Lernen in Netzwerken. Eine Skizze zur Zukunft des Lernens

Wir brauchen nicht bloss neue Visionen, sondern Menschen, die fähig sind, welche zu entwickeln. Deshalb erfinden wir Bildung und Lernen neu – und werden visionsfähig. Keine „neue Schule“, sondern etwas radikal Anderes. Ich nenne es das Lern-Netzwerk. Diese Idee keimt mancherorts kräftig. Jetzt ist es Zeit, diese Initiativen zu vernetzen. Als Alternative zu einem Bildungssystem, das angesichts der Herausforderungen der Gegenwart nicht wirklich etwas zu bieten hat – außer dem Befeuern reaktionärer Refrains oder dem Repetieren völlig veralteter Vorstellungen von Bildung als das Abarbeiten von Informationspaketen.

Ein Beitrag von Christoph Schmitt, aktualisiert am 6.7.2023

Eine Vision von Bildung setzt eine Vision von Gesellschaft voraus. Eine Vorstellung davon, wie wir als Gemeinschaft von Menschen miteinander (oder gegeneinander oder nebeneinander her) leben wollen – und wie wir dieses „Leben“ gestalten. Anknüpfungspunkte für so eine Vision gibt es viele. Die Sehnsucht nach einer Überwindung von Rassismus und Sexismus, von Heterosexismus, Fremdenhass und Antisemitismus, der Bedarf nach neuen ökonomischn Konzepten, die soziale Ungleichkeit reduzieren und ganz neue Formen kulturellen Teilgebens ermöglichen, nach Lebensfomen, die viel rücksichtsvoller mit unseren natürlichen Lebensgrundlagen umgehen – und einiges mehr.

Diese Prozesse haben ganz viel mit Organisieren zu tun und mit politischem Handeln, aber sie erschöpfen sich nicht darin. Es geht vor allem und ganz fundamental um die Art, wie wir lernen – und was wir dabei lernen. Ich habe dazu jüngst eine Videoserie produziert, die diese Entwicklungen nachzeichnet und die alternativen Wege skizziert. Mehr dazu hier.

Unsere Gesellschaften haben begonnen, sich radikal zu verändern. Darauf weisen sehr viele Beobachtungen, Analysen, Forschungen und persönlichen Erfahrungen hin. Diese Veränderungen sind ökonomisch, kulturell, sozial und ökologisch. Gleichzeitig reduzieren sich unsere natürlichen Lebensgrundlagen dramatisch und unumkehrbar – und zwar durch menschliches, also durch dein und mein Handeln.

Angesichts dieser globalen Dringlichkeiten rufen wache Denker schon länger danach, Alternativen des des Denkens und des Handelns zu entwickeln. Stellvertretend sei ein Diktum Albert Einsteins genannt: Du kannst ein Problem nicht mit denselben Parametern lösen, durch die es entstanden ist. Die Art, wie wir Bildung und Lernen bis heute organisieren, ist ein Teil des Problems – nicht seiner Lösung.

Wenn Visionen hungrig machen statt satt. Mein TEDx Talk.

Eine Vision von Bildung braucht eine Vision von Gesellschaft

Wie kommen wir zu einer Vision, die zukunftsfähig ist und die zugleich jene, die diese Vision haben, zukunftsfähig macht? Diese Verdoppelung ist ein entscheidendes Merkmal der gesuchten Vision: Das wird keine sein, die von wenigen für viele entworfen wird und dann „irgendwie vermittelt“, also wieder gelehrt. Es wird eine Vision sein, die aus vielen Visionen besteht, von Menschen, die sich zum Zwecke der Rettung unserer natürlichen Lebensgrundlagen weltweit in Netzwerken organisieren, um auf diese Weise die bis heute gegebenen historischen, politischen und ökonomischen Einschränkungen und Blockaden zur Erfindung dringend benötigter Lösungen zu überwinden.

Es wird eine Vision sein, die von all jenen gemeinsam entwickelt wird, die sie an ihrem Ort und an ihrer Stelle umsetzen und leben. Und am wichtigsten: Die Atmosphäre, in der diese Vision entwickelt wird, wird bereits ihren Geist atmen, noch während sie entsteht. Zur Gestaltung solcher Prozesse haben sich auf hervorragende Weise geäußert: Stephan Lessenich mit seinen Reflexionen über die Externalisierungsgesellschaft, Daniel Greenberg von der Sudbury Valley School, David Bohm mit seiner nach wie vor hoch aktuellen Schrift über den Dialog, Carolin Emckes Schriften über zivilisatorische Grundwerte, Rutger Bregmans „Utopien für Realisten“ bzw. „Im Grunde gut“, Carlos Strengers „Zivilisierte Verachtung“, und auch die Schriften von Bruno Latour und Zygmunt Baumann sind für mich in diesem Kontext sehr wertvoll. Hier geht es in erster Linie um kulturelle Fragen: Wie wollen und müssen wir miteinander sprechen, wie miteinander umgehen? Wie kommen wir ins Handeln?

Nur Lernen hilft

Hier kommt nun eine entscheidende menschliche Eigenschaft ins Spiel: das Lernen. Lernen ist das zentrale Merkmal menschlicher Existenz – als Individuum ebenso wie als Kollektiv – auf radikale Anforderungen und auf scheinbar Unüberwindliches nicht mit „mehr Desselben“ zu reagieren oder mit Eskapismus, sondern mit kreativen Lösungen zu antworten.

Dass wir bei der Nutzung dieses kreativen Potenzials erst ganz am Anfang stehen, hängt vor allem damit zusammen, dass an den Schaltstellen von Politik, Ökonomie und Bildung noch immer viel zu viele Menschen (eigentlich Männer) sitzen, die davon überzeugt sind „Kreativität“ sei, wenn Kinder in Waldorfschulen ihren Namen tanzen.

Dabei ist Kreativität eines der wichtigsten Kompetenzbündel für die so genannte „kombinatorische Innovation“ – individuell wie kollektiv, um den komplexen Herausforderungen der Gegenwart etwas entgegen setzen zu können. Komplexität bekommen wir heute und in Zukunft nur über Kreativität in den Griff – nicht mehr länger über Komplexitätsreduktion, die unsere Probleme ja hervorgebracht hat.

Eine nächste kulturelle Stufe der Menschheit erreichen wir, wenn wir gemeinsam nach Zukunftslösungen für unsere ökologischen und anthropologischen Lebensgrundlagen forschen und sie möglich machen: Im Denken, im Vorstellen, im Handeln und im Organisieren. Deshalb werden wir unser Lernen radikal neu organisieren – als Individuen mit unserem enormen Lernpotenzial ebenso wie als Kollektive mit unseren kulturellen Ressourcen.

Womit das Umdenken beginnt

Erstens: Gesellschaften, Kulturen und „ihre“ Menschen sind lernende Systeme. Deshalb geben wir die Verantwortung und die Organisation allen Lernens an diese lernenden Systeme zurück.

Zweitens: Auf dem Hintergrund dieser Erkenntnis verabschieden wir uns endgültig von lehrenden Systemen.

Wie gehen wir vor? Der visionär denkende Architekt, Konstrukteur und Designer Richard Buckminster Fuller hat ein Prinzip für Prozesse erfolgreicher Zukunftsarbeit formuliert, das weltweite Bekanntheit erlangt hat: „You never change things by fighting the existing reality. To change something, build a new model that makes the existing model obsolete.” (google it).

Ich übersetze dieses Prinzip so, dass weder Kritik an bestehenden Bildungssystemen noch die unzählbaren Reformversuche von Schulen und ihrer Didaktik zu Veränderungen führen, die den Herausforderungen, vor die wir gestellt sind, gerecht werden können. Was wir brauchen, ist das neue Modell, das glücklicherweise vielerorts schon existiert.

Es gibt weltweit Alternativen nicht nur zu traditionellen Formen von Bildung und Lernen. Es entstehen derzeit auch Konzepte, wie unsere Lebensgrundlagen mithilfe entsprechender Forschung, durch Vernetzung hoch engagierter Menschen und durch ein pausenloses, digital vernetztes Kreieren immer neuer Lösungsansätze für ökologische, soziale und ökonomische Probleme vor Ort gerettet werden können.

Der Film „Tomorrow“ gibt einen faszinierenden Einblick in solche Initiativen, die fast ausnahmslos „grassroot-movements“ sind. Von diesen Bewegungen profitieren auch Überlegungen, wie das Lernen und die Bildung des Menschen radikal neu entwickelt werden können.

Eine der wichtigsten Eigenschaften dieser Lern-Netzwerke ist: Sie sind jederzeit bedarfs- und bedürfnisorientiert: Das Lernen kann sich an solchen Orten seine eigenen Netzwerke suchen und bilden, weil Menschen jeden Alters sich ständig in Situationen finden, in denen sie einen konkreten „Bedarf an Lösungen“ haben, die sie mithilfe ihres Netzwerks entwickeln. Ein tolles, aktuelles Beispiel ist unser Colearning Community.

Das Wunderbare daran ist: Alle, die in solche Prozesse verwickelt sind, entwickeln dadurch bei sich selbst kontinuierlich die Kompetenz, mit anderen zusammen Lösungen zu finden. Mit „Bedarf“ ist hier ein konkreter Anlass in der Lebens- und Arbeitswelt von Menschen gemeint. „Bedürfnisorientiert“ meint darüber hinaus den Antrieb, alles zum Lösen eines mit einem konkreten Bedarf verbundenen Bündels von Herausforderungen und Problemen zu tun – und dafür die entsprechenden Kompetenzen und Strategien zu entwickeln – in einem „Lern-Netzwerk“, das sich dadurch definiert, dass es ein „Netzwerk aus Netzwerken“ ist. So funktionieren bereits heute Freie Schulen.

Was ist neu am anderen Lernen?

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Graffiti in Lissabon. Foto: Christoph Schmitt

Lernen wird in Zukunft (wieder) das sein, was es immer war: selbstorganisiert und selbstgesteuert (hier ein Statement von Prof. Dr. Rolf Arnold dazu) – und zwar nicht nur das Lernen derer, die wir heute als Schülerinnen, Schüler und Studierende bezeichnen, sondern auch das Lernen derer, die sie dabei unterstützen. Lernen betrifft nämlich alle Beteiligte. Je mehr wir in Zukunft Lernkräfte wirksam werden lassen, umso weniger werden Lehrkräfte benötigt. Menschen, die sich dabei gegenseitig begleiten, sind keine staatlich ausgebildeten, zertifizierten und angestellten Lehrpersonen mehr, sondern alles andere.

Lernen, sei es das von Kindern und Jugendlichen, von Studierenden oder Menschen, die sich weiterbilden, wird in Zukunft nicht mehr in Schulen stattfinden, sondern dezentral, denn Netzwerke haben keine Zentren mehr. Sie folgen sehr anpassungsfähigen, offenen und dezentralen Strukturen (Manuel Castells). Menschen werden zum Zwecke jeder Art von Lernen keine Schulen mehr aufsuchen, sondern dort lernen, wo sie leben, wo sie arbeiten. Sie werden sich mit Themen und Problemen befassen, die sie unmittelbar angehen. Auch die Agora-Schulen in den Niederlanden sind schon länger auf diesem Weg.

Das Neue am neuen Lernen geht aber noch weiter. Die Organisation und Begleitung dieses Lernens findet nicht mehr in Form von Beschulung statt. Das pädagogisch-didaktische Konstrukt institutionalisierten Lernens kommt in der Zukunft des Lernens nicht mehr vor. Beschulung als Paradigma hat ausgedient. Stattdessen werden wir zeitlebens in Netzwerken lernen, so, wie wir bereits heute in etlichen kulturellen Bereichen in Netzwerken unterwegs sind: kommunizieren, produzieren, Handel treiben und Interessensgruppen jeglicher Größe bilden, um konkrete Probleme zu lösen.

Die sukzessive Modellierung und Umsetzung von Lern-Netzwerken ist eine Antwort auf die Bedürfnisse sowohl zukünftiger Menschen als auch zukünftiger Lebens- und Arbeitswelten, die anders gar nicht mehr gesteuert und organisiert werden können als durch selbstorganisierte Lern- und Arbeitsnetzwerke. Insofern beziehen sich die hier formulierten Ideen zum Lernen in Netzwerken vor allem auf die Bedürfnisse zukünftiger Generationen und ihrer Lebenswelten.

Lern-Netzwerk bedeutet: Alle lernen und alles lernt

Lern-Netzwerke als eine neue Kultur zu verstehen setzt voraus, dass ich die Gestaltung eines Lernprozesses als etwas begreife, das in der Verantwortung aller liegt, die daran beteiligt und darin verwickelt sind.

Unser Bildungssystem konditioniert Menschen bis heute systematisch in eine andere Richtung: Für mein/dein/unser Lernen und seine Organisation ist immer „eine Organisation“ und sind immer irgendwie geartete Lehrpersonen zuständig. Also andere als der und die Lernende. Aus diesem Grund wird z.B. „Digitalisierung“ in Bildungskontexten ausnahmslos (!) so verstanden, sei es zustimmend oder ablehnend, befürwortend oder befürchtend, dass Lehrkräfte und ihre Funktionen durch digitale Medien und Künstliche Intelligenz („Learning Analytics“) „ersetzt“ werden könn(t)en – höchstens jedoch um solche Hilfsmittel „erweitert“. Keiner kommt auf die Idee, dass die Lernenden selbst diese Funktionen übernehmen. Keiner. Das traditionelle Bildungssystem und seine VertreterInnen geht also ganz selbstverständlich davon aus, dass Lernen jeweils „von außen“ gesteuert, motiviert, organisiert, kontrolliert und bewertet wird. Mal von Menschen, mal von Künstlicher Intelligenz.

Im Unterschied dazu ist die Idee und die Kultur von Lern-Netzwerken davon überzeugt, dass die Verantwortung für Lernprozesse jeglicher Art gerade nicht delegiert wird. Weder an eine lehrende Profession, noch an intelligente Maschinen. Im Lern-Netzwerk braucht es beide nicht. Die Idee vom Lern-Netzwerk belässt die Verantwortung in den Prozessen selbst und bei den Lernenden, weil es in dieser Vorstellung von Netzwerk nur Lernende gibt.

Solange Bildung und Lernen in unseren Köpfen Veranstaltungen sind, deren Organisieren wir mit institutionalisierter Organisation gleichsetzen und verwechseln, sind wir nicht in der Lage, den entscheidenden Unterschied zu begreifen und zu machen. Wenn wir heute im Kontext von Bildung und (Hoch-)Schule überhaupt Phänomene wie „Selbstorganisation“ und „selbstorganisiertes Lernen“ in Erwägung ziehen, dann zielen wir damit vor allem auf das Lernen von Schülerinnen, Schülern, Studierenden und Menschen in der beruflichen Weiterbildung. Wir nehmen auch dort, wo wir „selbstorganisiertes Lernen“ für möglich erachten, immer nur so genannte Lernende als eine Zielgruppe lehrenden Handelns in den Blick. Die „Organisation Schule“ oder mit ihr verwandte Systeme zählen wir nicht zur Gruppe der Lernenden. Auch nicht weitere AgentInnen der Schulsysteme wie lehrende Berufe, Schulleitungen, Schulverwaltungen oder flankierende Dienste von der Hauswartung bis hin zur betriebswirtschaftlichen Führung. Auch beziehen wir die „Heimatsysteme“ von Schülerinnen, Schülern und Studierenden nicht in unsere Vorstellung von selbstorganisiertem Lernen mit ein: Familien, Freundeskreise, das berufliche Umfeld.

Lehrende Systeme betrachten „selbstorganisiertes Lernen“ – wenn sie es überhaupt in den Blick nehmen – als eine vom Schulsystem zur Verfügung gestellte Methode, als einen möglichen Weg neben anderen pädagogisch-didaktisch organisierten Zugängen. Warum? Weil das Lernen, das im Kontext von Schule in den Blick kommt, ein Lehr-Lernen ist und damit schulisch organisiert. Es ist das Lernen derer, die das Schulsystem beschult und unterrichtet. Lehrende Systeme sprechen also immer, wenn sie von Lernen reden, über etwas, das mit Hilfe der Parameter pädagogisch-didaktischer Paradigmen konstruiert und organisiert wird. Kurz: Wo nicht gelehrt wird, da wird auch nicht(s) gelernt. Oder zumindest das Falsche, oder unvollständig, oder oberflächlich.

Diesen Irrtum haben alle ganz selbstverständlich übernommen, die in einer Schule „lernen gelernt haben“. Bis heute beziehen wir uns in unserer Auffassung von Lernen immer auf eine scheinbar eingegrenzte Zielgruppe von „Lernenden“ und blenden die Systeme, innerhalb derer diese Menschen lernen, aus. Als ob das Lernen von Menschen unabhängig von den Systemen stattfinden könnte, in die es eingebettet ist –  und zwar in einer merkwürdig folgenlosen Weise für diese Systeme. Diese Vorstellung von Lernen ist falsch. Sie bildet aber bis heute die Grundlage alles schulischen Handelns an und mit lernenden Menschen.

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Graffiti in Lissabon. Foto: Christoph Schmitt

Nun sind es aber immer Systeme, die lernen. Lernen ist nicht einfach Lernen von Individuen. Lernen führt immer auch zur Veränderung von Systemen, die immer auch mit anderen Systemen gekoppelt sind. Deshalb lassen sich die Folgen von Lernen gar nicht kontrollieren – außer, die Lehr-Systeme schotten das Lernen ab und organisieren es als eine Funktion von Lehren. Und selbst dann wirkt sich „schulisches Lernen“ auf familiäre Systeme aus und wirkt in sie hinein und verändert sie – und umgekehrt. Sobald Kinder schulpflichtig werden, verändern sich Familien(systeme) grundlegend – vor allem hinsichtlich der Art, wie sie sich selbst organisieren. Auch für Schulen gilt: Wenn sie in so genannten „sozialen Brennpunkten“ beheimatet sind, bzw. wenn sie besonders viele Lernende aus geflüchteten Familien aufnehmen, organisieren sie sich selbst anders als Schulen, die mehrheitlich von Lernenden besucht werden, die aus sogenannt wohlhabenden und „inländisch geordneten“ („geordnet“ durchaus im Sinne von „organisiert“) Verhältnissen stammen.

Ein systemisch geweiteter Begriff von Lernen zeigt, dass und wie alle an Lernprozessen Beteiligte davon betroffen sind. Alles andere ist ein Lernen, das um genau jene Aspekte reduziert ist, die es als Lernen von Menschen qualifizieren würden. Wer also von „selbstorganisiertem Lernen“ spricht, muss sich darüber klarwerden, dass er oder sie damit über Lernen in Systemen spricht, und zugleich über Lernen von Systemen; und er oder sie sagt damit recht eigentlich, dass dieses und damit alles Lernen selbstorganisiert ist – und zwar gerade nicht in einem isolierten Sinne, so als ob jedeR einzelne SchülerIn „irgendwie vor sich hin lernen“ würde.

Wie sich Lern-Netzwerke organisieren

Lern-Netzwerke als Nachfolgerinnen traditioneller Bildungssysteme sind denkbar einfache Formen der Organisation. Sie machen sich auf hohem Niveau das Phänomen der lebensweltlichen und systemisch wirkenden Kräfte von Selbstorganisation zunutze, wie sie seit vielen Jahren in etlichen Forschungen zu diesem Thema nachgewiesen werden. Belege dazu finden sich erneut bei Felix Frei, Frederic Laloux und Noah Juval Harari (google it).

Die ideale Organisationsform dieses Lernens ist ein Netz, ein Lern-Netzwerk. Lernen wird hier ausdrücklich als eine bestimmte Form der Vernetzungsarbeit von Bekanntem, Gewusstem, Unbekanntem, Halb- und Dreiviertelwahrem durch ein lernendes Subjekt verstanden. So ein Subjekt kann ein Mensch sein, eine Gruppe von Menschen oder eine Organisation, die ja auch aus Menschen und deren Kommunikationen besteht.

Lernen ist bewusst gesteuertes und reflektiertes Schaffen, Auffinden, Verwerfen, Nutzen und Vernetzen von Ressourcen jeglicher Herkunft und Art, um identifizierte Probleme zu lösen, und um sie als solche überhaupt identifizieren zu können. Was dabei in jedem Fall geschieht, ist erstens Vernetzung und zweitens Bildung. Wenn ich Lernen und Bildung jetzt noch als „Vernetzungsarbeit“ betrachte, als Lern-Arbeit an und in Netzwerken, dann ist der gesuchte Lernort keine Schule, sondern ein Knotenpunkt in einem Netzwerk. Der ideale Lernort ist ein Netzwerk-Knoten.

Seine Qualität für lernende Menschen bekommt dieser Netzwerk-Knoten vor allem durch die Dichte des Netzes, das er an dieser Stelle repräsentiert, was nichts Anderes heißt als dies: Ein Lernort als Netzwerk-Knoten erhält seine Qualität für lernende Menschen dadurch, dass der Knoten möglichst viele Verbindungslinien (Prozesse und Kommunikationen) mit möglichst vielen anderen Knoten im Netzwerk aufweist, wenn lernende Menschen „feuern“. Ein Netzwerk-Knoten ist also nicht einfach „mit anderen verbunden oder nicht“. Netzwerke sind nicht statisch, sondern hoch dynamisch. „What fires together, wires together“: Was gemeinsam feuert, vernetzt sich dadurch.

Im Unterschied zu herkömmlichen Vorstellungen schulischer Lernorganisation, wo Lernende in erster Linie „versorgt werden“, sind Lern-Netzwerke echte Communities, in denen Vernetzung ausschließlich durch die Aktivität der sich Vernetzenden existiert. Dieser Unterschied ist für die Verwendung der Netzwerk-Metapher sehr wichtig. Ein Netzwerk „habe“ ich nicht anders, als dass ich und jedeR einzelne Netzwerk-PartnerIn es befeuert, indem wir es nutzen, kuratieren, entwickeln, füttern und erweitern. Vernetzung ist kein Zustand, sondern ein qualifizierter und qualifizierender Prozess des Vernetzens. Stabilität erhalten (alle, nicht nur) Lern-Netzwerke dadurch, dass sie in Bewegung sind. Diese Bewegung ist Lernen.

Ein Lern-Netzwerk ist also nichts, das andere im Sinne einer Dienstleistung für mich einrichten und bewirtschaften könnten. Es ist eine Form der Selbstorganisation. Lern-Netzwerke konstruieren und organisieren ihre Lern-Architekturen selbst und aus sich selbst heraus. Ein Lernort ist hier unabhängig von vorprogrammierten, klassischen Lehr-Lern-Infrastrukturen. Er bezieht seine Qualität nicht aus dem geographischen Ort, an dem ein Mensch oder eine Organisation lernt, sondern so:

Durch den Grad der Vernetzung mit einem Lern-Netzwerk, die sich an jedem geographischen Ort realisieren oder kondensieren kann, wird ein konkreter physischer Ort zu einem Lern-Ort.

Dies ist eine exakte Umkehr der Vorzeichen gegenüber unseren klassischen Vorstellungen institutioneller „Lernorte“. Lernen kann in der Vorstellung vom Lern-Netzwerk immer nur so gut sein, wie das Netz und seine Qualität, das eine Sache und ein Anliegen aller ist – und nicht weniger dafür zuständig Gemachter.

Lernen und das Organisieren dieses Lernens bedeutet in Zukunft die Gestaltung und Verstärkung von Lern-Netzwerken, die zugleich lernende Netzwerke sind. Alle am Lernen eines Systems beteiligte Menschen nehmen sich als Teil dieses Netzwerkes wahr, in dem es keine Lehrende, sondern nur Lernende gibt. Das Lehren als eine unterrichtende und wissensvermittelnde Funktion wird im Lern-Netzwerk nicht mehr gebraucht.

Lern-Netzwerke sind Colearning-Spaces, angelehnt an die Kultur der Coworking- und Makerspaces, die sich ganz fundamental durch das Teilen von Ressourcen definieren (Stichwort: „sharing economy“): Wissen, Erfahrung, Zeit, Material, finanzielle Mittel, menschliche Zuwendung u.v.m. „Lernen“ ist hier vor allem organisiert als Teilen von Ressourcen und Bedürfnissen.

Ich stelle euch unsere Colearning-Community vor.

Welchen Nutzen bringt diese neue Form von Lernen?

Lernen kann ebenso wenig gelehrt werden (Klaus Holzkamp), wie Wissen oder Wissensinhalte gelehrt werden können (Rolf Arnold). Alles, was Menschen in Lern-Netzwerken an Unterstützung für ihr Lernen brauchen, holen sie sich selbst in und aus einer entsprechenden Umgebung, die maximal darauf ausgerichtet ist, entdeckendes Lernen zu unterstützen. Das gilt für Kinder im Grundschulalter bezogen auf ihre Möglichkeiten und Bedürfnisse ebenso wie für Erwachsene, die sich kontinuierlich weiterbilden.

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Prater-Riesenrad, Wien. Foto: Christoph Schmitt

Durch die konsequente Selbstorganisation von Lernen und Bildung in Lern-Netzwerken werden enorme menschliche und materielle Ressourcen frei, die bisher in die Organisation, Durchführung und Kontrolle staatlich verordneter Bildungsprozesse investiert werden. In Lern-Netzwerken ist Lernen hingegen ein Vollzug derer, die Lebens- und Arbeitskontexte teilen, die diese Kontexte gestalten und organisieren.

Wenn das Lernen nicht mehr zu fest getakteten Zeiten in geschlossenen Räumen in dafür errichteten und unterhaltenen Gebäuden stattfindet, nicht mehr nach vorgesetzten Plänen, in denen die Potenziale und Bedürfnisse Lernender durch Lerninhalte und Lernziele ersetzt sind, wenn das Lernen sich seinen Möglichkeiten und Bedürfnissen und Bedingungen entsprechend entfalten kann, dann entfällt auch der Einsatz enormer Ressourcen für Logistik, Mobilität, Organisation in Familien, und für die Koordination mit Erwerbsarbeit.

Es entstehen völlig neue Möglichkeiten, wie wir (selbst) das eigene Lernen, das Lernen von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen organisieren, so dass es entweder direkt in den Kontexten stattfindet, in denen wir leben, oder in niederschwellig organisierten Formen von „Lern-Gemeinschaften“, die sich relativ unspektakulär und spontan bilden und wieder auflösen können. Jeder noch so improvisierte nachbarschaftlich, genossenschaftlich, vereinsmäßig oder von einer Unternehmensplattform organisierte „Colearning-Space“ bietet lebendigere, kreativere und situationsgerechtere Möglichkeiten des Lernens, als schulisch kaserniertes, von einer Kultur der Bewertung und Selektion angetriebenes Lehrlernen.

Solche Lern-Netzwerke erweitern sich bedarfs- und lösungsorientiert um weitere Dimensionen von Gesellschaft und Ökonomie. Es kommen – je nach Bedarf – weitere Player ins Lernspiel: Handwerker, Unternehmen, soziale und kulturelle Einrichtungen aus dem Meatspace ebenso wie aus dem Cyberspace.

Lern-Netzwerke sind also intensiv („aktiv“) und dicht vernetzt mit Agierenden aus Wissenschaft und Forschung. Nicht im Sinne von „Lehre“, sondern im Sinne von Begegnung, Austausch, Vernetzung und Verdichtung. Menschen, die andere Menschen in diesen Lernkontexten auf deren eigenen Wunsch hin begleiten, sind vor allem Expertinnen und Experten für Lernen: für das Entfalten von Lern- und Lebensprozessen. Sie sind keine Experten für Unterrichten, Prüfen und Benoten.

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The Broken Globe, by Karl Anton Wolf. Wien: Sigmund-Freud-Park. Foto: Christoph Schmitt

Wer sich auf einen Beruf vorbereitet oder sich weiterbildet, greift auf Ressourcen in vielfältigen gesellschaftlichen Bereichen zurück, die ein Teil des Lern-Netzwerks sind: Von der Landwirtin über die Architektin, von der Ernährungswissenschaftlerin über die Entwicklungshelferin bis hin zu Vertreterinnen des handfesten Handwerks, der Künste und aus dem weiten Feld der Digitaltechnologien.

Lern-Netzwerke gestalten sich einerseits als vernetzte Lernorte im Meatspace, sprich an einem physischen Lebensort. Sie siedeln sich an Orten an, wo lernende Menschen leben. Das sind z.B. Nachbarschaften, Ateliers in dem Sinne, wie ich sie in meinem Buch „Digitalisierung für Nachzügler“ skizziert habe, Netzwerke von Entrepreneurs, Einzelunternehmen oder klassischen KMU – oder es sind Orte, an denen Menschen auf der Durchreise Halt machen: Digital Nomads, Digital Expads, Familien oder überhaupt lernende Menschen unterwegs.

Andererseits gestalten sich diese Netzwerke durch eine dichte digitale Vernetzung der lokalen Lernorte untereinander und mit relevanten PartnerInnen: Kultur- und Medienschaffende, (Innovatoren aus dem) Handwerk, Industrie und sozialen Organisationen. Lernnetzwerke sind unter anderem deshalb anschlussfähig an gesellschaftliche und ökonomische Kontexte, weil diese ja Teil des Netzwerks sind. Deshalb sind Lern-Netzwerke auch keine Alternativen oder Gegensätze zu Orten der Berufsausbildung. Sie haben das Zeug, um an die Stelle traditioneller Ausbildungssysteme zu treten.

Solche Lern-Netzwerke können von Eltern-Initiativen getragen sein, die sich zu diesem Zweck zusammenfinden. Als Initiant:innen sind jedoch sämtliche Träger gesellschaftlicher (nicht unbedingt staatlicher) Verantwortung denkbar, um solche Lern-Netzwerke zu organisieren – in vielfältiger Zusammensetzung und mit völlig unterschiedlichen Interessen, die mindestens eines gemeinsam haben: Sie sind zu Zwecken intensiven und nachhaltigen Lernens miteinander vernetzt. Und wo juristische Strukturen von Vorteil sind, gibt es bereits heute vielfältige Möglichkeiten einer solchen Selbstorganisation – wo nötig – das entsprechende Format zu geben.

Nicht zuletzt organisiert sich Lernen in Lern-Netzwerken ganz selbstverständlich und sukzessive auch im digitalen Raum, der kein Gegenüber und keine Alternative zum analogen Raum ist, sondern dessen unterstützende Erweiterung und konsequente Vernetzung.

Auf welches Bedürfnis reagiert diese Entwicklung?

Sie reagiert auf eine schon jetzt zunehmende Selbstorganisation von Menschen und ihren Institutionen. Das Lernen, mit dem wir uns befähigen, für die großen Herausforderungen der Gegenwart gemeinsame Lösungen zu entwickeln, findet in herkömmlichen schulischen Systemen keine Unterstützung mehr. Zu sehr haben sich die Anforderungen an uns und unser Lernen von dem entfernt, was das Bildungssystem zu bieten hat.

Deshalb sucht sich das Lernen von Kindern und Jugendlichen, von Studierenden oder Menschen, die sich weiterbilden, ganz von selbst andere Wege und Orte. Bereits heute – zunehmend unterstützt durch den Digital Space. Menschen werden keine Schulen und Hochschulen mehr aufsuchen um zu lernen. Das Neue am neuen Lernen geht aber noch weiter.

Die Organisation dieses Lernens wird ebenfalls nicht mehr in schulischen Formen daherkommen, sondern als Netzwerk. Das pädagogisch-didaktische Konstrukt institutionalisierten Lernens wird in der Zukunft nicht mehr vorkommen. „Beschulung“ als Konzept hat ausgedient.

Einerseits ist die Entwicklung von Lern-Netzwerken also bereits eine Reaktion auf das Entstehen neuer Bilder und Vorstellungen, Praktiken und Bedarfe, wie Menschen sich, ihre Arbeit, ihre Beziehungen und ihre (Selbst-)Versorgung organisieren. Andererseits werden Lern-Netzwerke immer mehr zu deren Ermöglichung.

Lern-Netzwerke sind unsere Antwort auf die zunehmende Notwendigkeit, das Leben – in welchen „Lebensformen“ auch immer – selbst zu organisieren. Durch Lern-Netzwerke befähigen wir uns selbst und gegenseitig, die immer komplexer werdende Herausforderung mit Namen „Zukunft“ nachhaltig und lustvoll anzupacken.

Wenn du zu dieser Thematik weiterlesen möchtest, dann klicke hier.

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Lernen 4.0: Junge Menschen bereiten sich von selbst auf die digitale Arbeitswelt vor.

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Anja C. Wagner hat ein Video produziert, in dem sie Zukunftswege digitalen Lernens für junge Menschen aufzeigt. Konkret, lustvoll, machbar, effizient. Dieses Video hat sie auf ihrem youtube Channel veröffentlicht. Dort gibt es noch mehr davon – es ist eine wahre Fundgrube für die Zukunftsthemen „Arbeit und Bildung im Digitalen Zeitalter“. Ich verwende dieses Video in der Weiterbildung, um meinen Klient*innen einen Einblick in Lernen und Arbeit 4.0 zu geben. Dabei zeige ich es sowohl Lehrenden und Dozierenden, als auch Studierenden. Die Reaktionen könnten unterschiedlicher nicht sein.

Und doch fallen diese Unterschiede immer gleich aus.

Lehrende und Dozierende melden, nachdem sie dieses Video gesehen haben, zurück: Das funktioniert nicht. Unter keinen Umständen. Das richtet sich nur an eine sehr kleine Zielgruppe, die eh schon über die Kompetenzen verfügen, die es dafür braucht. Das ist eine elitäre Position, die übersieht, dass höchstens zwei Prozent der jungen Leute sowas in Angriff nehmen können oder werden. Das führt zu einer völligen Durchmischung von „privat“ und „beruflich“, was nicht wünschenswert ist. Der Großteil der Menschen ist damit völlig überfordert – und in diesem Stil immer so weiter.

Lehrende signalisieren mir mit diesen Reaktionen Abwehr und Überforderung. Eine differenzierte Auseinandersetzung mit den Inhalten, den Themen und den Perspektiven kommt für sie gar nicht in Frage. Und zwar wirklich für die meisten von ihnen.

Studierende, Lernende, Schüler*innen reagieren auf das Video in erster Linie mit Neugier und einer Menge Fragen. Wie die denn dieses Video gemacht hat, und wer das überhaupt ist: diese Frau. Sie wollen das Video noch einmal sehen, sie wollen darüber diskutieren. Sie wollen Begriffe klären. Sie wollen, so mein Eindruck, verstehen – und sie wollen so schnell wie möglich „hands on“ gehen.

Lehrende, so mein Eindruck, wollen sich darüber klar sein, dass so etwas nicht funktioniert. Junge Menschen wollen mehr darüber erfahren.

Die neuen Lern- und Arbeitsnetzwerke: kreative Selbstläufer

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Interessant ist auch der Hintergrund, auf dem dieses Video entstanden ist. Lorenzo Tural Osorio, Unternehmer und Gymnasiast, hat Anja um eine Stellungnahme gebeten für seine Veranstaltung „Bring the Outside in the Company“ auf der Nürnberg Web Week im vergangenen Jahr. Er hat sie als Expertin angefragt, wie sich junge Menschen in den neuen digitalen Lern- und Arbeitsnetzwerken positionieren und entwickeln können. Und natürlich habe ich mich im Netz über Lorenzo informiert, wollte wissen, wer das ist, und was der so treibt. Die Ergebnisse haben mich beeindruckt, weil sehr konkret sichtbar wird, wie die jungen Generationen lernen und arbeiten werden.

Was diese Biografien zukünftig unterscheiden wird von Lern- und Arbeitsbiografien, die für uns heute State Of The Art sind, wird für mich in diesen Beiträgen klar. Im Video ebenso wie dort, wo ich auf Menschen wie Lorenzo stoße. Er ist ja beileibe nicht der einzige – doch er entwickelt sich mehr und mehr zu einem wichtigen Netzwerkknoten, an dem andere (nicht nur junge) Menschen anknüpfen könne, nachdem das Schulsystem solche Bewegungen eher unterdrückt und behindert, wie dieser Erfahrungsbericht eindrücklich schildert:

Die Zahl derer, die das Netz nutzen, um sich einen Platz in den neuen Arbeitswelten zu sichern, steigt täglich. Ganz in dem Sinne, wie auch Anja C. Wagner im Video formuliert: Das Netz ist nicht in erster Linie ein Tool für den privaten Einsatz, sondern ein Arbeitswerkzeug. Und wer junge Leute finden möchte, die das Netz so nutzen, wer verstehen will, was da abgeht – muss selber ins Netz und eine eigene Netz-Identität entwickeln.

Faszinierend dabei für mich: Diese Entwicklungen sind Selbstläufer. Sie schließen niemanden aus, sie sind alles andere als elitär, sie sind offen für jede und jeden, der und die mitmachen will. Da gibt es kein „bildungsaffin“ und „bildungsfern“, denn das sind Definitionen, mit denen vor allem das Bildungssystem und die Bildungspolitik Menschen stigmatisieren.

Umso wichtiger ist es, dass diese Netzwerke immer schneller wachsen. Dadurch werden alternative Bildungs-, Lern- und Arbeitsnetzwerke einem immer größeren Kreis von Menschen zugänglich. Die Abhängigkeiten von einem veralteten Bildungssystem werden weniger, Menschen befreien sich mehr und mehr aus den Zwängen der Selektionsmechanismen – oder geraten gar nicht erst in deren Fänge.

Nicht zuletzt Dank des Engagements von Menschen wie Anja C. Wagner, Lorenzo T. Osorio und einer rasch steigenden Anzahl von Frauen und Männen, die sich diesen Bewegungen anschließen.

Aus den Fesseln des Bildungssystems ausbrechen. Doku über Bildung der Zukunft.

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Warum engagieren sich junge Menschen zwischen 14 und Mitte 20 für die „Befreiung der Bildung“? Weil sie realisiert haben, dass wir nicht damit weitermachen können den Planeten zu verbrauchen – und weil sie eine klare Vision haben – und jede Menge Kraft. Ich habe mit Jola, Gina und Simon vom Verein „Demokratische Stimme der Jugend“ ein Gespräch geführt. Herausgekommen ist eine faszinierende, 30-minütige Doku über visionäre Praxis und strategische Professionalität.

Hier geht’s zum Video.

Über das Reizwort „Vision“

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Kein Begriff führt zuverlässiger zu verdrehten Augen als „Vision“. Vielleicht noch „Digitalisierung“ – aber „Vision“ tut gemäß Senioritätsprinzip mehr weh. Wir verwenden den Begriff wie Kaugummi, den wir locker verteilen, wenn jemand aus dem Mund riecht. Schnelle Lösungen, am Symptom orientiert. Dabei sind die meisten Visionen schlicht Beschiss. Ihre Wirkung lässt so schnell nach wie der Geschmack des bubblegum. Der Rest ist Kauen. Aber warum bleibt das Phänomen trotzdem bis heute so erfolgreich? 

Warum verschwindet es nicht aus dem Marketing-Sprech, sondern blitzt alle Nase lang auf linkedIn auf? Weil eine Vision triggert wie nichts anderes. Visionen erzählen von einer schönen Zukunft. Sie entwickeln einen Sog. Und sie lenken für den Moment ab vom schnöden Status Quo. Doch es gilt auch: Je saturierter dieser Status, umso genervter die Beschenkten. Sattheit ruft immer nach „mehr Desselben“, nie nach Veränderung. Auch deshalb haben es Visionen bei uns so schwer.

Wir halten es nicht mehr aus!

Ein Blick in die Geschichte zeigt (von den großen Religionsgründern der Antike bis zu Martin Luther King), wann Visionen tatsächlich eine nachhaltige Wirkung entfalten: wenn sie aus realem, geteiltem Leid entstehen, aus empfundener Unerträglichkeit, nicht aus einer nur gepredigten. Dabei steht in diesen Fällen nicht die reale Veränderung realer Verhältnisse im Vordergrund, sondern das Moment des Verbündens. Echte Visionen verbünden durch eine gemeinsame Situation. Sie entstehen von selbst aus einer erdrückenden Situation heraus. Deshalb: Solange der Klimawandel nur auf der Südhalbkugel wütet, haben wir hier nicht wirklich einen Visionsbedarf.

Visionen entfalten eine Wirkung also am ehesten dort, wo sie geteilt werden. Auch dann ist nicht vorherseh- und bestimmbar, in welche Richtung sie wirken. Sie bündeln zwar die Kräfte zur Veränderung, aber sie können die Richtung selber nicht restlos vorgeben. Sie erleichtern das Losgehen, garantieren aber nicht das Ankommen – erst recht nicht das „Wo“. Hier liegen die häufigsten Irrtümer der Marketing-Sprechblasen. Echte Visionäre wissen das, falsche womöglich auch, aber sie unterschlagen es – und an dieser Stelle schlägt ein Visionsprozess in Manipulation um. Das Versprechen, das im Aufbruch liegt, schlägt um in Versprechungen über höchst ungewisse Meriten.

Kraftvolle Visionen sind also niemals verordnet, sondern gewachsen. Sie entspringen einer geteilten Situation und machen deshalb aus Betroffenen Verbündete.

Die vier Eigenschaften einer wirksamen Vision

Aus diesem Grund haben wirksame Visionen immer mindestens diese vier Eigenschaften: Sie sind radikal, weil sie den Status Quo nicht mehr ertragen und deshalb ein echtes Gegenbild entwickeln, eines das Sog entwickelt. Sie sind subjektivin dem Sinne, dass es geteilte Visionen einzelner Menschen sind. Ich finde mich in ihnen wieder. Wirksame Visionen sind niemals objektiv und nie „importiert“ oder verordnet. Sie gehen immer vom einzelnen Menschen aus, der sie mit anderen teilt. Sie sind drittens träumerisch, denn nur so gelingt es den Trägern einer Vision, sich definitiv vom Staus Quo zu lösen – und sie sind konkret, denn nur dann entfalten sie Motivationskraft.

Denken Sie dran, bevor sie das nächste Mal den Begriff „Vision“ in den Mund nehmen. Die Geschmäcker sind verschieden 😉

„Bildung, die schmeckt. Neue Trends und attraktive Formen“.

So das Motto der Herbsttagung von plusbildung.ch.

Plusbildung repräsentiert die ökumenische Bildungslandschaft der Schweiz. Damit ist der Verband ein breit aufgestellter Player auf dem Markt der Weiterbildung. Seine Mitglieder stehen für ein Angebot, welches ausdrücklich den ganzen Menschen anspricht – in allen relevanten Dimensionen: individuell, sozial, beruflich, ökologisch und spirituell. Als Moderator und Referent war es meine Aufgabe, die Chancen der Digitalen Transformation für das Bildungsangebot sichtbar zu machen – und konkret.

Ein Teilnehmer schreibt mir als Rückmeldung:

„Die beiden letzten Tage klingen nach. Ich werde mich wohl erneut auf den Weg in den digitalen Dschungel machen, von dem ich bereits glaubte, dass für mich im Moment ausser Spesen (Zeit) nicht genug rausspringt. Deine Impulse haben mich ermutigt, mich neu und mutig ins Wasser zu werfen. Dein eBook bin ich im Zug am Lesen und entdecke da auch bekanntes, welche ich ähnlich bereits in TZI kennen gelernt und mir z.T. auch angeeignet habe: Die Ermächtigung des Lernenden. Du zielst ja nicht auf Egozentrik und Egoismus, sondern auf Selbst- und Mitverantwortung. Diese bedarf der Freude am Erfolg des Andern, wie zuerst auch Freude am eigenen Erfolg.“

Heute schon gelernt? Eine kurze Analyse unserer wichtigsten Fähigkeit

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Zuerst die Bombe zünden: Selbststeuerung und Selbstorganisation sind ebenso wenig „in Teilen“ oder „partiell“ möglich wie „Autonomie“. Ein Prozess ist entweder selbst- oder fremdgesteuert, er ist entweder selbstorganisiert oder er ist es nicht. Auch „Teilautonomie“ ist ein semantisches Unding. Prozesse, die in der Annahme durchgeführt werden, dass es Teilautonomie gibt, geraten ausnahmslos zu bizarren Unterfangen. 

Ein Beispiel: Schulen werden in der Schweiz gerne als „teilautonom“ bezeichnet. Sie erfahren aber immer und ausgerechnet dann, wenn sie sich autonom verhalten, wie sehr sie „unter fremden Gesetzen“ stehen, also heteronom unterwegs sind. Das teilautonome Moment schlägt immer dann in Heteronomie um, wenn es sich selbst autonom anwendet. Diese Erfahrung ist nicht auf das Schulsystem begrenzt. Wir können sie praktisch in jeder Form von Organisation machen: „Autonomie“ hast du nur so lange, bis du sie benutzt.

So ist das auch mit dem Phänomen der Selbstorganisation – ausgerechnet beim Lernen. Erstens gilt – mit gesichertem neurologischem und systemischem Wissen im Gepäck: „Selbstorganisiert lernen kann ich nur selbstorganisiert lernen.“ Das pädagogische „Kann“ kann ich aus dieser Formel übrigens streichen, denn Lernen ist immer ein Prozess der Selbstorganisation, der in jedem möglichen Fall vom lernenden System oder Organismus (Mensch, Klasse, Familie, Abteilung, Unternehmen,) selbst gesteuert wird. Es gilt also: „Selbstorganisiert lernen“ lerne ich nur selbstorganisiert, oder: Lernen ist selbstorganisiert. Auch Phänomene wie Abhängigkeit, Überforderung, Unterforderung, Demütigung, Leistungsdruck, Langweile, Diskriminierung, Lob und Tadel, Belohnung und Strafe – und was wir sonst noch in institutionell organisierten Lernprozessen erfahren, das alles integrieren wir selbstorganisiert in unsere Lernprozesse (!). Insofern ist z.B. auch die Rede von der „intrinsischen Lernmotivation“ höchst unscharf, weil jeder Lernprozess intrinsisch motiviert ist. Die Konstruktion „intrinsische Motivation“ ist ein Pleonasmus – und dieses Konstrukt verdanken wir einer Disziplin mit Namen Pädagogik.

Der Unterschied zwischen Lernprozessen, die intrinsisch, selbstorganisiert, selbstgesteuert und autonom „sind“ und solchen, die es „nicht sind“, besteht nicht darin, dass die Lernenden im einen Fall selbstorganisiert, selbstgesteuert, intrinsisch und autonom unterwegs sind und im anderen nicht. Der Unterschied besteht darin, dass die Lernprozesse im einen Fall so organisiert sind, dass ich aufgrund der immer währenden Selbstorganisation und Autonomie meines Lernens expansiv lerne – und im anderen Fall (selbstorganisiert) defensiv. Denn auch dann, wenn ich destruktive Prozesse abwehre (Angst vor schlechten Noten, vor sozialer Deklassierung, vor Scham usw.), verlasse ich nicht das selbstorganisierte Lernen, weil das gar nicht geht.

Mein Lernen ist also in jedem möglichen Fall selbstorganisiert und selbstgesteuert. Die Prozesse und Strukturen, die von Bildungssystemen drumherum gebaut werden („Didaktik“), machen nichts anderes, als solches Lernen zu manipulieren. Nicht selten missbrauchen sie es für „übergeordnete Zwecke“, hinter denen sich Anliegen verbergen, die nichts mit dem eigenen Lernen zu tun haben, sondern mit seiner schulischen Organisation: Ordnung, Pünktlichkeit, Sauberkeit, aufstrecken, auswendiglernen, Prüfungen vorbereiten und schreiben, Hausaufgaben machen, zusammenfassen, anstreichen, mich auf Dinge konzentrieren, mit denen ich überhaupt nichts anfangen kann u.v.m.

Was eine positive und gestaltende Entfaltung unseres autonomen, intrinsischen und selbstorganisierten Lernens also jederzeit gefährdet, ist die Ausrichtung an künstlichen, fremdgesteuerten Formen der Organisation. Das führt zu einer Desavouierung von Selbstorganisation und Autonomie, weil die ja vom Schulsystem als eine grundsätzliche Gefahr für die schulische Organisation des Lernens wahrgenommen werden: Wenn ich meinem selbstorganisierten Lernen freien Lauf lasse, aktiviere ich umgehend die schulischen Sanktionsmechanismen. Niemand hat das schlauer analysiert als Klaus Holzkamp.

Anstatt junge Menschen auf soziale und kollaborative Weise ihrem Lernen zu überlassen (nicht sich selbst, liebe Lehrer, sondern ihrem Lernen), statt sie nur dort sanft zu unterstützen, wo sie sich selbst Hilfe holen (weil sie erst dann expansiv lernen, wenn sie ganz von selbst an Grenzen kommen, die keine curricular konstruierte Grenzen sind), betten wir ihre Entwicklung in heteronome, fremdgesteuerte pädagogische Systeme ein. Das tun wir mit der Begründung, dass sie, die jungen Menschen, noch nicht in der Lage sind, das zu „tun“ oder zu „können“, was sie über den Umweg des pädagogisch-didaktischen Systems zu lernen haben. Was wir dabei völlig außer Acht lassen, ist das, was ich oben beschrieben habe: Wir versuchen Menschen durch Schule etwas beizubringen, was sie sich nur selbst (her)beibringen können – und wundern uns dann regelmäßig über das Mittelmaß, in dem diese pädagogischen Versuche steckenbleiben – und immer öfter scheitern. 

Wir dürfen also NICHT zu der Erkenntnis gelangen, dass es am pädagogischen System liegt, wenn Lernprozesse „ins Chaos führen“. Wir müssen die Ursachen bei den Lernenden finden, die nicht wissen, was sie lernen sollen. Darüber hinaus sind sie zu heterogen, zu gescheit, zu dumm, falsch zusammengewürfelt, zu viele von denen, zu wenig von den anderen, haben die falsche Herkunft, das falsche Geschlecht für Mathe, einen Migrationshintergrund, den falschen Vornamen (z.B. Kevin oder Wibke), haben Lernschwächen und Verzögerungen, leiden unter Asperger und ADHS, unter überfürsorglichen oder vernachlässigenden Eltern – und brauchen deshalb ein sich immer weiter differenzierendes pädagogisches System.

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Ein Klassiker zu dieser Thematik ist übrigens ein Vortrag des großen Pädagogen Klaus Holzkamp aus dem Jahr 1992. Sie finden das Transskript hier.

»Digitalisierung für Nachzügler«

Gallus Zahno, ein sehr engagierter Pädagoge im Bereich der berufsschulischen Bildung, hat mein e-book „Digitalisierung für Nachzügler“ besprochen – und er hat dazu tief in die Digitalkiste gegriffen. Das Ergebnis finde ich beeindruckend: Wie es ihm gelingt, durch die Bildersequenzen im Video zentrale Gedanken aus dem Buch aufzugreifen und frei weiter zu entwickeln!

Digitalisierung für Nachzügler. Einsichten eines digitalen Immigranten

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Wie finde ich mich in Digitalien zurecht? Wie komme ich klar mit dieser Revolution? Was ist Digitalisierung jenseits der Schlagworte? Wie wird sich mein Leben ändern? Wie nutze ich die Möglichkeiten der Digitalisierung beruflich und privat?

Um solche Fragen geht es in meinem Buch. Aber nicht theoretisch. Ich bringe meine persönliche Erfahrung der letzten zwei Jahre ein, in denen schon so viel passiert ist. Es geht nämlich schnell mit der Digitalisierung. Sie stellt alle unsere Lebens- und Arbeitsbereiche auf den Kopf. Es wird kein Stein auf dem anderen bleiben. So viel steht heute fest.

Ob das eine gute oder eine weniger gute Nachricht ist, das hängt mehr von mir selber ab, als es bisher den Anschein macht. Das ist meine Erfahrung, und von der erzähle ich. Digitalisierung ist keine Entmündigung. Sie ist ein nahezu kostenloses Angebot, die Dinge selber in die Hand zu nehmen. Ich muss nur wissen, wie.

Für mich bedeutet Digitalisierung: Mehr Möglichkeiten für viel mehr Menschen. Mitgestalten und mitreden. Es geht mir um die Chancen, die jede und jeder selber ergreifen kann. Wenn wir das gemeinsam und richtig anpacken, dann liegt da eine Menge Lebensqualität für uns drin – jenseits von Konsum und Terror.

Zwar wird in Zukunft unglaublich viel Arbeit von Maschinen erledigt, aber darin liegen große Chancen: Wir befreien uns von den Bullshit-Jobs und von einer modernen Form der Versklavung an sinnleere Arbeit. Wir werden dadurch frei für andere Ideen und Projekte, die uns wirklich weiterbringen – angesichts des desolaten Zustands unseres Planeten.

Und weil die Digitalisierung eine so komplexe Sache ist, haben die Ilustratorin des Buches Melanie Vetterli und ich in einem Kapitel des Buches wichtige Begriffe metaphorisch umschrieben und illustriert. Damit möchten wir der Leserin und dem Leser den Zugang zu dieser spannenden Materie erleichtern. Manchmal sagen Bilder nämlich mehr als tausend Worte.

Warum ein e-book?

Weil ich als digitaler Immigrant unbedingt diese Erfahrung machen wollte. Digitalisierung bedeutet ja auch, dass wir unser Wissen und unsere Erfahrung digital zur Verfügung stellen. Digitale Bücher können viel schneller angepasst, verändert, korrigiert werden. Rückmeldungen von LeserInnen können umgehend eingebaut werden – und es braucht weniger vom wertvollen Rohstoff Papier.

Stichworte aus dem Inhalt

Digitalisierung ist mehr und anderes als technische Aufrüstung – Über die weitreichenden kulturellen Folgen der Digitalisierung – Wir entwickeln ein „neues Lernen“, mit dem wir uns für das Digitale Zeitalter fit machen – Der digitale Umgang mit der Ressource „Wissen“ – Die wichtigsten Kompetenzen für ein erfolgreiches Leben in der Digitalisierung, und wie wir zu denen kommen – Ein konkretes Beispiel für digitale Lern- und Arbeitskultur – Meine Vision: Wie wir in Zukunft zusammen leben und arbeiten werden.

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Wir erfinden Schule und Lernen neu!

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Foto: Christoph Laib

Der Intrinsic Campus hat ein großes Ziel: Eine neue Haltung zum Lernen in allen Bereichen der Gesellschaft zu entwickeln. Mit einem Barcamp in Zürich ist jetzt der Startschuss gefallen. Um die 40 Frauen und Männer kamen zusammen und gaben dem spannenden Thema ein Gesicht. 

Christian Müller und Daniel Straub sind das Kernteam des „Institut Zukunft“. Die beiden haben vor einiger Zeit in der Schweiz die Volksinitiative zum Bedingungslosen Grundeinkommen lanciert. Jetzt gehen sie das nächste große Projekt an: Intrinsic Campus. Ihr Anliegen hat große Relevanz und Aktualität. Es geht um die Erneuerung der schulischen Bildung und des Lernens in der Gesellschaft.

Am 30. September haben wir uns im Kulturpark Zürich zu einem Barcamp getroffen. Da es um den Aufbruch in eine neue Welt von Schule und Lernen geht, liegt es nahe, gleich zu Beginn eine Form zu finden, die den Anforderungen an Bildung und Lernen 4.0 gerecht wird: Barcamp ist eine relativ junge Form der „Un-Konferenz“: Es gibt im Vorfeld kein Programm und vor Ort keine Keynote-Speaker oder „ReferentInnen“. Die Themen werden live unter den TeilnehmerInnen erfasst und in Sessions bearbeitet. Auf einem Barcamp gibt es also keine Gäste, sondern nur aktive Gestalterinnen. Der Grad der Selbstorganisation ist hoch, der Output noch höher. Die Vernetzungsleistung ist enorm.

Klicken Sie hier für einen Einblick in das Barcamp, das ich vorbereitet und moderiert habe. Auf Twitter finden Sie das Barcamp unter #incabamp. Den Blog des Intrinsic Campus finden Sie hier.

Foto: Christoph Schmitt

Was Ethik in der Digitalisierung so alles leisten kann

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Quelle: kommunikationsblog.de und shutterstock.com

Viele Einwände gegen die Digitalisierung sind ethisch-moralisch gefärbt. Zum Beispiel: Sie macht uns abhängig von undurchsichtigen Netzwerken. Der Staat und große Firmen spähen uns pausenlos aus. Sie horten unsere Daten für ihre Zwecke und vernichten unsere Privatsphäre. Die Digitalen Medien führen zu einer Verrohung der Kommunikation und zur Vereinsamung der Menschen „vor ihrem Bildschirm“.

Sind das ethisch-moralische Einwände? Da geht es doch eher um Recht und Gesetz. Daten- und Kündigungsschutz sind juristische Themen. Deshalb rufen wir nach strengeren Gesetzen, nicht nach einer „neuen Moral“. Wir erwarten, dass wir im Kontext der Digitalisierung „zu unserem Recht“ kommen. Nicht nur in Sachen Privatsphäre. Dafür vertrauen wir auf das Gesetz. Eine Stufe tiefer geht es jedoch um etwas ganz Anderes.

Die Würde des Menschen

Es geht um unsere Würde. Es geht uns darum, respektiert zu werden (nicht einfach „in Ruhe gelassen“) und frei entscheiden zu können. Ich möchte über mich selbst bestimmen und sagen, was ich denke. In einem geschützten Rahmen. Ohne Angst. Ich will frei sein von Diskriminierung und ich will sinnvolle Arbeit haben. Von ihr leben können. Ich möchte Anerkennung finden. Ich möchte in Sicherheit leben, gesund und mit Genuss. Ich möchte lieben und geliebt werden. Das sind einige der Werte, die uns am wertvollsten sind. Und vor allem: Das sind nicht einfach Wünsche, die wir an den Weihnachtsmann adressieren. Das sind Grundbedürfnisse, ohne deren Erfüllung unser Leben an Würde verliert. Und dann sinkt das moralische Grundwasser.

Es geht uns also vor allem um moralische Werte. Und die können wir nicht mit Gesetzen durchsetzen. Ein würde- und wertvolles Leben braucht einen moralischen Grundwasserspiegel. Sonst greifen auch Gesetze nicht. Zum Beispiel kann das Gesetz „Ehe für alle“ nicht dafür sorgen, dass Schwule und Lesben ihre Partnerschaften in Würde leben können. Damit das funktioniert, braucht es Grundwasser.

Wie Ethik wertvolles Leben ermöglicht

Ethik ist der Schlüssel zu einem Leben in Würde. Sie reguliert das moralische Grundwasser einer Gesellschaft. Sie analysiert dessen Qualität und schlägt im Notfall Alarm. Sie untersucht, was dieses Grundwasser vergiftet und was es schützt. Auf diese Weise kümmert sich Ethik um die Frage, was ein gutes Leben ist und wie wir es verwirklichen. Sei es wirtschaftlich, medizinisch oder sozial. Die Instrumente der Ethik sind: das kritische Denken, der respektvolle Dialog, das aufmerksame Interesse.

Die Ethik gibt also keine Antworten oder Ratschläge. Sie untersucht. Sie erforscht, worauf wir unser Leben gründen – und ob das wirklich belastbar ist. Sie schreibt uns nicht vor, was wir zu tun und zu lassen haben. Sie moralisiert nicht. Sie hinterfragt. Sie sucht hartnäckig nach guten Gründen. Ethik ist also keine Besserwisserin – wie früher die Moral. Stattdessen hinterfragt sie Gesetz und Moral. Sie durchleuchtet das, was sich als selbstverständliche Praxis ausgibt. In der Politik, in der Ökonomie – überall. Dabei geht es ihr nur um das Eine: dass ein würde- und wertvolles Leben möglich wird. Für alle. Das war’s auch schon.

Digitalisierung stellt alles auf den Kopf

Es ist heute und in Zukunft nicht mehr möglich, das „gute Leben“ ein für alle Mal zu definieren und zu normieren. Diesen Umstand „verdanken“ wir der Digitalisierung. Sie hat nicht nur die Komplexität unseres Lebens vervielfacht, sondern auch das Tempo und die Abhängigkeiten und die Undurchschaubarkeit.

Um davor nicht zu kapitulieren, um den Durchblick zu bekommen und den Anschluss nicht zu verlieren, hilft mir die Ethik. Konkret, individuell und ganz praktisch. Ethik ist heute und in Zukunft eine sehr persönliche Kompetenz. Sie ist eine Fähigkeit, die mir erlaubt, ein würdevolles Leben zu führen. Mir selbst hat die langjährige Auseinandersetzung mit Ethik gleich drei Lichter aufgehen lassen.

Wie mir die Ethik geholfen hat

Erstens: Wenn ich in meinem Leben gute Entscheidungen fällen kann, dann steigt meine Lebensqualität. Ich fühle mich frei, getragen, selbstbestimmt und viel wohler in meiner Haut, weil ich realisiere, dass ich Entscheidungen wirklich selber fällen kann und zu ihnen stehen. Egal, wie anspruchsvoll sie sind.

Zweitens: Wie alle Menschen brauche ich eine Rechtfertigung für das, was ich mache und für das, was ich sein lasse. Ich habe das Bedürfnis, vor mir selbst und vor den Menschen, die mir etwas bedeuten, mit guten Gründen bestehen zu können. Ethik hilft mir dabei auf erstaunlich einfache Weise, zu diesen Gründen zu kommen. Das hat mich über die Jahre sehr erleichtert.

Drittens: Jede und jeder hat einen inneren Kompass, mit dem wir jederzeit und in noch so verzwickten Situationen Orientierung finden. Das klingt unglaublich, aber es ist wahr. Mit Hilfe der Ethik habe ich gelernt, diesen Kompass zu nutzen.

Möchten Sie diese Thematik für sich oder Ihre Organisation vertiefen? Möchten Sie mehr über die Ethik und ihr Potenzial erfahren?

Hier mein Angebot an Sie:

  • Wenn Menschen und Organisationen lernen möchten, Ethik sinnvoll einzusetzen, gestalte ich die Lernprozesse: Weiterbildung, Seminare, Workshops.
  • Wenn Menschen und Organisationen ihre ethische Kompetenz weiterentwickeln möchten, unterstütze ich sie durch Einzelcoaching, Supervision und Teamentwicklung.
  • Wenn Sie sich ethische Fragen im Kontext der Digitalisierung stellen, kann ich Einblicke geben und Überblick schaffen.

Wenn Sie Lesefutter zum Thema suchen – hier mein Tipp:
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