Warum Lernen keine Disziplin braucht, sondern den Raum der freien Entfaltung

Wenn wir wollen, dass mehr Menschen die Verantwortung für das wahrnehmen, was sie denken, sagen und tun, dass wir in dieser Haltung in die politische Wirklichkeit unseres Landes gestaltend eingreifen, wenn wir dafür sorgen wollen, dass sich die Spiralen des Wahnsinns abflachen, verlangsamen und sich in humane und nachhaltige Richtungen entwickeln, dann sollten wir damit aufhören uns systematisch zu infantilisieren und stattdessen der Entfaltung unserer ethischen Kompetenz mehr Raum geben.

Neugier statt Disziplin. Titelfoto von Arek Socha auf Pixabay

Thomas Tillmann hat mit seinem Team eine Toolbox für selbstorganisiertes Lernen entwickelt: die Lernhacks. Ihr Prinzip funktioniert in praktisch jedem Lebensalter und in jedem Lern- und Arbeitskontext. Erst recht unter den Bedingungen der Digitalen Transformation, die ja bekanntlich das Beste am menschlichen Lernen wieder in den Vordergrund rückt: Selbstvertrauen, Selbstorganisation und Selbststeuerung.

Wie so oft, wenn neue Konzepte alte Konzepte herausfordern, stehen sich in der Diskussion relativ schnell die Mindsets der jeweils anderen Seite gegenüber. Im Bereich Schule und Bildung sind das intrinsisch vs. extrinsisch, Lehren vs. Lernen, Selbst- vs. Fremdsteuerung, Ordnung vs. Chaos, Disziplin vs. Strukturlosigkeit und Beliebigkeit. Exemplarisch hierfür steht meines Erachtens dieser Tweet:

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Reflexartig ertönt bei jedem Landeanflug von „Selbstorganisation“ der Warnruf: Aber bitte diszipliniert! Warum das? Entgegen landläufiger Annahmen ist Disziplin weder eine Tugend noch eine Fähigkeit. Sie ist eher ein Konzept. Wie Hefeteig. Ohne Hefe geht der Kuchen nicht auf. Ohne Disziplin die Selbststeuerung des Lernens nicht. Man nehme eine ordentliche Portion Disziplin, dann ist der Krieg schon halb gewonnen. Auch der gegen sich selbst.

Disziplin: Ein deutsches Erfolgsmodell

Als Konzept hat Disziplin und das Beharren auf ihr etwas sehr Deutsches. Mir fällt dazu ein Ausspruch von Kurt Tucholsky ein: „Der französische Soldat ist ein verkleideter Zivilist, der deutsche Zivilist ist ein verkleideter Soldat.“ Dieses Zitat stammt aus einer Zeit (Weimarer Republik), in der das aktuelle Schulsystem und seine Grundüberzeugungen von Ordnung, Diziplin und Standardisierung bis heute wurzelt.

Disziplin: Jemanden oder sich zu etwas zwingen. Vermeidungsziele verfolgen. Gegenkräfte aktivieren. Für die gute Sache: Durchhalten. Üben, üben, üben. Erfolg will verdient sein. „Lernen muss auch mal weh tun!“ Der Treibstoff für Disziplin ist das pädagogische Konzept von „Belohnung und Strafe“ – auch und gerade dort, wo „ich mir selber mal was versage und gönne“. Was für ein Leben 😳

Disziplin als Gleichschaltung und Standardisierung

Als Konzept findet sich Disziplin(ierung) vor allem in jenen Systemen wieder, die Michel Foucault mit „Überwachen und Strafen“ attribuiert: Fabriken, Schulen, Gefängnisse gehören zu den besonders wirksamen Orten. Sie hat vor allem eine Überwachungsfunktion. Sie wird als wirksamer Ordnungsgenerator eingesetzt, und sie wird umso wirksamer, als sie mit Überwachung verbunden ist. Disziplin kommt zum Einsatz, um Individuen und Individuelles gleichzuschalten mit dem Zweck, Macht auszuüben. Disziplin ist ein Konzept, das erfunden wurde um Prozesse und Menschen zu standardisieren. Auch Schule wurde erfunden, um zu standardisieren.

Disziplin ersetzt Organisation durch Kontrolle

Wer sagt, dass die Selbststeuerung von Lernen Disziplin erfordere, überträgt das extrinsische Konzept der Disziplin(ierung) auf die intrinsische Dimension des Lernens. In Kontexten der Erziehung ist dann bald einmal die Rede von Selbstdisziplin – und vom notwendigen, didaktisch „gesteuerten“ Prozess der Aneignung und Verinnerlichung. So entsteht im lernenden Menschen eine Art Hierarchie, in der der Ansatz der Diziplinierung mit zunehmender Lernbiografie nach oben rückt. Neugier, Leidenschaft, Feuer und Eifer, die ich für eine Sache entwickeln kann, und die in mir eine kreative Hartnäckigkeit des Lernens entstehen lassen, werden auf die hinteren Plätze verwiesen. Da gibt’s übrigens auch ein spannendes Buch dazu:

Selbstverständlich entwickle ich im Laufe meines Lebens Strategien der Selbst- und Affektkontrolle, und das fällt mir umso leichter, als sich meine Lebenswelt dabei als unterstützend erweist. Doch auch hier gilt: Es ist nicht das Lernen, das diese Selbstkontrolle „braucht“. Es ermöglicht sie.

Denn Lernen ist zuerst und grundsätzlich selbstgesteuert. Fremdsteuerung als Teil der Rahmenbedingungen (etwa durch Pädagogik und Didaktik) richtet sich nicht an das Lernen als Funktion unseres Daseins, sondern an seine Organisation.  Mein Lernen kann gut oder schlecht organisiert sein – es ist jederzeit selbstgesteuert. Das muss mir nicht immer gleich stark bewusst sein als lernender Mensch. Gleichwohl steigt die Qualität von Lernen mit meinem Bewusstsein davon, dass ich es eigentlich jederzeit selbst steuere, und wie gut ich es deshalb selber organisieren kann – auf Ziele hin, die mir erstrebenswert erscheinen. Hier kommt Disziplin erst einmal gar nicht vor.

Tritt jetzt „Disziplin“ in den Vordergrund, wird die Selbststeuerung des Lernens zwar nicht völlig verdrängt. Was hingegen passiert: Disziplin ersetzt die Kräfte der Selbstorganisation durch das Prinzip der (Selbst-)Kontrolle. Wer dafür plädiert, dass selbstgesteuertes Lernen der Disziplin bedarf, ist deshalb im Mindset der Außen- und Fremdsteuerung unterwegs.

Die Formulierung „Selbststeuerung von Lernen“ im Tweet von Stefan Diepolder insinuiert, dass es auch Formen des Lernens gibt, die nicht selbstgesteuert sind – und dass diese aus pädagogischer Sicht den Normalfall bilden. Wenn in diesem Mindset klassischer Ordnungskonzepte externe Steuerungsimpulse zugunsten einer Selbststeuerung des Lernens ersetzt werden, kann das – in diesem Mindset – nur gelingen, wenn zugleich auch das Moment der Disziplinierung an die Lernenden übergeben wird – inklusive der „Verantwortung für sein eigenes Lernen“, die der Lernende gemäß Stefan Diepolder nun ebenfalls zu übernehmen hätte. Selbststeuerung und Verantwortung werden hier an jemanden „übertragen“, der sie vorher nicht hatte. In Wirklichkeit können jedoch beide gar nicht übertragen werden.

Verantwortung wahrnehmen

Nicht nur Lernen ist immer selbstgesteuert. Auch mit der Verantwortung verhält es sich aus ethischer Perspektive so, dass jeder Mensch sie a priori hat. Für das, was er und sie tut und unterlässt, für das, was er und sie denkt und spricht. „Wir“ können also einem Menschen seine oder ihre Verantwortung für das, was er und sie denkt, tut, sagt und verschweigt, nicht übergeben, weil er und sie die immer schon haben. Sie sind Owner. Es reicht völlig, wenn das Bildungssystem den Lernenden diese Verantwortung nicht wegnimmt – um sie ihnen dann wieder grosszügig zu übergeben.

Wir lernen also nicht Verantwortung zu übernehmen. Im besten Fall realisieren wir, dass wir sie immer haben, wenn wir so oder so handeln, dieses tun und jenes nicht. Wir werden uns also unserer Verantwortung bewusst. Wenn jemand verantwortungsvoll handelt, dann nicht, weil er oder sie gelernt hat, sie zu übernehmen, sondern weil er oder sie realisiert hat: Ups, ich habe die ja jederzeit. Verantwortung ist aus ethischer Perspektive nicht etwas, das ich übernehmen und deshalb auch zurückweisen könnte. Ich kann sie lediglich wahrnehmen oder ignorieren.

Womöglich ist dem Menschen (dir und mir) ja aus eben diesem Grund viel mehr zuzutrauen an Verantwortung, an Empathie und Einflussnahme, als dies an unserer Bildungspraxis abzulesen ist. Dann geht es jetzt um die Frage, wie sich der einzelne Mensch überhaupt seiner und ihrer Verantwortung bewusst werden kann. Und zwar lustvoll und nicht über das offensichtlich wirkungslose Instrument der Diziplin(ierung). Mit dieser nicht ganz unwichtigen Frage nach dem Wesen der Verantwortung in Zeiten kollektiver Ausreden habe ich mich in meinem Buch „Die Moral ist tot. Es lebe die Ethik“ auseinandergesetzt (S. 90-123). Auch mit entsprechenden Vorschlägen aus der Literatur (u.a. Zygmunt Baumann, Susan Reiman, Hans Jonas, Kurt Homann, Julian Nida-Rümelin). Die Kernthesen finden sich hier im Autorengespräch mit Gunnar Sohn.

Das Lernen freilassen

Dass wir nur noch schwach an die Kraft und die Möglichkeiten glauben, die in uns Menschen schlummern, ist ein Effekt unserer Bildungs- und Erziehungspraxis, die diese Regel zur Ausnahme erklärt hat.

Wenn wir wollen,

  • dass mehr Menschen als bisher die Verantwortung für das, was sie denken, sagen und tun, wahrnehmen,
  • und dass sie sich in dieser Haltung zusammenfinden und mehr und mehr in Prozesse gestaltend und visionär eingreifen,
  • wenn wir zusammen dafür sorgen wollen, dass sich die Spiralen des Wahnsinns abflachen, verlangsamen und sich in andere, humane und nachhaltige Richtungen entwickeln,

dann sollten wir aufhören mit der Infantilisierung des Menschen durch lehrende und erziehende Systeme. Dann müssen wir uns jene Verantwortung zusprechen, die uns von Alters her von den großen Denkerinnen und Denkern zugesprochen und unterstellt wird. Von Sophokles‘ Antigone über Kant bis in den modernen systemischen Konstruktivismus hinein geht es ja immer um die unausrottbare Kraft des Menschen, seiner und ihrer eigenen Verantwortung nachzukommen.

Dass es wirklich ganz anders werden kann, zeigt eines von vielen gelingenden und erfolgreichen Konzepten, das mir neulich im Netz begegnet ist: Die School Circles, die Demokratische Schulen in den Niederlanden praktizieren – nach dem Prinzip Sociocracy. Die Video-Dokumentation zeigt eindrücklich, wo die Unterschiede zum klassischen Schulsystem sind, und wie diese Unterschiede praktisch werden. Ich kann diese Doku wärmstens empfehlen, weil sie ein anderes Konzept zeigt, das funktioniert – jenseits aller Vorurteile und Ausreden.

Schließen möchte ich mit einem Statement, das mich sehr berührt hat.

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Quelle

Autor: Christoph Schmitt

Culture & Mindset Worker, Blogger, Ressourcenklempner, Coach, Ethiker, Rituals Expert. Ich unterstütze kleine & große Unternehmen beim "Digital Turn" - spezialisiert auf die Themen Mindset & Kultur. Systemisch & lösungsfokussiert. Ich coache Menschen in spannenden Entwicklungsphasen und begleite in einschneidenden Lebensmomenten durch die Gestaltung von Ritualen.

6 Kommentare zu „Warum Lernen keine Disziplin braucht, sondern den Raum der freien Entfaltung“

  1. Ich erinnere mich, in den 1970er-Jahren gab es im Zeugnis der Primarschule ganz oben auf den jeweiligen Seiten vier speziell gekennzeichnete Zeilen:
    1. Disziplin
    2. Betragen
    3. Fleiss
    4. Ordnung
    Und ich musste da als junger Primarlehrer meinen 5-Klässlern jeweils Noten geben. Typisch war, dass Disziplin zu oberst war und kein Mensch das in Frage gestellt hat. Danke für den Beitrag.

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  2. Hallo Christioph,

    vielen Dank für Deinen Denkanstoß.
    Ehrlich gesagt spricht mir Dein Text aus dem Herzen – und ich würde mich selbst als einen lustvollen, neugierigen und leidenschaftlichen Lerner bezeichnen, der sich gerne treiben lässt. Und natürlich hat jeder die Verantwortung für sein eigenes Lernen immer selbst, egal ob in einer formellen oder informellen Umgebung.
    Was mich zurück zu meinem Tweet bringt und mich darüber nachdenken lässt, wie mächtig doch Sprache ist. Ich versuche, den Zusammenhang zwischen „Disziplin“ und „Lernen“, wie ich es im Tweet gemeint habe, anhand des Beispiels „Zeit und Prioritätenmanagement“ erklären.
    Als Freelancer muss ich sehr genau entscheiden, mit welchen Aufgaben ich mich wann beschäftige. Dies muss ich lernen, denn wenn ich falsche Prioritäten setze, habe ich Probleme, den Unterhalt für meine Familie zu verdienen. Ich muss wesentlich mehr Entscheidungen treffen als vorher in meinem alten Leben als Angestellter. Um schneller und besser Entscheidungen treffen zu können, beginne ich, mich mit Zeit- und Prioritätenmanagement zu beschäftigen. Ich fange an zu recherchieren, lerne die Basics mit einem Video von Prof. Seiwert, lese Blogs, Bücher, meist als Ausschnitte und Zusammenfassungen, und unterhalte mich mit Kolleginnen und Kollegen, die ebenfalls Freelancer sind und meine Situation gut kennen und nachvollziehen können. Ich lerne. Wo und wie ich will.
    Jetzt ist Zeit- und Prioritätenmanagement leider nicht gerade mein Lieblingsthema, mit dem ich mich gerne dauerhaft beschäftige. Nachdem ich die Theorie gelernt habe, lässt nach wenigen Tagen meine Leidenschaft für das Pareto Prinzip und To-Do Listen wieder nach und ich falle ich in meinen alten Trott zurück. Ich setze das theoretisch Gelernte nicht in die Praxis um – mein Verhalten hat sich nur marginal verändert. Ich erlebe wieder die negativen Konsequenzen – Zeitdruck, wichtige Aufgaben bleiben liegen, Prokrastination usw. Und genau hier kommt aus meiner Sicht Disziplin ins Spiel – oder vielleicht besser Leidensdruck. Leidensdruck bedeutet für mich in diesem Fall, unangenehme Dinge wieder hervorzuholen und mich aktiv damit zu beschäftigen, auch wenn ich lieber etwas anderes tun würde. Wenn wichtige Dinge wie z.B. Rechnungen schreiben nicht von mir erledigt werden, kann ich keine neuen, tollen, inspirierenden Projekte angehen. Denn dann muss mich dann mit Liquidität auseinandersetzen, weil ich meine eigenen Rechnungen nicht bezahlen kann.
    Um mein Zeitmanagement dauerhaft zu verbessern und dadurch Freiheit zu gewinnen, helfen mir z.B. die von Thomas vorgestellten Lernhacks, damit ich meine eigenen, selbst gestellten Ziele – z.B. weniger Stress mit unangenehmen, liegen gebliebenen Aufgaben zu haben – erreichen kann. Dies erfordert Disziplin, da mir wahrscheinlich 1000 Dinge einfallen, die ich in diesem Augenblick lieber tun würde. Die Amerikaner nennen dies “grit” – dafür kenne ich kein passendes deutsches Wort. Ein weiteres, wertvolles Tool ist z.B. Timeboxing, das mir dabei hilft, mich für einen festgelegten Zeitraum lernend durchs Internet treiben zu lassen, ohne dabei meine wichtigen Aufgaben zu vernachlässigen. Das verstehe ich unter Disziplin beim Lernen. Nicht jemanden, der mir sagt, was zu tun und zu lassen ist.

    Viele Grüße aus Frauenstein
    Stefan
    P.S.: Bist du auf dem Corporate Learning Camp diese Woche? Ich würde das Thema sehr gerne weiter diskutieren.

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    1. Schon bein Lesen merke ich, wie schwer mir ums Herz wird. Mit jedem Satz mehr. Assoziationen kommen: Kampf, Überlebenskampf, Einzelkämpfer. Alle Verantwortung auf einem einzigen Rücken. Heftig. Diese ökonomische Tendenz ist mE gefährlich. Menschen brennen aus. Viele jedenfalls. Darum plädiere ich für echte Lern- und Arbeitsnetzwerke. Gemeinschaftlichkeit bei der Gestaltung von Wertschöpfung. Augenhöhe. Das Prinzip der vielen Schultern. Sociocracy.

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  3. … und trotzdem kommt es immer auch auf ein Stück Selbstdisziplin an, um gut durch Phasen zu gelangen, indem die Eigenmotivation nicht so groß ist… (Übern, Lernen, Wiederholen,…)
    VG René

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