Bildungsaktivist | LinkedIn Top Voice | Colearner | TEDx Speaker | Bildungsdesigner | Bildungsethiker | systemischer Coach & Supervisor | Rituals Expert | Blogger | Nörgler | Ressourcenklempner. Ich unterstütze alles, was mit Aus- und Aufbrechen aus Beschulung zu tun hat. Für Jung UND Alt. Meine Kernkompetenz: Entwicklung ganzheitlich begleiten, moderieren, inspirieren.
Vor wenigen Tagen hat Gunnar Sohn mich interviewt zu meinem aktuellen Buch „Die Moral ist tot. Es lebe die Ethik.“ Es wurde ein spannendes Gespräch über Möglichkeiten und Chancen einer ethischen Bildungsarbeit auf Augenhöhe – jenseits dessen, was wir uns bis heute an Schule gewohnt sind – und was nirgendwo hin mehr führt. Eine Kurzversion des Interviews gibt es hier:
Gunnar Sohn ist ein äußerst agiler und erfolgreicher deutscher Wirtschaftspublizist und Medienberater. Er vernetzt digitale Akteure, die an einer kollaborativen Gestaltung einer neuen Netzökonomie und -soziologie interessiert sind.
Gunnar Sohn
Für mich war diese Arbeit mit ihm denn auch ein exzellentes Lehrstück über digitale Kommunikation. Ich bin begeistert über die Art, wie er sich in den Sozialen Medien bewegt, wie er Themen platziert, Menschen einbezieht und vernetzt. Das macht nicht nur richtig Spaß. Es beeindruckt mich und zeigt mir, in welche Richtung wir uns bewegen werden, wenn wir erfolgreich sei möchten und zugleich gute Sachen auf den Weg bringen.
Derzeit nehme ich an einem MOOC teil mit dem Namen Leuchtfeuer 4.0. Worum es da geht, erfahrt Ihr unter anderem hier.
An einem MOOC teilnehmen heisst in unserem Fall: ihn mit gestalten. Also schreibe ich alle zwei Tage eine Kolumne auf linkedin über das, was gerade so passiert in den Foren des MOOC – und welche Themen gerade dran sind. Zudem durfte ich für zwei Tage mit einer Kollegin zusammen die Themenpatenschaft übernehmen – und vor zwei Tagen ein Interview mit Dominic vom Netzwerk Neubad Luzern führen.
Im Interview stellt er das Projekt vor und hat mich völlig begeistert von der Idee, die hinter all dem steckt. Aber hört selber rein:
Die schlimmsten Aufforderungen sind die, die von Anfang an zum Scheitern verurteilt sind. Wir nehmen sie ernst, tun unser Bestes – und floppen. Im Fachjargon reden wir von Double Bind: „Sei spontan!“, oder „Überrasch mich mal!“ In einer einzigen Nachricht stecken zwei widersprüchliche Botschaften.
Auch der Auftrag an die Bildung, die Welt zu verbessern, ist so eine Aufforderung. Wenn sie nämlich damit anfängt, löst sie umgehend Gegenreaktionen aus. Warum? Weil Verbesserung immer mit Veränderung zu tun hat. Und die tut weh. Vom Mathematiker Georg C. Lichtenberg stammt der Spruch dazu: „Es ist nicht gesagt, dass es besser wird, wenn es anders wird. Aber wenn es besser werden soll, muss es anders werden.“
Und es gibt noch einen Grund: Bildung und ihre Einrichtungen (z.B. Schulen und Hochschulen) haben bis heute den Auftrag, Gesellschaft zu reproduzieren, nicht sie zu verändern. Letzteres macht höchstens die Forschung. Die so genannte „Lehre“ bildet Bestehendes ab und gibt es an die nächste Generation weiter: Strukturen, Hierarchien, Welt- und Menschenbilder. Und jede Menge Informationen, die sie als Wissen ausgibt wie die Kantine das Essen.
Der traditionelle Schulbetrieb ist ein Überbleibsel der Industrialisierung, das sich in unseren Kulturen eingenistet hat. Er dient vor allem dem Erhalt eines Gesellschafts- und Menschenbildes, das bis heute eine Mischung aus Taylorismus, preussischer Diszipingläubigkeit und einem Rest protestantischer Wirtschaftsethik im Windschatten eines Max Weber ist.
Wer der Bildung jetzt den Auftrag gibt, die Welt zu verbessern, sagt zwischen den Zeilen: „Wasch mich, aber mach mich nicht nass.“ Unsere herkömmliche Bildung kann die Welt gar nicht verbessern, weil und solange sie den Auftrag hat, Bestehendes zu bewahren. Deshalb muss die Gesellschaft erst einmal dafür sorgen, dass die Bildung sich verändert. Damit sind wir gemeint. Du und ich.
Nicht die Bildung verändert die Welt – sondern umgekehrt
Das ist aus zwei Gründen nicht so schwierig, wie es klingen mag. Erstens verändert sich die Welt so oder so. Im Moment sogar ganz radikal. Zweitens sind es immer Menschen, die die Welt verändern. Nicht die Systeme. Wirkliche Veränderungen entstehen immer ausserhalb des Bildungssystems. Krass, nicht wahr? Wozu dann Bildungssysteme? Das frag ich mich auch schon länger. Denn um Lesenschreibenrechnen zu lernen, braucht es sie ja auch nicht. Da ist längst erwiesen. Hinzu kommt: Der technische und der menschliche Fortschritt auf dieser Welt waren und sind keine direkte Folge schulischer Bildungskultur. Es waren ja nicht die Lehrer von Steve Jobs, die das iPhone erfunden haben. Die Orte, an denen solche Innovationen entstehen, haben so wenig mit Schule zu tun wie der Mathematikunterricht mit einer dynamischen Entdeckerkultur. Der erstickt sie ja eher im Keim (und redet sich am Ende immer damit raus, dass die Schüler halt zu doof und der Lehrplan zu voll seien). Die Alternative ist längst bekannt. Sie heißt Makerspace.
Eine Schlussfolgerung daraus könnte lauten: Gerade, weil sich unsere Lebens-und Arbeitswelten derzeit so stark und so schnell verändern wie selten zuvor, geben wir als Gesellschaft der Bildung den Auftrag, ihren eigenen neu zu interpretieren. Lehrende, Schulleitende, Politiktreibende, Verwaltungsfachleute, Führungskräfte, Studierende, Eltern und ihre Kinder tun sich zusammen und legen gemeinsam los. Weil wir begreifen, dass und wie wir uns momentan radikal verändern, interpretieren und gestalten wir den Auftrag von Bildung neu.
Wir werden uns darüber klar, dass Bildung, Gesellschaft und Ökonomie einander nicht gegenüberstehen, sondern im selben Feld spielen. Miteinander und nicht gegeneinander. Ein neuer Auftrag für die Bildung könnte dann lauten: Menschen lebenslang alles zur Verfügung zu stellen, was diese brauchen, um sich zu Weltverbesserern heran zu bilden. Konkret:
Statt auf Schule zu machen ermöglicht Bildung auf allen Ebenen selbstbestimmtes, selbstverantwortetes, kollaboratives und ko-kreatives, projektorientiertes, Disziplinen übergreifendes, auf Kompetenz und Performanz hin angelegtes Lernen.
Um das leisten zu können, vernetzt sich Bildung jederzeit kreuz und quer mit diversen Funktionsträgern aus Kultur, Ökonomie und Gesellschaft.
Sie fokussiert nicht mehr länger auf das isolierte Individuum, sondern versteht Lernen endlich als das sozial-kollaborative Phänomen, das es ist.
Ganz wichtig: Weil Schule aufgehört hat, aus Menschen Schüler zu machen, weil sich Klassenzimmer und Seminarräume in ihre Bestandteile aufgelöst gelöst haben, organisiert sich das Lernen neu: kreativ, lustvoll, zielgerichtet, moderiert.
Bewertung, Selektion und Zertifizierung sind endgültig weggefallen. Nicht mehr Defizite stehen im Zentrum, sondern ausschliesslich Ressourcen und Potenziale.
Bildung bereitet nicht mehr auf Zukünftiges vor, sondern nimmt es mit ihren KlientInnen zusammen konsequent vorweg. Als Institution lernt die Bildung, von der Zukunft her zu denken und zu handeln, wie Lorenzo Tural Osorio das vorschlägt.
Diese Artikel erschien zuerst leicht angepasst in der pädagogischen Fachzeitschrift schulpraxis.
St dasHeute begann das Projekt „Regionale Bildung 4.0“ und ich freue mich sehr darauf, mit Hilfe dieses Projektes bei den eigenen Überlegungen durch den anstehenden Austausch voranzukommen. Weiterhin habe ich auch die Hoffnung mit eigenen Impulsen etwas der Community zurück geben zu können.
Das Projekt ist in zwei Stufen unterteilt.
Stufe: ist der Leuchtfeuer 4.0 MOOC. Hierbei handelt es sich um einen zweiwöchigen Online-Kurs, der auf der MOOC Plattform mooin. Dieser MOOC stellt folgende Themen in den Vordergrund:
Neue Entwicklungen
Neue Berufe
Neue Räume
Öffnungsprozesse
Motivation & Nutzen
Finanzen & Organisation
Stufe: besteht in einer Expedition zu verschiedenen regionalen und digitalen Modellansätzen im ländlichen und städtischen Raum. Was lernt man an Orten wie Makerlabs und CoWorking Spaces und inwiefern wandeln sich Institutionen wie Bibliotheken und Volkshochschulen, um mithalten zu können? (Zusammenfassung auf edysssee (Esther Debus-Gregor) am 16.04.2017 „Neue Lernräume entdecken: Leuchtfeuer 4.0 – der MOOC„)
Wenn wir von Sklaverei sprechen, dann produzieren wir vor unserem inneren Auge zuerst einmal materiell benachteiligte Menschen. Menschen mit wenig oder gar keiner Bildung. Menschen, die von anderen Menschen in Lebens- und Arbeitsverhältnisse gezwungen werden, die gemäß unseren aufgeklärten Denkmustern menschenunwürdig sind. Menschen in Abhängigkeitsverhältnissen, in denen wir uns ein Leben nicht vorstellen mögen. Menschen, die sich nicht selbst gehören.
Anschließend deponieren wir das so konstruierte Phänomen der Sklaverei im konkreten Irgendwo. Dieses Irgendwo zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass es „woanders“ ist. Wir legen die Sklaverei an Orten ab, die weit weg sind von den Orten, an denen wir arbeiten und leben. Wir ver-orten Sklaverei in „der dritten Welt“ oder dort, wo Schurkenstaaten von Arbeitssklaven Fussball- und Olympiastadien bauen lassen – oder wir legen sie ganz und gar in der afro-amerikanischen Vergangenheit ab, wie ein Blick in die Bildkartei von Google zeigt. Wir lassen also innere Bilder warm werden von Menschen mit anderer, bevorzugt dunklerer Hautfarbe. Wir erinnern unseren Nachwuchs mit erhobenem Zeigefinger oder grellem Powerpoint-Marker an die Völkermorde und Holocauste dieser Welt und stimmen in den Chor der Aufgeklärten ein, dass das alles nie wieder geschehen darf. Luther-King-reloaded. Dabei ist das Phänomen der Sklaverei weder in der „dritten Welt“ noch sonst wo überwunden oder abgeschafft. Es ist auf bizarre Weise selber versklavt.
Sklaverei ist allgegenwärtig
Einerseits ist das, was wir in einem immer kleiner werdenden Teil der Welt „Wohlstand“ nennen, durch die Zunahme von Sklaverei, Ausbeutung und Vernichtung der Lebensgrundlagen in einem immer größer werdenden Teil der Welt erkauft. Durch Vernichtung bestehender Lebensgrundlagen, kultureller Kräfte und Traditionen, durch fortwährende geistige, materielle und ökonomische Kolonialisierung. Was wir Wohlstand nennen, lebt vom Export all jener Faktoren, die ihn gefährden könnten. Das reicht von prekären Arbeits- und Produktionsbedingungen, über fortwährend fehlende medizinische Versorgung, die Abwesenheit sozialer Sicherungssysteme bis zu einer Bildung, die nicht über Lesen/Schreiben/Rechnen hinaus geht – wenn sie überhaupt bis zu diesem Punkt existiert.
So wie wir aus den „armen Ländern“ bevorzugt die Rohstoffe importieren, um dann aus deren Weiterverarbeitung den eigentlichen Profit zu schlagen, so exportieren wir genau dadurch quasi im Gegenzug die „Rohstoffe“, aus denen dann andernorts Konflikte entstehen und Umweltverschmutzung und Ausbeutung: Es ist vor allem der Kampf um Rohstoffe, um Wasser und Land, der gegenwärtig zum Konflikttreiber Nummer eins geworden ist. Weltweit. Und dieser Kampf ist der Hauptexportartikel der ersten Welt. Die einzigen, die davon vordergründig profitieren, sind wir und unsere Geschäftspartner vor Ort. Was der Nahrungsmittelkonzern Nestlé z.B. weltweit zum Thema „Trinkwasser“ ungestraft und unter den Augen all derer praktiziert, die über Internetanschluss verfügen, schreit zum Himmel.
Zwar reden wir davon, dass heute insgesamt weniger Menschen an Hunger, Krankheit und mangelnder Bildung leiden. Zugleich wissen wir aber sehr genau, dass die Abwesenheit solcher Übel allein keinerlei Garant für Lebensqualität darstellt, oder dass dadurch inhumane Gender-Traditionen überwunden würden, oder religiösen Fanatismen der Boden entzogen. Nichts davon findet statt. Und wir wissen auch, dass der Anteil der Hungernden, Kranken und nicht Gebildeten zwar im Vergleich zu den Gesamtbevölkerungszahlen abnehmen mag, dass dieser vermeintliche Fortschritt aber durch das dramatische Wachstum der Bevölkerung und die zunehmend ungleiche Verteilung der Gesamtanteile an materiellen Reichtümern längst eingeholt ist.
Die unsichtbare Sklaverei vor der eigenen Haustür
Andererseits feiern die Kernelemente klassischer Sklaverei in unseren eigenen Breiten fröhlich Urständ. Natürlich kann man diese Verwendung des Begriffes hinterfragen oder sogar verneinen, denn ursprünglich besteht das Wesen der Sklaverei ja darin, dass ein Mensch „vorübergehend oder lebenslang als Eigentum anderer behandelt“ wird. Mich treibt allerdings in diesem Zusammenhang der folgende Gedanke um: Kann ich wirklich nur dann und solange von Versklavung reden, wenn andere mich als ihr Eigentum behandeln? Oder ist es denkbar, dass es sich auch dann um Versklavung handelt, wenn ich das mit mir selber mache: Mich als Eigentum behandeln? Mir so vorkommen, als könnte „man“ ganz generell einen Menschen besitzen – sich also selbst an die Kette legen. Ein konkretes Beispiel:
Im Prinzip hat die Firma in der und für die wir arbeiten, vor allem eine Funktion in unserem Leben: Wir brauchen sie als die große Ausrede, warum wir genau so leben müssen, wie wir es tun, als Ausrede dafür, warum sich nichts ändern kann, und warum wir so weitermachen müssen wie bisher. Egal wo ich hinhöre, aus den Sprechblasen klingen mir die Argumente von Sklaven entgegen: Wenn wir uns bewegen, spüren wir einzig unsere Ketten. Dann denke ich mir: Ja, womöglich leben wir noch immer, wieder neu, erst recht in einem Zeitalter, in dem die arbeitende Klasse versklavt ist, sich ducken muss und den Mund halten. In dem sie keine Wahl hat und froh sein muss um ihren Job. Nur: Im Unterschied zu den Zeiten, in denen der Mensch durch andere Menschen versklavt wurde, ist es heute so, dass wir selbst es sind, die sich versklaven. Weil wir einen Lebensstandard für unverzicht- und unaufgebbar halten. Einen, der diese Welt (und den Großteil der Menschheit) erstickt. Einen Lebensstil, der selbst wenig anderes ist als eine Versklavung.
Was kommt nach dem Ende des „Brot-und-Lohn-Märchens“?
In wenigen Jahren wird das „Brot-und-Lohn-Märchen“ zu Ende erzählt sein, weil es zum einen nur noch einen Bruchteil der Arbeit gibt, die wir heute als unverzichtbar wähnen, und zum anderen weil das, was an Arbeit übrig bleibt oder neu entsteht, nichts mehr mit dem zu tun hat, was wir heute dafür halten. Wie bereit bin ich? Was tu ich, um bereit zu sein? Wie bereite ich mich vor?
Es gibt bereits zahlreiche Möglichkeiten, der eigenen Freiheit und ihrer Potenziale habhaft zu werden und das Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. Die eigene Lebensgeschichte in Zukunft selbst, kreativ und anders weiter zu schreiben. Zusammen mit anderen, die „vom Weg abkommen, weil sie sonst auf der Strecke bleiben“ (Reinhard K. Sprenger).
Gemeinsam das Neuland im Zeitalter von „Arbeit 4.0“ kartographieren
Leuchtfeuer 4.0 ist so ein konkretes Konzept. Ein Einsteiger für solche, die Mitstreiterinnen suchen und Weggenossen. Mitdenker und Kollaborateure.
Auf die Politik zu warten, ist hingegen brandgefährlich. Ebenso wie auf das Bildungssystem oder auf die Ökonomie. Diese drei interpretieren ihren Auftrag gemeinsam im Sinne des Erhalts bestehender Abläufe und Strukturen. Sie lassen Innovation und Wandel nur zu, solange sie sich dadurch selbst erhalten können. Zudem umgeben sie sich mit einer Beraterkultur, die als Profi-Optimisten unterwegs sind. Angehörige wirtschaftsnaher Think-Tanks, die uns fast täglich mit Tabellen, Skalen und Keynotes darüber versorgen, wie gut es „uns“ (?) doch eigentlich geht.
Das sind in meinen Augen Pseudopropheten in dem Sinne, wie sie schon das Neue Testament kannte: Menschen, die denen nach dem Mund reden, von denen sie ihren Lohn beziehen, weil sie von denen ihren Lohn beziehen. Sie sind selber Sklaven. Sie skizzieren das Schlaraffenland auf den Horizont und lösen damit bei uns, den überforderten Zweiflern, ein Gefühl der Entlastung aus. Ähnlich wie eine Vielzahl psychotherapeutischer Schulen und Coachingtheorien, die vor allem das Leben in der Sklaverei erträglicher machen, nicht den Ausbruch wünschbar.
Die Metapher, die mich zu dieser Thematik immer wieder heimsucht, ist die vom Gefängnisseelsorger. Er besitzt den Schlüssel zu meiner Zelle, um mich regelmäßig zu besuchen und um mir Trost zu spenden – anstatt den Schlüssel nachmachen zu lassen um ihn heimlich unter meinem Kopfkissen zu deponieren, damit ich immerhin der Möglichkeit meiner Freiheit gewahr werde. Aber wie wusste schon der selige Martin Perscheid in einem ähnlichen Bild zu malen:
Je limitierter die Auflage, um so wertvoller das einzelne Stück. Limitiert ist wertvoll: Es gibt nicht viel davon. Wovon auch immer. Limitiert ist begrenzt. Im Falle der Kunst ist damit die Auflage gemeint. Umgekehrt: Je grösser die Auflage, um so kleiner der Wert. Die limitierte Stückzahl macht auch Weine, Autos und Münzen zu begehrenswerten Objekten.
Eine merkwürdige Umkehr der Vorzeichen, denn: Ist Begrenztheit nicht eher ein Anzeichen von Mangel? Zu wenig Zeit, zu wenig Geld, zu wenig Arbeit, zu wenig Bildung, zu wenig Menschlichkeit, zu wenig Arbeitsplätze, zu wenig Hirn.
Aber das ist ja etwas ganz Anderes. Schließlich geht es bei der limitierten Auflage um die Einzigartigkeit. Ähnlich dem Lebenspartner, dessen Auflage quasi auf ein Exemplar reduziert bleibt. Zumindest phasenweise.
Und selbst der Mangel kann, wird er einmal auf eine spirituelle Ebene gehoben, zum Wert werden. Dann entsteht der Verzicht, und der ist schließlich gewählt.
In irgendeiner Form bildet Limitierung also eine Auszeichnung. Aber was verleiht der Limitierung nun endlich ihren Wert?
Was nur in geringer Zahl vorhanden ist, wird von selbst zu einem Wert. Egal, ob man davon hat oder nicht. Nur wird es eben im einen Fall schmerzlich vermisst, im anderen stolz präsentiert. So etwa von einer Gesellschaft, der die eigenen Werte abhandengekommen sind. Von nun an wird sie sie feierlicher emporhalten und hartnäckiger verkündigen, als je zuvor.
Es ist paradox, dass man gerade an dem, was man nicht hat, am meisten festhält. Es geht einem nicht mehr aus dem Sinn. Wie dem Hungrigen das Brot.
Und so wird der Mangel zum Nährboden des Heiligen. Wo nichts mehr wächst, gedeiht das Unerreichbare ebenso wie die Sehnsucht danach: Der perfekte Körper, die ewige Jugend, das große Geld.
Ist also nur das für mich von Wert, was ich nicht habe? Nicht unbedingt. Und überhaupt: Wer es hat, ist nicht so wichtig, Hauptsache, es gibt nicht viel davon. Eine Welt voller schlanker Ewigjunger sieht keinen Grund mehr, sich nach ihnen zu sehnen. Dann werden es womöglich die jungen Schlanken sein, die als Erste das Ideal des molligen Reifseins ins Netz projizieren.
Was bleibt, ist nicht viel: Wertvoll wird etwas dadurch, dass es nur wenig davon gibt. Und vielleicht hat auch diese Einsicht nur deswegen einen Wert, weil sie limitiert ist?
Wie auch immer: Limitiert ist wertvoll. Und nur, wenn das so bleibt, lässt sich mit kostbaren Einsichten Geld verdienen oder Aufmerksamkeit gewinnen. Wird der Markt erst mal mit Einsichten überschwemmt (und das ist die Welt wohl heute: ein Markt), dann werden die immer wertloser, wie die Inflation unseres Wissens z.B. in Klimafragen zeigt.
Eine grauenvolle Vorstellung. Vielleicht sollte man auf Einsichten eine Steuer erheben – oder zumindest eine Einfuhrbeschränkung. Wäre das nicht eine zeitgemäße Form von Knowledge Management? Die zugehörige proficiency müsste natürlich noch kreiert werden. Der Phantasie sind da keine Grenzen gesetzt – solange daraus keine Einsicht wird.
Die digitale Transformation hat unsere Arbeits- und Lebensvollzüge erfasst und stellt sie auf den Kopf. Die große Mehrheit der Menschen, denen ich begegne, findet das gar nicht gut. Sie sehen darin ein Problem, das einfach nicht weggehen will, sondern immer größer wird – und niemand macht was dagegen. In Beratung und Coaching begegnet mir zunehmend eine als bedrohlich erlebte Hilflosigkeit.
Probleme, die ich als unlösbar erlebe, lösen Krisen aus. Politisch, ökonomisch, individuell. Wir wissen dann nicht, wie wir die Sache stemmen sollen. Wir erleben uns hilflos. Und wie immer in Krisen greifen wir auf Strategien zurück, die wir in früheren Situationen erlernt haben. Im Moment lautet die beliebteste Strategie flächendeckend: „Das geht schon wieder weg.“
Erlernte Hilflosigkeit als Bildungsziel
Die prägenden Phasen unseres Lebens decken sich in der westlichen Kultur über weite Strecken mit der Schul- und Erziehungszeit. Grundsätzliche Haltungen und Einstellungen gegenüber der Welt, den Mitmenschen und mir selbst werden in dieser Zeit eingeübt. Diese Prägungen wirken nachhaltiger und stärker als alles, was uns zu späteren Zeiten im Leben begegnet – unter anderem deshalb, weil wir in den frühen Lebensphasen vor allem das sind, was wir in späteren Jahren eher fürchten: hilflos. Was wir in Phasen der Hilflosigkeit erleben, wirkt besonders prägend, gerade weil wir uns dann als unfähig erleben. Sei es, weil wir es aus Gründen der biografischen Entwicklung tatsächlich sind – oder weil wir uns dafür halten.
In unseren Breiten wird „erlernte Hilflosigkeit“ durch Erziehung und Bildung besonders stark gefördert. Von Kindes Beinen an werden wir mit einer umfassenden Expertenkultur konfrontiert. Bereits die Schule praktiziert eine lückenlose Versorgermentalität. Sie müllt uns jahrelang zu mit Informationsmyriaden, die uns hoffnungslos überfordern und in die Passivität treiben. Meine Erfahrung aus Beratung und Therapie zeigt mir: Gerade Schule und Erziehung ermöglichen jungen Menschen bis heute nicht, ein reifes und selbstgesteuertes Verhältnis zu ihren Grundbedürfnissen zu entwickeln.
Hilflose Menschen betteln nach Führung und Führern
Führungskräfte in Bildung und Wirtschaft repetieren im Zusammenhang mit der digitalen Transformation pausenlos ihr Lieblingsargument: „Die Leute können gar nicht selbstständig denken und arbeiten. Die wollen das gar nicht. Die wollen geführt werden. Die wollen, dass man ihnen sagt, was sie zu tun haben. Die wollen gar keine Verantwortung übernehmen.“ Das höre ich von Lehrern, von Vorgesetzten, von CEOs, Personalchefs und besonders oft von Inhabern aus dem KMU-Bereich. Und weiter: „Die betteln ja förmlich darum, dass man ihnen sagt, was sie zu tun und zu lassen haben.“
Keiner kommt jedoch auf die Idee, dass hier nicht ein Wesensmerkmal von uns Menschen verhandelt wird, sondern ein Effekt aus Bildung und Erziehung: Die erlernte Hilflosigkeit. Das beste Rezept für erlernte Hilflosigkeit ist es,
einerseits von Menschen umgeben zu sein, die die Dinge für mich tun statt mich konsequent dabei zu unterstützen, sie selber zu erledigen,
und andererseits von Menschen, die alles konsequent besser wissen und sich berufen fühlen, mich und meine Versuche, die Welt und mich selbst zu verstehen, pausenlos bewerten und benoten.
Wir Menschen kommen nahezu hilflos auf die Welt. Das Entscheidende, was uns am selbstbestimmten Leben hindert, ist jedoch die erlernte Hilflosigkeit, die sich daran anschließt. Schon früh im Leben lernen wir, dass es für jedes Problem, für jede An- und Herausforderung jemand anderen gibt, der sie löst. Zuerst Eltern und Lehrer, dann Politiker, Unternehmer, Ärzte, die Pharmaindustrie – und nicht zu vergessen der allumfassende Konsumapparatschik, der jedes erdenkliche menschliche Bedürfnis befriedigt, bevor es entstanden ist. Wenn wir mit irgendetwas nicht weiter kommen, wird es immer jemanden geben, eine Hotline, eine Wahrsagerin, eine Homepage, einen Berater, eine Lehrerin, einen Vorgesetzten, der es besser kann und weiß; jemanden, der für das gesamte Setting verantwortlich ist. Jemanden, dem ich ein ungelöstes Problem weiterreichen kann.
Auch die Digitale Transformation kann ich selbstverständlich weiterreichen. Und die meisten tun das auch. An Arbeitgeber, Politiker, Plattformen. Irgendjemand wird schon für mich sorgen. Und für den Planeten, und für meine Kinder. Und für die Rente. Die Arbeit. Den Lohn.
Was muss eine Absolventin an erster Stelle wissen, wenn sie eine Schule bzw. eine Hochschule abschließt? Sie muss wissen, wie sie mit Wissen umgeht. Aber das alleine wird nicht reichen. Sie muss das auch können. Sie muss mit Wissen umgehen können. Das ist die entscheidende, es ist die wichtigste Kompetenz des 21. Jahrhunderts im Zusammenhang mit schulischer Bildung. Sie bildet die Grundlage für jede andere Fähigkeit, die ein Mensch ausüben kann.
Wer die „Vermittlung von Wissen“ gegen eine „Entwicklung von Kompetenzen“ ausspielt, wie das Untergangspropheten pädagogischer Provenienz gerne tun, der hat deshalb nicht begriffen, dass sich Wissen und Können gar nicht gegenüberstehen. Ein Beispiel für die Zelebration dieses Irrtums liefert Konrad Liessmann in seinem Buch „Geisterstunde. Die Praxis der Unbildung“.
Der Umgang mit Wissen ist nämlich eine Kompetenz. Sie kann zwar nicht gelehrt, aber ganz sicher gelernt werden. Es handelt sich dabei um die zentrale Kulturtechnik, die wichtigste Kompetenz der Zukunft. Für die Frage, wie erfolgreich sich ein Mensch in Kultur, Ökonomie und Gesellschaft zu Recht finden wird, ist dieses Können der entscheidende Maßstab.
Wissen ist Information in Bewegung
Ein Zweites: In vielen Köpfen herrscht hartnäckig die Überzeugung, Wissen sei ein „Bestand“. Viel zu wissen, heißt für allzu viele immer noch, Wissen auf Halde zu haben. Volle Speicher. Aber das ist ein Irrtum. Was in diesen Speichern wirklich lagert, ob es sich nun um Gehirne oder um Clouds handelt, sind Nullen und Einsen. Es sind Daten, im besten Fall Informationen. „Wissen“ ist das alles nicht, denn Wissen lässt sich nicht speichern, sondern nur fortlaufend gewinnen – und zwar gerade aus dem unschätzbar riesigen Kosmos an Informationen, die in den Speichern dieser Welt angelegt sind. Und aus dem Kontext, in dem es gebraucht wird. Wissen ist nicht der Rohstoff, sondern ein Produkt. Gregory Bateson: Dieser Unterschied macht den Unterschied – was aber offenbar nur die Wenigsten wissen.
Wissen ist Information in Bewegung, im Kontext, in Anwendung. Wissen entsteht im Austausch, im Einsatz, im Diskurs, durch Unterscheidung. Deshalb ist Wissen immer auch auf eine Situation bezogen, in der es gebraucht, vermisst oder erfolgreich angewendet wird. Wissen ist nicht ewig, sondern höchst situativ. Je situativer desto hochwertiger. Alles andere sind Daten. Big Data.
Brisant: Schulisches Wissen ist Herrschaftswissen
Dort, wo sich Wissenskönnerschaft bilden müsste, in Schule und Hochschule, in Aus und Weiterbildung hat Wissen jedoch immer die Funktion von „Herrschaftswissen“. Es ist ein Wissen, das vor allem die haben, horten und „verteilen“, die dort „herrschen“, also an der Macht sind; die über „das Wissen“ bestimmen, es verwalten, vermitteln und über seine korrekte Anwendung urteilen. Solches Wissen dient dem Erhalt des Status quo. Es erhält Hierarchien, es garantiert Herrschaft.
Wissen hat in schulischen Kontexten die Funktion, soziale Hierarchien aufrecht zu erhalten. Es dient dazu, dieses „Hierarchie-Mindset“ in den Köpfen und Bäuchen der Lernenden zu manifestieren. Die Lehrer-Schüler-Beziehung ist das Urbild sozialer Abhängigkeit, die sich vor allem im Zuteilen und Verwehren von Chancen manifestiert. Deshalb hat schulisches Herrschaftswissen immer auch die Aufgabe der Selektion, denn es entscheiden ja jederzeit die Lehrenden darüber, wer von den Lernenden nun wirklich „etwas weiß“. Gerade diese Kompetenz darf bis heute nicht wirklich auf die Lernenden übergehen. Deshalb produziert Schule vor allem Unwissende. Das ist eine Katastrophe.
Warum ist das so? Weil Wissen in der Schule vor allem eine erziehende Funktion hat. Es zielt drauf ab, dass junge Menschen sich die damit verbundenen Menschen- und Gesellschaftsbilder einverleiben. Ein hierarchischer Umgang mit Wissen formt andere Bilder von Menschsein in mir als ein demokratischer und kollaborativer Umgang damit. Je nachdem, in welcher dieser Dimensionen ich „zu wissen lerne“, entwickle ich ganz andere Bilder von mir selbst, von meinen Mitlernenden und vom sozialen Feld.
Schulisches „Lernen“ verhindert Wissenskompetenz
Ein wichtiges Argument zur Stützung des Herrschaftswissens lautet, dass jedem kompetenten Handeln immer ein bestimmtes Wissen vorauszugehen habe. Mit diesem Argument begründen lehrende Berufe und ihre Administratoren ihr Dasein: „Diese jungen Leute müssen doch zuerst einmal etwas wissen, bevor sie dann ans Werk können“. Vorausgesetzt das stimmt, ist damit aber noch in keiner Weise gesagt, wie sie sich dieses dem Handeln anscheinend vorausgehende Wissen aneignen. Wie sie es suchen, organisieren und konstruieren. Da gibt es ja heute viel kreativere und eigenständigere Wege als das Absitzen von Lebenszeit in Studierstuben – oder vor Lernvideos.
Nun ist es aber so: Auch Wissen ist ein Handeln. Deshalb folgt das Handeln gar nicht auf oder aus Wissen, so wenig das Leben auf die Schule folgt. Hier wirkt in Bildungskontexten unablässig der Irrtum fort, dass man zuerst „etwas“ wissen müsse, bevor man zur Tat schreiten könne. Das ist falsch. Wissen, vor allem solches, das ich brauchen kann, entsteht ausschließlich im Handeln und durch Handeln. Von daher kann ich sogar sagen: Was ich wirklich weiß, das weiß ich durch Handeln – nicht durch Stillsitzen, Zuhören, Anstreichen und auswendig Lernen. Ich weiß es durch die Praxis von Versuch, Irrtum, Austausch, Fragen, Ausprobieren, Schlussfolgern, Konsequenzen ziehen, Reflektieren, neue Anläufe nehmen, mit einem Wort: durch Lernen im ursprünglichen Sinne des Wortes.
Das Leibniz Institut für Wissensmedien ist übrigens ein Ort, an dem dieser Umgang mit Wissen intensiv erforscht wird:
Es ist also gerade der traditionelle schulische Kontext, der die Entwicklung entscheidender „Wissenskompetenzen“ verhindert, weil wir dort lernende Menschen mit Informationen beschallen, betexten und bedampfen. Dieses „Mästen“ verhindert a priori, dass Lernende sich die Wissenskompetenzen des 21. Jahrhunderts erwerben können, die heute immer auch „digital literacies“ sind: Wissen eigenständig zu generieren statt Informationen aneinander zu hängen und zu repetieren. Lernende müssten dringend lernen Methoden zu entwickeln, mit deren Hilfe sie das Gewicht, die Qualität und die kontextuelle Brauchbarkeit von Informationen einschätzen und beurteilen lernen, um sie kombinieren und verknüpfen zu können und zu gewichten. Darauf ist Schule leider nicht ausgelegt. Und die universitäre Lehre über weite Strecken auch nicht.
Vielmehr betreiben sie Informationslogistik durch die Art und Weise, wie sie Daten und Informationen hin- und her transportieren, mit dem Ziel, die mächtige Selektionsmaschinerie am Laufen zu halten. Deshalb lernen Lernende auch nicht den kreativen und nachhaltigen, den produktiven und wertschöpfenden Umgang mit Wissen. Sie lernen für den nächsten Test.
Die Rettung der kognitiven Libido
Warum ist das heute noch so? Der Philosoph Peter Sloterdijk sagt, es habe zweifellos damit zu tun, dass die Pädagogen heute auch nicht mehr wüssten, wohin sie die Kinder erziehen sollen. „Die Desorientierung der modernen Gesellschaft über ihre eigenen Ziele spielt sich im Irritationssystem Schule ab wie nirgendwo sonst“ (Peter Sloterdijk, in: McK Wissen 14 (http://www.brandeins.de/wissen/mck-wissen/bildung.html, 17.1.2017). Deshalb würden sich viele darauf beschränken, die Dinge zu erklären, statt etwas zu tun.
Sloterdijk schlägt eine Schule vor, „die den Eigensinn junger Menschen betont und sie nicht im Blick auf den Ernstfall kolonialisiert“. Er möchte Schule als einen Lebensraum entwickeln, „in dem Menschen mit ihrer eigenen Intelligenz in ein libidinöses Verhältnis treten“. In einer solchen Schule würde es also ganz klar um Lust gehen: um Wissenslust, Lernlust, Gestaltungslust; um Lust an der Bildung.
Pädagogische Berufe und deren Ausbilder, aber auch Bildungspolitiker und Bildungsmanager sind bis heute der Ansicht, Lehren & Unterrichten seien die ureigenen Aufgaben von Schule. Damit stellen sie zwischen die Lernprozesse junger Menschen, in denen die sich die Welt erschließen könnten, und dem, was sie (die Pädagogen) als Bildung bezeichnen, einen scheinbar unverzichtbaren Apparat an Didaktik und Struktur. Auf diesen Apparat müssen sich lernwillige Menschen erst einmal ganz grundsätzlich einstellen. „Einfach so mal lernen“, das ist nicht vorgesehen im System Schule. Das Meiste und das Schönste am Lernen geht deshalb in dem Moment bachab, wenn Menschen zur Schule kommen.
Die eigentliche „Lernenergie“ eines lernenden Menschen geht genau dafür drauf: Für das Verstehen und Durchschauen dieser im übrigen selbstreferenziellen Abläufe, Hierarchien, Rollen und Funktionen von Schule. Nur wenn der lernende Mensch diese durchschaut und sich an sie anpasst, kommt er oder sie in diesem System weiter. In der Folge ist es z.B. nicht entscheidend, wie gut jemand in der Schule die französische Sprache lernt, sondern wie gut er oder sie es schafft, dem schulischen Apparat zu entsprechen: Französischprüfungen prüfen immer nur die Fähigkeit, Französischprüfungen zu schreiben. Im Ergebnis ist „Französisch“ eines der unbeliebteren Schulfächer in der Schweiz. Die Sprachkompetenz der Schulabgänger ist entsprechend mau. Ähnliches gilt für die Fächer Deutsch, Englisch und Mathematik.
Ein besonderes Problem ist die Tatsache, dass sehr viel mehr Jungen als Mädchen das Fach mögen. In Deutschland ist dieses Geschlechtergefälle stärker ausgeprägt als in vielen anderen Ländern. (Quelle)
Diese Absurdität geht soweit, dass auch jene pädagogischen Erfindungen, die seit Jahrzehnten (!) als innovativ daher kommen, allen voran das selbstorganisierte Lernen (SOL), mehrheitlich nichts anderes tun, als die Vorgänge des Lehrens einfach anders zu portionieren; Der und die Lehrer*in soll sein und ihr Lehren portionsweise an die Lernenden abgeben. Diese sind ab jetzt zeitweise „ihre eigenen Lehrer“. Kein Wunder, wenn viele Pädagog*innen damit gröbere Probleme haben. Entstehen dadurch doch bizarre Formen der Konkurrenz zwischen ihnen und „ihren“ Schülern. Eine Art Wettkampf, den übrigens immer die Lehrenden gewinnen.
Schüler werden heißt heute: Lernen, was Schule ist
Die schulische Pädagogik baut also enorme Hürden um die Gegenstände und Prozesse des Lernens herum auf, die sie regelmässig reformiert. Menschen, die in die Fänge einer Schule geraten, und das sind noch immer alle, müssen sich in diese Prozesse „einlernen“ und einordnen. In Prozesse und „Plausibilitäten“, die dazu da sind, um schulische Abläufe und ihre organisatorischen Bedürfnisse zu befriedigen.
Je besser lernenden Menschen diese Anpassung gelingt, um so eher werden sie als beschulbar wahrgenommen – und umgekehrt: je weniger es ihnen gelingt, umso weniger werden sie als beschulbar taxiert.
Der soziologische Begriff dahinter lautet „doing student“. Die Schlagzeile dazu: Was ein Mensch in einem Klassenzimmer lernt, ist „ein Mensch in einem Klassenzimmer zu sein“ (Clark Aldrich). Mehr steckt nicht dahinter.
Es geht für Lernende gar nicht darum, die Mathematik zu begreifen, sondern den Mathematikunterricht und den Mathematiklehrer, und das dann noch zusammenzubringen mit der Klassendynamik und der Konkurrenz mit den anderen Fächern, Lehrern, Unterrichtsstilen, Anforderungen usw.
Wie gut einem lernenden Menschen das gelingt, das wirkt sich dann direkt auf seine oder ihre Schulkarriere aus, und damit auf ganz viele zentrale Aspekte seines und ihres zukünftigen Lebens.
Pädagogische Hochschulen: Wo Lehrer lernen, Menschen zu Schülern zu machen
Auch in der Ausbildung der lehrenden Berufe geht es nicht um das authentische Lernen junger oder erwachsener Menschen. Ein*e zukünftige* Lehrer* in lernt in seiner/ihrer Ausbildung, Unterricht so zu gestalten, dass Lernende diesen Unterricht verstehen und mit diesem Unterricht zurecht kommen. Darum geht es. Die gute Lehrerin ist die, der es gelingt, lernende Menschen möglichst effizient und nachhaltig zu Schüler*innen zu machen. Dabei darf immer nur eine gewisse Anzahl von ihnen „gute Schüler“ werden. Sonst kollabiert das System. Es geht darum, dass Anwärterinnen und Anwärter auf lehrende Ämter lernen, die selbstreferenziellen Strukturen und Prozesse des Schulsystems „schülergerecht“ zu gestalten. Daraufhin werden sie zertifiziert.
Umgekehrt gilt aber hoffnungsvoller Weise auch: Je weniger Bildung ein pädagogisch-didaktisches Vorgehen ist, je weniger Lernen in jeder erdenklichen Form ein schulisch dirigiertes und organisiertes Lernen ist, um so mehr kommen Mensch zu sich selbst, zu ihren Potenzialen, Ressourcen – und „auf die Welt“. Auch wenn solche Visionen und Anliegen – vor allem in traditionellen Schulkontexten – nach wie vor (!) als elitär, esoterisch oder nicht organisierbar bezeichnet werden, nimmt die Zahl der erfolgreichen und eindrücklich dokumentierten Projekte des entschulten Lernens und der entschulten Bildung dennoch unaufhaltsam zu.
Besonders beeindruckt hat mich jüngst wieder die Grundacherschule in der Schweiz, die ich in einer umfangreichen Untersuchung begleitet habe. Sie hat bereits zum zweiten Mal den Lissa-Preis gewonnen:
Aber auch Learnlife in Barcelona ist eine faszinierende, junge Learning Community, die eindrücklich unter Beweis stellt, was Lernen für junge Menschen sein kann jenseits seiner schulischen Verkürzung und Verdrehung.
„Schule“ und „Lehren“ sind bis heute als Systeme folgenschwere Irrtümer, die sich seit der Industrialisierung in unseren Kulturen eingenistet und festgesetzt haben. Schule dient nicht der Mensch- und Personwerdung. Sie dient dem Erhalt einer Gesellschafts- und Wirtschaftsform und einem diesen zugrunde liegenden Menschenbild, das letztlich eine Mischung aus Taylorismus, preussischer Diszipingläubigkeit und einem Rest protestantischer Wirtschaftsethik im Windschatten eines Max Weber ist.
Lernen beginnt dort, wo Lehren aufgehört hat. Endgültig.
Woran erkennen wir nun, dass Bildung damit begonnen hat, sich aus dieser Vergangenheit zu lösen und neue Wege zu beschreiten? Daran, dass sie aufgehört hat zu lehren. Daran, dass das Paradigma des Lehrens aus den Prozessen des Lernens verschwunden ist. Es geht dann nicht mehr darum, „andere“ Formen des Lehrens zu finden oder „neue“, alternative, innovative. Es wird darum gehen, das Lehren zu vergessen und dann bei denen in die Schule zu gehen, die bereits heute erfolgreich damit sind, Kinder, Jugendliche und Erwachsene durch alle erdenklichen Möglichkeiten dabei zu unterstützen, sich zu bilden; sich – und niemanden sonst.
Wir erkennen es aber auch daran, dass niemand mehr von leistungsstarken und leistungsschwachen Lernenden spricht, von auffälligen und unauffälligen, von lernschwachen und lernstarken, von hoch- und minderbegabten Lernenden, und was es da sonst noch an Stigmatisierungen gibt. Denn wenn das Lehren aufgehört hat, werden die Gründe dafür weggefallen sein, Menschen in solche Schubladen einzuordnen. All diese „Aufkleber“ betrachten den lernenden Menschen nämlich nur unter einer einzigen, ihn völlig reduzierenden Perspektive: wie gut oder wie schlecht er oder sie in der Lage ist, sich in dieses Bildungssystem einzuordnen, das ein lehrendes System ist. Sie definieren den Menschen am Ende bloss unter dem Aspekt seiner Belehrbarkeit.
All diese Stigmatisierungen, unter denen lernende Menschen und Eltern immer häufiger leiden, dienen einzig dazu, das Monopol des Lehrens aufrecht zu erhalten – und damit den Beruf des Lehrenden. Sie reduzieren einen lernenden Menschen auf seine und ihre Fähigkeit, sich in diesem Schulsystem zurecht zu finden und sich einzuordnen. Dabei realisieren die Akteure dieses Systems womöglich gar nicht, wie sehr dadurch bei lernenden Menschen absurde Selbstbilder entstehen, die sie ein Leben lang nicht mehr loswerden. Das ist eine der erdrückendsten Nebenwirkungen dieses Selekionsapparates – und es ist purer Zynismus.
Wo das Lehren weggefallen ist, braucht es im selben Moment keine Didaktik mehr und keine Fächer. Beide braucht es allein für lehrende Berufe, nicht für lernende Menschen. Es braucht dann keine (elektronischen) Wandtafeln mehr und keine Lehrbücher, keine Lehrmittel, keine Lehrvideos – nichts dergleichen. Auch die Digitalisierung wird dann nicht mehr dafür missbraucht, um die Kultur des Lehrens mit technischen Mitteln einfach weiterzuführen.
Stattdessen entwickeln sich unmittelbar (und sofort) neue Formen des Lernens, die von den lernenden Menschen selbst ausgehen – mitsamt ihrer Organisation. Dann ist es ein lebendiges und authentisches Lernen, das sich selbst zu organisieren beginnt – in dem Moment, in dem es die Gelegenheit dafür bekommt. Das ist für mich eine der eindrücklichsten Eigenschaften unseres Lernens: dass es sich völlig selbst organisiert und zum Erfolg führt. Daran werden wir erkennen, dass es aufwärts geht: dass Menschen selbstorganisiert zu lernen beginnen, und zwar nicht das, was man ihnen zum Lernen vorgibt sondern das, wofür sie sich entscheiden – und dabei glücklich sind.