Was muss eine Absolventin an erster Stelle wissen, wenn sie eine Aus- oder Weiterbildung abschließt? Sie muss wissen, wie sie mit Wissen umgeht. Aber das alleine wird nicht reichen. Sie muss das auch können. Sie muss mit Wissen umgehen können.
Wer die „Vermittlung von Wissen“ gegen eine „Entwicklung von Kompetenzen“ ausspielt, wie das selbst ernannte Untergangspropheten gerne tun (z.B. Konrad Liessmann), der oder die hat nicht begriffen, dass sich Wissen und Können gar nicht gegenüberstehen. Der Umgang mit Wissen ist ein Können und muss gelernt werden. Es handelt sich um eine zentrale Kulturtechnik, um eine der wichtigsten Kompetenzen der Gegenwart. Für die Frage, wie erfolgreich sich ein Mensch in Kultur, Ökonomie und Gesellschaft zu Recht finden wird, ist dieses Können der entscheidende Maßstab.
Wissen ist Information in Bewegung
Ein Zweites: In vielen Köpfen herrscht noch hartnäckig die Überzeugung, Wissen sei ein „Bestand“. Viel zu wissen, heißt für allzu viele immer noch, Wissen auf Halde zu haben. Volle Speicher. Aber das ist ein Irrtum, der sich vor allem im Bildungssystem konsequent hält und reproduziert. Was in diesen Speichern wirklich lagert, ob es sich nun um Gehirne, Festplatten oder Clouds handelt, sind Nullen und Einsen. Es sind Daten, im besten Fall Informationen. „Wissen“ ist das alles nicht, denn Wissen lässt sich nicht speichern, sondern nur gewinnen – und zwar gerade aus dem riesigen Kosmos an Informationen, die in den Speichern dieser Welt angelegt sind. Wissen ist nicht der Rohstoff, sondern das Produkt. Wenn überhaupt.
Wissen ist Information in Bewegung, im Kontext, in Anwendung. Wissen entsteht im Austausch, im Einsatz, im Diskurs. Deshalb ist Wissen immer auch auf eine Situation bezogen, in der es gebraucht, vermisst oder erfolgreich angewendet wird. Wissen ist nicht „ewig“, sondern höchst situativ. Je situativer desto hochwertiger. Alles andere sind Daten.
Schulisches „Lernen“ verhindert Wissenskompetenz
Ein Drittes: Wissen geht kompetentem Handeln nicht voraus. Wissen ist Handeln. Auch hier wirkt unablässig der Irrtum fort, dass man zuerst „etwas“ wissen müsse, bevor man zur Tat schreiten könne. Auch das ist ein Irrtum, der im Bildungssystem zum Programm gehört. Richtig ist: Wissen, vor allem solches, das ich brauchen kann, entsteht ausschließlich und nur durch Handeln. Von daher kann ich sogar sagen: Was ich wirklich weiß, das weiß ich durch Handeln. Durch die Praxis von Versuch, Irrtum, Austausch, Fragen, Testen, Ausprobieren, Schlussfolgern, Konsequenzen ziehen, Reflektieren, neue Anläufe nehmen, mit einem Wort: durch Lernen.
Es ist gerade der klassische „schulische Kontext“, in dem wir Menschen mit Informationen beschallen, betexten und bedampfen, der die Entwicklung entscheidender „Wissenskompetenzen“ verhindert. Dieses „Mästen“ verhindert a priori, dass Lernende sich die Wissenskompetenzen des 21. Jahrhunderts erwerben können, sprich: Wissen eigenständig zu generieren statt Informationen aneinander zu hängen und zu repetieren. Sie müssten dringend lernen Methoden zu entwickeln, mit deren Hilfe sie das Gewicht, die Qualität und die kontextuelle Brauchbarkeit von Informationen einschätzen und beurteilen lernen, um sie kombinieren und verknüpfen zu können und zu gewichten. Darauf ist Schule leider nicht ausgelegt. Auch die tertiäre Bildung tut sich damit sehr schwer, ebenso wie die berufliche.
Die Art und Weise, wie unsere Bildungsinstitutionen mit Informationen umgehen, wie sie diese hin- und her transportieren um die mächtige Selektionsmaschinerie am Laufen zu halten, lehrt Menschen eines nicht: den kreativen und nachhaltigen, den produktiven und wertschöpfenden Umgang mit Wissen. Das ist angesichts der gegenwärtigen Herausforderungen in Ökonomie, Ökologie und Gesellschaft die eigentliche Katastrophe.
Die Rettung der kognitiven Libido
Warum ist das heute noch so? Der Philosoph Peter Sloterdijk sagt: „Die Desorientierung der modernen Gesellschaft über ihre eigenen Ziele spielt sich im Irritationssystem Schule ab wie nirgendwo sonst“. Deshalb würden sich viele darauf beschränken, die Dinge zu erklären, statt etwas zu tun.
Er schlägt eine Schule vor, „die den Eigensinn junger Menschen betont und sie nicht im Blick auf den Ernstfall kolonialisiert“. Er möchte Lernräume entwickeln, in denen „Menschen mit ihrer eigenen Intelligenz in ein libidinöses Verhältnis treten“. In solchen Lernräumen würde es also ganz klar um Lust gehen: um Wissenslust, Lernlust, Gestaltungslust; um Lust am Lernen.
Was wir brauchen, ist also nicht noch mehr Schule, oder eine andere, eine digitale Schule, oder neue Fächer oder andere Lehrer.
Hier die Guten, dort die Bösen. Und wo sind die Solidarischen? Irgendwo dazwischen? Ich vermute: Es gibt sie nicht. Weder die Soldarischen noch die Solidarität. Letztere wurde durch Loyalität ersetzt. Lückenlos. Solidarität ist eine Schimäre, die uns erlaubt, das Gesicht zu wahren – nicht vor den Leidenden dieser Welt, sondern vor uns selbst.
Am Anfang steht die Manipulation der Maschine Mensch
Die Psychologie sagt uns, dass wir die Menschen mit positiven Bildern fluten müssen, damit sie sich auf wünschbare Ziele hin bewegen. Wir müssen positive Bilder zur Verfügung stellen. Das ist ebenso Manipulation wie das Gegenteil: Mit negativen Bildern zu feuern. Der Gedanke dahinter, dass wir Menschen mit Bildern zu versorgen haben, ist von der Manipulation motiviert. Weil wir sie damit zu etwas bewegen möchten. Damit sind wir schwupps im Führungskräfteseminar und bei der Frage, wie wir Mitarbeitende motivieren. Oder Schüler, oder Kunden, oder Patienten. Wir haben ein technoides Verständnis vom Menschen, der wie eine Maschine mit Treibstoff versorgt werden muss, um überhaupt vom Fleck zu kommen. Betankt. Deshalb sind wir auch schnell bei Metaphern wie der Versorgung des Körpers mit Nahrung und Wasser – damit er überhaupt „funktionieren“ kann.
Nächste Zutat: Die Verkindlichung des Menschen
Solche Bilder zeigen die Verkindlichung des Menschen an. Wir gehen davon aus, dass er weder in der Lage ist, seinen Nährstoffhaushalt selbstständig zu organisieren, noch sein soziales Leben. Er muss (wir sagen: will) geführt werden. Er muss (wir sagen: will) gesagt und gezeigt bekommen, wo es lang geht. Er muss (wir sagen: will) gefüttert werden. Omnipräsente Verkindlichung. Wir verlängern eine Lebensphase der Abhängigkeit ins Unendliche, ins Kultürliche. Das Ergebnis ist der versorgte Mensch. Der loyale. Das ist unsere Kultur heute. Und damit das so bleibt, versorgen wir den Menschen mit Bildern. Wir fragen ihn, was er dabei sieht und geben ihm zwei Alternativen zum Ankreuzen vor.
Diese Bilder werden gegenwärtig hoch ambivalent: Hier die apokalyptischen, dort die paradiesischen. Hier Flüchtlingskrise und Weltuntergang, Flüchtlingsuntergang und Weltkrise, dort Grillparty und Malediven. Hier die vollen Regale, dort vom Plastikmüll verseuchte Meere. In ihrer Ambivalenz driften die Bilder auseinander. Sie zeichnen sich klar gegeneinander ab und sind zeitgleich präsent. Als Bilder, nicht als Welt.
Die konsequente Unterbindung menschlichen Reifens
Das steigert die Hilflosigkeit und Überforderung der verkindlichten Massen. Denn die werden und wurden konsequent mit Bildern (und Wahrheiten) nur gefüttert – und zwar ab ovo. Deshalb haben sie nicht gelernt zu unterscheiden. Unterschiede werden ihnen immer schon präsentiert. Ethik als Multiple Choice. Sie haben nicht gelernt zu entscheiden, weil die Alternativen immer schon bewertet vorliegen. Sie müssen nur richtig ankreuzen. Sie haben nicht gelernt, Zusammenhänge zu erkennen, weil sie ihnen immer schon erklärt werden. Deshalb können sie sie nicht verstehen, nur zustimmen oder ablehnen. Sie haben nicht gelernt, eine innere Stimme zu entwickeln, die ihnen erlaubt, Ambivalenz auszuhalten und aus Empathie heraus zu agieren. So wird Loyalität zu einer Überlebenstechnik. Niemand beißt die Hand, die ihn füttert.
Wo Solidarität war soll Loyalität werden
Solidarität bedeutet an der Wurzel, den Schutzraum der eigenen Herde zu verlassen um für einen Moment die Seite zu wechseln. Der möglichen Konsequenzen gewahr. Solidarität macht auf einen Schlag einsam, weil sie den Schutz der Herde aussetzt. Hingegen sind Solidaritätsbekundungen heute tribale Selbstvergewisserungsmanöver. Selbstinszenierung mit Sieh-Her-Effekt. Gegen die CSU zu sein, verbindet. Die Empörung gegen das medial präsent gehaltene Elend ist das scharfe Gewürz im Einheitsbrei der individuellen Sinnsuche. Und mit meiner Spende delegiere ich meine persönliche Verantwortung an dafür zuständige Organisationen. Gutes zu tun bedeutet jene zu unterstützen, die Gutes tun. So halte ich mich raus. Skin off the game.
shortstatusquotes.com
Die einen haben Angst, angesichts voller Teller zu verhungern und geifern gegen jeden Hungrigen, der sich dem Tisch auch nur nähert. Die anderen haben Angst vor den Geifernden und davor, im Kontakt mit ihnen kontaminiert zu werden. Beide Parteien nehmen die Siechenden als Geiseln für das Zurechtrücken des eigenen Weltbildes. So bleibt allen nichts als die Loyalität mit der eigenen Gruppe. Das Ergebnis ist eine sich selbst potenzierende Angst – und zwar voreinander.
Wir sind nur noch loyal. Es kann uns nur noch um uns gehen. Solidarität ist ein Mittel zu diesem Zweck geworden. Zementiert durch die kontradiktorische Omnipräsenz der Bilder. Währenddessen nehmen die Dinge ihren Lauf. Exponentiell.
Sechs von zehn deutschen Firmen gehen davon aus, die kommenden drei Jahre ohne jegliche Digitalisierungsmaßnahme zu überstehen. Neue Geschäftsmodelle stehen auch nicht im Fokus. Und nur wenige sehen in Google, Amazon & Co. die stärksten Wettbewerber. Das zeigt eine aktuelle Studie.
Die tatsächlichen Themen und Herausforderungen der Digitalen Transformation werden in den Führungsetagen nicht realisiert. Nicht in ihrer Dimension als disruptive, radikal kulturverändernde Entwicklungen, die in immer kürzer werdenden Sprüngen die Wirksamkeit von Führungs- und Managementhandeln außer Kraft setzen – und erst recht traditionelle Geschäftsmodelle.
Meine konkrete und tägliche Erfahrung ist: Menschen in Führungsverantwortung lassen diese grundsätzlichen und sehr konkreten Disruptionen nicht an sich heran. Sie setzen sich nicht damit auseinander. Wenn überhaupt, dann delegieren sie das komplette Paket an ihr untergeordnetes Umfeld, lassen Assistenzstellen erfinden und leiten Organisationsentwicklungsmaßnahmen ein, die das wirkungslos gewordene, klassische Organigramm noch einmal erweitern um Stabstellen, Abteilungen und Zuständigkeiten, die in den herkömmlichen Mindsets, Strukturen und Prozessen diese Digitalisierung irgendwie neutralisieren sollen.
Rückwärtsgewandte Change-Prozesse als Besitzstandswahrung
Es ist überhaupt erstaunlich, wie viele Strategie- und Change-Prozesse es im Moment auf breiter Ebene gibt, die an den entscheidenden Punkten die Digitalisierung konsequent ausblenden und umschiffen: als eine neue Form der Organisation aller Funktionen, Aufgaben und Zuständigkeiten. Auch fällt mir auf, dass im Kontext der Digitalisierung vor allem solche Stellen geschaffen, ausgeschrieben und besetzt werden, die auf die operative Ebene ausgerichtet sind. Ähnlich wie in früheren Zeiten die Human Resource Partner wenig anderes waren als Handlanger des Finanzchefs, nicht wirklich befugt und in der Lage, die Floskel vom Mitarbeiter als wertvollster Ressource des Unternehmens auch nur annähernd umzusetzen, verfährt das Management heute mit dem Thema Digitalisierung praktisch identisch.
Diesen Delegations-Reflex erlebe ich im Moment als besonders dramatisch, denn überall in Organisationen und Institutionen, wo Menschen mit der realen Welt in Kontakt kommen, ist die digitale Transformation ja vollzogen. Alle Funktionen und Aufgaben, die Menschen dort haben, sind geprägt durch die Merkmale dieser Transformation: Ignoranz gegenüber traditionellen Hierarchien und Zuständigkeiten, dezentralisierte Netzwerke wohin mann und frau schaut: in der Kommunikation, in der Entwicklung, in der Forschung, in jeder erdenklichen Form von Dienstleistung, in der Organisation von Wissen, Information, Produkten und Prozessen. Überall.
Dadurch entsteht ein doppelter Schaden: Immer mehr Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer werden zerrieben zwischen den Ansprüchen der Märkte, Kunden und Partner und den Prügeln, die die eigene Organisation ihnen pausenlos zwischen die Beine wirft über nochmals zunehmende Kontrollfetischismen, hierarchische Überwachungsmechanismen und Maßnahmen der Organisationsentwicklung, die den verbleibenden Rest an zeitlichen und mentalen Ressourcen fressen. Das ist der Sache nach nichts Neues. Es verstärkt sich im Moment einfach.
Digitale Geschäftsmodelle sind keine digitalisierten Neuauflagen
Zum anderen unternehmen Unternehmen und Organisationen nichts oder viel zu wenig, um digitale Geschäftsmodelle zu entwickeln. Stattdessen digitalisieren sie lediglich ihr herkömmliches Modell. Zwischen diesen beiden „Strategien“ ist ein himmelweiter Unterschied. Dieser Unterschied wird aber auf Führungsetagen nicht gemacht – und auch nicht bei Weiterbildungsangeboten für Führungskräfte, denn „mann“ will ja seine Cash Cows nicht (v)erschrecken. Niemand will sich die Finger an diesen heißen Eisen verbrennen.
Eine erfolgreiche digitale Zukunft für Unternehmen und institutionelle Dienstleister hebt in dem Moment an, in dem sie diese Unterscheidung machen können. Dann erst erkennen sie das Potenzial der Plattform-Ökonomie, der Digital Eco Systems, und sie werden digital handlungsfähig. Sie starten das dezentrale Networking und eine Kollborations-Offensive über die engen Grenzen der ehemaligen Silostrukturen hinaus.
Anja C. Wagner diskutiert in ihrem Video Blog „Anja Time“ die digitale Spaltung in der Gesellschaft. Sie liefert eine messerscharfe Analyse: In der deutschen Debatten-Kultur ist die Motivation, sich als kritischer, konstruktiver Geist aktiv im Netz einzubringen, nur schwach ausgebildet. Kein Wunder, denn diese Motivation muss erst einmal aufgebaut werden. Weil dies nicht geschieht, weder in Schule und Hochschule, noch in Aus- und Weiterbildung, passiert gerade dadurch sehr viel „Digital Devide“ – also digitale Spaltung zwischen einer sehr großen Zahl von Menschen, die digitale Analphabeten sind und bleiben, und einer sehr kleinen Anzahl, die das Netz für sich zu nutzen wissen.
Warum ist das so und wie gehen wir dagegen an?
Ein entscheidender Grund für diese digitale Spaltung sieht Anja C. Wagner hier: Zu wenig Leute trauen sich „ins Netz“, weil in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit gegen die Möglichkeiten der Sozialen Medien Stimmung gemacht wird. Stichwort: „digitale Demenzdebatte“, so Anja. Schlagzeilen wie „Ein Zuviel an digitalem Engagement ist schädlich“, beherrschten in vielen Varianten den öffentlichen Diskurs – vor allem, so meine eigene Wahrnehmung, im Bildungssystem. Gerade dort ist der reflexartige Vorbehalt gegen die Möglichkeiten des Digitalen Netzes übermächtig.
Für Anja gibt es eine Menge einflussreicher Leute & Institutionen, die diesen kulturpessimistischen Reflex konsequent zu einer Propagandamaschine gegen das Netz aufrüsten. Erstens weil sie davon ganz gut leben, und zweitens weil sie damit auch Gehör finden. Anja spricht hier von „bashing“ gegenüber Sozialen Medien: „Die wollen doch nur an eure Daten, die wollen euch nur ausnehmen“.
Diesen Refrain hält sie für fatal, weil die sozialen Netzwerke einfach nicht mehr wegzudenken seien. Deshalb müssten wir lernen, sie zu bespielen. Wir müssen sie laut Anja nicht gut finden, aber wir müssen lernen, sie zu nützen. Hingegen dominiere derzeit vor allem das Bashing die Diskurse und verhindere eine echte Auseinandersetzung. Im Ergebnis prägen Menschen & Institutionen damit den Diskurs auf eine Weise, dass sich ganz viele Menschen davon abhalten lassen, selber ins Netz zu gehen und netzwerkfähig zu werden, weil sie das Phänomen noch gar nicht einschätzen können, und sich dann sagen: „Dann lass ich das lieber bleiben, wenn alle sagen, dass es nichts ist, denn die müssen sich ja auskennen.“
Für Anja sind das die fatalen Signale, und sie fordert, dass wir unbedingt an diesem gesellschaftlichen Diskurs arbeiten müssen. Dass wir nicht nur die Machtinteressen zum Thema machen, die den Internet-Konzernen und ihren Geschäftsmodellen ritualartig unterstellt werden, sondern dass wir auch die hinterfragen, die ein Interesse daran haben, dass die Mehrheit der Leute digitale Analphabeten bleiben.
In Deutschland, so Anja, sind wir viel zu zurückhaltend, um dieses gigantische Potenzial, das früher nur großen Medienanstalten zur Verfügung stand, für uns zu nutzen. Wir dürfen das nicht länger brach liegen lassen.
Ihr Vorschlag: Menschen befähigen sich selbst & gegenseitig, diese Instrumente und ihre Wirkmechanismen einzusetzen – sie für sich zu nutzen.
Wann und wodurch bin ich „erfolgreich“ als Bildungsanbieter? Was für ein schreckliches Wort: „Bildungsanbieter“. Bildung kann ja nicht angeboten werden. Sie kann nur wachsen in der dynamischen Auseinandersetzung mit ständig sich wandelnden Umweltbedingungen. Also wie zu der Zeit, als es noch keine Bildungsanbieter gab, und die Menschen sich ungehindert selber bilden konnten. Wenn denn Zeit blieb. Heute bleibt auch keine Zeit mehr für Bildung. Neben Schule und Job und Konsum.
Was ist denn „erfolgreiche Bildung“ in einem digitalisierten Zeitalter, in dem alles, was bisher in dinosaurischen Institutionen reproduziert wird, ganz anders und nahezu kostenlos angeboten wird, exactly tailored to the needs of customers, die gar keine mehr sind? Maximal dynamisch und anpassungsfähig an die volatilen Entwicklungen. In einer Zeit, in der sich jede und jeder hier und sofort mit anderen zusammen ohne Ende bilden kann? Wenn er oder sie wirklich will, und Schule, Arbeit und Konsum ihm und ihr noch Raum und Zeit und Kraft dafür lassen!
Erfolgreich sind Lernformen, die immer schon erfolgreich waren, vor allem außerhalb des schulisch verengten Lernens. Erfolgreich sind Formen, die das Wissensvermittungsparadigma hinter sich gelassen haben oder gar nicht erst kennen. Erfolgreiches Lernen beginnt dort und in dem Moment, wenn dieses Paradigma aus den Köpfen der Lernenden verschwunden ist oder gar nicht erst dort angekommen. Dann und erst dann brauchen sie, brauchen wir keine Lehrenden mehr. Und keine Pädagogik, keine Didaktik, keine Diplome und Staatsexamen. Es gibt dann auch keinen Lehrermangel mehr, weil es Mangel ja nur von etwas geben kann, das (vermeintlich) gebraucht wird.
Dann können und werden wir wieder anfangen zu lernen. Wenn die „Rollen“ verschwunden sind, in die wir uns heute noch schicken: Schüler und Lehrer, Dozent und Student.
Erfolgreich sind Lernformate, die ganz selbstverständlich kollaborativ unterwegs sind: alle in einer Mannschaft, selbstorganisiert und ohne verlangsamende bis lähmende Hierarchien, Fächer, Noten, Prüfungen, Zertifikate, Fächer, Curricula, Stunden- und Modulpläne. Erfolgreich ist Lernen überall dort, wo zwei oder drei sich zusammentun, um etwas zu tun. Zur Rettung unseres Klimas etwa. Und dann lernen sie es. Endlich. Erfolgreich sind Lernen und Bildung dort, wo sie das Institutionalisierte hinter sich gelassen haben, wo sie auf die dezentralen Netzwerke des Wissens und der Kompetenz zugreifen. Dann explodiert Lernen. Das kann das Bildungssystem nicht wollen. Verständlicherweise.
Aber dann sind Bildung und Lernen erfolgreich: gegenwartsrelevant, zukunftsproduzierend, lustvoll, befähigend, Räume eröffnend, Menschen zusammenbringend, Lösungen erfindend. Das sind die Erkennungszeichen.
Dann ist Lernen keine Reproduktion des Status Quo mehr sondern eine Form von Zukunft. Spielerisch und hoch kompetent, wie das Bild von Quint Buchholz zeigt.
Schulen und Hochschulen geht es an den Kragen. Sie werden zerrieben zwischen immer radikaleren Sparmaßnahmen, Zertifizierungsgängelei, Evaluationsfetischismus und digitaler Konkurrenz. Gefragt sind visionäre Denk- und Handlungsspielräume, kreative Lösungen, gefragt ist Lust an der Agilität. Ich habe die Entwicklungen und Trends der Gegenwart in einen visionären 15-Punkte-Plan gepackt. Die aufgezählten Maßnahmen stehen im Präsens, weil sie … Welche Zukunft haben Hochschulen im Digital Age? Ein konkreter 15-Punkte-Plan weiterlesen
Schulen und Hochschulen geht es an den Kragen. Sie werden zerrieben zwischen immer radikaleren Sparmaßnahmen, Zertifizierungsgängelei, Evaluationsfetischismus und digitaler Konkurrenz. Gefragt sind visionäre Denk- und Handlungsspielräume, kreative Lösungen, ist Lust an der Agilität. Ich habe die Entwicklungen und Trends der Gegenwart in einen visionären 15-Punkte-Plan gepackt. Die Entwicklungen stehen im Präsens, weil sie von der Zukunft aus formuliert sind.
Die strenge Abgrenzung von Grundschule, Sek I und Sek II gibt es nicht mehr. Junge Menschen orientieren sich in der Planung ihrer Berufsbiografie ganz eng entlang ihrer Potenziale, die sie recht früh mit dem Bedarf völlig veränderter Lebens- und Arbeitswelten in Verbindung bringen. Sie orientieren sich früh und sukzessive in ihren gewachsenen, digitalen Netzwerken, an den Entwicklungen und an der Dynamik der Arbeitswelten, die sich tiefgreifend verändern. Ein radikal innovativer, faszinierender und für die Lernenden funktionierender Ansatz ist der von Learnlife. Erfahre hier mehr.
Das Lehrangebot von Hochschulen ist ersetzt durch interdisziplinäre und international vernetzte Prozesse des Kompetenzerwerbs. Diese sind eingebettet in professionell gepflegte Netzwerke, die Bildung als Befähigung praktizieren, nicht als Wissensvermittlung und Zertifizierung.
Die Vermittlung von Grundlagenwissen als traditionelles Kerngeschäft von (Hoch-)Schulen ist also Vergangenheit. Studierende designen, konstruieren, teilen und professionalisiern Wissen innerhalb dafür designter Netzwerke. Sie haben die volle Verantwortung dafür übernommen, begleitet durch Coaches aus ihrem Netzwerk (Mitlernende, Vertreter aus Unternehmen und anderen Organisationen).
(Hoch-)Schulen arbeiten maßgeblich an der Entwicklung und Kuratierung digitaler Netzwerke mit, durch die Menschen früh in Kontakt kommen mit neu entstehenden und sich ständig verändernden Berufsfeldern.
Diese Individualisierung hat zu einem massiven Zuwachs an Kompetenzen bei Studierenden geführt, weil diese sich ihr Wissen in entsprechenden Netzwerken kollaborativ besorgen, vertiefen und qualifizieren, und auf diesem Hintergrund ihre Lern-, Studien- und Berufspläne eigenständig definieren und diese sukzessive weiterentwickeln, statt Lehrpläne abzuarbeiten.
(Hoch-)Schulen sorgen in digitalen Netzwerken mit ihren Partnern und KlientInnen zusammen für qualifizierte und sichere Prozesse des Wissens- und Informationsmanagements.
Es gilt durchgehend „Open Access“ zu allen Ressourcen, die mit Bildung zu tun haben. Open Source ist State Of The Art.
Die Aufteilung in Lehre, Weiterbildung, Forschung und Dienstleistungen existiert nicht mehr. Völlig neuen Formen der Kooperation und Kollaboration haben Struktursilos überflüssig gemacht.
Die Trennung von Ausbildung, Berufstätigkeit und Weiterbildung ist überwunden. Bildung ist kein investiver Prozess mehr, an die sich Arbeit und Produktivität anschließen. Lernen und Arbeiten sind zwei Seiten einer Münze. Communities of Practice und Social Workplace Learning sind State of the Art.
Hochschulen leisten eine intensive und nachhaltige Vernetzungsarbeit mit allen Stakeholdern in Aus- und Weiterbildung wie Unternehmen, Studierende, Arbeitnehmende, Freelancer, Selbstständige, Genossen- und Gewerkschaften, Coworking- und Makerspaces, Nachfolgeorganisationen von Mittel- und Berufsschulen.
Aufgrund der radikalen Neuordnung der Branchen, Geschäftsmodelle, Berufe und Arbeitsmärkte sind die herkömmlichen Formen von Zertifizierung (Bachelor, Master, DAS, CAS, MAS, Diplom) hinfällig. Unternehmen nehmen Vorgänge der Qualifizierung und der Zertifizierung sukzessive in die eigene Hand und sorgen selbst für Möglichkeiten, Bewerber*innen entsprechend einschätzen zu können.
Hochschulen stellen ihre Expertise in Prozessen der Wertschöpfung durch punktgenaue Bildungsangebote zur Verfügung, die sie mit KundInnen zusammen entwickeln, durchführen und auswerten.
Mit diesen Stakeholdern zusammen entwickeln Hochschulen internationale Plattformen, um das digitale Lernen und Arbeiten eng zu vernetzen.
Hochschulen sind gefragte Partner in diesen Prozessen, weil sie eine hochwertige Expertise entwickelt haben, wie Kompetenzerwerb organisiert und überprüfbar ist.
Hochschulen haben realisiert, dass sie auf dem digitalisierten Bildungsmarkt nur dann eine Chance haben, wenn sie sich radikal dezentralisieren und strukturell enthierarchisieren. Es gibt deshalb keine zentralen Steuerungsinstanzen mehr im (Hoch-)Schulwesen. Sie funktionieren nach dem Prinzip der evolutiven Organisation (vgl. etwa Frederic Laloux und Felix Frei).
Aus dem Buch „Das Prinzip Selbstverantwortung“ von Reinhard K. Sprenger
Der gesellschaftliche Diskurs um Künstliche Intelligenz (KI) und ihren Vormarsch ist getrieben von der Angst, dass die Maschinen nicht nur die Arbeit, sondern auch die Macht übernehmen. Die Zuständigkeit der Institutionen für alle Lebensbelange des Menschen wird in diesen Szenarien von intelligenten Maschinen übernommen. Die Kultur der Delegation, die diesem Prinzip zugrunde liegt, wird an Maschinen weitergereicht.
Das Neue ist also nicht die Delegation als solche, weil wir bereits nach diesem Prinzip funktionieren. Leben heißt Delegieren. Allem voran Verantwortung und Zuständigkeit. Sie liegen bereits heute durchgehend bei den Institutionen und ihren Repräsentant*innen. Das Neue, woran sich unsere Angst jetzt bindet, ist eine Übertragung dieser Abhängigkeit auf intelligente Maschinen. Wir haben also nicht Angst vor zunehmender Abhängigkeit. Wir haben Angst vor einer zunehmenden Abhängigkeit von Maschinen.
Eine Möglichkeit, um auf diese sehr wahrscheinliche Entwicklung zu reagieren, ist die: Wir fangen an, über unsere „Kultur des Delegierens“ nachzudenken. Wir beginnen damit, gemeinsam über Sinn und Unsinn eines Menschenbildes zu reflektieren, in dem wir für unsere wesentlichen Bedürfnisse gar nicht selber zuständig sind, sondern die Institutionen, die uns umgeben. Wir könnten anfangen, uns digitale und lokale Infrastrukturen zu bauen, die solche Dialoge und Diskurse fördern, ohne sie zu institutionalisieren und ohne sie zu delegieren. Wir fragen uns: Was wäre das für eine Welt und wie würde die funktionieren, in der mehr und mehr klar wird, dass die Zuständigkeit für menschliche Dimensionen wie Wohlbefinden, Bildung und Lernen, Gerechtigkeit, materielle Grundversorgung, Nachhaltigkeit, Zugehörigkeit, Gesundheit und vieles mehr gar nicht nicht an Institutionen delegiert werden kann, sondern in der Verantwortung jedes einzelnen Menschen liegt.
Aus ethischer Sicht kann Verantwortung gar nicht delegiert werden, weil sie an konkretes menschliches Handeln gebunden ist. Anders macht der Begriff der Verantwortung keinen Sinn. In meinem Buch „Die Moral ist tot. Es lebe die Ethik“ habe ich den Versuch unternommen, diese These in die Kontexte unseres alltäglichen Handelns einzubetten.
Auszug aus „Die Moral ist tot. Es lebe die Ethik“
Mein Vorschlag lautet: Verantwortung kann nicht delegiert werden, aber geteilt. Dadurch wird sie nicht kleiner, doch sie lastet dann auf mehr als einer Schulter. Mein Anteil geht dadurch nicht verloren, ich kann ihm lediglich besser gerecht werden. Hingegen schrumpft Verantwortung dort, wo ich meine eigene unzulässigerweise an jemand anderen delegiere: „Du bist zuständig für die Produktion meiner Bekleidung und meiner Nahrungsmittel, deshalb bist auch du verantwortlich für die Art und Weise, wie das vor sich geht.“ Stephan Lessenich weist in seinem Buch „Neben uns die Sintflut“ eindrücklich nach: Diese Formel funktioniert nicht. Sie produziert gegenwärtig Ungerechtigkeit und Unrecht in unvorstellbarem Ausmaß.
Wie in der Delegations-Kultur Verantwortung verdampft
Vor allem Lernen und Bildung können wir nicht länger delegieren, wenn wir die „Herrschaft“ der Künstlichen Intelligenzen um menschliche Dimensionen ergänzen möchten. Weder die Verantwortung noch die Zuständigkeit dafür. Weder an Maschinen, noch an (Hoch-)Schulen, oder an lehrende Berufe. Warum? Weil wir dann, wenn wir an dieser heute selbstverständlichen Praxis festhalten, das Prinzip der Delegation von Verantwortung und Zuständigkeit einfach ins Maschinenzeitalter hinein fortführen. Statt Schulen und Lehrern sind dann halt intelligente Maschinen zuständig. Damit würden wir vor einer Erfindung (KI) kapitulieren, die ja der Kultur und dem Menschenbild des Delegationszeitalters entspringt, und die deshalb seine Züge trägt.
Warum halten wir so unbeirrbar daran fest, dass Bildung und Lernen an Institutionen delegiert werden kann und sollte? Weil wir es gewohnt sind, Bildung und Lernen als ein Dienstleistungspaket zu verstehen, das von dafür zuständigen Institutionen und deren Repräsentant*innen geliefert wird. Sehr ähnlich den medizinischen, juristischen oder anderen Dienstleistungen, die an Expertise, an Ausbildung, Zertifizierung und an „Professionalisierung“ gekoppelt sind. Wir delegieren die Zuständigkeit für ein persönliches oder soziales Bedürfnis oder für eine Herausforderung an eine dafür zuständige Institution und ihre Expert*innen. Für Fragen der persönlichen Gesundheit ist die medizinisch-therapeutisch-pharmazeutische Industrie zuständig, für Gerechtigkeit die juristische, für Lernen und Bildung die pädagogische. Dafür, dass „der Laden läuft“, sind Politik und Ökonomie zuständig. Es ist alles institutionell geregelt. Wir und unsere Kinder wachsen ganz selbstverständlich in eine Welt hinein, in der gilt:
Zuständig und verantwortlich für genuin persönliche und soziale Dimensionen wie Wohlbefinden, Gesundheit, soziale Gerechtigkeit und nachhaltige Ökonomie ist nicht der Mensch selbst, sondern (s)eine Institution – das ist das Welt- und Menschenbild, welches im Zeitalter der industriellen Revolutionen übriggeblieben ist.
Der Mensch: Ein institutionell nachgeordnetes Wesen?
In diesem Weltbild ist der Mensch ein den Institutionen nachgeordneter „Faktor“: Wir werden gebildet, werden geheilt, werden verwaltet, werden organisiert. Wir machen das nicht selbst. Der Mensch ist eine Funktion seiner Institutionen – nicht umgekehrt. Der Mensch als Individuum und als soziales Wesen ist und hat eine Funktion innerhalb der Ökonomie, nicht hat und ist die Ökonomie eine Funktion innerhalb des menschlichen Gemeinwesens.
Der Mensch führt lediglich aus. Für ökologisches Handeln bin ich als Person gar nicht verantwortlich. Ich führe lediglich das aus, was politische, soziale und ökonomische Institionen an Varianten vorgeben: Bio-Produkte kaufen, den Öko-Strom buchen, das Auto mit dem niedrigsten Verbrauch kaufen, faire Kleidung erwerben u.v.m. Als Trägerinnen der jeweiligen Verantwortung erscheinen die genannten Institutionen, bis hinein in die Politik: Was kann ich denn dafür, wenn Bio-Labels gefakt und gefälscht werden? Jetzt macht mal was!
Dieses Prinzip wird jetzt nach und nach digitalisiert und an intelligente Maschinen delegiert. Und wir schauen verängstigt zu.
Auch beim im 21. Jahrhhundert immer wichtiger werdenden Phänomen der „Information“ sind wir uns nicht gewöhnt, dass wir uns informieren, sondern dass wir uns informieren lassen. Wir werden informiert. „Realität“ ist ein Bericht über Berichte über sie. So wichtige Dimensionen der Wissensproduktion wie Recherche, Überprüfung von Faktizität, Erforschen von Hintergründen, Zusammenhängen und Motiven, blenden wir bei unserem persönlichen Informationsmanagement praktisch aus. Dafür sind andere zuständig: Portale, Foren, soziale Medien, funktionale Repräsentant*innen wie Journalisten, Politikerinnen, Lehrer.
Lern-Netzwerke als lernende Netzwerke. Wirre Idee oder Lösungsansatz?
Ich habe an anderer Stelle die Idee von sich selbst organisierenden Lern-Netzwerken als Nachfolgerinnen klassischer Bildungssysteme entwickelt. Sie verstehen sich als Antwort auf die Gefahren einer restlosen Delegation menschlicher Verantwortung an die (digitalisierten) Institutionen. Sie finden diese Skizze hier.
Diese Skizze ist vor allem an einer Stelle noch überhaupt nicht einleuchtend, verständlich und begreiflich: Wer soll das bitteschön organisieren? Wer stemmt und garantiert deren Funktionalität? Welche Institution wird dahinter stehen? Wer finanziert das? Wer garantiert die Liquidität?
Dass für die Entwicklung und den Unterhalt, für Qualität und Kontinuität solcher Netzwerke die Netzwerkenden selbst verantwortlich sind, ist für uns also weder auf den ersten, noch auf den zweiten und dritten Blick einleuchtend, verständlich, begreiflich oder gar evident. Irgendjemand anderer muss dafür zuständig sein – und verantwortlich.
In einem Lern- oder Arbeitsnetzwerk sind nun aber diejenigen, die das Netzwerk bilden, für die Qualität, die Kontinuität, die Fütterung und die Kuratierung des Netzwerkes zuständig (weil verantwortlich) – im Modus der Selbstorganisation, die ja ein Funktionsprinzip aller lebenden Systeme ist. Das passt bisher nicht in unser Welt- und Menschenbild. Deshalb liegt hier der Knackpunkt.
Lern- und Arbeitsnetzwerke funktionieren im Digital Age nur, wenn wir uns der Zusammenhänge im Kontext von Verantwortung und Zuständigkeit klar werden. Einer der wichtigsten Zusammenhänge ist der: Wenn wir die Verantwortung für die Wahrung der Grunddimensionen unseres Daseins (wie oben erwähnt: Wohlbefinden, Gerechtigkeit, materielle Grundversorgung, Lernen und Bildung, Nachhaltigkeit, Zugehörigkeit, Gesundheit etc.) weiterhin an Institutionen delegieren, dann füttern wir damit die exponenziell zunehmende Abhängigkeit des Menschen von diesen Institutionen, die sich in rasendem Tempo digitalisieren.
Wenn wir aber damit anfangen, Netzwerke zu bilden, in denen die Verantwortung für menschliche Dimensionen wie Wohlbefinden, Bildung und Lernen, Gerechtigkeit, materielle Grundversorgung, Nachhaltigkeit, Zugehörigkeit, Gesundheit u.v.m. nicht mehr länger delegiert wird, sondern gemeinsam wahrgenommen, setzen wir nicht nur der Angst vor einer „Herrschaft der Maschinen“ etwas Handfestes entgegen, indem jede und jeder von uns sich selbst als handelnd und wirksam erlebt. Wir beenden damit auch nach und nach die Kultur der Delegation, mit der wir in Zukunft jene Entwicklung beschleunigen würden, vor der wir uns so sehr fürchten.
Diese Entwicklung kritisch zu hinterfragen und allenfalls umzulenken, ihr durch die Bildung sich selbst organisierender Netzwerke widerständige Visionen von Menschsein und sozialer Gemeinschaft entgegen zu halten, um Einfluss auf das zukünftige Verhältnis zwischen Mensch und Maschine zu nehmen, das ist meines Erachtens ein lustvolles Gebot der Stunde.
„The walls have been stolen…“ – „Just call it freedom!“
The calls for the necessity of „OER“ are currently echoing in the education system. The topic occupies the forums and is celebrated at barcamps. At the same time, the education system itself is not „open“, but a closed system of closed systems with strictly guarded entrances and exits. „Open“, on the other hand, is at home in digital network culture and fundamentally contradicts the essence of the educational system. The latter systemically excludes „Open“. It denies and prevents systemic openness. For this reason, discussions and hopes are currently shifting to materials, to so-called teaching materials and their availability, to „OER“. The system begins to simulate „openness“ in its interior by virtually expanding the boundaries of the reserve. It’s a smart move, actually.
However, „Open Access“ does not work in closed systems. The core concerns behind this are of a grassroots democratic nature and are based on self-organisation. It is about people alone and in groups having free access to the opportunities for design and development – from whatever: Software, soft ice cream or alternative mobility, medicine, research. It is not just about free access to information, but about the freedom of design, communication, collaboration and networking – the most unrestricted possible networking of all who inform and help each other through these activities: People who work together to solve current social, economic, cultural or scientific problems. It is also about shaping and changing the rules together, about what „Open“ should be and how it is practiced. It is about a new principle of society, as Stephan Lessenich, for example, outlines.
It’s not about new teaching aids. It is about saying goodbye to teaching
Open Access“ and „Open Resources“ are not about making teaching materials available free of charge. It is a question of abolishing teaching materials as such. Open access to teaching materials and open exchange between teachers does not change the fact that teaching professions continue to teach with the help of teaching materials. However, „Open“ is not about organizing a new method management within a closed system. Teaching and testing do not become different through „Open“, they become superfluous. „Open“ means that in matters of „knowledge“ nothing is presented any more, but that the core task of a community is to form knowledge. However the education system is not built for that. To this day, it assumes with a willful stubbornness that knowledge can be conveyed as a finished product. Now wait, oh wonder „Open“. When a human being or a system wants to follow the paradigm shift from apparent mediation to collaborative creation, it first has to realize the difference between data, information and knowledge, for to practice this difference together with others.
The emperor’s new clothes
„Open Education“, as it is euphorically proclaimed by the education system, is not taken as an opening of closed teaching and educational processes, plans and methods to the „outside world“ in a society that is completely newly formed by the paradigm of networking. Rather, it is a disguised attempt to enhance and thus „salvage“ the existing teaching culture, which itself does not become „open“ by its very nature (even „open prison“ is prison), but more of what it already is: gate keeping at the portals of the closed system.
„Open Book exams“ are essentially the same concept as „Closed Book exams“. They are and will remain tests with the aim of certification and selection – as they are features of closed systems. The same applies to curricula and timetables and to the internal design of school subjects, which also remain just subjects, according to structure and intention. In the imagined ideal case, the subject of „English“ and every other subject „opens up“ to other subjects, and there is solemn talk of „interdisciplinarity“ and „transdisciplinarity“, but not of what „open“ actually means: overcoming the disciplinarity of the old school and jointly inventing new, contemporary and solution-oriented formats of collaboration.
The concept of teaching (imparting knowledge) as the core structure and core process of the educational system in all its („open“ or closed) forms is not compatible with the ways in which knowledge is constructed and designed in the contexts of digital transformation.
Teaching is not „open“ by its very nature. It thrives on the opposite intention. Teaching does not allow learning and practicing categorizing (as one of the core competencies of knowledge work), because teaching itself categorizes. Teaching does not allow learning of selection and assignment (of information, meaning, etc.), because teaching selects and assigns itself. Teaching does not open the horizon of what already exists to the possible, but reduces what is possible to what is manageable for evaluation. It exchanges the horizon for the edge of the plate. Flowery formulation: It teaches the subtle dust-removal from paper flowers instead of growing roses (Hans Küng).
A look into the internet shows: Change is everywhere on its way
In view of the increasingly felt helplessness of many people and the feeling of being powerlessly at the mercy of the digital age, the urgency of abolishing the classical teaching worlds can no longer be denied. It is no longer acceptable to lock people up in greenhouses on the pretext that they would otherwise drown in the cloudbursts of the information age. It must end quickly that we force people from the moment they can walk into systems in which they do not learn to distinguish and to think uprightly. Systems in which they are continuously supplied with knowledge packages declared as right and wrong and as important and unimportant instead. Systems in which they learn nothing more than to consider these categories for true and to become critical only within these given polarities – and then fail for the rest of their lives because of the complexity and ambiguity of the real world.
We will very soon stop using a lot of energy to develop new gimmicks and methods in order to save these „minting institutions“ called schools into a future that expects different abilities from us in almost all aspects of life than the educational system imparts. Hence we have to stop constantly asking the question of what should or will be instead of school. There is no answer to that at the moment and that is why, as long as we ask this question, we always end up where we are and not on the road to where we should be. We do not need another school or a new school, and we do not need teachers with different qualifications. It is completely pointless to continue to believe in and hold on to structures that are dissolving so conspicuously.
What we need is what is already developing at the moment – in strong initiatives and through them. Through the commitment of people of every origin in civil society. A look into the internet shows: change is on its way. Everywhere. And it too will develop exponentially. While at the moment many call for control and demand monitoring, some to protect citizens, others to spy on them, the Open Access movement is just taking off.
The will to create a new, networked, resource-saving, collaboratively thinking and acting world, driven by a holistic sense of justice and empathy for people, animals and nature, has enormous strength and power. This will prevail.
Im Bildungssystem hallen derzeit die Rufe nach der Möglichkeit und Notwendigkeit von “OER“ wider. Das Thema besetzt die Foren und wird auf Barcamps zelebriert. Dabei ist das Bildungssystem selbst gar nicht „Open“, sondern ein geschlossenes System geschlossener Systeme mit streng bewachten Zu- und Ausgängen. „Open“ hingegen ist als Merkmal in der digitalen Netzwerk-Kultur zuhause und widerspricht dem Wesen des Bildungssystems fundamental. Letzteres schließt „Open“ systemisch aus. Es verneint und verhindert systemische Offenheit. Deshalb verlagern sich die Diskussionen und Hoffnungen im Moment auf die Materialien, auf die so genannten Lehrmittel und ihre Verfügbarkeit, auf OER. Das System beginnt in seinem Inneren „Offenheit“ zu simulieren, indem es die Grenzen des Reservats virtuell erweitert. Eigentlich ein kluger Schachzug.
„Open Access“ funktioniert aber nicht in geschlossenen Systemen. Die Kernanliegen dahinter sind basisdemokratischer Art und bauen auf Selbstorganisation. Es geht darum, dass Menschen alleine und in Gruppen freien Zugang zu Möglichkeiten des Gestaltens und Entwickelns haben. Von was auch immer. Software, Softeis oder alternative Mobilität, Medizin, Forschung. Es geht nicht bloß um den freien Zugang zu Information, sondern um die Freiheit der Gestaltung, der Kommunikation, der Zusammenarbeit und der Vernetzung – eine möglichst schrankenlose Vernetzung aller, die sich in diesen Prozessen gegenseitig informieren, helfen, ins Boot holen; die miteinander aktuelle, soziale, ökonomische, kulturelle oder wissenschaftliche Probleme lösen. Es geht auch um das gemeinsame Gestalten und Verändern der Regeln, was „Open“ überhaupt sein soll und wie es praktiziert wird. Es geht um ein neues Prinzip von Gesellschaft, wie es z.B. Stephan Lessenich skizziert.
Es geht nicht um neue Lehrmittel. Es geht um die Verabschiedung des Lehrens
Es geht bei „Open Access“ und „Open Resources“ nicht darum, Lehrmittel kostenlos zugänglich zu machen. Es geht darum, Lehrmittel als solche abzuschaffen. Der offene Zugang zu Lehrmitteln und der offene Austausch untereinander ändert nichts an der Tatsache, dass lehrende Berufe weiterhin mit Hilfe von Lehrmitteln lehren. Es geht aber bei „Open“ nicht darum, innerhalb eines geschlossenen Systems ein neues Methodenmanagement zu organisieren. Nicht werden Unterrichten und Prüfen anders durch „Open“, sie werden überflüssig. „Open“ bedeutet, dass in Sachen „Wissen“ nichts mehr vorgesetzt wird, sondern dass die Kernaufgabe einer Gemeinschaft darin besteht, Wissen zu bilden. Dafür ist das Bildungssystem aber nicht gebaut. Es geht bis heute in einer eigenwilligen Sturheit davon aus, dass Wissen als Fertigprodukt vermittelt werden kann. Jetzt halt, oh Wunder „Open“. Den Paradigmenwechsel von der scheinbaren Vermittlung zur kollaborativen Produktion kann ich als Mensch und als System aber erst dann nachvollziehen, wenn ich den Unterschied zwischen Daten, Informationen und Wissen verstanden habe und ihn mit anderen zusammen praktizieren kann.
Des Kaisers neue Kleider
„Open Education“, wie sie das Bildungssystem zunehmend euphorisch verkündet, wird nicht als eine Öffnung der geschlossenen Lehr- und Bildungsprozesse, -pläne und -methoden nach „außen“ in eine sich durch das Moment der Vernetzung völlig neu bildende Gesellschaft hinein verstanden. Vielmehr ist sie der verkleidete Versuch einer Aufwertung und damit „Rettung“ der bestehenden Lehrkultur, die dadurch selbst ihrem Wesen nach nicht „Open“ wird (auch „offener Vollzug“ ist ein Form des Strafvollzugs), sondern mehr von dem, was sie schon ist: Gate Keeper an den Portalen des geschlossenen Systems.
„Open Book Prüfungen“ sind dem Wesen nach dasselbe Konzept wie „Closed Book Prüfungen“. Sie sind und bleiben Prüfungen mit dem Ziel der Zertifizierung und der Selektion – also Merkmale geschlossener Systeme. Dasselbe gilt für Lehr- und Stundenpläne und für die innere Gestaltung von Schulfächern, die auch bei allen „Open-Gesängen“ Fächer bleiben, der Struktur und der Absicht nach. Im imaginierten Idealfall „öffnet“ sich das Fach Deutsch und jedes andere Fach zwar anderen Fächern, feierlich ist von „Interdisziplinarität“ und „Transdisziplinarität“ die Rede, jedoch nicht davon, was „Open“ eigentlich bedeutet: Die Überwindung der Disziplinarität alter Schule und das gemeinsame Erfinden neuer, zeitgemäßer und lösungsorientierter Formate der Kollaboration.
Das Konzept des Unterrichtens (Belehren, Vermittlung von Wissen) als Kernstruktur und Kernprozess des Bildungssystems in all seinen („offenen“ oder geschlossenen) Ausformungen ist nicht kompatibel mit den Formen der Wissenskonstruktion und der Kollaboration in den Kontexten der Digitalen Transformation.
#universitybookstore on #tumblr
Unterrichten ist von seinem Wesen her nicht „Open“, auch wo es sich offen gibt. Es lebt aus der gegenteiligen Absicht und Bewegung. Unterrichten ermöglicht nicht das Erlernen, Üben und Praktizieren des Kategorisierens (als eine der Kernkompetenzen von Wissensarbeit), Unterricht kategorisiert. Unterrichten ermöglicht nicht das Erlernen von Selektion und Zuordnen (von Information, Bedeutung usw.), Unterrichten selektioniert und ordnet zu. Unterrichten öffnet nicht den Horizont des Bestehenden auf Mögliches, sondern reduziert das Mögliche auf das für die Bewertung Handhabbare. Es tauscht den Horizont durch den Tellerrand. Blumig formuliert: Es lehrt das feinsäuberliche Abstauben von Papierblumen statt Lust auf das Züchten von Rosen zu machen (Hans Küng).
Ein Blick ins Netz zeigt: Der Wandel ist überall auf dem Weg
Angesichts der zunehmend empfundenen Hilflosigkeit sehr vieler Menschen und des Gefühls, dem Digital Age machtlos ausgeliefert zu sein, ist die Dringlichkeit der Abschaffung der klassischen, lehrend-beschulenden Unterrichtswelten nicht mehr von der Hand zu weisen. Es geht nicht mehr länger an, Menschen in Gewächshäuser einzusperren unter dem Vorwand, sie würden sonst in den Wolkenbrüchen des Informationszeitalters ertrinken. Es muss ein schnelles Ende haben, dass wir Menschen von dem Moment an, in dem sie laufen können, in Systeme zwingen, in denen sie gerade nicht das Unterscheiden lernen und das aufrechte Denken. Systeme, in denen sie stattdessen fortlaufend mit als richtig und falsch und als wichtig und unwichtig deklarierten Wissenspaketen versorgt werden. Systeme, in denen sie nichts anderes lernen, als diese Kategorien für wahr zu halten und kritisch immer nur innerhalb dieser vorgegebenen Polaritäten zu werden – um dann für den Rest ihres Lebens an der Komplexität und Vieldeutigkeit der realen Welt zu scheitern.
Wir werden sehr bald aufhören, mit viel Energie immer neue Mätzchen und Methoden zu entwickeln, um diese Prägeanstalten in eine Zukunft zu retten, die von uns in so gut wie allen Lebensvollzügen andere Fähigkeiten erwartet, als das Bildungssystem sie vermittelt. Wir werden aufhören, ständig die Frage zu stellen, was denn statt Schule sein soll oder wird. Darauf gibt es im Moment keine Antwort, und deshalb landen wir, solange wir diese Frage stellen, immer wieder dort, wo wir sind, und nicht auf dem Weg dorthin, wo wir sein sollten. Wir brauchen keine andere und keine neue Schule, und wir brauchen auch keine anders ausgebildeten Lehrer. Es ist völlig sinnlos, weiterhin an Strukturen zu glauben und festzuhalten, die so unübersehbar in Auflösung begriffen sind.
Was wir brauchen, ist das, was sich im Moment bereits entwickelt – in starken Initiativen und durch sie. Durch zivilgesellschaftliches Engagement von Menschen jeglicher Couleur und Herkunft. Ein Blick ins Netz zeigt: der Wandel ist auf dem Weg. Überall. Und auch er wird sich exponentiell entwickeln. Es wird nicht bloß das größer und mächtiger, wovor viele von uns Angst haben, und wovon sie sich in die passive Abwehr schlagen lassen. Während im Moment sehr viele nach Kontrolle schreien und Überwachung einfordern, die einen um Bürger*innen zu schützen, die anderen, um sie auszuspähen, ist die Open-Access-Bewegung gerade Mal dabei, Fahrt aufzunehmen. Der Wille eine neue, vernetzte, Ressourcen schonende, gemeinschaftlich denkende und handelnde, von einem holistischen Gerechtigkeitsempfinden und von Empathie für Mensch, Tier und Natur angetriebene Welt zu kreieren, hat enorme Kraft und Macht. Dieser Wille wird sich durchsetzen.
Mit der Digitalen Transformation verändert sich Lernen in- und ausserhalb des Bildungssystems grundlegend. Nicht nur die Arbeitsmärkte werden in Kürze nicht mehr wiederzuerkennen sein. Der Leitmedienwechsel von elektronischen zu vernetzten Medien hat einen grundlegenden Wandel in der Kommunikation bewirkt – erst Recht im Umgang mit Information. Monopole und Machtzentren haben sich durch den Zugang zu Daten und Informationen verschoben. Sie zirkulieren vor allem dezentral und ausserhalb institutionalisierter Orte in Netzwerken und Communities. Wie verändert sich da der Job von lehrenden Berufen?
Die Plattformökonomie hat die Bildung erreicht. Das bedeutet: Die Digitale Transformation ist in den Schulen und Hochschulen angekommen – auch wenn sie das noch nicht wirklich realisieren. Sie stehen heute in einem weltweiten Wettbewerb nicht nur mit anderen Hochschulen, sondern auch mit privaten Anbietern sowie selbstorganisierten, dezentralen Fach- und Wissenscommunities.
Interaktionen mit Cracks und Peers sind weltweit und sofort möglich, und zwar jenseits der Grenzen von Bildungsinstitutionen. Immer mehr Aktivitäten zwischen Studierenden und Lehrenden sowie Studierender untereinander haben die Schulzimmer verlassen und verlagern sich in offene, auch digitale Räume. In vielen Bereichen des täglichen Lebens ist das bereits der Fall und selbstverständlich. Bildung und Lernen ziehen jetzt zügig nach.
Auch das Erschließen neuer Zielgruppen und das Design entsprechender Bildungsformate ist ohne flexible, digitale Angebote nicht mehr denkbar. Allem voran wird der Aspekt der Wissensvermittlung sukzessive durch digitale Medien ersetzt. Angebot und Nachfrage von Online-Formaten steigen exponenziell. All das zeigt: Die Bedürfnisse und Ansprüche lernender Menschen verändern sich völlig.
Das neue Berufsbild
Damit einher geht nicht nur ein fundamentaler Wandel der Funktion und Aufgaben lehrender Berufe. Vielmehr verändert sich die Identität des Berufs zur Gänze. Das Berufsbild entwickelt sich weiter vom Dozenten zum Lerncoach und zur Moderatorin von Lernprozessen. „Berufe in der Bildungsarbeit“ sind zukünftig selbstverständlich in digitalen Netzwerken unterwegs. Sie organisieren Lernprozesse digital, sie vernetzen sich mit den entsprechenden Playern und praktizieren einen souveränen Umgang mit digitalen Tools, Medien und Devices. Durch eine Kultur der Kollaboration sorgen sie dafür, dass sich gute Ansätze und Erfahrungen systematisch vernetzen und verbreiten.
Folgende Leitfragen sind möglich:
Wie sieht das Kompetenz-Portfolio einer Lehrperson im Kontext der digitalen Transformation aus?
Was dürfen Schulen und Hochschulen von lehrenden Berufen an Kompetenz und Expertise erwarten?
Wie kommunizieren sie diese Anforderungen und Erwartungen?
Wie unterstützen sie ihre Mitarbeitenden darin, diese Kompetenzen zu erarbeiten?
Konkretisierungen: Die Führung wird aktiv
Zuerst sind die Entscheidungsträger*innen in Schulen und Hochschulen gefragt. Sie werden sich zuerst selber klar über die Tragweite und das Tempo der digitalen Transformation. Als Führungskräfte sind sie die ersten Akteure und agieren als „Role Models“, als Vorbilder für lehrende Berufe. In dieser Funktion werden sie am Beginn des Transformationsprozesses sichtbar. Sie forcieren den Kulturwandel („Business Transformation“) durch koordinierte Massnahmen und Kommunikationen. Sie machen klare Vorgaben hinsichtlich der Befähigung der Lehrenden, deren Umsetzung sie konsequent überwachen (Überprüfung von Kompetenzaufbau).
Die Führung einer (Hoch-)Schule macht also klar,
dass sie als Role Models glaubwürdig sichtbar sein will im Sinne von „Auch wir machen uns bei aller Unsicherheit kompetent auf den Weg“;
dass Administration und Organisation Spiel- und Gestaltungsräume eröffnen und garantieren, innerhalb derer sich der kulturelle Wandel der digitalen Transformation überhaupt realisieren kann (Stichwort „lernende Organisation“);
in welcher Form und in welchem Tempo die lehrenden Berufe sich die notwendigen Kompetenzen aneignen, damit die Institution anschlussfähig an die Digitale Transformation wird.
Es ist die Aufgabe der Führung, ein Job- und Kompetenzprofil für lehrende Berufe zu präsentieren, das als Matrix für die konkrete Planung von Weiterbildungs- und Personalentwicklungsmassnahmen dient. Dazu gehört auch die Festlegung von Zielen, sowie das Formulieren von Massnahmen zum Erreichen dieser Ziele. Erst aufgrund dieser Zielsetzungen können die entsprechende Kompetenzen konkretisiert werden. Hier eine Auswahl:
Lehrkräfte bilden ein Bewusstsein für die Digitale Transformation und für die Veränderungen, die damit auf kultureller und auf technischer Ebene verbunden sind. Sie entwickeln in Teams konkrete Szenarien, wie sie auf diese Herausforderungen mit Eigenaktivität reagieren können. Sie befähigen sich selbst dazu, ihr Portfolio kritisch zu hinterfragen und durch ein digitales Konzept zu erneuern.
Lehrende verschaffen sich einen Überblick über das Angebot an Tools der digitalen Kommunikation und der Kollaboration und setzen diese konsequent bei ihrer Arbeit ein.
Sie lernen digitales Projektmanagement: Planung, Organisation und Durchführung digitaler Lernprozesse und -projekte.
Berufe in der Bildungsarbeit erkennen die Tragweite der digitalen Transformation für Ökonomie und Arbeit, für Gesellschaft und Kultur und für Bildung und Lernen.
Lehrende werden netzwerkfähig. Sie verstehen „Netzwerk“, „Plattform“ und „Digital Ecosystem“ als Funktionsprinzipien der digitalen Transformation und organisieren ihre Dienstleistungen mit dem Ziel, Good- und Best-Practice zu identifizieren und zu vernetzen, damit Diffusion und Dissemination guter Ansätze möglich wird. Dabei werden sie von Administration, Verwaltung, Organisation und Informationsmanagement (vormals „Bibliotheken“) maximal unterstützt.
Unterstützende Schulungsformate wie Supervision, Intervision, Coaching und Reflecting-Teams sorgen dafür, dass die in diesem Prozess des Kulturwandels notwendig auftretenden Störungen und Blockaden aufgefangen und in Ressourcen übersetzt werden können.
Sichtbarmachen und Vernetzen von „Hidden Champions“
Bereits heute gibt es allerorten „Bildungsmenschen“, die über hohe digitale Kompetenz verfügen und viel Erfahrung in der Umsetzung von digitalen Lernaktivitäten und Lernprozessen mitbringen. Solche eher lose organisierten Menschen und Communities sind bereits im Sinne des digitalen Kulturwandels unterwegs und praktizieren eine Art „offenes Curriculum“, das die in dieser Skizze formulierten Anliegen auf den Wegen der digitalen Transformation bereits umsetzt. Diese „Hidden Champions“ gilt es konsequent und fortlaufend sichtbar zu machen und zu vernetzen.
Denn die Communities dieser „Hidden Champions“ wirken netzwerkbildend. Sie vernetzen bestehende, echt transformative Projekte und Player. Sie verstehen sich als Trafo-Netzwerker, die am Aufbau eines digitalen Netzwerks arbeiten mit dem Ziel, dass sich immer mehr lehrende Berufe selbst und gegenseitig weiterentwickeln – und damit gleichzeitig den Kulturwandel unterstützen. Diese „Scouts“ müssen im Rahmen einer Digitalen Transformation von Schulen und Hochschulen sichtbar gemacht und maximal unterstützt werden. So entstehen nämlich die dringend benötigten, agilen Formate „kollaborativer Kompetenzentwicklung“, die von Anfang an den Charakter des Netzwerks haben.