Was ist eine gute Schule, und wie lässt sich das erfassen? Eine qualitative Studie

Titelbild gestaltet von Mauro. Lernender an der Grundacherschule

Wie erfährt eine Schule zuverlässig etwas über sich selbst?
Zuerst einmal muss sie das wollen. Anschliessend kann sie sich darüber klar werden, was sie konkret (über sich) wissen will – und lässt sich dazu
ein paar Fragen stellen.

Karin Anderhalden und Victor Steiner von der Grundi

Im Herbst 2021 hat sich die privat geführte Grundacherschule in der Zentralschweiz dafür entschieden, mit mir eine qualitative Studie durchzuführen. Die beiden Gründer*innen und zugleich Leiter*innen der Schule wollten in Erfahrung bringen, ob und wie sie eigentlich noch in ihrer Vision unterwegs sind: Sind wir für die Kinder das, was wir schon immer für sie sein wollten? Das Ergebnis der Studie sollte die ganze Schule in ihrer Entwicklung erfassen. Massgeblich finanziert wurde das Projekt durch die Stiftung Mercator Schweiz. Die Kernanliegen der Schulleitung waren:

  • kritisch hinsehen
  • den gemeinsamen Horizont öffnen und weiten
  • das Team mitnehmen und inspirieren in Bildungsfragen
  • die Reflexionskultur weiterentwickeln
  • den Schulalltag weiter verbessern

Nach welchen Kiterien soll Schule bewertet werden?

Wie geht so eine Untersuchung vor? An welchen Referenzpunkten richtet sie sich aus? An gesetzlichen Vorgaben? An Lehr- und Bildungsplänen? An allem ein bisschen? Woran soll eine Schule die Qualität dessen, was sie tut, festmachen? Wann ist sie eine „gute Schule“? Hat es mit der Zufriedenheit der Menschen in ihr zu tun? Mit der Anzahl derer, die die Schule „gut abschliessen“? Mit ihrer Beliebtheit bei Eltern, Kindern und Behörden? Ist es die technische Ausstattung und die Qualität des Personals? Und woran „messen“ wir jetzt die wieder?

Nun misst die „Grundi“, wie sich die Schule im Alltag nennt, gar nicht. Sie versteht sich ausdrücklich als ein Lern- und Arbeitsort, an dem Prüfen und Benoten nicht vorgesehen sind. Sie sind nicht Teil des Konzepts. Hinzu kommt, dass jede und jeder mit seinen und ihren Sachen in ihrem und seinem Tempo unterwegs ist und also an einem anderen Ort, Thema oder Projekt. Das gilt übrigens auch für Lernbegleiter*innen. Die erleben sich, so ein Ergebnis der Studie, selber als „pausenlos Lernende“.

Die Notwendigkeit, sich mit anderen zu vergleichen, fällt also weg. Auch klassische Unterrichtsformate finden sich an der Grundi nicht. Kriterien und Methoden einer Unterrichtsbewertung oder Unterrichtsentwicklung würden deshalb nicht greifen. Ob und wie eine Lernbegleiter*in ihren Unterricht vorbereitet und durchführt, kann nicht beurteilt werden, wenn es Unterricht nicht gibt. Woran erkennt dann „so eine Schule“, wie sie unterwegs ist?

Wenn eine Schule auf traditionelle Methoden der Bewertung von Kindern und Jugendlichen verzichtet, kann die Qualität ihrer Arbeit nicht wieder mit Hilfe solcher Methoden beurteilt werden.

„Gute Schule“ im Gemenge von Ansprüchen und Erwartungen

Konkrete Schule sieht sich immer eingebettet oder verstrickt in ein Gemenge von Ansprüchen, Forderungen und Einstellungen. Sie lebt aus einer vielschichtigen, teils widersprüchlichen Interpretation von Referenzpunkten: Der staatliche Lehrplan, das eigene Leitbild und Konzept, kantonale Richtlinien, Erwartungen von Eltern, pädagogische Überzeugungen von Lernbegleiter*innen und allem voran die individuellen Bedarfe, Bedürfnisse und Motivationslagen der Kinder und Jugendlichen.

Die Qualität einer Schule hängt deshalb massgeblich an der Fähigkeit, diese Gemengelage, die Überlagerungen und Wechselwirkungen zwischen Interessen, Erwartungen und Bedürfnissen der Handelnden (Lernende, Lernbegleiter*innen, Eltern, Behörden) zu sehen, aufzunehmen und zu gestalten. Das ist, so ein wichtiges Ergebnis der Studie, ein zentrales Kriterium für gelingende Schule.

Es gibt so viele Auffassungen von „guter Schule“, wie es Menschen gibt, die in irgendeiner Form mit einer konkreten Schule zu tun haben. Für die Leitung der Grundi bedeutet gute Schule, „im Zweifel für das Kind“ zu optieren: für seine und ihre Interessen, Bedürfnisse und Rhythmen. Das ist der visionäre Kern der Gründer*innen der Grundacherschule. Daraufhin wollten sie den Schulalltag untersuchen.

Deshalb fiel der Entscheid für den Werkzeugkoffer der qualitativen Forschung. Deren Ziel ist nicht die Fremdbeurteilung einer Organisation nach externen Kriterien. Sie macht vielmehr ein Angebot, sich selbst und die eigene Praxis besser zu verstehen – und daraus nächste Schritte abzuleiten. Zu diesem Zweck werden der Schule eine gewisse Anzahl systematisierter Beobachtungen und Hypothesen zur Verfügung gestellt, die ihr dabei helfen, ihre eigene Kriteriologie zu schärfen, sprich: das erwähnte Gemenge immer wirksamer zu entwirren und das eigene Professionshandeln weiterzuentwickeln.

Wie bringe ich eine Schule dazu, offen über sich zu erzählen?

Indem alle zu Wort kommen – auf ihre Weise und nach ihren Möglichkeiten.
Deshalb zeige ich mein Forscherinteresse so, dass Menschen möglichst nicht überlegen, was jetzt wohl eine gute, eine richtige oder eine weniger gute Antwort sei. Jugendliche habe ich z. B. gefragt, wie die Welt aussehen würde, wenn es nur Schulen wie die ihre gäbe: Was wäre dann anders? Nicht besser oder schlechter, sondern anders?

Kinder habe ich u. a. gefragt, was für sie anders wäre, wenn es ihre Schule nicht mehr gäbe. Lernbegleiter*innen wurden gefragt, was passieren müsste, damit sie nicht mehr an dieser Schule arbeiten könnten. Von Eltern wollte ich wissen, wie sie befreundete Eltern beraten würden, die überlegen ihr Kind auch an die „Grundi“ zu bringen. Worauf sollten die achten? Ausnahmslos alle habe ich gebeten mir zu sagen, was sie eigentlich tun, wenn sie lernen. Mit welchen Begriffen würden sie das beschreiben?

Bei den Menschen im Kontext der Grundacherschule geht es, wenn sie lernen, um den grossen Bereich des Entdeckens und Probierens, um Freude und Lebendigkeit, um Kraft, Dynamik und Bewegung. Es geht um Wachsen und Zusammenwachsen (vernetzen & verknüpfen) und darum, sich in die Welt und ihre Gegenstände zu vertiefen. Es geht ums Dranbleiben, das ja immer zwei Aspekte hat: Dranbleiben können und dranbleiben dürfen.
Das „innere Team“ macht sich bemerkbar.

Neben den zahlreichen Informationen über die Schule selbst, die ich dadurch gewinnen konnte, hat mich die vielschichtige und differenzierte Artikulations-Kompetenz der Kinder und Jugendlichen beeindruckt: Sie sprechen frei heraus darüber, was ihnen warum wichtig ist, und sie sind dabei in den eigenen Worten als Persönlichkeit zugegen.

Und weil Lernen den ganzen Menschen packt, habe ich nicht nur mit allen Bezugsgruppen der Schule gesprochen. Wir haben nicht nur über Schule und Lernen geredet. Es wurde auch gespielt, also dramatisiert: Kinder und Jugendliche setzten ihre Beziehung zu Lernbegleiter*innen in Szene: Was erleben wir als typisch? Was als wertvoll? Besonders beeindruckt hat mich die szenische Arbeit mit Kindern, die eine*n gute*n Freund*in zu überzeugen versuchten, doch auch an die Grundi zu kommen (oder vom Gegenteil). Die spielerische Herausforderung bestand für sie jeweils darin, mit den Stimmen ihres „inneren Teams“ klar zu kommen, die von Mitlernenden gespielt wurden, und die ihnen pausenlos Pro- und Contra-Argumente in die Ohren flüsterten bzw. posaunten.
So erfahre ich eine Menge über die Grundi.

Zwei zentrale Kriterien für die Einschätzung „guter Schule“

Über alle Interventionen hinweg haben sich dabei zwei Merkmale herauskristallisiert, für die die Grundacherschule im Erleben aller Beteiligen steht – wenn es um eine für sie gute Schule geht:

  • Das „Benoten und Vergleichen“ spielt keine Rolle
  • Lernende haben „Lern- und Entscheidungsfreiheit“
Benoten, Vergleichen und das Entscheiden darüber, wer was in welcher Form und in welchem Zeitraum lernt, bilden für alle Befragten die Hauptmerkmale von Schule. Während es für die Qualität von Schule aus traditioneller Perspektive entscheidend ist, dass diese Kriterien in der Verantwortung der Schule und der Lehrpersonen liegen, wird dies in der Grundi praktisch umgekehrt wahrgenommen.

Alle Befragten (!) schildern die Schule als einen „bewertungsfreien Entwicklungsraum“. Hier handelt es sich also offenbar um ein Kulturmerkmal, nicht um ein methodisches Detail. Diesen Raum erleben die Befragten nicht nur aufgrund der Abwesenheit traditioneller Bewertungsmethoden als wertvoll für ihr Lernen. Auch eine zweite, fundamentale Erfahrung wird durchgehend als positiv geäußert, weshalb sie auch das Titelbild des Berichts ziert: Freiheit. Eine Mutter beschreibt das so :

„Ich habe großes Vertrauen in die Freiheit, die die Kinder hier haben. Wenn sie frei sind, dann kreieren sie mit einem enormen Output. Es ist der Wahnsinn, was dabei rauskommt, wenn sie frei lernen können. So entwickeln sie ein Selbstbewusstsein, das zu der Fähigkeit führt, in jedem Moment frei entscheiden zu können, was sie tun, weil sie diese Haltung verinnerlicht haben. Ich erlebe so viele Begrenzungen, auch an mir, durch das, was ich erlebt habe: „Das kann ich nicht, das geht nicht usw.“ Diese Begrenzungen gibt es hier nicht. Hier lernen sie immer wieder zu entscheiden, was sie wollen, und welchen Weg sie gehen. So lernen sie auch ihre Grenzen setzen, das finde ich wichtig.“

Diese Aussage ist inhaltlich repräsentativ und findet sich in praktisch allen Interventionsformen quer durch alle Bezugsgruppen, die in irgendeiner persönlichen Art formulieren, wie wichtig diese Freiheit für sie ist, um lernen zu können.

Das gross Paradox

Eltern schildern, dass der Übergang von einem offenen und freien Lernumgebung, wie sie die Grundacherschule bietet, in eine traditionell strukturierte Lern- und Arbeitskultur deutlich leichter und schneller gelingt als umgekehrt.

Deshalb hat mich überrascht, dass in den Aussagen von Eltern und Lernbegleiter*innen immer eine Angst mitschwingt, ob dieses zentrale Merkmal der Grundacherschule auch „wirklich wirklich“ bei allen funktioniert: Lernt mein Kind genügend? Entwickelt mein Sohn oder meine Tochter wirklich ausreichend Motivation für jene Themen und Kompetenzen, die es braucht, um an weiterführende Schulen bzw. an eine Berufswelt anschlussfähig zu werden – wo es doch an der Grundi keine Prüfungen und Noten gibt? Wo sie alle Zeit der Welt haben, um sich selber auf die Spur zu kommen?

Diese Bedenken sind umso erstaunlicher, als die über 20-jährige Geschichte der Schule zeigt, dass und wie es funktioniert. Die zahlreichen Biografien von Schulabgänger*innen bestätigen das Vertrauen in die Lern-Kompetenz von Kindern. Auch schildern Eltern, die den Vergleich machen können, in Interviews und Gruppendiskussion, dass das Konzept der Grundacherschule nachhaltig anschlussfähig macht an weiterführende Schulen und an die Berufswelt.

Hier zeigt die Studie: Es gibt einen Graben zwischen realen Ängsten Erwachsener auf der einen Seite und der Realität von Kindern und Jugendlichen auf der anderen. Diese Ängste sitzen tief. Eltern und Lernbegleiter*innen führen das auf ihre eigene Lernbiografie zurück – auf ihre Schulerfahrung und pädagogische Ausbildung, aus der viele den Satz mitgenommen haben, dass Kinder nicht aus eigenem Antrieb lernen und sich entwickeln, sondern dass sie dazu gebracht und geführt werden müssen. Da meldet sich eine Haltung gegenüber Kindern und Jugendlichen zu Wort, die in unserer Kultur offenbar noch immer tief verwurzelt ist.

Zugleich ist das Bewusstsein um diese Problematik bei den Befragten sehr hoch. Es gibt einen starken Willen bei den erwachsenen Bezugspersonen der Kinder und Jugendlichen, ideologische Sätze aus der eigenen Lernbiografie nicht auf sie zu übertragen. Das hat mich nachhaltig beeindruckt.

Das Design

Die Anliegen der Schulleitung an die Studie wurden – in Anlehnung an die Methode des „leitfadengestützten Interviews[1]“ – in Fragen übersetzt und durch Fragen, die ich aus des Perspektive des externen Beobachters einbringe, ergänzt. Diese Fragen wurden mit den Teilnehmer*innen in den Interviews bzw. in Gruppendiskussionen und anderen Interventionsformen wie z.B. „szenische Darstellung“ thematisiert. Sie wurden einerseits offen formuliert, und haben sich andererseits an der systemischen Fragetechnik ausgerichtet, um das Risiko sozial erwünschter Antworten[2] zu minimieren. Folgende Interventionen haben stattgefunden:

Umfang: 54 Seiten (exkl. Interviews)
  • Insgesamt 24 Interviews mit sechs Lernenden, elf Lernbegleiter*innen und Betreuer*innen, den beiden Schulleiter*innen und sechs Eltern (vier Frauen und zwei Männer)
  • Gruppendiskussionen[3] mit Lernenden der Mittel- und der Oberstufe, mit Mitarbeitenden, und mit Eltern zu Fokusthemen
  • Szenische Darstellung mit Schüler*innen in Anlehnung an Themenzentriertes Theater[4]: Lernende inszenieren typische Szenen des Schulalltags. Die Szenen und eine anschließende Diskussion werden protokolliert (Video/Plakate) damit unterschiedliche Bezugsgruppen der Schule dazu Stellung nehmen können.
  • Lernende der Basisstufe malen, was für sie an der Grundacherschule typisch ist. Sie präsentieren ihre Plakate und lassen sich dazu punktuell befragen.
  • Prozessbeobachtung: Beobachtung bestimmter Prozesse im Verlauf einer Schulwoche nach zuvor besprochenen Kriterien durch den Evaluator.

[1] Helfferich, Cornelia (2019): Leitfaden- und Experteninterviews. In: Baur, Nina & Blasius Jörg (Hrsg.): Handbuch Methoden der empirischen Sozialforschung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 669–686; Kleemann, Frank & Krähnke, Uwe & Matuschek, Ingo (2013): Interpretative Sozialforschung. Wiesbaden: Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften.

[2] «Soziale Erwünschtheit (…) ist eine Antworttendenz bzw. -verzerrung bei Befragungen in Sozialwissenschaft und Marktforschung sowie psychologischen Testverfahren. Soziale Erwünschtheit liegt vor, wenn Befragte bevorzugt Antworten geben, von denen sie glauben, sie träfen eher auf soziale Zustimmung als die wahre Antwort, bei der sie soziale Ablehnung befürchten.» (https://de.wikipedia.org/wiki/Soziale_Erw%C3%BCnschtheit, 27.11.2021)

[3] Die Gruppendiskussion ist eine Erhebungsmethode der empirischen Sozialforschung, bei der im Gegensatz zu Erhebungen mit einzelnen Individuen die thematischen Aussagen einer Gruppe bzw. die Kommunikation in einer Gruppe erfasst werden soll. Die Gruppendiskussionsmethode ist v.a. in qualitativ ausgerichteten Forschungen der Sozial- und Erziehungswissenschaften von Bedeutung. (https://de.wikipedia.org/wiki/Gruppendiskussion, 27.11.2021)

[4] In einer sozialpsychologisch und sozialpädagogisch aktuellen Version findet sich der Ansatz des TZT hier: https://www.maikeplath.de/ (15.12.2021)

Was wir über die Zukunft von Schule sagen können

Beitragsbild von Gerd Altmann auf Pixabay

Führt Schule zu einer anderen Gesellschaft oder umgekehrt? Wie hängen beide zusammen, und wie wird Schule in Zukunft aussehen?

Schule ist, neben ihrem bzw. durch ihr Wissens- und Erziehungsgeschäft, eine Sortiereinrichtung mit dem Ziel, soziale Verhältnisse zu reproduzieren, indem sie einen ungefähren Ausgleich gewährleistet hinsichtlich der Zugänge zu bestimmten Berufen und der Übergänge zwischen sozialen Schichten (in Deutschland braucht es sechs Generationen, um von einem niedrigen zu einem mittleren Einkommen zu gelangen [Quelle]).

Vier kurze Statements. Zum Originalvideo

Wenn Schule und Umwelt sich auseinanderleben

Eine Veränderung dieser sozialen (kulturellen, ökonomischen) Verhältnisse kommt also eher nicht aus der Schule. Wahrscheinlicher ist, dass sich verändernde Verhältnisse in den Umwelten perturbierend (beeinflussend, aber nicht determinierend) auf Schule auswirken – in ihren Kernfunktionen

  • der Alphabetisierung: was müssen wir wissen und können?
  • der Sozialisation: wie funktioniert Gesellschaft eigentlich?
  • der sozialen Selektion: welche Gesellschaft wollen wir sein?

Je stärker die Veränderungen in den Schulumwelten, umso heftiger die Perturbationen. Das (Schul-)System versucht dann mit aller Kraft, die eigene Funktionalität nach innen zu gewährleisten. Schulentwicklung ist und tut in diesem Stadium erst einmal und immer wieder „mehr desselben“, auch wenn sie es „frisch etikettiert“.

„Mehr desselben“ (Quelle)

Ab einem bestimmten Veränderungsgrad der Umwelten geht das auf Kosten der Anschlussfähigkeit von System und Umwelt, weil das Schulsystem, je stärker es seine Dysfunktionalität wahrnimmt, umso mehr mit sich selbst beschäftigt ist. Indem es (immer) mehr desselben tut, manövriert es sich immer tiefer in die Dysfunktionalität und verliert immer mehr die Systemumwelten aus dem Blick – somit geht die Anschlussfähigkeit zurück. Gleichzeitig suchen und entwickeln die Systemumwelten von Schule nach und nach Alternativen für jene Funktionen, die für ihre eigene Funktionalität und für ihr Überleben wichtig sind – weil Schule das nicht mehr leistet.

Zwei Beispiele dafür, die derzeit noch den Charakter von „Wetterleuchten“ haben, kommen aus der Schweiz. Der Rektor der Universtität Zürich hat im März dieses Jahres (2021) verkündet, dass Studieren in Zukunft auch ohne Matura (Abitur) möglich sein wird (Quelle), und: renommierte Wissenschaftler*innen entscheiden sich vermehrt dafür, sich und ihr Forschen jenseits des Hochschulbetriebs zu oganisieren:

Bruno S. Frey gehört zu den meistzitierten Ökonomen Europas. Jahrzehntelang war er an der Universität Zürich tätig gewesen, bis er das Crema-Institut mitbegründete. «Ich bin von den klassischen Universitäten enttäuscht», sagt er. «Es geht nur noch ums Punktesammeln, die vertiefte Auseinandersetzung mit Themen findet immer weniger statt.» Die privaten Institute seien ein Zeichen, «dass die Unis nicht mehr der einzige Ort sind, um Wissenschaft zu machen», sagt Frey.

Quelle (Paywall).

Auch entstehen schon seit Jahrzehnten vermehrt und niederschwellig Initiativen und Communities, die jenseits des öffentlichen Schulsystems radikal alternative Bildungsarbeit mit Kindern und Jugendlichen machen (Beispiel). Da fehlt zwar bis heute oft noch eine Finanzierung, um diesen Weg auch für Menschen zu öffnen, die sich das nicht leisten können. Doch es dürfte eine Frage der Zeit sein, bis auch hier das Engagement von Kapitalgeber*innen greift, die verstanden haben, was die Stunde geschlagen hat. Es gehört nämlich nicht viel dazu um zu begreifen, dass Bildung nur dann ökonomisch und sozial wirksam wird, wenn sie in die Breite geht. Wenn es dazu privatwirtschaftliches Engagement braucht, sollten wir das fördern und nicht als elitäres Gedankengut einordnen.

Man mag das als „neoliberalistisch“ abtun, doch irgendwann ist es – nicht egal aber – zweitrangig, woher das Geld kommt, wenn es darum geht, ein dysfunktionales und entwicklungsresistentes Bildungssystem abzulösen und immer mehr Menschen unabhängig von ihrem sozialen Status wirkliche Bildung zu ermöglichen, denn genau hier versagt ja das öffentliche Bildungssystem.

„Elitär“ ist nämlich nicht bloss die Haltung, Bildung für Kinder wohlhabender Zeitgenoss*innen in privaten Schulen zu organisieren. Auch der Reflex, privaten Initiativen in jedem Fall die Verstärkung eines Zwei-Klassen-Systems zu unterstellen, ist eine elitäre Position, nicht zuletzt weil die erstens fast ausschließlich von Menschen artikuliert wird, die ihre eigenen Schäfchen im Trockenen wissen, und weil zweitens „schlechte Bildung für alle“ niemandem gerecht wird.

Eine kritische Beleuchtung solchen Engagements in der Schweiz findet sich hier.

Unbundling: Wehe wenn sie losgelassen…

Diese Suchbewegungen in den Umwelten von Schule bringen im Moment mit sich, dass die traditionelle Bündelung der drei Dimensionen

  • Sozialisation (Erziehung)
  • Alphabetisierung („literacy“)
  • soziale Selektion

und deren normative Delegation an ein einziges System („Schule“) sich nach und nach auflösen: unbundling. Ein schöner Text zu diesem Phänomen hier.

Kultur und Gesellschaft organisieren sich in einem exponentiellen Prozess neu – jetzt auch hinsichtlich Bildung und Lernen. Es kommt zu einer Ent-Institutionalisierung und Fragmentierung von ursprünglich aneinander gekoppelten Systemen, Funktionen und Aufgaben von Bildung, Lernen, Erziehung – und das alles aufgrund einer komplexen Neustrukturierung von Gesellschaft. Dabei werden nicht bloß „die Karten neu gemischt“, sondern ein neues Spiel entsteht – das sich neue Regeln gibt: Wissensproduktion, Kompetenzentwicklung und Qualifikationsprozesse beginnen an Orten zu sprießen, wo sie niemand vermutet hat.

Es ist davon auszugehen, dass auch hier nach einer gewissen Zeit des Mäanderns, des Ausprobierens und der lockeren Bindungen, die sich bilden und wieder auflösen, neue Systeme (ent)stehen werden. 

Im Moment ist das aber Zukunftsmusik. Was wir in den nächsten Jahren zu erwarten haben:

  • eine weiter zunehmende Dysfunktionalität des Schulsystems nach innen,
  • eine entsprechend wachsende Bindung von Ressourcen an den Versuch, die Funktionalität von Schule „nach alten Regeln“ aufrechtzuerhalten bzw. wieder herzustellen (Selbsterhalt durch mehr desselben),
  • die Entfremdung von Schule und Gesellschaft und eine abnehmende gegenseitige Anschlussfähigkeit
  • Prozesse des Neuentwickelns und Ausprobierens in den (ehemaligen) Umwelten von Schule, um die vom Schulsystem nicht mehr erfüllten Funktionen neu zu organisieren.

Wie lange es dauern wird, bis (ob?) daraus wieder eine Art „Schule“ wird und wie die dann aussieht – das ist offen und nicht vorhersehbar. Dafür sind die Wechselwirkungen und Emergenzen in einer Kultur der Digitalität zu groß.

Schule reformieren ist wie Sandburgen bauen zwischen den Gezeiten

Titelbild: tookapic auf Pixabay

Schulentwicklung und Schulreform werden bis heute zusammengedacht. Nicht selten verbunden mit der Überzeugung, dass beide „von oben“ kommen. Die Verkürzung der Gymnasialzeit um ein Jahr war so eine Reform. Zu Schulentwicklung hat sie nicht geführt. Eher zu mehr desselben in weniger Zeit.

Die Haltung „nach oben“ zu blicken, wenn es um Veränderung geht, findet und entwickelt sich vor allem in hierarchischen Kontexten. Genährt wird sie von der Erfahrung, in solchen Kontexten am Bestehenden zu leiden oder zu scheitern. Der Blick oder Ruf nach oben fördert dabei nicht einen Zuwachs an Handlungsmacht oder das Erleben von Wirksamkeit. Eher wird das Erleben von Hilflosigkeit und Abhängigkeit verstärkt.

Wie kommt die Überzeugung in mich, dass (meine) Entwicklung, deren Richtung, Tempo und Gestalt von Autoritäten abhängt? Von Erlaubnis und Verbot, von Zustimmung oder Ablehnung durch eine Autorität, der ich damit nicht nur zugestehe darüber zu entscheiden, was ich darf und was nicht, sondern auch wer ich werden darf und wer nicht?

Das hat mit der Beschaffenheit der Beziehungen meiner ersten Lebensjahre zu tun. Mit der Art, wie ich als ganz junger Mensch gelernt habe, mich zwischen Abhängigkeit und Autonomie selber zu finden – und mich zu bilden. Die Erinnerung an diese frühen Phasen ist oft bruchstückhaft und nachlässig, vor allem hinsichtlich der Emotionen. Wie immer, wenn zwischen Erlebtem und der Gegenwart Zeit vergangen ist.

Zitat: Cees Noteboom

Die Erfahrungen selbst hingegen inszenieren sich gerne von Neuem, wenn Situationen der Gegenwart eine Nähe zu dem aufweisen, was ich vor Jahren schon einmal erlebt habe, ohne mich jetzt konkret daran zu erinnern. Vielmehr korreliert dann mein aktuelles, inneres Erleben jenseits bewusster Steuerung mit Emotionen der Vergangenheit.

Ich reinszeniere also Beziehungen aus vergangener Zeit, ohne das im Moment selbst zu realisieren. Was dann in meinem Erleben zu kurz kommt, ist die aktuelle Situation, sind die involvierten Menschen und die Beziehung, die wir miteinander haben. Stattdessen messe ich unbewusst die Gegenwart, ihre Möglichkeiten und Grenzen, an einem Erleben aus vergangener Zeit (Literatur).

In pädagogischen Kontexten ereignen sich solche Reinszenierungen gerne im Zusammenhang mit Situationen, in denen es um die Überwindung von Abhängigkeit und um den Zuwachs an Autonomie und Selbststeuerung geht.

Wie (re-)agiere ich, wenn Menschen, in deren Beziehung mit mir Abhängigkeit eine tragende Rolle spielt, aktiv an einem Zuwachs ihrer Autonomie arbeiten? Welche Spiel- und Gestaltungsräume habe dann ich? Welche entstehen dadurch neu für mich? Wie stark wiederhole ich dann „nicht erledigte“ Muster meiner eigenen Vergangenheit?

Die Situation und die Beziehungen, um die es hier und jetzt geht, inklusive möglicher Lösungen und Entwicklungen, liegen in der Gegenwart. Wie angemessen ich diese Gegenwart als Angebot nutzen kann, hängt damit zusammen, wie ich meine Aufmerksamkeit, meine Energie und meine Emotionen zur freien Gestaltung dessen einsetzen kann, was hier und jetzt ist.

Dabei hilft die Reflexion auf Beziehungskulturen, die ich verinnerlicht habe, und auf solche in meinem aktuellen beruflichen Kontext. Das ist ein „Entwicklungsweg mit Zukunft“.

Qualifizierte Beziehungsarbeit als Gebot der Stunde

Beziehungskompetenz im Sinne einer Fähigkeit, Lebens-, Lern- und Arbeitsräume gemeinsam zu gestalten, wird heute in allen kulturellen Bereichen als zentral bewertet. Kritische und mich beeindruckende Pionierarbeit hat dazu Eva Illouz geleistet.

Die Bedeutung von Beziehungskompetenz als entscheidendes Moment in der Führung von Menschen ist ebenso unbestritten wie dort, wo es darum geht, in Gruppen und Teams Prozesse jeder Art erfolgreich zu gestalten: Organisieren, Wertschöpfen, Forschen. Auch in professionellen Beziehungen wie z.B. zwischen Angehörigen von Gesundheitsberufen und Patient*in genießt die Beziehungskompetenz mittlerweile einen hohen Stellenwert, weil wir wissen, wie viel von ihr abhängt für den Erfolg medizinischer und pflegerischer Intervention: Beziehungsqualität ist entscheidend für erfolgreiches, nachhaltiges Handeln, und zwar erst recht dort, wo es um den Abbau von Abhängigkeit und Hilflosigkeit geht und um die Stärkung von Autonomie und Selbstwirksamkeit – also um das, was sich auch Schule auf die Fahnen schreibt.

Umso mehr alarmiert mich eine Erfahrung, von der mir Menschen aus dem Umfeld von Schule heute erzählen – und die ich während meiner eigenen Zeit als Lernbegleiter ebenfalls gemacht habe: dass in schulischen Kontexten die Beziehungen der Beteiligten untereinander zu selten professionell reflektiert werden:

  • im Klassenverband oder im Kontext individueller Beziehungen zwischen Schüler*innen
  • zwischen einzelnen Schüler*innen, Klassen und Lehrpersonen
  • in der Zusammenarbeit von Lehrenden untereinander und mit Eltern
  • zwischen Schulleitenden und Lehrenden
  • zwischen sozialpädagogischen, therapeutischen und lehrenden Personen
  • und im Dreieck von Lehrer*in, Schüler*in und Familiensystem.

Beziehungskompetenz setzt Beziehungsarbeit im Sinne von Reflexionsarbeit voraus – auch die mit Beziehung verknüpften Kompetenzen: eine gewaltfreie und wertschätzende Gesprächskultur, das Verhandeln von Verantwortung auf Augenhöhe, das solidarische Einstehen für Mitmensch und Mitwelt.

Es ist bis heute ein Widerspruch im schulischen Handeln als Organisation, dass solche Kernanliegen von Bildungsarbeit einerseits in Leitbildern und Sonntagsreden gefordert werden und andererseits durch die Organisation konkreter Schule marginalisiert bleiben. Sei es in der Ausbildung von Lehrpersonen, sei es im Schulalltag, sei es in der Schulentwicklung.

Zu dieser Beziehungsarbeit gehört auch die Befreiung aus den oben skizzierten „pädagogischen Programmierungen“, die untrennbar mit der Reflexion auf frühe Formen von Abhängigkeit verbunden sind. Warum ist das wichtig?

Weil diese Programmierungen in ihrer unbearbeiteten Form das Erleben von Abhängigkeit und Hilflosigkeit in pädagogischen Kontexten der Gegenwart verstärken. Dieses Aufarbeiten ist eine Herkulesarbeit für Lehrende, Eltern und für Schüler*innen, und sie wird durch die aktuelle Organisation von (Lehrer*innen-)Bildung und Schulalltag nicht gefördert oder erleichtert.

Der Rumpelstilzchen-Effekt

Schulreformen konnten dieses Kernanliegen von Bildungsarbeit bis heute nicht nachhaltig ins Bewusstsein bringen und zu einem festen Bestandteil von Schulorganisation machen. Das liegt, wie Gerald Hüther im kurzen Videoausschnitt oben beschreibt, nicht daran, dass einfach noch nicht die richtige Reform stattgefunden hat, sondern dass Schulentwicklung keine Frage der Schulreform ist. Es geht vielmehr um die bewusste, reflektierte Gestaltung komplexer Beziehungen.

Deshalb würde ich es begrüßen, wenn Beziehungsarbeit im Sinne einer Beziehungskultur viel stärker als bisher zu einem Anliegen derer wird, die konkret in konkreten Schulen handeln. Das ist ein erster Schritt, um den Rumpelstilzchen-Effekt von Schule zu stoppen, dass mit zunehmender Systemleistung (noch mehr Stroh zu Gold spinnen) nicht Autonomie und Selbststeuerung zunehmen, sondern Abhängig- und Hilflosigkeit.

Szenen aus dem Teufelskreis von Nichtwissen und Belohnung (Foto: Papageno Musiktheater)

Schule kann die Autonomie von Menschen weder wollen noch fördern, solange sie ihre Rechtfertigung aus dem Fortdauern von Abhängig- und Hilflosigkeit der Lernenden bezieht – auch aus der ihrer Mitarbeiter*innen. Das ändern wir nachhaltig durch andere Beziehungskulturen.

Die unbändige Lust am Bauen und Basteln von Reformen sollten wir woanders ausagieren. Wie beim Bauen von Sandburgen und den Gezeiten dürfen wir heute damit rechnen, dass die Umwelten von Schule vor allem in einer Hinsicht zuverlässig vorhersehbar sind: sie verändern sich pausenlos und machen jede noch so ausgefeilte Struktur mitsamt ihren Routinen „über Nacht“ zu Ruinen.

Einen in jedem Fall wunderwirkenden Ansatzpunkt sehe ich darin, eine Kultur und Praxis der Beziehungsarbeit zu entwickeln, unterstützt durch professionelle Begleitung und Beratung, um die Beziehungsstrukturen und -routinen einer konkreten Schule konsequent zu reflektieren. Ziele einer solchen Arbeit, die konkrete Bildungsarbeit ist:

  • Eine andere, offene und vertrauensvolle Kultur der Kommunikation
  • Eine neue Form der Zusammenarbeit aller Beteiligten am „Projekt Bildung“
  • Der Zuwachs an Autonomie und Handlungsmacht bei allen Beteiligten

Aus entwicklungspsychologischer Perspektive lockt hier sogar die Erfahrung, dass – biblisch gesprochen – die Austreibung der Dämonen nicht in die Katastrophe führt, sondern unmittelbar in die eigene, autonome Handlungsmacht – als Mensch und als Organisation von Menschen.

Wie Schulentwicklung unter solchen Prämissen gelingen kann – bitte hier entlang:

Bildung und Digitalität: Drei Schritte in Richtung Zukunft

Drei Schritte, ein Ziel: Was Schulen tun können, um an Digitalität anschlussfähig zu werden.

Haben wir uns tatsächlich damit abgefunden, dass Bildung und Digitalität nicht zusammenkommen? In der Phantasie der allermeisten Menschen bringt es digitale Technologie heute nicht viel weiter als bis zum Status eines methodisch-didaktischen Spielzeugs in weiterhin geschlossenen Settings. Wenig Bereitschaft zeigen Schule und Hochschule hingegen, sich zu den neuen Bedingungen kundig zu machen, unter denen sie ihre Arbeit zu machen haben. Dabei ließe sich Bildung auch unter Bedingungen der Digitalität durchaus gestalten.

Dann jedoch ist „Weiter so!“ die falsche Devise. Sascha Lobo hat jüngst mit seiner Eröffnungsrede auf der re:publica deutlich gemacht: Die aktuelle Pandemie zeigt, dass Deutschland auf dem letzten Loch pfeift, was seine Zukunftsfähigkeit betrifft. Das ist natürlich viel auf einmal, und löst eher Depression aus als es sie zu überwinden hilft.

Ich halte in diesen stürmischen Zeiten an meiner Überzeugung fest: Wandel ist gestaltbar. In jedem Moment. Das Gerede von den Bedingungen, die wir erst zu schaffen hätten, damit sich Menschen auf den Wandel einlassen können, ignoriert, dass es diese Bedingungen nicht geben wird, außer wir schaffen sie gemeinsam – und DAS ist dann der Wandel.

Wir sollten begreifen, dass „Sicherheit“ keine Voraussetzung für Veränderung ist. Sie entsteht erst in diesem Prozess. Wir erarbeiten sie uns, in diesem Prozess. Dass Menschen Sicherheit bräuchten, um überhaupt mit dem Lernen anfangen zu können, stimmt nicht. Lernen hebt erst in jenen Situationen an, in denen Sicherheit nicht gegeben ist oder verloren zu gehen droht.

Wir Menschen verändern uns und die Welt, wir lernen, damit wir dadurch Sicherheit gewinnen, nicht weil wir sie schon haben.

Das Fehlen oder (antizipierte) Abnehmen von Sicherheit ist der Auslöser von Lernen, mit dem Ziel, Resilienz zu entwickeln. Niemand verlässt freiwillig die eigene Komfortzone, egal mit welchen methodisch-didaktischen Tricks operiert wird. Der einzige Grund sie zu verlassen, ist, wenn ich aus ihr vertrieben werde. In allen anderen Fällen erweitere ich sie bloß – und das ist die allgegenwärtige Tendenz in unserem Bildungssystem: Zurück in die gute Schulstube.

Doch selbst unter solchen Bedingungen können wir mitgestalten.

Wenn eine Schule oder Hochschule oder ein Anbieter der beruflichen oder betrieblichen Aus- und Weiterbildung sich und sein Angebot angesichts einer „Kultur der Digitalität“ weiterentwickeln möchte, dann empfehle ich als Einstieg drei Aktivitäten. Die folgende Aufzählung ist dabei weder hierarchisch noch bedeutet sie eine zeitliche Abfolge. Jede kann den ersten Schritt bilden, eine Organisation kann die drei Schritte auch gleichzeitig machen (oder andere 🙂) – wie es passt.

Hier also mein Vorschlag für die ersten Schritte:

Sich informieren, was abgeht

Organisation und Mitarbeiter*innen informieren sich umfassend und entwerfen für sich, ihren Beruf, ihre Organisation und für ihr Angebot als Bildungseinrichtung ein Bild dessen, was „Kultur der Digitalität“ für sie konkret bedeutet: für den eigenen Handlungsraum. Anschließend fragen sie sich: Was ist für uns jetzt zu tun angesichts des Wissens, das wir uns erarbeitet haben? Erstes Ziel ist also:

Aufholen des teilweise erschreckend großen Rückstands nur schon hinsichtlich Information darüber, was „Kultur der Digitalität“ beinhaltet und bedeutet.

Den eigenen, digitalen Reifegrad ermitteln

Die Führung einer Schule, einer Hochschule oder einer privaten Anbieterin von Bildung fokussiert den digitalen Reifegrad ihrer Organisation und ihrer Mitarbeitenden in technischer, organisatorischer, kultureller und strategischer Hinsicht, um entsprechende Entwicklungsmaßnahmen ergreifen zu können. Hierfür gibt es bereits brauchbare „Lese- und Arbeitsinstrumente“.

Meine Zielgruppe verstehen

Ökonomisch formuliert geht es dabei um Marktfähigkeit – nicht von Menschen, sondern von Bildungsangeboten. Zwar halten öffentliche Bildungseinrichtungen hartnäckig daran fest, dass sie diesseits von Ökonomie agieren würden und Bildung nicht ökonomisiert werden dürfe. Aus dem Blick gerät bei diesem ideologischen Gerangel jedoch, dass es bei Bildung jederzeit auch darum geht, wie lernende Menschen anschlussfähig werden an Arbeitsmärkte , die sich im Rahmen der Digitalität völlig verändern – und damit verändern sich ja auch die Lebenswelten.

Dabei geht es nicht darum, dass Schule die Arbeitsmärkte mit Personal versorgt. Diese Verkürzung ist zynisch. Es geht um die Frage, welche Kompetenzen Menschen brauchen, damit sie in Zukunft (u. a.) ökonomische Realitäten aktiv mitgestalten können. Deshalb stellen wir uns als Bildungsorganisation analytische Fragen zu unseren Zielgruppen. Sie helfen uns dabei, uns entsprechend aufzustellen.

Was sind auf diesem Hintergrund die Herausforderungen unserer aktuellen oder zukünftigen Zielgruppen? Wie müssen die lernen? Was müssen die lernen, wissen, können?

Um das zu eruieren, muss ich nicht nur meine Zielgruppe und deren Bedarfe analysieren, sondern auch zukünftige Lebens- und Arbeitsbedingungen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit zu erwarten sind, weil sie sich bereits heute andeuten:

  • Wie werden Menschen, für die wir Bildung anbieten, in Zukunft arbeiten und wo?
  • Welche Optionen entwickeln sich hinsichtlich Arbeitsverhältnissen? Welche verschwinden?
  • In welchen Berufen werden Menschen in wenigen Jahren vor allem tätig sein? Wie sehen diese Berufe aus?
  • Welche Märkte und Branchen entstehen neu?
  • Wie verändert sich dabei das soziale Gefüge, wie das Verhältnis von Arbeits- und Privatleben, kurz:

Wie sehen die Lebens- und Arbeitswelten meiner Zielgruppen unter den Bedingungen der Digitalität aus?

Das Ziel: Die neuen Lebens- und Arbeitswelten lesen und verstehen lernen

Diese Phänomene muss ich als Bildungsanbieterin lesen und deuten können. In einem nächsten Schritt entwerfen wir dann Szenarien, wie sich die diagnostizierten Entwicklungen auf Bildungswirklichkeiten und Bildungswelten auswirken.

Aus solchen Analysen wird ersichtlich, was unsere Zielgruppen lernen und sich aneignen, was sie wissen und können, wenn sie uns in Anspruch nehmen.

Bei der Weiterentwicklung bzw. Neupositionierung von Bildungsorganisationen geht es also darum

  • wie in Zukunft Bildungs- und Lernprozesse überhaupt aussehen,
  • wie Menschen diese Prozesse organisieren: Prozesse, in denen sie lernen, was sie können und wissen müssen und wie sie es wissen und können müssen.
  • Was in diesen Prozessen die Funktionen und Aufgaben von Bildungsanbieterinnen sind – queer durch die Biografien von Menschen hindurch.

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