Partizipation zwischen Durchblick und Augenwischerei

Wolfsrudel funktionieren, weil sie sich in streng hierarchischen Formationen organisieren. Die Kontinuität eines solchen Rudels wird in kritischen Zeiten nicht dadurch gewährleistet, dass seine Hierarchie durch holokratische Zirkel abgelöst wird, sondern durch einen Machtwechsel an der Spitze. Was lernen wir daraus?

Nicht nur in der Sozialen Arbeit oder in Erziehung und Schule hat Partizipation einen prominenten Platz im Wappen. Auch in den Diskussionen um New Work geht es um den Übergang von „Command & Control“ zu Kulturen des Teilgebens, der Mitbestimmung, der geteilten Verantwortung.

Fotos: pixabay

Das Paradox dabei: Wenn eine hierarchische Organisation darüber nachdenkt, ob sie auch partizipativ funktionieren möchte, kann sie darüber zum einen nicht partizipativ entscheiden, sondern nur hierarchisch. Die „Linie“ stimmt zu oder lehnt ab. Zum anderen ist diese Art der Partizipation, wenn sie denn von der Organisation zugelassen wird, eine Partizipation an hierarchischen Strukturen. Das ist die gängige Praxis von Partizipation.

Es gibt sie allerdings auch anders: als fundamentales Merkmal einer Organisation. Originär demokratische und originär soziokratische Schulen funktionieren zum Beispiel so. Sie haben sich selbst als fundamental partizipative Struktur erfunden und können zu keinem Zeitpunkt anders (z. B. hierarchisch) funktionieren.

Stick and Carrot, oder: Wir machen auf partizipativ

Ein Beispiel für Partizipation in hierarchischen Kulturen: Konkrete Bildungsarbeit in einer Schule kann durchaus partiell partizipativ designt sein, ohne das Hierarchieprinzp zu berühren. Etwa wenn Partizipation als Methode der Unterrichtsgestaltung und -durchführung zum Einsatz kommt. Dann „dürfen“ Schüler*innen z.B. mitbestimmen, welche didaktischen Formate („Wollt ihr Gruppenarbeit?“) aus einer zuvor von der Lehrperson bzw. von der Schulleitung bzw. vom (Ober-)Schulamt getroffenen Auswahl zur Anwendung kommen können. Ein anderes Beispiel für diese Art der Partizipation ist es, wenn Schüler*innen darüber mitentscheiden „dürfen“, anhand welcher inhaltlichen Schwerpunkte Lehrplan-Einheiten (über die sie nicht entscheiden) „durchgenommen“ werden.

Manchmal erstreckt sich diese Form der Partizpiation auch über den Unterricht hinaus, und Lernende dürfen dann z.B. darüber mitbestimmen, zu welchen Zeiten die Mikrowellengeräte zum Aufwärmen der mitgebrachten Speisen verwendet werden können – solange sich die Vorschläge der Schüler*innen außerhalb der Kernunterrichtszeiten bewegen: „Wo kämen wir denn hin, wenn die jedes Mal essen würden, wenn sie Hunger haben?“

Partizipation meint hier eine Auswahl aus vorgegebenen Möglichkeiten, die von der hierarchischen Struktur vorgeschlagen und kontrolliert werden, ohne diese Struktur selbst zu tangieren. Mehr noch: Solche partizipativen Elemente können jederzeit durch die Hierarchie angepasst oder zurückgenommen werden, z. B. wenn sich zeigt, dass sie ihr gefährlich werden könnten.

Die Absicht hinter solchen Partizipations-Häppchen: Schüler*innen über die Methode „stick & carrot“ einen Motivationsschub verpassen: „Ihr dürft auch mitreden“ (in der Grafik links unten).

Ähnlich verhält es sich dort, wo nicht Schüler*innen sondern Mitarbeiter*innen durch partizipative Elemente eingeladen werden, die ansonsten gleichbleibenden Prozesse und Aufgaben „partizipativer“ zu erledigen. Das während des Corona Shutdowns auf hoher und im Moment auf mittlerer Flamme gekochte Phänomen des „Homeoffice“ ist dafür ein Beispiel.

Die nächste Stufe der Simulation

Eine nächste Möglichkeit, um Partizipation – jetzt auf höherem Niveau – zu simulieren (in der Grafik unten rechts), ist deren explizite Thematisierung: Wir laden zum kommenden „Jour fixe“ zwei Referent*innen ein, die kontrovers über das Phänomen der Partizipation sprechen. Wir vertiefen das Thema anschließend in Workshops („Lego Serious Play“) und enden mit einem Panel.

Als Schule würden wir hier so vorgehen, dass wir Partizipation in den entsprechenden Fächern – oder fächerübergreifend – thematisieren, diskutieren und anschließend prüfen oder nicht. Wobei die Prüfungsrelevanz (bei Mitarbeitenden analog dazu die Gehalts- oder Karriererelevanz) den Stellenwert eines Themas erheblich steigert (siehe in der Grafik unten links).

Hierarchie als Naturprinzip: „Homo homini lupus“

Nach allem, was ich in den letzten 20 Jahren gelesen habe zu Organisationsentwicklung, lernender Organisation, zum Lernen von Menschen und Systemen, funktoniert alles, was lebt, nach Prinzipien der Selbstorganisation.

Wenn das soweit zutrifft, ist Hierarchie und die Partizipation an ihr womöglich nichts anderes als eine Spielart von Selbstorganisation, mit der sich lebende Systeme selbst organisieren. Hierarchie als Struktur wäre dann mitsamt ihren Prozessen nicht das Gegenteil von Selbstorganisation, sondern ein Ausdruck von ihr – auch wenn die Lektüre des Buches „Im Grunde gut“ von Rudger Bregman mich daran wiederum zweifeln lässt. Er entdeckt das Hierarchie-Prinzip nämlich erst in einer späten Phase menschlicher Entwicklung. Ist Hierarchie also sogar ein „kultureller Evolutionsgewinn“? Oder hilft doch ein Blick auf die nichtmenschliche Tierwelt weiter?

Wolfsrudel funktionieren ja als Wolfsrudel nur, weil sie sich in streng hierarchischen Formationen selbstorganisiert organisieren. Die Kontinuität, sprich das Überleben eines solchen Rudels wird in kritischen Zeiten nicht dadurch gewährleistet, dass seine Hierarchie durch holokratische Zirkel abgelöst wird, sondern durch einen Machtwechsel an der Spitze.

Doch zu früh gefreut (oder geärgert). Unterliegt dieses Argument doch einem Denkfehler, denn der Wolf kann sich nicht für oder gegen eine Form entscheiden, wie er sich und seine Rudel organisiert. Das Argument ignoriert darüber hinaus die Tatsache, dass wir Phänomene des nichtmenschlichen Tierreichs nicht auf kulturelle Phänomene des Menschen übertragen können – wie es z.B. der überzeugte Fleischesser auf der Suche nach Argumenten gegen den Veganismus versucht: „Tiere fressen doch auch Fleisch“. Und womöglich schlummert hier auch ein naturalistischer Fehlschluss, denn die Tatsache, dass Hierarchien in welcher Natur auch immer existieren, ist nicht gleichzusetzen mit der Schlussfolgerung, dass wir deshalb danach zu leben haben.

Fehlt ein Teil des Ganzen, ist es ein anderes. Kommt ein neues hinzu: auch

Was also kann dann Partizipation noch sein? Ich kann sie, wie beschrieben, so verstehen, dass Menschen (1) an etwas teilhaben, das auch ohne sie existiert. Wie bei einer Herde etwa. In dieser Sichtweise spielt die Frage, ob ich bei einer Firma mitarbeite oder Teil einer Schulklasse bin, für deren Existenz, Funktionalität und Identität keine Rolle. Mein Fehlen ist nicht relevant für das System. Jede*r ist ersetzbar.

Auch wenn ich „kulturelle Teilhabe“ so verstehe, spielt es für die Kultur selbst keine Rolle, ob ich an ihr partizipiere oder nicht. Die Partizipation (Teilnahme) eines individuellen Menschen (ich als Mann, du als Frau, als Migrantin, als Schüler) oder einer Gruppe von Menschen ist für das kulturelle System, an dem sie teilhaben, weder existenziell noch wesentlich. Würden sie fehlen, fehlten sie nicht.

Ich kann Partizipation aber auch (2) so verstehen, wie es in der simplen Grafik vom Puzzle zum Ausdruck kommt: Fehlt ein Teil, ist das Ganze unvollständig. Egal an welcher Stelle des Ganzen – und auch ganz ohne Hierarchie. Doch auch hier bin ich als Einzelne*r noch immer „Element“, sprich: ich kann heraus- und wieder hineingerechnet werden.

Noch einmal anders (3) sieht die Sache mit der Partizipation aus, wenn durch deine und meine An- oder Abwesenheit dasjenige, woran wir partizipieren oder eben nicht, ein anderes wird. Nicht einfach unvollständig wie ein Puzzle, sondern anders. Wenn sich die Funktionalität, das Wesen, die Gestalt einer Familie, einer Schulkasse oder eines Teams von Grund auf verändern, wenn sie also eine neue Identität erhalten – allein dadurch, dass du partizipierst oder nicht. Hier verdanke ich dem Philosophen Heinrich Rombach und seiner „Phänomenologie der Freiheit“ wertvolle Impulse.

Ich bin davon überzeugt, dass nur diese dritte Auffassung von Partizipation unserem Menschsein gerecht wird: uns als Individuen und als Gemeinschaften – alles Nichtmenschliche in der Natur eingeschlossen. Erst auf diesem Weg der Anerkennung der prinzipiellen und unvorhersehbaren, nicht plan- und nicht bestimmbaren Selbstorganisation alles Lebendigen können wir jene Rahmenbedingungen schaffen, die dem Wesen alles Lebendigen zu Grunde liegen: Entfaltung, Individuation, Verwirklichung eines Eigenen als unverzichtbares Glied einer kulturellen Gemeinschaft.

Deshalb plädiere ich dafür, Partizipation nicht mehr als Teilhabe an und Weitergabe von Kulturen, Traditionen und Routinen zu verstehen – wie das Weiterreichen von mit Wasser gefüllten Eimern in einer Löschkette.

Sei es mit Blick auf zukünftige Formen des Zusammenlebens, auf Prozesse des Lernens und der Bildung, des Wirtschaftens und der politischen Entscheidungskultur: deren Qualität eröhen wir in dem Maße, wie wir (wieder oder erstmals) die Erkenntnis kultivieren, dass sich der Wert einer Gemeinschaft zuerst daran misst, wie sie den Wert und die Bedeutung jeder und jedes einzelnen Wesens in ihr zu schätzen und zu schützen weiß.

Und was hat das jetzt mit Hierarchie zu tun? Womöglich eben nichts. Umso tragischer wäre es dann, dass wir uns an sie klammern.

Der Schlachtruf der Lemminge: Wir müssen alle mitnehmen!

Zurzeit nehmen wir vor allem das mit, was noch übrig ist. Das sind nicht Menschen, Eltern, Schüler*innen, Mitarbeitenden, denn davon gibt es ja (noch) genug. Wir nehmen die Reste an Nahrungsmitteln mit, an fossilen Brennstoffen, an Geld, an Wald, an Fleisch, an sauberem Wasser. Wir überschlagen uns vor Empörung über die Plünderungen angesichts der Massenproteste in den USA oder an jenem legendären Ausrasterabend vor kurzem in der Stuttgarter Innenstadt. Dabei sind das Spiegel-Phänomene einer globalen Gesellschaft, die auf dem Prinzip der Plünderung basiert.

Wir müssen die Menschen mitnehmen, höre ich. Speziell in Unternehmens- und Bildungskontexten höre ich das: Die Führungskräfte müssen die Mitarbeitenden mitnehmen. Die Pioniere müssen auf die Ängstlichen warten, Lehrer*innen müssen alle Schüler*innen mitnehmen, Schulleitende die Lehrer*innen, Politiker*innen das Volk.

Jede und jeder hat jemanden, den er und sie mitnimmt. Das nennen sie Verantwortung. Einspruch.
Wir lenken mit dieser Taktik, mit diesem Narrativ konsequent von uns selbst ab; und wir geben die Verantwortung, die wir für uns selbst haben, an andere weiter, denn irgendjemand muss auch uns immer mitnehmen.
Die soziale Funktion des und der Einzelnen ist darauf reduziert, dass er und sie andere mitnimmt. Das ist eine „Hidden Agenda“, die mich davor bewahren soll, für mich selbst zu sorgen, denn ich muss immer andere mitnehmen. Für mich sorgen dann schon andere, die mich mitnehmen, bezahlen, versorgen.

Wichtiger als das „Wohin“ ist, dass wir alle dorthin mitnehmen

Hinter diesem Karussell-Spiel steckt die kollektive Angst, dass wir ja gar nicht weiterwissen; dass wir keine Ahnung davon haben, wohin wir uns eigentlich alle mitnehmen sollen. Und der einzige Proviant, den wir derzeit haben, sind die(se) Durchhaltesprüche – und die Ignoranz der Bedingungen, unter denen wir dieses Spiel spielen.


Nirgendwo in den Diskussionen über Bildung und Zukunft geht es um die großen Herausforderungen, in denen wir stehen. Es geht in diesen Diskussionen ausschließlich um Fragen der Organisation: Wie organisieren wir Bildung und Schule unter den Bedingungen von Corona oder Digitalität? Es geht nicht um die Fragen: Wie wollen oder sogar wie müssen wir leben – und wie lernen wir das? Welche Perspektiven haben wir eigentlich: die Mitnehmerinnen, die Mitnehmer – und die Mitgenommenen, die wir alle sind?

Mitnehmen was übrig ist

Und in Wirklichkeit nehmen wir zurzeit vor allem das mit, was noch übrig ist. Das sind nicht Eltern, Schüler*innen, Mitarbeitende, denn davon gibt es ja (noch) genügend. Wir nehmen die Reste an Nahrungsmitteln mit, an fossilen Brennstoffen, an Geld, an Wald, an Fleisch, an sauberem Wasser. Wir überschlagen uns vor Empörung über Plünderungen angesichts der Massenproteste in den USA oder an jenem legendären Ausrasterabend vor kurzem in der Stuttgarter Innenstadt. Dabei sind das Spiegel-Phänomene einer globalen Gesellschaft, die auf dem Prinzip der Plünderung basiert – während wir uns zeitgleich und mit Verve in den Diskursen und Diskussionen über die Zukunft von Bildung, Lernen und Arbeit in ein Gefasel darüber verlieren, wer jetzt wen mitnimmt.

Wohin denn?

Das Tetralemma als Weg zu neuen Lösungen

Insa Sparrer und Matthias Varga von Kibéd kommt das große Verdienst zu, die Idee und die Praxis des Tetralemma für Coaching, Beratung, Therapie und Organisationsentwicklung zugänglich gemacht zu haben. Mir erscheint diese Methode als eine veritable Alternative des Entscheidens zu all jenen, die wir derzeit in Politik, Ökonomie und Bildung – und im Privatleben benutzen.

Beitragsbild: Gerd Altmann auf Pixabay

Im Moment machen wir in allen kulturellen Bereichen die Erfahrung, dass unsere persönlichen Entscheidungen und die der Funktionsträger*innen in Politik, Bildung und Ökonomie ausschließlich alte Lösungs-Muster reproduzieren. Wir wenden im Privaten wie im Öffentlichen Lösungen an, die keine sind, sondern die unsere Probleme kurz- bis mittelfristig vergrößern.

Das liegt daran, wie wir gelernt haben, Entscheidungen zu treffen: als hätten wir uns jeweils zwischen zwei oder mehreren Optionen für eine (1) zu entscheiden – oder wir hätten eine Sowohl-Als-Auch-Entscheidung zu treffen – im Schweizerischen gerne paraphrasiert mit „Die Münze und das Weggli wollen“. Das Interessante daran: Auch die „Sowohl-Als-Auch“-Option ist in dieser Fassung eine Variante des „Entweder-Oder“, weil sie sich als Alternative positioniert: „Sowohl-Als-Auch“ ist in der Entscheidungs-Gleichung entweder das Entweder – oder das Oder.

Zeichnet eine Entscheidung sich doch dadurch aus, dass sie den einen Weg geht und den anderen nicht. Ich kann nicht mit zwei Menschen gleichzeitig verheiratet sein in unserer Kultur, also entscheide ich mich: entweder für eine Ehe mit einem der beiden – oder gegen eine Ehe. Seinen Ernst bekommt das Entscheiden also durch die Konsequenzen, die es nach sich zieht. An ihnen erkenne ich die Kraft der Entscheidung.

Selbstverständlich kann ich versuchen, mich für „Beides“ zu entscheiden. Dadurch fülle ich meinen Rucksack mit einer Last, die mir die Reise fortan erschwert: Ich nehme beide Optionen mit ins Gepäck, statt mich einer zu entledigen. Im Fall einer Doppelehe mache ich mich darüber hinaus strafbar.

Das Tetralemma

Insa Sparrer und Matthias Varga von Kibéd kommt das Verdienst zu, die Idee und die Praxis des Tetralemma für Coaching, Beratung, Therapie und Organisationsentwicklung zugänglich gemacht zu haben. Mir erscheint diese Methode als eine veritable Alternative des Entscheidens zu all jenen, die wir derzeit in Politik, Ökonomie und Bildung – und im Privatleben benutzen.

Eine kleine Einführung findest du hier:

https://youtu.be/L77BJgpfTC


Das Tetralemma übersteigt sowohl das „Entweder-Oder“ als auch das „Sowohl-Als-Auch“. Es erlaubt und ermöglich den Blick über bestehende Optionen und Alternativen des Entscheidens hinaus. Es verlässt den bipolaren Raum, in den wir uns landläufig schicken, wenn wir zu entscheiden haben: Weder die eine noch die andere Option steht zur Entscheidung noch ein Kompromiss. All dies nicht, sondern das Ermöglichen ganz anderer Lösungen – oder noch einen Schritt weiter: Die Veränderung (m)eines Bewusstseins, das ich vom Entsc heiden habe und meiner Beziehung zu dem hinter der Entscheidung liegenden Problem. Beide werden dadurch aufgebrochen, dass ich aus einem „statischen Beurteilungsschema“ erst einmal aussteige.

Dieser Zugang lebt aus der Erfahrung, dass die Zukunft, die wir im Aufspannen eines Entscheidungskorridors einzugrenzen versuchen, durch dieses „Einzäunen“ weder provoziert noch ermöglicht wird. Wir wissen im Gefolge einer Entscheidung weder, wie es uns mit der verworfenen Option ergangen wäre, noch sehen wir voraus, was uns auf dem Weg ereilt, für den wir uns entschieden haben – und erst recht werden wir nicht in Erfahrung bringen, ob das mit unserer Entscheidung für diese Option zu tun hat.

Das Tetralemma eröffnet mir jenseits dieser Überlegungen die Option, eine andere, sich weit öffnende Haltung der Zukunft gegenüber zu entwickeln. Das Tetralemma macht die Erfahrung nutzbar, dass unsere Lebenswege umso lebendiger und kreativer werden, je mehr wir uns von dem lösen, was wir im Konktext einer Entscheidung als Realität konstruieren – und stattdessen den eigenen Wirklichkeitsraum erweitern.

Dicke Post

Wenn Daten und Informationen tatsächlich das „neue Öl“ sind und das frei verfügbare Kapital des Menschen und seiner Zukunftsgesellschaft, wenn die „Query“ ein Schlüsselmoment im Umgang mit diesen Daten ist, dann geht es bei uns allen zuerst um die Fähigkeit, Fragen zu stellen. Dann spuckt Schule nicht länger Antworten aus wie eine Ballmaschine ihre Tennisbälle. Dann besteht ihre er(n)ste und vornehmste Aufgabe darin, dem Fragen Raum zu geben. Konsequent. Der uneingeschränkten Neugier.

Beitragsfoto: Gerd Altmann auf Pixabay

Diskussion und Reflexion über die Zukuft schulischer Bildung bleiben beim Einsatz digitaler Medien im Nah- und Fern-Unterricht hängen. Doch nicht der Ausfall oder das Stattfinden von Unterricht ist die Herausforderung der Stunde, sondern das Ausbleiben fundamentaler Lernprozesse und basaler, sozialer Erfahrungen. Die bleiben im herkömmlichen Beschulungs-Setting ja auch aus – egal ob remote oder im Klassenzimmer eines Schulgebäudes. Das Gezanke um den digitalen Overkill ist ebenso ein Ablenkungsmanöver wie die Annahme, mit dem Einsatz digitaler Technologie sei die Zukunftsfrage von Bildung gelöst.

Da geht‘s um was ganz anderes.

Wir leben nämlich noch immer in jenen Disziplinargesellschaften, in denen – gemäß Michel Foucault – jede und jeder von uns durch ständige Disziplinierung, Überwachung und Strafe die gesellschaftliche Kontrolle verinnerlicht. So schreibt Michael Seemann in seinem Buch „Das neue Spiel. Strategien für die Welt nach dem digitalen Kontrollverlust.“

Darum geht’s in der Schule bis heute. Machstrukturen akzeptieren, Disziplin verinnerlichen und Selbstkontrolle entwickeln. Dieses Konzept bildet das Fundament aller Bildung und Erziehung in der Gegenwart. Mit diesem Narrativ sind so gut wie alle Pädagog*innen rund um den Globus groß geworden: Am Ende ist Kontrolle immer das Maß der Dinge. Wer auch immer sie hat. Eine Welt ohne sie ist unvorstellbar. Erst recht nicht in der Schule, die praktisch nichts anderes tut als Menschen zu kontrollieren. Wie Google & Facebook auch – nur macht Schule das staatlich legitimiert und monopolisiert.

Kontrollverlust als Kränkung

Mittlerweile sind wir endgültig und ausnahmslos im Zeitalter der digitalen Informationstechnologien angekommen. Dessen Hauptmerkmal ist neben der schieren Menge an Daten, die produziert und kopiert werden, der Verlust von Kontrolle über das, was zum Kerngeschäft von Schule und Hochschule gehört: Informations- und Wissenslogistik. Ankarren, Aufbereiten, Verteilen, Wiedergeben und Kontrollieren von Information. Tagein, tagaus.

Wir können vielleicht noch Anwesenheit kontrollieren und Verhalten. Nicht aber Information, und erst recht nicht die Daten. Ein wesentlicher Grund, aus dem es Schule gibt: das Wächteramt über den korrekten Umgang mit einem korrekten Bestand an Information, ist perdu. Unwiederbringlich. Ein Verlust ist das vor allem für jene Menschen und Institutionen, die sich bisher über Kontrolle definieren: ihre Identität, ihre Aufgaben und Funktionen. Sie sind versucht, Kontrolle hinüber zu retten in die Welt nach dem Kontrollverlust. Eine Studie des Max-Planck-Instituts mit Führungskräften hat gezeigt, was die Folgen sind: Es fallen keine mutigen Entscheidungen mehr.

Gesucht und gefunden werden: Die Query

Das neue Paradigma ist die Query, zu deutsch: die Abfrage. Nicht was wir anzubieten haben an Content und anderen Pralinen, nimmt am neuen Spiel teil, sondern das, was gesucht wird – und gefunden.

„Der Wert liegt in der Auffindbarkeit“

Michael Seemann

Während es lange Zeit darum ging, wie Schule es schafft, Daten und Informationen zu vermitteln und zu übertragen, sodass ein Empfänger mit dem Übertragenen (dem „Stoff“) etwas anfangen kann, dreht die Query die Fragestellung um: Was sicht- und hörbar wird und relevant, „entscheidet sich durch die Ausrichtung und Mächtigkeit der Query. Und nicht zuletzt entscheidet es sich dadurch, wer Zugriff auf die Daten hat“, so Seemann.

Wie wird Schule zur Mitspielerin?

Was kann Schule tun, um eine gestaltende Mitspielerin in diesem neuen Spiel zu werden? Wie stellt sie sich auf? Was hat sie zu bieten? Wie verändert sie ihre Beziehung zu Information und Kontrolle – und nicht zuletzt: Was ist in diesem Zeitalter der vertauschten Vorzeichen ihre Aufgabe?

Sie weiß sich für die Fragen zuständig, nicht mehr für die Antworten. Für das Suchen, nicht für das Finden. Nicht für das Liefern und Vermitteln von Information, sondern für das lustvolle Geschäft der gemeinsamen, nachhaltigen Konstruktion sinn- und bedutungsvoller Wirklichkeiten: beruflich, privat, ökologisch, sozial.

Gefragt sind mehr denn je Digital Literacy und Digitale Kompetenz – und zwar auf drei Ebenen und in dieser Reihenfolge:

(1) bei Bildungsorganisationen

(2) bei lehrenden Berufen und

(3) bei Schüler*innen.

Erst wenn sich Schulen und Lehrpersonen selber auf den Weg einer digitalen Professionalisierung gemacht haben, spüren und erkennen sie die Unterschiede zu klassischen Vorstellungen von Lehre und Vermittlung. Erst dann entwickeln sie jene Fähigkeiten, bei deren Entwicklung sie ihre Schüler*innen kompetent begleiten sollen. Eine wunderbare Unterstützung dabei bietet die Mozilla Foundation an.

Digitalien: Das nach wie vor unentdeckte Land

Wenn Daten und Informationen tatsächlich das „neue Öl“ sind und das frei verfügbare Kapital des Menschen und seiner Zukunftsgesellschaft, wenn die „Query“ ein Schlüsselmoment im Umgang mit diesen Daten ist, dann geht es bei uns allen zuerst um die Fähigkeit, Fragen zu stellen. Dann spuckt Schule nicht länger Antworten aus wie eine Ballmaschine ihre Tennisbälle. Dann besteht ihre er(n)ste und vornehmste Aufgabe darin, dem Fragen Raum zu geben. Konsequent. Der uneingeschränkten Neugier.

Wir leben jetzt in einer völlig neuen und unentdeckten Welt: im digitalen Informations-Zeitalter. Keine noch so erfolgreiche Lern- und Organisationsstrategie der Vergangenheit wird uns beim Übersetzen in diese neue Welt helfen. Deshalb finde ich: Wir sollten zur Seite treten – als Lehrende, Beschulende, Belehrende, als Besserwisser und als Bildungsinstitutionen. Wir sollten lieber heute als morgen Platz machen für die, denen diese Welt gehört. Wir sollten von ihnen lernen: von ihren Fragen, von ihrem Suchen. Wir sollten sie nach Kräften dazu ermutigen und dabei unterstützen – wenn sie uns danach fragen. Besonders verlockend und ermutigend hat das meiner Ansicht nach in jüngster Zeit Nils Landolt formuliert, einer der engagiertesten Menschen in Sachen „Zukunft des Lernens“, die ich kenne.

Und wenn du dich durch diese Gedanken belehrt fühlst – das ist nicht meine Absicht. Für mich besteht die Welt nicht zwischen den beiden Polen von Lehrern und Schülern. So wenig ich mich belehrt fühle, wenn Aktivist*innen von FridaysForFuture pausenlos verkünden, wir sollten möglichst schnell und konkret aufhören, unseren Planeten zu zerstören. Für mich ist das keine Belehrung, sondern eine Erkenntnis. Es ist eine laut verkündete Einsicht, die aus Wissenschaft und sozialer Erfahrung folgt.

So verstehe ich auch mein Engagement für neue Bildung und neues Lernen.

[Dieser Post wurde ursprünglich in einer leicht abweichenden Fassung für die neue digitale Kollaborations-Plattform TEACHoz geschrieben.]

shareforus.net – Die digitale Sammelmappe für den Unterricht: Ein Gastbeitrag

Es ist mal wieder Klausurphase und ich sitze vor meinem Schnellhefter und durchsuche Ihn nach den Inhalten die für die anschließende Prüfung relevant sind. Wie praktisch es doch wäre, wenn die wichtigsten Inhalte (Übersichten, Tafelbilder, Zusammenfassungen etc.) an einem Ort digital gesammelt wären und ich bei Fragen einfach und vor allem übersichtlich mit meinem Lehrer und meinen Mitschülern kommunizieren könnte?

Text, Bild & Logo von Jonas Fiedler

Mit diesem Szenario habe ich mich während meiner Schulzeit immer häufiger beschäftigt und schlussendlich mein damaliges soziales Netzwerk connect-friends.net in eine Plattform für die schulinterne Pürfungsvorbereitung umfunktioniert und in shareforus.net umbenannt.

Mein Name ist Jonas Fiedler, ich bin 20 Jahre alt, habe im Sommer 2019 mein Abitur gemacht und bin der Entwickler von shareforus.net, der Plattform für die schulinterne Prüfungsvorbereitung.

Die Idee von shareforus.net ist, dass eine Lehrkraft während der Unterrichtsreihe die Inhalte (Mitschriften, Präsentationen, Übungen etc.) die für die Prüfung  relevant sind an einem Ort digital sammelt (“shareforus – Die digitale Sammelmappe”) und die Schüler jederzeit (insbesondere vor den einzelnen Prüfung und hinterher bei der Abschlussprüfung) einfach auf diese zugreifen können und durch eine integrierte Kommentarfunktion unter jedem Beitrag untereinander bzw. mit der Lehrkraft z.B. bei Fragen kommunizieren können.

shareforus funktioniert so, dass eine Lehrkraft sich registriert und eine Gruppe erstellt. Dabei hat Sie die Option eine offene oder eine geschlossene Gruppe zu erstellen, wobei ich immer empfehle eine offene Gruppe zu erstellen und die Gruppe hinterher, sobald alle Kursmitglieder eingetreten sind, zu schließen.

Sobald die Gruppe erstellt ist, müssen sich auch die Schüler*innen registrieren und der Gruppe über die Suche beitreten.

Beiträge können sowohl von der Lehrkraft als auch von den Schüler*innen erstellt werden. Bei den Beiträgen gibt es die Möglichkeit diese mit Keywords (ähnlich wie bei Twitter) zu taggen (Zum Beispiel: In Biologie alle Beiträge der Themenreihe Evolution mit dem Keyword #evolution), damit sich die Schüler*innen die Inhalte jeder Themenreihe vor der Abschlussprüfung geordnet anzeigen lassen können.

Unter jedem Beitrag gibt es eine Kommentarfunktion um sich z.B. bei Fragen zu einem Tafelbild einfach auszutauschen. Bei neuen Beiträgen erhalten alle Gruppenmitglieder eine E Mail Benachrichtigung, sodass keiner mehr die Inhalte verpasst.  

Die ganze Funktionalität und der Ablauf werden auf der Plattform in Form eines Videotutorials auch nochmal dargestellt.

Einfache Zusammenarbeit zwischen Lehrenden und Lernenden

Zusammenfassend steht hinter shareforus die Vision im Zuge der Prüfungsvorbereitung das Teilen und wiederfinden von Inhalten, sowie den Austausch zwischen den Lehrkräften und den Schüler*innen so einfach wie möglich zu gestalten.

Wenn auch Sie Ihren Schülern das Lernen für die Klausuren erleichtern wollen, dann würde ich mich freuen, wenn ich Ihnen mit shareforus eine gute und einfache Lösung zur Verfügung stellen kann.

Bei Fragen kann mir jederzeit eine Email an info@shareforus.net geschrieben werden. Bei Bedarf stelle ich die Plattform auch gerne in einem persönlichen Telefonat vor.

Weil das Antlitz den Menschen macht

Ich kann nur schlecht damit leben, dass und wenn Menschen, ihre Gesichter und Geschichten hinter Situationen verschwinden, weil sie unsichtbar gemacht werden, weil und wenn sie zu Rädchen degradiert werden, zu Erfüllungsgehilfen von Funktionalität. Ich finde, wir dürfen das eine nicht mit dem anderen begründen. Ich möchte verhindern, dass es – gerade – jetzt nicht um den Einzelnen und um die Einzelne gehen darf, mit der Begründung, dass es um viele geht. Diese Erkenntnis ist sehr alt: dass das Antlitz den Menschen macht. Das ist die Wurzel aller Humanität, die in Zeiten wie diesen immer wieder von neuem zu verdorren droht.

Portraitfotografie: Mohamed Abdelgaffar, Egypt – on pexels

Ich fühle mich derzeit herausgefordert, den Kontakt zu mir selbst nicht zu verlieren. Die Verbindung zu meinen Überzeugungen, zu dem, was mich ausmacht und was mir wichtig ist. Es greift eine Art Überlebensmodus um sich. Verständlicherweise. Nachvollziehbar. Es müssen Situationen ausgehalten werden, die unmenschlich sind. Es müssen Lösungen gefunden werden für Umstände – in Umständen, die das Finden von Lösungen enorm erschweren.

Wie behalte ich da den Kontakt zu mir selbst? Im emotionalen, existenziellen Sinne: als Person. Die täglichen Einspielungen des Pianisten Igor Levit auf Twitter helfen mir enorm dabei. Er schreibt selber:

Es geht um mehr als um „Funktionieren“

Und je mehr ich mit mir selber in Kontakt komme, um so schmerzlicher vermisse ich in etlichen Abläufen des Alltags den Aspekt des Menschlichen. Diese Abläufe erlebe ich im Moment vor allem so, dass sie auf irgendein Funktionieren und Aufrechterhalten reduziert werden. Da liegt die psychologische Erklärung nicht fern, dass Menschen sich in solchen Situationen halt vor allem an Routinen klammern. Das höre ich pausenlos. Ich höre es seit vielen Jahren immer dort, wo Entwicklungsschübe aufgeschoben werden und abgewehrt. Ich höre: Menschen reagieren in verunsichernden Situationen verunsichert und klammern sich dann an Bewährtes. Andererseits hat mal jemand gesagt: Wir weinen nicht, weil wir traurig sind. Wir sind traurig, weil wir weinen. Also könnte es doch auch so sein, dass wir nicht deshalb klammern, weil wir verunsichert sind, sondern dass wir verunsichert sind, weil wir klammern.

I smell a rat

An diesen reflexartigen Erklärungen ist also was faul. Warum sollte ich mich in unsicheren Zeiten ausgerechnet an etwas klammern, das Verunsicherung auslöst, weil es nicht mehr funktioniert? Diesen Reflex erlebe ich derzeit auch in meinem Kerngeschäft, der Bildung. Noch mehr als zu coronafreien Zeiten überträgt dieses System jetzt seine eigene Dysfunktionalität auf die sozialen Systeme derer, die in diese Bildungssysteme eingebunden sind. Schulen, ihre Repräsentanten, (Infra-)Strukturen und Abläufe werden jetzt nicht ein- und freigesetzt, um den unzählbaren Familien und familienähnlichen Gemeinschaften wo auch immer möglich zu helfen. Vielmehr wird jetzt großflächig und täglich eine Schul(un-)kultur in diese familiären Systeme injiziert. Hier wird ausschließlich der Funktionalität einer Systemroutine Tribut gezollt, die schon im Normalbetrieb mehr als zwiespältig ist.

Just im Moment greift ein in meinen Augen kalter, technologischer Ansatz von Digitalisierung um sich, wenn in der Lern- und Arbeitswelt von oben herab in Windeseile digitale Technologien implementiert werden, um die bestehenden Lehr- und Arbeitsstrukturen und Abläufe auf die Lebenswelten lernender und arbeitender Menschen auszuweiten. Dadurch besitzen die noch weniger Ausweichmöglichkeiten, als sie in dieser schrecklichen Lage dringend bräuchten. Dabei müssen (und könnten) wir die digitalen Möglichkeiten jetzt vor allem dafür nutzen, um füreinander auf einer menschlichen und solidarischen Ebene erreichbar zu bleiben und vielerorts erst einmal zu werden. Dazu müssen wir womöglich bloß einen Moment lang innehalten und die Gesichter jener aufsuchen, mit denen wir unterwegs sind.

Foto: Mohamed Abdelgaffar, Egypt – on pexels

Meine Vermutung ist nämlich: Wenn wir uns auf diese Art „aus den Augen verlieren“, geht es zunehmend nur noch um den Aspekt der Funktionalität. Über dieses Funktionieren hinaus hat der Mensch, der mit mir unterwegs ist, dann keinen Platz mehr. In Online-Sessions und Meetings, an denen ich teilnehme, in Webinaren und Live Tutorials geht es derzeit nicht und nie wirklich um die Menschen, die da zusammenkommen. Nicht um ihre Situation, nicht um Überforderung, um Ängste. Wenn jemand seine oder ihre Tränen nur noch knapp zurückhalten kann, und wir das nicht ansprechen können, wenn jemand das Mikro stumm schaltet, damit das „Familienchaos“ ungehört bleibt und wir auch das übergehen, dann stimmt für mich etwas nicht mehr. Das sind wir in einer enormen menschlichen Schieflage angekommen.

Und ich erschrecke wirklich, wenn Führungskräfte und Moderatoren im beruflichen Alltag gegenüber ihren Mitmenschen zu Kriegsmetaphern greifen; wenn davon die Rede ist, dass wir „Gewehr bei Fuß“ zu stehen hätten, und ab Montag „scharf geschossen“ wird, sprich: das Sommersemester beginnt.

Was durch dieses Ausblenden des Menschlichen auf der Strecke bleibt und meiner Vermutung nach auch von etlichen Verantwortungsträgern absichtlich unterbunden wird, ist die Entstehung von Solidarität in den digitalen Netzwerken. Da wird keine Zeit eingeräumt, da wird keine Struktur ermöglicht, um miteinander jene Nähe entstehen zu lassen, die wir jetzt so dringend brauchen. Stattdessen wird um jeden Preis die Illusion von Funktionalität aufrechterhalten. Ich finde das in hohem Maße absurd.

Selbstverständlich gibt es im Moment Situationen, in denen es um nichts anderes gehen darf, als um das Aufrechterhalten von Funktionalität. Wenn ich nur schon an die medizinische Versorgung denke: Da hängt für ganz viele Mitmenschen alles davon ab, dass diese Systeme funktionieren. Auch stehe ich mit tiefer Bewunderung und Dankbarkeit vor Menschen, die dafür sorgen, dass unsere Nahrungsketten nicht unterbrochen werden – und vieles, vieles mehr!

Mohamed Abdelgaffar, Egypt – on pexels

Gerade deshalb finde ich es so wichtig, dass wir das Antlitz unseres Gegenübers nicht aus dem Blick verlieren – damit wir realisieren und uns vergewissern, warum wir das tun, was wir tun, und mit wem wir da gerade unterwegs sind bzw. gefangen – jede und jeder an seinem und ihrem Ort; dass wir uns darüber klar werden, warum wir uns für andere einsetzen, ihnen zuhören und Raum geben. Warum wir Systeme aufrecht erhalten: Wem wir damit nützen und Gutes tun wollen – und wie es uns selber in diesen anspruchsvollen Situationen ergeht.

Ich finde es gerade jetzt enorm wichtig, dass wir miteinander im Gespräch bleiben über das, was uns im Innersten wichtig ist – und was uns verbindet.

Ich finde es wichtig, dass wir den Kontakt erhalten zu dem, was uns ausmacht.

Corine Pellouchon über Emmanuel Lévinas (Quelle)
Mohamed Abdelgaffar, Egypt – on pexels

Ich kann jedenfalls nur schlecht damit leben, dass und wenn Menschen, ihre Gesichter und Geschichten hinter Situationen verschwinden, weil sie unsichtbar gemacht werden, weil und wenn sie zu Rädchen degradiert werden, zu Erfüllungsgehilfen von Funktionalität. Ich finde, wir dürfen das eine nicht mit dem anderen begründen. Ich möchte verhindern, dass die Meinung um sich greift, es ginge nicht um den Einzelnen und die Einzelne, mit der Begründung, es gehe jetzt um viele. Denn nicht die Masse macht den Menschen, sondern das Antlitz jeder einzelnen. Das ist die Wurzel aller Humanität, die in Zeiten wie diesen immer wieder von neuem zu verdorren droht.

Schule: Isolierstation in einer völlig vernetzten Welt

Wir verstehen Schulentwicklung nach wie vor nicht als Vernetzungsarbeit im Sinne einer Kultur der Digitalität, die bereits die meisten der alten Silostrukturen weggespült hat, und die ganz neue Kommunikationen erfordert, die den steigenden Komplexitäts- und Geschwindigkeitsgraden gerecht werden. Schule, so der politische und pädagogische Wille, bleibt der abgeschlossene und abgegrenzte Raum, der sie immer war: „Abgrenzung“ ist und bleibt das Erkennungszeichen ihrer Pragmatik: sowohl gegen innen über Fächer, Jahrgänge, Räume und Zeiten, die alle das Paradigma des Abgrenzens zur Grundlage haben, als auch nach außen gegenüber institutionellen und individuellen Handlungsträger*innen unserer Gesellschaften. Schule ist und bleibt eine Isolierstation.

Mein Eindruck ist, dass wir derzeit die traditionelle Trennung zwischen Schule und unseren anderen Lebens-, Arbeits- und damit auch Lernwelten vergrößern und zementieren – statt diese Trennung als den entscheidenden Risikofaktor für zukünftige Lebensentwürfe zu erkennen und deshalb nach und nach abzubauen – und klassische Schule durch Netzwerkstrukturen und Netzwerkprozesse zu ersetzen.

Wir verstehen Schulentwicklung nach wie vor nicht als Vernetzungsarbeit im Sinne einer Kultur der Digitalität, die bereits die meisten der alten Silostrukturen großräumig unterspült hat, und die ganz neue Kommunikationen erfordert, damit wir den steigenden Komplexitäts- und Geschwindigkeitsgraden gerecht werden. Schule, so der politische und pädagogische Wille, bleibt der abgeschlossene Raum, der sie immer war: „Abgrenzung“ ist und bleibt das Erkennungszeichen ihrer Pragmatik: sowohl gegen innen über Fächer, Jahrgänge, Räume und Zeiten, die alle das Paradigma des Abgrenzens zur Grundlage haben, als auch nach außen gegenüber institutionellen und individuellen Handlungsträger*innen unserer Gesellschaften. Schule ist und bleibt eine Isolierstation.

https://www.rmv-versicherung.de/projekt-rmv-stiftung-okt-17/

Auch die mehr als zaghaften, technologischen und kulturellen Veränderungen, die Schule (und Hochschule und Weiterbildung) im Kontext der digitalen Lern-, Lebens- und Arbeitskulturen im Moment mehr gezwungen als überzeugt an sich zulässt, führen nicht in eine Überwindung der Silokulturen, sondern werden ins Bestehende (Hierarchie, Kontrolle, Vermittlung, Zelebrieren von Regionallogiken) integriert.

Das System „Schule“ ist aus sich heraus nicht netzwerkfähig. Es ist geprägt vom hierarchischen, kontrollierenden und überwachenden Vermittlungscharakter (und -auftrag). Ob es sich nun um die Entwicklung und Zulassung sogenannter Lehrmittel handelt, um die Aus- und Weiterbildung von Lehrer*innen, oder um das Kerngeschäft des Unterrichtens oder um die Gestaltung von Schulbiografien: Kontrolle ist jeweils der absolute Primat.

Ihre Kommunikationen sind jederzeit zentral gesteuert – auch dort, wo sie temporär dezentral fungieren – wenn z.B. Lernende eine Zeit lang sich selbst überlassen werden mit der Begründung, das sei jetzt selbstorganisierendes Lernen, um diese Phasen am Ende durch einen entsprechenden Kontrollmechanismus der Lehrerin wieder zu reintegrieren.

Schule erhält ihre Identität und ihre Plausibilität bis heute ausnahmslos (!) aus einem Mindset und aus einer Struktur, die das Gegenteil dezentraler, kollaborativer und agiler Netzwerkkulturen darstellen. Dabei ist die klassische Art schulischer Funktionalität im Moment nur noch selbstreferenziell: Wir machen Schule so, damit wir Schule so machen können – und wir machen umso mehr davon (Command & Control), als die Umwelten des Schulsystems an Komplexität zunehmen: Wenn draußen das Virus der Agilität um sich greift, müssen wir drinnen die Anstrengungen um die Immunisierung erhöhen und verdichten.

Unser Bildungssystem weist damit dieselbe Denke und Struktur auf wie jene Techno-Giganten, die das ursprünglich dezentrale Internet korrumpiert haben:

Im Prinzip ist das Internet ursprünglich dezentral organisiert, denn es gehört niemandem. Allerdings werden wichtige Teile des Internets mittlerweile von zentralisierten Diensten zur Verfügung gestellt. Egal ob Internet-Service-Provider, Domain-Name-System, Suchmaschinen, E-Mail, Web-Hosting, soziale Medien oder die Cloud – sie alle laufen auf einer begrenzten Zahl von Servern, die von wenigen, dafür aber sehr großen Unternehmen kontrolliert werden.

https://t3n.de/news/web-3-der-anfang-vom-ende-der-plattformoekonomie-ist-dezentral-982153/

Hand in Hand mit Großanbietern wie Microsoft machen sich ganze Gesellschaften und ihre Teilsysteme völlig abhängig von VertreterInnen der Plattformindustrien und treiben dadurch das üble Spiel des Command & Control und der Abschottung auf immer höhere und komplexere Ebenen.

https://www.boyens-medien.de/artikel/dithmarschen/buesum-erste-bauplaene-der-schule.html

Auch wenn sich digitalisierungsaffine Lehrer*innen über ihre jeweiligen Schulen hinweg digital (z.B. via Twitter) bzw. durch analoge Konferenzformate (z.B. barcamps) treffen und austauschen, ist das kein Anzeichen für eine Veränderung des Schulsystems in Richtung einer Netzwerkkultur, so wenig WOL-Circles, in denen sich Mitarbeiter von Unternehmen über einen gewissen Zeitraum hinweg zu lernenden Teams verbinden, zu einer Veränderung in Organisationsaufbau und -ablauf führen.

Schule als Lern-Netzwerk

Vernetzungsarbeit wird für Schule nur wirksam, wenn sich Schule konsequent als System zu vernetzen beginnt. Schulen kommen nur und erst dann auf den Weg in die Kultur der Digitalität, wenn sie sich selber als Systeme auf den Weg machen, nicht indem sie einzelne Lehrer*innen oder diese engagierten Leute sich selbst auf Kurse schicken. Schulen müssen selber als Organisationen zur Netzwerken werden: konkrete Schulen sich als ein Netzwerk aus Netzwerken verstehen, sich als Schule je und je dezentralisieren, sprich: als Schule lernen, sich selbst als anpassungsfähige, offene und dezentrale Struktur zu begreifen und entsprechende Funktion(alität)en zu etablieren.

Wieso das? Weil die selbstorganisierende (!) Modellierung von Lern-Netzwerken eine Antwort auf die Bedürfnisse sowohl zukünftiger Menschen als auch zukünftiger Lebens- und Arbeitswelten ist, die anders gar nicht mehr gesteuert und organisiert werden können als durch selbstorganisierte Lern- und Arbeitsnetzwerke. Der Grund dafür wiederum ist die Komplexität als das Signum unserer globalisierten Kultur – wunderbar beschrieben und erklärt bei und von Armin Nassehi.

Die ideale, weil „natürliche“ Organisationsform des Lernens ist eh und sowieso ein Netz, ein Lern-Netzwerk. Lernen ist ja eh und sowieso und ausdrücklich Vernetzungsarbeit von Bekanntem, Gewusstem und Unbekanntem durch lernende Subjekte, also Menschen, Gruppen von Menschen und Organisationen, die ja auch aus Menschen und deren Kommunikationen bestehen.

Lernen ist bewusst gesteuertes und reflektiertes Schaffen, Auffinden, Verwerfen, Nutzen und Vernetzen von Ressourcen jeglicher Herkunft und Art, um identifizierte Probleme zu lösen, und um sie als solche überhaupt identifizieren zu können. Was dabei in jedem Fall geschieht, ist erstens Vernetzung und zweitens Bildung. Wenn ich Lernen und Bildung als „Vernetzungsarbeit“ betrachte, als Lern-Arbeit an und in Netzwerken, dann ist der gesuchte Lernort keine Schule, sondern ein Knotenpunkt bzw. eine Verdichtung von Kontenpunkten in einem Netzwerk.

Lern-Netzwerke als Nachfolgerinnen traditioneller Schulsysteme sind denkbar einfache und sich ganz bewusst selbstorganisierende Formen der Organisation. Sie machen sich auf hohem Niveau das Phänomen der lebensweltlichen und systemisch wirkenden Kräfte von Selbstorganisation zunutze, wie sie seit vielen Jahren in etlichen Forschungen zu diesem Thema nachgewiesen werden. Belege dazu finden sich bei Frederic Laloux und Felix Frei für unternehmerische Kontexte, bei Noah Juval Harari für kulturelle Kontexte, bei John Erpenbeck und Rolf Arnold für Kontexte institutionalisierten Lernens. Sie alle verbindet m. E. eine Erkenntnis: Selbstorganisation stellen wir nicht her, weil sie bereits die Grundlage aller lebenden Systeme ist. Wir lernen sie vielmehr zu gestalten.

Die Werkzeuge für Schulen auf diesem Weg sind systemische Organisationsentwicklung und systemische Beratung – und zwar nicht so, wie es der traditionellen Schulperspektive entsprechen würde: nicht mehr länger im Sinne einer vermittelnden Form der Beratung, sondern dadurch, dass der Beratungsprozess selbst die Veränderung, sprich die Entwicklung einer Netzwerkkultur ist.

Mehr zum Thema „Lernen in Netzwerken“ hier.

Der Horror der rasant zunehmenden digitalen Spaltung

Wir schaffen uns da gerade – ähnlich wie beim Klima – eine der schlechtesten Ausgangslagen für die Gestaltung menschlichen Lebens in sozialen Kontexten. Wir erschaffen ganz neue Formen von „Ausschluss“, von versagter Teilhabe, von Unbildung, von Prekariat. Digitale Spaltung ist also nicht bloß unser zukünftig größtes Problem IN Bildung und Schule – sondern das Problem, das wir uns DURCH Schule und Bildung aufhalsen.

Titelbild: nobile-blog.de

Im Moment lese ich wieder Eva Illouz: „Die Errettung der modernen Seele“ und finde dort Anklänge an Bourdieus „Habitus“, Gedanken zur Frage, wie wir gesellschaftliche Teilhabe organisieren; durch welche Fähigkeiten Menschen der Teilhabe mächtig werden – und durch welche Mechanismen sie davon ausgeschlossen werden.

Ich stolpere dabei über diesen Satz der Soziologin Karin Knorr Cetina:

Bei unserem derzeitigen Verständnis von Gesellschaft neigen wir dazu, Wissen als eine Komponente des ökonomischen, sozialen und politischen Lebens zu betrachten. Wir können dieses Verhältnis aber auch umkehren und das soziale, politische und ökonomische Leben als integralen Bestandteil einer bestimmten Wissenskultur verstehen. … Wissenskulturen haben echte politische, ökonomische und soziale Folgen, die in Bezug auf gesellschaftliche Strukturen und Interessen und das Wirtschaftswachstum nicht neutral sind.

Culture in Global Knowledge Societies, in: Marc Jacobs u. Nancy Weiss Hanrahan (Hg.), The Blackwell Companion to the Sociology of Culture, Oxford 2005, S. 74

… und ich denke: Sie bescheibt hier auch den Hintergrund, auf dem sich das größer werdende Missverständnis über unsere Vorstellungen von Wissen im Digital Age und unseren Umgang damit bildet, denn: Wir sind mittendrin, eine Wissenskultur zu formen, die auf der „Digitalen Spaltung“ aufbaut, deren Anschwellen ich in dieser Grafik beschreibe:

Je weniger ein Mensch bzw. eine Organisation über lebendiges, dynamisches, anpassungsfähiges Wissen darüber verfügt, worum es sich bei eine „Kultur der Digitalität“ (siehe hierzu auch Felix Stalder) handelt, wie er und sie die mitgestaltet, wie sie in dieser Kultur ihren Platz finde, in ihr eine Identität ausbildet, wie sie erfolgreich kommuniziert, Netzwerke bildet, kuratiert, qualifiziert, umso stärker schließt sich dieser Mensch, schließt sich eine Organisation selber aus diesen Prozessen aus – und damit schneiden sie sich von der Teilhabe ab.

Diese Digitale Spaltung ist ein schwer durchschaubarer und zugleich folgenschwerer Prozess, der viel zu viele Menschen quer durch alle „Schichten“ von Bevölkerung hindurch von einer unumkehrbaren und nahezu vollzogenen Entwicklung ausschließt. Die Digitale Spaltung vergrößert sich derzeit in hohem Tempo und weitet sich aus auf alle gesellschaftlichen Bereiche.

Dramatische Ausmaße nimmt für mich derzeit das Tempo an, in dem sich diese Spaltung vollzieht, weil Schule und alle weiteren Bildungsinstitutionen durch ihre Weigerung, den Systemwechsel zu ermöglichen, diese Spaltung systematisch vorantreiben.

Derzeit vergrößert sich in einem Affenzahn der Abstand zwischen

  • den kulturellen Praktiken, die mit einer Kultur der Digitalität einhergehen,
  • dem Wissen, das zum aktiven Verstehen und Gestalten dieser Praktiken vorhanden und notwendig ist,
  • dem Zugang zu Informationen, die das Gerüst bzw. Netz einer Kultur der Digitalität bilden,
  • dem Bündel an Fähigkeiten, das es für diesen Zugang und die entsprechende kulturelle Praktik im Umgang damit braucht,
  • dem selbstverständlichen Umgang mit den neuen Praktiken von Interaktion, Kommunikation, Kollaboration und Wissensproduktion

und dem, was Schule und alle nachfolgenden Bildungsinstitutionen tun.

Schule und Bildung sorgen durch die konsequente Verweigerung eines Systemwechsels dafür, dass jungen Menschen Tag für Tag der Zugang zu und der selbstverständliche Umgang mit einer Kultur der Digitalität verwehrt bleibt.

Die für eine erfolgreiche Teilhabe an der neuen Kultur notwendigen Fähigkeiten, Mindsets, Einsichten und Sichtweisen bleiben aus der Schulbildung ausgeschlossen, was dazu führt, dass – bedingt durch die kulturellen Praktiken von Schule – ganze Generationen ausgeschlossen bleiben von der Teilhabe an der Kultur der Digitalität.

Wir schaffen uns da gerade – ähnlich wie beim Klima – eine der schlechtesten Ausgangslagen für die Gestaltung menschlichen Lebens in sozialen Kontexten. Wir erzeugen ganz neue Formen von „Ausschluss“, von versagter Teilhabe, von Unbildung, von Prekariat.

Digitale Spaltung ist also nicht bloß unser gegenwärtig größtes Problem in Bildung und Schule – sondern zukünftig das Problem, das wir uns heute durch Schule und Bildung aufhalsen.

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Warum die Schule demokratisch werden muss

Wenn Schule von Grund auf und als System die eigene Vorläufigkeit und Fehlbarkeit erkennt und anerkennt, wenn sie zulässt, dass sie in offenen Diskursen folgenschwer auf ihre Demokatiefähigkeit hin abgeklopft wird, wenn sie praktisch und pausenlos unter Beweis stellt, dass und wie sie jungen Menschen Angebote macht, die sie dabei unterstützen, demokratieaffin und demokratiefähig zu werden, wenn sie Reziprozität in ihr Selbstverständnis als bildende Institution eingeschrieben hat, und wenn jeder Mensch ganz grundsätzlich auch „Nein“ zu ihr sagen kann, dann ist sie als Schule auf dem Weg in eine demokratische Zukunft, die sie damit auch ganz fundamental ermöglicht – zusammen mit denen, die sie wollen.

Titelfoto

Schule kann nicht fehlen

Dieser Satz lässt mindestens zwei Deutungen zu. Ich kann ihn so interpretieren, dass die Schule unverzichtbar ist und in einer etwas altmodischen Lesart so, dass sie nicht fehlbar ist. Wie der Papst in Glaubensfragen. Zusammengenommen führen beide Deutungen in die Selbstreferenzialität jeder Argumentation über die Notwendigkeit von Schule. Sie bilden jene Voraussetzung, über die in den endlosen Diskussionen über Schule nicht noch einmal nachgedacht wird oder diskutiert. Wo und wann auch immer über Schule gesprochen wird, gilt unausgesprochen: Sie kann nicht fehlen. Was auch immer sie falsch macht – fehlen kann sie nicht.

Die unkontrollierte Kontrolle

Kein anderes kulturelles System ist in seiner Existenz wie in seiner Pragmatik so gründlich von der Reziprozität der Kontrolle ausgenommen, wie die Schule. Wann immer Schule in den Fokus von Kontrolle gerät, sind die Kontrolleure in irgendeiner Form selber Teil des Schulsystems.

Nirgendwo sonst (?) gibt es in demokratischen Gesellschaften ein System, das nichts anderes tut, als Menschen in seine Gegenwart zu zwingen, um sie zu bewerten und zu beurteilen, ohne selbst in diesen Kernprozessen von unabhängigen Instanzen bewertet und beurteilt zu werden, denn: Schule kann nicht fehlen. Sie ist „infallibel“, indem sie nicht nur auf normativer, materialer und struktureller Ebene selbstreferenziell darüber bestimmt, was sie tut, wie sie es tut und wie sie es richtig tut. Vielmehr (re-)produziert sie auf dieser Basis das Narrativ ihrer Unverzichtbarkeit (Alternativlosigkeit), also die erste angenommene Bedeutung von „Schule kann nicht fehlen“.

Verrückte Welt: Wo wir vor allem in D-A-CH pausenlos um Themen wie Privatsphäre, Datenschutz und den digitalen Kontrollverlust streiten, leisten wir uns eine Schule, in der junge Menschen ein einseitiges und absurdes Verständnis von Kontrolle entwickeln, weil sie in der Schule täglich damit konfrontiert sind und aufwachsen: mit einem einseitigen Command & Control Setting.

Schule ist nicht undemokratisch, sondern nicht-demokratisch

Das demokratische Prinzip lebt davon, dass es sich selbst nicht abschaffen kann. Deshalb unterliegen Parlamente und Regierungen einer regelmäßigen Kontrolle durch den Souverän, der auch eine Sie ist. Dieses Kontrollprinzip gilt nicht für Schule. Die demokratische Legitimierung ihres Handelns endet auf der Schwelle.

Auf dieser Basis realisiert und reproduziert Schule mentale und soziale Rahmenbedingungen, die dem Demokratieprinzip im Kern widersprechen. Im Vollzug ebenso wie in Struktur und Kontrolle. Sie ist ein nicht-demokratisches System, kein undemokratisches. Letzteres wäre sie, wenn sie schlechte Demokratie praktizieren würde, wie das z.B. Regierungen und Parlamente regelmäßig tun. Schule hingegen ist, was auch immer sie tut, nicht-demokratisch konstruiert. Sie unterliegt keiner demokratischen Legitimation, nur ihrer eigenen, die eine bürokratische ist. Als Schüler*in kann ich dieses System nicht verlassen. Herausgeholt werden von mündigen Eltern kann ich auch nicht, denn entscheidende Grundrechte der Bürgerinnen und Bürger sind durch die Schulpflicht ausgesetzt – wie sonst nur noch im Militär oder im Gefängnis.

Wir suchen derzeit händeringend nach Gründen und Zusammenhängen dafür, warum Demokratie merkwürdig dysfunktional erscheint und für sehr viele Menschen (links und rechts) gefühlt wirkungslos. Ein ganz offensichlicher Grund liegt für mich hier: In der Schule lernen wir durch den Rahmen und die Art, wie wir dort lernen, das Gegenteil von Demokratie als Funktionsprinzip sozialer Interaktion kennen und akzeptieren. Weil Schule von ihrer Wurzel her nicht-demokratisch ist, prägt sie am Fließband Haltungen, die vieles sind – außer demokratisch.

Was bedeutet für dich „demokratisch“?

Für mich bedeutet es, willens, motiviert und in der Lage zu sein, in diskursiven Prozessen und unter freiem Einsatz des eigenen Verstandes daran interessiert und darum bemüht zu sein, die Frage nach dem „Demokratischen“ gemeinsam und immer besser zu beantworten. Es bedeutet, sich dafür einzusetzen, dass dieser Diskurs so offen und heterogen wie möglich geführt werden und lebendig bleiben kann. Das ist für mich die Bedeutung von „demokratisch“, inklusive der auf diesem Weg immer wieder neu anzugehenden Klärung und Schärfung der Begriffe „freiheitlich“ und „rechtsstaatlich“ – dies alles unter Bedingungen, die das, was wir darunter verstehen, mindestens im Ansatz schon garantieren. Wobei in meiner Vorstellung von „demokratisch“ Bedingungen nichts gegebenes sind. Sie entstehen erst dadurch, dass wir sie forlaufend schaffen und reflektieren.

Diese Haltungen und Prozesse abzubilden und konsequent zu praktizieren, Menschen dabei zu unterstützen, diese Haltungen und Prozesse zu verstehen, sie zu verinnerlichen (Haltungen) und zu führen (Prozesse) – das ist in meinen Augen erste Pflicht und Aufgabe von Schule in sog. demokratischen Gesellschaften. Das Gegenteil wird heute praktiziert.

Wie Schule demokratisch wird

Woran ich erkenne, dass Schule auf dem Weg in eine demokratische Zukunft ist, und diese Zukunft auf diesem Weg ermöglicht – zusammen mit denen, die so eine ZUKUNFT wollen?

Wenn Schule als System ihre Vorläufigkeit und Fehlbarkeit erkennt und anerkennt, wenn sie sich vorbehaltlos einlässt auf die Begegnung und Auseinandersetzung mit allen Kräften, die Demokratie herausfordern und gestalten, wenn sie zulässt, dass sie in offenen Diskursen folgenschwer auf ihre Demokratiefähigkeit hin abgeklopft wird, wenn sie praktisch und pausenlos unter Beweis stellt, dass und wie sie jungen Menschen ECHTE Angebote macht, die sie dabei unterstützen, demokratieaffin und demokratiefähig zu werden, und wenn sie Reziprozität in ihr Selbstverständnis als bildende Institution eingeschrieben hat – und wenn jeder Mensch ganz grundsätzlich auch „Nein“ zu ihr sagen kann. Dann ist sie auf dem Weg.

Diese Schule und die Demokratie.

Und was hat das alles mit Ethik zu tun?

Unsere Vorstellungen von einem guten Leben unterscheiden sich ein wenig bis völlig. Also alles beliebig? Oder kommen wir gemeinsam auf einen grünen Zweig? Und wenn ja warum sollten wir das?

Manchmal taucht eher zart die Frage auf, was der digitale Overkill in Bildung und Ökonomie mit Ethik zu tun hat, oder unser fatales Konsumverhalten und all die anderen Buzzwords, die unser schlechtes Gewissen triggern. Kann Ethik da helfen? Und wenn ja wie?

Ich bin von Haus aus Ethiker. Mich interessiert schon immer, was ein gutes Leben ist und wie ich es verwirklichen kann. Wie wir das können als Angehörige einer Gemeinschaft, für die wir Verantwortung tragen. Was ist wann ein gutes Leben? Wodurch? Für wen? Und wer entscheidet das?

Wenn ich annehme, dass es das gute Leben tatsächlich gibt, dann nehme ich damit auch an, dass es das für mehr als einen Menschen gleichzeitig gibt. Ich merke recht schnell, dass sich unsere Vorstellungen von einem guten Leben ein wenig bis ganz voneinander unterscheiden (können). Bereits innerhalb derselben Familie, Wohngemeinschaft, oder am selben Bahnsteig gegenüber.

Das gute Leben

Tun wir also gut daran, die Frage nach dem guten Leben der Beliebigkeit zu überlassen? Ist diese Frage womöglich gar nicht zu entscheiden? Oder helfen womöglich Regeln weiter?

Von Geboten, Normen und Regeln haben wie ja mittlerweile mehr als genug. Ihre Wirksamkeit wird angesichts des „digitalen Kontrollverlusts“ sogar in Frage gestellt. Wer sie einhält oder nicht, das entzieht sich immer mehr der Überprüfbarkeit. Und heute gelten womöglich andere Regeln als morgen: „It’s VUCA time, folks!“ Das Misstrauen in Regulierung ist so groß wie der Ruf nach ihr. Die einen wollen immer mehr davon, damit das Leben besser wird, andere fordern deren Abbau mit demselben Ziel. Also doch „jeder seines Glückes Schmied“?

Ich vermute, dass wir tatsächlich keine Einigkeit (mehr) darüber hinkriegen, was ein gutes Leben ist. Trotzdem sollten wir uns zusammensetzen und die Frage gemeinsam erörtern. Wieso? Weil wir dann, wenn uns so ein Gespräch wirklich gelingt, etwas vom „guten Leben“ praktizieren. Menschen, die einander wohlgesonnen zuhören, die sich und ihren Vorstellungen von einem guten Leben gegenseitig Raum geben und Respekt zeigen, verwirklichen es damit bereits. Wie komme ich darauf?

Wenn wir auf eine bestimmte Weise unsere Vorstellungen vom guten Leben teilen, dann fangen wir damit an, unseren Lebensraum anders zu teilen als bisher. Wenn wir ein Gespräch darüber führen, wie für möglichst viele ein gutes Leben in ihrem Sinn möglich wird, dann machen wir uns den Lebensraum nicht gegenseitig streitig und kämpfen nicht um die besten Plätze. Wir nutzen diesen Raum dann um zu klären, wie wir ihn am besten gestalten – so, dass er für alle „reicht“ und lebenswert ist.

Womöglich steht das gute Leben dann nicht mehr als große Idee am Anfang seiner Verwirklichung. Womöglich ist es auch nicht das Ergebnis eines langwierigen Prozesses. Womöglich entsteht es durch eine bestimmte Art und Weise, wie wir miteinander umgehen und sprechen. Schwer genug.

Doch wir stechen uns dann nicht mehr länger gegenseitig aus mit konkurrierenden Vorstellungen vom guten Leben. Wir praktizieren es, indem wir ein Gespräch darüber am Laufen halten. Damit das funktioniert, richten wir unser Gespräch nach einer Maxime aus, die als „Goldene Regel“ bekannt ist. Mit dem kleinen Unterschied dass wir sie nicht als Erwartung an andere formulieren, sondern an uns selbst – ganz im Sinne einer Selbstverpflichtung.

Ich behandle andere so, wie ich von ihnen behandelt werden will.

Beziehungsweise: Was ich mir um Umgang anderer mit mir verbitte, versage ich mir selber im Umgang mit ihnen.

Das klappt doch nie in dieser Ego-Welt!

Das klappt nie, oder? Keine Ahnung. Wissen werden wir das erst am Ende dieses Gesprächs. Nicht an seinem Anfang und schon gar nicht, bevor wir es begonnen haben. Ob es funktioniert, erfahren wir nur, indem wir es ausprobieren. Indem wir einmal mehr nicht abbrechen als wir gerne abbrechen würden.

Wir müssen ja niemanden dazu verpflichten. Einladen geht auch. Und bei Einladungen entscheiden meistens drei Faktoren darüber, ob wir sie annehmen. Erstens, wer auch noch da ist. Also machen wir die Liste so attraktiv wie möglich. Zweitens, wie einladend das Ganze ist. Also „Menschlichkeit statt Moral“. Drittens, was es zu essen gibt. Also decken wir einen Tisch!

Beginnen würde ich das Gespräch über ein gutes Leben mit einer Selbstaussage: Wir erzählen einander, was wir uns unter einem guten Leben vorstellen und was wir schon alles unternommen haben, um ihm ein Stück näher zu kommen. Ich garantiere euch: Die Geschichten, die dann erzählt werden, hauen uns vom Hocker! Und wir hören sie uns an. Aufmerksam, empathisch, ganz Ohr.

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Welchen Sinn ergibt das?

Wir helfen uns gegenseitig in einem solchen Gespräch dabei, die eigenen Vorstellungen vom guten Leben zu schärfen, zu vertiefen und immer besser zu verstehen. Unaufdringlich und ohne zu urteilen. Wir helfen anderen, bei sich selbst anzukommen. Das ist eine Idee, die auch den Philosophen Emmanuel Lévinas umgetrieben hat.

Corinne Pellouchon, auch Philosophin, denkt mit Lévinas „über die ethische Notwendigkeit nach, die Andersartigkeit neu zu entdecken und wertzuschätzen. Ich meine wie er, dass die Erfahrung der eigenen Verwundbarkeit für die Wertschätzung des anderen bestimmend ist: Sie ist die einzige Gelegenheit, die wir haben, das Leiden anderer zu verstehen und uns für sie verantwortlich zu wissen.“ (Quelle)

Das klingt womöglich wuchtiger, als es ist. Ich sehe es einfach als einen Dialog der neuen Art. Einer, den womöglich immer mehr Menschen gerne führen, weil sie durch andere Anwesende erfahren, dass es um sie geht und um ihre Sehnsucht nach einem guten Leben. Eingeladen zu diesem Gespräch sind alle. Denn wir sollten möglichst viele Dimensionen eines gutes Lebens hörbar machen, aus möglichst vielen Perspektiven und Disziplinen.

Die Digitalisierung kann dabei aus technologischer Sicht eine große Hilfe sein. Sie ermöglicht uns, räumliche und zeitliche Distanz auszuschalten: über innere und äußere Kontinente und über Zeitzonen hinweg ins Gespräch zu kommen und im Gespräch zu bleiben.

Und wie lernen wir das?

Zuerst: Unsere eigene Idee und Vorstellung eines guten Lebens zu artikulieren, ist uns Menschen in die Wiege gelegt, denn nichts anderes ist die Triebfeder unseres Lebens. Das gute Leben ist über alle Ebenen unseres Daseins hinweg unsere große Sehnsucht: Kunst und Konsum sind ebenso Ausdruck dieser Sehnsucht wie Wissenschaft und Forschung.

Warum diese Vorbemerkung? Weil wir immer dann, wenn wir vom Lernen sprechen, davon ausgehen, dass wir am Ende des Lernens etwas können, das wir vorher noch nicht konnten. Ich gehe jedoch davon aus, dass es ein paar Sachen gibt, die wir als Menschen ganz grundsätzlich können, die wir jedoch gerade in bestimmten Lernumgebungen wieder verlernen. Das Zuhören zum Beispiel. Niemand hört intensiver hin und zu als Kinder. Niemand sieht genauer hin, untersucht hartnäckiger, geht den Dingen ernsthafter auf den Grund als Kinder. Das verlernen sie jedoch in Lernumgebungen, die das verkümmern lassen bzw. die es instrumentalisieren.

Was ich sagen will: Alles was ein Mensch braucht, um seine Frage nach dem guten Leben immer reichhaltiger und bunter zu beantworten, sind andere Menschen, die sich für diese Antworten interessieren. Dafür, was für dieses Kind, für jenen Jugendlichen, für welches konkrete Gegenüber auch immer, mit dem ich in einen Dialog verwickelt bin, ein gutes Leben ist. Dies immer angemessener zu artikulieren und zu verwirklichen, setzt das offene und interessierte Ohr voraus. Fertig.

Selbstverständlich sind in diesem Gespräch auch Fragen erlaubt. Nichts lädt mich mehr ein, über mein Innerstes zu erzählen, als eine Frage, die signalisiert: Ich bin an deiner Geschichte interessiert.

Jede Zuwendung, die als Bekehrung verstanden werden könnte, ist Misshandlung.

Martin Walser

Nicht schlecht wäre also eine Art von Bildungsethik, die ihre Wurzel in der Frage nach dem guten Leben hat und von hier aus fragt, was dann gute Bildung ist – und zwar indem sie das schützt und ermöglicht, was in jedem Menschen nicht nur der Möglichkeit nach angelegt ist, sondern sich vom ersten Atemzug an verwirklicht: Die Frage nach dem guten Leben.

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In Zeiten der digitalen Totaltransparenz fällt es womöglich schwer, eine Aufmerksamkeit, die sich ganz auf mich ausrichtet, als etwas Positives zu erleben. Zu stark ist der Reflex geworden, sich gegen Aufmerksamkeitsübergriffe zu schützen – und oft ist dieser Reflex wichtig. Zu wuchtig wird vielleicht auch die damit einhergehende Einladung erlebt, mich zu öffnen.

Kein Problem. Fangen wir doch deshalb einfach mal damit an, einander zu erzählen, was für uns ein gutes Leben ist.