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„Nicht so limitiert sein im Kopf“

So lautet ein Fazit des Start Up Gründers Nils Reichardt, den Rona van der Zander in ihrem Podcast interviewt hat zu seinen Erfahrungen an den Schnittstellen von Schule und allem, was es sonst noch gibt im Leben. Im Gespräch kommt zum Ausdruck, warum es da einen krassen Unterschied gibt – und was es statt Schule eigentlich braucht, um zukunftsfähig zu werden als junger Mensch. Selten habe ich eine so klare Analyse gehört, wie hier von einem Vertreter jener Generation, die für die Zukunft steht. Hellwach, unaufgeregt, kompetent.

Nils ist 17 Jahre alt und erfolgreicher Gründer. Bei „Start Up Teens“ haben er und sein Team mit der Schulapp „Sharezone“ gewonnen – die App ist seit kurzem in der Open-Beta mit bereits +1.200 registrierten Nutzern. Im Podcast geht es um die Frage, vor welchen Herausforderungen junge Gründer stehen und woher sie sich die erforderlichen Fähigkeiten für ihr Start Up geholt haben.

Wir haben ein Problem. Wir lösen es.

Alles beginnt damit, dass ein paar Leute vor einem Problem stehen, das sie nervt, und sie tun alles, um möglichst rasch für dieses konkrete Problem eine Lösung zu finden. Ich würde meinen, das ist „Entrepreneurship from scatch“.

Zu diesem Zweck bringen sie sich jetzt all das bei, was sie brauchen – und zwar selber und in Windeseile. Erwähnenswert: außerhalb der Schule, und also für viele noch immer „in Konkurrenz“ zu dem, was in diesem Alter für sie wichtig sein sollte („Mach einen guten Abschluss, Kind!“). Dieses Argument hören wir ja seit den FridaysForFuture wieder alle Nase lang.

Die Gründer sehen sich also damit konfrontiert,  dass sie auch Lösungen für jene Probleme entwickeln müssen, die bei der Lösung des Problems erst auftauchen: Konfligierende Zeitbudgets und unterschiedlichen Systeme unter einen Hut zu bringen, die so gut wie nichts gemeinsam haben: Hier das Mindset Schule, dort die Dynamik der Start Up Welt. Konkret erläutert Reichardt diese Herausforderung am Beispiel des Datenschutzes – der ist ja bekanntlich die Innovations-Guillotine des gesamten Bildungssystems.

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Wie unterstützt Schule bei so einem Projekt?

Unterstützung kommt offenbar nicht so sehr von der Schule als aus der start-up-Ecke – und auch nur dann, wenn sich die Initianten konsequent selber darum bemühen, und zwar in ihrer „Freizeit“ – obwohl sie ein Berufskolleg besuchen mit dem Schwerpunkt Mathematik und Informatik. Nach Aussage von Nils Reichardt bestand die Unterstützung des Lehrkörpers vor allem darin, sie auf die Probleme hinzuweisen, die mit einer solchen App aus Sicht der Lehrerschaft verbunden sind. Was tun die Gründer? Sie bauen diese Informationen geschickt in ihr Projekt ein, indem sie aus ihren Lehrern kurzerhand Kunden machen, die sie in den Entwicklungsprozess einbeziehen – wie im richtigen Start Up Leben auch.

Was lernt ihr eigentlich bei so einem Projekt?

Die Aufzählung klingt vielfältig und so gar nicht einseitig: Ideen präsentieren können, netzwerken, sich auf entsprechenden Events umsehen und umhören, sprich: sich informieren, mit Experten ins Gespräch kommen, Projekte planen, Programmieren, sich Wissen im Internet besorgen, online-Kurse belegen. Nils Reichardt empfiehlt hierzu ganz konkret das Angebot des Hasso Plattner Insituts und das von udemy.

Diese vom Fachjargon zu den „Kernkompetenzen des 21. Jahrhunderts“ gezählten Fähigkeiten bringen sie sich also nicht nur außerhalb der Schule in ihrer „Freizeit“ selber bei. Sie lernen es nach eigenen Aussagen auch viel schneller als im regulären Schulbetrieb, weil sie es unmittelbar und konkret anwenden können und deshalb auch (oder erst) einen Sinn hinter dem sehen, was sie lernen müssen, um so ein Projekt erfolgreich zu machen. In der Schule hingegen sei „sehr oft nicht klar, warum man Sachen lernt“, so Reichardt im Gespräch.

Aber Schule macht doch auch Gruppenarbeiten?

Auch hier winkt Reichardt ab: Die Art von Gruppenarbeiten in der Schule hätten nichts mit dem zu tun, was du in einer Gruppe tust, wenn du ein solches Projekt durchziehen willst. Das sei etwas komplett anderes – und auf einer ganz anderen Ebene.
Wichtig für das reale Projekt sei, dass man professionell kommunizieren kann, z.B. im Bildschirmfoto 2019-04-24 um 14.42.29Kontext der Aufgabenverteilung: dass der andere genau weiß, was gemeint ist – und das hat bei uns „in der Schule nicht so sehr eine Bedeutung“. Dort hätten Gruppenarbeiten eher eine Alibi-Funktion, und du wirst vom Lehrer in eine Gruppe gesteckt, „damit du jetzt halt mal Gruppenarbeit machst“. Wenn ich hingegen erfolgreich ein Produkt entwickeln und zur Marktreife bringen will, komme es vor allem darauf an, sich in den Kompetenzen gegenseitig zu ergänzen und auf diesen Kompetenzen aufzubauen. So komme man auch viel schneller voran.

Statt eine Traumschule zu entwickeln ist lebenslang lernen angesagt

Von Rona befragt, wie für ihn eine ideale Schule aussehen würde, antwortet Reichardt: Viel wichtiger sei – noch vor der Frage, wie sich Schulen und Hochschulen verändern müssten, dass der Mensch sich und seine Denkweise verändert und erkennt, dass das lebenslange Lernen entscheidend ist. Gerade jetzt, wo sich alles exponenziell entwickelt. Es komme jetzt und in Zukunft darauf an, extrem viel in kurzer Zeit zu lernen. Gemeint ist damit aber offenbar nicht der Bulimie-Modus, in dem das gymnasiale Bildungssystem bis heute funktioniert. Vielmehr geht Reichardt davon aus, dass die Entwicklungen der realen Welt eine hohe Agilität und Anpassungsfähigkeit von uns verlangen – also nicht die Fähigkeit, in kurzer Zeit viel Wissen runter zu würgen, um es bei Tests unverdaut wieder auszukotzen (wie ich das formuliere). Für Reichardt haben viele noch immer das falsche Mindset im Kopf: „Ohje, ich muss schon wieder was Neues lernen.“, statt: „Oh cool, ich kann wieder was Neues lernen.“

„Nicht so limitiert sein im Kopf“

So lautet Reichardts Appell. Auch mal nach links und rechts schauen, kucken, was bei anderen los ist. Als Lehrer nicht einfach straight den eigenen Unterricht durchziehen für die nächsten 20 Jahre – was ja auf alle anderen Bereiche/Berufe übertragen werden könne.

Es klingt einfach. Und doch scheint es zum Schwersten überhaupt zu gehören, die Limits im eigenen Kopf hinter sich zu lassen. Diese Mantras, mit denen Schule ihren Kopf aus der Schlinge zieht. Die Refrains, die wir zur Genüge kennen: „Wir müssen alle mitnehmen.“, oder: „Das hier sind die großen Ausnahmen.“ Umso mehr war ich froh, in einem Gespräch mit Rona van der Zander und Aileen Moeck wieder einmal zu hören, dass es eigentlich nicht die Schüler’innen sind, an denen Projekte scheitern, und auch nicht die Schüler’innen, die an Projekten scheitern. Sehr viele junge Menschen scheitern an den Vorstellungen derer, die ihnen etwas zutrauen – und viel zu oft eben nichts. Es fällt noch immer sehr vielen Lehrenden und Erziehenden ungemein schwer zu akzeptieren, dass die krasse Mehrheit junger Menschen ihnen in ganz Vielem voraus ist. Vielleicht wird nur schon diese Möglichkeit als Kränkung der eigenen beruflichen oder elterlichen Identität erlebt. Hören Sie rein in das Interview, es lohnt sich:

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Es gibt keine richtige Berufswahl mehr, sondern nur ein richtiges Mindset. Also bilden wir es!

In einem Gastbeitrag für die Wirtschaftswoche beschreibt Sebastian Dettmers das Mindset und die Fähigkeiten, mit denen junge Menschen zukunftsfähig werden. Er adressiert aus guten Gründen nicht das Bildungssystem, sondern direkt die jungen Leute. Ein genialer Schachzug. Wie wir junge Menschen dabei unterstützen? Wir machen Kräfte und Ressourcen frei, um endlich entsprechende Lern- und Erfahrungsräume zu vermehren: Colearing-Spaces und Learning Communities, die dicht vernetzt sind mit der Kultur des neuen Arbeitens rund um den Globus.

In einem Gastbeitrag für die Wirtschaftswoche beschreibt Sebastian Dettmers das Mindset und die Fähigkeiten, mit denen junge Menschen zukunftsfähig werden. Er adressiert aus guten Gründen nicht das Bildungssystem, sondern direkt die jungen Leute. Ein genialer Schachzug. Wie wir junge Menschen dabei unterstützen? Wir machen Kräfte und Ressourcen frei, um endlich entsprechende Lern- und Erfahrungsräume zu vermehren: Colearing-Spaces und Learning Communities, die dicht vernetzt sind mit der Kultur des neuen Arbeitens rund um den Globus.

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Foto: Gerd Altmann • Freiburg/Deutschland via pixabay

Statt in den Refrain einzustimmen, wie sicherheitsbedürftig und schülerhaft die junge Generation doch sei, fordert Dettmers den jungen Menschen zu einem Shift seines/ihres Mindsets auf: Glaube nicht mehr jenen Leuten, die dir erzählen, dass du mit denselben Tugenden erfolgreich und glücklich durchs Leben kommst, wie anno dazumal. Dieser Einladung zum Kurswechsel kommt entgegen, was das WEF bereits klar umrissen hat: Der Bedarf an jenen Skills und Aufgaben, auf die wir Alten die nachfolgende Generation nach wie vor trimmen, nimmt konsequent ab:

  • Manuelle Geschicklichkeit, Ausdauer, Präzision.
  • Gedächtnis, verbale, visuelle, auditive und räumliche Fähigkeiten.
  • Lesen, Schreiben, Rechnen und aktives Zuhören.
  • Verwaltung der finanziellen und materiellen Ressourcen.
  • Installation und Wartung von Technologie.
  • Personalmanagement.
  • Qualitätskontrolle und Sicherheitsbewusstsein.
  • Koordination und Zeitmanagement.
  • Technologieeinsatz, -überwachung und -steuerung.

Bildschirmfoto 2019-04-13 um 13.03.04 KopieLeuten mit der alten Brille auf der Nase fällt dazu – neben einem gerüttelt Maß an Empörung über den Untergang des Abendlandes – wenig anderes ein als der Satz „Diese jungen Leute können ja heute nicht mal …“ – an dessen Ende sie dann jene Fähigkeiten aufzählen, für die sie in ihrer eigenen Ausbildung jahrelang gepiesackt wurden, respektive für die sie das alte System belohnt hat. Deshalb können sie gar nicht sehen, dass es heute und morgen um völlig andere Kompetenzen geht. Die bringt jetzt Dettmers ins Spiel.

Die neuen Skills und Haltungen

  • Lernt, Probleme zu lösen und mit Veränderungen umzugehen.
  • Bleibt offen für neue Wege, seid kreativ und kommunikationsstark.
  • Beweist im Rahmen einer durchaus fundierten Ausbildung, dass ihr euch in spezielle Themen einarbeiten könnt. Fixiert euch aber nicht darauf.
  • Investiert fortlaufend – auch nach Lehre oder Studium – in euch selbst, vor allem in eure Persönlichkeit.
  • Viel wichtiger als das Fachgebiet an sich ist: Neugier für Verbesserungspotenziale zu zeigen und diese auch beizubehalten.
  • Die Arbeit und ihren Nutzen für das Unternehmen aus der Vogelperspektive analysieren.
  • Den Mut aufbringen, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen.

„Denn es gibt heute keine richtige Berufswahl mehr, sondern nur noch ein richtiges Mindset“ – hält Dettmers abschließend fest. Seinen Beitrag in der Wirtschaftswoche finden Sie hier.

Das Händeringen hat längst begonnen

Immer mehr Konzerne, Berufsverbände und Unternehmen sehen sich vor die Aufgabe gestellt, durch interne Angebote bei ihren Arbeitskräften diese Fähigkeiten zu wecken, weil Schulen und Hochschulen das nicht tun. Etliche Unternehmer sagen mir ganz ungeschminkt: Nicht die jungen Leute sind das Problem, sondern die Schulen, die mit veralteten Ausbildungsstandards unterwegs sind. Mit Menschenbildern und Vorstellungen von Lernen, die indiskutabel sind. Deshalb suchen immer mehr ökonomische Player händeringend nach Alternativen, denn es geht um ihr wirtschaftliches Überleben. Was wir im Moment noch nicht realisieren, ist dies:

Die „New Work“, von der jetzt alle sprechen, und die ja bereits überall Einzug hält, setzt „New Learning“ voraus. Das ist die Erkenntnis der Stunde.

Deshalb brauchen wir jetzt Investor’innen, die die Zeichen der Zeit erkennen und mutig Ressourcen investieren in das Design neuartiger Lernräume. In die Entwicklung von Ateliers, Colearning-Spaces, Academies. Dabei vertrauen wir nicht länger auf das Mindset des alten Bildungssystems und seiner politischen Dinosaurier – das funktioniert ja schon in der unseligen Klimadebatte nicht, sondern wir identifizieren und fördern mit aller Kraft das neue Mindset und vernetzen es, was das Zeug hält. Dieser spannenden Aufgabe haben sich Bildungsdesigner, wie ich einer bin, verschrieben.

Komplexität & Digitale Transformation: Wie stemmen wir das? Ein Workshop & ein Barcamp

Wie bereiten wir uns, unsere Mitarbeitenden und die betrieblichen Abläufe auf die komplexen Herausforderungen der Digitalen Arbeits- und Businesswelt vor? Wie befähigen wir uns als Menschen und als Organisation? Wie bleiben oder werden wir entscheidungsfähig angesichts der Menge und Komplexität der Daten und Informationen? Das waren die Themen bei meinem Workshop für die Teilnehmer’innen im CAS „Strategisches Projektmanagement im Bauwesen“ an der Hochschule Luzern.

Zappa GeistAm Anfang steht für mich (immer) die Einladung, kollaborative Tools der Zusammenarbeit „hands on“ und konkret im Seminar zu erleben, indem wir damit arbeiten. Dieses Mal vor allem mit Slack und mit dem Google Drive. Die Teilnehmenden erleben 1 zu 1 die Vorteile der digitalen Tools: den Austausch von Wissen, Fragen, Erfahrungen – das synchrone Erarbeiten von Lösungen, den Zugriff auf alle relevanten Informationen und die Möglichkeiten, alles jederzeit zu bearbeiten und zu teilen.

Komplexität als alltägliches Business-Phänomen in den Griff bekommen

Zwei ExpertInnen zu „Komplexität und dem Umgang damit“, kommen während des Workshops per Video ins Spiel: Peter Kruse und Friederike Müller-Friemauth. Über das snychrone Erstellen eines Dokuments im Google Drive erarbeiten sich die Teilnehmenden einen Zugang zur „komplexen Thematik der Komplexität“ – zusammen mit mir als Seminarleiter. In diesen Prozess der gemeinsamen und jederzeit für alle sichtbaren und beeinflussbaren Konstruktion von Wissen entstehen nach und nach Einsichten und Lösungsansätze – bereits während des Seminars.

Statt mit „Case Studies“ zu arbeiten, sprich aus Vergangenem für die Gegenwart zu lernen, üben wir, aus der komplexen Gegenwart heraus zukunftsfähig zu werden. Mit den Worten von John Seely Brown: „In a world of constantly changing contexts, best practices don’t travel very well.“ Die Teilnehmenden machen ihre eigene Arbeits- und Lernwelt zum Ausgangs- und Zielpunkt der Prozesse, was ja auch sinnvoll ist, weil es ihre eigenen Herausforderungen sind, die sie zu bewältigen haben. Übrigens können bei diesem Vorgehen jederzeit weitere ExpertInnen quasi „life“ und von überall her digital zum Prozess zugeschaltet werden: Mitarbeitende, die wichtige Beiträge leisten können, auch wenn sie gerade nicht am Seminar teilnehmen sondern „im Dienst“ sind. Es können auch ganze Seminargruppen (z.B. aus anderen oder parallelen Studiengängen) phasenweise in einen „digitalen Diskussionsraum“ eingeladen werden bzw. in die Entwicklung eines Dokuments auf Google Drive eingeladen werden. Im Handumdrehen.

Das mittlerweile sattsam bekannte VUCA Phänomen (siehe Grafik unten) kann so nach und nach auf konkrete Arbeits- und Lern-Situationen hin heruntergebrochen und mit ganz viel wertvollem Erfahrungswissen vernetzt werden. Die Teilnehmenden verknüpfen ihre Erfahrungen aus ihrem betrieblichen Alltag gegenseitig und mit dem theoretischen Modell:

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Ein „Neues Lernen“ soll Einzug halten in die betriebliche Welt. Welche Fragen haben wir an diese Prozesse?

Was wir wissen wollen
Die Fragen der Teilnehmenden zum „Lernen im Digital Age“ sind zahlreich und fundamental.

Wo fangen wir an, wenn wir uns selbst, wenn wir Mitarbeitende und die Organisation befähigen wollen im wertschöpfenden Umgang mit Komplexität? Stellt das Internet mit seinen unendlichen Möglichkeiten womöglich alles auf den Kopf, was wir bisher über das Lernen gelernt haben? Wie lernen wir, uns in dieser Komplexität auszukennen und sie nutzbar zu machen?

Mein Vorschlag an die Kursteilnehmenden war: Lassen Sie uns bei uns selbst anfangen und bei der Frage, in welchen Situationen wir „Lernen“ positiv erlebt haben:

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Die Ergebnisse dieser biografisch ausgerichteten Reflexionsphase sind beeindruckend. Gefragt, welche typischen Eigenschaften das gute und nachhaltige Lernen begleiten, kamen diese Charakteristika zusammen:

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Wenn wir also im Rahmen der betrieblichen Weiterbildung und des Learning & Development Menschen gewinnen möchten, sich proaktiv auf die Achterbahnfahrt einer sich digitalisierenden Ökonomie einzulassen, wenn wir Fahrt aufnehmen wollen in Richtung digitaler Kompetenz, dann zeigen die Begriffe oben ganz klar, von welcher Qualität diese Prozesse in Zukunft sein müssen.

Besonders wirkungsvoll und nachhaltig erweisen sich dafür Konzepte des Social WoBildschirmfoto 2019-04-11 um 14.54.59rkplace Learning. Deshalb habe ich den Teilnehmenden einen Einblick in die Corporate Learning Comunity gegeben, die im deutschsprachigen Raum die heißen Eisen und Themen der „New Work“ aufgreift und in einer neuen Kultur der Kollaboration über Unternehmens- und Ländergrenzen hinweg konsequent weiter entwickelt. Wer die Aktivitäten dieser Community in den Sozialen Netzwerken aufmerksam verfolgt, bekommt eine Ahnung von der positiven Kraft und von der Nachhaltigkeit echter Kollaboration. Ganz aktuell bietet Simon Dückert am 12. April 2019 einen Sprint zu einem sehr interessantes Toolset für selbstgesteuertes Lernen (genannt LernOS) an, das sich für betriebliche Umgebungen sehr gut eignet.

Und wie umschreiben wir jene Digitale Kompetenz, um die es dabei geht?

Da könnten wir jetzt einzelne Fähigkeiten („Skills“)  aufzählen, die es braucht, um die ganze Palette der Digitalen Lern- und Arbeitswelt abzudecken. Ich bevorzuge einen anderen Weg und entscheide mich für fünf Kompetenzen, die in der Lage sind, einzelne Fähigkeiten zu bündeln und an eine Haltung zu binden, wie das folgende Chart zeigt:

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Wenn ich mich der gewaltigen Herausforderung einer Digitalen Lern- und Arbeitswelt auf diese Weise nähere, wird schnell klar, dass wir als Menschen und Organisationen in erster Linie neue Haltungen entwickeln werden. Das technische Knowhow ist dann schnell erworben. Unsere Lern- und Arbeitsumgebungen werden sich so radikal verändern, dass wir sie nur mit einem neuen Mindset wirklich begreifen und uns adäquat in ihnen bewegen können.

Wie solche Prozesse in einer neuen Kultur durchgeführt werden können, das ist eines der Ziele jener kollaborativen Communities die sich im Moment immer stärker vernetzen, wie z.B. auch in der Working Loud Community.

Wenn Sie sich für solche neuen Formen des Lernens und der Vernetzung interessieren, wenn Sie diese neue Kultur life miterleben und mitgestalten möchten, dann sind Sie ganz herzlich eingeladen zu unserem Barcamp #Initiate19 am 7. Juni 2019 im Tram Museum in Zürich, wo wir einen Tag lang gemeinsam an Wegen für mehr Partizipation in Meetings, Trainings und Konferenzen arbeiten. Hands on.

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Hier können Sie sich anmelden

und

hier erfahren Sie wie ein Barcamp funktioniert.

Hungrig machen statt satt: Aufgaben einer Schule der Zukunft

Was würdest du auf eine einsame Insel mitnehmen? Das ist eine beliebte Frage um rauszufinden, was einem wirklich wichtig ist im Leben.

In unserer Kultur ist die einsame Insel eine Mischung aus Sehnsuchtsziel und einem Ort, an den ich angespült werde. Eine Mischung aus „letzte Rettung“ und Refugium. Wir wünschen uns zwar manchmal hin, aber die dort sind, wollen genauso dringend wieder weg. Eine Weile kann ich es da aushalten, aber irgendwann reicht’s. Wir sind nicht für die Insel gemacht.

Erst recht nicht der oder die Schiffbrüchige: Er oder sie hat sich diese Insel nicht ausgesucht. Sie war seine oder ihre Rettung. Davon erzählt der Kinofilm „Cast Away“ mit Tom Hanks.

Nach einem Flugzeugabsturz längst für tot erklärt, überlebt er fünf Jahre auf einer Insel, bis es ihm eines Tages bei gutem Wind gelingt, mit einem selbstgebauten Floß in See zu stechen. Diese Filmszene ist eine wunderbare Metapher für die Situation, in der wir alle gerade stecken. Was meine ich damit?

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© 2019 Universal Pictures International Switzerland

Klimawandel als Bedrohung unserer Gewohnheiten

Zum Beispiel den Klimawandel. Der ist eindeutig. Er droht nicht nur, er existiert. Er zerstört Leben und Lebensgrundlagen. Er lässt aussterben. Er macht das Leben von immer mehr Menschen zu einer Frage des reinen Überlebens, vor allem das der kommenden Generationen. Wir müssen ganz dringend aktiv werden, was uns aber nicht gelingt, weil dieser Klimawandel im Moment vor allem unsere Gewohnheiten bedroht, unser gewohntes Leben. Wir erleben ihn hierzulande nicht als die Gefahr, die er ist, sondern als einen Angriff auf unsere Lebensweise. Wir ziehen uns auf unsere Insel zurück und hoffen, dass der Kelch an uns vorüber geht. 

Je stärker ich mich an ein „Normal“ gewöhnt habe, umso schwerer fällt es mir loszulassen und mich neu auf den Weg zu machen. Bildlich gesprochen: In See zu stechen. Vor allem, wenn ich so gut wie alles zurücklassen muss („im Kopf“), wenn der Weg selber gefährlich ist und die Zukunft völlig offen. Wer macht so etwas freiwillig? Vor allem dann, wenn sich der Klimawandel eigentlich gar nicht so dramatisch anfühlt – hier im Zentrum Europas. Aber es ist die Situation, in der wir gerade stecken. Als Land, als Kontinent, als Planet.

Noch ein Monster: Die Digitalisierung

Neben dem Klimawandel gibt es etwas, das deutlich mehr Menschen als Bedrohung erleben: Die Digitalisierung. Als ob die Hiobsbotschaften der Klimaforscher und der streikenden Kinder und Jugendlichen nicht schon verwirrend genug wären, wird uns prognostiziert, dass die Digitalisierung unsere Lebens- Arbeitswelten radikal verändert. Auch hier stehen die meisten unserer Gewohnheiten zur Disposition. Viele Jobs und Berufe werden tatsächlich wegfallen bzw. sich von Grund auf verändern. Ganz neue Berufe werden entstehen. Viele traditionelle Arbeitsverhältnisse fallen nach und nach weg oder werden in die Schwellenländer verlagert. Die Mittelschicht schrumpft seit Jahren, die KMU-Welt steht unter Druck. Ganze Branchen brechen ein. Neue entstehen, die nichts mehr mit dem zu tun haben, was wir gewohnt sind.

Mit dem, was wir gelernt haben, was wir wissen und können, sind wir immer weniger zukunftsfähig. Metaphorisch gesprochen müssten wir längst in See stechen.

Wir haben auf die meisten Herausforderungen, vor denen wir jetzt gerade stehen, keine Antworten oder Lösungen. Wir haben einfach die sichere Erkenntnis, das es nicht mehr so weitergeht, wie bisher, wenn es nicht noch schlimmer werden soll. Sei es jetzt in Sachen Klima, oder in Sachen Arbeit und Wohlstand.

Metaphorisch gesprochen müssen wir diese Insel verlassen, auf der wir es uns eingerichtet haben. Der Verunsicherung ins Gesicht sehen und loslassen, was uns bisher Sicherheit gegeben hat, und woran wir uns gewöhnt haben. In See stechen. Ohne zu wissen, wo wir ankommen und wie. Diese Ungewissheit ist das Erbe unserer Generation an die nächste.

Wie & wo bereitet sich die kommende Generation  darauf vor?

Eigentlich durch Schule. Über ein Jahrhundert lang hat Schule junge Menschen auf ein ökonomisches Erfolgsmodell vorbereitet, das jetzt zu Ende geht. Und damit gehen auch unsere Vorstellungen davon zu Ende, was Schule zu tun hat und was nicht. Jetzt muss Schule junge Menschen nicht nur auf etwas anderes vorbereiten. Sie muss sie auch anders vorbereiten als bisher. Mit der Art und Weise, wie wir bis heute Schule machen, bereiten wir weder uns noch unsere Kinder auf das vor, was uns erwartet. Soviel steht fest.

Ein schlechte Nachricht ist das aber nur für die, die ums Verrecken festhalten wollen an dem, womit sie selber groß geworden sind; für jene, die sich der Erkenntnis verschließen, dass wir Bildung und Lernen neu erfinden müssen. Denn die gute Nachricht ist: Nirgendwo können wir den Hebel effektiver ansetzen, als in Bildung und Erziehung. Das ist unser Floß. Die einzig aussichtsreiche Möglichkeit, die wir im Moment haben, um mit den großen Herausforderungen klar zu kommen, ist die, dass wir Schule und Lernen von Grund auf neu erfinden.

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© 2019 Universal Pictures International Switzerland

Schule darf uns nicht länger – metaphorisch gesprochen – darauf vorbereiten, wie wir möglichst gut „so weitermachen“, sprich: die Insel bewirtschaften. Das war in der Vergangenheit ja die Aufgabe von Schule. Jetzt hat sie eine andere. Und das ist bisher den wenigsten wirklich klar.

Jetzt müssen wir lernen, dass und wie wir von dieser Insel runterkommen. Und zwar zuerst im Kopf. „In See stechen“ ist das zentrale Bildungs- und Lernziel der Stunde. Da geht es um eine ganz neue Haltung, und es geht um ein paar Fähigkeiten, die Schule bis heute sträflich vernachlässigt.

Die „Fridays for Future“ machen uns das schon länger vor. Da sind junge Leute, die ihre Zukunft selber in die Hand nehmen, die das eigene Hirn nutzen um diejenigen kritisch zu hinterfragen, die uns an die Schulpflicht erinnern wollen, um ihre eigenen Gewohnheiten zu retten.

Kinder & Jugendliche brauchen ein ganz neues Lernen und eine völlig neue Schule. Eine, in der sie nicht mehr belehrt werden, nicht vollgestopft und satt gemacht, sondern eine Schule, die sie hungrig macht und neugierig auf völlig neue Pfade und Wege. Eine Schule, die den Mut und die Neugier fördert, die jeder junge Mensch mit auf die Welt bringt. Eine Schule, die nicht mehr länger nach Antworten fragt, sondern mit Fragen antwortet. Eine Schule, die das Lernen nicht mehr länger vom Lehren aus betrachtet, sondern als Selbstermächtigung versteht. Lernen als die Fähigkeit, die jeder Mensch hat, um sich die Welt zu erschließen.

Hier gibt’s das Ganze auch als TEDx Talk von mir:

Nur zur Sicherheit: Es gibt sie gar nicht.

Sicherheit sei ein wichtiges Bedürfnis, sagen wir uns pausenlos. Ist sie aber nicht. Auch befriedigt sie kein Bedürfnis. Sicherheit hält lediglich in Schach. Eher würde ich von Verlustangst sprechen, zuvörderst vor dem Verlust der Kontrolle. Wir fischen hier im Innerpsychischen, und zwar nach unserem Umgang mit Instabilem und Unwägbarem, das wir mit Fetischen zu kompensieren versuchen, wie Erich Fromm beschrieben hat – durch Religion, Konsum, Autorität, Kontrolle.

Die Wortgeschichte zeigt, worum es eigentlich geht: Das lateinische „securitas“ (sinnigerweise der Name einer schweizweit sehr erfolgreichen, privaten Überwachungsfirma) geht auf „securus“ für sorglos zurück. Heute wird das interpretiert als „frei von unvertretbaren Risiken und Gefahren“. Soweit so wikipedia.

Unsere einzige Sorge: Die Sorglosigkeit

Microsoft Word - Grillfete.docxDer Widerspruch, der unsere Wahrnehmung in Sachen Sicherheit belagert, ist das Leugnen der (Erfahrungs-)Tatsache, dass Sicherheit ein definitiv und brutal vorläufiger Zustand ist. Und ein extrem öder dazu. Metaphorisch: Wir sind nur solange in Sicherheit, wie der Löwe satt ist. Oder wenn er ausgestorben ist. Da arbeiten wir ja dran.

Wir erheben die Sorglosigkeit zur größten Sorge. Wir sind ständig darum besorgt, keine haben zu müssen. Das ist pervers. Es hält pausenlos vom Leben ab. Es macht das Leben selbst zum Risiko, statt anzuerkennen, dass das Leben eben auch aus Risiken besteht. Und damit sind nicht die selbst gemachten gemeint. Wie Sex ohne Gummi, Skifahren abseits der Piste oder zu spät zur Arbeit kommen. Schon eher gemeint sind nicht zu zähmende Phänomene wie Unvorhersehbarkeit und Emergenz.

Ein Nächstes: Durch unser maßlos übersteigertes Bedürfnis nach Absicherung erkaufen wir uns eine Form von merkwürdiger Ereignislosigkeit (alles, was passiert, geschieht geplant) und Kontrollillusion. Wenn sich dann flüchtende Menschen auf den Weg zu uns machen, oder wenn sich Schüler’innen regelwidrig auf die Strasse schicken, um für ihr Recht auf Zukunft zu kämpfen, dann ticken wir aus. Wir erschaffen und erhalten ein ausgeklügeltes System von Sicherheiten, das eine Hermetik erreicht hat, die uns von dem abschneidet, was Leben ursprünglich ist: Exploring & Discovering. Neue Möglichkeiten, neue Begegnungen, neue Wege, neue Lösungen.

Zu diesem Zweck erklären wir die Phänomene des realen Lebens (Risiko, Scheitern, Misslingen, abgewiesen werden, neu anfangen, Loslassen, Sterben) zu Symptomen und verlagern sie in mediale Inszenierungen. Das Risiko findet in Geschichten statt, die wir uns erzählen lassen, um uns zu gruseln, abzuschrecken und bei Laune zu halten. Die exportierten Nebenwirkungen dieser Inszenierungskultur von Freiheit, Wohlstand und Sicherheit, die sich nichts mehr traut und keine wirkliche Verantwortung kennt, fallen im Moment brutal auf uns selbst zurück: durch politische Insolvenz, durch palliative Didaktik, durch globale Migration, durch das Versiegen von Ressourcen, durch aussterbende Tier- und Pflanzenarten, durch die Klimakatastrophe u.v.m.

Der Fetisch des Störungsfreien

„Störungsfreiheit“ ist ein aus dem Technologischen entliehenes Synonym für Sicherheit, das unsere Lebenswelt komplett durchdrungen hat. Allein sie soll noch erreicht werden: verkehrs- und datentechnisch, versorgungstechnisch, medizinisch, bei Organisationsabläufen u.v.m. Die Ironie dabei: Je mehr wir uns auf das Störungsfreie fokussieren, umso weiter rückt es in die Ferne. Flugzeuge stürzen zwar kaum noch ab, sie haben sich aber zu einem wichtigen Teil der (Ver- und Zer-)Störung zahlloser Systeme des Planeten gemausert. Natürlich wünschen wir uns sichere, störungsfreie Flugzeuge. Flugzeuge, die abstürzen, töten Passagiere. Doch Flugzeuge, die nicht abstürzen, töten den Planeten. Welches Element würden Sie also aus dieser „Gleichung“ heraus kürzen um das Töten zu stoppen?

Der hohe Preis der Sicherheit: Konformismus und Vergleichgültigung

Toaster EastwoodIm Sozialen ist es der Zwang zu konformem Verhalten, das unsere Gesellschaften durch normative Vergleichgültigung an den Rand der Implosion bringt. Das Narrativ dazu: „Scheißegal, wie es dem Anderen so geht – dafür ist jeder selber zuständig, und darüber hinaus gibt es Krankenhäuser, Sozialämter, Versicherungen, Gerichte und Gefängnisse.“ Zuständig für anderes sind immer Andere. Auch das gehört zum Fetisch der Störungsfreiheit. Anders soll es gefälligst nur Anderswo gehen. Individualität und Verschiedenheit sind komplett zu einer Sache des Konsums geworden. Vielfalt ist auf die unbedingte und rücksichtslose Vielfalt eines Angebots reduziert: Leben als (Um-)Buchen.

Selbst was der Künstlichen Intelligenz unterstellt wird, nämlich die lückenlose Kontrolle unserer Lebensvollzüge, ist lediglich eine technologisch möglich gewordene Übersteig(er)ung einer längst üblichen kulturellen Perversion: Sicherheit durch Kontrolle. Ein guter Film dazu: Das Leben der Anderen. Die Angst vor Künstlicher Intelligenz richtet sich also nicht gegen mehr Kontrolle, sondern auf den Verlust der Kontrolle über die Kontrolle.

Der Lohn der Sicherheit: Hauptsache Arbeit

256E8492-B47E-4538-8A40-8FD4A8EE67FBUm diesen „Teufelskreis der Sicherheiten“ am Laufen zu halten, gibt es ein ausgeklügeltes System der Be-lohn-ung: Saläre, Karrieren, Renten, Pensionen, Boni, Renditen, Gehaltserhöhungen. Die erniedrigendste Auswirkung aller Sicherheitssimulationen ist in diesem Teil der Welt die, dass wir uns als Arbeitssklaven halten lassen – zynischer Weise auch dann, wenn wir keine haben. Wir tun und unterlassen alles, um nicht aus jener materiellen Absicherung zu fallen, durch deren Aufrechterhalten wir zugleich der Mehrheit der planetaren Mitbewohner’innen ein Minimum an Lebensqualität verunmöglichen.

Wir sind so fest und tief in dieses System der Ausbeutung verstrickt, dass wir jeden Vorschlag, es auszuhebeln, wie die Sau durchs Dorf jagen: „Bedingungsloses Grundeinkommen? Nur was für faule Säcke“ (anders: Rudger Bregman). Wir ergehen uns in Gleichgültigkeit, Ignoranz und nicht selten Hass gegenüber allem, was diesen Status Quo, der ja mittlerweile fast nur noch aus seinen Nebenwirkungen besteht, ins Wanken bringen könnte, und wir nennen es unser Sicherheitsbedürfnis.

Teilen als Risiko und Ursprung einer neuen Wirklichkeit

Was wir verloren haben (vielleicht nie wirklich hatten), ist das Vertrauen in die Möglichkeiten des Menschen und des Menschseins. Vor allem hier sehen wir vor allem Risiken. Darum sichern wir uns ab. Völlig wurscht, ob es sich um flüchtende Menschen handelt, um Schüler’innen, die wegen des Erhalts ihrer Lebensgrundlagen auf die Straße gehen, oder um irgendein Mitglied irgendeiner Gegenpartei. Sie alle sind einzudämmende Sorglosigkeitsrisiken.

längere tischeWeil wir dieses Vertrauen nicht haben, können wir nicht teilen. Auch nicht unter- oder miteinander. Wir verteilen, teilen zu, aus und mit – kontrolliert, zertifiziert und durchreguliert. Teilen geht nicht. Nur tauschen: Leistung führt zu Gegenleistung. Dabei entstünde erst aus der Haltung des Teilens Zukunft im Sinne eines Projekts, das wir als „gemeinsames Drittes“ erkennen. Wenn ich zu teilen beginne, entsteht sofort eine neue Wirklichkeit, in der als erstes die Erwartung verschwunden ist, der und die andere mögen es mir gleich tun. Teilen ist immer asymmetrisch – wie das Leben.

Das Teilen löscht den Argwohn. Wenn ich teile, setze ich mich einem Risiko aus. Ich weiß nicht, was damit geschieht, weil ich keinen Anspruch mehr auf das erhebe, was ich geteilt habe. Teilen hat immer zur Folge, dass genügend zur Verfügung steht. Erst dort, wo jemand oder eine Gruppe nur noch für & an sich denkt, entsteht ein Mangel. Erst im Teilen tritt an die Stelle von Sicherheit die Gewissheit – eine Schwester des Vertrauens.

Geteiltes Wissen halbiert sich nicht, es vermehrt sich. Ebenso die Zeit, die ich teile. Und immer ist und bleibt unvorhersehbar, was mit dem Geteilten geschieht. Dennoch gibt es keine andere Haltung unter Menschen, die mehr Menschlichkeit in die Welt bringt, als die Haltung des Teilens – im Sinne eines Gegenentwurfs zu Kontrolle und Sicherheit. Teilen ist die praktische Seite des Vertrauens und zugleich seine Nagelprobe.

Teilen setzt ungeheure humane Kräfte frei. Es löst Abhängigkeiten in Luft auf und öffnet der Emergenz Tür und Tor. Es ermöglicht sogar konkrete Freiheit, weil durch das Teilen Ressourcen in Umlauf kommen, die ungeahnte Gestaltungsspielräume eröffnen.

Teilen eröffnet und ermöglicht das, was wir durch Sicherheit und Kontrolle vergeblich zu finden hoffen. Oder mit den Worten einer lieben Freundin: Wenn du einen Freund auf einer Insel halten willst, dann schenke ihm (d)ein Boot.

Vier Schritte in die Zukunft des Lernens

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Foto: Moritz Frankenberg. Quelle: Hannoversche Allgemeine

Über den Wandel wird viel gesprochen. Digitalisierung und so. Klima. Wir müssen dringend etwas tun. Also tun wir besorgt. Die „FridaysForFuture“ entlarven das Ganze als Geschwätz und machen klar: Wir müssen uns neu erfinden. Uns nicht weiter unendlich ausdehnen, und sei es durch Künstliche Intelligenz, sondern unser Menschsein neu erfinden. Das reden wir weder herbei noch weg. Wir lernen es – und zwar in vier Schritten.

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Erster Schritt: Loslassen ist der Anfang von Allem

Unser Bildungssystem ist am Ende. Es atmet nur noch, weil und solange es an teuren Maschinen hängt. Dies zu realisieren, ist unumgänglich und schmerzhaft. Wir sagen zwar, wir könnten viel eher loslassen, wenn wir wüssten, was danach kommt. Die Erfahrung zeigt jedoch: erst durch das Loslassen wird mein Blick frei und offen für das, was kommt. Wenn wir uns das eingestehen und wirklich Trauerarbeit leisten, lassen wir los und werden frei für einen neuen Anfang. Ohne dieses Loslassen bleibt jede Vision eine Schimäre, ein Abklatsch der Gegenwart. In meiner Arbeit mit sterbenden und trauernden Menschen wurde mir vor allem dies klar: Loslassen ist der Anfang von Allem. 

Zweiter Schritt: Das Lernen neu erleben und neu beschreiben

To create a new mindset of what we mean when we say learning. Wenn es um radikale Veränderung geht, ist Lernen alles, was uns bleibt. Wenn wir das Alte losgelassen haben, gibt es nur noch Lernende. Jetzt orientieren wir uns am Unbekannten und allein das Lernen bringt uns voran. Dieses Lernen der Zukunft ist nicht mehr auf Phasen und Orte beschränkt. Es ist auch keine Fähigkeit, sondern eine Eigenschaft, wie das Atmen. Wir entdecken das Lernen neu und gehen bei denen in die Schule, die es seit Jahrzehnten praktizieren: Summerhill, Sudbury Valley, Democratic Schools. Einen klaren Blick darauf gibt es hier. Vier Übergänge zum Neuen Lernen werden jetzt relevant: 

Vom Using zum Performing

Keine Bühnenshows & Keynotes, sondern Flow. Psychologisch beschrieben hier – philosophisch hier. Keine inszenierten Lerngelegenheiten mehr. Kein kaltes Buffet der Unterrichtsmethoden und kein didaktischer Bauchladen. Lernen ist nicht mehr das Nutzen (halb-)fertiger Angebote, kein Ausbacken kleiner Brötchen aus Lehrerhand. Stattdessen jetzt das eigene Tempo finden und den eigenen Rhythmus. Die eigene Struktur. Lernen ist nicht mehr ein Anwenden und Einsetzen von Methoden, sondern das Erfinden des eigenen Spiels. Performing als Spiel. Spiel als Ernstfall des Lernens. Konkret beschrieben wird das hier. Auf den Punkt gebracht: 

„Gibt man Kindern die Freiheit (sic!) zu spielen, dann gibt man ihnen die Freiheit, die Natur innovativer Prozesse unmittelbar zu entdecken. Sie erhalten damit unmittelbar eine Umgebung, die erahnen lässt, welche Haltungen ihnen lebenslang nützlich sein werden, im Zeitalter von Innovation, Muße und Kreativität“ (Quelle). Das gilt nicht nur für Kinder – sondern für jedeN von uns.

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Vol de deux

Vom Teaching zum Discovering 

Lernen ist keine Ableitung von Lehren mehr, denn sowohl der Lehrer als auch die Künstliche Intelligenz nehmen mir ja bis heute die fundamentale Aufgabe des Lernens ab: Selbststeuerung und Selbstermächtigung. Wenn Lernen bis heute „being taught“ meint, steht es in Zukunft für das Entdecken – und zwar gerade nicht im Reservat, sondern in der Welt, die kein Lehrmittel ist, wie Christof Arn vermutet, sondern ein Lernort. „Discovering“ meint nicht das Lupfen des Deckels vom Kochtopf oder das Auspacken eines Geschenks. Es setzt nicht am Fließband des Erwartbaren an, es sitzt nicht am (Gaben-)Tisch und harrt der Lüftung eines inszenierten Geheimnisses. Discovering ist im Gegenteil eine Suchbewegung, keine Erwartungshaltung.

Vom Executing zum Exploring 

Lernen kennen wir als das Ausführen von Aufgaben: Ausmalen, Abfahren, Ausfüllen. Das Durchgehen und Abarbeiten von Listen: Executing.

Exploring hingegen ist eine Dynamik, die bei Expeditionen ins Unbekannte gebraucht wird: Der Wille zu erforschen. Sich nicht auf ein nächstes Kapitel gefasst zu machen, das schon geschrieben ist, sondern auf das Neue, das geschrieben werden will. Jeden Stein umdrehen, noch einen Schritt weiter gehen. Sich alle Zeit der Welt nehmen, um in das Unbekannte und nicht Gewusste einzutauchen, um es dadurch für sich zu erschaffen. Nichts, wodurch du eine Expedition vorbereitest, ist dir in dem Moment eine Hilfe, wenn dir das Neue begegnet. Oder Martin Walser: „Das fänd ich gemein, vorbereitet zu sprechen zu unvorbereiteten Menschen“ (Quelle).

Vom „Following Plans“ zur Serendipity

Serendipity bezeichnet eine zufällige Beobachtung von etwas ursprünglich nicht Gesuchtem, das sich als neue und überraschende Entdeckung erweist (Quelle). Sie ist ein Grundprinzip des Lernens, des Fortschritts, jeder Form von Entwicklung. Serendipity braucht völlig andere Umgebungen als die curricular und diaktisch umzäunten Lernräume des Bildungssystems. Sie braucht die zufällig eingeschlagene Richtung, den unabsichtlich gewählten Weg. Das Abseits, die Abweichung, durch die der neue Weg entsteht: die „unerwartete Entdeckung, die durch einen glücklichen Zufall möglich wird. ‚Serendipity‘ tritt in unser Leben, wenn wir in einem Buchladen plötzlich ein Buch in der Hand haben, das durch seinen Umschlag unsere Aufmerksamkeit geweckt hat, das wir eigentlich nie gelesen hätten, aber in dem wir nun plötzlich stöbern. Zu ‚Serendipity‘ gehört es, wenn ich plötzlich eine Zeitungsreportage anlese und gefesselt bin, obwohl ich dachte, ich interessiere mich nicht für das Thema. ‚Serendipity‘ liegt in der Begegnung mit einem Menschen, in den ich mich verliebe, obwohl er nicht meinen ‚Idealvorstellungen‘ entspricht. Und ‚Serendipity‘ liegt auch darin, dass ich plötzlich einem unbekannten Thema begegne, das mich politisch aktiv werden lässt, weil es mir so wichtig erscheint“ (Quelle).

Dritter Schritt: In den Learnflow kommen

Was ist ein Flow? 

Das „als beglückend erlebte Gefühl eines mentalen Zustandes völliger Vertiefung (Konzentration) und restlosen Aufgehens in einer Tätigkeit („Absorption“), die wie von selbst vor sich geht.“ (Quelle) 

Warum ist der Flow für das Lernen so wichtig? 

Weil Lernen nie nachhaltiger ist und nie folgenreicher, weil es nie beglückender und verbindlicher ist, als im Flow. Wenn Klaus Holzkamp das von ihm so genannte expansive Lernen beschreibt, das ein Maximum an Selbst- und Welterschließung ermöglicht, dann beschreibt er den Flow (Quelle). Es ist, wie Daniel Greenberg es beschreibt, unaufhaltbar. Es bedeutet: Ich bin ganz in etwas vertieft, dem ich mich selber verpflichtet habe (Quelle/Seite 89f). 

Wie fühlt es sich an im Flow zu sein?

  • Wir sind vollständig in das verwickelt, was wir tun: zielgerichtet und konzentriert.
  • Ein Gefühl der Ekstase – außerhalb der alltäglichen Realität zu sein.
  • Große innere Klarheit – zu wissen, was getan werden muss und zu wissen, wie gut wir darin sind.
  • Zu wissen, dass die Aktivität machbar ist – dass unsere Fähigkeiten der Aufgabe angemessen sind.
  • Ein Gefühl der Gelassenheit – keine Angst mehr um sich selbst und ein Gefühl, über die Grenzen des Egos hinauszuwachsen.
  • Zeitlosigkeit – durchweg auf die Gegenwart ausgerichtet, scheinen Stunden in Minuten zu vergehen.
  • Intrinsische Motivation – was auch immer Flow erzeugt, wird zu seiner eigenen Belohnung.

(Quelle: TED Talk von Mihaly Csikszentmihalyi) 

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Flow

Den oder einen Learnflow kann ich nicht vorhersagen, vorbereiten oder abrufen. Es gibt allerdings Haltungen, mit denen die Wahrscheinlichkeit steigt, „in den Flow zu kommen“, die das schiere Gegenteil sind von Besorgtsein, Apathie und Langeweile. In Anlehnung an ein Konzept, das Tim Leberecht entwickelt hat, sind es vor allem vier Haltungen, die diesen Schritt erleichtern. Ich habe die Formulierungen von Tim übernommen, von dem es dazu einen wunderbaren TED-Talk gibt (Quelle). Es sind Haltungen, die wir als Menschen einnehmen, die aber auch von Umgebungen gespiegelt werden können, von Räumen, die diese Haltungen fördern; die dazu einladen, in diesen Haltungen unterwegs zu sein, sie einzunehmen. Es sind nicht die Haltungen der wenigen, die lehren oder führen. Es sind die Haltungen aller:

Doing the unnecessary

Das nicht Notwendige tun. Die Spielräume des Lernens entstehen überall dort, wo das Notwendige aus dem Blick gerät, wo mein Interesse jenseits der Nützlichkeitslogik mäandern kann. Dadurch entdecke ich erst den Überfluss an Lerngelegenheiten. Als ich (m)einer achten Klasse in Luzern vorschlug, über ein verlängertes Wochenende nach Berlin zu reisen, und diesen Event selbst zu organisieren, begann ein nicht enden wollendes Feuerwerk an Dynamik, Solidarität, Selbstverantwortung, Energie, Durchhaltewillen, Geschäftssinn. Es entwickelte sich eine völlig neue Form der Klassengemeinschaft. Was in Wochen der Vorbereitung und während der Reise selbst möglich wurde, war eine neue Form der Vertrautheit, weil junge Menschen anfingen, miteinander das nicht Notwendige zu tun. 

Creating intimacy

Vertrautheit schaffen. Nicht als Angebot, sondern als gemeinsam gestaltete Kultur. Eine Kultur, in der Menschen Vertrauen fassen in die Tragfähigkeit und Belastbarkeit der Beziehungen; in der sie sich hervortrauen, in der sie den gemeinsamen Boden pflegen, auf dem sie ihre Beziehungen gestalten; in der eine Kultur der wertschätzenden und verbindlichen Kommunikation auf Augenhöhe wächst. 

Being ugly

Die dunkle Seite des Unzureichenden ausagieren. Unzulänglichkeit anerkennen, adressieren und künstlerisch artikulieren statt sie zu ignorieren oder zu tabuisieren. Sie zelebrieren statt zu stigmatisieren. Sie dramatisieren statt sie zu unterdrücken. Selbstironie als kollektive Ausdrucksform und Ventil etablieren. 

Staying incomplete

Damit ich überhaupt anfange zu lernen, muss meine Umgebung unvollendet sein und bleiben. Als unauslöschliches Merkmal. Irgendetwas muss immer fehlen, unvollständig sein, offen, unpassend und unangepasst, mehrdeutig, widersprüchlich unbeständig und vergänglich – und zwar gewollt, nicht geduldet. Eine Umgebung, die am Perfekten orientiert ist und an der Vollständigkeit, lädt nicht zum Lernen ein. Sie schreckt ab. Staying incomplete bedeutet, dass mich die Welt und meine Beziehungen in ihr hungrig machen, nicht satt. Sie wecken meine Neugier, sie befriedigen sie nicht – letzteres ist ja meine Aufgabe als Lernender. 

Emergenz
Zusammenspiel

Vierter Schritt: Communities bilden. Damit aus Nomaden keine Monaden werden

Communities sind nicht einfach „gegeben“. Sie wollen erschaffen werden. Erst recht in den digitalen Netzwerk- und Plattformstrukturen der Zukunft. Wenn Lernen und Arbeiten immer mehr „nomadisch“ werden, wächst das Risiko, das Menschen immer mehr „monadisch“ funktionieren. Die Gig-Economy birgt die Gefahr der Vereinsamung, wie Marco Jakob, Mitgründer des Coworking-Space Effinger in Bern, im Interview betont. Zwei Herausforderungen stellen sich ein: Lernen, Communities zu bilden und in Communities zu lernen. 

Menschen lernen nicht allein. Üben vielleicht schon. Lernen nicht. Lernen ist immer ein soziales Phänomen. Es ist immer eingebunden in menschliche Gemeinschaft, denn Lernen bedeutet immer auch: Ich erschließe mir die Welt. Lernen ist das sukzessive Ausbauen und Verdichten von Netzwerken mit der Welt. Es lebt aus der Kommunikation – auch dann, wenn es sich Schleifen des Rückzugs oder der einsamen Expedition erlaubt. Es ist, wenn nicht gleichzeitig, so doch jederzeit verbunden mit lernenden Systemen und im Austausch mit ihnen. Deshalb lernen nie nur einzelne Menschen, sondern immer ganze Systeme. Was tun wir, wenn wir Communities bilden?

connecting

Wer ist noch da mit mir? Verbindung aufnehmen. Einen gemeinsamen Raum der Möglichkeiten und der Verbindlichkeit eröffnen durch echte Anwesenheit, durch Aufmerksamkeit. Ankommen ermöglichen.

sensing

Mit welcher Geschichte, mit welchen Geschichten und Anliegen sind wir da? Was beschäftigt uns? Was treibt uns um? Wer sind wir? Welche Themen sind im Raum? Bedürfnisse realisieren. Gemeinsamkeiten entdecken. 

caring

Interesse entwickeln und zeigen. Mich zuwenden. Zuhören. Bei unseren Themen sein. 

sharing

Erkennen, was gebraucht wird. Eine Haltung des Teilens entwickeln. 

co-creating

An den Themen arbeiten. Lösungen entwickeln. Gemeinsam konstruieren, bauen, experimentieren, erforschen.

emerging

Den Mehrwert von Community nutzen. Im Zusammenspiel neue Eigenschaften, Strukturen und Möglichkeiten entwickeln, die nicht auf die Eigenschaften Einzelner zurückzuführen sind.

Diese Elemente bilden zum Beispiel in der ‚Theory U‘ von Otto Scharmer und in der Themenzentrierten Interaktion von Ruth C. Cohn die Grundlage jeder Form menschlicher Entwicklung. Beide Konzepte haben mich in meiner Biografie stark geprägt, und ich profitiere täglich von ihnen.

Community
Emergenz
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Die Kraft der gemeinsamen Vision

Nicht nur sind Administration, Organisation und Budgetierungsfetischismus tödlich für Träume und Visionen, die wir so dringend benötigen im Moment. Was uns derzeit in eine totale Lähmung bannt, als Folge einer neoliberal gefärbten Ökonomisierung aller Lebensvollzüge, das ist die uneingeschränkte Regentschaft des Regulatorischen und Administrativen, der grassierende Legalismus im Sinne eines Glaubens daran, dass die Erlösung aus den Gesetzen kommen wird.

Wir sind so übersättigt mit diesem Mist, dass uns eigentlich nur dann Irritation und Angst anfallen, wenn irgendwo irgendetwas nicht richtig geregelt ist. Nicht konform(ular). Wir sind die Ja-Aber-Kultur. Träume sind schon wichtig, aber sie müssen finanziert werden können, wissen sie.

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Graffiti Art in Alfama/Lisbon. Photo: Christoph Schmitt

Dabei ist das Geld ja schon da – es ist einfach woanders. Bei denen, die ihre Allmachtsfantasien mit jenen Träumen verwechseln, die Zukunft ermöglichen. Nicht für einzelne, sondern für den Lebensraum Erde – mit allem, was auf ihr lebt.

Was den Menschen ausmacht: Er und sie können träumen. Nicht im Sinne eines hirnbiologischen Vorgangs, sondern als Vorwegnahme einer anderen Wirklichkeit. Und nicht im Sinne eines Befürchtens, sondern des gemeinsamen Hoffens. Das Visualisieren einer anderen Welt setzt eine ungeheuere Kraft frei, die es braucht, um sie zu verwirklichen.

Hier müssen wir ansetzen. Aufhören, uns systematisch an diesem Träumen zu hindern durch den kolonialistischen Ordnungswahn der westlichen Welt, der spätestens mit der Einschulung beginnt. Und dann sorgen wir dafür, dass wir gemeinsam anfangen zu träumen von einer neuen Welt, die jene rettet, auf der wir alle stehen.

Loslassen ermöglicht den Neuanfang

aktualisiert am 31.12.2020

Die Medien sind voll mit Aufrufen, jetzt endlich umzudenken, Alternativen zu entwickeln, den Neuanfang zu wagen. In der Politik, in der Ökonomie und in der Bildung, beim Einsatz von Technologie, in der Gestaltung von Gesellschaft und Arbeit, in Fragen des Klimas und der Ökologie. Kein Bereich ist ausgeschlossen. „Fünf vor Zwölf“ ist die Maxime. Gleichzeitig machen wir weiter wie bisher. Woher dieser Widerspruch, und wie finden wir aus ihm heraus?

In meiner Arbeit mit trauernden Menschen habe ich gelernt: Trauern macht Loslassen möglich. Nicht die rationale Einsicht. Auch nicht Ratschläge oder Drohungen („Jetzt reiß dich doch zusammen!“).

Das gilt nicht nur im Angesicht des Todes. Ich sehe da einen Zusammenhang mit unserer Situation als Gesellschaft, als menschliche Gemeinschaft. Mit der schier ausweglosen Lage, in die wir uns und den Planeten manövriert haben. Mit der kollektiven Weigerung, das eigene Verhalten zu ändern – und loszulassen.

Wir stehen gerade vor einer Weiche: Setzen wir unsere wuchtigen technischen Möglichkeiten für eine Humanisierung unserer globalen Lebensverhältnisse ein und für den Erhalt unserer Lebensgrundlagen? Oder treiben wir den Wahn auf die Spitze, bis die Lichter ausgegangen sind?

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Übergänge. Foto: Christoph Schmitt

Anerkennen: Es ist vorbei

Wovon hängt es ab, wie wir uns entscheiden? Von Wissen und Einsicht nicht. Wir wissen, was wir dem Planeten antun und unseren Kindern hinterlassen – und wir machen so weiter. Wir leiden unter Bullshit-Jobs und harren aus. Wir spüren und sehen, wie unsere Kinder unter Schule leiden und lassen es zu. Uns ist klar, dass eine Partnerschaft am Ende ist, und wir bleiben. Wir vermuten, dass insgesamt irgendetwas ziemlich schief läuft – und ziehen unser Ding weiter durch.

„Es braucht halt Zeit“. So die schulterzuckende Reaktion: Menschen verändern sich nicht von heute auf morgen. Organisationen erst recht nicht. Das mag stimmen, kann aber auch eine große Ausrede sein.

Die ökologische und humane Katastrophe vollzieht sich täglich. Wir werden mit Bildern von ihr überschüttet, mit Analysen und mit Forderungen, endlich Lösungen anzukarren. Wir wissen, womit wir aufhören müssen, wir wissen, was wir stattdessen zu tun haben – und fahren fort. Noch einmal: Warum?

Meine Antwort habe ich in den unzähligen Begegnungen mit trauernden Menschen gefunden. Der Moment, in dem sie loslassen, ist es ein Moment der Entkrampfung, ein Zulassen von Schmerz über den Verlust und seine Endgültigkeit.

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Scherbenhaufen. Foto: Christoph Schmitt

Einen Bogen um die Trauer machen

Aber wer sollte solche Gefühle wollen? Auch trauernde Menschen machen um diesen Schmerz erst einmal einen Bogen. Auch Menschen, die selbst eine schreckliche Diagnose bekommen, die erfahren, dass ihr Tod unausweichlich ist, wollen das erst einmal nicht wahrhaben. Je mehr ich zu verlieren habe, umso mächtiger bauscht sich die Hoffnung auf, das Festhalten.

Jedoch: Die Kraft und der Wille, mit dem Selbstbetrug aufzuhören und der Realität ins Auge zu sehen, die kommen aus dem Trauern – und zwar um den Verlust: Auch um den Verlust von Menschen, die auf der Flucht ertrunken sind, um verhungernde Menschen im Jemen, um die Opfer von Amokschützen und pseudoreligiösen Fanatiker’innen, um den Verlust von Respekt und Menschlichkeit in unserer eigenen Gesellschaft, um die elenden Lebensbedingungen industriell produzierter Tiere, um die Situation von Arbeitssklav’innen – Ihnen als Leser’in fallen ganz sicher noch mehr solche traurigen Situationen ein.

Ich bin zu der Überzeugung gekommen, dass ein wichtiger Grund für das globale Leid und sein Anwachsen mit der Angst und der Weigerung zu hat, um etwas zu trauern und loszulassen.

Damit fangen wir aber erst an, wenn wir realisiert haben, dass etwas unwiederbringlich vorbei ist und verloren: Eine Schimäre von Wohlstand und Wachstum, an die wir geglaubt haben, wie frühere Generationen an einen Gott. Die Hartnäckigkeit, mit der wir das „Vorbei“ leugnen, hat sehr viel mit der Angst vor dem Verlust zu tun. Ein Verlust, der sich in diesem Moment längst vollzogen hat – den wir aber nicht akzeptieren können.

Jedoch: Wenn mein Verlust real ist, dann ist es auch meine Trauer. Dann sollte ich mich nicht für sie schämen. Ihr Ausdruck zu verleihen, ist die Voraussetzung dafür, damit ich  loslassen kann und abschließen. Je ernster die Lebenslage, um so wichtiger das Loslassen. Je größer der Verlust, umso wichtiger das Trauern darüber – denn das Trauern macht Loslassen möglich – und das den Neuanfang.

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rose & rubbish. Foto: Christoph Schmitt

Das Ritual: Wie Trauern und Loslassen möglich werden

Mir hilft ein einfaches Bild, um den Übergang zu verstehen, der sich in der Trauer vollzieht: Wenn ich einen Verlust realisiere, füllt sich mein Rucksack mit Wut, Schmerz, Angst und Resignation, die mich wie schwere Gewichte nach unten ziehen und alles zäh machen und unbeweglich und die Zukunft verdunkeln. Durch mein Trauern verwandelt sich diese Last in eine reale Leichtigkeit. Dazwischen liegt das Loslassen, das seine Zeit braucht – und Solidarität.

Hier kommt das Ritual ins Spiel. Das qualifizierte. Das gemeinschaftliche. Trauern ist kein einsamer Akt. Trauer ergreift immer eine Gruppe von Menschen. Um eineN SterbendeN trauert immer eine Gemeinschaft. Kein Verlust der Welt betrifft nur einen einzelnen Menschen. Deshalb versammeln sich nach Flugzeugabstürzen nie einzelne Hinterbliebene, sondern alle Trauernden. Trauern und Loslassen brauchen eine Gemeinschaft. Das ist kein Zufall sondern ein wesentliches Element des Trauerns – und des Loslassens. Selten sind Solidarität und Schulterschluss so wertvoll, wie in der Trauer.

Die Zeit des Loslassens ist die Zeit des Rituals, der gemeinsam durchlebten Trauer angesichts eines Verlusts. Wir realisieren, dass etwas Wertvolles zu Ende gegangen ist: Eine gemeinsame Zeit, ein Projekt, ein Lebensabschnitt, ein Traum. Diesen Abschied gemeinsam zu vollziehen, ist der erste Schritt in die Zukunft.

Der Nutzen von Ritualen in der Arbeitswelt

Als Coach und Organisationsberater habe ich den Eindruck, dass in Veränderungsprozessen genau hier sehr oft der Knackpunkt liegt: Ein gescheitertes Geschäftsmodell wird mal eben „begraben“, ein abgestürztes Start-up schnell „beerdigt“. Menschen werden mit einem warmen Händedruck entlassen oder outgesourct. Maßnahmen der Organisationsentwicklung werden zwecks Umsetzung mal eben kommuniziert. Kurz und schmerzlos muss es sein.

Warum ist das eher nicht hilfreich? Weil es immer um reale Menschen geht und um deren Zukunft. Um deren Hoffnungen und Ängste. Um die Anstrengung, die es bedeutet, einen neuen Anfang zu machen. Weil Verlust immer mit Trauer einhergeht, die krank macht, wenn sie keinen Ausdruck findet. Weil sich durch diese Hauruck-Verfahren die Zukunft von Menschen verdunkelt.

Wenn es stattdessen gelingt, gemeinsam einen wertschätzenden Akt des Loslassens um das Ende einer Epoche und einer Hoffnung zu vollziehen, dann werden die Betroffenen fähig, einen neuen Anfang zu machen. Ein qualifiziertes Ritual fängt die Emotionen der Trauer(nden) auf. Es ermöglicht das Loslassen und damit einen wirklichen, gemeinsamen Abschluss. Das Ritual erlaubt mir, einen Unterschied zu bilden zwischen dem, was ich loslassen muss und dem, was ich in die Zukunft mitnehmen werde, weil es wertvoll ist und bleibt.

Nicht zuletzt erwächst den Beteiligten aus der Erfahrung, diesen Abschluss und dieses Loslassen gemeinsam geschafft zu haben, eine wertvolle Kraft für den Neuanfang!

Es klingt groß, fängt aber im kleinen an: Wenn es uns gelingt, dort wo wir leben und arbeiten, in kleinen Gruppen und Gemeinschaften zu trauern – nicht nur über den Verlust der eigenen Geschäftsmodelle, Lebensträume und Gewissheiten, sondern ebenso über den Verlust an Leben und Hoffnung „around the world“, dann entwickeln wir ein belastbares Fundament der Solidarität. Wenn wir Rituale des Abschieds und des Loslassens (wieder) in unser Leben und Arbeiten lassen, Rituale die uns erlauben, etwas loszulassen, was uns bereits davon geschwommen ist, dann retten wir damit die Welt. Unsere eigene ebenso wie die unserer Mitmenschen.

Loslassen befreit nicht nur. Es verbindet.

 

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Banksy/wikipedia

Über Demokratie in der Schule

„Warum sich Lehrer genau jetzt für Demokratie einsetzen müssen“ – so ist ein aktueller Blog-Post von Dejan Mihajlovic überschrieben, dessen Engagement für eine andere Schule ich seit längerem mit großen Interesse verfolge. In seinem aktuellen Artikel fordert er ein verstärktes Engagement von Lehrer’innen für echtes demokratisches Handeln an Schulen – nicht zuletzt im Unterricht selbst als dem Ort, wo Schule ganz zu sich selber kommt.

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Hier geht’s zum Blog-Post

Ich finde seinen Artikel wieder einmal toll. Sein Engagement, mit Hand und Fuß, begeistert mich total, weil ich merke: Da hat einer genau jene Vorstellungen von Schule hinter sich gelassen, die heute noch immer den Normalfall bilden – und die eine wesentliche Ursache dafür bilden, dass Schule u.a. dem grassierenden Rechtspopulismus nicht wirklich etwas entgegenzusetzen weiß – weil es an echter, demokratischer Teilhabe mangelt, so Mihajlovic.

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Aus dem Blog-Post

Zwischen den Zeilen lese ich, dass der Autor in einer Schulwelt arbeitet, in der seine Überzeugungen und Argumente oft verhallen, und dass die Wirkkraft seiner Überzeugungen womöglich vor allem an seiner Person (und an seinen Mitstreiter’innen) hängt. Nun könnte mann sagen: Das ist halt so. Es sind immer Menschen, die etwas bewirken und verändern. Hätten wir also mehr von der Sorte, hätten wir andere Schulen.

Die Realität funktioniert anders. Menschen bewirken das, was Systeme an Wirkung zulassen und was nicht – und oft bewirken revolutionäre oder einfach nur geniale Einwürfe sogar ein Verstärken dessen, wofür Systeme stehen, und worunter wir täglich leiden. Und so macht, wer autoritäre Systeme mit demokratischen Anliegen konfrontiert, nicht selten die Erfahrung, dass diese ihre autoritäres Gebaren genau deswegen noch verstärken.

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Aus dem Blog-Post

Systeme bestimmen darüber, welches Handeln in ihnen erfolgreich ist und welches nicht. Deswegen sind es am Ende auch nicht jene Lehrer, die mit antidemokratischen Reflexen den demokratischen Fortschritt einer Schule verhindern – denn sie führen ja schlussendlich einen Auftrag aus.

Es mag auf den ersten Blick bizarr klingen: Menschen zeigen in Systemen auf Dauer vor allem jenes Verhalten, das belohnt wird – wodurch es verstärkt wird, wodurch es belohnt wird, wodurch es verstärkt wird. Ausgerechnet Schule übt und exerziert dieses Prinzip ja bis zum Erbrechen. Demokratie bleibt, so schreibt auch Dejan Mihajlovic, ein Placebo.

Ernstfall Demokratie

Dass Schule in ihrem Kerngeschäft nicht endlich ein Ort demokratischer Praxis wird, hat nichts mit fehlendem persönlichem Engagement zu tun oder mit Löchern in der Argumentation von Menschen, die demokratische Werte verwirklichen möchten. Es liegt womöglich nicht einmal an Lehrer’innen, die sich dagegen sträuben oder sich zu wenig für das Demokratische einsetzen.

Es liegt daran, dass es keinen „demokratischen Unterricht“ geben kann und wird, weil sich die Anliegen und Ziele dieser beiden Formate (Demokratie hier und Unterricht dort) ausschließen. Besonders eindrücklich zeigen dies funktionierende demokratische Schulen (https://www.eudec.org/), die sich nach dem Konzept der Soziokratie organisieren. Ein besonders gut gelingendes Beispiel für eine solche Schule ist diese hier – sie überzeugt auch deshalb, weil sie das Prinzip Demokratie so uneitel wie erfolgreich praktiziert:

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Hier geht’s weiter.

Ich weiß nicht, ob Dejan Mihajlovic das Format „Unterricht“ demokratisieren möchte, oder ob er es vor allem demokratisch anreichern will. In demokratischen Schulen jedenfalls wurde der Unterricht als Format im und durch den Prozess der Demokratisierung folgerichtig abgeschafft. Es geht nicht mehr darum, dass Schüler’innen mitbestimmen, mitgestalten und mitentscheiden dürfen – das Hilfsverb dürfen ist von der Bildfläche verschwunden.

Wo in erzieherischen und pädagogischen Kontexten von dürfen die Rede ist, ist der entscheidende „Turn“ in der Praxis noch nicht gemacht. Es ist dann noch immer wie zuhause, wo Kinder fragen, ob sie nicht noch ein wenig länger aufbleiben dürfen. Je nach demokratischer Gesinnung der Elternschaft werden die Argumente gehört oder nicht, denn, so der Tenor: „Die Kinder wissen doch noch gar nicht, was sie wirklich brauchen!“

Ob wir länger aufbleiben dürfen oder nicht, ob wir den Rahmen, innerhalb dessen wir erzogen und „gebildet“ werden, mitbestimmen dürfen, das entscheiden in diesem Mindset immer andere – und genau das ist keine Demokratie. In der Schule nennen wir das Unterricht. Demokratie bleibt im Unterricht immer ein Spiel, eine Übung, die im nächsten Moment vom Lehrkörper abgebrochen werden kann. Mit hoher Wahrscheinlichkeit dann, wenn „es aus dem Ruder läuft“, also wenn es tatsächlich demokratisch wird, sprich: konsequent.

Dieses Konzept können wir durchbrechen. Dann sind Entscheidungen allerdings immer demokratische Entscheidungen – und das bedeutet: von allen getroffen und getragen – und nur auf demokratischem Weg über den Haufen zu werfen. Dass das funktioniert, zeigen schon heute etliche demokratische Schulen. Was ich an ihnen am meisten bewundere: Dass sie das Mühsame und oft Zähe an demokratischen Prozessen durchstehen. Um der Demokratie willen.

Ich wünsche mir nichts mehr, als dass die Anliegen von Dejan Mihajlovic endlich epidemisch werden. Die visionäre Kraft dahinter ist unbezahlbar – ebenso wie das Engagement so vieler, das sich aus solchen Quellen speist. Genau aus diesem Grund trete ich dafür ein, dass wir das System Schule hinter uns lassen, denn das ist der erste Schritt in Richtung einer demokratischen Gemeinschaft, die kein Placebo mehr ist – sondern ein Ort, an dem alle aktiv ihre Verantwortung erkennen und wahrnehmen.

Erinnerung an 2018

2018 war für mich ein Jahr der verrückten Diskussionen mit Bildungsfachleuten, LehrerInnen und Dozierenden. Einige von ihnen realisieren knapp, dass sich die Berufe ihrer Klient’innen „irgendwie verändern“. Wobei die Skepsis nach wie vor überwiegt – was mit krassen Wissensdefiziten aufseiten der Bildungsprofis zu tun hat. In der Folge hat die Digitale Transformation in Schulen bis heute den Status eines Gerüchts und Digitale Medien den eines zweischneidigen didaktischen Hilfsmittels. Der Rektor einer Berufsschule drückte das neulich so aus: 

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Was die Diskussionen vor allem zeigen: Lehrende realisieren nicht, dass und wie ihr eigener Beruf von der Digitalen Transformation betroffen ist, und dass der in seiner herkömmlichen Identität und Funktion verschwinden wird. Das gilt auch für jene, die sich mit ihrer Hoffnung auf ein digitales Erwachen von Schule in den Sozialen Medien outen. Auch sie gehen ganz selbstverständlich davon aus, dass die Schule, die sie vorne in die Waschanlage schieben, hinten wieder als solche rauskommt. Wie neu.

Das Tesla-Syndrom: Hinten kommt das bessere Vorne raus

Hier wirkt das „Tesla-Syndrom“: Aus dem stinkenden Auto mit Verbrennungsmotor wird ein sauberer Batterieschlitten, der am Ende auch noch selber fährt. Darüber hinaus bleibt unsere Fantasie aber beim Auto. Das hatten wir bereits in „Back To The Future“, wo das Skateboard, mit dem Marty McFly im Jahr 1955 durch Hill Valley braust, in Teil zwei zu einem Hoverboard mutiert. Also im Jahr 2015 🙂

So geht Transformation aber nicht. Wie beim Auto nicht einfach eine andere Technik unter die Haube einzieht, sondern das normative Konzept des Individualverkehrs verschwinden wird (weil ja für genau dieses Problem eine Lösung gesucht ist), so wird das „Konzept Schule“, wie wir es kennen, abgelöst. Nicht „durch Digitalisierung“ sondern aufgrund der Digitalen Transformation.

Es wird also kein digitalisiertes Nachfolgemodell für Schule und Lehrer mehr geben, weil das Konzept selber an sein Ende kommt – nicht zuletzt deshalb, weil es die Probleme, zu deren Lösung es anzutreten vorgibt, nicht nur vergrößert, sondern produziert. Vergleichbar mit unseren traditionellen Mobilitätskonzepten, die Mobilität mittlerweile nicht nur nicht erhöhen, sondern behindern. Wir kommen nur noch schwer vom Fleck.

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Analoge Digitalisierungsfantasien

Es wird in Bälde keine Schulen mehr geben, und keine Lehrer‘innen – weil es die Welt, in der Schule und Lehrer das Modell der Wahl waren, nicht mehr gibt; weil die in einem fundamentalen Prozess der Transformation steckt – der womöglich so schnell auch gar nicht endet.

Diese Transformation ist bereits am Laufen. Hoch dynamisch, chaotisch, unberechenbar.

Für Anja Wagner und Angelica Laurençon geht es deshalb jetzt um Kooperation, Zukunftsorientierung und Optimierung von Plattformen und Netzwerken. „Anstelle von normativen Vorlagen und Programmen, deren Ausarbeitung länger dauert als ihre Relevanz.“ (B[u]ildung 4.0, S. 29).

„Wir brauchen

  • Lernumgebungen, die dezentral und vielgestaltig von diversen Nutzergruppen kreativ besucht werden können;
  • Lernmodule, die weder an Präsenzzwang noch an zeitliche Auflagen gebunden sind;
  • Inhalte, die von den Lernenden erweitert und vernetzt werden können;
  • Mitmenschen, die sich selbst als ständig Weiter-Lernende begreifen“ (ebd., S. 47).

Wir entwickeln also Lernnetzwerke, die lernende Netzwerke sind. Konkret ausformuliert habe ich das hier.

 „Die Zukunft und das Leben der Millionen Wissensarbeiter*innen im digitalen, globalen Zeitalter hängt vor allem von B(u)ildung 4.0 ab, deren Stimuli Vernetzung, Kollaboration und Zusammenarbeit sind. Sie setzt auf den schaffend tätigen Menschen, dessen Kompetenz und permanente Kreativität neue Werte schaffen, die es für eine nachhaltige Welt dringend braucht“ (B[u]ildung 4.0, S. 31).

Schule werden wir nicht mehr haben, weil wir sie nicht mehr brauchen.