„Ach wie gut, dass niemand weiß …“ (M)ein Rückblick auf 20 Jahre Leben & Arbeiten in der Schweiz

Titelbild: Papageno Musiktheater/rheinmain4family.de

Sauber, innovativ, international, urdemokratische Strukturen. Landschaftlicher Traum. Hohe Löhne, niedrige Steuern. Geopolitisch optimal gelegen: eingebettet ins Zentrum des reichen Europa, und zugleich abgegrenzt durch den Anspruch der Neutralität. Hervorragende öffentliche (Infra-)Struktur, Sicherheit, wohin das Auge reicht. Die rechtsnationalen Tendenzen sind politisch eingebunden. Freundliche und unaufdringliche Menschen gehen vor allem ihrer Arbeit nach, von der es noch immer ausreichend gibt.

Ist die Schweiz ein Paradies – oder ein perfektes Beispiel für den Rumpelstilzchen-Effekt? Denn der Preis für diese paradiesischen Zustände ist hoch. Nicht nur gemessen in Schweizerfranken, der in absurder Höhe verharrt, sondern vor allem kulturell.

Was zeigt und erzählt die Schweizer Kultur über sich selbst einem Beobachter, der zwei Jahrzehnte hier lebt und arbeitet, und der dabei fremd bleibt? Was kann der überhaupt „sehen“? Ein belesener Schweizer Ethnologe hat mir vor Jahren einmal gesagt, dass dir eine fremde Kultur umso fremder wird, je länger du in ihr lebst. Damit hat er eine Erfahrung artikuliert, die mich in der Schweiz stets begleitet hat, und die ich bis dahin nicht artikulieren konnte. Auch hielt ich die Fremdheit, die unsichtbare Wand zwischen mir und der Schweizer Kultur und Lebenswelt bis heute eher als eine Unfähigkeit meinerseits mich zu integrieren.

Hat diese kulturelle „Wand“ Methode? Ist sie der Preis, den die Schweiz bezahlt, um weiterhin Stroh zu Gold zu spinnen und zugleich alles beim alten zu lassen – auch wenn dieser Preis dabei immer höher wird? Im Märchen vom Rumpelstilzchen fordert der Zwerg gegen Ende sogar das Kind der Königin – eine Metapher für die „Zukunft des Reiches“. Er fordert es als Tribut, um das Erfolgsgeheimnis zu wahren, das mir übrigens sehr patriarchal vorkommt. Dieses Märchen kann durchaus als Urahn des „vom Tellerwäscher zum Millionär“-Narrativs gelesen werden. Eine durch und durch männliche Erzählung, die in meinen Augen vor allem eine Story über Ausbeutung ist.

Die Schweiz und der kulturelle Wandel

Zurück zur Schweiz. Ich habe sie als eine Kultur erlebt, deren Stabilität auf einem Tabu basiert, und zwar in dem Sinn, wie Sigmund Freud es in seiner kulturtheoretischen Schrift „Totem und Tabu“ beschrieben hat: Die Tabuisierung bestimmter Bedürfnisse und Triebe in der kulturellen Kommunikation wirkt konstituierend, stabilisierend und selbsterhaltend. Kurz: Was wir nicht kommunizieren, das macht uns aus.

In der Schweiz ist das der Konflikt. Er ist tabu.

Was ich in der Schweizer Unternehmens-, Bildungs- und Politiklandschaft als erstes beliefern muss, ist das Bedürfnis nach Konsens, nach Harmonie und nach dem Kompromiss. Durch diese drei Schleusen („Tore“) muss ich durch, bevor ich überhaupt in der Eingangshalle stehe. Was diesen drei zuwider läuft, kommt nicht in die Tüte. Es wird durchgereicht: “Göschenen – Airolo“, sagen die Schweizer*innen, wenn sie auf Durchzug schalten – in Anlehnung an die beiden Portale des Gotthardtunnels. Schon die Wahrscheinlichkeit von „Konflikt“ – z. B. als Anzeichen einer „Krise“ – ist zu vermeiden. Sie stellen sich tot.

Nun ist jedoch jede „Krise“ immer auch ein Anzeichen und eine Voraussetzung für Entwicklung, und weil Strategien der Konfliktvermeidung in der Schweiz die Oberhand haben, tritt sie kulturell gesehen auf der Stelle, ohne das wiederum handlungs- und entwicklungsrelevant thematisieren zu können, denn das würde direkt in Konflikte führen – und auch Konflikte über Konfliktvermeidung sind zu vermeiden. Der Wecker, der jüngst im Fahrwasser der Thüringer Landtagswahl ohrenbetäubend geschellt hat – in der Schweiz ist der konsequent auf stumm geschaltet.

Nichts gegen den Wunsch und das Bedürfnis nach Harmonie, Konsens und Konstanz. Wenn die sich jedoch zu Prinzipien auswachsen, die das Denken und Handeln als Geiseln nehmen, dann liefere ich mich als Land und Gesellschaft der kulturellen Stagnation aus – umgeben von und doch „irgendwie“ auch angewiesen auf eine Welt, in der gerade nichts anderes stattfindet als kultureller Wandel – und eine Menge Konflikt. Mein Bild dazu: Die Königstochter, die in ihrer Kemenate brav am Spinnen ist, und die Welt da draußen den großen Jungs überläßt.

Erste Schweizer Pflicht ist es, den Status Quo zu bewahren. So jedenfalls mein Eindruck. Blind für die kulturellen Optionen des Hier und Jetzt. Als typisch dafür habe ich über 20 Jahre hinweg die Verweigerung einer wirklichen kulturellen Gleichstellung von Mann und Frau erlebt. Ein vielsagendes Beispiel ist hier der „Vaterschaftsurlaub“ als Miniaturausgabe des „Mutterschaftsurlaubs“. Es spiegelt den ungebrochenen Paternalismus wider, der die DNA der Schweizer Kultur bis heute prägt, und der womöglich eine der Wurzeln des helvetischen Beharrungswillens bildet.

In diesem Geist unterwirft sich die Schweiz ganz und gar einem harten Funktionalismus: Gut ist, was den Bestand des Bestehenden garantiert,

unter Ausschaltung der Frage, wozu denn das alles gut ist, welche Funktion, die nicht selbst wieder die Funktion von etwas ist, das alles nun haben soll.

Buchinger/Klinkhammer: Beratungskompetenz, S. 141

Über diese Frage zu sinnieren, ist in der Schweiz dem privaten Meinungslotto überlassen, das mittlerweile auch den Feuilleton in sich aufgesaugt hat. Es ist schwierig geworden, einen Journalismus zu finden, der nicht schon persönlicher Kommentar des Schreibenden ist – und die sterilisierten Geisteswissenschaften sind zu Drittmittelpumpen mutiert (wem haben sie das nun wieder nachgemacht?). Das Narrativ dahinter: Wir vermeiden jeglichen gesellschaftlichen Konflikt über den Sinn von Gesellschaft in der Absicht, sie dadurch zu erhalten.

Das Sicherheitsbedürfnis, das sich in der Schweiz auf einem extrem hohen Sicherheitsniveau austobt und pausenlos Ängste vor Sicherheitsverlust produziert, hat in eine kulturelle Erstarrung geführt: Oben werden (wenn überhaupt) gegenwartsfremde Entscheidungen getroffen, die dann unten, wo vor allem malocht wird, irgendwie und bis zur nächsten Entscheidung umgesetzt werden sollen. Den Kollateralschaden fängt eine Coaching-, Supervisions-, Therapie- und Berater*innenbranche auf, die in der Schweiz eine zertifizierte Dichte aufweist, wie sie auf so engem Raum einmalig ist auf der Welt. In der schrumpfenden gesellschaftlichen Mitte, wo sich die von oben und die von unten hier und da über den Weg laufen (z. B. am Bundesfeiertag, oder bei einem der zahlreichen Apéros), sind dann aber alle lieb zueinander. Keine Konflikte bitte.

Wenn die Angst die Bedrohung auslöst

Klar kann einem der momentane Zustand der Welt Angst machen. Und solche Angst ist alles andere als irrational. Sie ist eine Ressource, die hilft, Veränderung in Situationen anzugehen, die unausweichlich sind. Eine reale Bedrohung löst Angst aus als Aufforderung einen Weg zu finden, mit ihr umzugehen. In der Schweiz habe ich es umgekehrt erlebt. Hier löst nicht die Bedrohung Angst aus, sondern Angst die Bedrohung. Nahezu unabhängig von Situationen und Kontexten gereicht der Angst alles, was nicht an seinem Platz ist, zum Auslöser. Also gilt: Nicht bewegen. Einfach weiterspinnen. Mehr Stroh zu mehr Gold.

Auf diesem Nährboden macht sich jetzt in der Organisationsberatung das Konzept der „psychologischen Sicherheit“ breit. Es propagiert sichere soziale Rahmenbedingungen als Voraussetzung für Lernen & Entwicklung. Für Veränderung. Das ist ein nächster geschickter Schachzug der Konfliktvermeidungskultur. Ein Konzept, dem schon die (unangenehme aber) simple Erfahrung gegenüber steht, dass Lernen, zumindest jenes, das zu einem Zuwachs an Kompetenz und an Resilienz („Zukunftsreserven“) führt, nur über Verunsicherung möglich ist, neudeutsch „Labilisierung“.

Solches und jedes Lernen findet nicht aus einer Sicherheit heraus statt (warum sollte es auch), sondern aufgrund von Verunsicherung. Ich vermute: Der laute Ruf nach Sicherheit will einen wesentlichen Auslöser und Anlass für Entwicklung vermeiden:

Kompetenzentwicklung heißt auch ein Aufbrechen von Stabilität. Nach der Selbstorganisationstheorie … ist Störung nicht mehr länger eine Irritation bestehender Ordnung, sondern notwendige Voraussetzung für das Entstehen neuer Ordnung. Die Selbstorganisationstheorie belegt, dass komplexe Ordnungsbildung in der Natur an Phasen von Instabilität gebunden ist. Genau diese „emotionale Labilisierung“ passiert auch bei der Kompetenzentwicklung. Durch den Umgang mit kritischen Situationen oder das Durchleben von Grenzerfahrungen passiert in aller Regel die größte und nachhaltigste Kompetenzentwicklung. Es gibt keine Kompetenzentwicklung ohne emotionale Labilisierung.

Rarrek/Werner (2012): Die Krux mit den Fähigkeiten, in: J. Erpenbeck (Hrsg.) Der Königsweg zur Kompetenz. Grundlagen qualitativ-quantitativer Kompetenzerfassung. Münster u.a.: Waxmann, S. 48.

Davon ist die Schweizer Kultur m. E. noch weit entfernt. Nirgendwo habe ich stärker erfahren, wie Wandel & Veränderung einem Sicherheitsbedürfnis und dem Drang nach Konsens und Harmonie geopfert werden, als im Bildungssystem.

Als Lehrer in allen Schularten und später als Kurzzeitrektor eines Privatgymnasiums habe ich erlebt: Das System ist nicht in der Lage, die Potenziale junger Menschen zu diagnostizieren und zu fördern. Schule versäumt es konsequent, sich entsprechend aufzustellen und zu organisieren. Als Lehrbeauftragter für die didaktische Ausbildung habe ich realisiert: Die Entwicklung entsprechender Diagnosekompetenz bei Lehrenden findet praktisch nicht statt. In diesem Kontext sei als Erfahrungsbericht das Buch von Maximilian Janisch empfohlen, dessen Odyssee durch das Schweizer Schul- und Hochschulsystem ich selber miterlebt habe.

Der Argwohn, der ihm und seinen Eltern aus dem Schulsystem entgegenschlug, war für mich bis dahin ohne Vergleich. Heute weiß ich: Er war nur ein extremes Beispiel für den Unwillen, Schule und Bildung vom Kind aus zu denken, wie das Remo Largo schon lange fordert. Hier ein Interview, das ich vergangenes Jahr mit Maximilian führen durfte.

Die Schweizer Kultur (nicht bloß die Bildungs- und Erziehungskultur) steht sich da selber im Weg mit einer Tradition der Gleichmacherei, mit ihrem Unvermögen, in pädagogischen und erzieherischen Kontexten einen wertschätzenden Umgang mit Individualität und mit der Entwicklung von Persönlichkeit zu finden – denn das würde unvermeidlich in entsprechende Konflikte führen, die mit der Ausbildung von Individualität und Persönlichkeit untrennbar verbunden sind.

Das fällt der Schweiz mittlerweile bleischwer auf die Füße. Ihrem Schulsystem will es nicht gelingen, junge Leute während ihrer Bildungszeit konsequent beim Entdecken und Entfalten ihrer Potenziale zu unterstützen, damit sie sich für Zukunftsthemen und Zukunftsberufe begeistern und befähigen, die für die Schweiz überlebensnotwendig sind – nicht zuletzt im Kontext zivilgesellschaftlichen Engagements und politischer Ämter auf allen Ebenen, die offenbar nur noch mit Mühe besetzt werden können.

… viele Gemeinden bekunden Mühe, Freiwillige dafür zu finden, die erst noch geeignet für das Amt sind.

swissinfo – 24.5.2019

Der Hinweis auf die Tatsache, dass es im umliegenden Ausland ähnliche Entwicklungen gibt (reflexartig: „Die Deutschen sind ja auch nicht besser.“), ist da nur eine billig(end)e Ausrede.

Warum tut sich die Schweiz das an?

Für mich ist bis heute unbegreiflich, wie die Schweiz all jenen Chancen, die ihr pausenlos wie gebratenes Geflügel in den Mund flattern wollen, geschickt ausweicht. Welches andere Land hat denn eine bessere oder auch nur vergleichbar gute geopolitische, infrastrukturelle und finanzielle Ausgangslage wie die Schweiz? Warum opfert sie die Möglichkeiten einer echten Innovationskultur ihrem sturen Beharrungswillen? Es reicht schon lange nicht mehr, sich mit den Quartalszahlen & Patenten internationaler Unternehmen zu schmücken, die sich lächelnd ein Schweizerkreuz ans Revers heften.

Die Schweiz blutet aus, wenn sie sich mit Innovationen schmückt, die sich dort nur einmieten, und wenn sie die Löcher in den Zukunftsbranchen bloß durch den Einkauf von Arbeitskraft stopft. Es braucht andere Antworten auf die Frage, was übrigbleibt an Sinn und Identität, an Gemeinschaft und an Identifikation, wenn der Import an Wertschöpfung und ökonomischer Zukunftskraft seine Grenze erreicht hat. Auch führt es in keine gute Zukunft, wenn die eigene Jugend, wenn das menschliche Potenzial eines Landes durch ein reformunwilliges Schul- und Hochschulsystem gepresst wird, wo statt Zukunftskompetenzen überholte Menschen- und Gesellschaftsbilder im Zentrum stehen.

Der Fachkräftemangel in der Schweiz hat zugenommen: Die Situation in den Berufen mit dem grössten Fachkräftemangel hat sich im Vergleich zum Vorjahr nochmals akzentuiert. Unternehmen fällt es im Jahr 2019 damit noch schwerer, für die betroffenen Berufe geeignetes Personal zu finden, als noch vor einem Jahr.

Stellenmarkt-Monitor der Uni Zürich vom 28.11.2019

Nur wer Bildung jetzt radikal neu erfindet, hat als Kultur eine Überlebenschance. Arbeitskraft kann ich als reiches Land einkaufen, Kultur nicht. Hier hat die Schweiz als kleine Volkswirtschaft mit kurzen Entscheidungswegen und einem eher pragmatischen Approach in Entscheidungsfragen die Chance auf einen enormen Vorsprung, weil ja der gesamte sie umgebende Kulturraum in Sachen Bildung völlig gelähmt ist.

Warum nutzt die Schweiz diese Chance nicht? Warum überlässt sie die kulturelle Zukunftsplanung einer Altherren- und Altdamenriege in einem Parlament, das unter dem Deckmantel alpenländischer Urdemokratie zu einem Lobbyistentempel mutiert ist? Die Schweizerinnen und Schweizer lassen das geschehen bzw. stimmen sogar regelmäßig dafür, dass es so bleibt.

Quelle

Mein Fazit: Der Schweiz steht nichts und niemand im Weg außer sie sich selbst.

Die Lösung?

Im Märchen vom Rumpelstilzchen ist die Lösung ergreifend einfach: Die Dinge beim Namen nennen. Was ich benennen kann, verliert seine absolute Macht über mich. Dadurch öffne ich mir eine Tür aus der Rolle der Passivität. Ich bilde und erfahre einen Unterschied zwischen dem Nichtwissen, das mich hilflos und abhängig macht von Vermutungen, Gerüchten, Fakes (Wie heißt der Zwerg bloß?) und einem Wissen, das mir Unabhängigkeit von Tabuisiertem emöglicht. Das wirkt emanzipatorisch. Es eröffnet Perspektiven, Alternativen, Handlungsfreiheiten. Es macht Angst handhabbar.

Dabei geht es offenbar weder um reine Information, die wir einfach korrekt wiederzugeben hätten wie in der Schule oder bei „Wer wird Millionär?“, wo wir von vier Alternativen die richtige auszuwählen haben. Es geht auch nicht um empirisches Wissen, von dem wir ja mehr als genug haben, ohne dass wir spürbar vom Fleck kommen würden.

Es geht nicht um ein Wissen, das mir Macht über andere verleihen würde – sondern um eines, das mich aus der Opferrolle holt, indem es den Einfluss fremder Macht über mich schlagartig beendet. Es geht um Befreiung. Von hier aus ist dann alles möglich.

Farewell Switzerland.

Der Boden des Bildungssystems ist ausgetrocknet. Eine Erkundung

Der Boden des Bildungssystems ist  ausgetrocknet. Eine Erkundung

Bildung sieht ihre Aufgabe und ihr Kerngeschäft bis heute darin, Wissen und allenfalls Kompetenzen zu vermitteln. Egal, in welcher Schul- und Unterrichtsform ein Mensch unterkommt: der komplette Apparat ist darauf ausgerichtet, ihm und ihr etwas zu vermitteln. Bis heute hängen wir stärker als der Gläubige an seinem Gott an der irrigen Vorstellung, in der Bildung tatsächlich Wissen zu vermitteln. Und so  sieht denn auch die Bildungspraxis aus – vom Kindergarten bis ins Doktorandenseminar: Menschen inszenieren mehr oder weniger lust- und glanzvoll „ihr Wissen“ vor Publikum. Bildschirmfoto 2019-03-27 um 16.50.32

(Wenn Sie übrigens keine Lust haben, diesen elend langen Blog Post zu lesen: Wir veranstalten zu exakt dieser Thematik ein barcamp am 7.6. im Tram-Museum in Zürich. Hier gibt’s mehr darüber.)

Wir wissen nicht erst seit gestern sehr gut und empirisch abgesichert, dass Mann und Frau Wissen weder vermitteln noch teilen (noch lehren!) können. Auch Kompetenzen und Fähigkeiten können nicht vermittelt werden. Gleichwohl hält das gesamte Bildungssystem in seiner Praxis und Zertifizierungskultur unbeirrt daran fest. Die Forschungslage zu dieser komplexen Thematik findet sich übrigens in ihrer ganzen Breite und Tiefe hervorragend aufgearbeitet und interpretiert in den Publikationen von Rolf Arnold.

Die Überzeugung von der Wissensvermittlung ist also in sämtlichen gesellschaftlichen Diskursen über Bildung weiterhin State Of The Art. Gegen alle Empirie. Über das eigentliche Kernproblem einer angesichts der kulturellen, wirtschaftlichen und ökonomischen Herausforderungen täglich scheiternden Bildung denken wir also gar nicht nach. Stattdessen doktern wir an vielfältigen, zumeist technischen Symptomen herum, schrauben an Lehrplänen und verkürzen und verlängern und verkürzen die Schulzeit. Und dann verlängern wir sie wieder. Wir diskutieren uns die Köpfe wund, wie viel digitale Technologie es nun wirklich braucht oder nicht – und das alles mit dem unveränderten Ziel, „auch in Zukunft eine professionelle Vermittlung von Wissen und Kompetenzen zu garantieren“. Dabei geht es, nach allem, was die Faktenlage zeigt, nicht darum, Vermittlungsprozesse zu modernisieren, sie klientenorientiert zu gestalten, sie zu digitalisieren und zu modularisieren. Es geht darum, sie abzuschaffen.

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good old Banksy…

Nicht einmal teilen kann ich mein Wissen

Weder deins noch meins, noch irgendeins. Wissen kann nur konstruiert werden, dekonstruiert und rekonstruiert. „Teilen“ und „mitteilen“ sind Begriffe, die insinuieren, dass ein empirischer, materiell greifbarer Gegenstand, ein „Inhalt“ (Content) portioniert und verteilt wird. Wie bei Gummibärchen: Ich habe eine Packung, und die teile ich jetzt mehr oder weniger fair mit dir und mit dir. Was da hin und hergeht, verändert dadurch nicht seine Qualität. Und genau das ist, wenn es um Wissen geht, die grandiose Täuschung. Wissen ist niemals „faktisch“, niemals „empirisch“, nie objektiv oder unveränderlich. Es steht zu keinem Zeitpunkt „fest“, und es kann nicht transportiert werden. Transportiert, also höchstens übermittelt werden Daten oder Informationen. Die unterscheiden sich aber so grundsätzlich von Wissen wie der Teig vom Kuchen.

Dass Wasser bei soundsoviel Grad Celsius zu kochen beginnt oder zu Schnee wird, oder dass Flugzeuge ab einem bestimmten Steigungswinkel vom Himmel fallen wie ein Stein, dass wilde Tiere gefährlich sind, und manche Schlangen giftig, das alles ist kein Wissen. Wissen ist die Fähigkeit, solche – je nach Anwendungskontext wertvollen – Informationen nutzbar zu machen. Wissen zeichnet sich dadurch aus, dass es immer nur in einem konkreten Kontext konstruiert wird, in dem Menschen absichtsvoll und zielgerichtet kommunizieren und interagieren, in dem sie Probleme erfassen und lösen. Zu zweit, zu zehnt oder alleine. Im Netz, am Lagerfeuer, in der Geschäftsleitung, im Cockpit. Dabei ist „konstruiert“ nicht das Gegenteil von „real“, sondern die Voraussetzung für Tragfähigkeit. Nicht nur bei Brücken.

Kein Wissen ist objektiv oder ewig, weil jeder Kontext zu jeder Zeit unwiederholbar ist. Kein Wissen ist in seinen Kontexten a priori „richtiger“ oder weniger richtig als anderes. Genau aus diesem Grund ist Wissen jederzeit auf qualifizierte Informationen angewiesen. Wer den Zugriff darauf nicht hat, sitzt deshalb womöglich einem „falschen Wissen“ auf, weil ihm wichtige Informationen fehlen (was er oder sie aber nicht merkt, da er oder sie „felsenfest glaubt zu wissen“). So ergeht es zum Beispiel im Moment dem Bildungssystem selbst. Ständig konstruiert es falsches Wissen über das Wesen und das Zustandekommen von Wissen, weil es als System nicht in der Lage ist, wertvolle Informationen zu kontextualisieren. Wer Wissen mit Informationen gleichsetzt, wird den Möglichkeiten und dem Wert des Phänomens „Wissen“ also in keiner Weise gerecht.

Was nützt, weiterhilft, zur Lösung beiträgt, entscheidet sich immer im Kontext und dadurch, wie die Beteiligten diesen Kontext nutzen und gestalten. Ist das, was ich hier schreibe, also ein Wissen? Nein, es ist meine persönliche Erfahrung, und es ist für Sie als LesendeN eine Information, die Sie, in dem Moment, in dem Sie sie lesen, interpretieren, verneinen, bejahen, verwerfen, kontextualisieren, ignorieren, der Sie heftig widersprechen oder etliches mehr. Indem Sie und alle anderen Menschen jederzeit so vorgehen, ganz von alleine, machen Sie aus Informationen kontextbezogenes Wissen. Deshalb können wir Wissen nicht vermitteln. Wir können es nur – mehr oder weniger erfolgreich miteinander konstruieren. Von Fall zu Fall.

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(Quelle)

Der hierarchische Vermittlungszirkus verhindert kompetente Wissensbildung

Eine nächste, sehr große Herausforderung für unsere Bildungskultur liegt hier: In Kontexten der Wissensarbeit sind wir nach wie vor einem Konzept von Hierarchie verhaftet, das die Bedeutung von Wissen an die Strahlkraft einer entsprechend dekorierten Person oder Institution heftet. Vortrag, Vorlesung, Referat, Buch, Artikel und Beststeller, Key-Note Speech und Podiumsdiskussion sind die Formate, in denen sich diese Kultur niederschlägt.

In solchen Inszenierungen wird jedoch auch kein Wissen geteilt, mitgeteilt oder vermittelt. Auch wenn der Chef, der Vorgesetzte, der Lehrmeister, der Korrespondent oder Innenminister in einem Meeting seine schwergewichtige Meinung kundtut, teilt er oder sie nicht Wissen mit, sondern mehr oder weniger relevante Informationen innerhalb eines bestimmten Kontextes. Hier werden (wie in diesem Artikel, den Sie gerade lesen) ausnahmslos Informationen in den Raum und den Anwesenden zur Verfügung gestellt. Verbal, über Bilder, Töne, Gesten, durch soziale Rollen und Hierarchien – eben durch Kontext. Obwohl wir bis heute ganz selbstverständlich davon ausgehen, dass das, was von so genannten Autoritäten (Lehrern, Hochschulen, Forschungsinstituten) produziert wird, hoch qualifiziertes Wissen ist, handelt es sich dabei allenfalls um wertvolle Informationen. Ob und in wie weit diese Informationen etwas zur Lösung einer Aufgabe beitragen oder ob sie ein Projekt weiterbringen, das hängt von der Fähigkeit des Lieferanten ab, seine Informations-Ware anschlussfähig zu machen, sprich: einen ko-kreativen und und kollaborativen Beitrag zur Wissenskonstruktion zu leisten.

Gleichzeitig gilt: Was Sie und alle anderen, die diese und alle Informationen „empfangen“, daraus in welchem Kontext und in welcher Absicht auch immer machen, wie Sie es einsetzen, umformen, vernetzen, ins Gegenteil kehren oder einfach wieder vergessen – das entscheiden allein Sie.

Wissen ist nicht das Ergebnis von Konstruktion. Es ist Konstruktion.

Wissen wird also in keinem Fall vermittelt oder geteilt. Es wird immer mehr oder weniger erfolgreich konstruiert – aus einem Meer an Informationen, die uns mehr oder weniger attraktiv zur Verfügung gestellt werden. Diese Fähigkeit, diese zentrale Kompetenz im Zeitalter der Digitalisierung, wird in unseren Bildungseinrichtungen nicht gelernt.

Genau hier müssten wir in der Bildung ansetzen. Denn in den äußerst agilen Prozessen der Auseinandersetzung mit Informationen aus allen Ecken und von allen Enden der Welt, konstruieren wir uns unser ganz persönliches, in unserem individuellen Kontext (Leben, Lieben, Arbeiten …) bedeutsames Wissen. Das Subjekt dieser Prozesse sind allein wir. Sie und ich, wir sind unsere eigenen Wissensproduzenten. Außerhalb der Grenzen unserer ganz persönlichen Lebens-, Arbeits-, Lern- und Ideenwelt gibt es kein Wissen. Es gibt nur Informationen und Daten.

Auch wenn Menschen zusammen in Projekten engagiert sind (Regieren, Bauen, Verkaufen, Planen), ist das nicht anders, nur komplexer. Dann muss aus mehreren solcher Wissenswelten eine gemeinsame Basis konstruiert werden, die Kooperation und Kollaboration ermöglicht. Wissen ist dann ein für dieses konkrete Projekt entwickeltes, „kollektives Konstrukt“, an dessen Konstruktion alle Beteiligten beteiligt sind. Eine Zusammenarbeit, die sich dieser Unterschiede zwischen Wissen und Information bewusst ist, und die die irrige Meinung hinter sich lässt, dass es irgendwo auf der Welt oder im Netz objektives Wissen gibt, das nur gefunden und angewendet werden müsste, eine solche Kooperation hat viel mehr Chancen auf Gelingen als eine Gruppe von Menschen, die diesem Irrtum erliegt

Das Vermittlungsmärchen

Vermittler vermitteln Wohnungen, Versicherungen, Partner. Aber niemals Wissen. So wenig wie Erfolg, oder Liebe, oder Sinn vermittelt werden können. Es gibt ein paar Phänomene auf diesem Planeten, die sind nicht vermittelbar. Ich kann Ihnen keinen Sinn vermitteln. Nur Sie können sich den Sinn für Ihr Leben selbst erarbeiten. Und der gilt dann auch nur für Sie. Und wenn sie das mit Ihrem Partner zusammen angehen, dann gilt dieser „Sinn ihrer Partnerschaft“ für Sie beide – für niemanden sonst. So ist das auch mit Phänomenen wie Erfolg, Glück, Liebe und Wissen. Wissen gehört in die Reihe jener Phänomene, die einerseits für unsere Orientierung, für unser Handeln und für unser Gestalten von Welt völlig unverzichtbar sind, die aber andererseits nicht vermittelbar sind. Wir müssen es selber „machen“. Und selbstverständlich gehören da auch eine Menge Informationen dazu, die wir uns von überall herholen – sowie auch die unschätzbar wertvolle Dimension der Erfahrung.

Vermittler stehen deshalb immer dazwischen. So auch wenn sie pädagogisch tätig sind, oder didaktisch und lehrend. Ihnen ist klar, dass sie weder Stoff noch Wissen vermitteln, ja nicht einmal Informationen. Sie vermitteln zwischen dem, was es alles zu sehen, zu entdecken, zu finden, zu prüfen und zu verknüpfen gibt und denen, die sich auf diesen Weg machen. Vermittler vermitteln nicht „etwas“ sondern „zwischen etwas und jemand“.

Sie sind Realitätenkellner, Ressourcenklempner, Coaches. Sie sind Neo-Generalisten, um mit Kenneth Mikkelsen zu sprechen. Das sind relativ neue und sehr interessante Jobs, die gerade erst im Entstehen sind – und die dummerweise weder gelehrt noch vermittelt werden können.

Das Bildungssystem und sein Vermittlungszirkus sind am Ende. Eine Klarstellung

Das Bildungssystem und sein Vermittlungszirkus sind am Ende. Eine Klarstellung

Bildung sieht ihre Aufgabe und ihr Kerngeschäft bis heute darin, Wissen und allenfalls Kompetenzen zu vermitteln. Egal, in welcher Schul- und Unterrichtsform ein Mensch unterkommt: der komplette Apparat ist darauf ausgerichtet, ihm und ihr etwas zu vermitteln. Bis heute hängen wir stärker als der Gläubige an seinem Gott an der irrigen Vorstellung, in der Bildung tatsächlich Wissen zu vermitteln. Und so  sieht denn auch die Bildungspraxis aus – vom Kindergarten bis in die Seniorenuni: Menschen inszenieren mehr oder weniger lust- und glanzvoll „ihr Wissen“ vor Publikum.

Wir wissen nicht erst seit gestern sehr gut und empirisch abgesichert, dass Mann und Frau Wissen weder vermitteln noch teilen (noch lehren!) können. Auch Kompetenzen und Fähigkeiten können nicht vermittelt werden. Gleichwohl hält das gesamte Bildungssystem in seiner Praxis und Zertifizierungskultur unbeirrt daran fest. Die Forschungslage zu dieser komplexen Thematik findet sich übrigens in ihrer ganzen Breite und Tiefe hervorragend aufgearbeitet und interpretiert in den Publikationen von Rolf Arnold.

Die Überzeugung von der Wissensvermittlung ist also in sämtlichen gesellschaftlichen Diskursen über Bildung weiterhin State Of The Art. Gegen alle Empirie. Über das eigentliche Kernproblem einer angesichts der kulturellen, wirtschaftlichen und ökonomischen Herausforderungen täglich scheiternden Bildung denken wir also gar nicht nach. Stattdessen doktern wir an vielfältigen, zumeist technischen Symptomen herum, schrauben an Lehrplänen und verkürzen und verlängern und verkürzen die Schulzeit. Und dann verlängern wir sie wieder. Wir diskutieren uns die Köpfe wund, wie viel digitale Technologie es nun wirklich braucht oder nicht – und das alles mit dem unveränderten Ziel, „auch in Zukunft eine professionelle Vermittlung von Wissen und Kompetenzen zu garantieren“. Dabei geht es, nach allem, was die Faktenlage zeigt, nicht darum, Vermittlungsprozesse zu modernisieren, sie klientenorientiert zu gestalten, sie zu digitalisieren und zu modularisieren. Es geht darum, sie abzuschaffen.

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good old Banksy…

Nicht einmal teilen kann ich mein Wissen

Weder deins noch meins, noch irgendeins. Wissen kann nur konstruiert werden, dekonstruiert und rekonstruiert. „Teilen“ und „mitteilen“ sind Begriffe, die insinuieren, dass ein empirischer, materiell greifbarer Gegenstand, ein „Inhalt“ (Content) portioniert und verteilt wird. Wie bei Gummibärchen: Ich habe eine Packung, und die teile ich jetzt mehr oder weniger fair mit dir und mit dir. Was da hin und hergeht, verändert dadurch nicht seine Qualität. Und genau das ist, wenn es um Wissen geht, die grandiose Täuschung. Wissen ist niemals „faktisch“, niemals „empirisch“, nie objektiv oder unveränderlich. Es steht zu keinem Zeitpunkt „fest“, und es kann nicht transportiert werden. Transportiert, also höchstens übermittelt werden Daten oder Informationen. Die unterscheiden sich aber so grundsätzlich von Wissen wie der Teig vom Kuchen.

Dass Wasser bei soundsoviel Grad Celsius zu kochen beginnt oder zu Schnee wird, oder dass Flugzeuge ab einem bestimmten Steigungswinkel vom Himmel fallen wie ein Stein, dass wilde Tiere gefährlich sind, und manche Schlangen giftig, das alles ist kein Wissen. Wissen ist die Fähigkeit, solche – je nach Anwendungskontext wertvollen – Informationen nutzbar zu machen. Wissen zeichnet sich dadurch aus, dass es immer nur in einem konkreten Kontext konstruiert wird, in dem Menschen absichtsvoll und zielgerichtet kommunizieren und interagieren, in dem sie Probleme erfassen und lösen. Zu zweit, zu zehnt oder alleine. Im Netz, am Lagerfeuer, in der Geschäftsleitung, im Cockpit. Dabei ist „konstruiert“ nicht das Gegenteil von „real“, sondern die Voraussetzung für Tragfähigkeit. Nicht nur bei Brücken.

Kein Wissen ist objektiv oder ewig, weil jeder Kontext zu jeder Zeit unwiederholbar ist. Kein Wissen ist in seinen Kontexten a priori „richtiger“ oder weniger richtig als anderes. Genau aus diesem Grund ist Wissen jederzeit auf qualifizierte Informationen angewiesen. Wer den Zugriff darauf nicht hat, sitzt deshalb womöglich einem „falschen Wissen“ auf, weil ihm oder ihr wichtige Informationen fehlen (was er oder sie aber nicht merkt, da er oder sie „felsenfest glaubt zu wissen“). So ergeht es zum Beispiel im Moment dem Bildungssystem selbst. Ständig konstruiert es falsches Wissen über das Wesen und das Zustandekommen von Wissen, weil es als System nicht in der Lage ist, wertvolle Informationen zu kontextualisieren. Wer Wissen mit Informationen gleichsetzt, wird den Möglichkeiten und dem Wert des Phänomens „Wissen“ also in keiner Weise gerecht.

Was nützt, weiterhilft, zur Lösung beiträgt, entscheidet sich immer im Kontext und dadurch, wie die Beteiligten diesen Kontext nutzen und gestalten. Ist das, was ich hier schreibe, also ein Wissen? Nein, es ist meine persönliche Erfahrung, und es ist für Sie als LesendeN eine Information, die Sie, in dem Moment, in dem Sie sie lesen, interpretieren, verneinen, bejahen, verwerfen, kontextualisieren, ignorieren, der Sie heftig widersprechen oder etliches mehr. Indem Sie und alle anderen Menschen jederzeit so vorgehen, ganz von alleine, machen Sie aus Informationen kontextbezogenes Wissen. Deshalb können wir Wissen nicht vermitteln. Wir können es nur – mehr oder weniger erfolgreich miteinander konstruieren. Von Fall zu Fall.

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(Quelle)

Der hierarchische Vermittlungszirkus verhindert kompetente Wissensbildung

Eine nächste, sehr große Herausforderung für unsere Bildungskultur liegt hier: In Kontexten der Wissensarbeit sind wir nach wie vor einem Konzept von Hierarchie verhaftet, das die Bedeutung von Wissen an die Strahlkraft einer entsprechend dekorierten Person oder Institution heftet. Vortrag, Vorlesung, Referat, Buch, Artikel und Beststeller, Key-Note Speech und Podiumsdiskussion sind die Formate, in denen sich diese Kultur niederschlägt.

In solchen Inszenierungen wird jedoch auch kein Wissen geteilt, mitgeteilt oder vermittelt. Auch wenn der Chef, der Vorgesetzte, der Lehrmeister, der Korrespondent oder Innenminister in einem Meeting seine schwergewichtige Meinung kundtut, teilt er oder sie nicht Wissen mit, sondern mehr oder weniger relevante Informationen innerhalb eines bestimmten Kontextes. Hier werden (wie in diesem Artikel, den Sie gerade lesen) ausnahmslos Informationen in den Raum und den Anwesenden zur Verfügung gestellt. Verbal, über Bilder, Töne, Gesten, durch soziale Rollen und Hierarchien – eben durch Kontext. Obwohl wir bis heute ganz selbstverständlich davon ausgehen, dass das, was von so genannten Autoritäten (Lehrern, Hochschulen, Forschungsinstituten) produziert wird, hoch qualifiziertes Wissen ist, handelt es sich dabei allenfalls um wertvolle Informationen. Ob und in wie weit diese Informationen etwas zur Lösung einer Aufgabe beitragen oder ob sie ein Projekt weiterbringen, das hängt von der Fähigkeit des Lieferanten ab, seine Informations-Ware anschlussfähig zu machen, sprich: einen ko-kreativen und und kollaborativen Beitrag zur Wissenskonstruktion zu leisten.

Gleichzeitig gilt: Was Sie und alle anderen, die diese und alle Informationen „empfangen“, daraus in welchem Kontext und in welcher Absicht auch immer machen, wie Sie es einsetzen, umformen, vernetzen, ins Gegenteil kehren oder einfach wieder vergessen – das entscheiden allein Sie.

Wissen ist nicht das Ergebnis von Konstruktion. Es ist Konstruktion.

Wissen wird also in keinem Fall vermittelt oder geteilt. Es wird immer mehr oder weniger erfolgreich konstruiert – aus einem Meer an Informationen, die uns mehr oder weniger attraktiv zur Verfügung gestellt werden. Diese Fähigkeit, diese zentrale Kompetenz im Zeitalter der Digitalisierung, wird in unseren Bildungseinrichtungen nicht gelernt.

Genau hier müssten wir in der Bildung ansetzen. Denn in den äußerst agilen Prozessen der Auseinandersetzung mit Informationen aus allen Ecken und von allen Enden der Welt, konstruieren wir uns unser ganz persönliches, in unserem individuellen Kontext (Leben, Lieben, Arbeiten …) bedeutsames Wissen. Das Subjekt dieser Prozesse sind allein wir. Sie und ich, wir sind unsere eigenen Wissensproduzenten. Außerhalb der Grenzen unserer ganz persönlichen Lebens-, Arbeits-, Lern- und Ideenwelt gibt es kein Wissen. Es gibt nur Informationen und Daten.

Auch wenn Menschen zusammen in Projekten engagiert sind (regieren, bauen, verkaufen, planen), ist das nicht anders, nur komplizierter und manchmal auch komplexer. Dann muss aus mehreren solcher Wissenswelten eine gemeinsame Basis konstruiert werden, die Kooperation und Kollaboration ermöglicht. Wissen ist dann ein für dieses konkrete Projekt entwickeltes, „kollektives Konstrukt“, an dessen Konstruktion alle Beteiligten beteiligt sind. Eine Zusammenarbeit, die sich dieser Unterschiede zwischen Wissen und Information bewusst ist, und die die irrige Meinung hinter sich lässt, dass es irgendwo auf der Welt oder im Netz objektives Wissen gibt, das nur gefunden und angewendet werden müsste, eine solche Kooperation hat viel mehr Chancen auf Gelingen als eine Gruppe von Menschen, die diesem Irrtum erliegt.

Das Vermittlungsmärchen

Vermittler vermitteln Wohnungen, Versicherungen, Partner. Aber niemals Wissen. So wenig wie Erfolg, oder Liebe, oder Sinn vermittelt werden können. Es gibt ein paar Phänomene auf diesem Planeten, die sind nicht vermittelbar. Ich kann Ihnen keinen Sinn vermitteln. Nur Sie können sich den Sinn für Ihr Leben selbst erarbeiten. Und der gilt dann auch nur für Sie. Und wenn sie das mit Ihrem Partner zusammen angehen, dann gilt dieser „Sinn ihrer Partnerschaft“ für Sie beide – für niemanden sonst. So ist das auch mit Phänomenen wie Erfolg, Glück, Liebe und Wissen. Wissen gehört in die Reihe jener Phänomene, die einerseits für unsere Orientierung, für unser Handeln und für unser Gestalten von Welt völlig unverzichtbar sind, die aber andererseits nicht vermittelbar sind. Wir müssen es „selber machen“. Und selbstverständlich gehören da auch eine Menge Informationen dazu, die wir uns von überall herholen – sowie auch die unschätzbar wertvolle Dimension der Erfahrung.

Vermittler stehen deshalb immer dazwischen. So auch wenn sie pädagogisch tätig sind, oder didaktisch und lehrend. Ihnen ist klar, dass sie weder Stoff noch Wissen vermitteln, ja nicht einmal Informationen. Sie vermitteln zwischen dem, was es alles zu sehen, zu entdecken, zu finden, zu prüfen und zu verknüpfen gibt und denen, die sich auf diesen Weg machen. Vermittler vermitteln nicht „etwas“ sondern „zwischen etwas und jemand“.

Sie sind Realitätenkellner, Ressourcenklempner, Coaches. Sie sind Neo-Generalisten, um mit Kenneth Mikkelsen zu sprechen. Das sind relativ neue und sehr interessante Jobs, die gerade erst im Entstehen sind, und die dummerweise weder gelehrt noch vermittelt werden können.

Studie zeigt: Bei der Digitalisierung der Weiterbildung nach wie vor Fehlanzeige

Studie zeigt: Bei der Digitalisierung der Weiterbildung nach wie vor Fehlanzeige

Der Schweizerische Verband für Weiterbildung (SVEB) hat mit der PH Zürich zusammen im Herbst 2018 Inhaberinnen und Inhaber des eidg. Fachausweises Ausbilder/in zur Nutzung Digitaler Technologien befragt. Die lesenswerte Studie kann hier geladen werden. Ihre Ergebnisse zeigen: Digitale Transformation findet nach wie vor woanders statt.

(Titelbild: wikipedia)

41 % der Befragten setzen ihren Schwerpunkt in der Weiterbildungspraxis auf technologiefreien Präsenzunterricht, 46 % auf digital begleiteten Präsenzunterricht, wobei hier nach Aussage der Autoren „ausser Lernplattformen, Sozialen Medien und Web bzw. Computer Based Training (…) kaum Technologien genutzt werden“. (S. 7)

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Quelle: Digitalisierung in der Weiterbildung: Die Sicht der Ausbildenden

Die Studie zeigt auch, wie wenig sich das traditionelle Mindset von Erwachsenenbildung mit den kulturellen Veränderungen auseinander setzt, die mit der Digitalisierung für Bildung und Lernen einhergehen. Das wird z.B. deutlich, wenn die Ausbilder‘innen befragt werden, welche Kompetenzen ihrer Meinung nach für ihre Arbeit nötig sind (die Grafik dazu auf S. 11). Weniger nötig bis nicht relevant sind nach Überzeugung der Befragten:

  • Kenntnisse über neue Entwicklungen (VR, Crowdsourcing etc.): 46 %
  • Programmierkenntnisse: 78 %
  • Entwicklung von Online Angeboten: 61 %
  • Soziale Medien: 44 %
  • Umgang mit „BYOD“: 50 %
  • Erstellen von Videos: 49 %
  • Entwicklung und Nutzung von OER: 49 %

Diese Zahlen zeigen meiner Ansicht nach einen großen Aufholbedarf an Bewusstseinsbildung im Kontext der zertifizierten Erwachsenenbildung. Denn hinter diesen Faktoren verbergen sich ja zentrale Zukunftsthemen von Bildung im Digitalen Zeitalter, die um Empowerment, Selbststeuerung, Ownership, Open Source, Kollaboration, Bildungsnomadentum und User Experience (UX) kreisen. Hingegen fokussieren Ausbilder‘innen bis heute offenbar vor allem das klassische Mindset von „Lehre und Vermittlung“, innerhalb dessen Digitalisierung lediglich als methodisches Hilfsmittel figuriert, wie auch der folgende Befund nahelegt.

Selbst wer sich selber für digital fit hält, unterrichtet mehreitlich lieber ohne digitale Technologie

Bei den Befragten, die von sich selber sagen: „Ich besitze die Kompetenzen, um digitale Technologien systematisch zu nutzen“, liegt der Anteil derer, die (dennoch) selten auf Digitales im Unterricht setzen, durchgehend über 50 %. „Die Gründe für den seltenen Einsatz digitaler Technologien sind also nicht allein bei den fehlenden Kompetenzen zu suchen. Es ist anzunehmen, dass dahinter zumindest teilweise bewusste didaktische Entscheidungen stehen“ (S. 9) – oder aber, sit venia verbo, ein Mindset, das Digitalisierung auf technische Mittel und Methoden reduziert, um den Hegemonieanspruch der Alten Schule aus der Gefahrenzone heraus zu halten.

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Quelle: Digitalisierung in der Weiterbildung: Die Sicht der Ausbildenden

Dringender Handlungsbedarf in Sachen Digitaler Kompetenz

Diese Bestandsaufnahme ist aus Kundensicht besorgniserregend, weil der Markt der Erwachsenen- und Weiterbildung ja über den Fachausweis als eidgenössisch anerkanntem Berufszugang reguliert wird.  Allein deshalb ist es hoch problematisch,  wenn die Ausbildung diesen Markt weiterhin – via Zertifizierung – mit Ausbilder‘innen flutet, die sich ausgerechnet in dem Bereich unzureichend befähigen, der den umfassenden Kulturwandel unseres Lebens antreibt, bestimmt und gestaltet. Auch die Ausbildenden selbst schätzen ihre „eigene Vorbereitung auf die Digitalisierung durch Aus- und Weiterbildungen … eher mittelmässig oder schlecht ein: 19 % sehen sich gut oder gar sehr gut vorbereitet. 37 % bezeichnen die eigene Vorbereitung als mittelmässig und weitere 44 % als ungenügend oder nicht vorhanden“. (S. 8)

Digitale Technologie weiterhin nicht im Fokus

Die AutorInnen fassen zusammen: „Einerseits zeigt sich, dass erworbene digitale Kompetenzen in einem Zusammenhang mit deren Einsatz in Lehrveranstaltungen stehen. Aber ein Umkehrschluss gilt nicht: Der Verzicht auf digitale Lehrmethoden kann nicht alleine mit fehlenden Kompetenzen in Zusammenhang gebracht werden. Gleiches gilt für den Stellenwert, welcher der Digitalisierung zugeschrieben wird, und die Nutzenerwartungen an digitale Unterrichtsmethoden: Wenn diese hoch sind, geht damit oft auch ein häufiger Einsatz einher. Gleichzeitig gibt es aber auch eine Vielzahl Ausbildender, die beides als hoch betrachten, aber auf den Einsatz digitaler Technologien im Unterricht dennoch verzichten. Hierzu ist festzuhalten, dass ein stärkerer Einsatz von digitalen Methoden nicht per se ein Ziel für Ausbildende ist. Nicht zuletzt der starke Fokus auf Präsenzunterricht zeigt, dass Digitales oft eher als Ergänzung eingesetzt wird.“ (S. 10)

Das Konzept „Unterricht“ radikal überdenken

Für mich wird das Grundproblem nicht erst auf der Ebene von Didaktik und Methodik sichtbar. Es zeigt sich bereits dort, wo das Studiendesign in der Formulierung seiner Fragen ganz selbstverständlich davon ausgeht, dass Prozesse der Erwachsenenbildung heute und in Zukunft im Format des Unterricht[en]s stattfinden werden, denn nur auf dieses Format und sein Mindset hin wurde befragt. Dadurch suggeriert die Studie, dass Digitalisierung den „Unterricht“ zwar in irgendeiner, noch nicht so recht absehbaren Weise verändert, nicht aber lässt sie den Gedanken zu, dass das Konzept selbst im Rahmen der Digitalisierung durch andere Konzepte abgelöst werden könnte. Genau hier liegt aber die Herausforderung für Bildung.

Der nächste Schritt:  Weiterbildung an die Entwicklungen von Mensch und Gesellschaft anpassen

Diese Beobachtungen zeigen, wie tiefgreifend die Problematik im Bildungswesen wirklich ist, weil die Anbieter von Erwachsenen- und Weiterbildung und weil die Ausbilder der Ausbilder das kulturelle Mega-Phänomen der Digitalisierung lediglich durch eine (zudem veraltete) didaktisch-methodische Brille betrachten, statt diesen Rahmen zu verlassen und zu fragen, welchem Wandel unsere Lern-, Arbeits- und Lebenskulturen aufgrund der längst vollzogenen Digitalisierung eigentlich unterworfen sind – und wie Bildung und Lernen darauf zu antworten haben. Die Unfähigkeit des Bildungssystems, die Ebenen der Technologie in größere Zusammenhänge einordnen zu können (und zu wollen), ist wohl die eigentliche Herausforderung. Die Frage ist nur für wen, denn die Kundinnen und Kunden haben schlicht keine Zeit mehr, um auf den längst fälligen Turnaround im Bildungssystem zu warten.

Ein Blick über den Horizont: In welche Richtung wir uns bewegen

In einem spannenden Podcast betont Andreas Schleicher, Leiter des Direktorats für Bildung bei der OECD, dass es bei der Digitalisierung vor allem um kognitive Fähigkeiten gehe, und führt als Beispiel die Lesekompetenz an: „Im Print-Zeitalter ging es darum, aus Büchern Informationen zu extrahieren, in Lexika nachzuschlagen im Vertrauen, dass die Antwort richtig ist. Heute schau ich bei Google nach. Ich bekomme 100 000 Antworten auf meine Frage. Ich muss jetzt selber Informationen miteinander verknüpfen, neues Wissen konstruieren. Diese Konstrukte haben sich verändert. Das ist digitale Kompetenz. Auch bei der Arbeit im Team. Früher konnte ich auf Insel-Lösungen setzen, heute geht es darum, Wissen zu vernetzen, Disziplinen übergreifend zu denken. Das hat mit der Fähigkeit zu tun, die künstliche Intelligenz durch menschliche Fähigkeiten zu ergänzen.“

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Auf einer nächsten Stufe spricht Schleicher eine zentrale Chancen der Digitalisierung für das Lernen an: „Warum soll ich als Schüler von einer Lehrkraft lernen, die gerade zufällig vor mir steht, wenn ich gleichzeitig von einer Lehrkraft lernen könnte, die genau auf meinen persönlichen Lernstil zugeschnitten ist? Das ist die Digitalisierung. Sie schafft uns den Zugang zum Wissen der Welt. Verschiedene Menschen lernen unterschiedlich. Das ist in einem traditionellen Lernumfeld sehr schwer umzusetzen. Individuelle Lernförderung heißt dann ‚Klassengröße 1‘.“

Es ist höchste Zeit, dass das Bildungssystem selbst anfängt zu lernen. Und zwar von Grund auf neu.