Irgendwas ist anders

Das Schulsystem braucht kein Update mehr, weil sein Code nicht mehr anschlussfähig ist. Das Programm muss neu geschrieben werden.

Titelfoto: Gerd Altmann auf Pixabay

Jetzt sollen Corona und der Kälteeinbruch auch noch mit dem Klimawandel zusammenhängen. So unwahrscheinlich ist das nicht, denn alles hängt mit allem zusammen. Mehr als je zuvor handeln wir in einer völlig vernetzten Welt. Doch was wir tun und lassen, das hat mittlerweile mehr Nebenwirkungen, die sich gegen uns verbünden, als wir davon profitieren würden. Womit hängt das jetzt wieder zusammen?

Auch damit: Wir wollen über das grundsätzliche Setting, in dem wir uns täglich bewegen, nicht kritisch werden. Stattdessen setzen wir den „großen Rahmen“ als gegeben voraus. In der Ökonomie zum Beispiel wähnen wir den kapitalistischen Rahmen als alternativlos und in der Bildung den des traditionellen Schulsystems. Letzteres wurde während der ersten industriellen Revolution programmiert & installiert und seither nicht mehr verändert.

Auch deshalb kann sich Schule nicht an die sich immer schneller verändernden Umstände anpassen, sondern hält am umgekehrten Weg fest: Technologische Entwicklungen sollen mühsam in den bestehenden Rahmen integriert werden. Sie brechen das „framing“ nicht auf, auch jetzt nicht, wo Schule im Angesicht der Pandemie völlig überfordert ist. Nach wie vor zeigt sie sich unfähig, die Kontingenz dieses Rahmens zu begreifen.

Metaphorische Schlussfolgerung: Das Schulsystem braucht kein Update mehr, weil sein Code nicht mehr anschlussfähig ist – aka lesbar.

Die Nebenwirkungen machen das Rennen

Doch die Schule bildet da keine Ausnahme. Unser gesamtes Setting agiert nur noch an seinen Grenzen. Auch mit seinen Notfallszenarien kann es nicht mehr hinreichend für eine Kontinuität kultureller Grundvollzüge sorgen: Ver- und Entsorgung, Kommunikation, Mobilität, Gesundheit, Kunst, Sicherheit, politische Kommunikation, Bewahrung der Lebensgrundlagen – und eben Bildung.

Für die Schule bedeutet das: Innerhalb ihres lange erstarrten Rahmens ist sie pausenlos überfordert von den anschwellenden Nebenwirkungen, die sie zusammen mit anderen kulturellen Trägersystemen seit über 200 Jahren produziert (z.B. die Reproduktion sozialer Ungleichheit). Diese Nebenwirkungen haben sich heute zu unvorhersehbaren und immer weniger steuerbaren Hauptwirkungen gemausert – im Sinne von Wechselwirkungen. Kausalität als Erklärungsmuster greift hier schon lange zu kurz, doch auch das sehen wir nicht, auch weil Schule uns Kausalität gelehrt hat.

Bild von kalhh auf Pixabay

Am Beispiel der Digitalität

In der Praxis sieht das dann so aus, dass der enorme Impact/Einfluss der Digitalität auf unsere gesamte Kultur im Bildungsbereich zu Überlegungen führt, wie sich das zum Beispiel auf die Veränderung und Anreicherung der Lehrinhalte auswirken müsste und ob dazu neue Fächer eingerichtet werden sollten – und ob und wie anders geprüft werden sollte und Wissen anders vermittelt.

Wir verbleiben also weiterhin innerhalb des Rahmens.

Auch wird überlegt, inwiefern digitale Technologien, Anwendungen und Geräte in die Organisation von Bildung integriert werden sollen und bis wohin. Nicht reflektiert wird, wie sich durch Digitalität die Funktionen, Rollen, Aufgaben, Prozesse, Strukturen und Verantwortlichkeiten verändern, sprich: das Design von Bildung und Lernen, und wie sich institutionelle Bildung neu aufstellen muss. Stattdessen verbleiben wir innerhalb eines Rahmens, der gar nicht mehr existiert – außer in unserem Denken, das wir ums Verrecken nicht hinterfragen wollen.

Denn Digitalität ist ein Phänomen, das Kultur und Gesellschaft auf eine neue Entwicklungsstufe hebt bzw. bereits gehoben hat. Diesen kulturellen Wandel kann das Schulsystem nicht mitmachen, auch weil es als Erfindung und Konstrukt einer untergegangenen Kultur in eine andere Epoche gehört.

Quelle Grafik: https://bit.ly/3t9lvB8

Diese Grafik aus dem OECD Lernkompass 2030 bringt es auf den Punkt: Im Kontext kulturellen Fortschritts (hier: Technologie, dunkle Linie), war die Bildung (helle Linie) jeweils erst „auf der Höhe der Zeit“, wenn die Kultur bereits auf halbem Weg in eine neue war. Die industriell geprägte Zielgröße der Prosperität (Wachstum) trat verzögert ein und verkürzt, und nicht ohne sozialen Schmerz/social pain (Verwerfungen in sozialen Gefügen).

Jetzt/heute sind die Steigungen, die kulturellen Wandel abbilden, exponenziell (gepunktete, helle, steile Linie). Getrieben durch Zukunftstechnologie – aber nicht nur. Vielmehr transformieren sich derzeit ALLE kulturellen Dimensionen wie z.B. Wissenschaft Forschung, Mobilität, Ökonomie, Kunst und Arbeit – und damit auch Prosperitäts-Vorstellungen selbst.

Das Bildungssystem, wie wir es kennen, kommt nicht mehr hinterher, jedoch: Die Bildung selbst als eine Aktivität von Menschen (du & ich) durchläuft eine Transformation. Sie verlässt die Gefäße und Räume von Schule & Co, um transformativ sein zu können bzw. weil sie es schlicht ist. Was dadurch auch zunimmt, ist der soziale Schmerz, der Digital Divide, sind die gesellschaftlichen Spaltungen und Verwerfungen.

Digitale Spaltung ist also nicht bloß ein großes Problem in Bildung und Schule – sondern zukünftig das Problem, das wir uns heute durch Schule und Bildung aufhalsen. Es gilt jetzt aufzuwachen und ein paar fundamentale Entscheidungen zu treffen.

Es ist höchste Zeit, Lernen und Bildung neu zu erfinden.

Die Schule ist aus – und vorbei

Schule als System ist zu Ende. Wir stehen an einem Punkt der Geschichte, wo das System Schule seine Funktionen als Stabilisator und Reproduzent von #Kultur verloren hat. Sie ist in jeder Hinsicht dysfunktional geworden. Schule reproduziert weder Gesellschaft noch Kultur, sondern nur noch sich selbst.

Titelfoto aus dem Video School @ Home – digitale Betreuungs- und Lerneinheit mit Herrn Böhmermann | ZDF Magazin Royale

Aktualisiert am 21.2.2021

Der Aktivist Rosa von Praunheim hat 1971 für das öffentliche Fernsehen in Deutschland einen Film produziert mit dem Titel: „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“. Dieser Filmtitel bringt ein fundamentales Merkmal von Kultur zum Ausdruck: dass Normalität eine Frage des Kontextes ist, innerhalb dessen sie beansprucht wird; dass alles, was Kultur ist, auch anders interpretiert werden kann und hin und wieder sogar muss.

Normalität und das gesellschaftlich Normative sind also nicht vom Himmel gefallen. Sie sind kulturelle Konzepte. So ist das auch mit der Schule. Auch die ist ein Konzept, das einmal erfunden wurde. Aus Gründen. Heute ist sie eines der wenigen, das uns noch geblieben ist aus den letzten hundertfünfzig Jahren. Normativ hoch aufgeladen und sakrosankt wie einst die großen christlichen Kirchen, die ihre Funktion als moralische Flüstertüte des Kapitalismus verloren haben – so staatstragend sie einmal waren. Die meisten anderen Systeme (z.B. Politik oder Gesundheit) sind, was ihre Funktionsweise betrifft, ökonomisiert.

Derzeit scheint alle gesellschaftliche Hoffnung am Phänomen Schule zu hängen. Sie muss in jedem Fall „offen“ bleiben, damit Kinder nicht den Anschluss verlieren. Woran? An die Schule natürlich. An den Stoff, die nächste Prüfung, den Abschluss. Sie muss offen bleiben, damit Eltern zur Arbeit können oder ihre Kinder nicht quälen. Manchmal sogar, damit sie was zu essen haben. Medien verbreiten die Hiobsbotschaft: „Schulausfall kostet zukünftige Generationen bis zu 3,3 Billionen Euro“.

Schule erscheint als letztes Refugium eines Humanismus, der nicht wirklich einer war, wie dieses Diagnose-Feuerwerk zu beschreiben weiß:

Diejenigen Merkmale, die in der Zeitum 1900 nur eine schmale Oberschicht kennzeichneten, charakterisieren heute grosse Bevölkerungsanteile Europas (und Deutschlands ganz besonders …): Mangel an Tatkraft, geringer Glaube an sich selbst, Reflexionsüberhang, Entscheidungsschwäche, Zukunftsangst, Orientierungsverlust, Vergnügungssucht, Überempfindlichkeit, Weichlichkeit bei latenter Grausamkeit, Narzissmus, Haltlosigkeit, Depressivität und Handlungslähmung, Identitätsschwäche, Rollenspiel, Egozentrik, Mangel an Gemeinsinn, Sexualisierung, Psychologisierung, Nervosität, Hypochondrie, Alkoholismus, Fress- und Magersucht, Historismus, Entpolitisierung und Ästhetizismus, Stilpluralismus, Manierismus, Zitatverliebtheit an Stelle von Eigenschöpfung, Schein statt Sein, Dezisionismus bei gleichzeitig schwacher, gelegentlich aber theatralisch auftrumpfender Willenskraft. (Hermann Kurzke: Elend, Glanz und Komik der Dekadenz (Tagesanzeiger 6.8.2005, S. 37).

Auf mich macht Schule den Eindruck einer ultimativen kulturellen Projektionsleinwand. Der alte Tanker mutiert zum „Rettungsboot für alle“. Das verleiht dem Schulsystem in den hitzigen Debatten den Nimbus einer Institution, die eigentlich nicht zur Diskussion stehen darf. An Schule herumkritteln: klar. Sie Reformen unterziehen: bitteschön. Sie digitalisieren: wenn es sein muss. Aber sie selbst darf nicht zur Disposition stehen.

Schule ist vorbei

Doch diese Situation ist eingetreten. Schule als System ist zu Ende. Ähnlich wie andere kulturelle Trägersysteme, die erfunden wurden, um über Jahrhunderte hinweg gesellschaftliche und ökonomische Stabilität zu garantieren, und die dann unter mehr oder weniger großem Lärm abgewickelt wurden. Wir stehen an einem Punkt der Geschichte, wo das System Schule seine Funktionen als Stabilisator und Reproduzent von Kultur verloren hat und in wirklich jeder Hinsicht dysfunktional geworden ist.

37 Sekunden Ausschnitt aus dem Trailer zum Film „School Circles“

Schule garantiert nicht mehr „gesellschaftlichen Fortbestand“ und ermöglicht nicht mehr „kulturelle Teilhabe“, weil sie sich in ihren Strukturen und Prozessen auf eine Kultur und auf eine Gesellschaft bezieht, die nicht mehr existieren. Auch auf die fundamentalen ökonomischen Herausforderungen bereitet sie in keiner Weise vor, u.a. weil sie selber gar nicht auf die neuen ökonomischen Parameter vorbereitet ist.

Dennoch halten sich ganz viele Akteure (Lehrende, Eltern, Bildungspolitiker:innen und auch Lernende) an der Idee fest, dass all die Probleme, die Schule hat und hervorbringt, in den Griff zu bekommen seien. Sie sind nach wie vor davon überzeugt, dass wir das hinkriegen mit genügend Geld und so viel Reform, wie es halt (zum x-ten Mal) braucht. Lehrende hoffen auf andere Schüler und Eltern, Eltern und Lernende auf andere Lehrer, und natürlich: digitale Infrastruktur muss her. Doch da liegt ein fundamentaler Irrtum.

Wenn sie einen Scheißprozess digitalisieren, dann haben sie einen scheiß digitalen Prozess.

Thorsten Dirks (Quelle)

Die aktuelle Pandemie wirkt wie ein Kontrastmittel. Wir beklagen zwar vor allem fehlende digitale Infrastruktur und Kompetenz. Doch tiefer scheint ein anderes Problem zu liegen: Autoritäre Strukturen und Menschenbilder; ein großes Misstrauen und eine uralte Inkompetenz-Vermutung gegenüber Schüler:innen, die mit Adultismus mittlerweile auf den Begriff gebracht ist. Eine im Obrigkeitsdenken und im autoritären Menschenbild verwurzelte Überzeugung, dass der Mensch nur funktioniert, wenn er/sie direkt und ununterbrochen kontrolliert wird und vor allem: wenn er und sie sich lückenlos einpasst in das System: „Sozialisationsprozesse sind dann erfolgreich, wenn die Individuen am Ende genau das tun wollen, was das System benötigt, um sich zu reproduzieren.“ (Zygmunt Baumann, Leben in der Flüchtigen Moderne, S. 150)

Nur ist es heute nicht mehr die Gesellschaft oder die Kultur, die sich mit Hilfe von Schule reproduziert. Schule reproduziert nur noch sich selbst.

Ein Beispiel: Der Einsatz heilpädagogischer Berufe und der Ruf nach ihnen nimmt stetig zu. Entsprechende Studiengänge & Stellen werden immer wichtiger. Vordergründig geht es dabei um die Unterstützung von Kindern mit Problemen. Tatsächlich geht es aber um eine Illusion von „Reibungslosigkeit“ nach dem Vorbild industrieller Produktionsabläufe: Wer sich nicht von sich aus in das Belehrungssystem einpassen kann, wird hineinunterstützt. Maike Plath spricht metaphorisch von der Untertanenproduktionsmaschine, und auch Andreas Schleicher stellt fest, dass das industrielle Arbeitsmodell nach wie vor großen Einfluss auf die Schulkultur hat. Heilpädagogik, Logopädie, Schulsozialarbeit, Ritalin und Nachhilfe werden als Überlebensstrategien des Schulsystems eingesetzt. Es geht um die Rettung einer anachronistischen Vorstellung von Normalität.

Dieses Mindset bringt die Problematik mitsamt den Kindern, die „Probleme machen“, also womöglich erst hervor. Darauf verweisen z.B. die Langzeitstudien von Remo Largo. Auch erleben mehr und mehr Kinder und ihre Eltern seit Jahren auf ganz nicht-wissenschaftliche Weise, dass Schule eher krank macht als klug, wie die Lerntherapeutin und Ex-Lehrerin Corinna Milinski exemplarisch beschreibt und auffängt.

Wir sind an einem Punkt angekommen, wo – wenn überhaupt – nurmehr die Kinder und Jugendlichen „unauffällig“ (!) bleiben, die ein gefestigtes soziales und am besten auch materiell gepolstertes Lebensumfeld haben, denn Nachhilfe wird, im Unterschied zu Ritalin & Co, nicht von der Krankenkasse bezahlt.

Wir nehmen nicht wirkmächtige Zusammenhänge in den Blick, sondern operieren an den Folgen herum. Wichtig ist, dass die Verantwortlichen in ihre Sessel zurückfallen können mit dem ruhigen Gewissen, dass sie nun wirklich alles mögliche getan haben, was Wirt- und Wählerschaft zuzumuten ist. Das Vorgehen ist auf perfide Weise hermetisch: Das Schulsystem erweckt den Eindruck, dass es „etwas für die Kinder tut“ und erwartet diesbezüglich vor allem Dankbarkeit und Zustimmung. Dass es selbst Verursacher eines Problems ist (z.B. in dem es „lernschwache Schüler“ hervorbringt), zu dessen Lösung es dann großzügig antritt (indem es dann lernschwache Schüler entsprechend beschult), diese erfahrungs- und reflexionsgesättigte Erkenntnis, die wird ausgeblendet. Aus Gründen.

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Fotos aus dem Video „Ninnoc“ von Niki Padidar

Nicht das Kind ist krank, sondern die Schule, in der es steckt

Schule bringt aber nicht nur Probleme hervor, die sie dann zu lösen vorgibt. Vielmehr vermittelt sie unzähligen Kindern und Jugendlichen ja ein Selbstbild als problematische, zurückgebliebene, als nicht oder nur schwer integrierbare Menschen. Sie (re-)produziert mit dem Benotungs- und Bewertungsunsinn den Leistungsdruck auf junge Menschen. Wo sie nicht selber aktiv diskriminiert, reicht Schule Diskrimierung durch bzw. verstärkt bestehende Formen.

Dabei ist völlig aus dem Blick geraten, dass wir Menschen niemals sind: lernschwach oder bildungsfern etwa. Wir verhalten uns: so oder anders. Auch und gerade Schüler:innen. Die Situation, in die Schule junge Menschen steckt, hat immer einen fundamentalen Anteil daran, wie sich diese Kinder und Jugendliche dazu verhalten. Selbst Probleme wie das Mobbing, das ja reflexartig an den Kindern und an ihrem kulturellen bzw. familiären Hintergrund festgemacht wird, an den Medien und den Eltern, gedeihen ja vor allem in bestimmten schulischen Kontexten.

Wer (Cyber-)Mobbing verstehen möchte, sollte nicht bloß auf die Kinder schauen, die es praktizieren, sondern auch auf die Schule als ein Kontext, in dem das passiert. Die Tatsache, dass sich Mobbing an innovativen und alternativen Schulen nicht durchsetzt, hat nicht damit zu tun, dass dort „halt spezielle Kinder sind“, die sich die Schule wie Rosinen herauspickt. Es hat damit zu tun, dass das Phänomen an solchen Schulen keine Chance hat, weil Kinder und Jugendliche, die auch dort aus jedem erdenklichen persönlichen Background kommen, eine andere Kultur des Lernens und der Gemeinschaft erfahren, und weil sie dort ganz anders lernen, mit Macht umzugehen.

Ganz zu schweigen davon, dass auch Kinder und Jugendliche, die einigermaßen unauffällig durchkommen (aka „erfolgreich“), in der Schule schon lange nicht mehr auf das vorbereitet werden, was die Gegenwart an Haltungen, Fähigkeiten und Einstellungen erfordert. Hier lautet die Begründung von Seiten der Schule immer wieder: „Wir können unsere Arbeit deshalb nur noch schwer machen, weil wir immer mehr problematische Kinder haben.“ Dass ein Kind ganz einfach überfordert ist, wenn es in einen Rahmen gespannt wird, der die Individualität von Lernen und Persönlichkeitsentwicklung systematisch ignoriert und unterdrückt, gerät nicht in den Fokus der Überlegung. Vielmehr ist genau dann zu hören, Kinder müssten als erstes lernen, sich ein- und anzupassen, sich unterzuordnen. Und wer das nicht kann, brauche halt Unterstützung – oder eine andere Schule.

Schule als System kann schlicht und einfach nicht mehr die kulturelle Vielfalt und Heterogenität bewältigen, die sich in unseren Lebens- und Arbeitswelten heute abbildet. Dafür wurde sie nicht erfunden. Deshalb erfinden sich im Moment ja auch vielerorts ganz neue Konzepte von Lernen und Bildung.

Wir brauchen keine andere Schule sondern eine Alternative

Ein neues Lern-Paradigma in 1 Minute. Mehr über Devin und seine Lerngeschichte findest du hier

Wir brauchen einen Zusammenschluss all jener Kräfte in unseren Gesellschaften, die Bildung und Lernen auf viele kulturelle Schultern nehmen; nicht verteilen sondern in Angriff nehmen, selber in die Hand nehmen; die die Anliegen von Bildung und Lernen gemeinsam und grundsätzlich neu praktizieren. Nicht nur vereinzelte Eltern und Elterngruppen, die ihre Kinder aus der Schule nehmen, weil es nicht mehr anders geht – wie es zunehmend in Ländern geschieht, die keine Schulpflicht kennen. Das kann nur ein Anfang sein. Ein wichtiger und wertvoller Anfang, weil er alarmiert. Aber es geht um viel mehr. Es geht darum, dass wir für Kinder und Jugendliche völlig andere Räume und Formen des Lernens entwickeln, bauen und umsetzen – und das passiert ja bereits, gegen den hartnäckigen Widerstand der staatlichen Bildungsmonopolist:innen.

Die traditionellen Institutionen zu adressieren oder auf sie zu warten, ist deshalb sinnlos, wie im Kontext der Pandemie gerade deutlich wird, denn die sind weder bereit noch fähig, sich auf innovative Initiativen einzulassen und von ihnen zu lernen. Die Safaris und Wallfahrten, die Bildungspolitiker und Hochschulen schon länger zu solchen Initiativen unternehmen, enden so, wie die Ausflüge von Politikern und Unternehmern ins Silicon Valley: Sie kehren erschreckt und fasziniert in die eigene Welt zurück mit der Erkenntnis, „dass das so bei uns natürlich nicht funktionieren kann“ – aus Gründen.

Die Fragen, die wir uns jetzt zu stellen haben, sind: Was spricht dafür, im großen und ganzen so weiterzumachen wie bisher, mit all diesen Ausreden und Begründungsreflexen, weil wir das bestehende Schulsystem weiterhin für das beste aller möglichen halten, an dem wir hier und da rumschrauben und reformieren, digitale Tools importieren und eine Schulsoftware, die Frontalunterricht, Leistungsnachweise und Lehrermangel optimal digitalisiert? Und was spricht dafür, dass die traditionelle Schule zu Ende gegangen ist: konzeptionell, methodisch und in Bezug auf ihr Menschenbild? Erkennbar daran, dass sie die meisten jener Probleme, die sie hat, selber hervorbringt, indem sie pausenlos mehr desselben tut in einer Situation, in der ein radikaler Neuanfang die Lösung ist.

Die großen Institutionen, die dem Umfang nach immer noch das ganze Bühnenbild und den Szenenaufbau dessen beherrschen, was wir unsere Gesellschaft zu nennen fortfahren, obwohl sie mehr und mehr in einer Inszenierung aufgeht, die mit jedem Tag an Plausibilität verliert, nachdem sie sich sogar der Mühe enthoben glaubt, das aufgeführte Schauspiel zu erneuern, und ein ganzes gescheites Volk durch ihre Mediokrität hinabzieht – die großen Institutionen also gleichen jenen Sternen, deren Licht uns erreicht, während sie, wie die Astrophysik uns lehrt, seit langem schon erloschen sind.

Michel Serres, Erfindet euch neu! Eine Liebeserklärung an die vernetzte Generation, S. 62 – ein unglaublich kluges und analytisches Buch.

Das neue Lernen ist in den Nischen

Aufgrund meiner Beobachtungen, Beratungen, Expeditionen, Gespräche und Recherchen vermute ich, dass vor allem jene Initiativen stark an gesellschaftlichem Einfluss zunehmen, die nicht innerhalb des bestehenden Schulsystems innovativ werden, sondern im freiem Feld: initiiert von Menschen, die verstanden haben, was es braucht; die das Geld und auch die Aufmerksamkeit zusammenkratzen, um ihre wertvollen Konzepte weiterzuentwickeln und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das ist im Moment noch mit hohen Risiken verbunden – vor allem im alten Europa, wo Staaten wie Deutschland ihre Bürger:innen mit einer rigorosen Schulplicht drangsalieren und ausschließlich traditionelle Systeme alimentieren – sei es mit Geld, sei es mit Gültigkeit. Fatal ist, dass wir alle im Moment noch am staatlichen Bildungsmonopolismus hängen, der jedoch zum Glück nicht verhindern kann, dass sich in Nischen wunderbare Initiativen entwickeln und verbreiten – und damit meine ich nicht jene Privatschulen nach Schweizer Vorbild, die jährlich Zigtausende von Euro dafür kassieren, um junge Leute durch’s Abitur zu bringen, die also am Ende doch wieder im Takt des traditionellen Systems tanzen.

Ich meine jene Initiativen, die selber ums finanzielle Überleben kämpfen, gerade weil sie mit einem völlig anderen Konzept arbeiten, als staatliche Schule. An dieser Stelle seien einige genannt, in denen ich die Zukunft des Lernens sehe: Das mittlerweile über 50-jährige Konzept der Sudbury Valley School in seiner ganzen Radikalität, aufgegriffen und weiterentwickelt in den Demokratischen Schulen, die School Circles in den Niederlanden bzw. ganz aktuell dort die Agora-Schulen, die Grundi in der Schweiz, und für mich besonders beeindruckend, weil sie gerade ein internationales Netzwerk aufbauen: die Learnlife-Comunity.

Ein Festival von und für Menschen, die die Zukunft des Lernens verkörpern. Sei dabei, wenn wir mit Pionier:innen zusammen Lernen neu entdecken und unsere eigenen Strategien weiterentwickeln – Seite an Seite mit Jugendlichen – um den überfälligen Wandel in der Bildung anzustoßen. Anmeldung hier.

Das neue Lernen, das wir so dringend brauchen, wird sich weder im alten Schulsystem entfalten, noch aus ihm heraus. Vergleichbar mit vielen Entwicklungen, die wir momentan im Kontext der Digitalisierung erleben, und die sich allesamt an anderen Orten auf dieser Welt abspielen. Das alte Europa, und darin ganz besonders Deutschland, ist kraft- und mutlos geworden. Zelebriert wird das Alte, wird die Wiederholung.

Der patriarchale Traditionalismus mit seinen Symbolen und Artefakten, mit seinen Hierarchien und Seilschaften durchwirkt noch immer alles, damit das radikal Neue nicht Fuss fassen kann: nachhaltige Formen des Wirtschaftens und des Zusammenlebens, ökologische Neuanfänge auf breiter Ebene, Überwindung nationalistischer Narrative, Erfindung neuer Erzählungen über lebenswertes Leben, eine Ahnung davon, wie unsere Zukunft aussehen könnte, statt des ritualhaften Abhakens all jener Vorschläge, die nicht genehm sind. Aus Gründen. Überall Vermeidungsängste statt Zukunftshoffnungen. Und dazwischen das gute alte „panem et circenses“ (Brot und Spiele) im neuen Gewand.

Der erste Schritt, um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, ist ein Unterbrechen der Versorgung unseres Schulsystems mit „menschlichem Nachschub“. Entweder wir gehen dieses Risiko ein und praktizieren Bildung und Lernen jetzt neu – die Alternativen sind ja weltweit bereits vorhanden, oder wir gehen vor die Hunde. Ob wir das wahrhaben wollen oder nicht.

Die Herausforderung, die es für die nächsten Generation bedeutet, aus dem heruntergewirtschafteten Ort, den wir ihnen hinterlassen, wieder einen Lebensraum zu machen, sind riesig. Und es ist unsere Aufgabe, jungen Menschen erstens alles aus dem Weg zu räumen, was es ihnen erschwert, diese Zukunft zu gestalten und ihnen zweitens alle Unterstützung zu geben, die sie fordern, um das zu leisten.

Abschließen möchte ich mit (m)einer Zusammenfassung eines Interviews, das Luisa Neubauer vor einigen Wochen dem Schweizer Tagesanzeiger gegeben hat, wobei ich ihre Worte zitiere. Für mich ist das ein wunderbarer 13-Punkt-Plan für den politischen, den kulturellen und den gesellschaftlichen Neuanfang; für eine neue Gesellschaft,

die Bildung und Lernen nicht mehr an ein totes System delegiert, sondern das selber in die Hand nimmt.

Foto: Hermann Bredehorst (Polaris, Laif). Quelle: Tagesanzeiger
  1. Hoffnung hat man nicht. Sie entsteht, wenn sich etwas bewegt. Im besten Fall ist man selbst daran beteiligt. Für mich entsteht Hoffnung aus Menschen, die sich organisieren.
  2. Bei der Überwindung der Klimakrise geht es auch darum, wie eine klimagerechte Welt, wie eine Welt, in der alle glücklich sein können, aussehen wird.
  3. Die Realitäten, mit denen wir uns befassen, sind da. Ob wir darüber sprechen oder nicht. Wir müssen auf die Heftigkeit, auf die Wucht, auf die Gewalt der realen Klimaveränderungen eine Antwort finden.
  4. Wir müssen dem eine Handlungsebene entgegenstellen, eine Ebene, auf der wir selbst aktiv werden können: Viele Möglichkeitsfenster aufstoßen. Solange ich mich mit den Lösungen beschäftigen kann, halte ich auch die krasse Realität aus. Und bleibe fröhlich!
  5. Wenn wir einer Sache gerecht werden wollen, dann braucht es ganz viele Menschen, die sich einer Sache gemeinsam anschließen.
  6. Menschen sind zu unglaublichen Unbequemlichkeiten bereit, wenn sie verstehen, warum es nötig ist.
  7. Es muss ein überparteiliches Selbstverständnis geben, dass jede Partei ein Programm benötigt, das es ermöglicht, die Versprechen des Pariser Abkommens zu erfüllen. (Stellen Sie sich vor, wie schön es wäre, wenn wir nicht nur ein Parteiprogramm hätten, das halbwegs klimakrisentauglich ist, sondern fünf! Dann hätten wir auf einmal einen Ideenpool, aus dem wir ganz anders schöpfen könnten.)
  8. Ich finde es richtig, zu überlegen, wie man Menschen noch einmal anders zu Wort kommen lassen kann. In anderen Ländern haben repräsentative Bürgerräte bereits erstaunlich radikale Lösungen vorgeschlagen. 
  9. Wir haben kein Hauptquartier, keine juristisch verbindlichen Strukturen – wir sind, was wir tun.
  10. Gespräche drehen sich um die Frage, was alles geht, nicht um das, was nicht geht.
  11. … von der Straße her die Parteien derart unter Druck zu setzen, dass sie tun, was nötig ist. Unsere Aufgabe ist es, an diesem System so lange herumzuschrauben, bis wir drei wesentliche Defizite behoben haben: das Emissions-, das Zeit- und das Gerechtigkeitsproblem unseres gesellschaftlichen Systems.
  12. Die Bedeutung von Erfahrungswissen und Zukunftswissen verschiebt sich. Die Lebensperspektive von jungen Leuten wird immer wichtiger, während das angesammelte Wissen und die Erfahrung der älteren Generation an Übermacht verliert.
  13. Wenn bereits drei junge Frauen sichtbar sind, dann kommen eher weitere dazu.

Quelle

Schule, worauf wartest Du?

Auf Schule kommt ein tiefgreifender Wandel zu. Sie ist nicht mehr Nadelöhr, nicht mehr Gatekeeperin, die bestimmt, wer und was vorkommt. Sie sieht ihre Funktion nicht mehr in Selektion von Wissen und Menschen, sondern in der Organisation und Ermöglichung von Begegnung, Vernetzung, Austausch.

Titelbild: Pexels auf Pixabay

Bildung und Erziehung ruhen in unseren Köpfen und in der realen Gesellschaft auf zwei Säulen: Schule und Familie. Beide stehen momentan enorm unter Druck. Es werden hohe Anforderungen an sie gestellt und Erwartungen, die beide immer weniger erfüllen können, weil sowohl Familie als auch Schule mit Vorstellungen behaftet sind und mit Kopfbildern, die aus einer anderen Zeit stammen.

Zwar verändert sich der Alltag von Familien (und Elternsein) schon länger. Beschleunigt nicht zuletzt durch ökonomische Entwicklungen: neue Berufsbilder, flexible Arbeitsbedingungen, Job-Akkumulationen, und auch weil sich Rollenbilder, Gender- und Beziehungskulturen verändern: Unsere Selbstbilder sind stark in Bewegung geraten. Da kommen nicht alle „so einfach“ mit, manch eine:r erlebt sich überfordert, weil die teils fundamentalen Neu- und Umdeutungen in unseren Geschlechter- und Familienbildern ziemlich viel Flexibilität, Offenheit, Auseinandersetzung und Toleranz fordern – und die schüttle ich nicht aus dem Ärmel.

Schule als Kreativwerkstatt des kulturellen Wandels

Schule kann da helfen, unterstützen und entlasten, indem sie kulturelle Entwicklungen nicht nur inhaltlich thematisiert, sondern ihnen auch anders Raum gibt: Schule kann sich zu einem Netz von Netzwerken mausern, in dem Kinder und Jugendliche kulturellen Wandel in all seiner Buntheit und sich selber mittendrin ganz selbstverständlich erleben, gestalten und reflektieren.

Bild von Foundry Co auf Pixabay

Auf Schule kommt damit ein tiefgreifender Wandel in ihrem Selbstverständnis zu. Sie ist nicht mehr das Nadelöhr, nicht mehr die Gatekeeperin, die bestimmt, wer und was vorkommen soll und nicht. Sie sieht ihre Funktion und Aufgabe nicht mehr in der Selektion von Wissen, Information und Menschen, sondern in der Organisation und Ermöglichung von Begegnung, von Vernetzung, von fortwährendem Austausch, von Erkundung, Expedition und Serendipität, von Persönlichkeitentfaltung und Welterschließung. Damit dies möglich wird, werden sich Bildung und Erziehung zukünftig auf viel mehr Säulen stützen als heute. Sie werden immer mehr (und immer schneller) zu einem Auftrag, der zivilgesellschaftlich von viel mehr Schultern getragen wird, um ihn überhaupt leisten zu können.

Diese fundamentale Veränderung kann und will sich im Moment noch niemand so recht vorstellen. Gerade während der aktuellen Pandemie wird deutlich, wie sehr wir Lernen und Bildung noch immer auf zwei Pole reduzieren: Schule – und im Notfall zuhause.

Innovative Lerngemeinschaften (z.B. die Agora-Schulen in den Niederlanden oder die learnlife community), die die Zeichen der Zeit erkennen und entsprechend deuten, machen Lernen und Bildung hingegen zu einem fortwährenden Ereignis, das in viele kulturelle, gesellschaftliche und ökonomische Welten diffundiert – aber nicht „verdampft“. Sie bilden vielmehr Netzwerke, wo bis anhin klare Grenzen waren: hier Schule, dort der Rest der Welt.

Schule neu gemacht

Hier und da lese ich den Vorschlag, jetzt endlich Schule neu zu denken. Doch das ist eben längst an vielen Orten dieser Welt passiert und wird deshalb bereits neu gemacht. Die vielfältigen, sich überschlagenden Diskurse über Schule bei uns hier bringen die aktuelle und einigermaßen festgefahrene Bildungsproblematik also erst dann vom Fleck, wenn sie sich trauen, radikale Alternativen zu praktizieren.

Jetzt geht es um eine neue Praxis von Schule, Bildung und Lernen, die

-> die radikal sich verändernden Lebens- und Arbeitswelten von Familien, Eltern und Kindern ins Zentrum ihrer Aktivitäten gestellt hat;

-> die losgekommen ist von der klassischen Überzeugung, dass Bildung in einer Gesellschaft nur in der jetzigen Struktur und Form und deshalb auch nur von Schule geleistet werden (können) soll;

-> die alten Zöpfe abgeschnitten hat, an denen Schule bis heute hängt, und die sie so unbeweglich machen.

Konkret:

  • Nicht mehr darauf schielen, wie Lernen irgendwie bewertet und benotet werden könnte, sondern mal denen über die Schulter kucken, die jungen Leuten helfen, ihre persönliche Entwicklung anders einzuschätzen: resourcenorientiert und auf Resilienz fokussiert.
  • Nicht mehr Kinder und Jugendliche unterschiedslos in gleiche Jahrgangsgruppen stopfen, sondern sie (sich) selbst mitmischen lassen, sich finden lassen als Teil ihres Entwicklungsprozesses; nicht als Vorspiel, sondern als Bestandteil des Prozesses. Statt Klassen bilden Menschen neigungs- und projektbasierte autonome Gruppen. Sie nutzen die Heterogenität und die Zonen der nächsten Entwicklung nach Lew Wygotski.
  • Nicht mehr unterrichten. Wo diese Linearität wegfällt, beginnt das Lernen zu mäandern. Statt Fremdsteuerung entwickelt sich Selbststeuerung von Individuen, Gruppen und Prozessen. Statt Vermitteln entwickelt sich Erforschen & Ermitteln. Statt strukturellen, inhaltlichen und zeitlichen Vorgaben zu folgen, entwickeln Menschen kollaborative Prozesse. Statt sich disziplinarischer Kontrolle zu unterwerfen, entwickeln sie ein differenziertes Verhältnis zu ihren eigene Bedürfnissen und zu denen ihrer Mitmenschen.
  • Statt Lernende linear mit einem Wissenskanon zu versorgen, erschließen die sich von Grund auf & kokreativ die Welten gemäß ihres Entwicklungsstands, ihrer Interessen, Neugier und Potenziale. Sie organisieren sich das Wissen, das sie brauchen, um die ihnen entsprechenden Kompetenzen und Literacies zu entwickeln.
  • Statt weiterhin auf synchrone Präsenz zu pochen, ermöglicht Schule den Lernenden – der Ungleichzeitigkeit ihres Lernens geschuldet, ihrer eigenen Lernzeit und ihren eigenen Lerninteressen, Schwerpunkten und Vertiefungen zu folgen. Lernzeiten werden nicht mehr an Präsenz und nicht mehr an Gleichzeitigkeit gebunden. Menschen organisieren sich und ihre Lernprozesse durch vernetzende Indivualisierung.

Lust loszulegen? Dann hier reinhören und Kontakt aufnehmen:

https://open.spotify.com/episode/6ObwTWp792l8Sdceb4brev?si=J-BV6pOfQ1-HL76nbsYKUA

Kinder auf die Zukunft vorbereiten: Drei pädagogische Fehlsch(l)üsse

So wenig eine Safari die Teilnehmer:innen auf ein Leben in der Wildnis vorbereitet, bereitet Schule Kinder auf die oder ihre oder auf irgendeine Zukunft vor. Das tun die selber. Auch in der Schule. Egal, was die mit ihnen tut oder nicht. Wir Menschen sind vom ersten Atemzug an unendlich adaptiv. Unser Lernen ist und bleibt lebenslang so pluripotent wie Stammzellen. Ich kann mich immer wieder in etwas anderes entwickeln, mich gar neu erfinden.

Titelbild:  Andrea Piacquadio auf Pexels

Der Vorwurf lautet: Schule bereitet Kinder und Jugendliche nicht mehr auf die Zukunft vor. Tatsache ist: Das hat sie noch nie, weil das gar nicht möglich ist. Mich selber oder jemand anderen jetzt auf etwas vorzubereiten, von dem niemand weiß, was es ist und ob das irgendwann eintreffen wird – das funktioniert nicht. Nehmen wir also drei der beliebtesten pädagogischen Fehlschlüssse in den Blick.

Erster pädagogischer Fehlschluss: „Wir bereiten dich vor“

So wenig eine Safari die Teilnehmer:innen auf ein Leben in der Wildnis vorbereitet, bereitet Schule Kinder auf die oder ihre oder auf irgendeine Zukunft vor. Das tun die selber. Auch in der Schule. Egal, was die mit ihnen tut oder nicht. Wir Menschen sind vom ersten Atemzug an unendlich adaptiv. Unser Lernen ist und bleibt lebenslang so pluripotent wie Stammzellen. Ich kann mich immer wieder in etwas anderes entwickeln, mich gar neu erfinden – mitsamt der nötigen Kompetenz. Schule bereitet darauf nicht vor. Sie ist dafür lediglich ein Auslöser unter vielen. Sie ist eine Challenge der besonderen Art:

Wir Menschen besitzen den evolutionären Vorteil uns lebenslang lernend an neue kulturelle Anforderungen anzupassen. Das haben wir während unserer Schulkarriere gründlich vergessen, weil die uns erlaubt bzw. dazu gezwungen hat, das Lernen als fremdgesteuerten Vermittlungsprozess zu akzeptieren – und es genau dadurch zu verlernen.

Foto von Kaitlyn Jade auf Pexels

Wenn Schule diese Pluripotenz nicht völlig zu desavouieren vermag, entwickeln wir aus dem Vermögen, uns selbst und die Welt in jedem Moment anders zu sehen und neu zu erfinden, die Kreativität im Sinne einer Lösungskompetenz. Die ist ein umfassendes Versprechen an die Zukunftsfähigkeit von uns Menschen. Sie zeigt, dass wir alles schon mitbringen, um uns hier und jetzt an die Gestaltung unserer Gegenwart zu machen – welche Zukunft dann auch immer kommt.

Kinder und andere Menschen entwickeln & erfinden sich, ihre Fähigkeiten und ihr Potenzial im Austausch mit den realen, gegenwärtigen Umwelten, nicht mit der Zukunft. Alles, was ein Mensch lernt, lernt sie in Auseinandersetzung mit der Gegenwart. Ich lerne „etwas“ also nicht, weil ich „es“ fürs Abitur brauche, sondern weil es für mich jetzt gerade eine Lösung zu versprechen scheint. Aufs Abitur lerne ich bekanntlich kurz vorher.

Beispiel: Im Unterricht „Mitschreiben“ hat eine Entlastungsfunktion von dem Druck, sich bezogen auf die Prüfungszukunft alles merken zu müssen. Nützen tut es mir dabei nur jetzt, nicht „in Zukunft“. 

Womöglich bereiten Kinder sich also nicht einmal auf die Zukunft vor, wenn sie das tun, was wir Lernen nennen. Vielleicht trainieren sie sich dadurch einfach in der Fähigkeit, unangepasst zu bleiben um sich an jede nicht absehbare Zukunft anpassen zu können.

Wenn Schule und Erziehung das zulassen.

Zweiter pädagogischer Fehlschluss: „Zukunft ist planbar“

Zukunft ist nicht vorhersehbar und nicht planbar. Das heißt nicht, dass ich nicht absehen kann, dass mir die Wohnung gekündigt wird, wenn ich die Miete nicht bezahle. Doch das ist nicht vorhersehbar. Das ist absehbar. Nichts ist vorhersehbar. Auch die Zukunft nicht. Sie ist, zumindest für den Moment, auch für den des Lernens, unausweichlich. Das wars.

„Voller Hoffnung zu reisen ist besser als anzukommen“ – nie war Robert Louis Stevensons Verdikt wahrer als in unserer flüchtigen Moderne. Wenn die Ziele beweglich sind oder ihren Reiz schneller verlieren, als Menschen laufen, Autos fahren und Flugzeuge fliegen können, dann ist das Unterwegssein wichtiger als das Ziel. … Unsere Kultur beruht nicht mehr wie die Kulturen früherer Zeiten oder jene, die die ersten Ethnologen vorfanden, auf einer Praxis der Erinnerung, der Bewahrung und der Gelehrsamkeit. Sie ist eine Kultur der Auflösung, der Diskontinuität und des Vergessens.

Zygmunt Baumann, Leben in der Flüchtigen Moderne, S. 198f.

Deswegen ist die beim ersten pädagogischen Fehlschluss reflektierte Fähigkeit, sich so offen wie möglich auf neue Situationen einzulassen und sie lösungsorientiert anzupacken, so wichtig und vielversprechend. Gäbe es diese Pluripotenz des Lernens nicht, wären wir alle verloren, weil wir ja in der Gegenwart nicht wissen, auf welche Art von Zukunft wir uns gefasst machen sollen.

Foto von cottonbro auf Pexels

Außerdem ist das, was wir Kultur nennen, also Sinn, Wert und Bedeutung von Gesellschaft, Arbeit und Individualität, mittlerweile so komplex und wechselhaft, dass es fast schon ridikül anmutet, sich durch irgendeine Art des Lernens auf etwas „einstellen“ zu wollen, das weiter als ein, zwei Jahre in der so genannten Zukunft liegt. Wir wissen praktisch nicht mehr, wie es werden wird mit Ökonomie, Arbeit, Kapital, Politik, und den natürlichen Grundlagen unseres Lebens.

Dieses Nichtwissen ist und bleibt unausweichlich.

Dritter pädagogischer Fehlschluss: „Zukunft fokussieren statt Gegenwart“

Der Ort, an dem Lernen passiert, ist die Gegenwart. Sie steckt voller Herausforderungen, Chancen, Aufgaben und divergierender Bedürfnisse ihrer Bewohner:innen. Schule und Erziehung sagen jedoch: „Oh, wir können und du solltest auf deine Gegenwarts-Bedürfnisse nicht allzu sehr eingehen, weil es ja um deine und um die Zukunft aller anderen geht. Wir müssen die Aufmerksamkeit und die Ressourcen da hin lenken.“ Didaktik und Methodik sollen diesen Widerspruch dann abmildern, indem sie die Kinder dort abholen, wo sie stehen (siehe erster pädagogischer Fehlschluss: Safarimodus – bitte alle einsteigen…).

Schule und Erziehung neigen dazu, individuelle und soziale Gegenwart zu entwerten – um der Zukunft willen.

Beispiel: Dass mein Kind es einmal besser haben soll, klingt erstmal total nach Zukunft und nach deren Planung z. B. durch gute Schulabschlüsse. Also durch Zeugnisse und Noten. Dieses Motto bezieht sich jedoch lebenslang ausschließlich auf die Gegenwart eines so programmierten Kindes und darauf, wie es diese Gegenwart gestaltet. Es ist das Jetzt des Kindes, das durch den Ansatz vom „Es mal besser haben“ seine Ausrichtung erhält – nicht dessen Zukunft. Wenngleich auch ihr Leben als Erwachsene mit hoher Wahrscheinlichkeit von diesem Grundton begleitet sein wird: dass sie es einmal besser haben soll als ihre Eltern – außer sie dreht diesen Ton irgendwann ab. Im Hier und Jetzt. Nicht in der Zukunft.

Lernen, also lieben, streiten, atmen, spielen, bauen, kommunizieren, interagieren, berechnen, verstehen, beschreiben, sich verlaufen, nach Hause finden, Umwege gehen, pipapo, findet in einer Gegenwart statt, die bewältigt werden will. So geht Leben – und die Art, wie wir diese Dinge, wie wir die Gegenwart in ihrer Komplexität und Unausweichlichkeit angehen, entscheidet maßgeblich darüber, welche Zukunft wir dadurch provozieren – ohne je eine Garantie dafür zu haben, dass sie so kommt, wie wir sie gerne hätten.

Eine Schule, die das ernst nimmt, hat nichts mehr mit dem zu tun, was sie heute ist und tut.

„Wenn du nicht die Zukunft der Kinder vor Augen hast, bist du ganz schnell wieder im alten Trott“

Wir bringen jetzt jene Menschen enger zusammen, die bisher vor allem in ihren eigenen Ecosystemen innovatives Lernen fördern. Wir bauen ein LEAD-Netzwerk: Learning Ecosystem Architecture & Design. Es gibt so viele wunderbare Initiativen: Wir werden eine Menge Power freisetzen, wenn wir diese Kräfte jetzt bündeln.

Titelfoto: Guido van Dijk. Die AGORA Schule Niekee

Meine Notizen aus einem Gespräch mit Guido von Dijk, einem Mit-Initiator von AGORA in den Niederlanden über die Erfolgsfaktoren auf dem Weg in ein anderes Lernen.

Vor einigen Tagen habe ich in den Sozialen Medien ein Statement publiziert, in dem wir zu viert unsere Sehnsucht nach einer anderen Kultur des Lernens zum Ausdruck bringen. Hier die Kurzvariante:

Die Zeit für eine andere Schule ist JETZT

Guido van Dijk hat auf linkedIn reagiert, und so kam es zu einem Zoom-Talk zwischen uns beiden.

Was ist AGORA, und was hat dieser Begriff mit einem radikalen Neuansatz von Schule zu tun? Wie bei vielen anderen echt innovativen Learning Communities gibt es auch an einer AGORA keine Fächer, keinen Unterricht, keine Klassen. Und wie bei allen anderen Communities verstehst du erst dann wirklich, worum es geht und was, warum wie gut funktioniert, wenn du eine Weile mitlebst oder zumindest mal mit jemandem ins Gespräch kommst, der dir von der DNA erzählen kann. Jemand wie Guido van Dijk. Für mich als großer Fan von Learnlife in Barcelona war es beeindruckend, wie viele Gemeinsamkeiten innovative Learning Communities haben.

Es beginnt immer mit einer Hand voll Menschen, die sich zusammentun, um Schule neu zu erfinden. Immer ist es eine Gruppe, die den Anfang wagt und loslegt. Mitgetragen wird die Zeit des Anfangs durch eine Stiftung oder andere Kapitalgeber, die eine Anschubfinanzierung leisten. Dann beginnt kontinuierlich ein Netzwerk zu wachsen.

Lernende und ihre Interessen stehen im Zentrum

Der entscheidende Unterschied zwischen traditioneller Schule und der AGORA ist der Perspektivwechsel: Die Lernenden und ihre Fragen und Interessen stehen im Fokus. Um sie herum und aus ihnen heraus gestalten sich ihre Lernprozesse. Nicht Lehrende „liefern“ Wissen über eine Lehrplan- und Fächerstruktur. Vielmehr entwickelt sich um den/die LernendeN herum ein Netzwerk, mit dem er oder sie sich nach und nach die Welt in ihrer Multidimensionalität (technisch, naturwissenschaftlich, sozial, ethisch, historisch …) erschließt.

Weil auch die AGORA nicht auf der grünen Wiese gestartet ist, sondern mit Lernenden und Lehrenden, die im klassischen System sozialisiert wurden, wurde dem Team schnell klar, dass sie auch auf der Ebene der Prozesse ein alternatives Konzept einführen müssen, um nicht der Gefahr zu erliegen, bei Schwierig- und Hilflosigkeiten zurück in die klassischen Abläufe zu fallen. AGORA hat sich für „Agile Learning“ mit SCRUM entschieden.

Inspirieren statt belehren

Guido van Dijk

Besonders beeindruckt hat mich in Guidos Erzählung von den ersten Jahren, dass es für sie ganz entscheidend war, Lernende mit inspirierenden Menschen zusammen zu bringen: „Lernen wird organisiert, indem Begegnung organisiert wird“, sagt Guido zu mir im Talk. Aus diesem Grund haben sie über die ersten Jahre so genannte „Field Labs“ entwickelt, die das Lernen mit Expert*innen im sozialen, ökonomischen und kulturellen Umfeld der Schule möglich machen. Das ist eine wunderbare, praktische Anwendung des „place based learning“.

Lehrer*innen haben in diesem Konzept nicht mehr die fachliche Hoheit und vermitteln kein Wissen mehr. Sie werden als Prozessbegleiter und „Facilitators“ wichtig, die damit selber auf ziemlich radikale Weise zu Lernenden werden, und es kommen zur Begleitung und Beratung der Schüler*innen auch andere Berufsgruppen in den Blick, die wir im klassischen Schulsystem nicht vermuten würden.

Ganz besonders hat mich beeindruckt, wie Guido den Ablauf einer staatlichen Visitation geschildert hat, an deren Ende die Kontrolleure am liebsten ihre eigenen Kinder angemeldet hätten. Was die Kontrollinstanzen überzeugt, ist dies: Es wird sichtbar, wie Lernende wachsen, und wie sie ihre Fortschritte über digitale Portfolios dokumentieren um ihren Weg für sich selbst sichtbar zu machen – also intrinsisch motiviert, nicht weil es dafür eine Bewertung geben würde. Die Community wiederum reflektiert mit den Lernenden deren Lern- und Lösungsstrategien und unterstützt sie dabei, diese Strategien zu verfeinern.

Noch ein Mitgründer: Jan Fasen über seine Passion und über das Konzept AGORA

Digitale Technologie dient der Lernbiografie des Menschen

Im Verlauf des Gesprächs mit Guido wird auch sichtbar, wie viel Research und Empirie, wie viel Forschung und ständige Reflexion der eigenen Arbeit in diesem Projekt steckt. Das erinnert mich an Learnlife, die es sich ebenfalls zur Aufgabe gemacht haben, ihre Arbeit mit jungen Menschen fortlaufend und auf dem Hintergrund wissenschaftlicher Erkenntnisse zu reflektieren.

Dabei und beim Gestalten der Lernprozesse hilft digitale Technologie, hilft die Zusammenarbeit mit Hochschulen, hilft auch eine Kultur des „Computational Thinking“, wie Guido sie mir anhand der Auswertung einer breit angelegten Umfrage unter den Stakeholdern von AGORA geschildert hat. Das Ziel ist ganz offenbar, so nahe wie nur möglich an den Bedürfnissen aller Beteiligten zu sein, um die Prozesse so zu planen, dass die grundlegende Idee der „Learner Centered Education“ in allem den Vorang hat – was intensive Überlegungen zu den Möglichkeiten von Learning Analytics mit einschließt.

Was mich nach diesem ersten Gespräch mit Guido stark beschäftigt und antreibt: Wie bauen wir ein starkes, länderübergreifendes und digitales Netzwerk von Multiplikator*innen und Facilitator*innen, um die zahlreichen, guten, hoch wirksamen Konzepte und Initiativen zur Grundlage eines Paradigmenwechsels in Bildung und Lernen zu machen? Wie kommen wir in die Breite? Was braucht’s noch, damit wir in unserem Schulsystem alte Strukturen, Rituale und Praktiken endlich loslassen, die sich selber überlebt haben? Wie sorgen wir dafür, dass an die Stelle überholter Berufsbilder und Ausbildungsformate im Schulbetrieb neue entstehen, die den Beruf attraktiv und für die Arbeit mit jungen Menschen wirksam machen?

Eine nächste Etappe könnte so aussehen:

Im Gespräch mit Christopher Pommerening, dem Gründer der Learnlife-Community, haben sich im Sinne eines ersten Aufschlags folgende Ideen herauskristallisiert:

  • Wir bringen jetzt jene Menschen enger zusammen, die bisher vor allem in ihren eigenen Ecosystems innovatives Lernen fördern. Wir bauen ein LEAD-Netzwerk: Learning Ecosystem Architecture & Design. Es gibt so viele wunderbare Initiativen: Wir könnten eine Menge Power freisetzen, wenn wir diese Kräfte bündeln.
  • Wir laden bereits existierende Communities, Netzwerke und Stiftungen ein, mit diesem „Ecosystem der Praxis“ zu kollaborieren und es zu vergrößern.
  • Wir organisieren stationäre, temporäre und digitale Hubs, in denen interessierte „Learning Innovators“ sich finden, voneinander lernen und sich gegenseitig anleiten auf dem Weg in ein neues Lern-Paradigma.

Und noch zwei spannende Pfade zum Schluss:

Benjamin Fuchs von Perspective Daily hat AGORA besucht und darüber geschrieben. Du findest den Artikel hier.

Learnlife lädt ein zum Online Festival [Re]Learn, where actionable learning innovation is shared & grown among education professionals to positively change education worldwide.

Let’s come & travel this together 🙌

Warum digitale Präsenzlehre eine teure Sackgasse ist

Menschen lernen nicht auf Befehl und gemäß äußeren Vorgaben, das wäre Dressur – und bilden kann sich jeder Mensch nur selbst. Das wissen wir alles schon lange. Wir ziehen aber nicht die Konsequenzen. Wir lernen nicht daraus. Selbst jetzt, wo uns die Möglichkeiten einer Kultur der Digitalität völlig neue Räume eröffnen: Das ist uns wurscht. Digitalisierung ist böse.

Titelfoto: Ruben Rubio auf Pixabay

Das synchrone Lehren und Lernen ist ein Relikt aus vergangenen, analogen Zeiten, in denen Menschen nach Alter und Fach organisiert in ein Klassenzimmer, in einen Seminarraum oder Hörsaal gesteckt wurden, um alle zur selben Zeit mit denselben Informationen versorgt zu werden. „Synchrones Lehren“ war einer Organisation von Bildungsprozessen geschuldet, die keine anderen Möglichkeiten hatte, um bzw. als Menschen mit Lehrinhalten zu bespielen.

Dabei wurden der Charakter und das Wesen des Lernens der Vermittlung von Information untergeordnet, bzw. sie wurden ganz ignoriert. Das nennen wir bis heute „Bildung“. Aber Menschen lernen nicht auf Befehl und gemäß äußeren Vorgaben, das wäre bloß Dressur oder Konditionierung – und bilden kann sich ein Mensch nur selbst. Er oder sie kann nicht gebildet werden (Peter Bieri). Das wissen wir schon lange. Wir ziehen aber nicht die entsprechenden Konsequenzen aus diesem Wissen. Wir lernen nicht daraus. Selbst jetzt, wo uns die Möglichkeiten einer Kultur der Digitalität völlig neue Räume eröffnen. Das ist uns wurscht. Digitalisierung ist böse:

Der Teufelskreis: Weil wir alles, was mit Digitalität zu tun hat, mit großen Vorbehalten verbinden, informieren wir uns nicht – und weil wir uns nicht informieren, werde unsere Vorbehalte größer.
Der Primat der Präsenz ist Vergangenheit

Lernen ist in jeder Hinsicht ein individueller Prozess, der sich in sozialen Kontexten organisiert und dabei an Individualisierung ständig zunimmt. Deshalb funktioniert er an sich asynchron und ist nicht synchronisierbar:

Was ein Mensch in welcher Zeit, mit wem zusammen, in welchen Kontexen mit welchen Schwerpunkten, Vertiefungen, Anknüpfungen und (jederzeit vorläufigen) Ergebnissen in welchem Tempo lernt, ist mit keinem Lehr- und Stundenplan synchronisierbar. Auch das weiß die Schule – und sie ignoriert es hartnäckig.

Auch deshalb bleibt einer der großen Vorteile des Internets, die asynchrone Kommunikation und Organisation von Prozessen, außen vor. Wir bleiben beim Primat der Präsenz, sprich wir halten an synchroner Lehre fest – et pereat mundus, und ginge darob die Welt zu Grunde.

Dabei hat das „alle-hier-und-jetzt-dasselbe-Prinzip“ schon heute das Nachsehen in der Kultur, in der wir leben und uns organisieren. Asynchrone Kommunikation und Organisation sind ein wesentliches Merkmal nicht nur menschlichen Lernens, sondern auch unserer Arbeit, der Forschung und unseres Zusammenlebens in Familien, im Freundeskreis und in der Gesellschaft. Wir leben und arbeiten in einer Kultur der Digitalität.

Unter asynchroner Kommunikation versteht man … einen Modus der Kommunikation, bei dem das Senden und Empfangen von Daten zeitlich versetzt und ohne Blockieren des Prozesses durch bspw. Warten auf die Antwort des Empfängers (wie bei synchroner Kommunikation der Fall) stattfindet.

Wikipedia

Die Digitalisierung hat das zuerst möglich und dann unausweichlich gemacht. Das verstehen Schulen, Hochschulen und Bildungspolitiker*innen bis heute nicht. Sie sind an den entscheidenden Stellen un- oder desinformiert und nicht bereit, sich selbst entsprechend kundig zu machen. Das ist ökonomisch ebenso verantwortungslos wie gegenüber der Klientel.
Stattdessen wird, wo überhaupt eine digitale Infrastruktur vorhanden ist plus Know-How, wie sie eingesetzt werden kann, vor allem Lehre synchron ins Netz übertragen – und mit digitalen Gimmicks aufgepimpt: Digitales Live-Lehrfernsehen. Das wird dann gerne als „virtuelle Präsenzlehre“ bezeichnet, was es aber auch nicht ist. „Virtuell“ steht für eine technisch erzeugte Realität, nicht für eine digital übertragene, die auch ohne diese Übertragung existiert.

Per Strategie in die Sackgasse

Die Strategie unzähliger öffentlicher und privater Bildungsanbieter sieht im Moment so aus: Es werden Unmengen an Zeit und Geld investiert, um eine ansonsten mehr oder weniger unveränderte Lehre synchron ins Netz zu bringen – oder mann lässt es gleich dabei bewenden, das Klassenzimmer bzw. den Seminarraum mit digitaler Technik aufzumotzen.

Bild von StockSnap auf Pixabay

Dieser Weg ist eine Sackgasse. In ihr wimmelt es nur so von Scharlatanen, die überforderten Lehrer*innen, Schulleiter*innen und Bildungspolitiker*innen Hilfe anbieten „auf dem Weg in die Digitalisierung“. Dabei verlängern sie nur das Überleben einer Lehrpraxis, die von der Kultur der Digitalität längst abgelöst worden ist.

Menschen in jedem Alter lernen längst auf anderen, digital formatierten Wegen. Unser gesellschaftliches Leben hat sich durchgehend in einer Kultur der Digitalität organisiert und eingerichtet – auch was das Arbeiten, die Künste, den Konsum, die Mobilität, das Reisen, das Forschen, das Publizieren, das Verkaufen, die Logistik, den Handel, das Produzieren, das politische Engagement und vieles mehr betrifft – und die Ökonomie gibt in Fragen digitaler Wertschöpfung den Ton und das Tempo an.

Nur die Bildung hat sich tief in der Gutenberg-Galaxis verfahren. Von Montag bis Freitag von 7.30 bis 11.30, und von 13.00 bis 16.55 auf Sendung – an 40 Wochen im Jahr.

Bild von Andrew Martin auf Pixabay

Wer wird die Bereinigung auf dem Bildungsmarkt überleben?

Überleben werden diese Markt-Bereinigung vor allem Unternehmen, denen es gelingt, ihren Kund*innen glaubwürdig(e) Bildungs-Konzepte und -produkte zu verkaufen, die sie dabei unterstützen, in einer digitalen Ökonomie anzukommen. Produkte, bei denen es um eine ganz neue Art von wo*man-power geht, um Fähigkeiten und Kompetenzen, die die neuen (digitalen) Arbeitsmärkte brauchen.

Titelbild von Gerd Altmann auf Pixabay

Corona hat eine Entwicklung beschleunigt, in der wir schon seit einiger Zeit stecken. Mit einer eher kalten Vokabel umschrieben, befinden wir uns auf dem Bildungsmarkt in einer Phase der „Bereinigung“ – durch Corona nimmt das Tempo zu.

Diese Bereinigung trifft zuerst die privaten (Bildungs-)Träger*innen, denen der Staat nicht automatisch die Kundschaft zuliefert wie den staatlichen Schulen und Hochschulen. Die müssen sich aus diesem Grund noch keine Sorgen darüber machen, ob es sie übermorgen noch gibt. Zwar ächzen sie unter dem Digitalisierungsdruck und eiern vielfach konzeptlos vor sich hin – das hat aber noch keine Konsequenzen für ihre Existenz. Die staatliche Bildung trocknet vermutlich eher von innen aus, weil sie immer weniger Personal findet. Das hat auch damit zu tun, dass Bildungsberufe im Kontext der Digitalen Transformation immer mehr an Attraktivität verlieren.

Anders ist das bei privaten Bildungsanbietern, also bei denen, die Geld erwirtschaften müssen, um nicht zu verschwinden. 

Was mit „Bereinigung“ gemeint ist

Durch die Digitale Transformation unserer Gesellschaft und Ökonomie wird mehr und mehr aufwändige Infrastruktur in der Bildung überflüssig. Die Redundanz der Angebote (Übersättigung) fällt der Digitalisierbarkeit von Prozessen und Kommunikation zum Opfer. So, wie es in wenigen Jahren fast keine Bibliotheken aus Stein und Beton mehr geben wird, weil alle Bücher, Artikel etc. im Netz sind (und nicht nur Studierende jederzeit und überall recherchieren & lesen können und werden), so werden sich auch Bildungseinrichtungen im Sinne physischer Orte, Bauwerke und Räume stark reduzieren und dabei ihre Identität völlig verändern.

Diese Entwicklung wird enorm sein, und sie geht gerade erst los. Für Private ist das deshalb sehr anspruchsvoll, weil es bereits wenige exzellent aufgestellte Multis gibt (fast alle us-amerikanischer Herkunft), die Aus- und Weiterbildung komplett online designen, und die über ausgereifte Geschäftsmodelle für Industrie, Handel und Dienstleistung verfügen, die finanziell sehr attraktiv sind.

Wer wird überleben?

Überleben werden diese Markt-Bereinigung vor allem Unternehmen, denen es gelingt, ihren Kund*innen glaubwürdig(e) Bildungs-Konzepte und -produkte zu verkaufen, die sie dabei unterstützen, in einer digitalen Ökonomie anzukommen.

Sie bieten Produkte an, die eine ganz neue Art von wo*man-power fokussieren: Fähigkeiten und Kompetenzen, die die neuen (digitalen) Arbeitsmärkte brauchen.

Bildungs-Unternehmen, die sich zu diesem Zweck neu aufgestellt haben und selber eine „Kultur der Digitalität“ entwickelt haben, werden als Gewinner aus dieser Phase der Bereinigung hervorgehen.

Der Bildungsmarkt wird in wenigen Jahren nichts mehr mit dem zu tun haben, wie wir ihn heute kennen. Das ist für die allermeisten Verantwortungsträger nach wie vor unvorstellbar. Niemand kann oder mag sich das vorstellen – und das gefährdet die Existenz des Unternehmens.

Andererseits: Es warten so unglaublich viele und großartige Chancen für diejenigen, die sich jetzt auf den Weg machen:

Das Tetralemma als Weg zu neuen Lösungen

Insa Sparrer und Matthias Varga von Kibéd kommt das große Verdienst zu, die Idee und die Praxis des Tetralemma für Coaching, Beratung, Therapie und Organisationsentwicklung zugänglich gemacht zu haben. Mir erscheint diese Methode als eine veritable Alternative des Entscheidens zu all jenen, die wir derzeit in Politik, Ökonomie und Bildung – und im Privatleben benutzen.

Beitragsbild: Gerd Altmann auf Pixabay

Im Moment machen wir in allen kulturellen Bereichen die Erfahrung, dass unsere persönlichen Entscheidungen und die der Funktionsträger*innen in Politik, Bildung und Ökonomie ausschließlich alte Lösungs-Muster reproduzieren. Wir wenden im Privaten wie im Öffentlichen Lösungen an, die keine sind, sondern die unsere Probleme kurz- bis mittelfristig vergrößern.

Das liegt daran, wie wir gelernt haben, Entscheidungen zu treffen: als hätten wir uns jeweils zwischen zwei oder mehreren Optionen für eine (1) zu entscheiden – oder wir hätten eine Sowohl-Als-Auch-Entscheidung zu treffen – im Schweizerischen gerne paraphrasiert mit „Die Münze und das Weggli wollen“. Das Interessante daran: Auch die „Sowohl-Als-Auch“-Option ist in dieser Fassung eine Variante des „Entweder-Oder“, weil sie sich als Alternative positioniert: „Sowohl-Als-Auch“ ist in der Entscheidungs-Gleichung entweder das Entweder – oder das Oder.

Zeichnet eine Entscheidung sich doch dadurch aus, dass sie den einen Weg geht und den anderen nicht. Ich kann nicht mit zwei Menschen gleichzeitig verheiratet sein in unserer Kultur, also entscheide ich mich: entweder für eine Ehe mit einem der beiden – oder gegen eine Ehe. Seinen Ernst bekommt das Entscheiden also durch die Konsequenzen, die es nach sich zieht. An ihnen erkenne ich die Kraft der Entscheidung.

Selbstverständlich kann ich versuchen, mich für „Beides“ zu entscheiden. Dadurch fülle ich meinen Rucksack mit einer Last, die mir die Reise fortan erschwert: Ich nehme beide Optionen mit ins Gepäck, statt mich einer zu entledigen. Im Fall einer Doppelehe mache ich mich darüber hinaus strafbar.

Das Tetralemma

Insa Sparrer und Matthias Varga von Kibéd kommt das Verdienst zu, die Idee und die Praxis des Tetralemma für Coaching, Beratung, Therapie und Organisationsentwicklung zugänglich gemacht zu haben. Mir erscheint diese Methode als eine veritable Alternative des Entscheidens zu all jenen, die wir derzeit in Politik, Ökonomie und Bildung – und im Privatleben benutzen.

Eine kleine Einführung findest du hier:

https://youtu.be/L77BJgpfTC


Das Tetralemma übersteigt sowohl das „Entweder-Oder“ als auch das „Sowohl-Als-Auch“. Es erlaubt und ermöglich den Blick über bestehende Optionen und Alternativen des Entscheidens hinaus. Es verlässt den bipolaren Raum, in den wir uns landläufig schicken, wenn wir zu entscheiden haben: Weder die eine noch die andere Option steht zur Entscheidung noch ein Kompromiss. All dies nicht, sondern das Ermöglichen ganz anderer Lösungen – oder noch einen Schritt weiter: Die Veränderung (m)eines Bewusstseins, das ich vom Entsc heiden habe und meiner Beziehung zu dem hinter der Entscheidung liegenden Problem. Beide werden dadurch aufgebrochen, dass ich aus einem „statischen Beurteilungsschema“ erst einmal aussteige.

Dieser Zugang lebt aus der Erfahrung, dass die Zukunft, die wir im Aufspannen eines Entscheidungskorridors einzugrenzen versuchen, durch dieses „Einzäunen“ weder provoziert noch ermöglicht wird. Wir wissen im Gefolge einer Entscheidung weder, wie es uns mit der verworfenen Option ergangen wäre, noch sehen wir voraus, was uns auf dem Weg ereilt, für den wir uns entschieden haben – und erst recht werden wir nicht in Erfahrung bringen, ob das mit unserer Entscheidung für diese Option zu tun hat.

Das Tetralemma eröffnet mir jenseits dieser Überlegungen die Option, eine andere, sich weit öffnende Haltung der Zukunft gegenüber zu entwickeln. Das Tetralemma macht die Erfahrung nutzbar, dass unsere Lebenswege umso lebendiger und kreativer werden, je mehr wir uns von dem lösen, was wir im Konktext einer Entscheidung als Realität konstruieren – und stattdessen den eigenen Wirklichkeitsraum erweitern.

It’s not the child that’s sick, but the school it’s in

School no longer guarantees societal continuity (whatever that may be), it undermines it. We assume that all the problems that school has and creates are under control. We are still convinced that we can manage this with enough money and as much reform as it needs. With other parents and better teachers and more iPads. But that’s the fundamental mistake. Why?

by Christoph Schmitt

photos: from the video „Ninnoc“ by Niki Padidar

In 1971, activist Rosa von Praunheim produced a movie for public television in Germany entitled: „It’s not the homosexual who is perverted, but the situation in which he lives“. This title reflects a fundamental characteristic of culture: normality is a matter of context in which it’s claimed; everything about culture can be interpreted differently.

The societal normative has therefore not fallen from the sky. It’s a cultural concept, and it’s the same with school as a concept that was once invented. For reasons. Today it is one of the few that we still have left from the last 150 years. Highly charged and sacrosanct as once were the great Christian churches, which have long since lost their function as moral whisperers of capitalism. Most other systems (e.g. politics or health) may not be outdated, but they are thoroughly economized.

Now all hope relies on the traditional concept of schooling. It appears as the last refuge for the reproduction of culture – as the last cultural canvas. A kind of lifeboat for the people. This adds the nimbus of school as an institution that should not actually be open to discussion. To nag at it: of course. Reforming it: you’re welcome. Digitize it: if necessary. But schooling itself is not up for discussion.

School is over

There is some evidence that this situation yet has occurred, that schooling as a system has come to an end. Similar to other cultural carrier systems, which were invented to guarantee societal solidity over centuries, and then disappeared with more or less noise. We are at a point in history where the school system has lost its role of stabilisation and has become dysfunctional. Every day social media deliver reflections on this diagnosis. Explicitly or between the lines. Among others Andreas Schleicher – as always related to the big picture, Bernie Bleske regarding the schooling of young peopleand Jack Ma with a lot of drama:

School no longer guarantees societal continuity (whatever that may be), it undermines it. We assume that all the problems that school has and creates are under control. We are still convinced that we can manage this with enough money and as much reform as it needs. With other parents and better teachers and more iPads. But that’s the fundamental mistake. Why?

For instance, the use of supportive professions in education is constantly increasing. There is speech therapy, psychomotor therapy, integrative education, integrated special education, small(er) classes, remedial teachers, social workers and some more. The corresponding degree courses and jobs are becoming more and more important. At first glance, this is all about supporting children to handle their problems, which is also reflected in such statements (source):

Apart from the fact that it’s quite controversial to speak of „repair“ referring to people, the main point here is probably an illusion of „smoothness“, following the example of industrial production processes. Andreas Schleicher also states in the interview mentioned above that the industrial working model still has a great influence on school culture. In fact these mindset raise the issues together with the children who „cause problems“. This has been verified – among others – by Remo Largo’s long-term studies in Switzerland. Also, more and more children and their parents have been experiencing for years in a completely non-scientific way that school tends to make sick rather than smart.

We have reached a point where only those children and teens remain „inconspicuous“, who have a solid social and materially pillowed home environment, because, unlike Ritalin & Co, private lessons are not paid by health insurance.

Surgery on the consequences

We don’t look at the powerful correlations. We operate around the consequences. The procedure is hermetic in a perfidious way: the school system gives the impression that it is „doing something for the children“ and expects gratitude for this. The fact that school itself builds the main cause of a problem that it then generously addresses as a solution: this trick is still ignored. For reasons.

However, school does not only produce problems which it then pretends to solve. Rather, it teaches countless children and teens a self-image as problematic, retarded people who are difficult or impossible to integrate – not least through the senseless grading system (here a statement by Remo Largo).

Standardization – and nothing else is a grading system in which everyone is evaluated equally – often destroys creativity.

(Haeme Ulrich)

It remains completely out of sight that humans never „are“. We „behave“ in one way or another. The situation we put young people in to learn always has a fundamental part to play in how children and young people behave.

It is not the child who is sick, but the school in which he or she stucks. Curative pedagogy, school social work, Ritalin and private coaching are survival strategies of the school system. It is about saving our idea of normality. Even problems such as bullying, which is fixed reflexively to „the children“, „the media“ and „the parents“, thrive above all in traditional school contexts. Anyone who wants to understand bullying should not only look at the children who practice it, but also at the school where it happens. The fact that bullying does not occur in innovative and alternative schools has nothing to do with the fact that there are „special children“ who the school picks out like candy. It has to do with the fact that the issue has no chance at such schools, because children and young people, who also come from every conceivable personal background there, experience a different culture of learning and community, and because they learn to deal with power & authority quite differently there.

Not to mention the fact that even the children and teenagers who manage to stay inconspicuous (aka „successfully“) are not being prepared at school for what the future requires in terms of attitudes, abilities and skills. The reasoning given here by the school system is again and again: „We can hardly do our job because we have to deal more and more with troublesome children“. The fact that a child is simply overburdened when stretched in a framework that systematically ignores and suppresses the individuality of learning and personality does not attract attention. Rather, it is precisely then that we hear: children must first learn to adapt and to subordinate themselves.

The opposite is true: we need completely different learning environments for children and teens. We need a coalition of all the forces in our societies that can take this into their own hands. Those who rethink the subjects of education and learning together and in a radically new way. Not just isolated parents and parent groups who take their children out of school because it is no longer viable (as is increasingly happening in several regions of Switzerland). This can only be a beginning. An important and valuable beginning, because it alarms. But there is much more at stake. It is about developing, building and implementing completely different spaces and ways of learning for children and young people.

Addressing or waiting for traditional institutions is pointless as long as they are neither willing nor able to engage in innovative initiatives and learn from them. The safaris and pilgrimages towards such initiatives end up like the many trips of politicians and entrepreneurs to Silicon Valley: people return to their own education world frightened and fascinated by the insight „that it can’t work like that in our country“ – for reasons.

The questions we have to ask now are: What are the reasons for continuing education as before, supported by all these excuses and reflexes, because we still think that the existing school system is the best of all possible, that we are screwing around and reforming a bit here and there, absorbing some digital tools and a school software that manages credentials and the lack of teachers?

And what speaks for the fact that the traditional school has come to an end: in terms of concept, method and our idea of mankind – because this system generates most of the problems it faces by itself, by doing more of the same all the time in a situation where a radical new beginning is the only solution.

New learning grows in niches

Based on my observations, consultations and research, I assume that those initiatives will increase most who are not innovative within the existing school system, but in the open space: initiated by people who have understood what is needed; who scrape together money and attention in order to develop their valuable concepts and make them accessible to a wider public. For me, the following is a wonderful example on my own doorstep: The „Grundacherschule“ in Sarnen. Click on the picture to watch the video.

At the moment this is still associated with high risks – especially in the German-speaking world, where states are harassing citizens by a rigorous obligation to attend school or, as in Switzerland, are only funding the traditional systems – be it with money or with validity. There is still a lot of resistance to overcome in case of state monopolism on education, but it has neither been able nor is it able to prevent wonderful initiatives from developing and spreading in niches – and by that I don’t mean those private schools on Swiss soil that charge 50,000 Swiss francs a year for getting young people through the matriculation exams, which in the end are dancing to the rhythm of the traditional system again.

I mean those initiatives that fight for financial survival themselves, precisely because they work with a completely different approach than the state schools. At this point I would like to mention three of them again, in which I see a future of learning: The now over 50-year-old concept of the Sudbury Valley School in all its radicality, the School Circles in the Netherlands and – for me particularly impressive, because it was created and established in a rather conservative cultural environment: Learnlife in Barcelona, which is now part of a global network of learning communities.

The new ways of learning that we so urgently need will not unfold in the old school system – similar to many of the changes we are currently experiencing in the context of digitisation, all of which are taking place elsewhere in the world but in traditional silos. Old Europe has become powerless. It still operates according to the scheme of „draft horses, followers, dependants“. The ancient & repetitive is celebrated: „Fancy new clothes for the Emperor and his tribe“.

Patriarchal traditionalism, with its symbols and artefacts, its hierarchies and networks, is still permeating everything so that the radically New cannot establish itself: sustainable forms of economic activity and coexistence, ecological new beginnings on a broad scale, overcoming nationalist narratives, inventing new narratives about life worth living, an inkling of what our future could look like, instead of the ritualistic unhooking of all those proposals that are not yet approved. For reasons. Fears of avoidance instead of hopes for the future everywhere. And in between, the primal scream of all pedagogy: „panem et circenses“ (bread and games) in a new outfit.

The first step in breaking this vicious circle is to interrupt the delivery of „human sustenance“ to this system. Either we take this risk and reinvent education and learning now, or we will be buggered.

(You read the English translation of a blog post I published in March 2019 – supported by deepl.com)

LearnLabs statt Schule. Ein nächster Schritt in die Evolution des Lernens. Teil 1

In keine andere menschliche Eigenschaft wird derzeit mehr Hoffnung gesetzt, als in das Lernen. Ein Merkmal, durch das wir den Maschinen noch voraus sind. Also überwinden wir Schule und initiieren LearnLabs wie Google seine Garage: Räume für den Ernstfall des Lernens.

Titelbild: Gerd Altmann auf Pixabay

In keine andere menschliche Eigenschaft wird derzeit mehr Hoffnung gesetzt, als in das Lernen – eines der wenigen Merkmale, durch das wir den Maschinen noch voraus sind neben Imagination, Empathie und Kreativität. Meine Frage lautet: Welche Umgebung brauchen wir für eine möglichst umfassende Entfaltung des Lernens – und worum geht es dabei überhaupt?

Die Antwort fällt völlig anders aus, je nachdem ob ich Lernen als eine Aktivität im Kontext von Schule, Lehren und Erziehung betrachte, oder mit Blick auf das Subjekt, also auf dich und mich. Wenn ich vom lernenden Menschen selbst ausgehe, lande ich bei völlig anderen Vorstellungen und Artefakten, als wenn ich das Lernen durch die Brille institutioneller Bildung sehe. Karlheinz Pape, einer der Köpfe von colearn.de, betont: „Für mich ist Lernen ein so individueller Vorgang, dass es unmöglich ist, den von außen sinnvoll zu gestalten.“ Was gäbe ich drum, wenn sich diese Erkenntnis endlich und mit aller Konsequenz in unserem Bildungssystem durchsetzen würde. Hier ein ganz wichtiges Forschungsergebnis dazu.

Eine gründliche Untersuchung dieser Unterscheidung Innen/Außen hat Klaus Holzkamp 1995 mit seinem Buch „Lernen“ vorgelegt. Er unterstreicht darin die Bedeutung des Lernens als Erweiterung subjektiver Erfahrungs- und Lebensmöglichkeiten und grenzt sie ab vom Verständnis des Lernens als eines mir von anderen auferlegten Prozesses.

Jane Hart (Quelle)

Auch die britische Bildungsforscherin Jane Hart nimmt den Begriff des Lernens quasi in Schutz, wenn sie schreibt: „It is important not to misuse the word learning. Words like training, courses, content are not synonyms of learning. Learning is not a product nor a commodity; it is an internal process, so, in other words:

You can’t design learning  – you can design training, a course, or content – but that’s not designing learning. You can’t deliver learning – you can deliver training or a course – but that’s not delivering learning. You can’t transfer learning – you can (try to) transfer knowledge – but that’s not transferring learning. You can’t manage learning – you can manage participation on a training course or access to some online content – but that’s not managing learning. The only person who manages learning is the individual him/herself.“ (Quelle)

Von der Pädagogik zur Selbstermächtigung

Mein Eindruck ist, dass die zunehmende Dynamik in Ökonomie und Gesellschaft, dass auch die „Kultur der Digitalität“ (Felix Stalder) mehr und mehr nach Individuen ruft, die in der Lage sind, sich durch Lernen die komplexen Lebens- und Arbeitswelten selbstgesteuert und selbstverantwortet zu erschließen, und dass der Anteil institutioneller Bildungsorganisation an der Gestaltung individuellen Lernens sukzessive abnehmen wird, wie z.B. Laurençon/Wagner aufzeigen. Ganz aktuell setzt sich auch Nick Shackleton Jones in Buch und Podcast mit der Frage auseinander, wie wir Lernen aus der Sicht des Individuums begreifen können und ihm entsprechende Räume zur Verfügung stellen.

Herkömmliche, institutionell organisierte Bildungsprozesse zeichnen sich dadurch aus, dass unser Lernen vollständig auf die Organisation ausgerichtet ist. Wenn Lernen jedoch aus der Pespektive eines lernenden Menschen betrachtet wird, steht nicht mehr die steuernde und kontrollierende Organisation im Zentrum, sondern der lernende Mensch selbst, der mit seinem Lernen im Sinne Holzkamps eine höhere Selbst- und Weltverfügung anzielt.

Durch diesen Paradigmenwechsel kehren wir die institutionell gegebenen Vorzeichen des Lernens um und anerkennen die Bedingungen eines Lernens, das zuerst den Lernenden selbst und dann auch der Gegenwart gerecht wird, in der wir lernen.

Schule hat dann als Institution, um die herum der Mensch sein und ihr Lernen bisher organisiert, keine Existenzberechtigung mehr. Was wir jetzt brauchen, ist und hat eine völlig andere Dimension, denn:

Edison’s electric light did not come about from the continuous improvement of the candles.

Oren Harari

Es gibt den Übergang von dem, was Schule heute ist zu einer Organisation, die unserem Lernen gerecht wird so wenig, wie den Übergang von der Kerze zum elektrischen Licht – oder um es mit Henry Ford zu sagen: „Wenn ich die Menschen gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie gesagt schnellere Pferde.“ Was wir suchen und dringend benötigen, ist keine Verlängerung von Schule in die Zukunft.

Ein wesentlicher Unterschied zum „Konzept Schule“ ist der: Mein Lernen wird nicht mehr von anderen für mich organisiert, von ihnen vorbereitet, überwacht und geprüft. Vielmehr ist selbst die Organisation des Lernens ein Teil desselben und liegt in der Verantwortung derjenigen, die sich zum Zweck des Lernens zusammentun.

Der Raum, in dem sich Lernen dann organisiert, ließe sich mit dem Begriff des Learning Lab bzw. mit dem Kürzel LearnLab umschreiben. Damit kommt der explorative, entdeckende, expeditive und experimentierende Charakter des Lernens zum Ausdruck. Der Begriff „Learning Lab“ wird bereits breit verwendet. Werfen wir einen Blick drauf.

LearnLabs als neue Organisationsform des Lernens?

Die ZHAW verwendet den Begriff, um ihr Angebot der Förderung von Unterrichtsgestaltung zu umschreiben bzw. zur Entwicklung innovativer Lehr- und Lernformen. An der Universtität Duisburg-Essen hat das Learning Lab ebenfalls Institutscharakter und versteht sich als Angebot zur Weiterentwicklung der Hochschullehre. In Hamburg werden lehrende Berufe durch ein Learning Lab bei der Entwicklung ihrer Lehre unterstützt.

Learning Labs kümmern sich also im Hochschulbereich vor allem um die Weiterentwicklung institutioneller Lehre. Sie sind somit eigentlich Teaching Labs. Es handelt sich mehr um Teachers Support als um explorative Bewegungen in Richtung neuer Formen und Wege des Lernens.

Andere Learning Labs, wie etwa in Copenhagen oder in Stanford verstehen sich ausdrücklich als Forschungsprojekte über das Lernen, oder sie bieten Bildungsarbeit neben bzw. außerhalb der regulären Schule an, wie hier in Los Angeles: „to disrupt the generational cycle of poverty“. Wieder andere bieten co-creative Unterstützung für innovative Learnerfahrungen an bzw. nennen ihr Online-Kursprogramm „Learning Lab“ wie z.B. GitHub.

Die bisher aufgezählten Learning Labs sind also meist im Sinne eines Angebots „für andere“ designt. Sie sind pädagogisch strukturiert und mit einem klarem Auftrag unterwegs wie z. B. auch hier in Wien. Nicht zuletzt figurieren unter diesem Begriff auch fertige Verantaltungsformate mit Kongress-Charakter für teuer Geld.

LearnLabs als selbstorganisierte Expeditionsräume des Lernens

Eine ganz anderer Ansatz von LearnLab ersetzt Programm, Beschulung, Versorgung und Vermittlung durch (Selbst-)Ermächtigung. Hierzu gehören z.B. die Schools of Trust, die Democratic Schools und die learnlife-Community, die sich dadurch auszeichnet, dass sie jungen Menschen mit jedem denkbaren schulischen Hintergrund das gestufte Neuanfangen in der eigenen, selbstbestimmten Lernwelt ermöglicht.

Ein ebenso bewunderswertes wie durchdachtes Konzept von LearnLab ist das Projekt Selbstbestimmt Studieren, das von Mitgliedern des Vereins Demokratische Stimme der Jugend entwickelt wird, und dessen Prototyp im Herbst 2019 an den Start geht.

Wann sich LearnLabs von Schulen unterscheiden

Den Begriff LearnLabs verwende ich für Communities, die den Paradigmenwechsel umsetzen, der oben beschrieben wurde, und der von learnlife in vier Schritten abgebildet wird:

Quelle: Privat zur Verfügung gestellte Folie von learnlife

Die Learnlife-Community verwendet zur Beschreibung der eigenen Funktionalität den Begriff des „Learning Eco Systems“. Sie versteht sich als ein dezentrales, lernfähiges, offenes soziotechnisches System mit den Eigenschaften der Selbstorganisation, der Skalierbarkeit und der Nachhaltigkeit (formuliert in Anlehnung an die Definition des „Digital Ecosystem“ auf wikipedia). Ein System also, in dem sich alle Akteure als lebenslange Lernerinnen und Lerner verstehen.

Ein LearnLab, wie es hier praktiziert wird, ist offen für Menschen und ihre Erfahrungen aus allen möglichen Lern- und Bildungskontexten. Wer sich dafür entscheidet, hier zu lernen, findet den Raum, die Zeit und die Möglichkeiten, seine/ihre eigene Lernbiographie zu entwickeln.

Dieser Approach an ganz neue Umgebungen und Prozesse des Lernens löst eine intensive Entwicklungs-Arbeit an der Lernkultur von Mensch und Organisation aus. Jedoch nicht im Sinne einer Voraussetzung, sondern als zentralen Bestandteil des neuen Paradigmas. Das beginnt bei der Arbeit an der eigenen Lernbiografie und setzt sich fort in die Reflexion über die Rahmenbedingungen eines „personal learning created by the learner“.

Devin Carberry

Devin Carberry von learnlife bringt es im Interview auf den Punkt: „The key question is how we are moving from a control to an empowerment paradigm? How do we empower learners rather than thinking about how to control their learning, they’re behaving, what they’re going to do with their lives? It’s all about how we empower them to take responsibility and agency over themselves.“

Wie sich ein LearnLab bildet

Ein LearnLab fällt nicht vom Himmel. Es entwickelt sich aus dem Bedürfnis heraus, mit anderen zusammen anders zu lernen. Der vielleicht wichtigste Aspekt beim Entstehen eines LearnLabs ist von Beginn an die Vernetzung:

Built, join and co-create ecosystems, a vibrant network of learning people and communities. Don’t stand alone for yourselves, but find others and share experiences, hopes and visions.

let’s do it

LearnLabs können dabei auch einen eigenen Raum innerhalb eines größeren Ganzen bilden, z. B. im Stil der „Google Garage“, einer Art Makerspace, den Google an diversen Standorten eingerichtet hat. Das sind Orte maximaler Gestaltungsfreiheit und Kreativität, an denen im dichten Austausch Lösungen für alle denkbaren Herausforderungen entstehen, wie Frederik Pferdt in brandeins berichtet. Der Makerspace ist also kein Ort, an dem Schülerinnen und Schüler dazu angehalten werden, eigene Erfindungen zu machen. Es geht vielmehr um ein „maker-oriented mindset“: Menschen, ihre Möglichkeiten und Fragen kommen zusammen und erfinden Lösungen in Form von Prozessen, Produkten und Dienstleistungen.

LearnLabs im hier angedachten Sinn unterscheiden sich von institutionellen Lern- und Bildungsangeboten durch eine Kultur der Kollaboration. Diese wird in LearnLabs nicht „gelehrt“ oder von den einen für die anderen vorgelebt, sondern schlicht und einfach von allen praktiziert. Entsprechend gibt es keine Lehrpläne oder andere inhaltlichen Vorgaben, keine zeitlich vorgegebene Taktung von Lernprozessen und kein „kontrollierendes Gegenüber“, weil es nur Beteiligte im Sinne von Teilgebenden gibt. In dieser Atmosphäre entwickeln Menschen ganz selbstverständlich kollaborative Kompetenz als die zentrale Fähigkeit in der Netzwerkgesellschaft.

Kollaborative Lerngemeinschaften werden zu den Problemlösern in einer Welt, in der Agilität, Kreativität und Innovation erforderlich sind, um zukünftige Herausforderungen zu meistern.

Janina Lin von der Otto Group (Quelle)

LearnLabs als Knotenpunkte einer Netzwerkkultur

Die stärkste kulturelle Veränderung, von der wir im Moment und in Zukunft gleichermaßen betroffen sind und profitieren, ist die Netzwerkkultur. Dahinter steckt die Idee und die Praxis vom gemeinschaftlich verantworteten Lern-Lebens-Arbeits-Raum, den Co-Learner und Co-Workerinnen explizit selbstorganisiert gestalten. Von diesem Lebensprinzip profitieren auch LearnLabs.

Solch fundamentale Veränderungen sind nicht im Alltagsbetrieb einer Bildungsinstitution möglich. Das Mindset der radikalen Innovation widerspricht den Haltungen und Tugenden eines Schulbetriebs diametral. Innovation und Alltag behindern sich in ihren Absichten und Abläufen gegenseitig.

Aus diesem Grund können Schulen jeglicher Couleur LearnLabs initiieren wie Google seine „Garage“. Räume, in denen der hier beschriebene Paradigmenwechsel praktiziert wird als Ernstfall eines alternativen Lernens. Ein Lernraum, in den jederzeit alle an diesem neuen Paradigma interessierten einsteigen können, um den Paradigmen- und Kulturwechsel am eigenen Leib zu erleben und zu reflektieren – und um die wesentlichen Unterschiede zwischen dem alten „Command-and-Control-Paradigma“ und dem alternativen „Self-Empowerment-Paradigma“ wirklich und tatsächlich machen zu können.

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