildungssystem: Zurück in die gute Schulstube.

Doch selbst unter solchen Bedingungen können wir mitgestalten.

Wenn eine Schule oder Hochschule oder ein Anbieter der beruflichen oder betrieblichen Aus- und Weiterbildung sich und sein Angebot angesichts einer „Kultur der Digitalität“ weiterentwickeln möchte, dann empfehle ich als Einstieg drei Aktivitäten. Die folgende Aufzählung ist dabei weder hierarchisch noch bedeutet sie eine zeitliche Abfolge. Jede kann den ersten Schritt bilden, eine Organisation kann die drei Schritte auch gleichzeitig machen (oder andere 🙂) – wie es passt.

Hier also mein Vorschlag für die ersten Schritte:

Sich informieren, was abgeht

Organisation und Mitarbeiter*innen informieren sich umfassend und entwerfen für sich, ihren Beruf, ihre Organisation und für ihr Angebot als Bildungseinrichtung ein Bild dessen, was „Kultur der Digitalität“ für sie konkret bedeutet: für den eigenen Handlungsraum. Anschließend fragen sie sich: Was ist für uns jetzt zu tun angesichts des Wissens, das wir uns erarbeitet haben? Erstes Ziel ist also:

Aufholen des teilweise erschreckend großen Rückstands nur schon hinsichtlich Information darüber, was „Kultur der Digitalität“ beinhaltet und bedeutet.

Den eigenen, digitalen Reifegrad ermitteln

Die Führung einer Schule, einer Hochschule oder einer privaten Anbieterin von Bildung fokussiert den digitalen Reifegrad ihrer Organisation und ihrer Mitarbeitenden in technischer, organisatorischer, kultureller und strategischer Hinsicht, um entsprechende Entwicklungsmaßnahmen ergreifen zu können. Hierfür gibt es bereits brauchbare „Lese- und Arbeitsinstrumente“.

Meine Zielgruppe verstehen

Ökonomisch formuliert geht es dabei um Marktfähigkeit – nicht von Menschen, sondern von Bildungsangeboten. Zwar halten öffentliche Bildungseinrichtungen hartnäckig daran fest, dass sie diesseits von Ökonomie agieren würden und Bildung nicht ökonomisiert werden dürfe. Aus dem Blick gerät bei diesem ideologischen Gerangel jedoch, dass es bei Bildung jederzeit auch darum geht, wie lernende Menschen anschlussfähig werden an Arbeitsmärkte , die sich im Rahmen der Digitalität völlig verändern – und damit verändern sich ja auch die Lebenswelten.

Dabei geht es nicht darum, dass Schule die Arbeitsmärkte mit Personal versorgt. Diese Verkürzung ist zynisch. Es geht um die Frage, welche Kompetenzen Menschen brauchen, damit sie in Zukunft (u. a.) ökonomische Realitäten aktiv mitgestalten können. Deshalb stellen wir uns als Bildungsorganisation analytische Fragen zu unseren Zielgruppen. Sie helfen uns dabei, uns entsprechend aufzustellen.

Was sind auf diesem Hintergrund die Herausforderungen unserer aktuellen oder zukünftigen Zielgruppen? Wie müssen die lernen? Was müssen die lernen, wissen, können?

Um das zu eruieren, muss ich nicht nur meine Zielgruppe und deren Bedarfe analysieren, sondern auch zukünftige Lebens- und Arbeitsbedingungen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit zu erwarten sind, weil sie sich bereits heute andeuten:

  • Wie werden Menschen, für die wir Bildung anbieten, in Zukunft arbeiten und wo?
  • Welche Optionen entwickeln sich hinsichtlich Arbeitsverhältnissen? Welche verschwinden?
  • In welchen Berufen werden Menschen in wenigen Jahren vor allem tätig sein? Wie sehen diese Berufe aus?
  • Welche Märkte und Branchen entstehen neu?
  • Wie verändert sich dabei das soziale Gefüge, wie das Verhältnis von Arbeits- und Privatleben, kurz:

Wie sehen die Lebens- und Arbeitswelten meiner Zielgruppen unter den Bedingungen der Digitalität aus?

Das Ziel: Die neuen Lebens- und Arbeitswelten lesen und verstehen lernen

Diese Phänomene muss ich als Bildungsanbieterin lesen und deuten können. In einem nächsten Schritt entwerfen wir dann Szenarien, wie sich die diagnostizierten Entwicklungen auf Bildungswirklichkeiten und Bildungswelten auswirken.

Aus solchen Analysen wird ersichtlich, was unsere Zielgruppen lernen und sich aneignen, was sie wissen und können, wenn sie uns in Anspruch nehmen.

Bei der Weiterentwicklung bzw. Neupositionierung von Bildungsorganisationen geht es also darum

  • wie in Zukunft Bildungs- und Lernprozesse überhaupt aussehen,
  • wie Menschen diese Prozesse organisieren: Prozesse, in denen sie lernen, was sie können und wissen müssen und wie sie es wissen und können müssen.
  • Was in diesen Prozessen die Funktionen und Aufgaben von Bildungsanbieterinnen sind – queer durch die Biografien von Menschen hindurch.

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Warum Schule nicht vom Fleck kommt – und wie vielleicht doch …

Egal an welcher Stelle ich beim Thema „Schulentwicklung“ ansetze und dabei nicht einfach das Bestehende verändere sondern ersetze durch zeitgemäße Prozesse und Strukturen, die an den Menschen, ihren Bedarfen und Potenzialen ausgerichtet sind: das bestehende System von Kontrolle, Selektion und Disziplinierung würde sich entweder sofort selber aufheben – oder, was es bisher immer tut: sich durchsetzen.

Titelbild von Vishwas Bangar auf Pixabay

Ein wesentlicher Faktor, warum Schulentwicklung auch im 21. Jahrhundert nicht funktioniert, und in der Folge auch nicht die Entwicklung entsprechender Kompetenz bei Lernenden, ist der: Das System kann nicht an einzelnen Stellen verändert werden ohne dass das Gesamtsystem kollabieren würde. Alles hängt mit allem zusammen. Ich kann nicht nur an einer Stelle radikal werden, weil Wechselwirkungen eine ungeheure Macht haben. Deshalb kommt Schule nicht vom Fleck.

Die Kernfunktionen von Schule: Disziplinieren, Kontrollieren, Selektion

Ich kann nicht etwa, was ich müsste, um ein anderes Paradigma von Bildung und Lernen zu ermöglichen, das längst entlarvte Benotungs- und Prüfungswesen durch etwas anderes ersetzen, und alles andere beim Alten lassen, denn es handelt sich dabei um ein Prinzip von Schule: um eine grundsätzliche Funktion von Schule und um ein dahinter liegendes Prinzip: Kontrolle, Disziplinierung und Selektion. Wann immer ich versuchen würde, eine Alternative für „Prüfen und Benoten“ einzuführen, die nicht mehr Kontrolle, Disziplinierung und Selektion zum Ziel hat, würde das System Schule alles daran setzen, diese drei Funktionen in der gefundenen Alternative doch wieder unterzubringen.

Wenn ich also Schule als System neu aufsetzen will, muss ich zuerst den funktionalen Kernauftrag von „Kontrolle, Disziplinierung und Selektion“ außer Kraft setzen, der allen schulischen Strukturen und Prozessen zugrunde liegt, weil er sich sonst in jeder Entwicklungs-Aktivität re-installiert und in Stellung bringt. Mala herba non interit 🙂

Wechselwirkungen: Ohne Noten kein Unterricht – und umgekehrt

Würden „Prüfung“, „Note“ und „Zeugnis“ wegfallen, wäre z.B. die funktionale Ausrichtung eines anderen strukturellen Handlungsfelds hinfällig: das Unterrichten. Unterrichten ist vom Design her durch das Prüfungswesen strukturiert, getaktet und darauf ausgerichtet. Prüfen und Benoten sind bis heute das zentrale Werkzeug der Disziplinierung im Kontext des Unterrichtens. Wir erinnern uns an das Drama von Orchideenfächern: „Wie kriege ich Disziplin hin, ohne dass ich mit Noten Druck ausüben kann?“

Einen nächsten Zweck hat das Format des Unterrichts darin, Stoff so zu vermitteln, damit der auf den aktuellen Unterricht folgende Unterricht in der nächsten Jahrgangsstufe „stoffmäßig“ darauf aufbauen kann. Auch das prüfen Prüfungen.

„Was hat denn der in der achten mit denen gemacht in Mathe? Die können ja gar nix!“

Wer Fächer abschafft, schafft Schule ab

Ähnlich ist das mit dem Fächersystem, das wie das Prüfungswesen ein Weltbild repräsentiert, das im Rest der Welt abgelöst ist. In einer Gesellschaft und Ökonomie, die nach dem Netzwerkprinzip arbeitet, steht das Denken in Disziplinen quer zu den Funktionsprinzipien von Forschung, Wissenschaft, Organisation von Gesellschaft, Ökonomie. Wenn ich jedoch innerhalb von Schule das Fächersystem schleifen würde, brächte ich damit die Prozesskette heillos durcheinander:

  • die Organisation des Schulbetriebes
  • das Ausbildungssystem der Lehrpersonen
  • den gesamten Lehrmittelbereich

Praktisch alles würde von jetzt auf gleich dysfunktional werden, weil Schule ausnahmslos auf das Denken, Strukturieren, Planen und Handeln „in Fächern“ ausgelegt ist, aus dem ein bestimmter Unterricht folgt, der wiederum auf Prüfen und Benoten ausgelegt ist.

Bild von Free-Photos auf Pixabay

Entweder bewegt sich alles – oder nichts

Ich kann also Unterricht als Handlungsprinzip, als Prozess und Struktur (Aufbau) schulischen Handelns nicht „mal eben“ durch andere, zeitgemäße Formate und Prozesse des Lernens und der Kompetenzentwicklung ersetzen, ohne dass das System kollabieren würde:

Nimm dem Unterricht das, was ihn zum Unterricht macht: Kontrolle, Disziplinierung, Selektion – und er ist keiner mehr.

Deshalb kann er im bestehenden Schulsystem nicht ersetzt werden, außer wieder durch eine andere Form von Unterricht. Dasselbe würde sich beim Prinzip der Synchronizität ergeben: Jede und jeder zur selben Zeit am selben Ort, denselben Stoff in derselben Form mit denselben Quellen und Methoden und denselben, geprüften und benoteten Ergebnissen. Schaffen wir das ab, fällt das System in sich zusammen. Dasselbe gilt für das Prinzip Jahrgangsklassen, mit ihrem Nivellierungs-Auftrag individueller Entwicklung: Wer in welcher Klasse was wissen und können muss, was wann dran ist im Stoffplan usw.

Lesen lernen hat für alle in der ersten Klasse zu erfolgen, egal was in der Entwicklung eines Kindes gerade dran ist und was nicht.

Und kommt das Kind nicht mit, drohen Förderung und Nachhilfe. Übrigens: Da geht es überhaupt nicht darum, auf „die bösen Lehrer*innen“ zu schielen, denn die machen, wenn sie unterrichten, kontrollieren, disziplinieren, selektionieren, prüfen und benoten – ihren Job. Die einen besser, andere suboptimal, doch sie machen immer ihren Job. Von ihnen etwas anderes zu erwarten, wäre mindestens unredlich.

Bild von StartupStockPhotos auf Pixabay

Deshalb schlage ich ein lösungsorientiertes Vorgehen vor

Wir schaffen Laborsituationen: Entwicklungsnischen, in denen sich alternative Lernformen unabhängig vom schulischen Mainstream entwickeln können. Projekte, die eng mit jenen innovativen Initiativen zusammenarbeiten, die weltweit bereits existieren. Wir beginnen also auch mit einer starken, digitalen Vernetzungsarbeit zwischen Pionier*innen und solchen, die sich auf den Weg machen.
In diesen Zukunftslaboren sind die oben erwähnten, klassischen Parameter von Schule außer Kraft gesetzt. Lernende, die sich dafür entscheiden, Teil einer solchen Expedition zu werden, sind eingeladen, für einen bestimmten Zeitraum ihre Lernbiografie in diesen Laboren zu gestalten. Wie solche Netzwerke und Learn-Labs aussehen und wie sie funktionieren können, habe ich in mehreren Blog-Posts skizziert:

Dieses Vorgehen hat den Vorteil, dass nicht ein ganzes System auf einmal „abgeschaltet“ werden müsste, was ja gar nicht geht und deshalb auch nicht passiert. Vielmehr werden Räume eröffnet, die dezidiert außerhalb des traditionellen Schulsystems und seiner Normierungen stehen und arbeiten. Solche Labore können durchaus wissenschaftlich begleitet und evaluiert werden.

Idee: Christoph Schmitt

Diese Begleitung & Evaluation sollte nun aber nicht vom Bildungssystem aus erfolgen, weil dann ja über die Evaluation wieder jene Parameter wirksam werden, zu deren Überwindung so ein Projekt antritt. Ich würde Forschungs- und Beobachtungsteams zusammenstellen, die nicht im weiteren und engeren Sinn dem „pädagogischen Kuchen“ entstammen und möglichst nicht dem Frame „Hochschule“ oder gar „Kultusministerium“, da es ja nicht um eine Weiterentwicklung bestehender Schulformate geht (also gerade nicht anders unterrichten, anders benoten, andere Fächer etc.) sondern um Strukturen und Prozesse, die diese Kultur und Tradition überwinden.