Über die Unterschiede zwischen Digitalien und Analogistan

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Im Kontext der Digitalisierung werde ich immer häufiger mit Stöhnen und Ächzen konfrontiert: „Ich kann es nicht mehr hören!“ höre ich da. Der Begriff Digitalisierung sei doch leer. Gleichzeitig häufen sich kulturpessimistische Abhandlungen, die das Netz als den neuen Hort des Bösen definieren. Hier wird eine gigantische Projektionsfläche kultiviert, auf die praktisch alles übertragbar wird, was derzeit nicht (mehr) funktioniert.

Dabei ist das Internet unzweifelhaft der neue kulturelle Raum, in dem sich Gesellschaft und Ökonomie abspielen. Wer sich also in der Interpretation einrichtet, das Netz sei böse und wann immer möglich zu meiden, hängt sich damit selber ab, ebenso wie die, die Digitalisierung auf Technikram reduzieren. Vor allem im Bildungssystem wird „Digitalisierung“ ja gerne als Poliermittel für die Kultstätten Pädagogistans verwendet. So war erst neulich wieder aus den Hallen der ETH Zürich zu hören:

„Ich habe so langsam ein Problem mit dem Begriff digitales Zeitalter. Was heisst das denn eigentlich? Es wird immer so getan, als sei das jetzt eine Zeitenwende.“

Prof. Dr. Elsbeth Stern, gemäss Tagesanzeiger eine der „bekanntesten und profiliertesten Lern- und Intelligenzforscher im deutschsprachigen Raum.“ Quelle

Das zeugt halt schon von einer Blindheit gegenüber dem, was derzeit im Gange ist: Digitalisierung hat eine kulturelle Revolution eingeläutet, bei der in keinem unserer Lebensbereiche auch nur ein Stein auf dem anderen bleibt.

Warum die kulturelle DNA dieselbe bleibt

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Die meisten Strategien im Umgang mit Digitalisierung sind im Moment ganz traditionell. Herkömmliche Organisationsformen werden digital aufgepimpt. „Unternehmen bevorzugen Prozessdigitalisierung, entwickeln aber weiterhin kaum digitale Geschäftsmodelle.“ (Quelle). Der Idee nach bleiben sie, was sie immer waren. Auch das Bildungssystem hält an uralten Vorstellungen von Wissensvermittlung und Plandidaktik, von Lehren, Unterrichten und Benoten fest – lediglich wird hier und da die Forderung laut, diese analoge Bildungskultur durch digitale Lehr- und Lerntechnik zu ergänzen.

Warum die Kultur den Unterschied macht

Nicht gesehen wird: In Analogistan und Digitalien gelten unterschiedliche Kulturen. Die sind und bleiben erst einmal fremd für Angehörige der jeweils anderen Kultur, weil sie beide gewachsen sind: Die analoge ebenso wie die digitale Kultur. Aus einer analogen Perspektive erschöpft sich „Digitalisierung“, indem sie an sichtbaren Merkmalen festgemacht wird: Hardware, Devices, Oberflächen aller Art, Apps & Tools. Die Unterschiede zwischen beiden Kulturen werden aber durch solche “sichtbaren Merkmale“ nicht deutlich. Ein Beispiel:

Ob ein Team-Meeting oder eine Unterrichtssequenz analog oder digital durchgeführt werden, sagt nichts darüber aus, welche Kultur dahintersteckt: Ob ein Team in einer Kultur der Digitalität unterwegs ist, zeigt sich nicht daran, dass ein Meeting digital stattfindet. Auch in Analogistan gibt es ja digitale Technologie – und umgekehrt: ein analoges Meeting findet in Digitalien zwar in einem physischen Besprechungsraum statt, aber in einem anderen Geist.

Analoge Meetings gestalten sich in Digitalien anders als digitale Meetings in Analogistan.

Das Video beschreibt drei Unterschiede mit Blick auf das Bildungs- und Schulsystem:

Drei Schritte in eine Kultur der Digitalität

Der entscheidende Kulturwandel: Vom Visitor zum Resident

Als Mensch, der in Digitalien oder in Analogistan beheimatet ist, trage ich im Alltag immer die entsprechende Kultur mit mir. Ich kann sie nicht einfach abschütteln oder ablegen. Auch wenn ich als Angehöriger der einen Kultur eine Zeit lang in der anderen Kultur unterwegs bin, erkenne und verstehe ich die Unterschiede erst dann, wenn ich wirklich „mitlebe“ – als einwandere. Dann erst realisiere ich nach und nach, wie und wodurch die Kultur(en) anders ist/sind.

Ein “Digital Visitor” aus Analogistan erlebt diese Kulturunterschiede bei einem Besuch in Digitalien nicht zwingend. Er oder sie sieht vor allem technische Unterschiede (aha: digitale Technik statt analoger Hilfsmittel) und was andere damit machen. Das ist wie bei einer Politikerin, die während einer Reise in den Iran ein Kopftuch trägt, was sie sonst womöglich nicht tun würde. Unter diesem Kopftuch trägt sie ihre Heimatkultur. Deshalb wird sie auch durch das Tragen eines Kopftuchs als „Politikerin auf Staatsbesuch“ weder Teil einer anderen Kultur noch spürt sie tatsächlich einen Unterschied zu ihrer eigenen Kultur.

Anders wird das, wenn sie sich entscheiden würde, im Iran zu leben. Dann würde sie nach und nach erfahren, was das kulturell bedeutet – und zwar über die Unterschiede, die sie dann zu ihrer Herkunftskultur machen kann. Dieses Beispiel zeigt, wie groß der Einfluss einer Kultur bei der Beantwortung der Frage ist, welche Bedeutung z.B. ein Kopftuch hat. Auch die „Nutzung eines Smartphones“ erlaubt noch keine treffende Aussage darüber, ob wir uns gerade „in Digitalien“ befinden oder „in Analogistan“. Wobei ich damit nicht die Kopftuchdebatte und die Digitalisierungsfrage auf eine Ebene stelle. Ich versuche den Unterschied zwischen sichtbaren Merkmalen und ihrer kulturellen Bedeutung an einem besonders auffälligen Beispiel zu verdeutlichen.

Erst wenn ein Digital Visitor sich entschieden hat, ein Digital Resident zu werden und in Digitalien “sesshaft” ist, wird ihm oder ihr nach und nach klar, was die Kultur in Digitalien im Unterschied zu Analogistan ist, wo er oder sie ja ursprünglich herkommen. Das erschließt sich ihm und ihr nicht dadurch, dass sie mal eben eine Reise nach Digitalien unternehmen, dort an ein paar Meetings teilnehmen und sagen: Das nehme ich jetzt mal als “Souvenir” mit und “probiere” das zuhause. Denn “zuhause” ist Analogistan, und sie sind dort Resident.

Auf diesem Hintergrund ist die Unterscheidung zwischen „Digital Native“ und „Digital Immigrant“ weniger hilfreich als die zwischen einem „Digital Visitor“ und einem „Digital Resident“. Oder wie jemand neulich meinte: „Digital Native ist man nicht. Digital Native wird man.“

Schließen möchte ich mit einem Zitat von Kathrin Passig aus ihrer Internetkolumne Standardsituationen der Technologiekritik:

„Die mühsamere Therapie heißt Verlernen. … Der erwachsene Mensch kennt einfach zu viele Lösungen für nicht mehr existierende Probleme. Dazu kommt ein Hang zum Übergeneralisieren auf der Basis eigener Erfahrungen. (…) Wer darauf besteht, zeitlebens an der in jungen Jahren gebildeten Vorstellung von der Welt festzuhalten, entwickelt das geistige Äquivalent zu einer Drüberkämmer-Frisur: Was für einen selbst noch fast genau wie früher aussieht, sind für die Umstehenden drei über die Glatze gelegte Haare. So lange wir uns nicht wie im Film Men in Black blitzdingsen lassen können, müssen wir uns immer wieder der mühsamen Aufgabe des Verlernens stellen.“

Ein aufschlussreicher und beeindruckender Essay zum Verhältnis von „Digital City“ und „Analog City“ findet sich hier.

Zum Begriff der „Kultur“ empfehle ich interessierten LeserInnen: Dirk Baecker, Wozu Kultur?

Der Comic im Titel ist Teil eines Graphic-Recording zu meiner Keynote an einer Weiterbildung der ZHAW Winterthur im Jahr 2017.

Autor: Christoph Schmitt, Bildungsdesigner, Coach & Supervisor ZFH

Bildungsaktivist, Bildungsdesigner, Ressourcenklempner, Ethiker, Rituals Expert. Ich unterstütze Menschen und Organisationen beim "Digital Turn" - systemisch & lösungsfokussiert. Ich coache Menschen in ihren Entwicklungsphasen und begleite in einschneidenden Lebensmomenten durch die Gestaltung von Ritualen.

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