Schule: Isolierstation in einer völlig vernetzten Welt

Schule: Isolierstation in einer völlig vernetzten Welt

Mein Eindruck ist, dass wir derzeit die traditionelle Trennung zwischen Schule und unseren anderen Lebens-, Arbeits- und damit auch Lernwelten vergrößern und zementieren – statt diese Trennung als den entscheidenden Risikofaktor für zukünftige Lebensentwürfe zu erkennen und deshalb nach und nach abzubauen – und klassische Schule durch Netzwerkstrukturen und Netzwerkprozesse zu ersetzen.

Wir verstehen Schulentwicklung nach wie vor nicht als Vernetzungsarbeit im Sinne einer Kultur der Digitalität, die bereits die meisten der alten Silostrukturen großräumig unterspült hat, und die ganz neue Kommunikationen erfordert, damit wir den steigenden Komplexitäts- und Geschwindigkeitsgraden gerecht werden. Schule, so der politische und pädagogische Wille, bleibt der abgeschlossene Raum, der sie immer war: „Abgrenzung“ ist und bleibt das Erkennungszeichen ihrer Pragmatik: sowohl gegen innen über Fächer, Jahrgänge, Räume und Zeiten, die alle das Paradigma des Abgrenzens zur Grundlage haben, als auch nach außen gegenüber institutionellen und individuellen Handlungsträger*innen unserer Gesellschaften. Schule ist und bleibt eine Isolierstation.

https://www.rmv-versicherung.de/projekt-rmv-stiftung-okt-17/

Auch die mehr als zaghaften, technologischen und kulturellen Veränderungen, die Schule (und Hochschule und Weiterbildung) im Kontext der digitalen Lern-, Lebens- und Arbeitskulturen im Moment mehr gezwungen als überzeugt an sich zulässt, führen nicht in eine Überwindung der Silokulturen, sondern werden ins Bestehende (Hierarchie, Kontrolle, Vermittlung, Zelebrieren von Regionallogiken) integriert.

Das System „Schule“ ist aus sich heraus nicht netzwerkfähig. Es ist geprägt vom hierarchischen, kontrollierenden und überwachenden Vermittlungscharakter (und -auftrag). Ob es sich nun um die Entwicklung und Zulassung sogenannter Lehrmittel handelt, um die Aus- und Weiterbildung von Lehrer*innen, oder um das Kerngeschäft des Unterrichtens oder um die Gestaltung von Schulbiografien: Kontrolle ist jeweils der absolute Primat.

Ihre Kommunikationen sind jederzeit zentral gesteuert – auch dort, wo sie temporär dezentral fungieren – wenn z.B. Lernende eine Zeit lang sich selbst überlassen werden mit der Begründung, das sei jetzt selbstorganisierendes Lernen, um diese Phasen am Ende durch einen entsprechenden Kontrollmechanismus der Lehrerin wieder zu reintegrieren.

Schule erhält ihre Identität und ihre Plausibilität bis heute ausnahmslos (!) aus einem Mindset und aus einer Struktur, die das Gegenteil dezentraler, kollaborativer und agiler Netzwerkkulturen darstellen. Dabei ist die klassische Art schulischer Funktionalität im Moment nur noch selbstreferenziell: Wir machen Schule so, damit wir Schule so machen können – und wir machen umso mehr davon (Command & Control), als die Umwelten des Schulsystems an Komplexität zunehmen: Wenn draußen das Virus der Agilität um sich greift, müssen wir drinnen die Anstrengungen um die Immunisierung erhöhen und verdichten.

Unser Bildungssystem weist damit dieselbe Denke und Struktur auf wie jene Techno-Giganten, die das ursprünglich dezentrale Internet korrumpiert haben:

Im Prinzip ist das Internet ursprünglich dezentral organisiert, denn es gehört niemandem. Allerdings werden wichtige Teile des Internets mittlerweile von zentralisierten Diensten zur Verfügung gestellt. Egal ob Internet-Service-Provider, Domain-Name-System, Suchmaschinen, E-Mail, Web-Hosting, soziale Medien oder die Cloud – sie alle laufen auf einer begrenzten Zahl von Servern, die von wenigen, dafür aber sehr großen Unternehmen kontrolliert werden.

https://t3n.de/news/web-3-der-anfang-vom-ende-der-plattformoekonomie-ist-dezentral-982153/

Hand in Hand mit Großanbietern wie Microsoft machen sich ganze Gesellschaften und ihre Teilsysteme völlig abhängig von VertreterInnen der Plattformindustrien und treiben dadurch das üble Spiel des Command & Control und der Abschottung auf immer höhere und komplexere Ebenen.

https://www.boyens-medien.de/artikel/dithmarschen/buesum-erste-bauplaene-der-schule.html

Auch wenn sich digitalisierungsaffine Lehrer*innen über ihre jeweiligen Schulen hinweg digital (z.B. via Twitter) bzw. durch analoge Konferenzformate (z.B. barcamps) treffen und austauschen, ist das kein Anzeichen für eine Veränderung des Schulsystems in Richtung einer Netzwerkkultur, so wenig WOL-Circles, in denen sich Mitarbeiter von Unternehmen über einen gewissen Zeitraum hinweg zu lernenden Teams verbinden, zu einer Veränderung in Organisationsaufbau und -ablauf führen.

Schule als Lern-Netzwerk

Vernetzungsarbeit wird für Schule nur wirksam, wenn sich Schule konsequent als System zu vernetzen beginnt. Schulen kommen nur und erst dann auf den Weg in die Kultur der Digitalität, wenn sie sich selber als Systeme auf den Weg machen, nicht indem sie einzelne Lehrer*innen oder diese engagierten Leute sich selbst auf Kurse schicken. Schulen müssen selber als Organisationen zur Netzwerken werden: konkrete Schulen sich als ein Netzwerk aus Netzwerken verstehen, sich als Schule je und je dezentralisieren, sprich: als Schule lernen, sich selbst als anpassungsfähige, offene und dezentrale Struktur zu begreifen und entsprechende Funktion(alität)en zu etablieren.

Wieso das? Weil die selbstorganisierende (!) Modellierung von Lern-Netzwerken eine Antwort auf die Bedürfnisse sowohl zukünftiger Menschen als auch zukünftiger Lebens- und Arbeitswelten ist, die anders gar nicht mehr gesteuert und organisiert werden können als durch selbstorganisierte Lern- und Arbeitsnetzwerke. Der Grund dafür wiederum ist die Komplexität als das Signum unserer globalisierten Kultur – wunderbar beschrieben und erklärt bei und von Armin Nassehi.

Die ideale, weil „natürliche“ Organisationsform des Lernens ist eh und sowieso ein Netz, ein Lern-Netzwerk. Lernen ist ja eh und sowieso und ausdrücklich Vernetzungsarbeit von Bekanntem, Gewusstem und Unbekanntem durch lernende Subjekte, also Menschen, Gruppen von Menschen und Organisationen, die ja auch aus Menschen und deren Kommunikationen bestehen.

Lernen ist bewusst gesteuertes und reflektiertes Schaffen, Auffinden, Verwerfen, Nutzen und Vernetzen von Ressourcen jeglicher Herkunft und Art, um identifizierte Probleme zu lösen, und um sie als solche überhaupt identifizieren zu können. Was dabei in jedem Fall geschieht, ist erstens Vernetzung und zweitens Bildung. Wenn ich Lernen und Bildung als „Vernetzungsarbeit“ betrachte, als Lern-Arbeit an und in Netzwerken, dann ist der gesuchte Lernort keine Schule, sondern ein Knotenpunkt bzw. eine Verdichtung von Kontenpunkten in einem Netzwerk.

Lern-Netzwerke als Nachfolgerinnen traditioneller Schulsysteme sind denkbar einfache und sich ganz bewusst selbstorganisierende Formen der Organisation. Sie machen sich auf hohem Niveau das Phänomen der lebensweltlichen und systemisch wirkenden Kräfte von Selbstorganisation zunutze, wie sie seit vielen Jahren in etlichen Forschungen zu diesem Thema nachgewiesen werden. Belege dazu finden sich bei Frederic Laloux und Felix Frei für unternehmerische Kontexte, bei Noah Juval Harari für kulturelle Kontexte, bei John Erpenbeck und Rolf Arnold für Kontexte institutionalisierten Lernens. Sie alle verbindet m. E. eine Erkenntnis: Selbstorganisation stellen wir nicht her, weil sie bereits die Grundlage aller lebenden Systeme ist. Wir lernen sie vielmehr zu gestalten.

Die Werkzeuge für Schulen auf diesem Weg sind systemische Organisationsentwicklung und systemische Beratung – und zwar nicht so, wie es der traditionellen Schulperspektive entsprechen würde: nicht mehr länger im Sinne einer vermittelnden Form der Beratung, sondern dadurch, dass der Beratungsprozess selbst die Veränderung, sprich die Entwicklung einer Netzwerkkultur ist.

Mehr zum Thema „Lernen in Netzwerken“ hier.

„Ach wie gut, dass niemand weiß …“ (M)ein Rückblick auf 20 Jahre Leben & Arbeiten in der Schweiz

Titelbild: Papageno Musiktheater/rheinmain4family.de

Sauber, innovativ, international, urdemokratische Strukturen. Landschaftlicher Traum. Hohe Löhne, niedrige Steuern. Geopolitisch optimal gelegen: eingebettet ins Zentrum des reichen Europa, und zugleich abgegrenzt durch den Anspruch der Neutralität. Hervorragende öffentliche (Infra-)Struktur, Sicherheit, wohin das Auge reicht. Die rechtsnationalen Tendenzen sind politisch eingebunden. Freundliche und unaufdringliche Menschen gehen vor allem ihrer Arbeit nach, von der es noch immer ausreichend gibt.

Ist die Schweiz ein Paradies – oder ein perfektes Beispiel für den Rumpelstilzchen-Effekt? Denn der Preis für diese paradiesischen Zustände ist hoch. Nicht nur gemessen in Schweizerfranken, der in absurder Höhe verharrt, sondern vor allem kulturell.

Was zeigt und erzählt die Schweizer Kultur über sich selbst einem Beobachter, der zwei Jahrzehnte hier lebt und arbeitet, und der dabei fremd bleibt? Was kann der überhaupt „sehen“? Ein belesener Schweizer Ethnologe hat mir vor Jahren einmal gesagt, dass dir eine fremde Kultur umso fremder wird, je länger du in ihr lebst. Damit hat er eine Erfahrung artikuliert, die mich in der Schweiz stets begleitet hat, und die ich bis dahin nicht artikulieren konnte. Auch hielt ich die Fremdheit, die unsichtbare Wand zwischen mir und der Schweizer Kultur und Lebenswelt bis heute eher als eine Unfähigkeit meinerseits mich zu integrieren.

Hat diese kulturelle „Wand“ Methode? Ist sie der Preis, den die Schweiz bezahlt, um weiterhin Stroh zu Gold zu spinnen und zugleich alles beim alten zu lassen – auch wenn dieser Preis dabei immer höher wird? Im Märchen vom Rumpelstilzchen fordert der Zwerg gegen Ende sogar das Kind der Königin – eine Metapher für die „Zukunft des Reiches“. Er fordert es als Tribut, um das Erfolgsgeheimnis zu wahren, das mir übrigens sehr patriarchal vorkommt. Dieses Märchen kann durchaus als Urahn des „vom Tellerwäscher zum Millionär“-Narrativs gelesen werden. Eine durch und durch männliche Erzählung, die in meinen Augen vor allem eine Story über Ausbeutung ist.

Die Schweiz und der kulturelle Wandel

Zurück zur Schweiz. Ich habe sie als eine Kultur erlebt, deren Stabilität auf einem Tabu basiert, und zwar in dem Sinn, wie Sigmund Freud es in seiner kulturtheoretischen Schrift „Totem und Tabu“ beschrieben hat: Die Tabuisierung bestimmter Bedürfnisse und Triebe in der kulturellen Kommunikation wirkt konstituierend, stabilisierend und selbsterhaltend. Kurz: Was wir nicht kommunizieren, das macht uns aus.

In der Schweiz ist das der Konflikt. Er ist tabu.

Was ich in der Schweizer Unternehmens-, Bildungs- und Politiklandschaft als erstes beliefern muss, ist das Bedürfnis nach Konsens, nach Harmonie und nach dem Kompromiss. Durch diese drei Schleusen („Tore“) muss ich durch, bevor ich überhaupt in der Eingangshalle stehe. Was diesen drei zuwider läuft, kommt nicht in die Tüte. Es wird durchgereicht: “Göschenen – Airolo“, sagen die Schweizer*innen, wenn sie auf Durchzug schalten – in Anlehnung an die beiden Portale des Gotthardtunnels. Schon die Wahrscheinlichkeit von „Konflikt“ – z. B. als Anzeichen einer „Krise“ – ist zu vermeiden. Sie stellen sich tot.

Nun ist jedoch jede „Krise“ immer auch ein Anzeichen und eine Voraussetzung für Entwicklung, und weil Strategien der Konfliktvermeidung in der Schweiz die Oberhand haben, tritt sie kulturell gesehen auf der Stelle, ohne das wiederum handlungs- und entwicklungsrelevant thematisieren zu können, denn das würde direkt in Konflikte führen – und auch Konflikte über Konfliktvermeidung sind zu vermeiden. Der Wecker, der jüngst im Fahrwasser der Thüringer Landtagswahl ohrenbetäubend geschellt hat – in der Schweiz ist der konsequent auf stumm geschaltet.

Nichts gegen den Wunsch und das Bedürfnis nach Harmonie, Konsens und Konstanz. Wenn die sich jedoch zu Prinzipien auswachsen, die das Denken und Handeln als Geiseln nehmen, dann liefere ich mich als Land und Gesellschaft der kulturellen Stagnation aus – umgeben von und doch „irgendwie“ auch angewiesen auf eine Welt, in der gerade nichts anderes stattfindet als kultureller Wandel – und eine Menge Konflikt. Mein Bild dazu: Die Königstochter, die in ihrer Kemenate brav am Spinnen ist, und die Welt da draußen den großen Jungs überläßt.

Erste Schweizer Pflicht ist es, den Status Quo zu bewahren. So jedenfalls mein Eindruck. Blind für die kulturellen Optionen des Hier und Jetzt. Als typisch dafür habe ich über 20 Jahre hinweg die Verweigerung einer wirklichen kulturellen Gleichstellung von Mann und Frau erlebt. Ein vielsagendes Beispiel ist hier der „Vaterschaftsurlaub“ als Miniaturausgabe des „Mutterschaftsurlaubs“. Es spiegelt den ungebrochenen Paternalismus wider, der die DNA der Schweizer Kultur bis heute prägt, und der womöglich eine der Wurzeln des helvetischen Beharrungswillens bildet.

In diesem Geist unterwirft sich die Schweiz ganz und gar einem harten Funktionalismus: Gut ist, was den Bestand des Bestehenden garantiert,

unter Ausschaltung der Frage, wozu denn das alles gut ist, welche Funktion, die nicht selbst wieder die Funktion von etwas ist, das alles nun haben soll.

Buchinger/Klinkhammer: Beratungskompetenz, S. 141

Über diese Frage zu sinnieren, ist in der Schweiz dem privaten Meinungslotto überlassen, das mittlerweile auch den Feuilleton in sich aufgesaugt hat. Es ist schwierig geworden, einen Journalismus zu finden, der nicht schon persönlicher Kommentar des Schreibenden ist – und die sterilisierten Geisteswissenschaften sind zu Drittmittelpumpen mutiert (wem haben sie das nun wieder nachgemacht?). Das Narrativ dahinter: Wir vermeiden jeglichen gesellschaftlichen Konflikt über den Sinn von Gesellschaft in der Absicht, sie dadurch zu erhalten.

Das Sicherheitsbedürfnis, das sich in der Schweiz auf einem extrem hohen Sicherheitsniveau austobt und pausenlos Ängste vor Sicherheitsverlust produziert, hat in eine kulturelle Erstarrung geführt: Oben werden (wenn überhaupt) gegenwartsfremde Entscheidungen getroffen, die dann unten, wo vor allem malocht wird, irgendwie und bis zur nächsten Entscheidung umgesetzt werden sollen. Den Kollateralschaden fängt eine Coaching-, Supervisions-, Therapie- und Berater*innenbranche auf, die in der Schweiz eine zertifizierte Dichte aufweist, wie sie auf so engem Raum einmalig ist auf der Welt. In der schrumpfenden gesellschaftlichen Mitte, wo sich die von oben und die von unten hier und da über den Weg laufen (z. B. am Bundesfeiertag, oder bei einem der zahlreichen Apéros), sind dann aber alle lieb zueinander. Keine Konflikte bitte.

Wenn die Angst die Bedrohung auslöst

Klar kann einem der momentane Zustand der Welt Angst machen. Und solche Angst ist alles andere als irrational. Sie ist eine Ressource, die hilft, Veränderung in Situationen anzugehen, die unausweichlich sind. Eine reale Bedrohung löst Angst aus als Aufforderung einen Weg zu finden, mit ihr umzugehen. In der Schweiz habe ich es umgekehrt erlebt. Hier löst nicht die Bedrohung Angst aus, sondern Angst die Bedrohung. Nahezu unabhängig von Situationen und Kontexten gereicht der Angst alles, was nicht an seinem Platz ist, zum Auslöser. Also gilt: Nicht bewegen. Einfach weiterspinnen. Mehr Stroh zu mehr Gold.

Auf diesem Nährboden macht sich jetzt in der Organisationsberatung das Konzept der „psychologischen Sicherheit“ breit. Es propagiert sichere soziale Rahmenbedingungen als Voraussetzung für Lernen & Entwicklung. Für Veränderung. Das ist ein nächster geschickter Schachzug der Konfliktvermeidungskultur. Ein Konzept, dem schon die (unangenehme aber) simple Erfahrung gegenüber steht, dass Lernen, zumindest jenes, das zu einem Zuwachs an Kompetenz und an Resilienz („Zukunftsreserven“) führt, nur über Verunsicherung möglich ist, neudeutsch „Labilisierung“.

Solches und jedes Lernen findet nicht aus einer Sicherheit heraus statt (warum sollte es auch), sondern aufgrund von Verunsicherung. Ich vermute: Der laute Ruf nach Sicherheit will einen wesentlichen Auslöser und Anlass für Entwicklung vermeiden:

Kompetenzentwicklung heißt auch ein Aufbrechen von Stabilität. Nach der Selbstorganisationstheorie … ist Störung nicht mehr länger eine Irritation bestehender Ordnung, sondern notwendige Voraussetzung für das Entstehen neuer Ordnung. Die Selbstorganisationstheorie belegt, dass komplexe Ordnungsbildung in der Natur an Phasen von Instabilität gebunden ist. Genau diese „emotionale Labilisierung“ passiert auch bei der Kompetenzentwicklung. Durch den Umgang mit kritischen Situationen oder das Durchleben von Grenzerfahrungen passiert in aller Regel die größte und nachhaltigste Kompetenzentwicklung. Es gibt keine Kompetenzentwicklung ohne emotionale Labilisierung.

Rarrek/Werner (2012): Die Krux mit den Fähigkeiten, in: J. Erpenbeck (Hrsg.) Der Königsweg zur Kompetenz. Grundlagen qualitativ-quantitativer Kompetenzerfassung. Münster u.a.: Waxmann, S. 48.

Davon ist die Schweizer Kultur m. E. noch weit entfernt. Nirgendwo habe ich stärker erfahren, wie Wandel & Veränderung einem Sicherheitsbedürfnis und dem Drang nach Konsens und Harmonie geopfert werden, als im Bildungssystem.

Als Lehrer in allen Schularten und später als Kurzzeitrektor eines Privatgymnasiums habe ich erlebt: Das System ist nicht in der Lage, die Potenziale junger Menschen zu diagnostizieren und zu fördern. Schule versäumt es konsequent, sich entsprechend aufzustellen und zu organisieren. Als Lehrbeauftragter für die didaktische Ausbildung habe ich realisiert: Die Entwicklung entsprechender Diagnosekompetenz bei Lehrenden findet praktisch nicht statt. In diesem Kontext sei als Erfahrungsbericht das Buch von Maximilian Janisch empfohlen, dessen Odyssee durch das Schweizer Schul- und Hochschulsystem ich selber miterlebt habe.

Der Argwohn, der ihm und seinen Eltern aus dem Schulsystem entgegenschlug, war für mich bis dahin ohne Vergleich. Heute weiß ich: Er war nur ein extremes Beispiel für den Unwillen, Schule und Bildung vom Kind aus zu denken, wie das Remo Largo schon lange fordert. Hier ein Interview, das ich vergangenes Jahr mit Maximilian führen durfte.

Die Schweizer Kultur (nicht bloß die Bildungs- und Erziehungskultur) steht sich da selber im Weg mit einer Tradition der Gleichmacherei, mit ihrem Unvermögen, in pädagogischen und erzieherischen Kontexten einen wertschätzenden Umgang mit Individualität und mit der Entwicklung von Persönlichkeit zu finden – denn das würde unvermeidlich in entsprechende Konflikte führen, die mit der Ausbildung von Individualität und Persönlichkeit untrennbar verbunden sind.

Das fällt der Schweiz mittlerweile bleischwer auf die Füße. Ihrem Schulsystem will es nicht gelingen, junge Leute während ihrer Bildungszeit konsequent beim Entdecken und Entfalten ihrer Potenziale zu unterstützen, damit sie sich für Zukunftsthemen und Zukunftsberufe begeistern und befähigen, die für die Schweiz überlebensnotwendig sind – nicht zuletzt im Kontext zivilgesellschaftlichen Engagements und politischer Ämter auf allen Ebenen, die offenbar nur noch mit Mühe besetzt werden können.

… viele Gemeinden bekunden Mühe, Freiwillige dafür zu finden, die erst noch geeignet für das Amt sind.

swissinfo – 24.5.2019

Der Hinweis auf die Tatsache, dass es im umliegenden Ausland ähnliche Entwicklungen gibt (reflexartig: „Die Deutschen sind ja auch nicht besser.“), ist da nur eine billig(end)e Ausrede.

Warum tut sich die Schweiz das an?

Für mich ist bis heute unbegreiflich, wie die Schweiz all jenen Chancen, die ihr pausenlos wie gebratenes Geflügel in den Mund flattern wollen, geschickt ausweicht. Welches andere Land hat denn eine bessere oder auch nur vergleichbar gute geopolitische, infrastrukturelle und finanzielle Ausgangslage wie die Schweiz? Warum opfert sie die Möglichkeiten einer echten Innovationskultur ihrem sturen Beharrungswillen? Es reicht schon lange nicht mehr, sich mit den Quartalszahlen & Patenten internationaler Unternehmen zu schmücken, die sich lächelnd ein Schweizerkreuz ans Revers heften.

Die Schweiz blutet aus, wenn sie sich mit Innovationen schmückt, die sich dort nur einmieten, und wenn sie die Löcher in den Zukunftsbranchen bloß durch den Einkauf von Arbeitskraft stopft. Es braucht andere Antworten auf die Frage, was übrigbleibt an Sinn und Identität, an Gemeinschaft und an Identifikation, wenn der Import an Wertschöpfung und ökonomischer Zukunftskraft seine Grenze erreicht hat. Auch führt es in keine gute Zukunft, wenn die eigene Jugend, wenn das menschliche Potenzial eines Landes durch ein reformunwilliges Schul- und Hochschulsystem gepresst wird, wo statt Zukunftskompetenzen überholte Menschen- und Gesellschaftsbilder im Zentrum stehen.

Der Fachkräftemangel in der Schweiz hat zugenommen: Die Situation in den Berufen mit dem grössten Fachkräftemangel hat sich im Vergleich zum Vorjahr nochmals akzentuiert. Unternehmen fällt es im Jahr 2019 damit noch schwerer, für die betroffenen Berufe geeignetes Personal zu finden, als noch vor einem Jahr.

Stellenmarkt-Monitor der Uni Zürich vom 28.11.2019

Nur wer Bildung jetzt radikal neu erfindet, hat als Kultur eine Überlebenschance. Arbeitskraft kann ich als reiches Land einkaufen, Kultur nicht. Hier hat die Schweiz als kleine Volkswirtschaft mit kurzen Entscheidungswegen und einem eher pragmatischen Approach in Entscheidungsfragen die Chance auf einen enormen Vorsprung, weil ja der gesamte sie umgebende Kulturraum in Sachen Bildung völlig gelähmt ist.

Warum nutzt die Schweiz diese Chance nicht? Warum überlässt sie die kulturelle Zukunftsplanung einer Altherren- und Altdamenriege in einem Parlament, das unter dem Deckmantel alpenländischer Urdemokratie zu einem Lobbyistentempel mutiert ist? Die Schweizerinnen und Schweizer lassen das geschehen bzw. stimmen sogar regelmäßig dafür, dass es so bleibt.

Quelle

Mein Fazit: Der Schweiz steht nichts und niemand im Weg außer sie sich selbst.

Die Lösung?

Im Märchen vom Rumpelstilzchen ist die Lösung ergreifend einfach: Die Dinge beim Namen nennen. Was ich benennen kann, verliert seine absolute Macht über mich. Dadurch öffne ich mir eine Tür aus der Rolle der Passivität. Ich bilde und erfahre einen Unterschied zwischen dem Nichtwissen, das mich hilflos und abhängig macht von Vermutungen, Gerüchten, Fakes (Wie heißt der Zwerg bloß?) und einem Wissen, das mir Unabhängigkeit von Tabuisiertem emöglicht. Das wirkt emanzipatorisch. Es eröffnet Perspektiven, Alternativen, Handlungsfreiheiten. Es macht Angst handhabbar.

Dabei geht es offenbar weder um reine Information, die wir einfach korrekt wiederzugeben hätten wie in der Schule oder bei „Wer wird Millionär?“, wo wir von vier Alternativen die richtige auszuwählen haben. Es geht auch nicht um empirisches Wissen, von dem wir ja mehr als genug haben, ohne dass wir spürbar vom Fleck kommen würden.

Es geht nicht um ein Wissen, das mir Macht über andere verleihen würde – sondern um eines, das mich aus der Opferrolle holt, indem es den Einfluss fremder Macht über mich schlagartig beendet. Es geht um Befreiung. Von hier aus ist dann alles möglich.

Farewell Switzerland.

Warum die Schule demokratisch werden muss

Schule kann nicht fehlen

Dieser Satz lässt mindestens zwei Deutungen zu. Ich kann ihn so interpretieren, dass die Schule unverzichtbar ist und in einer etwas altmodischen Lesart so, dass sie nicht fehlbar ist. Wie der Papst in Glaubensfragen. Zusammengenommen führen beide Deutungen in die Selbstreferenzialität jeder Argumentation über die Notwendigkeit von Schule. Sie bilden jene Voraussetzung, über die in den endlosen Diskussionen über Schule nicht noch einmal nachgedacht wird oder diskutiert. Wo und wann auch immer über Schule gesprochen wird, gilt unausgesprochen: Sie kann nicht fehlen. Was auch immer sie falsch macht – fehlen kann sie nicht.

Die unkontrollierte Kontrolle

Kein anderes kulturelles System ist in seiner Existenz wie in seiner Pragmatik so gründlich von der Reziprozität der Kontrolle ausgenommen, wie die Schule. Wann immer Schule in den Fokus von Kontrolle gerät, sind die Kontrolleure in irgendeiner Form selber Teil des Schulsystems.

Quelle: Google

Nirgendwo sonst (?) gibt es in demokratischen Gesellschaften ein System, das nichts anderes tut, als Menschen in seine Gegenwart zu zwingen, um sie zu bewerten und zu beurteilen, ohne selbst in diesen Kernprozessen von unabhängigen Instanzen bewertet und beurteilt zu werden, denn: Schule kann nicht fehlen. Sie ist „infallibel“, indem sie nicht nur auf normativer, materialer und struktureller Ebene selbstreferenziell darüber bestimmt, was sie tut, wie sie es tut und wie sie es richtig tut. Vielmehr (re-)produziert sie auf dieser Basis das Narrativ ihrer Unverzichtbarkeit (Alternativlosigkeit), also die erste angenommene Bedeutung von „Schule kann nicht fehlen“.

Verrückte Welt: Wo wir vor allem in D-A-CH pausenlos um Themen wie Privatsphäre, Datenschutz und den digitalen Kontrollverlust streiten, leisten wir uns eine Schule, in der junge Menschen ein einseitiges und absurdes Verständnis von Kontrolle entwickeln, weil sie in der Schule täglich damit konfrontiert sind und aufwachsen: mit einem einseitigen Command & Control Setting.

Bild von Jonny Lindner auf Pixabay

Schule ist nicht undemokratisch, sondern nicht-demokratisch

Das demokratische Prinzip lebt davon, dass es sich selbst nicht abschaffen kann. Deshalb unterliegen Parlamente und Regierungen einer regelmäßigen Kontrolle durch den Souverän, der auch eine Sie ist. Dieses Kontrollprinzip gilt nicht für Schule. Die demokratische Legitimierung ihres Handelns endet auf der Schwelle.

Auf dieser Basis realisiert und reproduziert Schule mentale und soziale Rahmenbedingungen, die dem Demokratieprinzip im Kern widersprechen. Im Vollzug ebenso wie in Struktur und Kontrolle. Sie ist ein nicht-demokratisches System, kein undemokratisches. Letzteres wäre sie, wenn sie schlechte Demokratie praktizieren würde, wie das z.B. Regierungen und Parlamente regelmäßig tun. Schule hingegen ist, was auch immer sie tut, nicht-demokratisch konstruiert. Sie unterliegt keiner demokratischen Legitimation, nur ihrer eigenen, die eine bürokratische ist. Als Schüler*in kann ich dieses System nicht verlassen. Herausgeholt werden von mündigen Eltern kann ich auch nicht, denn entscheidende Grundrechte der Bürgerinnen und Bürger sind durch die Schulpflicht ausgesetzt – wie sonst nur noch im Militär oder im Gefängnis.

Wir suchen derzeit händeringend nach Gründen und Zusammenhängen dafür, warum Demokratie merkwürdig dysfunktional erscheint und für sehr viele Menschen (links und rechts) gefühlt wirkungslos. Ein ganz offensichlicher Grund liegt für mich hier: In der Schule lernen wir durch den Rahmen und die Art, wie wir dort lernen, das Gegenteil von Demokratie als Funktionsprinzip sozialer Interaktion kennen und akzeptieren. Weil Schule von ihrer Wurzel her nicht-demokratisch ist, prägt sie am Fließband Haltungen, die vieles sind – außer demokratisch.

Photo by Stas Knop from Pexels

Was bedeutet für dich „demokratisch“?

Für mich bedeutet es, willens, motiviert und in der Lage zu sein, in diskursiven Prozessen und unter freiem Einsatz des eigenen Verstandes daran interessiert und darum bemüht zu sein, die Frage nach dem „Demokratischen“ gemeinsam und immer besser zu beantworten. Es bedeutet, sich dafür einzusetzen, dass dieser Diskurs so offen und heterogen wie möglich geführt werden und lebendig bleiben kann. Das ist für mich die Bedeutung von „demokratisch“, inklusive der auf diesem Weg immer wieder neu anzugehenden Klärung und Schärfung der Begriffe „freiheitlich“ und „rechtsstaatlich“ – dies alles unter Bedingungen, die das, was wir darunter verstehen, mindestens im Ansatz schon garantieren. Wobei in meiner Vorstellung von „demokratisch“ Bedingungen nichts gegebenes sind. Sie entstehen erst dadurch, dass wir sie forlaufend schaffen und reflektieren.

Diese Haltungen und Prozesse abzubilden und konsequent zu praktizieren, Menschen dabei zu unterstützen, diese Haltungen und Prozesse zu verstehen, sie zu verinnerlichen (Haltungen) und zu führen (Prozesse) – das ist in meinen Augen erste Pflicht und Aufgabe von Schule in sog. demokratischen Gesellschaften. Das Gegenteil wird heute praktiziert.

Wie Schule demokratisch wird

Woran ich erkenne, dass Schule auf dem Weg in eine demokratische Zukunft ist, und diese Zukunft auf diesem Weg ermöglicht – zusammen mit denen, die so eine ZUKUNFT wollen?

Wenn Schule als System ihre Vorläufigkeit und Fehlbarkeit erkennt und anerkennt, wenn sie sich vorbehaltlos einlässt auf die Begegnung und Auseinandersetzung mit allen Kräften, die Demokratie herausfordern und gestalten, wenn sie zulässt, dass sie in offenen Diskursen folgenschwer auf ihre Demokratiefähigkeit hin abgeklopft wird, wenn sie praktisch und pausenlos unter Beweis stellt, dass und wie sie jungen Menschen ECHTE Angebote macht, die sie dabei unterstützen, demokratieaffin und demokratiefähig zu werden, und wenn sie Reziprozität in ihr Selbstverständnis als bildende Institution eingeschrieben hat – und wenn jeder Mensch ganz grundsätzlich auch „Nein“ zu ihr sagen kann. Dann ist sie auf dem Weg.

Diese Schule und die Demokratie.

Warum wir die großen Entscheidungen nicht treffen

Auf den ersten Blick scheint es einen hohen Entscheidungsdruck zu geben angesichts

  • der sich zuspitzenden Klimakrise
  • des zunehmende Rechtsradikalismus
  • der Verrohung der Kommunikation in den Sozialen Medien
  • des aufblühenden Nationalismus
  • der Konzept- und Visionslosigkeit der Politik
  • des Kontrollverlusts über Daten, Wissen und Privatleben
  • der zunehmend totalitären Überwachung
  • des sukzessiven Verschwindens menschlicher Arbeit
  • des sturen Beharrens eines sklerotischen Bildungssystems

Manche vermuten, dass wir einen regelrechten Entscheidungsstau haben. Doch dem ist nicht so. Im Gegenteil. Wir sind noch gar nicht an dem Punkt angekommen, wo wir uns im privaten, öffentlichen und ökonomischen Sektor dafür entschieden hätten, dass wir bestimmte Entscheidungen zu treffen haben. Wir stecken nicht im Stau. Wir sind noch nicht einmal losgefahren.

Bild von Pexels auf Pixabay

Wir erfassen diesen Supergau nicht als genuine Entscheidungs-Situation, weil wir uns nicht dafür entscheiden, ihn als solche zu erkennen. Deshalb halten wir es gar nicht für nötig uns zu entscheiden.

Darum treffen wir keine.

Wenn du dich tatsächlich entscheiden willst, dann musst du dich, so scary das klingen mag, zuerst einmal dafür entscheiden dich zu entscheiden. Du musst zuerst aus der Situation, in der du steckst, eine Entscheidungssituation machen. Das gilt für all jene Fälle, in denen (Achtung Metapher!) dir nicht jemand eine Knarre an den Kopf hält und abzudrücken droht, wenn du dich nicht sofort entscheidest. Es gilt also in praktisch allen Fällen.

Die Entscheidung für eine Entscheidung kommt immer zuerst. Und sie kommt von dir. Da geht es noch gar nicht um die Optionen, die du draußen in der Welt vorfindest. Ob hier und jetzt eine Entscheidung zu treffen ist, entscheiden nicht die Umstände. Das entscheidest du. Ob etwas eine Option ist, entscheidet sich erst im Horizont einer Entscheidung, für die du dich entschieden hast.

Krasses Beispiel zur Verdeutlichung: Wenn jemand die Angehörigen einer anderen Religion oder Nationalität als „niedere Tiere“ betrachtet, dann kommt er (seltener sie) gar nicht in die Situation, in der er entscheiden müsste, ob er sie wie Menschen behandeln soll oder nicht, weil es für ihn (seltener sie) da gar nichts zu entscheiden gibt.

Wir können auch anders. Wenn wir uns dafür entscheiden.

Und was hat das alles mit Ethik zu tun?

Manchmal taucht eher zart die Frage auf, was der digitale Overkill in Bildung und Ökonomie mit Ethik zu tun hat, oder unser fatales Konsumverhalten und all die anderen Buzzwords, die unser schlechtes Gewissen triggern. Kann Ethik da helfen? Und wenn ja wie?

Ich bin von Haus aus Ethiker. Mich interessiert schon immer, was ein gutes Leben ist und wie ich es verwirklichen kann. Wie wir das können als Angehörige einer Gemeinschaft, für die wir Verantwortung tragen. Was ist wann ein gutes Leben? Wodurch? Für wen? Und wer entscheidet das?

Wenn ich annehme, dass es das gute Leben tatsächlich gibt, dann nehme ich damit auch an, dass es das für mehr als einen Menschen gleichzeitig gibt. Ich merke recht schnell, dass sich unsere Vorstellungen von einem guten Leben ein wenig bis ganz voneinander unterscheiden (können). Bereits innerhalb derselben Familie, Wohngemeinschaft, oder am selben Bahnsteig gegenüber.

Das gute Leben

Tun wir also gut daran, die Frage nach dem guten Leben der Beliebigkeit zu überlassen? Ist diese Frage womöglich gar nicht zu entscheiden? Oder helfen womöglich Regeln weiter?

Von Geboten, Normen und Regeln haben wie ja mittlerweile mehr als genug. Ihre Wirksamkeit wird angesichts des „digitalen Kontrollverlusts“ sogar in Frage gestellt. Wer sie einhält oder nicht, das entzieht sich immer mehr der Überprüfbarkeit. Und heute gelten womöglich andere Regeln als morgen: „It’s VUCA time, folks!“ Das Misstrauen in Regulierung ist so groß wie der Ruf nach ihr. Die einen wollen immer mehr davon, damit das Leben besser wird, andere fordern deren Abbau mit demselben Ziel. Also doch „jeder seines Glückes Schmied“?

Ich vermute, dass wir tatsächlich keine Einigkeit (mehr) darüber hinkriegen, was ein gutes Leben ist. Trotzdem sollten wir uns zusammensetzen und die Frage gemeinsam erörtern. Wieso? Weil wir dann, wenn uns so ein Gespräch wirklich gelingt, etwas vom „guten Leben“ praktizieren. Menschen, die einander wohlgesonnen zuhören, die sich und ihren Vorstellungen von einem guten Leben gegenseitig Raum geben und Respekt zeigen, verwirklichen es damit bereits. Wie komme ich darauf?

Wenn wir auf eine bestimmte Weise unsere Vorstellungen vom guten Leben teilen, dann fangen wir damit an, unseren Lebensraum anders zu teilen als bisher. Wenn wir ein Gespräch darüber führen, wie für möglichst viele ein gutes Leben in ihrem Sinn möglich wird, dann machen wir uns den Lebensraum nicht gegenseitig streitig und kämpfen nicht um die besten Plätze. Wir nutzen diesen Raum dann um zu klären, wie wir ihn am besten gestalten – so, dass er für alle „reicht“ und lebenswert ist.

Womöglich steht das gute Leben dann nicht mehr als große Idee am Anfang seiner Verwirklichung. Womöglich ist es auch nicht das Ergebnis eines langwierigen Prozesses. Womöglich entsteht es durch eine bestimmte Art und Weise, wie wir miteinander umgehen und sprechen. Schwer genug.

Doch wir stechen uns dann nicht mehr länger gegenseitig aus mit konkurrierenden Vorstellungen vom guten Leben. Wir praktizieren es, indem wir ein Gespräch darüber am Laufen halten. Damit das funktioniert, richten wir unser Gespräch nach einer Maxime aus, die als „Goldene Regel“ bekannt ist. Mit dem kleinen Unterschied dass wir sie nicht als Erwartung an andere formulieren, sondern an uns selbst – ganz im Sinne einer Selbstverpflichtung.

Ich behandle andere so, wie ich von ihnen behandelt werden will.

Beziehungsweise: Was ich mir um Umgang anderer mit mir verbitte, versage ich mir selber im Umgang mit ihnen.

Das klappt doch nie in dieser Ego-Welt!

Das klappt nie, oder? Keine Ahnung. Wissen werden wir das erst am Ende dieses Gesprächs. Nicht an seinem Anfang und schon gar nicht, bevor wir es begonnen haben. Ob es funktioniert, erfahren wir nur, indem wir es ausprobieren. Indem wir einmal mehr nicht abbrechen als wir gerne abbrechen würden.

Wir müssen ja niemanden dazu verpflichten. Einladen geht auch. Und bei Einladungen entscheiden meistens drei Faktoren darüber, ob wir sie annehmen. Erstens, wer auch noch da ist. Also machen wir die Liste so attraktiv wie möglich. Zweitens, wie einladend das Ganze ist. Also „Menschlichkeit statt Moral“. Drittens, was es zu essen gibt. Also decken wir einen Tisch!

Beginnen würde ich das Gespräch über ein gutes Leben mit einer Selbstaussage: Wir erzählen einander, was wir uns unter einem guten Leben vorstellen und was wir schon alles unternommen haben, um ihm ein Stück näher zu kommen. Ich garantiere euch: Die Geschichten, die dann erzählt werden, hauen uns vom Hocker! Und wir hören sie uns an. Aufmerksam, empathisch, ganz Ohr.

Photo by Magda Ehlers from Pexels

Welchen Sinn ergibt das?

Wir helfen uns gegenseitig in einem solchen Gespräch dabei, die eigenen Vorstellungen vom guten Leben zu schärfen, zu vertiefen und immer besser zu verstehen. Unaufdringlich und ohne zu urteilen. Wir helfen anderen, bei sich selbst anzukommen. Das ist eine Idee, die auch den Philosophen Emmanuel Lévinas umgetrieben hat.

Pellouchon/Lévinas (Die ZEIT/wikipedia)

Corinne Pellouchon, auch Philosophin, denkt mit Lévinas „über die ethische Notwendigkeit nach, die Andersartigkeit neu zu entdecken und wertzuschätzen. Ich meine wie er, dass die Erfahrung der eigenen Verwundbarkeit für die Wertschätzung des anderen bestimmend ist: Sie ist die einzige Gelegenheit, die wir haben, das Leiden anderer zu verstehen und uns für sie verantwortlich zu wissen.“ (Quelle)

Das klingt womöglich wuchtiger, als es ist. Ich sehe es einfach als einen Dialog der neuen Art. Einer, den womöglich immer mehr Menschen gerne führen, weil sie durch andere Anwesende erfahren, dass es um sie geht und um ihre Sehnsucht nach einem guten Leben. Eingeladen zu diesem Gespräch sind alle. Denn wir sollten möglichst viele Dimensionen eines gutes Lebens hörbar machen, aus möglichst vielen Perspektiven und Disziplinen.

Die Digitalisierung kann dabei aus technologischer Sicht eine große Hilfe sein. Sie ermöglicht uns, räumliche und zeitliche Distanz auszuschalten: über innere und äußere Kontinente und über Zeitzonen hinweg ins Gespräch zu kommen und im Gespräch zu bleiben.

Und wie lernen wir das?

Zuerst: Unsere eigene Idee und Vorstellung eines guten Lebens zu artikulieren, ist uns Menschen in die Wiege gelegt, denn nichts anderes ist die Triebfeder unseres Lebens. Das gute Leben ist über alle Ebenen unseres Daseins hinweg unsere große Sehnsucht: Kunst und Konsum sind ebenso Ausdruck dieser Sehnsucht wie Wissenschaft und Forschung.

Warum diese Vorbemerkung? Weil wir immer dann, wenn wir vom Lernen sprechen, davon ausgehen, dass wir am Ende des Lernens etwas können, das wir vorher noch nicht konnten. Ich gehe jedoch davon aus, dass es ein paar Sachen gibt, die wir als Menschen ganz grundsätzlich können, die wir jedoch gerade in bestimmten Lernumgebungen wieder verlernen. Das Zuhören zum Beispiel. Niemand hört intensiver hin und zu als Kinder. Niemand sieht genauer hin, untersucht hartnäckiger, geht den Dingen ernsthafter auf den Grund als Kinder. Das verlernen sie jedoch in Lernumgebungen, die das verkümmern lassen bzw. die es instrumentalisieren.

Was ich sagen will: Alles was ein Mensch braucht, um seine Frage nach dem guten Leben immer reichhaltiger und bunter zu beantworten, sind andere Menschen, die sich für diese Antworten interessieren. Dafür, was für dieses Kind, für jenen Jugendlichen, für welches konkrete Gegenüber auch immer, mit dem ich in einen Dialog verwickelt bin, ein gutes Leben ist. Dies immer angemessener zu artikulieren und zu verwirklichen, setzt das offene und interessierte Ohr voraus. Fertig.

Selbstverständlich sind in diesem Gespräch auch Fragen erlaubt. Nichts lädt mich mehr ein, über mein Innerstes zu erzählen, als eine Frage, die signalisiert: Ich bin an deiner Geschichte interessiert.

Jede Zuwendung, die als Bekehrung verstanden werden könnte, ist Misshandlung.

Martin Walser

Nicht schlecht wäre also eine Art von Bildungsethik, die ihre Wurzel in der Frage nach dem guten Leben hat und von hier aus fragt, was dann gute Bildung ist – und zwar indem sie das schützt und ermöglicht, was in jedem Menschen nicht nur der Möglichkeit nach angelegt ist, sondern sich vom ersten Atemzug an verwirklicht: Die Frage nach dem guten Leben.

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In Zeiten der digitalen Totaltransparenz fällt es womöglich schwer, eine Aufmerksamkeit, die sich ganz auf mich ausrichtet, als etwas Positives zu erleben. Zu stark ist der Reflex geworden, sich gegen Aufmerksamkeitsübergriffe zu schützen – und oft ist dieser Reflex wichtig. Zu wuchtig wird vielleicht auch die damit einhergehende Einladung erlebt, mich zu öffnen.

Kein Problem. Fangen wir doch deshalb einfach mal damit an, einander zu erzählen, was für uns ein gutes Leben ist.

Einsteigen bitte! Fünf Thesen zur gemeinsamen Zukunft

Ich schlage mich schon eine ganze Weile mit einem Widerspruch herum. Einerseits rufen ganz viele Prophet*innen in den Sozialen Medien täglich die Digitale Revolution der Welt aus: dass sich alles verändern wird in Gesellschaft, Arbeit, Forschung, Wissenschaft und Bildung! Andererseits erlebe ich in meinem beruflichen Alltag, dass nahezu alles seinen gewohnten Gang geht. Die meisten meiner Kund*innen finden das auch völlig übertrieben. Woher dieser Widerspruch?

These 1: Uns fehlen die Erfahrungen, oder: Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.

Wir haben noch keinen Sense Of Urgency, kein Bewusstsein für die Radikalität der Veränderungen unserer Lebens- und Arbeitswelten, weil wir noch keine Vorstellungen und Bilder davon haben. Uns fehlt die Erfahrung mit diesen Veränderungen. In entscheidenden öffentlichen Bereichen wie Bildung und Arbeit erleben wir diese Veränderungen noch nicht, weil die traditionellen Bildungs- und Arbeitssysteme bisher noch den Anschein machen, dass sie funktionieren: da läuft alles noch so, wie wir es gewohnt sind. Auf der menschlichen Seite von Bildung und Arbeit ist alles minutiös eingespielt: Wir gehen jeden Tag „zur Arbeit“, die lernenden Menschen gehen „in die Schule“. Damit ist für die überwältigende Mehrheit der Menschen in der westlichen Welt der Tag ausgefüllt.

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Was ich also täglich in Arbeit und Bildung erlebe, widerspricht den prophetischen Szenarien, dass sich durch Digitalisierung alles radikal verändern wird – während wir uns dem Knick in der exponentiellen Kurve exponentiell nähern.

Quelle

Wir erleben etwas anderes als Normalität: Bei uns ist das „Klima“ so, wie es unserer Einschätzung nach schon immer war, auch im metaphorischen Sinn des politischen, des ökonomischen und des gesellschaftlichen Klimas – mit Spitzen zwar und einzelnen Auswüchsen, aber das kriegt die Mehrheit der Leute offenbar nach wie vor in der Kategorie des „wie gehabt“ unter.

These 2: Das Bildungssystem vernetzt sich nicht, weil es sich bereits für das Ganze hält.

Mein Eindruck ist, dass vor allem das Bildungssystem die Kontinuität einer Lebens- und Arbeitswirklichkeit simuliert, die längst nicht nur an den Rändern ausfranst, sondern stark fragmentiert ist.

Das Bild, das mir dazu in den Sinn kommt, ist das einer ehemals geschlossenen Eisdecke, die mittlerweile in viele Einzelteile zerbrochen ist, die längst unkontrollierbar auseinander driften, während auf jeder einzelnen Scholle so getan wird, als gäbe es die geschlossene Eisdecke nach wie vor, statt endlich damit zu beginnen, sich als möglicher Knotenpunkt eines Netzwerks zu realisieren und alle verfügbare Energie darauf zu verwenden, sich und seine Aktivitäten mit den anderen „Schollen“ zu vernetzen. Warum? Weil es praktisch nur noch Schollen gibt.

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Das Bildungssystem ist der „Ort“, an dem sich aufgrund seiner nach wie vor hermetischen Geschlossenheit gegenüber den umgebenden Wirklichkeiten der Eindruck am stärksten halten und reproduzieren kann, dass die alten Vorstellungen und Bilder von Mensch, Kultur, Kommunikation, Ökonomie und Gesellschaft in Geltung sind und bleiben. Eine bizarre Paradoxie.

Und doch ist das der Subtext des Bildungssystems. Vor allem die Schule versäumt es über die gesamte Schulzeit hinweg, jungen Menschen den ungehinderten Zugang und die freie Interaktion mit jenen Phänomenen und Entwicklungen zu ermöglichen, die unsere Welt momentan auf den Kopf stellen. Wenn irgendwo in unseren Gesellschaften die Simulation von Normalität und Kontinuität durchgehend funktioniert, dann in Schule und Hochschule, in Aus- und Weiterbildung.

These 3: Visionen haben keine Chance, solange die Entscheidungsmacht bei den alten Systemen liegt. Deshalb wird das Bildungssystem untergehen.

Wo es darum geht unsere Entwicklung, unser Handeln und unsere „Bewegungen“ zu kontrollieren, also vor allem in Bildung, Arbeit und Konsum, wird die Illusion aufrecht erhalten, dass der digitale Wandel gar nicht die Radikalität hat, mit der er sich jedoch an allen anderen Orten und in allen anderen Zusammenhängen längst zeigt.

Wenn jetzt einige versuchen auszusteigen, der Referenzpunkt aber die Mehrheit bleibt, die am Alten festhält, dann steigen Druck und Angst bei den Beteiligten (Lernende, Arbeitende), dass sie sich womöglich selber abhängen, weil: „ohne Noten kein Abschluss“ oder „ohne Zertifikat keine Karriere“ – so die nach wie vor krassen Befürchtungen. Deshalb entscheiden sich ja bis heute fast alle für das Kontinuum.

Kürzlich habe ich auf linkedIn eine Gruppe entdeckt, die online über notwendige Veränderungen nachdenkt, damit die Schule der Lebens- und Arbeitswirklichkeit der Menschen gerecht wird. Hier der Beitrag eines Schulleiters:

Wenn solche faszinierenden und zukunftsfähigen Überlegungen Eingang in die Schulpraxis finden würden, hätte die nichts mehr gemeinsam mit dem, was wir bis heute unter Schule verstehen. Zugleich tritt so eine Vision klar in Konkurrenz zum bestehenden System, das sich den Erhalt des Status Quo zur Aufgabe macht – politisch ebenso wie strategisch, pädagogisch ebenso wie in Fragen der Organisation.

Am Ende von visionären Dialogen steht deshalb jeweils ein „Wir würden schon, wenn wir dürften.“ Dabei wird es solange bleiben, als der Referenzpunkt für schulische Normalität politisch, juristisch und strukturell beim Erhalt des Traditionellen liegt. Und da die Pionier*innen Angehörige des „alten Systems“ sind, die nicht nur bei ihm in Lohn und Brot stehen, sondern ihm gegenüber auch eine juristische Verpflichtung zur Loyalität haben, endet die visionäre Umsetzungskraft jeweils vor ihrer Verwirklichung. Deshalb vermute ich, mit Bezug auf die Disruption anderer großer Systeme in der Vergangenheit, dass auch das Bildungs- und darin das Schulsystem in naher Zukunft als solches verschwinden wird. Nicht nur weil es sich auf der normativen Ebene konsequent der Veränderung verschließt, sondern weil es durch diese Haltung selber dafür sorgt, dass es im Verlauf der disruptiven Entwicklungen unserer Kultur überflüssig wird.

Niemand schafft das Bildungssystem ab – außer das Bildungssystem sich selber.

These 4: Die Einschläge kommen näher.

In Sachen Beruf, Arbeit und Wertschöpfung kommen die Einschläge immer näher. Ein Beispiel dafür ist der längst vollzogene Siegeszug der „Plattformökonomie“. Wenn ich die Meldungen dazu verfolge (eine gute Quelle ist die linkedIn-Seite von Dr. Holger Schmidt), erkenne ich, dass die Paradigmen, nach denen Ökonomie und Arbeit sich global organisieren, bereits völlig andere sind als die der nationalen Arbeitsmärkte in D-A-CH.

Wirtschaftlichen Erfolg hast du da als Anbieter von Produkten und Arbeitskraft nur noch, wenn du in irgendeiner Form Teil einer der großen Plattformen bist und dich dort mit wichtigen Playern vernetzt. Hinzu kommt, dass weltweit längst viele weitere, für den Menschen in seiner/Ihrer Lebenswelt relevante Handlungsfelder in den Sog der Plattformökonomie geraten sind: Wissenschaft und Forschung, ökonomische und gesellschaftliche Anwendung von Forschungsergebnissen, Standortpolitik, Finanzierung und Aufbau sozialer und technischer Infrastruktur vor allem in den zukunftsrelevanten Bereichen.

In dieser sich immer schneller beschleunigenden Entwicklung verändert sich eines ganz fundamental: das „Normalarbeitsverhältnis“, das für sehr viele Menschen in D-A-CH noch immer Alltag ist – womöglich weil sich der zugehörige Arbeitsmarkt nach wie vor in Sicherheit wähnt. Das lassen die Zahlen zur „digitalen Reife“ von Unternehmen in D-A-CH vermuten (für die Schweiz hier eine Studie, für Deutschland hier).

Bild von Alexas_Fotos auf Pixabay

Die Politik als staatliche Gestaltungsmacht tut währenddessen, was sie immer tut, und zwar nach den Regeln, an den Orten und in den Zeiten, in denen sie es schon immer getan hat, ohne zu realisieren, dass sich die Bedingungen, unter denen heute Politik stattfindet, völlig verändert haben, wie ein Blick in die digitalen, sozialen Medien zeigt. Die haben geltende politische Regeln und Prozesse längst ad absurdum geführt, wenn z.B. der Präsident der USA über Twitter regiert, und wenn die Schattenpolitik der Geheimdienste rund um den Globus durch die mittlerweile grenzenlosen Möglichkeiten der Digitalisierung unkontrollierten Zugriff auf alle Daten- und Informationen haben und in deren Produktion und Verwendung eingreifen können, wie die Lektüre von „Das neue Spiel“ eindrücklich aufzeigt – während die Wahlurnen immer mehr zu politischen Zeitbomben werden, weil rechte Kräfte erkannt haben, dass sie mit ihrer Hilfe die Parlamente fluten können.

Rechtsstaatliche Prinzipien wie Daten- und Persönlichkeitsschutz sind längst digital ausgehebelt, aber die Konsequenzen daraus sind für mich als Mensch und Bürger noch nicht fassbar oder spürbar. Die Rufe der Datenschützer fühlen sich an wie das „Warnung vor dem Hund“-Schild, an dem wir seit Jahren täglich vorbeigehen, ohne je einen Hund gesehen oder gehört zu haben.

Dessen ungeachtet sind unsere Gesellschaften im Sinne des sozialen Miteinanders längst durchsetzt mit den Möglichkeiten der digitalen Interaktion und Kommunikation. Soziale Gefüge und Bezüge organisieren und interpretieren sich jetzt im Moment völlig neu. Alle Vollzüge des öffentlichen und privaten Raumes und Lebens – ausgenommen die Organisation von Bildung – werden sukzessive durch digitale Prozesse verändert bzw. „übernommen“: Das ambulante und stationäre Gesundheitswesen, das Bank- und Versicherungsgewerbe, der Handel und der damit verbundene Konsum, die Organisation der privaten Beziehungen. Selbst „Nachbarschaft“ wird zu einem digitalen Phänomen, weil die Musik halt im Netz spielt.

These 5: Nur die Macht wachsender zivilgesellschaftlicher, digitaler Netzwerke kann die Zukunft immer humaner machen.

Photo: Christoph Schmitt. Steingarten an der Rosenlaui-Schlucht im Berner Oberland

Wir kommen nicht mehr drum herum, die Macht des Digitalen für die Humanisierung der Welt in ihrer ganzen Heterogenität als Lebensraum der Vielen zu nutzen. Das Netz muss der Raum werden, in dem wir Wissen und Informationen konstruieren, indem wir die „Macht der Query“ (vgl. Seemann: Das neue Spiel) für unsere Anliegen nutzen; indem wir Aufmerksamkeit schaffen und kollektiven Impact für Schutz und Rettung der natürlichen Lebensgrundlagen, neue Erzählungen und Sprachspiele als Alternativen für Hass, Sexismus, Rassismus, Homophobie, Patriachat, Ausbeutung und Wirtschaftssklaverei.

Wir begreifen Digitale Netzwerke nicht länger nur als Highways, auf denen wir uns und unsere Waren und Meinungen zwischen A und B hin und her schieben, sondern realisieren, dass sich Zukunft im digitalen Raum entscheidet und realisiert, weil dort alles ist: Das Wissen, die Informationen, die Menschen aus nah und fern, die Erfahrungen der Vielen, die Daten, das Geld, die Macht. Wir nutzen das Netz nicht mehr länger als Medium, sondern als Handlungsraum, in dem wir Zukunft gestalten, sprich: eine gestaltende Macht bilden.

Da können dann alle mitmachen und sich gleichzeitig leiten lassen von den Überzeugungen der Menschenrechte und der goldenen Regel. Alle, die guten Willens sind und mit einer Vision unterwegs. Das Netz ist der Raum, in dem wir eine Zukunftsdemokratie entwickeln, an der alle mitgestalten können jenseits der kleinlichen Loyalitätsverpflichungen des analogen Raums: gegenüber Arbeitgebern, Parteibüchern und kulturellen Traditionen, die auf Ausgrenzung und Separation beruhen:

„Der größte Gegner der Zivilgesellschaft ist nicht die NSA, es sind nicht die Plattformen und es ist nicht der Staat, sondern die Zivilgesellschaft selbst. Wir werden lernen müssen, miteinander zu leben, die sozialen Probleme anzugehen und sehr viel mehr Verantwortung zu übernehmen, weil das sonst andere für uns erledigen werden“ (Quelle).

Titelfoto: von Helena Lopes auf Pexels

Expedition NeuLand. Deine berufliche Zukunft anpacken

Aus- und Weiterbildung haben viel mit der Vermittlung von Inhalten und Skills zu tun. Weil die Berufswelt neue Fähigkeiten verlangt, braucht es „Upskilling“. Also liefern die Anbieter Stoff, den sich Teilnehmende aneignen. Unsere These: Arbeit & Beruf werden sich so grundsätzlich verändern, dass wir uns einen neuen Zugang zum Thema Weiterbildung gönnen dürfen – jenseits von „Delivery“. Dafür haben wir die Expedition NeuLand entwickelt. Aber fangen wir vorne an:

Der Status Quo: Verdichtung und Beschleunigung

Immer schneller in immer weniger Zeit: Der berufliche Alltag beschleunigt und verdichtet sich ungemein. Privatleben und Beruf verzahnen sich. Sie verschmelzen zunehmend. Das wirkt sich auf die Art und Weise aus, wie wir uns weiterbilden: maximal effizient muss es sein, eng geführt, viel in wenig Zeit. Verstärkt wird diese Tendenz durch die Digitalisierung, die uns erlaubt, praktisch jederzeit und überall an der eigenen Weiterbildung zu basteln: durch Videos, Tutorials, Webinars, Remote Peer Learning, oder durch eine Kombination all dessen.

Wenn ich Weiterbildung als effiziente, ergebnisorientierte Form von „Upskilling“ verstehe, fördert das die Erwartung, dass ein Bildungsanbieter vor allem zu liefern hat: Informationen, Wissen, Antworten, Lösungen, Beurteilungen und Bewertungen. Am besten in hoher Qualität: sehr gut aufbereitet, aufs Wesentliche konzentiert, in gut zu vearbeitenden Häppchen, praxistauglich, situationsgerecht, direkt umsetz- und anwendbar.

In diesem Setting bezahle ich also dafür, dass wesentliche Aspekte von Lernen und Bildung der Effizienz wegen herausgekürzt werden. Zum Beispiel:

  • mich mit Unbekanntem auf eigene Faust auseinandersetzen
  • mich in einem neuartigen Themenfeld verlieren
  • mich in spannende, ungelöste Problemstellungen einarbeiten
  • einen Gegenstand von möglichst vielen Seiten betrachten und eigenständig erörtern
  • Fragen nach dem Sinn und dem Zweck meiner beruflichen Identität vertieft reflektieren

Das alles würde viel Zeit kosten – und die haben wir nicht.

Die Sache mit dem Lernen und der Zeit

Uns ist schon klar, dass Lernen Zeit braucht; und wir bringen sie ja auch auf. Wir investieren Zeit ins Lernen im Wissen darum, dass sie uns dann woanders fehlt. Dieses Konkurrenz-Denken in Sachen Zeit hat mit der Ökonomisierung unseres Daseins zu tun: Zeit ist Geld. Wer sie hergibt, will eine Gegenleistung dafür. Sie zu verlieren, ist sträflichst zu vermeiden.

Dem steht die Lernerfahrung eines Kindes entgegen, das ganz entscheidende Dinge des Lebens dadurch (kennen) lernt, dass es sich an sie verliert – jenseits allen Zeitkalküls. Diese Erfahrung machen wir übrigens lebenslang, wenn wir in den Flow kommen und besonders intensiv und kreativ bei der Sache sind – und bei uns selbst. Eine Erfahrung, die durch modernes Zeitmanagement eher verhindert wird.

Eine der schönsten Metaphern für den Wert der Zeit im Kontext von Bildung ist die Weisheit des Fuchses in der Erzählung „Der Kleine Prinz“ von Antoine de Saint Exupéry:

C’est le temps que tu as perdu pour ta rose qui rend ta rose importante.

Mehr davon hier.

Da geht es um ein Grundprinzip des Lernens und der Bildung von Menschen, von Beziehungen, überhaupt von Entwicklung. Bildung hängt sehr eng mit Zeit zusammen und mit unserem Verhältnis zu ihr. Lernen, Bildung und Entwicklung sind dann am intensivsten und wohl auch am nachhaltigsten, wenn ich über ihnen die Zeit vergesse, also „im Flow“ bin. Dann lernen wir in hoher Qualität.

Diese Art von Entwicklung unterscheidet sich stark von dem, was wir in der beruflichen Weiterbildung machen. Dort geht es um die Integration neuen Wissens in meinen beruflichen Horizont, um die Entwicklung neuer Fähigkeiten und um das Üben von Skills. Das sind wichtige Aspekte – erst Recht im Angesicht der technischen Herausforderungen der Digitalisierung.

Bild von Pexels auf Pixabay

Andererseits gibt es einen Unterschied zwischen den Fähigkeiten, die ich brauche, um z. B. Brot backen und verkaufen zu können und der Überzeugung, dass der Beruf des Bäckers und der Bäckerin einer ist, der mich tief erfüllt. Das hat mit der Frage nach dem „Wozu“ meiner beruflichen Identität und Existenz zu tun; damit, wozu ich mich selber bestimme, weil ich mich dazu berufen weiß.

Diese Dimension beruflicher Bildung werten wir mit der Expedition NeuLand auf.

Weil wir heute noch nicht wissen, auf welche Berufe wir uns vorbereiten und welche Skills es da braucht, und weil wir diesen radikalen Wandel trotzdem als Chance nutzen wollen, fragen wir nicht zuerst, welche Skills wir entwickeln müssen, sondern was wir als Persönlichkeiten ins Spiel bingen können.

Skills entwickeln ist das eine. Meine Persönlichkeit entwickeln etwas ganz anderes

Ich kann Weiterbildung so anpacken, dass ich mein Wissen erweitere und bestimmte Fähigkeiten entwickle, und ich kann sie so angehen, dass ich vor allem mich als Mensch und als Person weiterentwickle, um darauf aufbauend erst bestimmte Fähigkeiten in den Blick zu nehmen. Das macht einen Unterschied.

Es gibt ein einfaches und wunderbares Konzept mit dem ich herausfinde, wie ich meine Leidenschaft und mein Können zusammenbringe mit dem, was in der Welt gebraucht wird und womit ich zugleich meinen Lebensunterhalt bestreiten kann. Dieses Konzept heißt IKIGAI.

„Ikigai (japanisch für Lebenssinn) ist frei übersetzt das, wofür es sich zu leben lohnt. Die Freude und das Lebensziel, oder salopp ausgedrückt das Gefühl, etwas zu haben, für das es sich lohnt, morgens aufzustehen“. So ist auf Wikipedia zu lesen.

Klar ist, dass sich die Joblandschaft stark verändern wird. Das bedeutet Ungewissheit und ebenso die Chance, eigene Potenziale zu realisieren.

Im Bild gesprochen werden die Karten neu gemischt. Was ich aus dem Blatt mache, das mir zugespielt wird, habe allein ich in der Hand.

Wir vom Team „Expedition NeuLand“ laden Sie herzlich ein zu einer Learning Journey zu Ihren Werten, zu Ihren Talenten und Stärken. Wir laden Sie ein, sich Zeit zu nehmen für Ihre berufliche Zukunft. Werfen Sie einen Blick auf unser Konzept und melden Sie sich ungeniert mit Ihrem Interesse und mit Ihren Fragen bei uns.

Mit einem Klick sind Sie drin 🙂