Was für eine Kirche soll es werden?

Eine Reflexion über die Grenzen kirchlicher Angebotslogik und die Frage, welchen Unterschied Kirche in der Gesellschaft machen will

Titelbild: Kern und Streuung. Entwickelt mit Claude Sonnet

Kirche macht Angebote. Sie feiert Gottesdienste, organisiert Katechese, Erwachsenenbildung und Jugendarbeit, begleitet Menschen in Krisen, lädt Familien ein, veranstaltet Konzerte, Gesprächsabende und Seniorennachmittage. Wer in einer Pfarrei oder Kirchgemeinde arbeitet, erlebt einen grossen Teil kirchlicher Tätigkeit genau in dieser Form: Etwas wird vorbereitet, organisiert, angekündigt und durchgeführt, Menschen werden eingeladen. Immer häufiger nehmen nur noch wenige daran teil.

Diese Form des Handelns ist so selbstverständlich, dass sie selbst kaum auffällt. Dabei beschreibt ein Angebot nie nur einen Inhalt, sondern immer auch eine Beziehung. Jemand entwickelt und verantwortet etwas, das andere in Anspruch nehmen können. Auf der einen Seite steht die Anbieterin, auf der anderen stehen Adressatinnen und Adressaten, Zielgruppen, Teilnehmende oder Nutzerinnen und Nutzer.

Kirche produziert damit nicht nur Angebote, sondern zugleich ein bestimmtes Bild von sich selbst. Sie versteht sich als Anbieterin in einer gesellschaftlichen Umgebung, in der Menschen auswählen, ob und wann sie etwas davon in Anspruch nehmen möchten.

Sobald Kirche ihre Zukunft vor allem über ihre Angebote beschreibt, folgen daraus fast zwangsläufig bestimmte Fragen: Welche Zielgruppen erreichen wir? Welche Veranstaltungen funktionieren? Wie werden wir sichtbarer? Wie müssen Gottesdienste gestaltet sein, damit mehr Menschen teilnehmen? Was interessiert Familien? Wie erreichen wir Jugendliche oder Menschen, die mit Kirche bisher wenig anfangen können?

Diese Fragen sind innerhalb einer Angebotslogik folgerichtig. Sie führen allerdings dazu, dass Kirche sich in eine gesellschaftliche Logik einordnet, in der Aufmerksamkeit knapp ist, Angebote miteinander konkurrieren und Menschen auswählen, was für sie interessant, hilfreich oder relevant erscheint. Kirchliche Angebote stehen dort neben Kultur, Freizeit, sozialen Medien, Bildungsangeboten, Coaching, Gesundheitsangeboten, Vereinen, Events und sozialen Initiativen.

Damit stellt sich eine Frage, die vor der Frage nach besseren Angeboten liegt: Reicht diese Form der Beziehung zur Gesellschaft aus, um zu beschreiben, wer Kirche künftig sein will?

Vor der Angebotsfrage steht die Identitätsfrage

Wenn vor allem aus der Angebotslogik heraus gefragt wird, ist bereits erstaunlich viel entschieden. Es ist entschieden, dass Kirche Angebote macht, dass sie deren Inhalte definiert und dass andere Menschen vor allem als diejenigen vorkommen, die diese Angebote möglicherweise in Anspruch nehmen. Verändert werden dann Programme und Formate, während die Beziehung, aus der heraus sie entstehen sollen, für immer mehr Menschen gar nicht erst zustande kommt.

Deshalb stellt sich eine ganz andere Frage zuerst: Wer will Kirche in dieser Gesellschaft sein?

Sobald Kirche sich diese Frage tatsächlich stellt, wird vieles unsicher, was vorher selbstverständlich erschien. Dann muss geklärt werden, wie sie überhaupt vorkommen will, als wer sie wahrnehmbar und ansprechbar sein möchte, welche Qualität ihre Anwesenheit haben soll und woran Menschen merken können, dass es einen Unterschied macht, dass sie da ist.

Damit verändert sich auch die Perspektive auf diejenigen, mit denen Kirche zu tun hat oder haben möchte. Aus der Frage, für wen Kirche da sein will, wird die Frage, mit wem zusammen sie Kirche sein will.

Zwischen «für» und «mit» liegt eine andere Vorstellung von Gesellschaft. Wer für andere etwas tut, kann die Rollen im Voraus verteilen. Die einen verfügen über Wissen, Räume, Ressourcen und professionelle Kompetenz, die anderen werden zu Adressatinnen und Adressaten dieses Handelns.

Wer dagegen fragt, mit wem zusammen etwas entstehen soll, kann diese Rollen nicht im gleichen Mass vorab festlegen. Dann treten andere Menschen und Organisationen als Akteurinnen und Akteure derselben Gesellschaft in den Blick. Schulen, Quartiervereine, Kulturschaffende, Verwaltungen, Gewerkschaften, Stiftungen, Initiativen, Familien, Unternehmen, soziale Bewegungen und einzelne Menschen haben längst eigene Fragen, Kompetenzen, Ressourcen, Interessen und Erfahrungen. Sie warten nicht darauf, von Kirche entdeckt und mit einem Angebot versorgt zu werden.

Interessant wird dann, was gemeinsam auf dem Spiel steht, welche gesellschaftlichen Fragen niemand allein lösen kann, welche Räume fehlen, welche Beziehungen entstehen müssen und wer Menschen zusammenbringen kann, die bisher nichts miteinander zu tun haben. In solchen Konstellationen wird zugleich sichtbar, was Kirche einbringen kann, ohne von Anfang an bestimmen zu müssen, was dabei herauskommt.

Die Frage «Was hat das noch mit Kirche zu tun?» ist berechtigt und kann trotzdem Entwicklung blockieren

Spätestens an diesem Punkt taucht in kirchlichen Transformationsprozessen regelmässig ein Einwand auf: Was hat das dann noch mit Kirche zu tun? Wo bleibt das Katholische? Wo bleibt Religion? Wo bleibt Gott?

Diese Fragen sind nicht falsch. Eine Kirche, die nicht mehr sagen kann, worin ihre eigene gesellschaftliche Präsenz besteht, hat tatsächlich ein Identitätsproblem. Ob sie Gemeinschaft organisiert, Menschen begleitet, Bildungsarbeit leistet oder sich für soziale Gerechtigkeit engagiert: all das tun auch andere. Wenn sie Räume bereitstellt, Kultur ermöglicht, Menschen vernetzt oder Freiwilligenarbeit unterstützt, ist auch das keineswegs exklusiv kirchlich.

Kirche kann andererseits ihre Besonderheit nicht einfach dadurch begründen, dass sie Kirche ist. Sie muss klären, worin ihr eigenes Profil und ihre eigene gesellschaftliche Präsenz bestehen.

Problematisch wird die Frage «Was hat das noch mit Kirche zu tun?» dort, wo sie scheinbar offen gestellt wird, ihre Antwort aber längst feststeht. Wenn «katholische Kirche» von Anfang an mit Gottesdienst, Sakramenten, Katechese, Seelsorge, bestimmten Berufsrollen, bestimmten Gebäuden und bestimmten Formen institutioneller Sichtbarkeit gleichgesetzt wird, dann wird Identität nicht mehr geklärt. Es wird dann nur noch kontrolliert, ob etwas Neues genügend Ähnlichkeit mit dem Bestehenden besitzt.

Die Frage nach dem Kirchlichen wird auf diese Weise zu einer Grenzkontrolle des Bekannten. Der Transformationsprozess darf dann zwar neue Formen hervorbringen, aber nur unter der Bedingung, dass das bisherige Verständnis von Kirche in ihnen wiedererkennbar bleibt.

Wiedererkennbarkeit und Identität sind jedoch nicht dasselbe. Eine Organisation kann ihre vertrauten Formen sehr lange erhalten und dabei gesellschaftlich zunehmend an Bedeutung verlieren. Sie kann Gottesdienste, Programme, Funktionen, Berufsprofile und Gebäude bewahren, obwohl daraus immer weniger Beziehungen entstehen. Dann bleibt vieles erkennbar, während immer unklarer wird, welchen Unterschied die Anwesenheit dieser Organisation für ihre Umgebung eigentlich noch macht.

Eine Organisation kann sich umgekehrt in ihren Formen stark verändern und gerade dadurch etwas von ihrer Identität neu entdecken. Deshalb führt an einer unbequemen Unterscheidung kein Weg vorbei: Was gehört tatsächlich zur Identität von Kirche und was sind historisch entstandene Formen, in denen diese Identität unter bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen Gestalt angenommen hat?

Gottesdienst ist ein zentraler Vollzug und trotzdem keine fertige Antwort auf gesellschaftliche Präsenz

Besonders deutlich wird diese Unterscheidung am Gottesdienst. Für christliche Gemeinschaft kann Gottesdienst ein zentraler Vollzug ihres Glaubens sein. Daraus folgt jedoch noch nicht, dass sich die gesellschaftliche Präsenz von Kirche auch künftig vom Gottesdienst her erschliessen muss.

Der katholische Pastoraltheologe und Priester Jan Loffeld lehrt als Professor für Praktische Theologie und beschäftigt sich mit den Veränderungen von Religion und Kirche in der Gegenwart. In seinem Buch «Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt» beschreibt er, dass viele Menschen heute ohne Religion und ohne Spiritualität leben, ohne dass sie ihnen fehlen würden. Sie vermissen auch Gott nicht und warten auch nicht darauf, dass Kirche den richtigen Zugang zu ihnen findet. Die Gottesfrage ist für sie nicht notwendig eine verdrängte oder verschüttete Frage, die durch bessere Kommunikation, zeitgemässere Sprache oder attraktivere Gottesdienstformen wieder freigelegt werden könnte.

Das verändert die Ausgangslage fundamental. Solange Kirche davon ausgeht, dass Menschen im Grunde ein religiöses Bedürfnis besitzen, für das sie lediglich die passenden Zugänge schaffen muss, bleibt sie im Angebotsdenken. Dann braucht es niederschwelligere Formate, bessere Kommunikation, andere Gottesdienste und geschicktere Wege zu jenen Menschen, die das vorhandene Angebot noch nicht entdeckt haben.

Wenn aber tatsächlich nichts fehlt, wo Gott fehlt, trägt diese Logik nicht mehr. Dann steht nicht zuerst die Frage im Raum, wie Menschen wieder für Religion interessiert werden können. Kirche muss sich vielmehr fragen, welche Bedeutung ihre eigene Anwesenheit in einer Gesellschaft hat, deren Mitglieder ihre religiöse Selbstbeschreibung nicht teilen und auch nicht benötigen.

Das heisst nicht, Gott aus der Kirche zu entfernen, sondern die Gottesfrage nicht länger als vermutetes Defizit der anderen zu behandeln. Kirchliche Identität kann dann nicht darin bestehen, Religion dort zu platzieren, wo Menschen sie nicht vermissen. Sie muss sich vielmehr darin zeigen, wie eine Kirche aus ihrer religiösen Tradition heraus in dieser Gesellschaft präsent ist.

Kirchliche Identität zeigt sich daran, welchen Unterschied ihre Präsenz macht

Wenn Kirche in einer pluralen Zivilgesellschaft als eigenständige Akteurin vorkommen will, muss sie sagen können, welchen Unterschied sie macht.

Dabei geht es nicht um ein Alleinstellungsmerkmal im Sinn des Marketings. Kirche braucht kein Produkt, das niemand sonst herstellen kann. Die Suche nach einem solchen Produkt würde sie sofort wieder auf den Markt der Angebote zurückführen.

Entscheidend ist vielmehr, welche Differenz durch ihre Anwesenheit entsteht.

Das Kirchliche zeigt sich nicht zwingend darin, dass Kirche Tätigkeiten ausführt, die sonst niemand ausführen kann. Es zeigt sich darin, wie sie Wirklichkeit wahrnimmt, wie sie Beziehungen gestaltet und welche Themen sie in einer Gesellschaft wachhält.

Eine solche Differenz kann darin bestehen, Menschen nicht zuerst nach Funktion, Leistung oder Verwertbarkeit zu betrachten. Sie kann darin bestehen, Räume für Erfahrungen offenzuhalten, mit denen andere gesellschaftliche Systeme Mühe haben, weil sie sich schlecht beschleunigen, optimieren oder verrechnen lassen: Scheitern, Verletzlichkeit, Trauer, Schuld, Versöhnung, Hoffnung und Endlichkeit. Sie kann darin bestehen, auf einer menschlichen Würde zu bestehen, die niemand verdienen muss, Menschen miteinander in Beziehung zu bringen, die sonst kaum miteinander zu tun hätten, oder Fragen wachzuhalten, die in einer hoch spezialisierten Gesellschaft zwischen Zuständigkeiten verschwinden.

Eine solche Differenz zeigt sich auch dort, wo Kirche Macht nicht nur rhetorisch teilt, sondern Beteiligung so organisiert, dass andere tatsächlich mitentscheiden und mitgestalten können.

All das sind keine fertigen Antworten auf die Identitätsfrage. Es sind Hypothesen, an denen sich prüfen lässt, was Kirche in einer konkreten Stadt, einem Quartier oder einer Region sein will.

Ein Identitätsprozess, dessen Ergebnis schon am Anfang feststeht, ist keiner. Er muss zulassen, dass sich im Kontakt mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit zeigt, welche dieser Annahmen tragen und welche nicht.

Identität entsteht nicht allein durch Selbstbeschreibung. Eine Kirche kann sich in einem Leitbild als offen, solidarisch, gastfreundlich, mutig und relevant bezeichnen. Entscheidend ist, ob Menschen ausserhalb des eigenen Systems sie so erfahren. Gastfreundschaft existiert erst in der Erfahrung eines Gastes, Vertrauen entsteht zwischen Menschen und gesellschaftliche Präsenz entsteht dort, wo eine Gesellschaft diese Präsenz tatsächlich wahrnimmt.

Zur Frage «Wer wollen wir sein?» gehört deshalb zwingend die Frage «Als wer werden wir für andere erfahrbar?». Damit bekommt das Gegenüber eine Bedeutung, die innerhalb der Angebotslogik kaum vorgesehen ist. Andere Menschen geben dann nicht lediglich Feedback zu kirchlichen Angeboten. Die Beziehung zu ihnen darf Rückwirkungen darauf haben, wie Kirche sich selbst versteht.

Die Personalfrage macht aus der Identitätsfrage eine Überlebensfrage der Organisation

Eine weitere, sehr konkrete Seite bekommt die Identitätsfrage, sobald in den Blick kommt, durch welche Menschen diese Kirche künftig überhaupt getragen werden soll.

Priester und Pfarrer fehlen längst. Auch Theologinnen und Theologen ohne Weihe und Amt werden zunehmend knapp. Weitere traditionelle kirchliche Berufe verlieren ihre bisherige Rekrutierungsbasis. Der Arbeitsmarkt, aus dem Pfarreien und Kirchgemeinden über Jahrzehnte ihr Personal beziehen konnten, wird kleiner und verschwindet in einzelnen Bereichen praktisch vollständig.

Die übliche Reaktion darauf ist Ersatzplanung. Eine Person geht in Pension, also wird dieselbe Stelle mit möglichst demselben Profil wieder ausgeschrieben. Bleibt die Bewerbung aus, wird die Arbeit verteilt, die Stelle reduziert oder auf einer höheren Ebene gebündelt.

Das sieht nach Personalplanung aus und ist in Wahrheit immer auch eine Identitätsentscheidung. Mit jeder solchen Entscheidung wird festgelegt, welche Tätigkeiten Kirche weiterhin für unverzichtbar hält, welche Berufsgruppen diese Tätigkeiten ausführen sollen und welche Form von Präsenz dadurch erhalten wird. Die bisherige Gestalt der Organisation schreibt sich über ihre Stellenpläne fort, oftmals ohne dass darüber ausdrücklich entschieden wurde.

Der Personalmangel macht diese Strategie zunehmend unmöglich. Wer heute eine Theologin gewinnt, gewinnt keine zusätzliche. Die Person fehlt anschliessend an einem anderen kirchlichen Ort. Der Mangel wird lediglich verteilt.

Eine zukunftsfähige Personalstrategie beginnt deshalb nicht mit der Frage, woher Kirche neue Fachkräfte für ihre bisherigen Stellen bekommt. Sie beginnt bei der Identität. Wenn geklärt ist, wer eine Kirche in ihrer Stadt oder ihrem Quartier sein will, lässt sich daraus ableiten, welche Funktionen sie dafür braucht. Erst dann stellt sich die Frage, welche davon tatsächlich Weihe oder kirchliche Beauftragung voraussetzen, für welche eine persönliche Glaubenspraxis wesentlich ist und wo ganz andere professionelle Kompetenzen gefragt sind.

Dann werden Sozialarbeiterinnen, Organisationsentwickler, Kommunikationsfachleute, Kulturschaffende, Community Builder, Bildungsfachleute oder Projektentwickler interessant.

Diese Menschen richten ihre berufliche Zukunft nicht in erster Linie auf kirchliche Stellen aus. Sie können bei Verwaltungen, Stiftungen, NGOs, Unternehmen und sozialen Organisationen arbeiten, häufig zu besseren Bedingungen und ohne in ihrem Umfeld erklären zu müssen, weshalb sie (ausgerechnet) bei der (katholischen) Kirche angestellt sind.

Darum löst auch Employer Branding das Problem nicht. Ein moderner Auftritt, eine bessere Website und ein originelleres Stelleninserat können nicht ersetzen, was vorher ungeklärt geblieben ist. Die entscheidende Frage lautet, weshalb ein kluger Mensch einen Teil seines Berufslebens ausgerechnet hier einsetzen sollte.

Eine überzeugende Antwort kann nur aus der Organisation selbst kommen. Sie liegt in dem, was dort möglich ist, in der Verantwortung, die Menschen übernehmen können, in der gesellschaftlichen Wirkung ihrer Arbeit, in der Art der Zusammenarbeit und in der Frage, mit wem dort welche Wirklichkeit gestaltet werden kann.

Personalstrategie wird damit zu einer Konsequenz von Identitätsklärung.

Eine digitale Gesellschaft zwingt Kirche, Präsenz neu zu denken

Die Identitätsfrage betrifft nicht nur Tätigkeiten und Personal, sondern auch die Orte, an denen Kirche gesellschaftlich vorkommt. Kirche hat ihre Anwesenheit lange stark räumlich organisiert. Kirche, Pfarrhaus, Pfarreizentrum, Gottesdienst, Veranstaltung und Quartier bilden ein vertrautes geografisches Ensemble.

Unsere Gesellschaft ist inzwischen digital geworden. Damit ist nicht gemeint, dass zu den bisherigen Kommunikationswegen noch Instagram, WhatsApp und eine Website hinzugekommen sind. Digitalität verändert, wo und wie Gesellschaft überhaupt stattfindet.

Menschen arbeiten, lernen, streiten, beraten sich, verlieben sich, gründen Gemeinschaften, organisieren politische Bewegungen, suchen Hilfe, teilen Erfahrungen und bilden Öffentlichkeit in digitalen und hybriden Räumen. Die Unterscheidung zwischen einer vermeintlich ”eigentlichen analogen“ Welt und einer ”zusätzlichen digitalen” Welt beschreibt diese Realität immer schlechter.

Für Kirche folgt daraus nicht zuerst die Frage, welche digitalen Angebote sie zusätzlich entwickeln muss. Auch diese Frage würde bereits wieder im bekannten Muster beginnen.

Zuerst muss geklärt werden, was Präsenz für eine Kirche in einer Gesellschaft bedeutet, deren soziale Wirklichkeit selbst digital geworden ist. Dann stellt sich die Frage, wo sie auffindbar sein muss, wie dort Beziehung entsteht und was Verlässlichkeit, Gemeinschaft, Ritual, Begleitung oder Öffentlichkeit unter diesen Bedingungen bedeuten.

Auch diese Antworten ergeben sich nicht automatisch aus dem, was Kirche bisher tut.

Transformation beginnt dort, wo das Bestehende nicht mehr automatisch die Zukunft definiert

Kirchliche Entwicklung gerät sehr schnell unter Produktionsdruck. Wenn die bisherigen Formen nicht mehr tragen, muss etwas Neues her. Neue Gottesdienstformen, neue Zielgruppen, neue Veranstaltungsformate, neue Kommunikationsstrategien, neue Nutzungskonzepte und neue Angebote sollen zeigen, dass Kirche auf Veränderung reagiert.

Diese Aktivität kann sinnvoll sein und zugleich den entscheidenden Schritt verhindern. Eine Kirche muss sich zuerst die Zumutung erlauben, zeitweise noch nicht zu wissen, welches neue Angebot am Ende steht, weil die Frage nach der Identität der Frage nach dem Angebot vorausgeht.

Wer in einer Gesellschaft präsent sein will, muss ein Verhältnis dazu entwickeln, wer er dort sein möchte, worin sein Eigenes besteht und welchen Unterschied seine Anwesenheit tatsächlich macht. Für eine Kirche gehört dazu zwingend die Frage, was diese Identität mit ihrer christlichen und katholischen Tradition zu tun hat.

Diese Frage darf nicht verschwinden. Sie darf nur nicht durch das beantwortet werden, was ohnehin schon da ist. Wenn das Bestehende selbst zum Massstab der Identität wird, wird die Vergangenheit zur Zulassungsbedingung für die Zukunft.

Dann werden Gottesdienste gerettet, weil Kirche Gottesdienste feiert. Stellenprofile werden erhalten, weil Kirche diese Stellenprofile kennt. Räume werden bewahrt, weil Kirche an diesen Orten bisher stattgefunden hat. Angebote werden entwickelt, weil Kirche sich als Anbieterin versteht. Die Identität besteht dann zunehmend darin, jene Formen zu erhalten, in denen sie einmal Ausdruck gefunden hat.

Transformation beginnt dort, wo diese Gleichsetzung aufhört.

Die Frage «Was hat das noch mit Kirche zu tun?» verliert dann ihre abwehrende Funktion und wird zu einer der wichtigsten Fragen des ganzen Prozesses. Sie dient nicht mehr dazu, das Neue am Bekannten zu kontrollieren, sondern eröffnet die ernsthafte Suche danach, wer Kirche in dieser Gesellschaft sein will und woran andere Menschen erfahren können, dass es einen Unterschied macht, dass sie da ist.

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Autor: Christoph Schmitt

Bildungsaktivist | LinkedIn Top Voice | Colearner | TEDx Speaker | Bildungsdesigner | Bildungsethiker | systemischer Coach & Supervisor | Rituals Expert | Blogger | Nörgler | Ressourcenklempner. Ich unterstütze alles, was mit Aus- und Aufbrechen aus Beschulung zu tun hat. Für Jung UND Alt. Meine Kernkompetenz: Entwicklung ganzheitlich begleiten, moderieren, inspirieren.

2 Kommentare zu „Was für eine Kirche soll es werden?“

  1. Die Kirche ist ein Ort, an dem der Mensch hofft, in Gemeinschaft mit Gott in Beziehung treten zu können. Wenn jemand glaubt, dass Gott in uns allen wohnt, kann es ihm schwerfallen, allein dem Unfassbaren zu begegnen, sich täglich mit seinem Gewissen auseinanderzusetzen und so einen würdigen Alltag mit anderen zu führen. Das bedeutet jedoch nicht, dass diese Art der Interaktion besser wäre, als in einer Gemeinschaft das Wesentliche und den Sinn des eigenen Lebens zu erfahren.

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