Der Graben zwischen alter Schule und digitaler Revolution

Im aktuellen Schulsystem zeigt sich ein immer grösser werdender Konflikt: Die Integration digitaler Technologien in traditionelle Lehrmethoden stösst überall an ihre Grenzen. Wir leben in einer Zeit, in der Information uns nicht mehr tröpfchenweise, sondern in Strömen erreicht, doch unsere Bildungsinstitutionen halten an überholten Konzepten fest. Dieser kurze Blog Post beschreibt, warum das Festhalten an alten didaktisch-pädagogischen Ansätzen in einer digital geprägten Welt zum Scheitern verurteilt ist und plädiert für einen Paradigmenwechsel in der Bildungsarbeit. Statt den digitalen Graben zu überbrücken, ist es Zeit, ihn gemeinsam zuzuschütten. Wir sollten Bildung im digitalen Kulturraum neu definieren – und die Rolle, die jede:r von uns dabei spielt.

In unserem Schulsystem tun sich Abgründe auf: Die alte Welt der Schule und die neue Welt der Digitalität. Wir leben in einer Zeit, in der Information nicht tröpfchenweise, sondern in Strömen auf uns einprasselt. Unsere Schulen jedoch klammern sich an veraltete Konzepte, die mit dieser Flut an Daten nicht mithalten können.

Die Unzulänglichkeit der traditionellen Didaktik

Warum funktioniert die Integration digitaler Tools in die traditionelle Pädagogik nicht? Die Schule versucht, das Digitale in ein überkommenes didaktisches Korsett zu zwängen – ein Ansatz, der zum Scheitern verurteilt ist. Stell dir vor, jemand versucht, mit einem kleinen Eimer Wasser aus dem Meer zu schöpfen, um es an anderer Stelle wieder hineinzugiessen. Diese Aktion ist nicht nur nutzlos, sondern verdeutlicht auch die Absurdität des Versuchs, das Unermessliche zu domestizieren.

Smartphones: Mehr als nur Werkzeuge

Ein Smartphone auf ein Lehrmittel zu reduzieren, wäre so, als würden wir seine Rolle in unserem kulturellen Raum ignorieren. Schulen, die die Nutzung von Smartphones verhindern oder streng kontrollieren wollen, erzeugen paradoxerweise genau die Probleme, die sie zu vermeiden versuchen. Sie zementieren einen Graben, der ohnehin schon tief genug ist.

Das Internet dimmt man nicht

Das Internet ist immer präsent, vollumfänglich und lebendig. Menschen arbeiten, kaufen ein, kommunizieren und bilden sich kontinuierlich im digitalen Raum weiter – alles nach dessen eigenen Regeln. Bildung muss daher als integraler Bestandteil dieser neuen digitalen Kultur verstanden und gestaltet werden.

Bildungsarbeit sorgt ab jetzt für die Entwicklung und Verbreitung entsprechender Kompetenzen – statt den Graben zwischen Lebens- und Arbeitswelt hier und Bildungswelt dort didaktisch-pädagogisch offen zu halten und zu überwachen.

Die Herausforderung annehmen

Wir müssen die Kluft zwischen unserem alten Bildungssystem und der digitalen Realität nicht nur überbrücken, sondern ganz zuschütten. Jeder von uns ist gefragt, täglich eine Schaufel voll Erde beizusteuern. Solange dieser Graben besteht, werden Konflikte und Missverständnisse weiterhin den Bildungsauftrag boykottieren.

Ein Aufruf zum Handeln

Wir stehen vor einer kulturellen Paradoxie: auf der einen Seite die vertraute Welt der Pädagogik, auf der anderen die dynamische Welt der Digitalität. Die Brücken zwischen diesen Welten, die unsere Schulen noch zu bewachen versuchen, veralten zusehends. Es ist an der Zeit, neue Wege zu gehen.

Was können wir tun?

Es geht nicht mehr darum, die alten Brücken zu reparieren oder neue zu bauen, sondern darum, einen neuen Weg zu bahnen. Lasst uns diesen digitalen Kulturraum gemeinsam gestalten und den Graben endgültig zuschütten.

Wie lernen wir uns neu erfinden?

Wir surfen auf einer Welle exponenzieller Veränderung unserer Kultur, die immer steiler wird. Der digitale Kulturraum ist längst Realität. Er ist nicht einer unter mehreren oder eine neue Etage in unserem “Haus der Kulturen”. Er ist das neue Paradigma.

Auch das „Netz“ ist endgültig ein Paradigma geworden für Kommunikation, Interaktion, Politik, Produktion, Konsum, Wertschöpfung, Information. KI tut das Ihrige. Mit ihr sind wir in einer neuen Dimension von Digitalität angekommen.

Lebens- und Arbeitsbedingungen wandeln sich komplett, Arbeit als solche verändert sich grundsätzlich.

Dann der Klimawandel: Er ist die Rechnung, die uns der Planet mehr oder weniger diskret auf den Tisch legt. Je nachdem wo wir leben. Doch die natürlichen Lebensbedingungen definiert er für alle neu.

Kultureller Bruch – nicht Übergang

Wir sind mitten in einem kulturellen Bruch, auch der Zeichen, der Symbole, der Sprache und der Sinnzusammenhänge: „Bedeutung“ bekommt selber eine neue.

Wir stehen in einer Umwertung fundamentaler menschlicher Phänomene wie Beziehung, Arbeit, Gemeinschaft, Sinn, Heimat.´

Ordnung und Cyberspace

Dann die „Ordnung“. Sie verschiebt sich in den Cyberspace. Sie ordnet sich selbst komplett neu. Sie entlässt aus sich eine neue Kriteriologie und ordnet somit auch die physische Welt neu.

Demographie

Die kulturellen Bruchstellen werden durch die demographischen Tatsachen der nächsten Jahre noch scharfkantiger.

Wie und wo lernen wir jetzt, uns noch einmal neu zu erfinden?

Die Gegenwart ist ein grossartiges Angebot, uns neu zu erfinden. Durchgehend. Schule wird uns dabei jedoch nicht mehr helfen können, denn sie ist reine Reproduktion. Schule steht für die Verheutigung des Gestrigen. Weil die Kultur, die Schule hervorgebracht hat, an ihr Ende kommt, geht auch das Konzept und Modell Schule zu Ende.

Was aus den momentanen Suchbewegungen heraus (“Wie es mit uns weitergehen wird”) in das Schulsystem importiert wird, was mann dort zu implementieren versucht, ist ein verzweifelter Akt, das Schulsystem und sein Prinzip der Informationslogistik zu retten. Das wird nicht funktionieren. Wir brauchen etwas anderes, denn:

Wir ertrinken in Information, aber hungern nach Wissen. Wissen ertrinkt in Myriaden von Informationen, deren Herkunft und Absichten uns verwirren. Wissen entsteht langsam, durch Erfahrung, Versuch und Irrtum und durch Interaktion. Echtes Wissen kann man nicht einfach copypasten. Wissen handelt von Zusammenhängen, Erfahrungen, Kompetenzen. Wie Bildung hat es immer etwas mit Begegnung zu tun. Mit Vertrauen. Aber dieses Vertrauen wird in einer digitalen Wirklichkeit zerfressen, in der es um das rasende Schärfen von Aufmerksamkeit und Erregung geht. Auf diese Weise frisst die Wissenskultur sich selbst auf: sie wird überschrieben vom Lärm einer Infodemie, in der die Kontexte des Wissens langsam wegschwimmen und alles, was wir zu wissen glauben, nur noch auf Reiz und Reaktion basiert. Die Erregungskultur hat die Wissenskultur überrollt.

Quelle: zukunftsinstitut.de
Ertrinken
Während Schule sich nach wie vor in ihrem Monopol der Informationslogistik gefällt, ist in Digitalien längst die Sintflut angebrochen. Hier geht’s zum Video.
Eine neue Kultur sucht sich eine neue Bildung

In einem Bruch gibt es keine Übergänge, nur Neuanfänge. Zukunft wird keine wie auch immer geartete, aufgepimpte Kopie dessen sein, was wir bisher machen. Nicht nur in Schule nicht.

Bildung wird in Zukunft nicht mehr in welcher Form von Schule auch immer stattfinden. Schule wird abgelöst – zumindest was Lernen und Bildungsarbeit betrifft.

Als Aufbewahrunganstalt für junge Menschen wird sie womöglich noch eine Weile überleben, denn wir wissen ja bis heute nicht, wohin sonst mit den jungen Leuten. Das ist die eigentliche Farce.

Zum Glück entstehen die Alternativen bereits vielerorts. Die Unterschiede zwischen ihnen und dem Schulsystem sind offensichtlich. Sie sind wahrnehmbar.

Diese entstehenden Alternativen sind keine Varianten. Sie tun nichts mehr von dem was Schule tut, und was sie tun, tun sie aus anderen Gründen und mit anderen Zielen.

Wenn du an einer Entschulung von Lernen und Bildung mitdenken und mitgestalten möchtest, dann findest du hier Inspiration, Impulse und eine Möglichkeit zum Mitmachen:

Schule ist aus und vorbei. Hier weiterlesen.

Woher die Aufmerksamkeitsdefizitstörung unserer Kultur tatsächlich kommt …

Lehrer:innen und Eltern sind entsetzt: Regelmässig geistern Hiobsbotschaften durch die (sozialen) Medien, dass die Aufmerksamkeitsspanne vor allem junger Menschen dramatisch nachgelassen habe. Die Ursache ist längst ausgemacht: Smartphones, soziale Medien, Insta & Co. Wir müssen das Zeug verbieten und junge Leute dazu bringen, dass sie lernen dranzubleiben. Und wo könnten sie das besser lernen als in der Schule? Doch es ist umgekehrt: Nicht erst Smartphone & Co korrumpieren unsere Aufmerksamkeit. Es ist die Schule, die das leistet. Wie das? Einfach weiterlesen. Möglichst aufmerksam 🙂

Die gute Nachricht zuerst: Es gibt keine unaufmerksamen Kinder. Das ist eine pädagogische Verdrehung. Kinder sind – wie alle Menschen – immer aufmerksam. Wo Erwachsene sie als unaufmerksam etikettieren, ist die Aufmerksamkeit des Kindes einfach woanders. Mit grosser Wahrscheinlichkeit dort, wo es wirklich interessant ist – und wo es deshalb was zu lernen gibt. Etwas, das hier und jetzt dran ist. Für das Kind.

„Energy flows where attention goes“ (Milton Erickson) bildet das Prinzip dahinter ab.

Dass es dessen ungeachtet diagnostizierbare Aufmerksamkeitsstörungen bei Menschen jeden Alters gibt und also auch bei Kindern, bleibt hiervon unberührt.

Neurodiversität als faszinierendes Stärken-Portfolio. (Quelle)

Was Schule hingegen ganz grundsätzlich tut: Sie trennt Aufmerksamkeit von (seelischer, mentaler, physischer) Energie, indem sie die Aufmerksamkeit von Kindern und Jugendlichen auf etwas zu lenken sucht, das diese Kinder und Jugendlichen gar nicht interessiert, weil es im Moment für sie kein Thema ist, und weil sie situativ und biografisch ganz woanders sind. Dazu nutzt Schule gut gemeinte, extrinsische Motivationsspritzen: „Schau mal, was für eine hübsche Steinsammlung ich hier habe mein Kind. Magst du dich mal dafür interessieren?“

Es muss nicht immer eine Steinesammlung sein. Der Lehrplan gibt da noch ganz andere Sachen vor und her, auf die Kinder und Jugendliche ihre Aufmerksamkeit hier und jetzt zu richten haben. Alternativlos.

Schule geht immer so vor, dass sie Lernende an ein Thema „anschlussfähig“ macht, das vorgegeben ist. Docken Schülerinnen und Schüler nicht an, haben sie ab sofort ein Problem. Auch wenn Schule behauptet, dass sie (umgekehrt) auch Themen an Lernende anschlussfähig macht, wird eine Aufmerksamkeitsdefizitdiagnose am Ende immer dem Kind ausgestellt, nicht der Schule oder einem bestimmten Thema oder Fach.

Kinder und Jugendliche haben sich hier und jetzt für das Vorgegebene, für das von Lehrpersonen Vor- und Aufbereitete, Vorstrukturierte in der entsprechenden Form und im entsprechenden Zeitrahmen zu interessieren und ihre Aufmerksamkeit daran zu binden.

Ausser Sichtweite bleibt dabei, das all das, was Schule an Stoff anschleppt, zuerst einmal gar nichts mit lernenden Menschen zu tun hat. Um diese natürliche Inkompatibilität für Schule handhabbar zu machen, wurde die Didaktik erfunden.

Doch es gehört zum Phänomen „ein:e Lernende:r sein“ dazu, dass mein Lernen seine Themen immer schon hat. Es gibt kein Lernen ohne Themen, und Lernende sind immer schon in ihren eigenen Themen unterwegs. Diese Themen sind also das Thema von Lernprozessen – und nichts anderes.

Und jetzt wird’s tragisch: Sobald ein Kind zur Schule kommt, darf es (er/sie und alle dazwischen und ausserhalb) sich nicht mehr mit dem beschäftigen und auseinandersetzen, was für sie und ihn dran ist. Er oder sie darf nicht (mehr) so lange dran bleiben, wie etwas seine und ihre Aufmerksamkeit hat und erfordert – und das obwohl wir längst wissen, dass genau so, dass genau auf diese Weise und auf diesem Weg die Fähigkeit in uns tiefe Wurzeln schlägt, aufmerksam zu sein und zu bleiben.

Er und sie und alle dazwischen und ausserhalb dürfen nicht mehr spielen.

Peter Gray über das Spiel(en) als die „Hohe Schule der Aufmerksamkeit“ (Quelle)

Nochmal zur Verdeutlichung: Nur wenn ich als Kind möglichst immer und über meine ganze Kindheit hinweg wirklich an dem dranbleiben kann, was hier und jetzt mein Thema ist, ich also verweilen kann und mich vertiefen, nur dadurch und dann entwickle ich Aufmerksamkeitskompetenz. So entsteht die. Das ist nun wirklich lang und breit wissenschaftlich und erfahrungsweltlich („phänomenologisch“) unter Beweis gestellt.

Doch damit ist bei der Einschulung Schluss.

Wie Schule die Entwicklung von Aufmerksamkeitskompetenz unterbindet

Wenn wir verhindern wollen, dass junge Menschen „von der Pike auf lernen“, aufmerksam zu sein und zu bleiben, dann müssen wir einfach nur früh genug damit anfangen Kinder abzulenken von dem, was ihr Thema ist. Wir müssen ihre Aufmerksamkeit konsequent umlenken. Am besten „spielerisch“.

Keine andere Institution und Organisation in unserer Gesellschaft und Ökonomie war und ist darin besser als Schule. Lange bevor es ein Internet, Smartphones und Soziale Medien gab. Wie gelingt ihr das?

Durch Autorität, durch Verführung, durch das abwechselnd eingesetzte Instrument von Belohnung und Strafe (Beschämung, Demütigung, Androhung von Ausschluss, Entzug von Aufmerksamkeit, Zuneigung oder Wertschätzung) und durch Didaktik.

Wenn Schule mit ihren eigenen Lernthemen und Lerninhalten antanzt,

muss sie diese Themen als hier und jetzt wichtiger, bedeutsamer und wertvoller verkaufen als die Themen, mit denen jeder junge Mensch immer schon und pausenlos unterwegs ist. Jede und jeder woanders, total ungleichzeitig.

Schule trägt also zuerst eine eindeutige Wertigkeit ein. Sie trennt das ursprüngliche Lernen junger Menschen, das seine je und je eigenen Themen hat, weil Lernen so gebaut ist, weil Lernen nie ohne Themen auftaucht, und Themen im Leben junger Menschen nie unabhängig von Lernen auftauchen, Schule trennt also das Lernen Lernender von den in diesem Lernen gegebenen Themen, was neurobiologisch und lernphänomenologisch gar nicht möglich ist – sie tut es aber trotzdem.

Wie das? Indem sie prominent, autoritativ, alternativlos und mit beeindruckendem didaktischem Aufwand ihre Schulthemen platziert.

Dadurch lenkt Schule lernende Menschen pausenlos von sich selber und von ihren Themen ab und setzt die „wirklich wichtigen Themen“. Alternativlos. Sie bringt junge Menschen in einen andauernden inneren Aufmerksamkeits-Konflikt. Sie korrumpiert das „Prinzip Motivation“ und den Zusammenhang von Aufmerksamkeit und Lernenergie („energie flows, where attention goes“), um ihn dann auf künstlich gesteuerte, didaktische Weise wieder herzustellen. Was für ein furchtbares Theater.

Zwei zentrale Lernziele von Schule
  • Lernernde lernen ihre Energie und ihre Aufmerksamkeit von dem wegzubringen und loszulösen, was in ihrem Lernen (und das meint Leben) gerade tatsächlich dran ist.
  • Lernende lernen, diese Aufmerksamkeit und Energie an das zu binden, was Schule ihnen hier und jetzt als wichtig verkauft.

Das ist Konditionierung.

Und es ist der zum Scheitern verurteilte Versuch Lernprozesse zu linearisieren: alle denselben Lehrplanstoff zur selben Zeit. Linearisierung. Das ist zwar aus neurobiologischer Sicht gar nicht möglich, weil jeder Mensch komplett anders lernt. Doch Lehrende brauchen die Aufmerksamkeit aller Lernenden für das, was alle Lernenden ab jetzt zu tun und „zu lernen“ haben, was Kinder und Jugendliche abzuarbeiten haben.

Wer auf diesem linearen Pfad nicht oder nur mit grosser Mühe mitkommt – hat ab jetzt ein Aufmerksamkeitsproblem und muss individuell gefördert werden.

Dieses Vorgehen widerspricht der Erkenntnis, dass sich Aufmerksamkeit als ein personales und individuelles Phänomen immer und ausschliesslich nach dem richtet, was für den individuellen Menschen gerade dran ist – nicht nach dem, was jetzt dran zu sein hat. Dagegen kommt Schule nur durch Manipulation an, die zum Ziel hat, dass Lernende ihre Aufmerksamkeit nur durch einen je und je hohen Energieaufwand mehr oder weniger erfolgreich an etwas zu „binden“ versuchen, was für ihn und sie gar keine Relevanz hat. Im Aussen entsteht dann der Eindruck von Unaufmerksamkeit.

Je weniger einem Kind oder einer Jugendlichen dieser Energiespagat gelingt, umso höher die Wahrscheinlichkeit, mit einer Aufmerksamkeitsdefizitstörung diagnostiziert zu werden.

Sich selbst undeutlich sein und bleiben

Schule sorgt also dafür, dass Aufmerksamkeit zu einem permanenten Ablenkungsgeschäft wird.

Ein Kind oder eine Jugendliche lernt in der Schule sich von dem abzulenken, was ihn und sie eigentlich interessiert, was für ihn oder sie biografisch im Moment eigentlich dran ist. Von daher sind Didaktik, Unterricht und Classroom Management immer Ablenkung, und der höchste Anteil von Lernenergie geht für alle Beteiligten dafür drauf, dieses Ablenkungsspiel zu steuern.

Kinder und Jugendliche lernen also in der Schule ganz grundsätzlich und immer zuerst sich selbst abzulenken bzw. zu verabschieden von dem, was für sie wichtig ist. Gelingt ihnen das nur ungenügend, fangen manche von ihnen damit an, die Menschen um sich herum abzulenken.

Spätestens dann diagnostizieren Lehrpersonen eine zunehmende Unaufmerksamkeit. Ablenkung vom Unterrichtsgeschäft durch unaufmerksame Schülerinnen oder Schüler.

Was dieses bizarre Schultheater für eine nachhaltige Entwicklung von „Aufmerksamkeitsspannen“ bedeutet, wird so langsam deutlich. Klar wird auch: das hat so gar nichts mit digitalen Geräten und sozialen Medien zu tun:

Martin Walser (1927 – 2023)

Einer der zentralen, schicksalshaften Lerneffekte für Schülerinnen und Schüler ist jedenfalls der, dass es ihnen, bedingt durch diese ganz offiziellen Ablenkungsversuche des Schulsystems, immer weniger gut gelingt, sich auf das zu konzentrieren, was ihnen wirklich wichtig ist, weil Schule sie pausenlos davon ablenkt und sie dafür belohnt, wie gut sie sich auf diese Ablenkungsversuche einlassen können.

Diese Fähigkeit wird in pädagogischen Kontexten „Konzentration“ genannt. Sie ist der aktiv und dauerhaft aufgebrachte Aufwand, mit dem ich mich auf ein Thema konzentriere, dass andere mir zur Bearbeitung vorgeben, unabhängig davon, woran ich gerade bin und was für mich gerade wichtig ist.

Das gelingt mir nur dann, wenn ich den dadurch ausgelösten, inneren Konflikt zwischen meinen Themen und Bedürfnissen und denen der Schule erfolgreich verdränge oder sogar abspalte, indem ich also die Wertigkeit und die Werteskala der Schule übernehme was die Bedeutung und Relevanz von Themen und Inhalten betrifft. Damit verliere ich den Zugriff auf exakt jene Energie, die mit erlauben würde, Aufmerksamkeitskompetenz zu entwickeln.

Was ich dabei auch lerne – ganz nebenbei: „Was wirklich wichtig für mich ist wenn es um das Lernen geht, das entscheiden immer andere.“ Oder in einer Variante:

Erst wenn Menschen mit Autorität etwas wichtig finden, ist es tatsächlich wichtig.

Schule besteht aus Ablenkung

Ein durchschnittlicher Schultag besteht diesbezüglich aus nichts anderem als aus Ablenkung – denn wann immer es einem jungen Menschen womöglich sogar gelungen sein sollte, sich auf „irgendetwas Wichtiges“ einzulassen, folgt bereits der nächste Arbeitsschritt, die nächste Unterrichtsstunde, das nächste Fach. Unvorhersehbare und nicht planbare menschliche Bedürfnisse sind dabei noch gar nicht berücksichtigt: Bewegung, Durst, Hunger, Mitteilungsbedürfnisse, Müdigkeit, Nervosität, Kommunikationsbedürfnisse, Spontaneität.

Mann male sich das einfach mal kurz aus: Angenommen es gelingt mir, mich nachhaltig von dem abzulenken, was mich in Innersten bewegt und meine Aufmerksamkeit auf das zu lenken, wo die Lehrenden sie gerne hätten – und wenn ich das geschafft habe, ertönt der Gong.

Considering all we know, it’s time to restructure school in ways that can break us out of a one-size-fits-all factory model and towards something that recognizes children’s individuality and the unique ways they learn. Instead of expecting children to change and adapt to a cognitive norm, to ensure every child can flourish, we need to change our model to meet them where they are today.

Quelle

Es ist also keinesfalls so, wie in pädagogischen Bubbles gebetsmühlenartig betont wird, dass vor allem der Umgang mit digitalen Geräten und das Unterwegssein in sozialen Medien die Aufmerksamkeitsspanne von Kindern und Jugendlichen verkürzt.

Das Problem beginnt früher und woanders. Es beginnt in der Schule, wo Menschen systematisch darauf trainiert werden, sich nicht mehr auf das zu konzentrieren, was ihnen wichtig ist,

wo sie gerade nicht lernen, auch für den Wert dessen einzustehen, wofür sie sich interessieren und womit sie sich aus diesem Grund auch beschäftigen möchten, wo sie dranbleiben möchten, weil da viel für sie drin steckt,

sondern wo sie verlernen müssen, dafür einzustehen und die nötige Zeit und den nötigen Raum dafür einzufordern, denn sie müssen mit ihrer Aufmerksamkeit pausenlos oszillieren zwischen dem, was von Fach zu Fach, von Lektion zu Lektion, von Unterrichtsphase zu Unterrichtsphase von Ihnen verlangt wird.

Es geht um die Macht

Es geht in der Schule nicht um das Kind, nicht um seine oder ihre Themen, Bedürfnisse, Bedarfe und Rhythmen oder darum, was Kinder brauchen, um mit Hilfe einer „Kultur der Aufmerksamkeit“ ihren eigenen Weg in die Welt der Phänomene zu finden, der ja immer erst im unvorhersehbaren Wechsel von Gehen und Verweilen entsteht.

Es geht in der Schule um die Machtfrage: Wer hat die Macht darüber zu entscheiden, welche Inhalte und Themen jetzt wichtig sind, und wer sich jetzt darauf einzulassen und zu konzentrieren hat – und alles andere gefälligst auszublenden?

Daraus ergeben sich die fundamentalen ersten und durchgehenden Lernziele von Schule: als Lernende:r ganz bei den Themen anzukommen und zu verbleiben, die mir als wichtig verkauft werden, völlig wurscht, ob die was mit mir zu tun haben. Nur wer damit klarkommt, wird Schule erfolgreich durchlaufen. Wer damit Schwierigkeiten hat, wird noch intensiver beschult, und zwar solange, bis er und sie begriffen hat, wie der Hase läuft.

Hingegen:

Aufmerksam zu sein und es zu bleiben lerne ich dadurch, dass ich aufmerksam sein kann und an meinen Themen dranbleiben – unabgelenkt, ungestört, ununterbochen.

Aufmerksam zu werden und zu bleiben lerne ich dadurch, dass ich Aufmerksamkeit entwickeln kann – unabgelenkt, ungestört, ununterbrochen.

Durch wen oder was auch immer.

Wenn wir Ernst mit dem faszinierenden Phänomen der Aufmerksamkeit machen wollen, dann hören wir umgehend auf, Kinder durch Schule von sich und ihrem Lernen abzulenken.

Die Bilder im Beitrag wurden mit Bing/Copilot erstellt. Das Zitat von Martin Walser stammt aus seinem Büchlein „Heimatlob“.

Schule ist doch keine Wohlfühloase, oder: Freitags lerne ich auf die Gymi-Prüfung

Die Neue Zürcher Zeitung berichtet über eine innovative Schule in Wädenswil im Kanton Zürich. Die Schule hat sogar einen Preis bekommen. Wofür, das lässt bereits die Überschrift des Artikels erahnen, wenn da steht: „Farben statt Noten, pauken im eigenen Tempo“. Jean-Philippe Hagmann nennt das Innovationstheater. Zeile für Zeile liest sich der Artikel wie ein Bericht über eine neue Stufe auf dem Weg in eine „totale Pädagogik“.

„Totale Pädagogik“ klingt für manche:n nach Nazikeule. Mir geht es aber um etwas anderes. Wir sprechen heute z. B. davon, dass alle Bereiche unserer Kultur „durchökonomisiert“ sind. Was auch immer wir anpacken, sei es Gesundheit, Öffentlicher Verkehr, Altenpflege, Hochschulbildung u.v.m. – wir organisieren es nach ökonomischen Prinzipien. Wir leben in einer „totalen Ökonomie“.

Und in diesem Sinne wird auch die Pädagogik zunehmend total, wie Michael Hüter in seiner Studie „Kindheit 6.7“ ausführlich dokumentiert hat, und wie es auch der österreichische Bildungswissenschaftler Erich Ribolits im Jahr 2005 umschreibt:

Was Erziehung im Kern immer schon bedeutet hat – Anpassung an die dem Status quo gemäßen Werte, Normen und Verhaltensweisen, gekoppelt mit der Behauptung, dass diese den Ausfluss der gemeinsamen Anstrengung aller Menschen um ein vernünftiges Leben darstellen -, hat eine neue Dimension erreicht. Die Erziehung zum gesellschaftlichen Nützling beschränkt sich nicht mehr länger nur auf Elternhaus und Schule, sie wird tendenziell zu einem lebenslangen Phänomen. Zugleich wird es zunehmend schwieriger, sich dem allumfassenden Zugriff durch pädagogische Maßnahmen noch irgendwie zu entziehen. Die Charakterisierung als „lebenslanges“ oder auch „lebenslängliches“ Lernen greift für das, was da passiert, viel zu kurz, tatsächlich geht es um „lebenslängliche Erziehung“.

Quelle

Grundgelegt ist diese Totalisierung in der Schule, die diese Totalisierung unwidersprochen praktiziert.

Was ist damit gemeint? Der Reihe nach:

Deine Ziele sind nicht deine Ziele. Erreichen musst du sie trotzdem

Ich lese im Artikel: „An einer Glaswand haben sie Ziele notiert. ‚Ich möchte schneller arbeiten, damit ich freitags für die Gymiprüfung lernen kann‘, hat Lincoln geschrieben. Und Nina: ‚Ich schätze mich realistisch ein und beteilige mich aktiv am Unterricht.‘“

So ist das in der Schule. Die Ziele haben immer nur mit Schule zu tun. Immer nur mit Schule. Entweder mit der, in der du gerade steckst oder mit der, in der dich dein Heimatsystem dereinst sieht.

So haben die Teenager jederzeit jene Ziele vor Augen, die nicht auf ihrem Boden gewachsen sind, sondern auf dem von Erwachsenen. Was junge Menschen deshalb nicht lernen, zumindest nicht in der Schule: wie sie ihre eigenen Ziele kreieren, denn die sind ja immer schon vorgegeben – ebenso wie Schule vorgibt, wann du so ein Ziel erreicht hast – und wie du dich das nächste und das übernächste Mal besser dabei anstellen könntest. Realistischer.

Schule bedeutet: Ich lerne (immer besser) fremdgesetzte Ziele zu erreichen. Denn wichtig ist es Ziele zu haben; sich Ziele zu stecken. Ob das meine eigenen sind – darauf kommt’s gar nicht so an. Das würde mich womöglich bloss überfordern. Zynismus off.

Entscheidend ist vielmehr: Wer es zu was bringen will, zur Elite gehören, wie das Gymnasialrektor:innen gerne mal an Elternabenden umschreiben, der und die kommt nicht drum herum, das Leben am sich Vorbereiten auf Prüfungen auszurichten. Am Gymnasium geht es schliesslich sechs Jahre lang um nichts anderes. Nach der Prüfung ist vor der Prüfung. Disziplin ist alles. Immer noch eins obendrauf. Leistung lohnt sich. Und je schneller du den Lehrmeister verinnerlichst, umso mehr und umso besser leistest du.

Deshalb wohl zeigt sich auch Nina einsichtig. Realitätsbezogen zeigt sie sich, und beteiligt sich ab jetzt aktiv am Unterricht – ob sie will oder nicht. Ob sie den braucht oder nicht. Ob ihr der gut tut oder nicht. Das alles wurde bereits für sie entscheiden. Ihr Job ist es, noch besser im System Schule anzukommen, sich einzugliedern, sich anzupassen. Ein Schelm, der daraus Rückschlüsse ziehen würde auf das letzte Gespräch mit ihrem Lerncoach, dem/der es offenbar geglückt ist, Nina zu verklickern, dass sie an ihrer Fähigkeit arbeiten sollte, sich selbst realistisch einzuschätzen. Schulrealistisch. Vielleicht sollte sie sich dabei ein Beispiel an ihrem Mitschüler Lincoln nehmen. Nomen est omen.

Wenn „Freizeit“ zu einem Teil von Schule geworden ist

Weiter geht es im Pädagogischen Glashaus zu Wädenswil: „’Hier arbeiten wir alle nach unserem Wochenplan’, erklärt er und deutet auf eine Tabelle mit Fächern, Wochentagen, Abkürzungen und Aufträgen. Es steht ihm frei, was er gerade abarbeitet. Hausaufgaben gibt es nicht, doch muss bis Ende Woche alles erledigt sein.“

Abarbeiten.

Bis Ende Woche, mein Kind. Du schaffst das! Die Coaches helfen dir. So bleibst du dran. Das meint „totale Pädagogik“. Das Büffeln lauert hinter jeder Freizeitaktivität. Schule gibt den Takt vor, in dem die Seele zu ticken hat. Die Tabellen mit Fächern, Wochentagen, Abkürzungen und Aufträgen kippen sie dir immer wieder von Neuem auf dein individuelles Arbeitspult – und dann helfen sie dir beim Entwickeln von Priorisierungsstrategien.

Sie helfen dir dabei, Schule zu begreifen – um Schule zu bestehen.

Schicht für Schicht abtragen. Lernstrategien entwickeln, Verhaltensoptimierung, Realistisch sein. Sie liefern den Stoff – du arbeitest ihn ab. Das Leben, so lernst du in Pädagogistan, besteht aus dem Abarbeiten von Aufträgen, die andere dir geben.

So machen sie lauter kleine ChatGPTs aus diesen Jugendlichen: Eingaben verarbeiten und Ergebnisse ausspucken.

Und das Schlimmste: Es gibt kein ausserhalb von Schule mehr. Denn Ende Woche muss alles erledigt sein. Und nächste Woche wieder. Die Freizeit ist endgültig zu einem Teil von Schule geworden.

Leben am Pult

Deshalb kann eine andere Schülerin sagen: „Mittlerweile fühle sie sich in der ‚Lilo‘, ‚als ob ich zu Hause an meinem Pult sitzen würde‘“. Denn Schule ist jetzt überall. Schule ist total. Die Unterschiede zwischen dem Stoffvermittlungsmoloch und dem Rest der jugendlichen Welt sind längst weggeschmolzen. Das Pult ist überall. Sie tragen es in ihrem Kopf mit sich.

Damit die Kontrolle über das alles jedoch weiterhin beim System bleibt,

wird nur ein Drittel der Zeit „individuell gearbeitet. Ein Drittel ist für Input-Lektionen reserviert: quasi alte Schule im Klassenverband. Es ist der Versuch, Struktur und Freiheit zu vereinen. Ein weiteres Drittel der Zeit gehört dem Fachunterricht wie Sport, Bildnerisches Gestalten oder Musik“.

Zwei Drittel Beschulung wie immer, der gute alte Frontalunterricht darf nun mal nicht fehlen – und das letzte Drittel ist selbstorganisiertes Abarbeiten jener Stapel, die sie dir rhythmisiert aufs Tablet laden, aufs Pult legen oder an die Glaswand malen.

Weil sich Freiheit und Struktur ausschliessen in Pädagogistan, in Lehrerköpfen und in Schulhäusern: Entweder Freiheit oder Struktur. Das ist ihr Mantra. Das ist der fatale Grundirrtum in der totalen Pädagogik. Nichts ist älter und tiefer in dieses autoritäre Schulsystem eingeschrieben als das Entweder-Oder von Freiheit und Struktur. Das stillschweigende Gleichsetzen von Freiheit und Beliebigkeit. Das Nichtwissen darum (oder das Verleugnen dessen), worum es bei der Freiheit in Wirklichkeit geht.

Früh übt sich: Schule als Grossraumbüro (Foto: Andrea Zahler/NZZ)

Wir sind doch keine Wohlfühloase

Besonders zynisch in diesem Innovationstheater: Auch die wuchtigste Bastion dieses autoritären Systems wird nicht geschleift. Vielmehr wird sie an die Lernenden weitergereicht:

„In einigen ‚Lilos‘ gibt es keine Prüfungsnoten mehr, sondern einen Farbcode. Die Schülerinnen und Schüler setzen sich Anfang Semester für jedes Fach eine Zielnote. Erreichen sie diese in einer Prüfung, gibt es Grün, schneiden sie besser ab, gibt’s Pink, liegen sie unter dem Ziel, Orange. Das gefällt. ‚Wenn Samira und ich Grün haben, dann haben wir beide den Glückseffekt‘, sagt Ella.“

Das ist die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. Sie schiessen nicht mehr mit Noten auf Kinder. Sie legen ihnen die Waffe in die Hand. Aus Zahlen werden Farben, die wie Marzipankarotten an den Stecken hängen, mit denen sich die Lernenden zum Abbarbeiten des Stoffes motivieren. Wenn der Zeiger am Ende auf „grün“ steht, stellt sich der Glückseffekt ein. Farben statt Ziffern.

Denn: „Die Oberstufenschule Wädenswil ist für die Jugendlichen keine Wohlfühloase. ‚Der Leistungsdruck in unserer Gesellschaft bleibt, dafür müssen wir den Jugendlichen Werkzeuge und Strategien mit auf den Weg geben‘, sagt die Co-Schulleiterin.“

Eine Lernumgebung, in der lernende Menschen sich wohlfühlen, eine Oase des Lernens – das darf Schule nicht sein. Das kann Schule nicht sein. Es ist dieser Satz, der das Welt- und Menschenbild hinter Schule entlarvt: dass sie schliesslich keine Wohlfühloase sei. Leistungsdruck ist angesagt. Was für ein schreckliches System, was für furchtbare Bilder und Vorstellungen von Lernen.

Das Gegenteil einer Wohlfühloase könnte man als „Unbehaglichkeitszone“, „Stresszone“, „Belastungsumgebung“ oder „Unwohlseinsherde“ bezeichnen. Diese Begriffe vermitteln das Gefühl von Unbehagen, Stress oder Belastung, im direkten Gegensatz zur Entspannung und dem Wohlbefinden, die eine Wohlfühloase bietet.

ChatGPT zur Frage, was das Gegenteil einer Wohlfühloase sei.

Der Leistungsdruck ist der mächtigste Fetisch Pädagogistans. Er ist sein Totem. Auf seinem Altar werden Schweizer Kindheiten beendet, bevor sie angefangen haben.

Warum der Leistungsfetisch eine Lüge ist

Am Leistungsbegriff scheiden sich derzeit die Geister. Seine ideologische Aufladung gerät mehr und mehr ins Wanken – nicht zuletzt aufgrund der zunehmenden quantitativen und qualitativen Leistungsfähigkeit unserer Maschinen. Das passt nicht so ganz in die helvetische Kultur, die bis heute fest daran glaubt, dass Leistung die entscheidende Daseins-Rechtfertigung des Menschen sei.

Hinzu kommt: Wir leben längst in einem Arbeitnehmer:innen-Markt und bewegen uns auf eine Epoche zu, in der Arbeit und Leistung völlig neu designt sein werden. Es gibt so gut wie keine Branche mehr, in der es ausreichend Arbeitskräfte hat. Nicht einmal in Pädagogistan. Immer mehr Menschen spielen das Leistungsspiel einfach nicht mehr mit.

Doch in der Schule zieht das Argument vom Leistungsdruck nach wie vor – und es verjagt nach und nach auch die letzten engagierten Lehrpersonen aus diesen ideologisch aufgeladenen Lernbunkern. Denn in anderen Arbeitsmärkten haben kluge Arbeitgeber:innen längst begriffen, dass sie mit Druck niemanden mehr halten.

Vielleicht halten es jene Lehrer:innen, die noch dabeibleiben, auch deshalb aus, weil und solange sie den Druck an Schülerinnen und Schüler weitergeben können – indem sie ihnen pausenlos „Wissen vermitteln“, sie mit Stoff zumüllen und immer neue Varianten von Prüfungen und Bewertungsformaten erfinden.

Indem sie aus jungen Menschen Stoffverarbeitungsmaschinen machen.

Selbst wenn es diesen Leistungsdruck „da draussen“ stellen- und perverserweise noch gibt: seine ökonomische Ineffizienz, sein Ausbeutungscharakter, seine Anteile an den rasant zunehmenden Krankenständen und Burnouts sind längst erwiesen – und Schule müsste erst recht der Ort sein, an dem junge Menschen sich ohne Stress, Druck und Leistungsgedöns entdecken und entfalten können.

Gerade weil sich das Leistungsparadigma derzeit selber ad absurdum führt, bräuchten Kinder und Jugendliche Oasen des Lernens, die eine sichere, geborgene und gleichwürdige Umgebung bieten, in der sie zu sich und zu ihren Potenzialen finden statt Arbeitsaufträge und Prüfungen abzuhecheln.

Der Leistungsfetisch ist längst als die eigentliche humanistische Katastrophe der letzten 200 Jahre entlarvt. Doch besungen wird er weiterhin tapfer von Protagonist:innen Pädagogistans – bzw. von einem Bündner Hotelierpräsident und seinen freiheitlich-liberalen Kegelbrüdern, für die alle, die unter 30 sind, zur Generation Weichei gehören.

Auf dieses Konzept passen dann auch die „famous last words“ der vier Held:innen dieser kleinen Reportage: „Manchmal hätten sie schon Stress, erzählen Nina, Lincoln, Samira und Ella. Vor allem, wenn es gegen Ende Semester viele Prüfungen aufs Mal gebe. Da müssen alle auch zu Hause dafür lernen.“

Als ob es dabei ums Lernen gehen würde. Geht es aber nicht. Es geht ums Pauken, ums Büffeln, ums Abarbeiten. In der Schule geht es darum, mit Schule klar zu kommen. Durchzukommen. Sich aktiv am Unterricht zu beteiligen und sich freitags auf die Gymi-Prüfung vorzubereiten.

Und: sich solange realistisch einzuschätzen, bis es aus der Sicht von Schule realistisch ist.

Und damit die Kinder und Jugendlichen das alles mitspielen, erklären die Lehrer:innen ihnen, uns und allen, dass sie sich dadurch aufs Leben vorbereiten – und auf die Leistungsgesellschaft da draussen.

Mögen sie für diese dreiste Lüge dereinst in der Pädagog:innenhölle schmoren.

Titelbild von ChatGPT: An image that reflects „the educational tradition you described, where childhood is seen as merely a preliminary stage to adulthood, emphasizing a swift transition to a performance-based paradigm.“

Über die Undurchlässigkeit des (Schweizer) Schulsystems

Katharina Maag Merki ist Professorin für Theorie und Empirie schulischer Bildungsprozesse an der Universität Zürich. Im Tagesgespräch mit SRF vom 20. März 2024 zerlegt sie in 25 Minuten die gängige Schulpraxis nach Strich und Faden. Da bleibt kein gutes Haar. Und das ist auch gut so. Es muss in diesen Tagen immer und immer wieder mit aller Deutlichkeit artikuliert und belegt werden:

Schule steht all dem im Weg, was junge Menschen zum Lernen und für ihre Entwicklung brauchen – und sie ist in keiner Weise durchlässig, ausser auf dem Papier (13:25).

Auch die so oft wie ein Schwert gezückte Durchlässigkeit des Schweizer Schulsystems ist also noch immer ein Märchen. Hier etwas konkreter beschrieben:

Das ewige wiedergekäute Hauptargument für dieses Schulmodell ist längst entlarvt: Schule benachteiligt die Lernenden, und zwar alle – und es kann exakt nachgewiesen werden wodurch. Alles bekannt, alles belegt.

Wer es auf der Sekundarstufe nicht in ein anspruchsvolles Niveau schafft, wird kaum eine höhere Allgemeinbildung abschliessen. Laut dem Bundesamt für Statistik gelingt dies genau zwei Prozent.

Quelle

Auch wird Sinn und Nutzen von Selektion erneut und zum x-Mal zer-und widerlegt. Die heutige Praxis führt sogar dazu, dass Jugendliche mit hohem Potenzial in der Sek B landen und solche mit niedrigerem am Gymnasium. Der Selektionsapparat schiesst sich also auch ins eigene Knie, denn er verhindert durch diese Praxis systematisch, dass junge Menschen in und durch Schule ihr tatsächliches Potenzial auf Gesellschaft und Arbeitsmarkt hin entdecken, entfalten und einsetzen können. Auch das ist eine katastrophale Diagnose.

Die Gleichschalterei durch die schulischen Selektionsmechanismen macht blind dafür

  • dass die reale Heterogenität, Diversität und Altersvielfalt, für das Lernen von grossem Vorteil ist
  • dass Lernende unbedingt mit einbezogen sein müssen in die Beurteilung ihrer Leistungen und Fortschritte
  • dass es in Schule um Kompetenzen gehen muss, und dass die über Portfolios erfasst werden

Das Beschämende daran: Diese Erkenntnisse sind 20, teilweise 40 Jahre alt, und das Schulsystem ignoriert sie konsequent – obwohl es die von Maag Merki aufgezählten Alternativen schon längst in Nischen gibt. Es könnte also morgen in der öffentlichen Schulpraxis Realität sein, wenn das System es zulassen oder sogar aktiv entwickeln und fördern würde.

Aber der politische Wille fehlt.

Menschen, die sich innerhalb oder ausserhalb des Schulsystems für eine zeitgemässe Schule engagieren, klug, identifiziert, leidenschaftlich, werden entweder ausgebremst, ausgebrannt oder vertrieben, oder alles zusammen.

Und was blockiert die dringend notwendigen Entwicklungen?

Mutlosigkeit, Verantwortungsdiffusion, Kantönligeist – und eine in Schulen, Lehrer- und Elternköpfen noch immer verbreitete, autoritäre und adultistische Haltung gegenüber jungen Menschen.

Adultismus.

… und hier noch ein schickes Erklärvideo zu Adultismus.

Bildung neu denken: Jenseits von Ausbildung, Erziehung und Sozialisation

In einer Zeit, in der LinkedIn mit Angeboten für Weiterbildung überflutet wird, konzentrieren sich viele auf den Erwerb und die Demonstration neuer Fähigkeiten. Diese Herangehensweise, die oft mit dem Versprechen messbarer Ergebnisse verbunden ist, spiegelt eine tief verwurzelte Auffassung von Bildung wider, die sich vorrangig auf Ausbildung stützt. Dieser Blog-Beitrag hinterfragt diese Auffassung und plädiert für ein umfassenderes Verständnis von Bildung, das persönliche Entwicklung, gesellschaftliche Verantwortung und kritisches Denken in den Mittelpunkt stellt.

Der Entwurf für diesen Blog Post wurde durch ChatGPT entschärft, geglättet und strukturiert. Das Titelbild stammt von DALL-E.

In der modernen Bildungslandschaft, wie sie sich auf Plattformen wie LinkedIn darstellt, stechen Angebote hervor, die sich auf den Erwerb spezifischer Fähigkeiten oder Kenntnisse beschränken. Diese Fokussierung auf „Skills Training“ – auf das, was nachweisbar und verwertbar ist – findet sich auch in der Ausbildung von Drogenspürhunden oder im Training von LLMs. Was dabei außer Acht gelassen wird, sind die tieferen, persönlichen und gesellschaftlichen Dimensionen von Bildung.

Bildung im eigentlichen Sinne geht weit über die Aneignung von Fähigkeiten hinaus. Sie befasst sich mit grundlegenden Fragen des Seins: Wer möchte ich sein? Wie möchte ich leben und arbeiten? Wie verhalte ich mich zu den drängenden Problemen unserer Zeit, wie zum Klimawandel, zu sozialer Ungleichheit, zu Homophobie, Misogynie und Rassismus, politischem und religiösem Extremismus?

Bei Bildung geht es darum, in der Auseinandersetzung mit solchen Fragen eigene Positionen zu entwickeln und um die Bereitschaft, mich diesen Herausforderungen zu stellen um gemeinsam mit anderen eine andere Gesellschaft und Arbeitswelt zu gestalten.

Diese Bildungsaspekte fallen jedoch unter den Tisch in einem Bildungsverständnis, das sich auf die Ausbildung von Fertigkeiten, auf Erziehung und Sozialisation konzentriert.

Leider werden jedoch exakt diese traditionellen Aspekte reaktiviert, sobald wir über Bildung nachdenken, sie planen oder umsetzen. Bildung wird zu einem Stoff, der „durchgenommen“ werden muss, ohne Raum für echte persönliche Entwicklung oder kritisches Hinterfragen. Was nicht messbar oder prüfbar ist, findet keinen Platz im Bildungssystem.

Ein neues Bildungsverständnis ist gefordert

Es ist an der Zeit, dass wir unser Bildungsverständnis überdenken und erweitern. Bildung sollte ein Prozess sein, der Menschen nicht nur auf das Berufsleben vorbereitet, sondern in dem wir uns befähigen, uns aktiv und verantwortungsvoll einzubringen: in gesellschaftliche, politische und ökonomische Prozesse – und es geht darum, als Mensch und Gemeinschaft zu gelingen.

Bildung ist ein Weg, auf dem individuelle Entwicklung und gesellschaftlicher Fortschritt Hand in Hand gehen.

Dieser Perspektivenwechsel erfordert eine Neubewertung dessen, was wir unter „Bildung“ verstehen, und eine Abkehr von ergebnisorientierten Lehr-Lern-Modellen. Es geht darum, Bildungsräume zu schaffen, in denen der Mensch in all seinen Facetten – mit seinen/ihren Fragen, Ängsten, Hoffnungen und Träumen – im Mittelpunkt steht.

Nur so können wir eine Bildungskultur schaffen, die nicht nur auf die Gegenwart reagiert, sondern auch eine lebenswerte Zukunft gestaltet.

Statt also Bildung durch die Brille von Ausbildung, Sozialisation und Erziehung zu betrachten und zu organisieren, sollten wir damit anfangen, diese drei durch die Brille von Bildung zu sehen und zu gestalten.

Bei Colearning in Bern arbeiten wir seit einigen Jahren an der Entwicklung solcher Bildungswege – mit beeindruckenden Effekten. Wir sind ein lokales Ökosystem von Pionier:innen, die jene Aspekte von Bildung zusammenbringen, die das traditionelle Bildungssystem voneinander getrennt hat.

Die Pluripotenz des Lernens – Eine Analogie zur Vielseitigkeit von Stammzellen

In einer Welt, die sich durch rasante Veränderungen und unvorhersehbare Herausforderungen auszeichnet, ist die Fähigkeit zu lernen und sich anzupassen wichtiger denn je. Interessanterweise bietet die Biologie ein faszinierendes Modell, das Licht auf die Natur des menschlichen Lernens wirft: die Pluripotenz von Stammzellen. Diese Zellen besitzen die einzigartige Fähigkeit, sich in jeden Zelltyp des Körpers zu differenzieren, was sie zu einem Schlüsselbaustein für Entwicklung und Regeneration macht. Eine ähnliche Vielseitigkeit und Anpassungsfähigkeit kann in der Natur des menschlichen Lernens gesehen werden.

Dieser Blogpost erkundet die tiefgreifende Analogie zwischen der Pluripotenz von Stammzellen und dem menschlichen Lernen und diskutiert, wie diese Perspektive unsere Ansätze in Bildung und persönlicher Entwicklung revolutionieren könnte.

Er ist auf der Grundlage eines Prompts und einer Diskussion mit ChatGPT von der KI erstellt worden. Inklusive der Bilder.

Die Natur der Pluripotenz

Pluripotente Stammzellen sind die Alleskönner der Zellbiologie. Sie haben das Potenzial, sich in jede Art von Zelle im Körper zu verwandeln, von Hautzellen bis hin zu Neuronen. Diese Fähigkeit ist grundlegend für das Wachstum, die Reparatur und die Erneuerung von Geweben. Analog dazu besitzt der Mensch die Kapazität zum pluripotenten Lernen – die Fähigkeit, Kompetenzen, Fähigkeiten und Wissen in nahezu unbegrenztem Umfang zu erwerben und sich so an eine breite Palette von Umgebungen und Herausforderungen anzupassen.

Bildung und die Umgebung des Lernens

Die Analogie zur Pluripotenz weist auf eine wichtige Verschiebung hin, die in der Bildungswelt notwendig ist. Statt Bildung als einseitige Wissensvermittlung zu betrachten, sollten wir sie als die Schaffung einer Umgebung begreifen, die das inhärente Potenzial jedes Einzelnen zur Entfaltung bringt. Eine lernförderliche Umgebung ermutigt zur Neugier, behandelt Fehler als Lernchancen und passt sich den individuellen Lernpfaden an. Dies erfordert einen flexiblen, adaptiven Bildungsansatz, der die vielfältigen Potenziale und Interessen der Lernenden berücksichtigt.

Die Rolle von Bildungseinrichtungen

Bildungseinrichtungen und Pädagogen sollten sich als Begleiter im Lernprozess verstehen, die eine unterstützende und anregende Umgebung bieten. Dies beinhaltet die Bereitstellung von Ressourcen, Unterstützung bei der Navigation durch individuelle Lernreisen und die Schaffung eines Raums für Experimente und Entdeckungen. Es geht darum, Lernende in die Gestaltung ihres eigenen Lernprozesses einzubeziehen, was zu höherem Engagement und Verantwortungsbewusstsein führt.

Entwicklung von Schlüsselkompetenzen

Die Förderung von Schlüsselkompetenzen wie kritischem Denken, Problemlösungsfähigkeiten, Anpassungsfähigkeit und lebenslangem Lernen ist von entscheidender Bedeutung. Diese Fähigkeiten ermöglichen es Individuen, in einer sich schnell verändernden Welt erfolgreich zu navigieren. Ein Bildungssystem, das diese Kompetenzen in den Mittelpunkt stellt, bereitet Lernende darauf vor, kreative und adaptive Beiträge zur Gesellschaft zu leisten.

Ein Paradigmenwechsel in der Bildung

Die Anerkennung des pluripotenten Charakters des Lernens erfordert einen Paradigmenwechsel in der Bildung. Weg von einer rigiden, standardisierten Wissensvermittlung hin zu einem Ansatz, der die individuellen Potenziale und die aktive Rolle der Lernenden betont.

Dieser Ansatz fördert nicht nur die Entfaltung individueller Talente und Fähigkeiten, sondern bereitet die Lernenden auch darauf vor, kreative und anpassungsfähige Mitglieder der Gesellschaft zu sein.

Indem wir den Lernprozess als pluripotent betrachten, erkennen wir die unbegrenzten Möglichkeiten, die das Lernen bietet, und die Bedeutung einer Bildung, die diese Vielseitigkeit unterstützt und fördert.

Individualisierte Lernwege

Eine Schlüsselkomponente im Umgang mit der Pluripotenz des Lernens ist die Schaffung individualisierter Lernwege. Jeder Mensch besitzt ein einzigartiges Set an Fähigkeiten, Interessen und Lernstilen. Ein Bildungssystem, das diese Einzigartigkeit anerkennt, kann individuelle Lernpfade anbieten, die auf die Bedürfnisse und Potenziale jedes Einzelnen zugeschnitten sind. Dieser personalisierte Ansatz ermöglicht es den Lernenden, ihre Stärken zu maximieren und Herausforderungen auf ihre eigene Weise zu begegnen.

Die Bedeutung von Autonomie und Selbstgesteuertem Lernen

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Förderung von Autonomie und selbstgesteuertem Lernen. Indem Lernende die Kontrolle über ihren eigenen Lernprozess übernehmen, entwickeln sie ein tieferes Engagement für ihre Bildung und ein stärkeres Gefühl der Verantwortlichkeit für ihre Lernergebnisse. Selbstgesteuertes Lernen fördert die Entwicklung von Selbstbewusstsein und Selbstreflexion, was wesentlich für das lebenslange Lernen und die Anpassungsfähigkeit ist.

Die Rolle der Technologie

In der heutigen digitalen Welt spielt Technologie eine entscheidende Rolle bei der Unterstützung des pluripotenten Lernens. Digitale Tools und Plattformen bieten Zugang zu einer Vielzahl von Ressourcen und Lerngemeinschaften, ermöglichen personalisierte Lernerfahrungen und unterstützen die Entwicklung von Kompetenzen, die in der modernen Gesellschaft benötigt werden. Die Integration von Technologie in den Lernprozess kann das Lernen effizienter, interaktiver und ansprechender machen.

Zusammenfassung und Ausblick

Die Analogie zwischen der Pluripotenz von Stammzellen und dem menschlichen Lernen bietet eine kraftvolle Perspektive auf das Potenzial und die Vielseitigkeit des Lernens. Indem wir dieses Potenzial erkennen und eine Umgebung schaffen, die es unterstützt, können wir die Grundlage für eine Bildung legen, die nicht nur Wissen vermittelt, sondern auch die Fähigkeit fördert, kreativ und adaptiv zu denken und zu handeln.

Ein solches Bildungssystem bereitet Individuen darauf vor, die Herausforderungen der Zukunft zu meistern und einen positiven Beitrag zur Gesellschaft zu leisten. Die Reise hin zu einem pluripotenten Bildungsmodell erfordert Engagement, Kreativität und die Bereitschaft, bestehende Paradigmen zu hinterfragen. Doch die Belohnung – eine Gesellschaft, die durch lebenslanges Lernen, Anpassungsfähigkeit und kreative Problemlösung gekennzeichnet ist – ist unermesslich wertvoll.

Ergänzung der HI: Mit dem Colearning Think Tank und der Colearning Akademie in Bern haben wir diesen Weg beschritten.

Warum ein Smartphone-Verbot alle gleich benachteiligt

In einem Gymnasium im deutschen Bundesland Hessen wurde einstimmig von allen Beteiligten beschlossen, Smartphones bei Prüfungen zu verbieten. Das ist die falsche Entscheidung. Ein Kommentar.

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Die Strategie: Alle gleich benachteiligen

Dass auch Eltern und Schüler einem Verbot von Smartphones im Kontext von Prüfungen einstimmig zustimmen, ist Kalkül. Es ist kein Zeichen von Demokratie. Demokratie ist, wenn Opposition ist.

Sozialpsychologisch ist ganz gut untersucht, warum Menschen in autoritären Systemen dazu neigen, denen ihre Stimme zu geben bzw. denen zuzustimmen, die an der Macht sind.

So ist es auch besser für Lernende und ihre Eltern, wenn sie dem zustimmen, denn das System entscheidet durch eine absurd hohe Anzahl an Prüfungen und Zeugnissen über die Zukunft dieser jungen Menschen.

Eine Gymnasialkarriere in der Schweiz impliziert zwischen 500 und 600 Prüfungen.

Worin der wahre Betrug besteht

Der Betrug besteht allerdings nicht darin, dass junge Menschen im Kontext von Bildung dort, wo es um das Lösen von Knacknüssen geht, zum Smartphone greifen, sondern dass sie es nicht dürfen.

Wenn schon „Prüfung“ dann doch über den Einsatz dieser Technologie – und zwar durchgehend formativ. Schliesslich geht es bei KI um eine völlig neue, bisher nicht dagewesene Dimension von Wissensarbeit.

Der Betrug besteht darin, dass Schule junge Menschen NICHT auf eine professionelle Nutzung dieser Technologien vorbereitet – und dass sie bis heute im Kontext von so genannten Prüfungen Kollaboration unterbindet.

Kollaboration als Kompetenz bedeutet: Die Fähigkeit reale Probleme zu lösen kommt heute nur auf den Weg durch eine qualifizierte Form der Zusammenarbeit: lösungsfokussiert und technologiezentriert. Kollaboration ist eine Problemlöse-Kompetenz – wie jede andere der 4K auch.

Stattdessen: Klausuren.

Prüfungsalltag: Unter Ausschluss von Kollaboration

Schule spricht bis heute von „Klausuren“, wenn von Prüfungen die Rede ist – abgeleitet vom lateinischen Begriff „clausura“, was „Verschluss“ bedeutet. Bis heute ist Klausur auch der Bereich in einem Kloster, der für die Öffentlichkeit gesperrt ist.

Gymnasium ist ein bizarres Fossil. Getrieben und zugleich blockiert von der Angst vor Macht- und Kontrollverlust.

Seine Existenzberechtigung würde sich umgehend in Luft auflösen, wenn dieser Prüfungsfetisch wegfällt – denn am Ende des Tages geht es am Gymnasium um die Vermittlung, den Aufbau und die Bewältigung von Prüfungsstoff.

Die erschreckende Schuldiagnose eines Berufsschülers und eine Antwort von ChatGPT

Ein Jugendlicher, der die Lernzeit der Sekundarstufe I mit uns im Colearning in Bern verbracht und gestaltet hat, ist mittlerweile im Ökosystem des Coworking (YOLU Lehrbetriebsverbund) in eine Ausbildung zum Mediamatiker eingestiegen. Bereits im ersten Jahr der Ausbildung legt er – zusammen mit einem zweiten Teamkollegen – ein beeindruckendes Entwicklungstempo vor. Für beide stellt die Berufsschule ein unlösbares Problem dar, weil sie sie in ihrer beruflichen Entwicklung nicht nur nicht fördert sondern blockiert. Darüber hat einer der beiden jüngst einen Blog Post verfasst. Klar, differenziert, ehrlich. Mit seinem Einverständnis darf ich seinen Beitrag in meinem Netzwerk sichtbar machen. Das zeugt von Mut.

Schule fühlt sich für mich wie ein schlechtes Spiel an. Das Ziel ist, so wenig Aufmerksamkeit wie möglich zu erregen, mit minimalem Einsatz durchzukommen, den Humor nicht zu verlieren und mit der Klasse ein bisschen zu rebellieren. Im Unterricht lenken sich die meisten mit Games oder eigenen Projekten ab. Wir bereiten uns auf Tests vor, indem wir Zusammenfassungen mit ChatGPT vor dem Test erstellen und sie kurz anschauen. Nach dem Test vergessen wir das Gelernte so schnell wie möglich.

Das Problem bei diesem System sind nicht die schlecht gestalteten PowerPoint-Präsentationen, die zu kurzen Pausen oder die unbequemen Stühle, es ist die falsche Einstellung zum Lernen.

Ausschnitt aus dem Blog Post

Die über den gesamten Blog Post hinweg geschilderte Problematik bildet bis heute keine Ausnahme. Nicht erst in der Berufsschule. Das treibt mich als Bildungsdesigner schon sehr lange um: Die Vergeudung wertvoller Lern- und Lebenszeit junger Menschen durch Schule, die sich während dieser Zeit auf vielfältige, kreative und hochwirksame Weise selber befähigen könnten.

Genau das machen wir im Ökosystem des Colearning vor, weil sich das Schulsystem bisher konsequent weigert Lösungen einzusetzen für die Probleme, die der sich Ausbildende beschreibt. Lösungen, die bereits zuhauf existieren. In einer grossen Vielfalt!

Welche das (u. a.) sind, zeigt der Beitrag von ChatGPT, den ich damit beauftragt habe:

Prompt

Ein Schüler der Berufsschule für Mediamatik schildert im folgenden Text aus mehreren Perspektiven, warum und wodurch die Berufsschule für ihn problematisch ist. Fasse die zentralen Kritikpunkte auch aus bildungswissenschaftlicher und pädagogischer Perspektive zusammen. Stelle dabei auch klar, wodurch Berufsschule diesen jungen Menschen deshalb gerade nicht auf seinen Beruf vorbereitet und ihn nicht dafür ausrüstet. Formuliere für jeden Kritikpunkt zwei professionelle, lösungsorientierte Alternativen, wie Berufsschule stattdessen heute aussehen müsste, damit sich Auszubildende mit ihrer Hilfe optimal auf den Beruf des Mediamatikers vorbereiten können.

Quelle

Hier die Antwort von ChatGPT

Die Kritikpunkte des Schülers an der Berufsschule für Mediamatik lassen sich aus bildungswissenschaftlicher und pädagogischer Perspektive in mehrere zentrale Themen unterteilen. Diese Kritikpunkte beleuchten grundlegende Herausforderungen im Bildungssystem, insbesondere in der Berufsausbildung, die sich in einer schnelllebigen, digital geprägten Welt befindet. Im Folgenden werden diese Kritikpunkte zusammengefasst und jeweils zwei professionelle, lösungsorientierte Alternativen vorgeschlagen.

1. Mangelnde Anbindung an die digitale Realität

Kritikpunkt: Die Berufsschule scheint von der digitalen Revolution und ihren Auswirkungen auf die Arbeitswelt abgeschnitten zu sein. Es fehlt an Diskussionen und Auseinandersetzungen mit aktuellen digitalen Trends und Technologien.

Lösungsansätze:

  • Integration aktueller digitaler Tools und Plattformen in den Unterricht: Lehrpläne sollten regelmäßig aktualisiert werden, um die neuesten digitalen Tools und Plattformen einzubeziehen. Dies könnte durch Partnerschaften mit Technologieunternehmen und Start-ups gefördert werden, um den Schülern praktische Erfahrungen zu ermöglichen.
  • Projektbasiertes Lernen: Schüler sollten durch projektbasiertes Lernen ermutigt werden, eigene digitale Projekte zu entwickeln. Dies fördert nicht nur technische Fähigkeiten, sondern auch Soft Skills wie Teamarbeit, Problemlösung und kreatives Denken.

2. Veraltete Lehrmethoden

Kritikpunkt: Der Unterricht basiert hauptsächlich auf Frontalunterricht, was zu Desinteresse und Passivität bei den Schülern führt.

Lösungsansätze:

  • Flipped Classroom-Modell: Bei diesem Ansatz erarbeiten sich die Schüler das Wissen zu Hause durch Videos oder Lesematerial und wenden es dann in der Schule durch praktische Übungen an. Dies fördert ein tieferes Verständnis und ermöglicht eine individuellere Betreuung durch die Lehrkräfte.
  • Interaktiver und partizipativer Unterricht: Lehrkräfte sollten Methoden wie Diskussionen, Workshops und Gruppenarbeiten nutzen, um den Unterricht lebendiger und interaktiver zu gestalten. Dies kann das Engagement und das Interesse der Schüler erhöhen.

3. Fehlende Praxisrelevanz

Kritikpunkt: Der Lehrplan und die Unterrichtsinhalte erscheinen oft nicht relevant für die tatsächlichen Anforderungen und Herausforderungen in der Berufswelt der Mediamatik.

Lösungsansätze:

  • Curriculum-Entwicklung mit Branchenexperten: Die Einbindung von Experten aus der Mediamatik-Branche in die Entwicklung von Lehrplänen kann sicherstellen, dass der Unterricht die aktuellen Anforderungen des Arbeitsmarktes widerspiegelt.
  • Praxisphasen und Unternehmenskooperationen: Regelmäßige Praxisphasen in Unternehmen und Projekte in Kooperation mit der Industrie können den Schülern relevante Einblicke und Erfahrungen bieten.

4. Bewertungssystem und Lernkultur

Kritikpunkt: Die Schule legt einen starken Fokus auf Noten und Bewertungen, was zu einem Lernen für Tests statt für das Leben führt.

Lösungsansätze:

  • Kompetenzbasiertes Lernen: Statt auf Noten sollte der Fokus auf den Erwerb von Kompetenzen gelegt werden. Schüler sollten in ihrem eigenen Tempo lernen können, und der Erfolg sollte anhand des Erreichens spezifischer Kompetenzen gemessen werden.
  • Portfolioarbeit: Die Bewertung der Schüler könnte durch die Erstellung von Portfolios erfolgen, in denen sie ihre Projekte und Fortschritte dokumentieren. Dies fördert eine Reflexion über den eigenen Lernprozess und die erworbenen Fähigkeiten.

Diese Lösungsansätze erfordern eine grundlegende Neuausrichtung der Bildungspolitik und -praxis. Sie setzen voraus, dass Schulen als Orte des aktiven und selbstbestimmten Lernens verstanden werden, die eng mit der realen Arbeitswelt verzahnt sind. Die Umsetzung dieser Ansätze könnte dazu beitragen, dass Berufsschulen wie die für Mediamatik ihre Schüler besser auf die Herausforderungen und Möglichkeiten der digitalen Zukunft vorbereiten.

Zurück zu den Lernenden

Ein Gedanke von mir noch zum Schluss. Wie so viele junge Menschen sind auch die beiden sich ausbildenden Jugendlichen, von denen der Autor des hier verarbeiteten Blog Posts einer ist, ungaublich helle und wache, interessierte und kluge, aufmerksame und verbindliche, fröhliche und humorvolle Menschen, die sich mit Leichtigkeit und Freude in ihrem Lern- und Arbeitsumfeld engagieren. Wer die beiden mal sehen & hören möchte: Hier kommen sie zu Wort.

Schule als Religionsersatz in einer säkularisierten Welt

Es ist noch gar nicht so lange her, da waren wir in unserer Kultur davon überzeugt, das Heil sei eine Sache der Religion. Verwaltet, zugeteilt oder entzogen durch die großen christlichen Kirchen. Begründet und ausgearbeitet in ihren Heiligen Schriften, Klöstern, und in den kirchlichen Schulen, in denen in erster Linie dafür gesorgt wurde, dass diese Kultur weiter besteht: der Glaube an die Erlösungskraft von Religion und an die Kirche als einzig glaubwürdige Vermittlerin – und nicht zuletzt auch an die gesellschaftsbildende, normierende Funktion von Religion.

Und auch wenn das alles noch gar nicht so lange her ist, ist doch erstaunlich, wie sehr die Macht und der Einfluss von Kirche auf breiter Ebene nachgelassen haben. Das Phänomen dahinter hingegen ist nicht verschwunden – die zentralen Funktionen von Religion werden von anderen Super- oder Mega-Institutionen übernommen – so etwa von Schule.

Womöglich auch weil Bildung über lange Zeit in den Händen der Kirchen lag, trägt Schule bis heute zentrale Merkmale, die auf Kirche zurückgehen und auf ihren Deutungsanspruch über das Leben der Menschen – emöglicht durch den Glauben daran, dass von dort das Heil kommt und nur von dort. „Extra ecclesiam nulla salus“ (Ausserhalb der Kirche kein Heil) ist ein bis heute gültiges, katholisches Dogma.

Schule hat Kirche als institutionalisierte Religion in zentralen Funktionen und Macht-Mechanismen abgelöst. Zum Beispiel ist sie diejenige Institution, die Zukunftschancen zu- und verteilt. Exklusiv. Vielleicht nicht mehr im Jenseits, aber doch für die gesamte Zeit davor.

Quelle (und mehr)

In ihrer Kultur, in ihren Grundzügen, in ihren Menschenbildern, Strukturen und Prozessen, in ihrem Anspruch auf umfassende Normativität und in ihrem Totalanspruch auf das Kind erweist sich Schule als Nachfolgerin dessen, was die Institution Kirche einmal war. Ihr antidemokratisches und autoritäres Auftreten gegenüber dem Kind mit eingeschlossen.

Von dort kommt auch dieser in seiner Unumstösslichkeit religiös anmutende Glaube, die Lösung für die Bildungs- und Schulkrise, für den Lehrermangel und für zeitgemässe Bildungsarbeit, das Heil also, käme ausgerechnet wieder aus dem Schulsystem. Das ist Religion 2.0: „Extra scolam nulla salus“.

Schule als säkularisiertes Heilsversprechen

Woher diese Erwartung, dass die Lösung ausgerechnet von dort kommt, wo bis heute das Problem reproduziert wird? Die Narrative gleichen sich ja:

Wo Kirche einst die sündhafte Verfasstheit des Menschen und seine Erlösungsbedürftigkeit zuerst behauptet hat, um sie dann zum Anlass ihres end- und aussichtslosen moralischen Aufrüstungsprogramms zu stilisieren, während sie also den Menschen zuerst moralisch stigmatisierte um ihn und sie dann mit einem Forderungskatalog für mögliche Erlösungswege zu versorgen, so tut Schule heute auf säkulare Weise nichts anderes, wenn sie sich als die einzig gerechtfertigte Super-Institution für die Bildung des Menschengeschlechts inszeniert.

Bis heute konstruiert Schule zuerst einen blöden Balg, der dann, um überhaupt eine Aussicht auf Bildung zu haben, aus seinen Sozialkontexten herausgelöst werden muss, um im Geäst des staatlichen Bildungswesens ordentlich beschult zu werden.

Extra scolam nulla salus.

Die Heils-Erwartung dahinter lässt sich nicht anders deuten denn als Ausdruck einer säkularisierten Hörigkeit, die ihren Ursprung dort hat, wo auch unser Bildungssystem ihn – historisch gesehen – hat: Im klerikalen Kultur-Konstrukt der Religion.

Angefangen bei und ausgehend von den Pädagogischen Hochschulen, die mit einer beispiel- und alternativlosen Entscheidungsmacht ausgestattet sind, was die Zugänge zu Bildungsberufen und zu Schulen angeht, von denen bis heute in jedem Dorf eine steht, oftmals in Sichtweite einer Kirche. Nirgendwo ausser vielleicht noch beim Pass/Ausweis, den ich auf mich trage, wird Zugehörigkeit so rigide und alternativlos gehandhabt wie im Schulsystem. Ausnahmen haben einzig den Zweck, die Regeln zu bestätigen.

Niemandem zur Rechenschaft verpflichtet ausser sich selbst, nach Regeln, die sie selber aufstellen, unterstellen Pädagogische Hochschulen all jene, die Bildungsarbeit mit Kindern und Jugendlichen machen wollen, Selektionsprinzipien, mit denen sie, die Hochschulen, nichts anderes (!) als den eigenen Fortbestand sichern als der Ort, an dem Unterrichten und Prüfen gelernt wird.

Als Begründung wird angeführt, dass es öffentliche Schule brauche, um Bildungsgerechtigkeit zu garantierten. Doch in Wahrheit geht es ihr um das Monopol auf die Selektion, die sie nach ihren Regeln organisiert. Unter Zuhilfenahme euphemistischen pädagogischen Singsangs thematisiert sie pausenlos soziale Ungleichheit – doch sie bekämpft sie nicht. Sie schiebt sie hin und her, von sich weg, diesen und dann wieder jenen in die Schuhe – aber sie reduziert sie nicht.

Sie behauptet, man könne Bildung nicht einfach den Menschen überlassen. Dafür sei sie ihr dann doch zu „heilig“. Sie müsse deshalb von einem institutionell regulierten Bildungssystem organisiert sein. Modell steht dem Schulsystem dabei die Bibel mit ihren Bildern von Selektion: Auserwählte und Verstossene, Zugehörige und Ausgeschlossene. Solche, die bestehen und solche die durchfallen. Das Jüngste Gericht als Urbild der Maturaprüfung – oder umgekehrt. Schule ist Religion 2.0

Ist noch Platz im Himmel, schrauben wir die Anforderungen runter, ist er überfüllt, schrauben wir sie wieder hoch.

Türwächter der Freiheit

Das Bildungssystem ist auf eine erschreckend kirchenanaloge Weise hermetisch. Diese hermetische Geschlossenheit macht Schule in ihrer Gesamtheit zu einem Teil des Problems, nicht der Lösung. Sie ermöglicht und verstärkt die durchgehende Realitätsverweigerung innerhalb des Bildungssystem und seiner Strukturen angesichts der gesellschaftlichen, ökonomischen und technologischen Realitäten der Gegenwart. Das schreit zum Himmel.

Säkularisierter Glaube an Zentralmacht und Bildungslieferketten

Ausserhalb dieses Systems verstärken und multiplizieren sich die Probleme. Feedback-Loops gibt es nicht nur beim Klima. Wechselwirkungen und gegenseitige Verstärkungen prägen heute vielmehr alle zivilgesellschaftlichen und ökonomischen Bereiche unserer Welt. Die Abhängigkeit von Lieferketten, die ganze Versorgungssysteme innert Tagen kollabieren lassen können, ist dafür ein ebenso beredtes Beispiel wie die Allmacht (!) weniger Technologiekonzerne. Wenn Microsoft heute den Stecker ziehen würde, wäre es (nicht nur) in der Schweiz zappenduster. Das Land wäre an keiner Stelle mehr organisierbar.

Der Glaube an die Notwendigkeit einer Zentralmacht, der wir uns anvertrauen und die uns als Gegenleistung vor dem Schlimmsten verschont, ist also mit der Selbstzerstörung vor allem der Katholischen Kirche gar nicht verschwunden. Er hat sich neue Heimaten gesucht. Neue Himmel.

In Sachen Bildung und Schule sorgt dieser säkularisierte, nicht weniger starke Glaube an „Bildungslieferketten“, die exklusiv von einer Zentralmacht garantiert werden, für eine totale Entwicklungslähmung. Dadurch setzt eine ganze Gesellschaft die Zukunft von Kindern und Jugendlichen aufs Spiel in einen Moment, wo es nicht mehr viel zu verlieren gibt.

Es ist zum Beispiel längst überfällig, dass der Beruf und die Ausbildung von Lehrpersonen komplett neu entwickelt werden. Von Grund auf. Zeitgemässe Bildungsarbeit hat nichts mehr mit dem zu tun, was heute in öffentlichen Schulen abläuft. Das geht völlig an der Lebenswelt und an den Bedarfen der Menschen vorbei: der Kinder, der Jugendlichen und ihrer Familie, und am Ende auch an den Bedarfen der Zivilgesellschaft und des Arbeitsmarktes. Schule bereitet (vorbereitet in Pädagogischen Hochschulen) auf eine Welt vor, die nicht mehr existiert. Das wissen wir alle.

Dieses Schulsystem gehört in eine andere Zeit und Welt. Der Beruf der Lehrperson ist anachronistisch. Studierende auf Lehramt werden auf eine Realität hin getrimmt, die es nicht mehr gibt.

Und statt endlich in der Gegenwart anzukommen, dreht sich dieses System pausenlos um sich selbst und erfindet immer wieder neue Gründe um durchgefüttert zu werden – und um sich an exakt den Stellen nicht bewegen zu müssen, die die eigentlichen Problemachsen bilden.

Der Preis für diese strukturelle Inzest ist hoch: Pädagogische Hochschule bereitet auch weiterhin jene, die sich für die Bildungsarbeit mit Kindern und Jugendlichen interessieren, darauf vor diese zu unterrichten, Unterricht vorzubereiten und durchzuführen, Prüfungen vorzubereiten, durchzuführen und zu bewerten. Dabei sind das allesamt aus der Zeit gefallene Konzepte von Bildungsarbeit. Das ist lang und breit und folgenlos erwiesen.

Noch immer tun Pädagogische Hochschulen so, als sei das Beschulungsprinzip und seine Architektur, nach dem sie ja selbst funktionieren, zeitgemässe Bildungsarbeit – und ignorieren dabei alles, was heute an Erkenntnis zur Verfügung steht um es anders zu machen.

Das Eigene im Kreislauf des Fremden

Ein Beispiel: Wenn sie von selbstorganisiertem Lernen sprechen, das im Unterricht gefördert werden soll – der vom Konzept her Selbstorganisation im Kern widerspricht –, dann meinen sie damit, dass Kinder dasjenige „selbst organisieren dürfen“, was ihnen von Lehrenden zu lernen vorgegeben wird – selbstverständlich nach Kriterien, die von Lehrpersonen stammen, und die von ihnen überwacht, kontrolliert und bewertet werden. Es geht auch hier wie überall in der Schule nicht darum, dass ich lerne, mein Lernen selbst zu organisieren sondern höchstens das, was mir von Schule zu lernen vorgeben wird.

Diese „Figur“ lässt sich auch für weitere, fundamental humanistische Kriterien von Menschsein ausbuchstabieren wie Selbstbestimmung, die in der Schule völlig negiert wird und durch strukturelle Fremdbestimmung ersetzt ist, Selbstreflexion, die in Schule immer und ausnahmslos an Fremdreflexion rückgebunden ist und durch letztere qualifiziert, sowie Selbstverantwortung, die das Schulsystem in allen Handlungsvollzügen negiert (verantwortlich bist du in der Schule immer nur für das, wofür dich andere verantwortlich machen) – und nicht zuletzt Selbststeuerung, eine der zentralen Kompetenzen im Technologiezeitalter, deren Entwicklung in der Schule durch die Fremdorganisation aller Vollzüge erschwert und marginalisiert wird.

Mit diesen System stiehlt die Gesellschaft ihren Kindern die Zukunft.

Was für wen auf dem Spiel steht

Für die jungen Menschen, die heute in Schulen gezwungen werden, wo sie an ihrer Lebenswelt, an ihren Bedarfen und Potenzialen vorbei beschult werden nach Prinzipien, Abläufen und Strukturen aus dem (vor-)letzten Jahrhundert, durch und durch autoritär, für die steht gerade alles auf dem Spiel.

Und Schule ist kein Ort, an dem sie sich für ihre Zukunft fit machen könnten, weil Schule in der Vergangenheit steckt. Sie vergeudet die Lebenszeit junger Menschen um die Schule bleiben zu können, die sie immer war.

Diejenigen, die jetzt gerade an den Hebeln sitzen, politische Entscheidungen treffen, Gelder sprechen, Schulnoten im Gesetz verankern, Schulhäuser bauen, Lehrmittel raushauen, Stundenpläne produzieren, Pubertierende morgens um 7:30 Uhr in die Schule jagen, Smartphones verbieten, die KI sanktionieren wollen 🤪 – diese Menschen haben sich dafür entschieden, die Welt, ihre Entwicklungen und die Technologien nicht verstehen zu wollen, sie weigern sich, auch nur eine Vorstellung davon zu entwickeln, was da eigentlich gerade draussen in dieser Welt passiert.

Und denen überlassen wir die Verantwortung über die Zukunft der Kinder – und die Kinder selbst.

Jesper Juul, Gerald Hüther, Montessori, humanistische Psychologie, Karl Rogers, Psychoanalyse, Systemtheorie, Konstruktivismus, Neurobiologie, Remo Largos Langzeitstudien – all diese und zahllose andere Denker:innen und Erkenntnisse finden bis heute keinen angemessenen Zugang in Schul- und Bildungsentwicklung, denn „man muss ja unterrichten“.

Die dramatischen Entwicklungen, die unser individuelles, unser ökonomisches und gesellschaftliches Leben im Moment und in den nächsten Jahren auf den Kopf stellen, die den Planeten und seine Bewohner:innen mit grossen und neuartigen Herausforderungen konfrontieren: das alles hat keinen Platz in Schul- und Bildungsentwicklung, denn dort muss ja unterrichtet werden.

Getaktet nach Stundenplänen, orientiert an nach wie vor inhaltlich interpretierten Bildungsplänen, nach Jahrgängen und Fächern getrennt, fremdbestimmt von der ersten bis zur letzten Minute.

Bereit.

Als ob es all die Herausforderungen, Erkenntnisse und Lösungen (!) nicht geben würde, werden Kinder so früh wie möglich in Klassenzimmer gesteckt, in diese Käfige und Reservate, um sie zu beschulen und zu benoten, und um ihr Lernen zu linearisieren.

  • Defizitorientiert und in der Bewertung ausschliesslich auf das Individuum ausgerichtet statt kollaborativ
  • direktiv statt kreativ
  • mit einem völlig sinnbefreiten Leistungsfetisch
  • an Fächern statt an Interessen und Themen entlang
  • inhalts- statt prozessorientiert.

Das ist die Realität von Schule im Jahr 2024. Mit ihr verstärken wir soziale Ungleichheit und töten Kreativität. Wir unterbinden systematisch Kollaboration und Diversität, wir regulieren Kommunikation total und kritisches Denken findet seine Grenze dort, wo es eine Sprache sucht.

Schule ist Religion 2.0

(Dieser Text ist nicht mit Unterstützung von KI erstellt. Die Bilder schon.)