Education in the digital future: Now it’s going to be real!

haende
http://www.gene-muenchen.net

Buzzwords fill the air. Key notes fly around our ears. But developments do not take place. Because the education system does not change, it will be replaced step by step. Why do schools and universities not embrace the digital change? Because their two main characteristics are no longer in demand: pedagogy and didactics. These are bad news –  explained in detail elsewhere. Now I’m thinking about the question: What comes to us?

I am asked again and again: „How do education and school look like in the future?“ Well: On the one hand alternatives already exist. They are digital (udacity, coursera, edX & consorts), and they are analogous. On the other hand alternative learning projects spring up like mushrooms, as recently read again: Free schools are on the upswing. Even in Switzerland.

In this article I will now show you what successful education is going to be in the future. And again, it is not a question of whether we want it or not. It is only a matter of how we shape it.

  1. There are no more (school) subjects

In the future there will be topical priorities and concerns to group around those who are interested, with the aim of developing solutions. „Subjects“ are only a hindrance. Learning means solving real problems. Therefore, learning people work in projects. Demand-, result- and product-oriented. Exclusively on real topics.

  1. There are no classes left

Project teams form up age-intertwined (or division-, company- or branch-mixed) on the basis of current, relevant topics, self-selected tasks and projects. They always have a need-oriented goal that is self-formulated. They work as „circles“ in the sense of Holacracy. They operate as „communities of practice“. Self-organized and non-hierarchical. Operation method is collaborative. The teams dissolve after completion of the project.

  1. There is no more instruction

Teaching is always externally controlled. Learning is always self-controlled. This is why all learning processes are structurally self-organized in the future. Learning and education are no longer institutional. Learning people are grouped together into project teams. They organize, create and use the infrastructure they need. The resource management is self-organized, also with regard to the required information.

  1. There are no more grades

People learn from each other. At any age. Age and age-group intermixing simplifies and guarantees the growth of self-organization and self-responsibility. Different forms and levels of competence development inspire, complement and scale each other.

  1. There are no more tests

There are various ways of documentation and presentation in the sense of „evaluation“, aligned to the respective projects and their requirements. People learn to know („discover“) and appreciate themselves through these processes. They gain feedback through „appreciative inquiry“ to design, reflect and control their own private processing. But performance is always collaborative. Furthermore individual competence and expertise are documented through self-organized, digital portfolios.

  1. There are no more markes

There are self-controlled (!) feedback systems, which allow me to use my self-assessment and my own development (by increasing age also as „professionalization“): Focussed on Skills- and  Strengths, potentials and needs. To recognize, appraise and connect individual needs an social requirements is one of the most important concerns of these processes.

  1. There are no more curricula

No content is specified for the learning processes. Objectives are oriented and strengthened in open forms of competences. The „Curriculum 4.0“ (the guiding principle of each learning organization) is reduced to seven questions:

a. What do we want to achieve?

b. Why do we want to achieve it?

c. How do we achieve it?

d. What can we do about it?

e. How do we get to do that?

f. What help to we need?

g. How do we get it?

  1. There are no teachers

Didactic and pedagogical expertise is no longer required. Required are e.g. skills in the fields of systemic and solution-oriented coaching and social-counseling, mediation, “gestalt psychology”, non-violent communication (acc. to Marshal B. Rosenberg), moderation and TZI group management. Maybe coding 😉

  1. There is no paper left

Information management is digital. There are no educational or didactic „textbooks“ any more. Everything is open source & access. Paper takes place only as a creative matter.

Learning will take place in the future (again) without pedagogic-didactic intermediaries. People of all ages develop the core competencies of the 21st century without pedagogic-didactic detours.

And now: read this.

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Bildung in der digitalen Zukunft: Jetzt wird’s ganz konkret!

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Auf einem barcamp über bildende Berufe der Zukunft. Foto: Christoph Laib

Die guten Nachrichten fliegen uns um die Ohren: „Endlich werden Schulen digital“. Doch das Bildungssystem selbst verändert sich nicht. Es wird lediglich technisch aufgepimpt. Die Pädagogik ist immer noch die alte und speist sich aus dem überholten Mindset der Pädagogischen Hochschulen und ihrer Satelliten. Deren sakrosanktes Dreigestirn aus Lehre, Vermittlung und Didaktik ist aber nicht mehr gefragt. Jetzt geht es um Selbststeuerung und Selbstbestimmung. Warum das so ist, wird unter anderem hier eindrücklich & ausführlich analysiert.

Immer wieder werde ich gefragt: „Wie sehen denn Bildung und Schule in Zukunft aus? Skizzieren sie mal was! Werden sie konkret!“ Nun: Einerseits gibt es die Alternativen schon. Es gibt sie digital (udacity, udemy, coursera, edX & Konsorten), und es gibt sie analog. Alternative Lernprojekte und Lernorte holen auf. Freie Schulen sind im Kommen – gegen den Widerstand der öffentlichen Bildung in Deutschland und in der Schweiz, wo freie Schulen durch das staatliche Finanzierungs- und Zertifizierungsmodell gegängelt werden. Schließlich muss man in erster Linie die eigenen Institutionen bespielen.

Und auch die Klienten des Bildungssystems haben entgegen der Vorurteile, die das System gegen sie hegt, sehr klare Vorstellungen von guter Bildungsarbeit – nicht erst seit Greta Thunberg:

Was also zeichnet erfolgreiche Bildungsarbeit aus? Here we go:

Es gibt keine Fächer mehr

In Zukunft gibt es thematische Schwerpunkte und Anliegen, um die herum sich Interessierte gruppieren, mit dem Ziel, Lösungen zu erarbeiten. „Fächer“ sind dabei nur hinderlich. Lernen bedeutet reale Probleme lösen, nicht schulisch konstruierte: Herausforderungen, vor denen ich und wir stehen: ökologische, soziale, technologische und wirtschaftliche. Es geht nicht mehr um das, was in Lehrplänen steht. Menschen lernen vielmehr lebenslang in Projekten – und genau das lernen sie an den neuen Lernorten. Bedarfs- und lösungsorientiert. Ausschließlich an echten Themen.

Es gibt keine Klassen mehr

Projektgruppen formieren sich anhand aktueller, relevanter Themen, aufgrund selbstgewählter Aufgaben und Projekte. Lerngruppen formieren sich mal spontan, mal hinsichtlich Neigung und Neugier, dann wieder aufgrund eines bedarfsorientierten Zieles, das selbstformuliert ist. Jederzeit aber steht die Entscheidung des lernenden Menschen im Mittelpunkt, wo und mit wem er und sie woran und wie lange arbeiten möchte – im Sinne von „communities of practice“, die sich in Empowerment und wirklicher Demokratie üben. Sie leben, lernen und arbeiten in „Kreisen“ in Anlehnung an das Konzept der Sociocracy – das von lehrenden Berufen vor allem deshalb abgelehnt wird, weil es Selbstverantwortung und Selbststeuerung einfordert, die dem traditionellen Schulkonzept widersprechen, denn Pädagogik bedeutet vor allem: für andere denken, für andere organisieren und für andere entscheiden.

Es gibt keine Jahrgänge mehr

„Eines der unglaublichsten Merkmale des jetzigen Schulsystems ist, wie Kinder nach dem Alter getrennt werden. … Es ist ein Fetisch, der auf der Auffassung beruht, daß sich alle Leute im Gleichschritt entwickeln würden, in der gleichen Art, Monat für Monat, Jahr für Jahr – eine Theorie, die allen Erfahrungen mit jungen und älteren Kindern völlig widerspricht. … Altersmischung ist der erste Schritt in Richtung eines wirklichen Lehrverhältnisses“ (Quelle/Seite 35)

Menschen lernen voneinander. In jedem Alter. Den Wert der „Altersmischung erfasste wahrscheinlich der russische Psychologe Lew Wygotski erstmals vollständig. Von ihm stammt der Begriff dafür: ‚Zone der nächsten Entwicklung’.“ (Quelle) Altersdurchmischung vereinfacht und garantiert das Hineinwachsen in Selbstorganisation und Selbstverantwortung. Unterschiedliche Formen und Stufen der Kompetenzentwicklung inspirieren, ergänzen und skalieren sich gegenseitig.

Es gibt keinen Unterricht mehr

Unterricht ist immer fremdgesteuert. Lernen immer selbstgesteuert. Deshalb sind alle Lernprozesse in Zukunft strukturell selbstorganisiert. Lernen und Bildung sind nicht mehr institutionell organisiert sondern dezentral. Lernende Menschen finden sich zu Projektgruppen zusammen. Sie organisieren, erschaffen und benutzen die Infrastruktur, die sie benötigen. Das Ressourcenmanagement ist selbstorganisiert, auch bezüglich der benötigen Informationen.

Abbildung: Merkmale lebendiger & nachhaltiger Lernprozesse:

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Es gibt keine Prüfungen mehr

Die beste Prüfung ist die, die sich nicht wie eine anfühlt. Dann nämlich werde ich zeigen, was ich wirklich kann. Deshalb gibt es vielfältige, an den jeweiligen Projekten und ihrem Bedarf ausgerichtete Formen der Dokumentation und der Präsentation im Sinne von Auswertung  & Reflexion. Menschen lernen sich selbst in Prozessen kennen und einschätzen. Sie holen sich über „appreciative inquiry“ Feedback, um die eigenen Entwicklungsprozesse zu gestalten, zu reflektieren und zu steuern. Leistungen werden kollaborativ erbracht. Individuelle Kompetenz & Expertise wird in selbstorganisierten, digitalen Portfolios dokumentiert.

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Es gibt keine Noten mehr

Noten gehören zum Schlimmsten, was Schule je erfunden hat. Ihr Wert und Nutzen ist längst widerlegt. Stattdessen gibt es selbstgesteuerte (!) Feedback-Systeme, die mir ermöglichen, Selbst- und Fremdeinschätzung für meine eigene Entwicklung (mit zunehmendem Alter auch „Professionalisierung“) zu nutzen: Stärkenorientiert, potenzialorientiert, bedarfsorientiert. Bedarfe und Bedürfnisse zu erkennen, einzuschätzen und zu vernetzen, ist eines der wichtigsten Anliegen dieser Prozesse, die mehr und mehr auch digital designt sind.

Es gibt keine Lehrpläne mehr

Lernen hat keine Inhalte. Flaschen und Schränke haben Inhalte. Dieses Gegenstands-Denken wird einem modernen Verständnis von Lernen nicht gerecht. Einem Lernprozess sind keine Inhalte vorgegeben und die Ziele werden in offenen Formen und Feedbackschleifen definiert, angepasst, verworfen und wieder neu gefunden. Das „Curriculum 4.0“ ist ein selbstorganisierter und ständig adaptierter Lernplan. Er reduziert sich auf z.B. solche Fragen:

a.    Was wollen wir erreichen?

b.    Warum wollen wir es erreichen?

c.    Wie wollen wir es erreichen?

d.    Was müssen wir dazu können?

e.    Wie kommen wir dazu, das zu können?

f.     Wie sieht Hilfe dafür aus?

g.    Wie holen wir uns die?

Es gibt keine Lehrer mehr

„Den Lehrer, Dozenten oder Trainer, der im Frontalunterricht Wissen „vermittelt“, braucht man nicht mehr. Die Aufgabe, Wissen aufzubauen, erfüllt zukünftig jeder Lerner selbstorganisiert und zielgerichtet für seine persönlichen Bedürfnisse in innovativen Lernarrangements. … Benötigt werden hingegen Gestalter von Ermöglichungsrahmen der Kompetenzentwicklung und entsprechende Entwicklungsbegleiter“ (Erpenbeck, J./ Sauter, W. [2016]. Stoppt die Kompetenzkatastrophe! Wege in eine neue Bildungswelt. Berlin–Heidelberg: Springer, S. 101).

Ein wunderbares Beispiel für ein Lernkonzept ohne das klassische Lehren stellt Ricardo Semler hier vor:

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Zum Video

Die Funktion des Lehrens, von der das schulische Lernen immer nur eine Ableitung sein kann, und die Aufgaben der „Informationsvermittlung“, der Benotung, Prüfung, Selektion werden nicht mehr gebraucht. Didaktische und pädagogische Expertise sind nicht mehr gefragt. Gefragt sind Kompetenzen u.a. in den Bereichen systemisch-lösungsorientiertes Coaching, soziale Beratung, Mediation, Gestaltpsychologie, gewaltfreie Kommunikation, Moderation, (z.B. TZI-)Gruppenleitung, Gender- und Diversity-Kompetenz u.v.m.

Stephen Downes: „Ich wurde über die Jahre hinweg von unterschiedlichen Menschen inspiriert: John Lennon, Doug Gilmour, Neil Young, Arsinio Hall, Jose Bautista. Das sind meine ‚Rollen-Vorbilder‘. Das sind (unter anderen) die Menschen, die mich inspirieren. Nicht einer von ihnen ist Lehrer. Ergo: Niemand braucht Lehrer, um inspiriert zu werden. I don’t think that the field of education understands, in general, how much of what it does is also done by parents, role models, friends, professional associates, and more. Wenn die Kernfunktion des Vermittelns von einer Maschine ausgeführt werden kann, dann können die unterstützenden Funktionen wie Motivation, Inspiration, Sozialisierung, etc. von jeder anderen Person in der Gesellschaft ausgeführt werden. And, indeed, should be performed by everyone else in society.“

Es gibt kein Papier mehr

Das Informationsmanagement ist digital. Es gibt keine pädagogisch-didaktischen „Lehrbücher“. Alles ist open source. Papier findet nur als kreative Materie statt.

Lernen findet in Zukunft (wieder) ohne pädagogisch-didaktische Zwischenwirte statt. Menschen in jedem Alter entwickeln ohne pädagogisch-didaktische Umwege die Kernkompetenzen des 21. Jahrhunderts.

„Die notwendigen Veränderungen der Denk- und Handlungsweisen aller Beteiligten an Lernprozessen wird nur möglich sein, wenn sich die Strukturen grundlegend verändern, um die Kompetenzkatastrophe zu überwinden.“ (Erpenbeck, J./ Sauter ebd.)

Wenn Sie’s noch konkreter möchten, dann empfehle ich Ihnen, hier weiterzulesen: 

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„Ich halte die jahrelange Zwangsbeschulung für falsch.“ Eine Ansprache zur Matura

Eine aufrüttelnde und zugleich ermutigende Ansprache an junge Menschen anlässlich ihrer Matura (Abitur).

Von Willi Bühler, Luzern.

Es braucht nicht unbedingt einen Mark Zuckerberg oder einen Steve Jobs, um auf Diplomfeiern an den Sinn von Bildung zu erinnern. Mir fiel vor geraumer Zeit die Rede des Gymnasiallehrers Willi Bühler in die Hände, die er an einer Maturafeier in Luzern gehalten hat. Er hat mir erlaubt, seine Worte im Netz zugänglich zu machen. Sie sind nicht nur eine klare Diagnose des aktuellen Bildungssystems. Sie sind zugleich eine wunderbare Einladung an die jungen Menschen, sich auf den Wert ihres Lebens einzulassen. Mit aller Kraft.

„Liebe Maturae, liebe Maturi

Ihr seid jetzt am Ende Eurer Schulzeit angekommen, genau wie ich, der ich in wenigen Wochen in Pension gehe. Ihr habt den grössten Teil Eures Lebens noch vor Euch, ich habe das bereits geschafft.

Ihr habt jetzt mindestens 12 Schuljahre überstanden und bekommt dafür heute Euer Maturazeugnis, ein Stück Papier, das die meisten von Euch nur einmal im Leben benötigt, nämlich dann, wenn Ihr Euch an der Universität einschreibt (wobei es egal ist, ob Ihr die Matura mit einem Durchschnitt von 4,2 geschafft habt oder mit 5,8).

Ich habe in den zehn Jahren meiner Unterrichtstätigkeit an dieser Schule viele interessante und aufgestellte Menschen kennen gelernt: Schülerinnen und Schüler, Lehrerkollegen, die Mitglieder der Schulleitung.

Aber trotzdem halte ich dieses Schulsystem für falsch.

Ich halte es für falsch, menschliches Wissen in Segmente zu zerschneiden, in sogenannte „Schulfächer“. Ich halte es auch für falsch, reproduzierbares Standardwissen in sogenannten Prüfungen abzufragen und mit Zahlen, sogenannten „Noten“ zu bewerten und so unter den Lernenden eine Konkurrenz zu schaffen, wo Kooperation viel wichtiger wäre.

Und vor allem halte ich die jahrelange Zwangsbeschulung für falsch, in der man gezwungen wird, Sachen zu lernen, nicht weil sie interessant sind, sondern weil man Angst vor einer schlechten Note hat. Erinnern wir uns doch daran, dass das deutsche Wort Schule eine Ableitung ist vom griechischen scholé, was nichts Anderes heisst als Muße zu haben das zu lernen, was einen interessiert.

Ist es nicht so: Sind wir motiviert und begeistern uns für etwas, dann lernen wir es in kürzester Zeit. Aber wenn uns etwas nicht interessiert, dann ist Lernen eine Qual, und wir tun das nur, weil sonst eine schlechte Note droht. Kein Wunder, wird zwangsgelerntes Wissen nach der Prüfung sofort wieder vergessen…

Es gibt in unserer Gesellschaft drei Gebäudetypen, die sich erschreckend ähnlich sehen: Schulen, Kasernen und Gefängnisse. Alle drei Gebäudetypen stammen aus der Neuzeit und dienen demselben Zweck: Menschen tauglich zu machen für eine Gesellschaft, die sich immer mehr ökonomischen Zwängen unterwirft. Wenn Ihr heute also aus der Hand des Rektors Eure Entlassungspapiere erhaltet, dann geltet Ihr als tauglich – aber tauglich wofür?

Ich könnte mir ein Bildungssystem vorstellen, das das ganze Leben umfasst, in dem man sich nicht in Kindheit und Jugend das Gehirn vollstopft, sondern Bildung dann beansprucht, wenn man sich dafür interessiert und dafür reif ist.

Viele von Euch werden jetzt studieren. Mein Appell an Euch: Studiert, was Euch Spass macht, oder besser: was Euch Erfüllung bringt. Wählt Euer Studienfach nicht nach der ökonomischen Nützlichkeit! Je nachdem, wie sich die Gesellschaft entwickelt, werden Einige von Euch später vielleicht keine Lohnarbeit finden. Seht das als Chance das zu tun, was Sinn macht. Warum soll Hausarbeit, Kinder aufziehen, Gärtnern, Krankenpflege oder Strassenwischen weniger wert sein als ein CEO- oder Professorenjob?

Das Wie ist entscheidend, nicht das Was! Wer sich über Lohnarbeit und Prestige definiert weiss nichts mit sich anzufangen! Aufmerksame Achtsamkeit bei dem was man gerade hier und jetzt tut ist bei allen Tätigkeiten möglich.

Ihr habt jetzt zwölf Jahre Schule hinter Euch, zwölf Jahre Zwangsbeschulung, Entmündigung und geschützter Werkstatt. Die Schule bot Euch einen Rahmen, der Euer Gesichtsfeld einengte.

Rahmen können durchaus sinnvoll sein in einer Welt schier grenzenloser Freiheit. Ich weiss nicht, ob ihr den Rahmen, den Euch die Schule bot, ausgefüllt habt oder ob ihr ängstlich in einer Ecke des Rahmens zusammengekauert die Schulzeit überstanden habt. Jetzt ist es aber höchste Zeit, diesen Rahmen zu sprengen und ins Freie zu gehen! Freiheit lernt man nur in Freiheit!

Fast alles im Leben ist ungewiss, doch eine Sicherheit haben wir: wir alle werden sterben, früher oder später. Der Tod ist unser Schatten, unser tödlicher Begleiter, der uns eines Tages auf die Schulter klopfen wird. Ich weiss, das ist ein ungewöhnlicher, vielleicht sogar ein schockierender Gedanke für eine Maturarede. Doch als Vertreter des Faches Religionskunde möge es mir gestattet sein, über den Tellerrand, besser: Lebensrand, hinauszuschauen.

Nur der Tod zwingt uns, jeden Tag so zu leben, als wäre er unser letzter, so zu leben, dass wir einmal sagen können: OK, ich habe ein gutes Leben gehabt, ich bin bereit. Vielleicht können hier Religionen hilfreich sein mit ihrem Anspruch, über den Tellerrand hinauszuschauen.

Was mich an den Religionen fasziniert ist die menschliche Phantasie und Kreativität, etwas, das sich nicht beschreiben lässt, doch zu beschreiben, oder präziser: zu umschreiben. Religion ist in meinen Augen die Fähigkeit, den Dingen und meinem Leben einen Sinn zu geben. Da wir alle phantasiebegabte Wesen sind, warum sollen wir diese Phantasie nicht dazu benutzen, unser Leben möglichst reich und grossartig zu gestalten?

Machen wir ein kleines Experiment: Versucht Euch an den Weg zur heutigen Maturafeier zu erinnern. Gab es da nicht einen Moment, wo Ihr in Eurer Erwartungshaltung gestört wurdet?

Erinnert Euch: das kann ein Lichtreflex sein in der Windschutzscheibe, ein ungewöhnlicher Vogelruf, ein kurzer Moment nur…

Ein winziger Augenblick – und schon vergangen und vergessen.

Ich behaupte jetzt, dass durch diesen Riss in der Zeit für einen kurzen Moment eine andere Welt aufblitzte. Der letztes Jahr verstorbene Songpoet Leonard Cohen kannte diese blitzhafte Unterbrechung des Alltags als er schrieb: „There’s a crack in everything, that‘s how the light comes in.“ („Es gibt einen Riss in allen Dingen, durch den das Licht eindringt“). Cohen wurde in eine jüdische Familie geboren. Fromme Juden glauben, dass jede Sekunde das Tor sein kann, durch das der Messias kommt.

Auch der englische Künstler-Dichter William Blake kennt diese Achtsamkeit für das Unscheinbare, er schrieb schon vor zweihundert Jahren: „If the doors of perception were cleansed, everything would appear to man as it is, infinite.“ („Wenn die Tore der Wahrnehmung gereinigt sind wird alles so erscheinen wie es ist: unendlich.“)

Zusammen mit Cohen und Blake behaupte ich nun, dass dieser kurze Augenblick – jederzeit möglich, man braucht ihn nicht „mystisch“ zu nennen – wichtiger ist als alle Maturazeugnisse dieser Welt.

Das ist es, was der buddhistische Patriarch Bodhidharma dem chinesischen Kaiser zur Antwort gab auf die Frage, was das Geheimnis des Buddhismus sei: „Offene Weite – nichts von heilig“…

Offene Weite – nichts von heilig…

Das wünsche ich Euch nach bestandener Matura: die Offenheit für dieses Aufblitzen eines gelungenen Lebens, diese Achtsamkeit für die Unterbrechungen der Alltagsroutine, wo immer Ihr auch seid!

Danke für Eure Aufmerksamkeit!“

Wer oder was ist gebildet? Eine Erzählung

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Wir stehen gerade in einer radikalen Umwälzung, wenn es um die Beantwortung der Frage geht, wer wir sind. Bis vor wenigen Jahren war das durch „große Erzählungen“ wasserdicht geklärt: Wer wir sind und was wir hier sollen. Die Religionen waren da über Jahrtausende hinweg federführend. Sie lieferten den Stoff für den Sinn des Lebens. Gegenwärtig verlieren diese Erzählungen immer mehr an Strahlkraft und Wirkung. Die übrig Gebliebenen radikalisieren sich im Moment, bevor sie dann vollends verschwinden werden. In Zukunft bildet dann nicht mehr das, was erzählt wird, einen Sinn für uns. Sinn erleben wir vielmehr dadurch, dass wir überhaupt miteinander ins Erzählen und Zuhören kommen – und darin bleiben. Das ist die neue, kulturelle Herausforderung. 

Was hat das mit Bildung zu tun? Wann bin ich denn „gebildet“? Das Wort steht im Passiv. Es erweckt den Eindruck, dass jemand, eine Schule, ein Bildungssystem etwas mit mir macht. Das erleide ich dann. Mehr oder weniger passiv. Bis zum letzten Schultag. Erst werde ich gebildet, dann bin ich es. So die traditionelle „Erzählung“. So das Bildungsnarrativ, das bis heute ganz selbstverständlich gilt. Peter Bieri hingegen meint, bilden könne „sich jeder nur selbst“[1]. Dann wäre Bildung Eigeninitiative. Was auch immer andere dazu beitragen –  bilden kann ich mich nur selbst.

Was aber tun dann all jene, die sich institutionell für unsere Bildung zuständig erklären? Mit Martin Walser gesprochen nichts Gutes: „Es scheint beim Erzogenwerden darauf anzukommen, sich auch vor sich selbst zu verstellen. … Man soll sich selbst undeutlich sein. Dann widerspricht man nicht, wenn sie einem sagen, wer man ist.“[2]

Die Bildung ist ein normativ aufgeladenes Geschäft. Und in den ersten beiden Lebensjahrzehnten nicht unterschieden von der Erziehung. Das liegt wohl am Eifer des Gefechts, in dessen Verlauf die Bildung Normen transportiert bis zum Anschlag. Weil die „Erzählung“ dahinter so gestrickt ist: Bildung gibt Menschen- und Weltbilder an die nächste Generation weiter. Komme, was da wolle.

Die längste Zeit war unsere Bildungswelt christlich geprägt. Lange stand die christliche Tradition exklusiv für die Bewahrung exklusiver Erzählungen und für einen durch das Erzählte bestimmten Sinn. Damit alles an seinem Platz bleibt. Ganz wunderbar skizziert wird das in dem Schweizer Kinofilm „Die göttliche Ordnung“, der die letzten Tage vor der Einführung des Frauenstimmrechtes im Jahr 1971 nacherzählt. Acht Jahre danach erscheint François Lyotards Werk „La condition postmoderne“. Es diagnostiziert das Ende der grossen Erzählungen. Seither kann einen schon mal das Gefühl beschleichen, das wir ein wenig durcheinander gekommen sind.

Der Einfluss der Digitalisierung

Denn seit jenen Tagen wird die normative Funktion von Narrativen brüchig – ohne dass das Narrativ als solches überflüssig wäre. Neu ist: Im Kontext der Digitalisierung verschärft sich das Phänomen der Vielstimmigkeit ungemein. Der Kampf geht um Aufmerksamkeit, nicht um Deutung. Nicht was gebrüllt wird, ist entscheidend, sondern wie laut. Konsens gibt es da allenfalls noch als Choral – auch als einen der eingebundenen Misstöne: Flashmob.

Verstärkt (nicht hervorgerufen) wird diese Entwicklung durch die Digitalisierung der Kommunikation, der Kulturen, der Märkte. Narrative werden definitiv vielstimmig und verändern sich nur noch als Chor. Dabei greifen sie nicht mehr auf eine Partitur („normative Begründungen“) zurück, sondern komponieren sich singend – also erzählend. Halten wir das aus?

Der Sinn eines Narratives entsteht und vergeht heutzutage beim Erzählen. Er ist dem Gespräch nicht mehr vorgelagert. Er schöpft sich aus dem Hier und Jetzt, im spontanen Gestalten von Gemeinschaft – zu welchen Zwecken auch immer: um sich zu bilden, um Arbeit zu organisieren, um eine Gesellschaft zu sein. Die sich treffen, bilden sich für diesen Moment und ver-gehen dann wieder. Sie bringen ihre Narrative vielleicht mit, aber sie fordern sie nicht zwingend ein, weil der Sinn im Erzählen entsteht, nicht durch Erzähltes.

Das neue Paradigma: Erzählen schlägt Erzähltes

Was bedeutet das für die Bildungsarbeit? Es bedeutet: „Gemeinsames Erzählen bildet“. Erzählen hat noch immer die Funktion der Selbstvergewisserung. Aber jetzt nicht mehr, indem ich auf Erzähltes fokussiere, sondern auf das Erzählen selbst. Ob dieses Phänomen neu ist, weiss ich nicht, aber im Moment entwickelt es sich zu einem Paradigma. Zu einem Narrativ. Zu einer Art „Digital Derrida“.

Das Neue am neuen Narrativ ist: Was als Erzählung Sinn hat, entscheidet allein der Kontext – nicht bildet sich der Kontext durch das Erzählte. Das ist ein Paradigmenwechsel. Und wir sind mittendrin. „Sinn“ ist nicht mehr Teil einer Lieferung (als Buch, Unterricht, Vortrag oder Seminar), sondern Ergebnis eines kollaborativen Produktionsprozesses. Erzählgemeinschaften (Familien, Vereine, Seilschaften, Netzwerke) bilden sich nicht mehr um traditionelle Narrative herum. Sie bilden selber welche und verwerfen sie wieder. Das begegnet mir in digitalen Kulturen wie Makerspace, Coworking, Kollaboration und Blockchain andauernd.

Sich aus Erzähltem freischzuwimmen wird leichter

Das Gute daran ist: Ich werde als Individuum nicht auf mich selbst zurückgeworfen oder zum einsamen Sinnkonstruktivisten. Schon gar nicht „wegen dieser Digitalisierung“. Vielmehr arbeiten wir durch unser Erzählen und Zuhören fortwährend an unserer persönlichen Identität wie auch an der unserer Community. In diesem Prozess  verliert meine (Herkunfts-)Erzählung womöglich den Anspruch von Exklusivität, auch mir selbst gegenüber. Aber das kann ja auch eine ungeheure Befreiung sein. Nicht nur für die Frauen im Kampf um Gleichberechtigung in den Siebzigern. Nicht nur für schwule und lesbische Musliminnen und Muslime. Wenn Ursprungserzählungen ihre Deutungsmacht verlieren, gewinne ich ganz grundsätzlich auch an Freiheit: im Erzählen, im Zuhören, im gemeinsamen Produzieren von Sinn. Nicht auszudenken, was das im Schmelztiegel der Kulturen an Chancen bedeutet.

Sich aus Erzähltem frei zu schwimmen führt in immer neue Narrative. Nicht weil das Erzählte emanzipatorisch wirkt, sondern weil das Erzählen befreit. Handfest und heilsam. Durch die Digitalisierung eröffnen sich hier ganz neue Räume und Netzwerke. Gelegenheiten der Befreiung und der Verbindlichkeit auf Augenhöhe – letztlich der Bildung von Gemeinschaft. Nur eben ganz anders, als wir es gewohnt sind. Aber wem erzähle ich das…

[1] ZEITmagazin LEBEN, 02.08.2007 Nr. 32

[2] M. Walser/A. Ficus (1982): Heimatlob. Insel Taschenbuch, S. 34ff.

Der digitale Raum: Fremd und gefährlich?

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Ich vermute, dass noch immer sehr viele Menschen dem Internet skeptisch gegenüber stehen, weil sie es als einen Raum erleben, in dem Dinge passieren, denen sie nicht über den Weg trauen. Sie sehen das Netz als einen Raum, in dem man sich verirren kann, in dem man ausgenutzt, ausgespäht und missbraucht wird – abgezockt und um die Privatsphäre betrogen. Es ist nicht nur ein Raum, in dem ich mich zu schützen habe, sondern einer, vor dem ich auf der Hut sein muss.

Anja C. Wagner hat in einer kleinen Netzumfrage Vermutungen eingefangen, warum in Deutschland und in der Schweiz vor allem Menschen mit höheren Bildungsabschlüssen Vorbehalte gegen ein Engagement in Sozialen Medien hegen.

Im Ergebnis stellt sich heraus: Es fehlt die Auseinandersetzung und deshalb die Erfahrung. Die Angst vor dem Kontrollverlust ist groß. Außerdem besteht noch kein echter Handlungsdruck – und nicht zuletzt ist es auch eine Statusfrage: Was erwartet mich, wenn ich in den Sozialen Medien auf Augenhöhe mit Menschen interagiere, die nicht meiner „Eliteblase“ entstammen?

Die Digitalisierung stellt unsere Beziehungen zum Raum auf den Kopf

Die hartnäckigen Gründe liegen noch tiefer: Für viele ist das Netz ein Raum, in dem sich vor allem Beobachter tummeln und Beobachtete: Lurkers meet Lurkers. Dazwischen scheint es nur wenig zu geben. Echte Interaktion etwa, oder Zusammenarbeit. Diese beiden verorten wir nach wie vor lieber im Meatspace, nicht im Cyberspace. Das Netz ist das Meer, aus dem wir etwas fischen, um es dann im richtigen Leben, ganz analog, zu gebrauchen. Manchmal verabreden wir uns auch im Netz, aber „treffen“ werden wir uns dann doch lieber in der so genannten Realität.

Auch sind wir es gewohnt, dass Räume, die wir betreten, vorher da sind – sonst könnten wir ja nicht hinein. Im Netz ist das anders. Da entsteht der Raum dadurch, dass wir ihn öffnen. Das könnte eine große Chance sein für Kollaboration. Das wird aber so gut wie nicht genutzt, denn digitale Räume sind zuerst einmal nicht strukturiert oder eingerichtet. Wir sind aber groß geworden mit und in Räumen, in denen alles seinen Platz hat. An der Art seiner Einrichtung erkennen wir den Raum und seinen Zweck. Vor allem jene Räume, in denen wir lernen und arbeiten. Da herrscht Ordnung. Wir lernen früh, dass Räume gestaltet sind, wenn wir sie betreten. Und daran erkennen wir, wo wir sind. Nicht so im Cyberspace. Da sind wir zur Gestaltung herausgefordert. Wir haben alle Möglichkeiten, und das sind zu viele.

Schlachthof oder Tanzsaal? Der Cyberspace ist beides zugleich

Denn der digitale Raum erhält seinen Zweck dadurch, dass wir eintreten. Er bekommt seine Identität dadurch, dass wir ihn betreten – in dem Moment, in dem wir das tun. Du, ich und die anderen. Der digitale Raum entsteht durch unsere Anwesenheit in ihm. Und er verliert sich in dem Moment, in dem wir ihn wieder verlassen. Strange, isn’t it?

Im Unterschied zu den meisten materiellen Räumen ist der Cyberspace nicht vorgespurt. Der materielle Raum hat und verfolgt meist nur einen bis eineinhalb Zwecke. Er ist entweder Schlachthof oder Tanzsaal. Deswegen sind die materiellen Räume auch so zahlreich: weil sie durch ihre Nutzung eingeschränkt sind. Deshalb braucht es viele davon. Nicht so im Cyberspace. Der definiert sich durch das, was diejenigen in ihm veranstalten, die ihn öffnen und wieder schließen. Die Digitalisierung macht uns bewusst, dass ein Raum nur das ist, was wir darin tun. Auch wenn wir ihn noch so zumüllen mit Materie.

Das ist genial: Je weniger ein Raum durch seine Nutzung vorherbestimmt ist, um so mehr kann in ihm entstehen. Er bekommt erst durch die Art und Weise seiner Nutzung und Inbesitznahme einen Sinn. Er entsteht durch die Artikulierung der Anliegen derer, die ihn betreten und dadurch „konstituieren“, also bilden. Das steckt hinter den neuen Buzzwords vom Coworking-Space, vom Colearning- und vom Makerspace. Die Gestalter definieren den Raum nicht nur, sie bilden ihn gemeinsam – und sie lösen ihn wieder auf. Deshalb sind Lern- und Arbeitsräume in Zukunft immer weniger (vorher-)bestimmt – und genau deshalb wird so Vieles in ihnen möglich.

Der digitale Raum ist nicht virtuell. Er ist, was wir aus ihm machen.

Der virtuelle Raum, wie er uns immer wieder durch die Träger*innen klobiger VR-Brillen und die Propheten aus der virtuellen Realität vor Augen geführt wird, der ist – genau wie der Raum des analogen Zeitalters völlig durchgestylt, durchdesignt und gestaltet. Er ist programmiert. Davon hängt ab, was in ihm passiert. In diesem virtuellen Raum werden wir pausenlos geführt. Was wir darin entdecken ist identisch mit dem, was zu entdecken vorgesehen und vorgegeben (und programmiert) ist. Wir suchen die Ostereier.

Der digitale Raum, der ein kollaborativer ist, hat mit dem Raum der „VR“ nichts zu tun. Wenn es im digitalen Raum überhaupt Prinzipien gibt, dann z.B. das der Serendipity: Ein kreatives, nicht vorhersehbares und kollaboratives Entdecken und Kombinieren. Design von Feinsten. Im digitalen Raum werden keine versteckten Ostereier entdeckt wie im Raum der VR. Es geht nicht ums Finden sondern ums Entdecken. Um Expedition.

Die nächste Stufe: Denkräume neu erfinden und gestalten

Diesen Paradigmenwechsel kriegen wir aber nur hin, wenn wir auch mit unserem Denken in neue Räume vorstoßen – indem wir sie betreten. Miteinander. Statt dass wir uns konsequent im Kreis bewegen und immer wieder durch dieselben Denkräume mäandern. Klar, das gibt Sicherheit, weil „da drin“ alles immer so ist, wie es war. Das Bedürfnis ist groß, immer und immer wieder an denselben Begriffen, Überzeugungen, Abläufen, Hierarchien, Mindsets, Menschen- und Weltbildern vorbei zu kommen.

Daraus entsteht aber nur eine Zukunft, die ein „mehr Desselben“ ist. Die Metapher vom „digitalen Raum“ hingegen erlaubt mir, den gemeinsamen Denkraum frei zu gestalten und weiterzuentwickeln. Nie war es einfacher aber auch dringlicher, unser Denken für das Entdecken echter Alternativen einzusetzen. Es ist das Gebot der Stunde.

Über eine Bildung ohne Instruktionen und moralischen Drill

Vor wenigen Tagen hat Gunnar Sohn mich interviewt zu meinem aktuellen Buch „Die Moral ist tot. Es lebe die Ethik.“ Es wurde ein spannendes Gespräch über Möglichkeiten und Chancen einer ethischen Bildungsarbeit auf Augenhöhe – jenseits dessen, was wir uns bis heute an Schule gewohnt sind – und was nirgendwo hin mehr führt. Eine Kurzversion des Interviews gibt es hier:

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Gunnar Sohn ist ein äußerst agiler und erfolgreicher deutscher Wirtschaftspublizist und Medienberater. Er  vernetzt digitale Akteure, die an einer kollaborativen Gestaltung einer neuen Netzökonomie und -soziologie interessiert sind.

Gunnar Sohn
Gunnar Sohn

Für mich war diese Arbeit mit ihm denn auch ein exzellentes Lehrstück über digitale Kommunikation. Ich bin begeistert über die Art, wie er sich in den Sozialen Medien bewegt, wie er Themen platziert, Menschen einbezieht und vernetzt. Das macht nicht nur richtig Spaß. Es beeindruckt mich und zeigt mir, in welche Richtung wir uns bewegen werden, wenn wir erfolgreich sei möchten und zugleich gute Sachen auf den Weg bringen.

Die Langversion des Interviews gibt es hier.

 

 

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Interview mit Dominic Chenaux vom Netzwerk Neubad in Luzern

Derzeit nehme ich an einem MOOC teil mit dem Namen Leuchtfeuer 4.0. Worum es da geht, erfahrt Ihr unter anderem hier.

An einem MOOC teilnehmen heisst in unserem Fall: ihn mit gestalten. Also schreibe ich alle zwei Tage eine Kolumne auf linkedin über das, was gerade so passiert in den Foren des MOOC – und welche Themen gerade dran sind. Zudem durfte ich für zwei Tage mit einer Kollegin zusammen die Themenpatenschaft übernehmen – und vor zwei Tagen ein Interview mit Dominic vom Netzwerk Neubad Luzern führen.

Im Interview stellt er das Projekt vor und hat mich völlig begeistert von der Idee, die hinter all dem steckt. Aber hört selber rein:

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Muss die Bildung die Welt verbessern?

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Die schlimmsten Aufforderungen sind die, die von Anfang an zum Scheitern verurteilt sind. Wir nehmen sie ernst, tun unser Bestes – und floppen. Im Fachjargon reden wir von Double Bind: „Sei spontan!“, oder „Überrasch mich mal!“ In einer einzigen Nachricht stecken zwei widersprüchliche Botschaften.

Auch der Auftrag an die Bildung, die Welt zu verbessern, ist so eine Aufforderung. Wenn sie nämlich damit anfängt, löst sie umgehend Gegenreaktionen aus. Warum? Weil Verbesserung immer mit Veränderung zu tun hat. Und die tut weh. Vom Mathematiker Georg C. Lichtenberg stammt der Spruch dazu: „Es ist nicht gesagt, dass es besser wird, wenn es anders wird. Aber wenn es besser werden soll, muss es anders werden.“

Und es gibt noch einen Grund: Bildung und ihre Einrichtungen (z.B. Schulen und Hochschulen) haben bis heute den Auftrag, Gesellschaft zu reproduzieren, nicht sie zu verändern. Letzteres macht höchstens die Forschung. Die so genannte „Lehre“ bildet Bestehendes ab und gibt es an die nächste Generation weiter: Strukturen, Hierarchien, Welt- und Menschenbilder. Und jede Menge Informationen, die sie als Wissen ausgibt wie die Kantine das Essen.

Der traditionelle Schulbetrieb ist ein Überbleibsel der Industrialisierung, das sich in unseren Kulturen eingenistet hat. Er dient vor allem dem Erhalt eines Gesellschafts- und Menschenbildes, das bis heute eine Mischung aus Taylorismus, preussischer Diszipingläubigkeit und einem Rest protestantischer Wirtschaftsethik im Windschatten eines Max Weber ist.

Wer der Bildung jetzt den Auftrag gibt, die Welt zu verbessern, sagt zwischen den Zeilen: „Wasch mich, aber mach mich nicht nass.“ Unsere herkömmliche Bildung kann die Welt gar nicht verbessern, weil und solange sie den Auftrag hat, Bestehendes zu bewahren. Deshalb muss die Gesellschaft erst einmal dafür sorgen, dass die Bildung sich verändert. Damit sind wir gemeint. Du und ich.

Nicht die Bildung verändert die Welt – sondern umgekehrt

Das ist aus zwei Gründen nicht so schwierig, wie es klingen mag. Erstens verändert sich die Welt so oder so. Im Moment sogar ganz radikal. Zweitens sind es immer Menschen, die die Welt verändern. Nicht die Systeme. Wirkliche Veränderungen entstehen immer ausserhalb des Bildungssystems. Krass, nicht wahr? Wozu dann Bildungssysteme? Das frag ich mich auch schon länger. Denn um Lesenschreibenrechnen zu lernen, braucht es sie ja auch nicht. Da ist längst erwiesen. Hinzu kommt: Der technische und der menschliche Fortschritt auf dieser Welt waren und sind keine direkte Folge schulischer Bildungskultur. Es waren ja nicht die Lehrer von Steve Jobs, die das iPhone erfunden haben. Die Orte, an denen solche Innovationen entstehen, haben so wenig mit Schule zu tun wie der Mathematikunterricht mit einer dynamischen Entdeckerkultur. Der erstickt sie ja eher im Keim (und redet sich am Ende immer damit raus, dass die Schüler halt zu doof und der Lehrplan zu voll seien). Die Alternative ist längst bekannt. Sie heißt Makerspace.

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Wie ein Makerspace sich vorstellt.

Digitaler Wandel als positive Herausforderung

Eine Schlussfolgerung daraus könnte lauten: Gerade, weil sich unsere Lebens-und Arbeitswelten derzeit so stark und so schnell verändern wie selten zuvor, geben wir als Gesellschaft der Bildung den Auftrag, ihren eigenen neu zu interpretieren. Lehrende, Schulleitende, Politiktreibende, Verwaltungsfachleute, Führungskräfte, Studierende, Eltern und ihre Kinder tun sich zusammen und legen gemeinsam los. Weil wir begreifen, dass und wie wir uns momentan radikal verändern, interpretieren und gestalten wir den Auftrag von Bildung neu.

Wir werden uns darüber klar, dass Bildung, Gesellschaft und Ökonomie einander nicht gegenüberstehen, sondern im selben Feld spielen. Miteinander und nicht gegeneinander. Ein neuer Auftrag für die Bildung könnte dann lauten: Menschen lebenslang alles zur Verfügung zu stellen, was diese brauchen, um sich zu Weltverbesserern heran zu bilden. Konkret:

  • Statt auf Schule zu machen ermöglicht Bildung auf allen Ebenen selbstbestimmtes, selbstverantwortetes, kollaboratives und ko-kreatives, projektorientiertes, Disziplinen übergreifendes, auf Kompetenz und Performanz hin angelegtes Lernen.
  • Um das leisten zu können, vernetzt sich Bildung jederzeit kreuz und quer mit diversen Funktionsträgern aus Kultur, Ökonomie und Gesellschaft.
  • Sie fokussiert nicht mehr länger auf das isolierte Individuum, sondern versteht Lernen endlich als das sozial-kollaborative Phänomen, das es ist.
  • Ganz wichtig: Weil Schule aufgehört hat, aus Menschen Schüler zu machen, weil sich Klassenzimmer und Seminarräume in ihre Bestandteile aufgelöst gelöst haben, organisiert sich das Lernen neu: kreativ, lustvoll, zielgerichtet, moderiert.
  • Bewertung, Selektion und Zertifizierung sind endgültig weggefallen. Nicht mehr Defizite stehen im Zentrum, sondern ausschliesslich Ressourcen und Potenziale.
  • Bildung bereitet nicht mehr auf Zukünftiges vor, sondern nimmt es mit ihren KlientInnen zusammen konsequent vorweg. Als Institution lernt die Bildung, von der Zukunft her zu denken und zu handeln, wie Lorenzo Tural Osorio das vorschlägt.

Diese Artikel erschien zuerst leicht angepasst in der pädagogischen Fachzeitschrift schulpraxis.