Das Jahr der vielen ersten Male. Ein Gastbeitrag

Mein Vetter Bengt Krezdorn ist Familien- und Ehemann, Vater von drei Söhnen, gelernter Kunstschmid, Imker und Naturfotograf und ernährt zusammen mit seiner Frau die Familie. Auch heuer, in dieser aufwühlenden Zeit, hat er auf Facebook seine Jahresendgedanken publiziert und ich freue mich, sie hier in meinem Blog dokumentieren zu dürfen.

Text & Fotos: Bengt Krezdorn

„Die Frage wird sein, wie gehen wir mit den Folgen von Corona um. Und nicht, wann das Ganze zu Ende ist, nicht, wann wir wieder zurückkehren zu 2019. Wir werden nicht zurückkehren – das ist klar, oder?“

Claudia Brözel, Professorin für Tourismuswirtschaft im SPIEGEL

Ein merkwürdiges Jahr geht zu Ende. Für uns alle hat sich einiges verändert, fast nie zum Guten oder sagen wir Besseren. Vielleicht steht der eine oder andere vor den Trümmern seiner Existenz, vor den Scherben seines Lebenstraums. Die allgegenwärtige Corona-Krise trägt dazu bei, bereits vorhandene Probleme und Konflikte zu verschärfen. Ich denke dabei ganz aktuell an den Brexit und die Probleme innerhalb der Europäischen Union oder im Gesundheitswesen. Vor diesem Hintergrund möchte ich euch meine subjektive Sicht auf dieses besondere Jahr schildern.

Viele von euch kennen mich als Pessimisten, als eingefleischten Schwarzseher. Vielleicht ist daher mancher etwas überrascht von einigen meiner Gedankengänge. Ich habe das Geschehen um die Pandemie von Anfang an vor allem als eine Chance wahrgenommen. Frank-Walter Steinmeier sagte in einer Rede zu Beginn des ersten Lockdowns im Frühjahr, dass die Welt eine andere sein werde, wenn das vorüber sei. Das war damals auch mein erster Gedanke und ich dachte noch: da kann was draus werden, wenn wir uns nicht wieder zu dämlich anstellen. Dann wäre dieses Opfer vielleicht nicht umsonst.Ich weiß schon: makaber! Denken jetzt sicher einige. Schließlich ist das die größte Katastrophe seit Menschengedenken, vergleichbar bloß mit den Weltkriegen oder der spanischen Grippe 1918-1920. Ja, tatsächlich! Wir alle haben Vergleichbares nicht erlebt.

Pflöcke im Treibsand

Und das ist auch schon mein erster Punkt. Je älter man wird, desto weniger erste Male kommen einem unter. Irgendwann hört es gefühlt ganz auf. Für mich war dieses Jahr voller erster Male. Das erste Mal Homeoffice, das erste Mal versuchen, drei Kinder daheim zu beschulen, ihnen Teilhabe am online-Unterricht zu ermöglichen. Zum ersten Mal face-time mit meinem Vater, zwei Stunden bevor er gestorben ist. Ich konnte ihn ja nicht mehr besuchen in Kanada. Die erste Weihnachtsfeier per Teams. Zum ersten Mal mit dem Rad zur Arbeit. Und dann immer wieder, den ganzen Sommer lang bis in den Oktober hinein. Zum ersten Mal mit Maske einkaufen gehen und dabei versuchen, den Mindestabstand einzuhalten. Zum ersten Mal in meinem Leben Ausgangssperre. Daheim sein müssen um acht Uhr.

Wenn man etwas zum ersten Mal macht, begegnet einem etwas Neues. Man macht Erfahrungen, die einem bisher unbekannt waren. Man lernt. Klar, das ist für Manchen ganz schön hart. Vieles von dem, was einem in dieser Krise zum ersten Mal begegnet, ist nicht dazu angetan, das Gemüt zu erheitern. Wenn man den Laden jetzt zum zweiten Mal wieder zuschließen muss für weiß der Himmel wie lang, oder wenn man nicht mehr auftreten darf. In der Messe- und Veranstaltungsbranche, im Tourismus ist die Luft grad sehr dünn, da gibt es wenig Spielräume. Das ist mir durchaus bewusst. Denen, die gar nicht über die Runden kommen können, hat der Staat ja Hilfen versprochen, aber weil der Staat halt so ist wie er ist, lässt er sich damit ziemlich viel Zeit. Der Einzelhandel und auch die Gastonomie hatten größtenteils schon im ersten Lockdown Mittel und Wege gefunden, ihre Kunden dennoch zu beliefern. Unser Buchhändler vor Ort hat seine Mitarbeiter die Bestellungen einfach ausfahren lassen und viele andere Geschäfte machen es inzwischen genauso. Fast alle Gaststätten bieten Take-out oder Lieferservice für ihre Gerichte an.

Wir lernen. Wir passen uns an

Das war schon immer so. Das ist unsere Natur, deshalb waren wir auch in den letzten 50.000 Jahren so grausam erfolgreich. In der ZEIT vom 23.12.2020 stand ein kurzer Bericht über einen jungen Schiffbauingenieur. Titel: „Ich sehe mich als Corona-Gewinner“ Was? Ja, der junge Mann war im April mit dem Studium fertig. Aus der zugesagten Stelle wurde nichts. Er musste sich umorientieren und ist auf die private Seenotrettung gekommen. Was als Notnagel begonnen hat, erwies sich als Berufung und inzwischen hat er dort eine Arbeit, die ihn sogar ernährt.

Es bleibt uns momentan wenig übrig, als uns – unser Verhältnis zur Welt – neu zu denken. Ganze Branchen werden möglicherweise verschwinden. Vielleicht müssen sie das auch. Schließlich war auch vor Corona schon klar, dass wir so nicht mehr weitermachen können. Wir fahren den kompletten Planeten auf Verschleiß ,und das wissen wir alle sehr genau, nur hat es unsere Entscheidungen bisher so gut wie nicht beeinflusst. Dank Corona stehen wir aber auf einmal – notgedrungen – auf der Bremse. Wenn die Tourismusindustrie jetzt kaum noch eine Rolle spielt, dann ist das gut für uns alle, denn es schont eine Menge Ressourcen, die wir ohnehin eigentlich gar nicht mehr zur Verfügung haben.

Bullshit-Jobs vs. Grundeinkommen

Ja, ich weiß: die vielen Menschen, die ihre Jobs verlieren. Riesenproblem! Wirklich? Ich bin mir da nicht so sicher, denn ernährt, gekleidet, behaust und gebildet haben wir diese vielen Leute auch vorher schon. Ein bisschen pervers finde ich, dass das direkt an den individuellen Beitrag zum Bruttosozialprodukt gekoppelt zu sein hat. Zumal auch das oft eine Fantasiegröße ist. David Graeber, auch einer von denen, die dieses merkwürdige Jahr so einfach hinweggefegt hat, hat den Begriff der sogenannten Bullshit-Jobs geprägt, also von Arbeit, die eigentlich nichts Sinnvolles hervorbringt, die bloß als Ausrede dafür dient, dem „Arbeitnehmer“ das Geld zu überweisen, dass er zum Leben braucht. Graebers Vorschlag zur Lösung des Problems war, die Bullshit-Jobber freizustellen und ihnen ein bedingungsloses Grundeinkommen zu zahlen.

Eine Überlegung, die mir dabei gerade durch den Kopf geht: das wäre wahrscheinlich auch gut für die Umwelt: Das Pendeln würde wegfallen. Das Heizen und Beleuchten vieler Büros könnte man sich sparen, ebenso die Serverleistung, die der Mitarbeiter belegt hätte. Die Firmen würden immense Personalkosten sparen, weit über die Gehälter hinaus. Eigentlich hätten wir alle was davon.

Zurück zum Tourismus. Momentan kann man fast nirgends hin. Für die Umwelt ist das ein Riesengewinn. Schließlich ist allein der Flugverkehr zeitweise um über 70% eingebrochen. Für manche Weltgegenden ist das aber dramatisch. Wer von den Urlaubern lebt, die Devisen bringen, schaut in die Röhre. Aus diesem Blickwinkel betrachtet ist die Lage oft sehr bescheiden. Da gibt es auch keine Patentlösung, die sich ad hoc anwenden ließe. Es bräuchte weltweite Solidarität, um andere Möglichkeiten des Auskommens in den Urlaubsgebieten zu schaffen.

Klatschen oder Solidarität?

Und plötzlich bewege ich mich im Konjunktiv und das verdirbt sehr schnell die Laune, denn der Konjunktiv deutet darauf hin, dass die angedachte Lösung wohl nicht funktioniert. Solidarität ist momentan schon innerhalb Europas ein vom Aussterben bedrohtes Konzept, mindestens ein stark gefährdetes. Das geht schon bei der Solidarität mit dem Pflegepersonal los. Mehr als Klatschen vom Balkon ist uns dazu nicht eingefallen. Das ist verdammt mager. Andererseits können wir auch nicht viel mehr tun. Den Rahmen für eine faire Bezahlung unserer Pflegekräfte muss die Politik setzen und darum drückt sie sich seit Jahrzehnten recht erfolgreich. Vielleicht wäre jetzt Zeit für eine Mail an den Bundestagsabgeordneten? Ein bisschen was geht schließlich immer. Viele von uns versuchen ja auch in dem Mass, wie es ihnen möglich ist, andere zu unterstützen, lokal einzukaufen, die Lieferdienste der Gaststätten zu nutzen und vielleicht auch Gutscheine zu erwerben für Dienstleistungen für die Zeit nach dem Lockdown. Microkredite sozusagen. Alles das hilft ein wenig und ich hoffe auch, dass es in unseren Köpfen etwas verändert und unseren Blick schärft für die Dinge die zählen.

Es gibt verdammt viel zu tun für uns und diese Krise hat uns klar gezeigt, wo die Baustellen sind. Wir müssen jetzt anfangen diese Baustellen abzuschließen. Die Krise bietet uns eine einmalige Chance dazu. Wofür ich dieses Jahr dankbar bin, das sind die vielen ersten Male, diese Momente der Erkenntnis und des Lernens, von denen es in diesem außerordentlichen Jahr wirklich eine Menge gegeben hat. Mir hat das gezeigt, wie flexibel und anpassungsfähig wir sein können, wenn wir wach sind und uns auch weiterentwickeln wollen. Ich hatte alles in allem ein tatsächlich für mich persönlich erfülltes und in vielen einzelnen Momenten auch schönes Jahr voller neuer Erkenntnisse über mich selbst und uns als Gemeinschaft.

Es ist schön mit euch, Leute! Macht‘s gut, wir sehen uns nächstes Jahr!

Ein Elternbrief

In unserer Gesellschaft gibt es so unglaublich viele spannende, interessante, kompetente Menschen, die Kinder haben, und die ihren Kindern so viel bieten können, wenn sie denn zusammenkommen und sich gegenseitig Kraft geben, um ihre Kinder in deren Leben hinein zu begleiten. Dazu braucht es die Schule, unter der Kinder heute leiden, überhaupt nicht. Im Gegenteil.

Titelbild von Victoria Borodinova auf pexels

Schulen verschicken Elternbriefe um Eltern zu informieren, was in Schulen so abgeht. Diese literarische Gattung werde ich jetzt verfremden. Denn es gibt gute Nachrichten: Neuere Initiativen des Lernens, die das Kind und die Jugendliche ins Zentrum stellen, haben deshalb Erfolg, weil Mütter und Väter dahinterstehen. In zweifacher Hinsicht: Entweder sie unterstützen solche Initiativen, indem sie ihr Kind dort lernen lassen, oder sie gründen selber eine – und/oder beides. Diese ermutigende Tatsache hat mich auf den Gedanken gebracht, dass hier ein Schlüssel liegen könnte für die Überwindung unseres Schulsystems.

Liebe Eltern: Es braucht jetzt euren Widerstand

Euren Widerstand gegen das Schulsystem. Anders hört das nicht auf. Dafür braucht es jetzt euch, die Eltern: Solidarisiert euch. Tut euch zusammen und entscheidet: Wir schicken unsere Kinder da nicht mehr hin.

Lasst euch nicht mehr gegeneinander ausspielen. Lasst euch vom Schulsystem nicht mehr einreden, dass sie schließlich das beste für eure Kinder tun. Es stimmt nicht. Lasst euch nicht mehr einreden, dass die einen von euch bildungsfern sein sollen und die anderen bildungsnsah. Damit ist nämlich nur gemeint, dass manche Kinder besser mit dem klarkommen, was Schule mit ihnen macht und manche nicht so gut. Manche Kids kommen einfach besser mit Beschulung klar, andere weniger gut. Mit bildungsnah oder -fern hat das nichts zu tun.

Tut euch zusammen. Fangt damit an, euch gegenseitig zu stärken und zu unterstützen. Gebt euch gegenseitig Kraft, um auch jene Spalt-Bilder zu überwinden, die Schule und Lehrer:innen auf euch und auf eure Kinder projizieren, weil sie nicht ohne diese Schubladen sein können.

Lasst eine Elternkraft und eine Elternmacht entstehen, die aus gegenseitiger Solidarität wächst. Lasst zum Beispiel ganze Klassen nicht mehr in der Schule auftauchen. Dann wird es für Ämter schon schwieriger mit repressiven Maßnahmen, als wenn nur einzelne Eltern ihr Kind da rausnehmen.

Anders kriegen wir keine Bewegung in das System rein, das immer so weitermachen wird, solange ihr eure Kinder da hinschickt.

Denn: Es gibt andere Wege des Lernens und Wachsens, auf denen es euren Kindern besser geht und dadurch auch euren Familien, die dadurch entlastet werden, die sich gegenseitig entlasten und Ressourcen freikriegen für sich selbst, für Entwicklungsthemen, oder einfach nur fürs Wohlfühlen und glücklich sein. Klingt unwahrscheinlich? Vielleicht, aber von diesen Initiativen gibt es immer mehr. Und sie funktionieren.

Nicht nur nicht hinschicken

Statt eure Kinder nur nicht hinzuschicken, das alleine wäre ja Quatsch, könnt ihr Netzwerke bilden. Ihr könnt Netzwerke bauen in euren Lebens- und Arbeitswelten und euch konsequent verbinden, euch digital und analog vernetzen, die Bildungs- und Lernarbeit eurer Kinder selber organisieren, indem ihr die analogen und physischen Räume unserer Gesellschaft nutzt, indem ihr sie öffnet, indem sich dort Akteure vernetzen und aktiv werden, und indem ihr Lernen und Bildung zu einer lebendigen, fundamentalen, lustvollen Tätigkeit von Zivilgesellschaft macht. Der Film Caraba erzählt übrigens von dieser Vision.

Zum Beispiel

  • Gerade jetzt könnte doch ein großartiges Netzwerk zu spielen anfangen: Wenn ihr Eltern eure beruflichen Verbindungen spielen lasst, die Kontakte zu euren Arbeitgeber:innen, falls ihr nicht selber welche seid, eure eigene Firma ins Spiel bringen, Kontakte zu interessanten, neuen Unternehmensformen spielen lassen. Kleine und kleinste Gruppen von Lernenden könnten entstehen, womöglich unterstützt durch Sozialarbeitende, durch Institutionen, die Sozialpädagogik anbieten.
  • Ihr könntet anfangen, miteinander Gesellschaft in Besitz zu nehmen, um euren Kindern und Jugendlichen das Lernen zu ermöglichen, das sie brauchen – und lieben. Ein Lernen, das mitten in ihren Lebenswelten stattfindet. Freigelassen und quasi „unisoliert“, losgelöst von den künstlichen Grenzen des Schulsystems, die sie bisher in diese engen, beengten und beengenden Lehrräume sperren – mental ebenso wie physisch.
  • Das Lernen und das Entwickeln von Kompetenz eurer Kinder und Jugendlichen könnte sich ausbreiten in diese Lebens-, Lern- und Arbeitsräume, in denen sie dann, jederzeit gut geschützt und begleitet, mit Abstandsregeln und Hygieneregeln, die besser wären als in jeder Schule, das Leben kennen und begreifen lernen. Begleitet und betreut durch ältere Schüler:innen, die Verantwortung übernehmen (lernen) wie früher in der Jugendarbeit, begleitet durch Auszubildende in Firmen oder auch Studierende, denen gerade selber die Pläne durcheinander geraten, die gemeinsam Verantwortung übernehmen und sich um kleine und Kleinstgruppen von Lernenden kümmern, die ihnen auch gar nicht fremd sein müssen, weil Geschwister oder andere Anverwandte in ihnen vorkommen.
  • Es gäbe da womöglich auch diese bis aufs Blut ausgenützten Praktikant:innen, die für wenig Geld, meist in Firmen der Kreativbranche, für dubiose Karriereversprechen ihre jungen Jahre opfern: Die hätten womöglich Lust und in jedem Fall Zeit und andere Ressourcen, mit Jugendlichen zusammen was zu arbeiten. Es gibt Leute in Sport- und anderen Vereinen, die sich ehrenamtlich um junge Menschen kümmern, die könnten jetzt aktiviert werden. Die Bänker könnten ihre Krawatten ablegen und ihre Teppichetagen lüften.

Wenn wir jetzt als Gesellschaft in Bewegung kommen würden, Ideen zusammenbringen und Engagement, wenn wir die vielen unsichtbaren und sichtbaren Mauern und Grenzen ignorieren und aufeinander zukommen würden, um die Verantwortung für die kommende Generation zu teilen, statt sie weiterhin einfach in diese Kaninchenställe zu stecken:

Dann würde Schule womöglich merken und begreifen, dass es ohne sie geht; Dass es erst recht ohne sie geht. Dann kommen die vielleicht auf die Idee, was sie von sich her tun könnten, damit es mit ihnen geht.

Diese Idee des dichten Vernetzens von Lernen und Bildung mit allen möglichen Akteur:innen der Gesellschaft liegt übrigens auch der Agora zugrunde, einem innovativen Ansatz von Schule, der sich gerade in den Niederlanden erfolgreich etabliert.

Sollen Schulen mittelmäßige Roboter hervorbringen oder erstklassige Menschen? Und: Welche Art von Bildung brauchen wir, um die Probleme zu lösen, mit denen wir als Gesellschaft gegenwärtig konfrontiert sind? Nils Landolt hat die Antworten.

Schafft für eure Kinder Lernräume, in denen es um ihre Zukunft geht

Schule, wie sie heute ist, steht weder auf der Seite der Kinder, noch auf der Seite der Eltern. Sie ist ein rein selbstbezüglich funktionierender Apparat, in dem es nur darum geht, dass er sich selbst aufrecht und am Leben erhält: seine Beschulungskultur, seine Be- und Entwertungskultur, seine Instruktions- und Unterrichtskultur, das künstliche Einteilen von Menschen in Jahrgangsgruppen, die alles und jeden gleichschaltende Präsenzkultur – das alles gibt es nur, damit der Apparat Schule sich und seine Prozesse aufrecht halten kann, damit er sich selbst irgendwie am Laufen halten kann.

Um Kinder und deren Zukunft geht es da nicht.

Das müsst ihr Eltern endlich begreifen, und womöglich habt ihr das längst begriffen und traut euch einfach nicht, dagegen aufzustehen.

Tut euch zusammen, sucht euch Unterstützung durch andere und mit anderen Eltern, immer mit dem Fokus auf die Kinder, deren aktuelles Wohlergehen und ihre Zukunft – und auf die Zeit dazwischen. Nehmt das Lernen, die Bildung und damit die Zukunft eurer Kinder selber in die Hand. Und wenn das unter Einbezug von Schule ist: ok.

Entscheidend ist doch, dass ihr als Eltern zusammen mit euren Kindern darüber bestimmt, wie, wo, was und mit wem die wann lernen.

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Solidarität zwischen Eltern – der Kinder wegen

Ihr könnt euch gegenseitig stärken im Vertrauen auf eure Wahrnehmung, was die Zukunftschancen und Zukunftspotentiale eurer Kinder betrifft. Ihr könnt diesbezüglich sprachfähig werden und auch sprachmutig.

Das mit der Solidarität zwischen den Eltern meine ich bitterernst, denn Eltern wissen schon seit Generationen, dass das, was Schule mit Kindern macht, im besten Fall suboptimal auf Zukunft vorbereitet und auch gar nicht bei der Gegenwart ihrer Kinder ansetzt. Schule wird den individuellen Lebensgeschichten, Bedürfnissen und Potenzialen von Kindern nicht gerecht. Das kann sie gar nicht von ihrem Aufbau, von ihrem Selbstverständnis, von ihren Strukturen, Aufgaben, Funktionen und Prozessen her. Das ist alles im Gegenteil darauf angelegt, das Individuelle am Lernen zu minimieren, um „alle zu erreichen“. Was für ein Quatsch!

Als Eltern wisst ihr, dass Prüfungen eure Kinder von individueller Entwicklung abhalten, weil sie den Fokus vom Individuum und seiner Entwicklung weg lenken. Schule verhindert, das euer Kind sich intensiver mit Phänomenen auseinandersetzt, die ihm oder ihr entsprechen, und weil sie dort ihre Talente und Potenziale haben. Schule kann euren Kindern gar nicht die Förderung geben, die sie brauchen, um an ihre Potenziale heranzukommen. In der Schule bedeutet „Förderung“ immer eine Unterstützung von Kindern beim Anpassen an die offizielle Lehr-Lern-Doktrin. Förderung soll aus Schulperspektive dafür sorgen, dass Kinder im Ablauf weniger auffällig werden.

Als Eltern wisst ihr, dass Noten und Prüfungen und alle die anderen Be- und Entwertungsstrategien von Schule überhaupt nichts über euer Kind und über dessen oder deren Potenziale aussagen, sondern nur etwas über ihre und seine Anpassungsmöglichkeiten an das Selektionssystem Schule.

Das alles wisst ihr als Eltern. Eure Kinder spüren es, ihr wisst es. Wir alle haben es durchgemacht. Was es jetzt braucht, um dem allem Einhalt zu gebieten, um der Kinder und um deren Gegenwart und Zukunft willen, und dadurch eben auch für das Wohlergehen der Familien (Kinder, die sich entfalten können und deren individuelle Entwicklungswege respektiert werden, die werden auch zu anderen Kindern in familiären Kontexten), ist eine Solidarität von euch Eltern untereinander um eurer Kinder willen.

Es braucht Eltern wie dich, die einander Kraft geben um sagen zu können: erstens schicke ich mein Kind nicht mehr da hin, und zweitens sorgen wir gemeinsam für Alternativen.


In unserer Gesellschaft gibt es so unglaublich viele spannende, interessante, kompetente Menschen, die Kinder haben, und die ihren Kindern so viel bieten können, wenn sie denn zusammenkommen und sich gegenseitig Kraft geben, um ihre Kinder in deren Leben hinein zu begleiten. Dazu braucht es die Schule, unter der Kinder heute leiden, überhaupt nicht. Im Gegenteil.

Ich bin ganz sicher, das in jeder Mutter und in jedem Vater eine Utopie schlummert, die vielleicht auch etwas mit der Beziehung zu tun hat, die du zu deinem Kind hast, eine Utopie von einem guten Leben. Auch von einem guten Leben miteinander und untereinander. Vorstellungen von einem gelingenden Ko-Existieren.

Photo: Karen Robinson for the Observer


Da geht es um die brandaktuelle Frage, wie wir zusammenleben wollen als Gesellschaft, und wie wir uns allen gemeinsam eine Chance geben wollen auf ein glückliches, gesundes und nachhaltiges Leben. Das hat so wahnsinnig viel mit der Art und Weise zu tun, wie wir mit unseren Kindern und Jugendlichen umgehen, und was wir denen ermöglichen und vorenthalten – auch an sozialen Erfahrungen. Von dieser Seite nähere ich mich der Bildungsthematik.

Diese Utopie oder Vision gemeinsam zu artikulieren und in der ganzen Vielfalt und Heterogenität zur Ausgangslage für Bildung, Lernen und Erziehung zum machen, das ist, finde ich, eine ganz zauberhafte Utopie, in der wir uns zwar von Anfang an in Ruhe (leben) lassen – um dann dort „gemeinsam zu werden“, wo wir um der Kinder willen gemeinsam etwas unternehmen.

Kultursoziologie und Sozialpsychologie lassen Rückschlüsse darauf zu (Rudger Bregman schreibt seit Jahren darüber), dass Menschen, auch die, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben (wollen), die einander eher aus dem Weg gehen, die misstrauisch sind, die argwöhnisch sind, weil sei aus verschiedenen Kulturen kommen, und weil sie sich und andere anderen Schichten zuordnen,

dass Menschen in dem Moment willens und fähig werden, an einem Strang zu ziehen, wenn sie ein gemeinsames Anliegen artikulieren können. Und das könnten doch die Kinder sein. Also für einmal nicht „der gemeinsame Feind“, gegen den sich Menschen kurzzeitig verbünden, sondern ein positives, lebensförderliches Anliegen, ein Ziel: die Kinder. Nicht „Schule“ als zu bekämpfender Feind, sondern die solidarische Entwicklung neuer Lernwelten.

Raus aus dem autoritären Obrigkeitsdenken

Und vielleicht gehört zu diesem Weg und Prozess auch, dass wir Erwachsene aus dem tief in uns verankerten, autoritären Obrigkeitsdenken rausfinden, das uns durch Bildung und Erziehung eingeimpft wurde – und das wir uns schon als Kinder aktiv einverleibt haben: Wer in der Schule das Sagen hat, wer über Zugänge und Übergänge im Kontext von Karrieren und damit Lebenswegen bestimmt, und wie stark das in der Schule heute noch gekoppelt ist an autoritäre und adultistische Beziehungsstrukturen und Rollenverständnisse.

Auch da ist für dich und mich ein persönlicher und ein kultureller Fortschritt möglich, indem wir anfangen zu reflektieren, mit welchen Erfahrungen und Rollenbildern wir selber als Eltern unterwegs sind, und warum wir deshalb auch (unbewusst) unseren Kindern diesen Weg zumuten. Die müssen aber gar nicht diesen Weg gehen.

Und um was es mir in all dem gar nicht geht, und was ich damit auch gar nicht anstoßen möchte, ist dass wir Kinder ausspielen gegen das Schulsystem, dass wir sie in die erste Frontreihe eines Erwachsenenkrieges stellen im Kampf gegen irgendein System. Ich habe jederzeit vor Augen, dass es uns dabei tatsächlich um Kinder geht, um deren Wohl, um deren Entwicklung, um deren Gegenwart und Zukunft.

Oder um einen der beeindruckensten Anwälte der Kinder zu Wort kommen zu lassen – Remo Largo:

Loslassen ermöglicht den Neuanfang

aktualisiert am 31.12.2020

Die Medien sind voll mit Aufrufen, jetzt endlich umzudenken, Alternativen zu entwickeln, den Neuanfang zu wagen. In der Politik, in der Ökonomie und in der Bildung, beim Einsatz von Technologie, in der Gestaltung von Gesellschaft und Arbeit, in Fragen des Klimas und der Ökologie. Kein Bereich ist ausgeschlossen. „Fünf vor Zwölf“ ist die Maxime. Gleichzeitig machen wir weiter wie bisher. Woher dieser Widerspruch, und wie finden wir aus ihm heraus?

In meiner Arbeit mit trauernden Menschen habe ich gelernt: Trauern macht Loslassen möglich. Nicht die rationale Einsicht. Auch nicht Ratschläge oder Drohungen („Jetzt reiß dich doch zusammen!“).

Das gilt nicht nur im Angesicht des Todes. Ich sehe da einen Zusammenhang mit unserer Situation als Gesellschaft, als menschliche Gemeinschaft. Mit der schier ausweglosen Lage, in die wir uns und den Planeten manövriert haben. Mit der kollektiven Weigerung, das eigene Verhalten zu ändern – und loszulassen.

Wir stehen gerade vor einer Weiche: Setzen wir unsere wuchtigen technischen Möglichkeiten für eine Humanisierung unserer globalen Lebensverhältnisse ein und für den Erhalt unserer Lebensgrundlagen? Oder treiben wir den Wahn auf die Spitze, bis die Lichter ausgegangen sind?

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Übergänge. Foto: Christoph Schmitt

Anerkennen: Es ist vorbei

Wovon hängt es ab, wie wir uns entscheiden? Von Wissen und Einsicht nicht. Wir wissen, was wir dem Planeten antun und unseren Kindern hinterlassen – und wir machen so weiter. Wir leiden unter Bullshit-Jobs und harren aus. Wir spüren und sehen, wie unsere Kinder unter Schule leiden und lassen es zu. Uns ist klar, dass eine Partnerschaft am Ende ist, und wir bleiben. Wir vermuten, dass insgesamt irgendetwas ziemlich schief läuft – und ziehen unser Ding weiter durch.

„Es braucht halt Zeit“. So die schulterzuckende Reaktion: Menschen verändern sich nicht von heute auf morgen. Organisationen erst recht nicht. Das mag stimmen, kann aber auch eine große Ausrede sein.

Die ökologische und humane Katastrophe vollzieht sich täglich. Wir werden mit Bildern von ihr überschüttet, mit Analysen und mit Forderungen, endlich Lösungen anzukarren. Wir wissen, womit wir aufhören müssen, wir wissen, was wir stattdessen zu tun haben – und fahren fort. Noch einmal: Warum?

Meine Antwort habe ich in den unzähligen Begegnungen mit trauernden Menschen gefunden. Der Moment, in dem sie loslassen, ist es ein Moment der Entkrampfung, ein Zulassen von Schmerz über den Verlust und seine Endgültigkeit.

scherbenhaufen
Scherbenhaufen. Foto: Christoph Schmitt

Einen Bogen um die Trauer machen

Aber wer sollte solche Gefühle wollen? Auch trauernde Menschen machen um diesen Schmerz erst einmal einen Bogen. Auch Menschen, die selbst eine schreckliche Diagnose bekommen, die erfahren, dass ihr Tod unausweichlich ist, wollen das erst einmal nicht wahrhaben. Je mehr ich zu verlieren habe, umso mächtiger bauscht sich die Hoffnung auf, das Festhalten.

Jedoch: Die Kraft und der Wille, mit dem Selbstbetrug aufzuhören und der Realität ins Auge zu sehen, die kommen aus dem Trauern – und zwar um den Verlust: Auch um den Verlust von Menschen, die auf der Flucht ertrunken sind, um verhungernde Menschen im Jemen, um die Opfer von Amokschützen und pseudoreligiösen Fanatiker’innen, um den Verlust von Respekt und Menschlichkeit in unserer eigenen Gesellschaft, um die elenden Lebensbedingungen industriell produzierter Tiere, um die Situation von Arbeitssklav’innen – Ihnen als Leser’in fallen ganz sicher noch mehr solche traurigen Situationen ein.

Ich bin zu der Überzeugung gekommen, dass ein wichtiger Grund für das globale Leid und sein Anwachsen mit der Angst und der Weigerung zu hat, um etwas zu trauern und loszulassen.

Damit fangen wir aber erst an, wenn wir realisiert haben, dass etwas unwiederbringlich vorbei ist und verloren: Eine Schimäre von Wohlstand und Wachstum, an die wir geglaubt haben, wie frühere Generationen an einen Gott. Die Hartnäckigkeit, mit der wir das „Vorbei“ leugnen, hat sehr viel mit der Angst vor dem Verlust zu tun. Ein Verlust, der sich in diesem Moment längst vollzogen hat – den wir aber nicht akzeptieren können.

Jedoch: Wenn mein Verlust real ist, dann ist es auch meine Trauer. Dann sollte ich mich nicht für sie schämen. Ihr Ausdruck zu verleihen, ist die Voraussetzung dafür, damit ich  loslassen kann und abschließen. Je ernster die Lebenslage, um so wichtiger das Loslassen. Je größer der Verlust, umso wichtiger das Trauern darüber – denn das Trauern macht Loslassen möglich – und das den Neuanfang.

rose im müll
rose & rubbish. Foto: Christoph Schmitt

Das Ritual: Wie Trauern und Loslassen möglich werden

Mir hilft ein einfaches Bild, um den Übergang zu verstehen, der sich in der Trauer vollzieht: Wenn ich einen Verlust realisiere, füllt sich mein Rucksack mit Wut, Schmerz, Angst und Resignation, die mich wie schwere Gewichte nach unten ziehen und alles zäh machen und unbeweglich und die Zukunft verdunkeln. Durch mein Trauern verwandelt sich diese Last in eine reale Leichtigkeit. Dazwischen liegt das Loslassen, das seine Zeit braucht – und Solidarität.

Hier kommt das Ritual ins Spiel. Das qualifizierte. Das gemeinschaftliche. Trauern ist kein einsamer Akt. Trauer ergreift immer eine Gruppe von Menschen. Um eineN SterbendeN trauert immer eine Gemeinschaft. Kein Verlust der Welt betrifft nur einen einzelnen Menschen. Deshalb versammeln sich nach Flugzeugabstürzen nie einzelne Hinterbliebene, sondern alle Trauernden. Trauern und Loslassen brauchen eine Gemeinschaft. Das ist kein Zufall sondern ein wesentliches Element des Trauerns – und des Loslassens. Selten sind Solidarität und Schulterschluss so wertvoll, wie in der Trauer.

Die Zeit des Loslassens ist die Zeit des Rituals, der gemeinsam durchlebten Trauer angesichts eines Verlusts. Wir realisieren, dass etwas Wertvolles zu Ende gegangen ist: Eine gemeinsame Zeit, ein Projekt, ein Lebensabschnitt, ein Traum. Diesen Abschied gemeinsam zu vollziehen, ist der erste Schritt in die Zukunft.

Der Nutzen von Ritualen in der Arbeitswelt

Als Coach und Organisationsberater habe ich den Eindruck, dass in Veränderungsprozessen genau hier sehr oft der Knackpunkt liegt: Ein gescheitertes Geschäftsmodell wird mal eben „begraben“, ein abgestürztes Start-up schnell „beerdigt“. Menschen werden mit einem warmen Händedruck entlassen oder outgesourct. Maßnahmen der Organisationsentwicklung werden zwecks Umsetzung mal eben kommuniziert. Kurz und schmerzlos muss es sein.

Warum ist das eher nicht hilfreich? Weil es immer um reale Menschen geht und um deren Zukunft. Um deren Hoffnungen und Ängste. Um die Anstrengung, die es bedeutet, einen neuen Anfang zu machen. Weil Verlust immer mit Trauer einhergeht, die krank macht, wenn sie keinen Ausdruck findet. Weil sich durch diese Hauruck-Verfahren die Zukunft von Menschen verdunkelt.

Wenn es stattdessen gelingt, gemeinsam einen wertschätzenden Akt des Loslassens um das Ende einer Epoche und einer Hoffnung zu vollziehen, dann werden die Betroffenen fähig, einen neuen Anfang zu machen. Ein qualifiziertes Ritual fängt die Emotionen der Trauer(nden) auf. Es ermöglicht das Loslassen und damit einen wirklichen, gemeinsamen Abschluss. Das Ritual erlaubt mir, einen Unterschied zu bilden zwischen dem, was ich loslassen muss und dem, was ich in die Zukunft mitnehmen werde, weil es wertvoll ist und bleibt.

Nicht zuletzt erwächst den Beteiligten aus der Erfahrung, diesen Abschluss und dieses Loslassen gemeinsam geschafft zu haben, eine wertvolle Kraft für den Neuanfang!

Es klingt groß, fängt aber im kleinen an: Wenn es uns gelingt, dort wo wir leben und arbeiten, in kleinen Gruppen und Gemeinschaften zu trauern – nicht nur über den Verlust der eigenen Geschäftsmodelle, Lebensträume und Gewissheiten, sondern ebenso über den Verlust an Leben und Hoffnung „around the world“, dann entwickeln wir ein belastbares Fundament der Solidarität. Wenn wir Rituale des Abschieds und des Loslassens (wieder) in unser Leben und Arbeiten lassen, Rituale die uns erlauben, etwas loszulassen, was uns bereits davon geschwommen ist, dann retten wir damit die Welt. Unsere eigene ebenso wie die unserer Mitmenschen.

Loslassen befreit nicht nur. Es verbindet.

 

Banksy_Girl_and_Heart_Balloon_(2840632113)

Banksy/wikipedia