Leistung und Selektion: zwei unbefragte Begriffe der Schulentwicklung

Titelbild: Erstellt mit Gemini

Daniel Auf der Maur reagiert auf einen Artikel von René Donzé in der NZZ am Sonntag (9.8.2026). Jener Artikel beschreibt unter dem Titel «Ja keinen Stress!» den Abbau von Notengebung, Wettbewerb und Selektion an Schweizer Schulen. Auf der Maur widerspricht einer im Artikel zitierten Verteidigung der Schulnoten, zeigt Sympathie für notenfreie Praxis, und schlägt am Ende vor, sich weniger über Noten zu streiten und sich stattdessen dem Begriff der Leistung selbst zuzuwenden. Was darunter verstanden wird, welche Fähigkeiten gefördert werden sollen, das bleibt in seinem Text offen. Er berührt an einer anderen Stelle auch die Frage der Selektion, über den Verweis auf die Sorge, sonst selektioniere am Ende die Wirtschaft, und beantwortet auch diese Frage nur, indem er den Ort der Selektion verschiebt, nicht ihre Grundlage klärt.

Das ist die Leerstelle, um die es jetzt gehen soll. Beide Begriffe, Leistung und Selektion, werden von Auf der Maur aufgerufen, benutzt, gegeneinander abgewogen, aber nicht in ihrer eigenen Herkunft und Bedeutung befragt. Sie werden übernommen, wie Schule sie seit ihrer Entstehung bereitstellt, ohne dass ihre Geschichte, ihre Grammatik oder ihre Voraussetzungen zur Sprache kommen. In meinem Buch Schulschluss1 habe ich diese Kopplung von Bildung und Selektion, von Lernen und Leistung, bereits als historisch entstandenes und heute unangemessenes Strukturprinzip beschrieben. Der vorliegende Beitrag vertieft das an den beiden Begriffen selbst, dort, wo Auf der Maurs eigener Text sie unbefragt stehen lässt.

Leistung

Die Kopplung von Schule und Leistung lässt sich in mehreren Schichten freilegen: einer historischen Herkunft aus der Maschinenwelt, einer moralischen Grundierung, einer spezifisch autoritären Architektur, die sich heute nur noch gegenüber Kindern durchsetzen lässt, und zwei weiteren Wurzeln, einer sportlich-nationalistischen und einer juristischen, die sich beide mit den ersten drei verschränken.

Die Maschinenwelt

Die heutige Form von Schule hat sich im Zug der Industrialisierung herausgebildet und entsprach den Logiken von Fabrikarbeit, Verwaltung und Nationalstaat. Das ist mehr als eine historische Randnotiz. Die Fabrik brauchte Arbeitskräfte, deren Output messbar, vergleichbar und kontrollierbar war, unabhängig davon, wer die Arbeit im Einzelnen verrichtete. Die Maschine kennt keine Biografie. Sie kennt Takt, Toleranzgrenzen und Ausschuss. Schule übernahm dieses Vokabular für Menschen: Zeitraster statt Fliessband, Prüfung statt Qualitätskontrolle, Zeugnis statt Abnahmeprotokoll. Was an einer Maschine Funktionsfähigkeit heisst, heisst am Kind Leistungsfähigkeit. Der Begriff wandert aus einem Kontext, in dem er sinnvoll war, weil Maschinen tatsächlich keine andere Form von Wert kennen als Output, in einen Kontext, in dem er das Kind selbst zur Funktionseinheit macht. Diese Übertragung wird nirgends offen ausgesprochen, denn sie steckt in der Grammatik: ein Kind ist leistungsfähig oder nicht, so wie eine Maschine läuft oder stillsteht.

Die moralische Grundierung

Der zweite Punkt liegt tiefer und reicht in eine theologische Herkunft zurück. Die Vorstellung, dass sich der Wert eines Menschen durch fortlaufende Bewährung erweisen muss, hat eine lange Geschichte, die älter ist als die Fabrik. Sie stammt aus einer religiösen Ökonomie der Rechtfertigung, die Max Weber als Bewährung des Gnadenstandes beschrieben hat2, in der Anstrengung, Fleiss und Selbstdisziplin als Zeichen des Gnadenstands galten, der sich nie endgültig sichern liess, sondern immer wieder neu belegt werden musste. Diese Struktur hat sich säkularisiert, ohne ihre Form zu verlieren. Aus der Bewährung vor Gott wurde die Bewährung vor der Institution. Aus der Gnade, die sich nie endgültig sichern liess, wurde die Note, die Endgültigkeit nur vortäuscht. Auch ohne diese Herkunft beim Namen zu nennen, zeigt sie sich in der schulischen Realität: Leistung als dauerhafte Erwartung, die auch dann präsent ist, wenn gerade keine Prüfung stattfindet. Das ist keine pädagogische Eigenheit, sondern die Struktur einer Rechtfertigungslehre, die ihren Ursprung vergessen hat und deshalb nicht mehr infrage gestellt werden kann.

Die autoritäre Architektur

Das (Kultur-)Sadistische an dieser Konstruktion liegt nicht in einzelnen Praktiken, sondern in der Kombination aus permanenter Bewertung und fehlender Ausstiegsoption. Ein Erwachsener, dem eine Institution dauerhafte Bewährung unter Vergleichsdruck zumuten würde, könnte kündigen, klagen, sich anders dagegen organisieren. Ein Kind kann das nicht. Die Schulpflicht sichert genau jene Anwesenheit, die Voraussetzung dafür ist, dass Leistungsdruck überhaupt wirksam werden kann. Diese Form von Autorität funktioniert nicht durch Beziehung oder Legitimation, sondern durch die schlichte Tatsache, dass sich niemand entziehen kann. Genau diese Unterscheidung trifft die Forschung zur autoritären im Unterschied zur neuen oder transformativen Autorität, wie sie unter anderem bei Baumann-Habersack beschrieben wird3. Autoritäre Autorität braucht kein Gegenüber, das sie anerkennt, sie braucht nur eines, das sich nicht entziehen kann. Das trifft auf Erwachsene in Arbeitsverhältnissen immer weniger zu, weshalb dort andere Führungsformen gesucht werden, während Schule an der alten Form festhalten kann, weil ihr Gegenüber strukturell fixiert ist.

Diese Konstruktion trägt Kosten, die sich nicht mehr verbergen lassen. Immer mehr Kinder werden krank. Das ist kein Betriebsunfall am Rand des Systems, sondern der Beleg, dass selbst die einzige Gruppe, an der sich Leistung in dieser Form noch durchsetzen lässt, die Kosten dieser Durchsetzung nicht mehr durchgehend und selbstverständlich tragen kann. Wie die Institution mit diesem Befund umgeht, hat einen eigenen Namen: die Individualisierung psychischer Belastung, also eine systematische Entlastungsstrategie, die es erlaubt, Belastung zu thematisieren, ohne die Denkform Schule selbst infrage zu stellen.

Wettkampf und Rekord

Eine vierte Wurzel verschränkt sich mit den ersten drei, hat aber eine andere Herkunft. «Höchstleistung», «rekordverdächtig», «höher, weiter, schneller» kommen nicht aus der Fabrik, sondern aus dem Wettkampf, genauer aus jener Bewegung, die Körperertüchtigung im 19. Jahrhundert mit nationaler Selbstbehauptung verband. Turnvater Jahn richtete den Turnplatz auf der Hasenheide 1811 ausdrücklich auf die körperliche Ertüchtigung einer wehrhaften Nation aus, nicht auf individuelle Entfaltung. Die olympische Wiederbelebung durch Coubertin übernahm dieselbe Grammatik und goss sie in ein Motto, das diese Logik auf den Punkt bringt: citius, altius, fortius, schneller, höher, stärker. Diese Formel kennt kein Genug. Sie kennt nur die nächste Schwelle. Aus dem Sportplatz wanderte dieses Vokabular in die Schule, zunächst über den Turnunterricht, dann über die allgemeine Bewertungssprache. Heute heisst ein Kind nicht mehr «gut trainiert», sondern «leistungsstark», in Fächern, die mit Wettkampf ursprünglich nichts zu tun hatten. Das Muster hat sich vom Körper auf die ganze Person ausgedehnt, inklusive jener Bereiche, für die es nie gedacht war: Denken, Ausdruck, Beziehungsfähigkeit.

Die juristische Herkunft

Ein nächster Strang liegt tiefer im Wort. «Leistung» stammt aus dem Schuldrecht. Eine Leistung wird erbracht, weil eine Gegenleistung geschuldet ist. Das Wort setzt ein Vertragsverhältnis voraus, eine Partei, die etwas fordern darf, und eine Partei, die zu erfüllen hat. Wenn Persönlichkeitsentwicklung als Leistung beschrieben wird, wird stillschweigend ein Kind zur schuldenden Partei gemacht, gegenüber der Schule, den Eltern, der Gesellschaft, als hätte es sich zu etwas verpflichtet, das nun eingefordert werden darf. Das ist keine beiläufig verwendete Metapher. Es ist eine begriffliche Übertragung aus dem Vertragsrecht in einen Bereich, der mit Vertrag nichts zu tun hat, denn die persönliche Entwicklung und Entfaltung eines Kindes ist keine geschuldete Gegenleistung.

Was heute Wert erzeugt

Heute bildet sich das, wa wir als einen «Wert» wahrnehmen, zunehmend dort, wo Automatisierung an ihre Grenzen stösst, nämlich in Urteilskraft, Kontextverständnis und in Verantwortung. Diese Fähigkeiten lassen sich nicht auf einer Skala ordnen wie eine Hundertmeterzeit. Eine Pflegefachperson kann nicht «rekordverdächtig» pflegen. Ein Urteil, das einer konkreten, unwiederholbaren Situation gerecht werden muss, lässt sich nicht mit «höher, schneller, weiter» messen. Die Wettkampf- und Rekordlogik verlangt einen einzigen, skalierbaren Massstab, an dem alle gemessen werden. Genau diese Voraussetzung fehlt bei den Fähigkeiten, die heute Wert erzeugen. Die Kopplung ist damit nicht nur historisch überholt, sie passt strukturell nicht mehr auf das, was sie angeblich fördern soll.

Ein nicht unwesentlicher Verlust liegt für heutige Verhältnisse darin, dass Bildung, bevor sie mit diesem Vokabular überschrieben wurde, selbst nie komparativ gedacht war. Im Bildungsbegriff, wie er zu Beginn des 19. Jahrhunderts formuliert wurde, ging es um Selbstbildung, um eine Entfaltung, die nicht am Mitmenschen (als Konkurrent?) gemessen wird, sondern an der eigenen Anlage.

Diese Tradition ist im schulischen Kontext von der Wettkampfgrammatik überschrieben worden, die zur selben Zeit aus einer ganz anderen Ecke, dem Turnplatz, dem Vertragsrecht, in die Schulen einzog. Zwei Begriffe von Entwicklung wurden dadurch verschmolzen, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben: einen der auf Selbstbestimmung und Selbstermächtigung bezogen ist, am eigenen Vorher-Nachher orientiert, der andere komparativ, auf Rang und Abstand zu anderen ausgerichtet. Schule und mit ihr die meisten Lehrpersonen kennen praktisch nur noch den zweiten.

Das erklärt auch, warum diese Entkopplung so schwer fällt. Lehrpersonen sind selbst durch eine Schule gegangen, die dieses Vokabular als einzig verfügbares hinterlassen hat. Wer nie eine andere Sprache für Entwicklung gelernt hat, kann sie auch bei anderen nicht anders benennen, selbst wenn er oder sie spürt, dass etwas nicht stimmt.

Selektion

Der Begriff Selektion trägt sogar mehr Geschichte in sich als Leistung, auch eine dunklere. Auch hier lassen sich mehrere Wurzeln freilegen, die in einer gemeinsamen strukturellen Klammer zusammenlaufen.

Die industrielle Herkunft

Sie schliesst direkt an die Maschinenwelt an, die schon die Herkunft des Leistungsbegriffs prägt. In der Fertigung bezeichnet Selektion das Aussortieren von Ausschuss aus einer Serie gleichartiger Stücke, anhand eines vorab festgelegten Kriteriums, ohne Rücksicht auf das einzelne Stück. Ein Werkstück wird nicht befragt, ob das Kriterium für seinen Fall passt. Es wird gemessen und zugeteilt. Genau dieses Verhältnis von Kriterium und Fall überträgt sich unverändert auf die schulische Selektion: Eine Schülerin, gleich welchen Alters, wird nicht gefragt, ob der Massstab, an dem sie gemessen wird, ihrer Situation gerecht wird.

Die biologische Herkunft

Die zweite Herkunft liegt bei Darwin. Die deutsche Erstübersetzung von 1860 nannte «natural selection» noch «natürliche Zuchtwahl», später setzte sich «Selektion» als Fachbegriff durch. Entscheidend an diesem Ursprung ist, was Selektion in der Evolutionsbiologie tatsächlich beschreibt: einen Vorgang ohne Subjekt, ohne Absicht, der «auf einer Population operiert» und nicht auf dem Individuum. Kein Lebewesen wird selektiert, weil es das verdient hätte. Eine statistische Eigenschaft entscheidet über Fortbestand oder Verschwinden, an der Population gemessen, nicht am Einzelfall. Wenn dieses Vokabular für Menschen in Bildungsinstitutionen verwendet wird, überträgt es diese Subjektlosigkeit mit. Der Begriff behandelt eine Klasse von Kindern so, wie die Biologie eine Population behandelt, gemessen an einem Merkmal, das über den Einzelnen hinausgeht.

Eine historisch belastete Bedeutungsschicht

Mit aller gebotenen Vorsicht und ohne jede Gleichsetzung des Ausmasses gilt auch: Der Begriff Selektion trägt im Deutschen die Bedeutungsschicht der nationalsozialistischen Vernichtungslager, wo er die Aussonderung an der Rampe bezeichnete, wer zur Zwangsarbeit taugte und wer sofort ermordet wurde. Derselbe Begriff wird im Deutschen für grundverschiedene Sachverhalte verwendet: für die biologische Selektionstheorie seit Darwin, für die Selektion an der Rampe der nationalsozialistischen Vernichtungslager, und heute unter anderem für die Selektion im Schulsystem.4 Damit ist nicht behauptet, dass irgendjemand, der heute von schulischer Selektion spricht, diese Assoziation intendiert oder auch nur kennt. Die Schwere der beiden Vorgänge ist inkommensurabel, das eine ist Verwaltungsvokabular für Bildungswege, das andere ist die Sprache eines Massenmords. Dennoch ist es kein Zufall, dass dasselbe Wort für beides taugt. Es beschreibt in beiden Fällen dieselbe Grundoperation: eine übergeordnete Instanz teilt eine Gruppe von Menschen anhand eines Kriteriums, das sie selbst nicht gesetzt haben, in die, die weiterkommen, und die, die aussortiert werden, und die Betroffenen haben in diesem Moment keinen Einspruch.

Die administrative Neutralisierung

In der schweizerischen Bildungssoziologie ist «Selektion» ein vollständig neutralisierter Fachbegriff, Übertrittsselektion, Selektionsverfahren, Selektionsforschung, ohne jede Reflexion der eben genannten Herkunft. Diese Vergessenheit ist selbst aufschlussreich. Sie zeigt, wie ein Begriff, dessen Struktur eigentlich Gewalt beschreibt, durch fachsprachliche Wiederholung seine Anschaulichkeit verliert und dadurch überhaupt erst alltagstauglich wird.

Die Richtung der Handlung

Was alle Wurzeln teilen, ist die Richtung der Handlung. Leistung, wie sie eingangs beschrieben wurde, wird von einer Person erbracht, auch wenn die Erwartung fremdbestimmt ist. Selektion dagegen wird an einer Person vorgenommen. Die Person ist nicht Subjekt der Handlung, sondern ihr Objekt. Genau darin liegt die eigentliche Asymmetrie, die sich schon im Kapitel zur autoritären Architektur andeutet: Ein Kind kann sich anstrengen, aber es kann sich nicht selbst selektieren oder der Selektion entgehen. Es kann nur hoffen, auf der richtigen Seite der Grenze zu stehen, die andere gezogen haben. Das macht Selektion zur konsequentesten Form jener autoritären Architektur, die keine Zustimmung des Gegenübers braucht.

Die verlorene Kontingenz

Damit lässt sich auch die Kontingenz des Selektionsauftrags genauer fassen. Selektion als Schulaufgabe war plausibel, solange eine Volkswirtschaft tatsächlich eine sortierte, hierarchisch gestufte Population von Arbeitskräften brauchte, die Rampe der Industriegesellschaft sozusagen. Diese Nachfrage nach einer vorsortierten Population existiert in der beschriebenen Form nicht mehr. Der Begriff hat seinen Gegenstand verloren, aber nicht seine Grammatik der Unterwerfung unter ein fremdgesetztes Kriterium.

Schluss

Eine Antwort auf die Frage, was an die Stelle von Leistung und Selektion treten könnte, darf nicht in einem neuen, freundlicheren Wort für dieselbe Operation enden. Eine mildere Bewertungssprache oder ein gerechteres Selektionsverfahren würden die hier freigelegte Grammatik unangetastet lassen und lediglich neu einkleiden. Genau das ist die Bewegung, die im Abschnitt über Leistung (👆) als Reproduktion der eigenen Unangemessenheit beschrieben wurde, oder wie es in Schulschluss heisst:

Besonders wirksam ist dabei die Fähigkeit von Schulen, Kritik zu absorbieren. Kritik wird aufgenommen, übersetzt und in Massnahmen überführt. Sie wird pädagogisch bearbeitet, organisatorisch eingehegt und in Programme transformiert. Dadurch entsteht der Eindruck, dass korrekt gehandelt wird. Gleichzeitig werden grundlegende Infragestellungen neutralisiert. Kritik wird nicht zurückgewiesen, sondern integriert. Gerade diese Integrationsfähigkeit stabilisiert die bestehende Form.

Beim Thema Leistung liegt das Material für einen tragfähigeren Begriff bereits vor. Was in der Pflege, im Handwerk, in der Beratung oder in der Erziehung als gute Arbeit gilt, wird nicht an einem Rekord gemessen, sondern an der Angemessenheit einer Reaktion auf eine konkrete, nicht wiederholbare Situation. Eine Wunde wird sorgfältig oder nachlässig versorgt, nicht schneller oder langsamer im Vergleich zu einer anderen Wunde oder Patientin. Ein Urteil in einer Beratung trifft die Lage oder verfehlt sie, es überholt kein anderes Urteil. Massstab ist hier Qualität (Güte), nicht Menge, Angemessenheit, nicht Abstand zu anderen. Selbtverständlich lässt sich diese Arbeit beschreiben, bewerten und auch kritisieren, aber nicht auf einer Skala anordnen, auf der jemand weiter vorne steht als jemand anderes.

An dieser Stelle würde ein Ökonom einwenden, dass es längst Verfahren gibt, um genau das auf einer Skala abzubilden: Kennzahlen, Qualitätsindikatoren, Bewertungssysteme. Das stimmt, und es bestätigt die These, statt sie zu widerlegen. Sobald eine Grösse zum Ziel wird, hört sie auf, ein brauchbares Mass für die Sache zu sein, die sie eigentlich abbilden sollte. Dokumentationspflichten, Zufriedenheitswerte und Fallzahlen pro Schicht sollen Qualität messbar machen, doch gemessen wird am Ende Dokumentationsaufwand, nicht Zuwendung. Die Zeit, die für das Ausfüllen der Skala aufgewendet wird, fehlt am Bett. Die Skala bildet die Arbeit nicht ab, sie verdrängt sie. Das ist derselbe Mechanismus, der schulische Prüfungen bereits prägt: sichtbar wird, was sich zeigen lässt, nicht was stattfindet. Eine Skala für Pflege, Beratung oder Urteilskraft ist deshalb kein Gegenbeweis zur These, sondern ihre Bestätigung in neuem Gewand.

Weil sich diese Arbeit selbst der genauesten Kennzahl entzieht, unterscheidet sie sich grundsätzlich von der Wettkampf- und Fabriklogik, die Leistung bisher geprägt hat. Ein Begriff von Leistung, der aus dieser Art von Arbeit gewonnen wird, wäre also kein Ersatzwort für denselben Vergleich. Er wäre die Abkehr vom Vergleich als Massstab überhaupt.

Konsequent zu Ende gedacht führt dieser Weg aus einem ökonomisch verengten Leistungsbegriff heraus, nicht nur aus dem sportlich-industriellen. Was unter diesem verengten Begriff nicht als Leistung zählt, weil es sich nicht in ein Marktresultat übersetzen lässt, wird bisher stillschweigend abgeschrieben: Pflegearbeit ausserhalb bezahlter Anstellung, Familienarbeit, Freiwilligenarbeit, ein grosser Teil der Sozialarbeit. Gerade jene Haltungen, Werte und jenes Engagement, die diese Arbeit tragen, Verlässlichkeit, Zuwendung, Beziehungsfähigkeit über Zeit, entziehen sich einer ökonomischen Bilanzierung, nicht weil sie wertlos wären, sondern weil ihr Wert sich in dieser Sprache nicht ausdrücken lässt.

Das macht diesen neuen (alten) Pfad schwerer zu entwickeln als jenen, der Leistung weiterhin an Vergleich und Output bindet, wenn auch subtiler gefasst als in der Schule. Zugleich ist er deshalb dringlicher, gerade jetzt: Das industrielle Leistungsmodell verliert sichtbar an Plausibilität, in dem Mass, in dem künstliche Intelligenz und Automatisierung genau jene standardisierbaren, vergleichbaren Tätigkeiten übernehmen, auf die dieses Modell zugeschnitten war. Was übrig bleibt und an Bedeutung gewinnt, ist genau jene Arbeit, die sich einer ökonomischen Verengung von Anfang an entzogen hat.

Für Selektion gibt es dieses Vokabular nicht in derselben Form, aus einem einfachen Grund. Was Selektion beschreibt (eine übergeordnete Instanz teilt eine Gruppe nach einem fremdgesetzten Kriterium), lässt sich nicht in ein freundlicheres Verfahren übersetzen, ohne seine Grundstruktur zu wiederholen. Die eigentliche Verschiebung wäre, diese Entscheidung dorthin zurückzugeben, wo ich sie am Ende von Schulschluss tatsächlich hingehört: in eine gesellschaftliche und politische Aushandlung, an der Zivilgesellschaft, Ökonomie und Politik gemeinsam beteiligt sind.

Solange sie exklusiv bei Schule liegt, bei einer Institution, deren Vokabular aus der industriellen Bevölkerungsverwaltung stammt, bleibt jede Selektion eine Fortschreibung dieser Herkunft, gleich wie sie im Einzelnen ausgestaltet wird. Die eigentliche Verschiebung wäre, diese Entscheidung dorthin zurückzugeben, wo ich sie in «Schulschluss» verorte: in eine gesellschaftliche und politische Aushandlung, an der Zivilgesellschaft, Ökonomie und Politik gemeinsam beteiligt sind. Das ist mehr, als Auf der Maur vorschlägt, wenn er die Auswahl den Abnehmenden überlässt, denn auch die haben die anachronistischen Voraussetzungen nicht selbst gesetzt, sie haben sie nur geerbt.

  1. Christoph Schmitt, Schulschluss: Das Ende eines Konzepts, 2., durchgesehene und korrigierte Auflage (Hamburg: BoD – Books on Demand, 2026), ISBN 978-3-6957-4900-3 ↩︎
  2. Max Weber, Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, in: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie I (Tübingen: Mohr Siebeck, 1920), Teil II, Kapitel 1: Die religiösen Grundlagen der innerweltlichen Askese, Abschnitt zum Calvinismus. Erstveröffentlichung in zwei Teilen in: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, Bd. 20 (1904) und Bd. 21 (1905). ↩︎
  3. Frank H. Baumann-Habersack, Mit transformativer Autorität in Führung: Die Führungshaltung für das 21. Jahrhundert, 3., aktualisierte und überarbeitete Auflage (Wiesbaden: Springer Gabler, 2021), Kapitel 3: Was ist Autorität? ↩︎
  4. Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS), s.v. «Selektion», Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, https://www.dwds.de/wb/Selektion, abgerufen am 12. August 2026. ↩︎

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Autor: Christoph Schmitt

Bildungsaktivist | LinkedIn Top Voice | Colearner | TEDx Speaker | Bildungsdesigner | Bildungsethiker | systemischer Coach & Supervisor | Rituals Expert | Blogger | Nörgler | Ressourcenklempner. Ich unterstütze alles, was mit Aus- und Aufbrechen aus Beschulung zu tun hat. Für Jung UND Alt. Meine Kernkompetenz: Entwicklung ganzheitlich begleiten, moderieren, inspirieren.

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