Nicht auf das Smartphone schauen, sondern auf das Kind

Was uns 25 Jahre Forschung über Jugendliche sagen und weshalb ein Verbot am Problem vorbeigeht

Justin Phillips
28. Juni 2026

Dieser Blog Post ist die wörtlich übersetzte und am Schluss leicht gekürzte Original-Fassung eines Artikels von Justin Phillips, veröffentlicht auf linkedin.

Es gibt eine Psychologin, die seit vielen Jahren etwas tut, wofür kaum jemand sonst die nötige Geduld aufbringt. Seit 2008 begleitet sie Tausende Jugendliche und erhebt jeden Tag Daten über ihren Schlaf, ihre Schrittzahl, ihre schulischen Leistungen, darüber, mit wem sie zusammen sind, wie sie sich fühlen und was sie online tun. Vor allem aber hört sie ihnen zu, wenn sie sagen, was sie tatsächlich brauchen.

Ihr Name ist Candice Odgers. Seit 25 Jahren erforscht sie die psychische Gesundheit von Jugendlichen. Ich möchte darstellen, was sie herausgefunden hat. Denn wer diese Befunde einmal gesehen hat, kann sie kaum wieder ausblenden. Sie verändern, was wir als Eltern, Lehrpersonen oder gesellschaftlich Verantwortliche tun sollten.

Die Lücke zwischen Erzählung und Evidenz

Die Geschichte, die uns täglich erzählt wird, ist einfach und beängstigend: Jugendliche seien verloren. Es gehe ihnen schlechter als jeder Generation vor ihnen. Smartphones und soziale Medien hätten sie zerstört und ihre Gehirne umprogrammiert.

Odgers widerspricht dieser Erzählung deutlich. Sie stimmt weder mit den Daten überein noch mit dem, was die Jugendlichen selbst sagen. Zwischen den Schlagzeilen und der tatsächlichen Evidenz besteht eine gewaltige Lücke.

Ihre Erklärung dafür, weshalb sich die beängstigende Version dennoch durchsetzt, lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Angstmachende Geschichten verkaufen sich. Und je häufiger wir etwas hören, desto eher halten wir es für wahr. Als Eltern sind wir verletzlich für solche Botschaften. Die Sorge beginnt in dem Moment, in dem wir unser Kind zum ersten Mal im Arm halten, und sie verstärkt sich häufig, wenn es ins Jugendalter kommt. Angst lässt sich besonders leicht an Menschen verkaufen, die jemanden lieben.

Was die Daten tatsächlich zeigen

Die weniger spektakuläre, aber zutreffendere Geschichte sieht anders aus.

In den vergangenen 20 Jahren sind Gewalt unter Jugendlichen, Alkoholkonsum und Schwangerschaften im Jugendalter auf historische Tiefststände gesunken. Die heutige Jugend ist die am besten ausgebildete Generation der Geschichte. Jugendliche sind Erfinderinnen und Erfinder, Aktivistinnen und Aktivisten, Führungspersönlichkeiten und Olympiateilnehmende.

Gleichzeitig berichten sie, dass sie trauriger seien und sich mehr Sorgen um die Welt machten, die sie übernehmen werden. Sie sorgen sich um ihre Sicherheit in der Schule, um das Klima und um ihre Zukunft. Diese Sorgen sind real und müssen ernst genommen werden.

Die Faktoren jedoch, die ihre psychische Gesundheit im Alltag am stärksten vorhersagen, sind nicht diejenigen, über die Erwachsene am meisten sprechen. Als wichtigste Belastungen nennen Jugendliche Konflikte zu Hause und den Druck, in der Schule erfolgreich sein zu müssen.

Und die Bildschirme?

In den Längsschnittstudien von Odgers erweist sich die Nutzung sozialer Medien nicht als bedeutender Prädiktor der psychischen Gesundheit Jugendlicher. Andere Forschende gelangen zu ähnlichen Ergebnissen und bezeichnen soziale Medien als einen der am wenigsten einflussreichen untersuchten Faktoren.

Bei Jungen zeigt sich kein Zusammenhang. Bei Mädchen verläuft der Zusammenhang zudem andersherum, als meist angenommen wird. Mädchen, denen es bereits psychisch schlecht geht, nutzen später häufiger soziale Medien. Die stärkere Nutzung ist also eher eine Folge bereits bestehender Belastungen als deren Ursache. Die Nutzung sozialer Medien sagt spätere psychische Probleme nicht in bedeutsamer Weise voraus.

Dann folgt jener Befund, der die gesamte gegenwärtige Debatte unterbrechen müsste.

Erwachsene einigen sich zunehmend darauf, soziale Medien für unter 16-Jährige zu verbieten, als wäre dies die eine entscheidende Lösung. Bis heute gibt es jedoch keine einzige Studie, die untersucht hat, ob das Abschalten sozialer Medien die psychische Gesundheit von Kindern tatsächlich verbessert.

Wird eine vergleichbare Intervention bei Erwachsenen untersucht, liegt der Effekt nahezu bei null. Auch die National Academies of Sciences, eine der angesehensten wissenschaftlichen Institutionen der Welt, gelangten zu einer vergleichbaren Einschätzung.

Wer tatsächlich belastet ist

Wenn es also nicht hauptsächlich die Smartphones sind, worin liegt das Problem?

Als mit Abstand stärksten Prädiktor nennt Odgers die psychische Gesundheit der Erwachsenen im Umfeld eines Kindes. Und wir befinden uns mitten in einer Krise der psychischen Gesundheit von Erwachsenen.

Zwischen 2011 und 2021 hat sich die Zahl der Todesfälle von Eltern durch Überdosierungen mehr als verdoppelt. Menschen fragen Odgers, was in diesem Zeitraum sonst geschehen sein könnte, ausser dass soziale Medien aufgekommen sind. Die unbequeme Antwort lautet: Erwachsene befanden sich in grosser Not, und Eltern starben.

Darin liegt das unangenehme Zentrum der gesamten Debatte. Wenn wir uns tatsächlich um Jugendliche sorgen, ist das Wohlbefinden der Erwachsenen in ihrem Leben einer der wirksamsten Ansatzpunkte. Wir richten die Kamera ständig auf den Bildschirm des Kindes, obwohl wir sie eigentlich umdrehen müssten.

Weshalb das Verbot das falsche Instrument ist

Um Missverständnisse zu vermeiden: Weder Odgers noch ich behaupten, in der digitalen Welt sei alles in Ordnung. Die grossen Technologiekonzerne müssen grundlegend reguliert werden. Im Internet entstehen reale Schäden. Beide Aussagen können gleichzeitig wahr sein.

Wir müssen digitale Räume sicherer machen und Menschen strafrechtlich verfolgen, die dort anderen Schaden zufügen.

Ein Verbot bewirkt jedoch etwas anderes. Es bestraft die Betroffenen. Es nimmt Jugendlichen jene Räume, in denen sie ihre Freundinnen und Freunde treffen, an Jugendkultur teilnehmen und manchmal auch Menschen entkommen können, die ihnen ausserhalb des Internets Schaden zufügen.

Ein Verbot kann Jugendliche zudem in weniger sichere und weniger regulierte digitale Räume verdrängen. Gleichzeitig entlastet es die Unternehmen. Eine Alterskontrolle beim Login verlangt von ihnen keine grundlegende Veränderung ihrer Plattformen, ihrer Geschäftsmodelle oder ihrer algorithmischen Systeme.

Für die Erwachsenen im Raum mag sich ein Verbot gut anfühlen. Die Jugendlichen sagen, dass es nicht funktionieren wird. Ich glaube ihnen.

Was tatsächlich helfen würde

Odgers beschränkt sich nicht auf die Diagnose. Sie formuliert konkrete Vorschläge.

Wir müssen in die Erwachsenen investieren, die Kinder und Jugendliche begleiten. An amerikanischen Mittelschulen kommt ungefähr eine Beratungsperson auf 500 Schülerinnen und Schüler. Wer das verfügbare Geld stattdessen für Taschen ausgibt, in denen Smartphones eingeschlossen werden, wird dieses Problem nicht lösen.

Wir sollten mehr Lehrpersonen und mehr Beratungspersonal einstellen und sie angemessen bezahlen.

Wir müssen analoge und digitale Räume schaffen, in denen sich alle Jugendlichen willkommen und sicher fühlen. Junge Menschen greifen häufiger zum Smartphone, wenn sie ängstlich, traurig oder psychisch belastet sind. Wir sollten ihnen dort mit tatsächlicher Unterstützung begegnen, anstatt ihnen lediglich etwas wegzunehmen.

Und wir müssen aufhören, das Schlechteste über junge Menschen anzunehmen. Sie sind weder verloren noch kaputt. Sie verfügen über bemerkenswerte Widerstandskraft und entwickeln sich oft trotz der Schwierigkeiten der Erwachsenen in ihrem Umfeld erfolgreich.

Wir sollten hohe Erwartungen an sie stellen und sie gleichzeitig wirksam unterstützen. Diese Verbindung hat im Unterricht, im Coaching und in der Erziehung immer funktioniert. Die Technologie hat daran nichts geändert.

Auch die grossen Technologiekonzerne dürfen nicht aus der Verantwortung entlassen werden. Wir benötigen wirksame Regulierung. Verbote sind keine wirksame Regulierung.

Wir sollten Menschen und Unterstützungsangebote finanzieren, sichere Räume schaffen, fundierte digitale Bildung und psychologische Unterstützung gewährleisten und die Unternehmen, die mit diesen Plattformen Gewinne erzielen, an den Kosten beteiligen.

Der Satz, zu dem ich immer wieder zurückkehre

Der abschliessende Gedanke von Odgers gehört aus meiner Sicht über jeden politischen Sitzungstisch und an jeden Küchentisch:

Wenn wir beim Blick auf unsere Kinder nur ihr Smartphone sehen, werden wir nicht erkennen, was sie tatsächlich von uns brauchen.

Je tiefer ich mich in die Forschung eingearbeitet habe, desto deutlicher wurde eine Schlussfolgerung: Wenn wir die Lebensbedingungen von Kindern tatsächlich verbessern wollen, müssen wir über Bildschirme hinausblicken und uns mit den umfassenderen Kräften beschäftigen, die das Aufwachsen in der Gegenwart prägen.

Avatar von Unbekannt

Autor: Christoph Schmitt

Bildungsaktivist | LinkedIn Top Voice | Colearner | TEDx Speaker | Bildungsdesigner | Bildungsethiker | systemischer Coach & Supervisor | Rituals Expert | Blogger | Nörgler | Ressourcenklempner. Ich unterstütze alles, was mit Aus- und Aufbrechen aus Beschulung zu tun hat. Für Jung UND Alt. Meine Kernkompetenz: Entwicklung ganzheitlich begleiten, moderieren, inspirieren.

Hinterlasse einen Kommentar