Hungrig machen statt satt: Aufgaben einer Schule der Zukunft

Was würdest du auf eine einsame Insel mitnehmen? Das ist eine beliebte Frage um rauszufinden, was einem wirklich wichtig ist im Leben.

In unserer Kultur ist die einsame Insel eine Mischung aus Sehnsuchtsziel und einem Ort, an den ich angespült werde. Eine Mischung aus „letzte Rettung“ und Refugium. Wir wünschen uns zwar manchmal hin, aber die dort sind, wollen genauso dringend wieder weg. Eine Weile kann ich es da aushalten, aber irgendwann reicht’s. Wir sind nicht für die Insel gemacht.

Erst recht nicht der oder die Schiffbrüchige: Er oder sie hat sich diese Insel nicht ausgesucht. Sie war seine oder ihre Rettung. Davon erzählt der Kinofilm „Cast Away“ mit Tom Hanks.

Nach einem Flugzeugabsturz längst für tot erklärt, überlebt er fünf Jahre auf einer Insel, bis es ihm eines Tages bei gutem Wind gelingt, mit einem selbstgebauten Floß in See zu stechen. Diese Filmszene ist eine wunderbare Metapher für die Situation, in der wir alle gerade stecken. Was meine ich damit?

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© 2019 Universal Pictures International Switzerland

Klimawandel als Bedrohung unserer Gewohnheiten

Zum Beispiel den Klimawandel. Der ist eindeutig. Er droht nicht nur, er existiert. Er zerstört Leben und Lebensgrundlagen. Er lässt aussterben. Er macht das Leben von immer mehr Menschen zu einer Frage des reinen Überlebens, vor allem das der kommenden Generationen. Wir müssen ganz dringend aktiv werden, was uns aber nicht gelingt, weil dieser Klimawandel im Moment vor allem unsere Gewohnheiten bedroht, unser gewohntes Leben. Wir erleben ihn hierzulande nicht als die Gefahr, die er ist, sondern als einen Angriff auf unsere Lebensweise. Wir ziehen uns auf unsere Insel zurück und hoffen, dass der Kelch an uns vorüber geht. 

Je stärker ich mich an ein „Normal“ gewöhnt habe, umso schwerer fällt es mir loszulassen und mich neu auf den Weg zu machen. Bildlich gesprochen: In See zu stechen. Vor allem, wenn ich so gut wie alles zurücklassen muss („im Kopf“), wenn der Weg selber gefährlich ist und die Zukunft völlig offen. Wer macht so etwas freiwillig? Vor allem dann, wenn sich der Klimawandel eigentlich gar nicht so dramatisch anfühlt – hier im Zentrum Europas. Aber es ist die Situation, in der wir gerade stecken. Als Land, als Kontinent, als Planet.

Noch ein Monster: Die Digitalisierung

Neben dem Klimawandel gibt es etwas, das deutlich mehr Menschen als Bedrohung erleben: Die Digitalisierung. Als ob die Hiobsbotschaften der Klimaforscher und der streikenden Kinder und Jugendlichen nicht schon verwirrend genug wären, wird uns prognostiziert, dass die Digitalisierung unsere Lebens- Arbeitswelten radikal verändert. Auch hier stehen die meisten unserer Gewohnheiten zur Disposition. Viele Jobs und Berufe werden tatsächlich wegfallen bzw. sich von Grund auf verändern. Ganz neue Berufe werden entstehen. Viele traditionelle Arbeitsverhältnisse fallen nach und nach weg oder werden in die Schwellenländer verlagert. Die Mittelschicht schrumpft seit Jahren, die KMU-Welt steht unter Druck. Ganze Branchen brechen ein. Neue entstehen, die nichts mehr mit dem zu tun haben, was wir gewohnt sind.

Mit dem, was wir gelernt haben, was wir wissen und können, sind wir immer weniger zukunftsfähig. Metaphorisch gesprochen müssten wir längst in See stechen.

Wir haben auf die meisten Herausforderungen, vor denen wir jetzt gerade stehen, keine Antworten oder Lösungen. Wir haben einfach die sichere Erkenntnis, das es nicht mehr so weitergeht, wie bisher, wenn es nicht noch schlimmer werden soll. Sei es jetzt in Sachen Klima, oder in Sachen Arbeit und Wohlstand.

Metaphorisch gesprochen müssen wir diese Insel verlassen, auf der wir es uns eingerichtet haben. Der Verunsicherung ins Gesicht sehen und loslassen, was uns bisher Sicherheit gegeben hat, und woran wir uns gewöhnt haben. In See stechen. Ohne zu wissen, wo wir ankommen und wie. Diese Ungewissheit ist das Erbe unserer Generation an die nächste.

Wie & wo bereitet sich die kommende Generation  darauf vor?

Eigentlich durch Schule. Über ein Jahrhundert lang hat Schule junge Menschen auf ein ökonomisches Erfolgsmodell vorbereitet, das jetzt zu Ende geht. Und damit gehen auch unsere Vorstellungen davon zu Ende, was Schule zu tun hat und was nicht. Jetzt muss Schule junge Menschen nicht nur auf etwas anderes vorbereiten. Sie muss sie auch anders vorbereiten als bisher. Mit der Art und Weise, wie wir bis heute Schule machen, bereiten wir weder uns noch unsere Kinder auf das vor, was uns erwartet. Soviel steht fest.

Ein schlechte Nachricht ist das aber nur für die, die ums Verrecken festhalten wollen an dem, womit sie selber groß geworden sind; für jene, die sich der Erkenntnis verschließen, dass wir Bildung und Lernen neu erfinden müssen. Denn die gute Nachricht ist: Nirgendwo können wir den Hebel effektiver ansetzen, als in Bildung und Erziehung. Das ist unser Floß. Die einzig aussichtsreiche Möglichkeit, die wir im Moment haben, um mit den großen Herausforderungen klar zu kommen, ist die, dass wir Schule und Lernen von Grund auf neu erfinden.

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© 2019 Universal Pictures International Switzerland

Schule darf uns nicht länger – metaphorisch gesprochen – darauf vorbereiten, wie wir möglichst gut „so weitermachen“, sprich: die Insel bewirtschaften. Das war in der Vergangenheit ja die Aufgabe von Schule. Jetzt hat sie eine andere. Und das ist bisher den wenigsten wirklich klar.

Jetzt müssen wir lernen, dass und wie wir von dieser Insel runterkommen. Und zwar zuerst im Kopf. „In See stechen“ ist das zentrale Bildungs- und Lernziel der Stunde. Da geht es um eine ganz neue Haltung, und es geht um ein paar Fähigkeiten, die Schule bis heute sträflich vernachlässigt.

Die „Fridays for Future“ machen uns das schon länger vor. Da sind junge Leute, die ihre Zukunft selber in die Hand nehmen, die das eigene Hirn nutzen um diejenigen kritisch zu hinterfragen, die uns an die Schulpflicht erinnern wollen, um ihre eigenen Gewohnheiten zu retten.

Kinder & Jugendliche brauchen ein ganz neues Lernen und eine völlig neue Schule. Eine, in der sie nicht mehr belehrt werden, nicht vollgestopft und satt gemacht, sondern eine Schule, die sie hungrig macht und neugierig auf völlig neue Pfade und Wege. Eine Schule, die den Mut und die Neugier fördert, die jeder junge Mensch mit auf die Welt bringt. Eine Schule, die nicht mehr länger nach Antworten fragt, sondern mit Fragen antwortet. Eine Schule, die das Lernen nicht mehr länger vom Lehren aus betrachtet, sondern als Selbstermächtigung versteht. Lernen als die Fähigkeit, die jeder Mensch hat, um sich die Welt zu erschließen.

Hier gibt’s das Ganze auch als TEDx Talk von mir:

Autor: Christoph Schmitt, Bildungsdesigner, Coach & Supervisor ZFH

Bildungsaktivist, Bildungsdesigner, Ressourcenklempner, Ethiker, Rituals Expert. Ich unterstütze Menschen und Organisationen beim "Digital Turn" - systemisch & lösungsfokussiert. Ich coache Menschen in ihren Entwicklungsphasen und begleite in einschneidenden Lebensmomenten durch die Gestaltung von Ritualen.

Ein Gedanke zu „Hungrig machen statt satt: Aufgaben einer Schule der Zukunft“

  1. Lieber Herr Schmitt, Sie sprechen mir wieder mal aus der Lehrerseele. Es ist so wichtig, Sicherheit und Orientierung zu vermitteln und unseren jungen Menschen das Handwerkzeug, dass sie mitbringen, optimal nutzen zu lernen. Und die Inselmetapher ist dafür sehr hilfreich. Satt macht träge und Trägheit verhindert Aufbruch. Der ist aber notwendig, um Lösungen zu entwickeln für eine soziale und zukunftsfähige Gesellschaft, die nur wir selber gestalten können und MÜSSEN.
    Danke!

    Gefällt 1 Person

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