Weisst du was?

Die Zitate in Titelbild & Text stammen womöglich vom Wiener „Zettelpoeten“ Helmut Seethaler. Jedenfalls habe ich sie über Wien verstreut entdeckt.

Die Frage „Weisst du was?“ kann ich vorne oder hinten betonen. Dann bedeutet sie jeweils etwas anderes. Vorne betont kann ich sie praktisch nicht mit „Nein“ beantworten. Jede*r weiss irgendwas. Hinten betont werde ich zumindest neugierig. Zumindest ich. Weisst du was? Je mehr wir wissen, umso mehr wissen wir auch um unser Nichtwissen. Alter Hut. Zumindest der Annahme nach. Was mich jedoch – je länger je mehr – irritiert: Diese ganz und gar selbstverständliche Praxis, Wissen als eine Quantität handzuhaben: Ich kann scheinbar nichts, wenig oder viel wissen, nur um am Ende sagen zu können: Ich weiss, dass ich nichts weiss. Haben wir heute tatsächlich so viel Wissen wie nie zuvor? Ich sage: Nö.

Wissen bedeutet: Ich weiss, was ich brauche, ich weiss, wo ich das finde, ich weiss, wie es geht, funktioniert, gelingt. Das kann ich wissen.

Brauchen,

also benötigen, ist immer abhängig von einem „wozu“, also von einem Kontext, in dem ich ein Wissen brauche, das mir hilft, eine Herausforderung anzugehen, also z.B. ein Problem zu lösen oder ein anderes Bedürfnis zu befriedigen bzw. einen Bedarf zu decken. Angefangen von dem einfachen Wunsch, irgendetwas alltägliches (besser) zu verstehen bzw. zu durchdringen –

Erkenntnis

– bis hin zum Durchschauen komplexer systemischer Zusammenhänge, technischer, sozialer, kommunikativer, fachlicher Art.

In der Schule etwa brauche ich Wissen, das mir dabei hilft, sie zu bestehen: Ihren Alltag, ihre Prüfungen, ihre endlose Informationsfülle. In der Schule spielt also nicht das „von Lehrenden zu vermittelnde Wissen“ die Hauptrolle, das gar kein Wissen ist, gegen alle Behauptungen, sondern ein grosser Haufen von Daten. Die Hauptrolle spielt für mich als Schüler*in das Wissen, wie ich damit fertig werde – möglichst ohne zu scheitern. Ich brauche konkretes Schulbewältigungswissen. Für die Situation, in der ich stecke. Mein ganzes junges Leben lang. Unverschuldet.

Bei Wissen geht es immer um die Bewältigung einer Situation, in der ich stecke.

Immer geht es bei Wissen um Situationen der Anwendung. Insofern ist „theoretisches Wissen“ ein Widerspruch – wenn damit die Existenz von Wissen diesseits seiner Anwendung postuliert wird. Wenn Theoretisches zu Wissen wird, dann erscheint es als Information in einem Kontext als Kontext. Praktisches Wissen ist nicht theoretisches „in Anwendung“. Wissen ist Anwendung. Vorher ist es der unbemerkt im Wald fallende Baum.

Anwendung

Wissen ist immer konkret. Wissen ist immer im Kontext einer Anwendung. Dabei ist das Wissen der Situation, in der es benötigt wird, nicht vorgelagert. Es entsteht in der Situation selbst durch die Gewinnung von

Information

über die Situation und das in ihr, über das, was hier und jetzt nützlich oder schädlich oder irrelevant ist. „Davor“ ist nicht das Wissen. Davor ist die Information, also das, was ich im Umgang mit

Daten

herausbilde. Umgang: durch Selektion von Daten. Selektion: durch Unterschiedsbildung. Gregory Bateson: Information ist ein Unterschied, der einen Unterschied macht. Wissen entsteht durch Produktion von Information durch Unterschiedsbildung aus Daten in konkreten Situationen. Das macht Wissen prekär, denn: nicht Wissen zu haben oder nicht bildet das Risiko, sondern das Wissen, wie ich es konstruiere. Nicht wie ich Theorie anwende, sondern wie ich Wissen baue. Hier und jetzt.

Routine

Auch von Wissen zu unterscheiden ist alles, was mit informations- und erkenntnisunabhängiger Routine zu tun hat. Sei es eine algorithmische Routine, sei es eine Routine in handwerklichen Abläufen, sei es das wiederholende Aufsagen eines Gedichtes. Das ist gut zu wissen 😆

Gedichte aufsagen

macht nur Sinn, wenn es mir in einer Situation hilft, die ich zu bestehen habe. Gedichte auswendig lernen auch.

Auch was intelligente Maschinen (Algorithmen und andere Software) produzieren, ist ebenso wenig ein Wissen wie das, was auf Informationsträgern gespeichert ist, sei es digital (auf Festplatten) oder analog (auf Papier oder Magnetband).

Es handelt sich dabei nicht um gespeichertes Wissen, sondern um Daten, die von intelligenten technischen Systemen und von Menschen als Information „gelesen“ werden können und anschliessend nur von Menschen in Wissen transformiert, weil nur Menschen in Situationen geraten können, in denen es Wissen braucht. Die Grundlagen hierzu finden sich bei

Rombach, H. [2/1993]. Das Grundphänomen der Situation, in: Strukturanthropologie. Der menschliche Mensch. München: Verlag Alber. S. 133-318).

Je mehr hingegen präexistente Faktoren auf eine Situation Anwendung finden (Programmiertes oder anderweitig auswendig Gelerntes), umso starrer und reduzierter sind die Aktions- und damit Lösungsmöglichkeiten, die bei maximaler Komplexitätsreduktion in der Binarität enden:

If this – then that.

Von der Information zum Wissen

wird eine maschinell-technologische Seite überschritten. Wissen ist (im Unterschied zu Daten) aufgrund seiner Bezogenheit auf und Gebundenheit an konkrete Situationen grundsätzlich abhängig von ihnen. Es konfiguriert sich erst im Zusammentreffen von Problem und Lösungsversuch und ist darin maximal abhängig von der Interpretations- und also Unterschiedsbildungs-Kompetenz der Handelnden in einer konkreten Situation: Je mehr Unterschiedsbildung durch Beobachtende, sich Informierende, Interpretierende und Lösungssuchende realisiert wird, umso mehr Wissen entsteht in der Situation. Je komplexer die Situation, in der gehandelt werden muss, umso vorteilhafter eine sich steigernde Unterschiedsbildung.

Und dann noch das:

„Informationen sind nicht irgendwo im Gehirn geparkt, sondern werden jedes Mal neu erzeugt. Deswegen kommt es nicht darauf an, Informationen immer und immer wieder so zu präsentieren, dass sie irgendwann ‚abgespeichert‘ sind, sondern dass man ein Gehirn so anspricht, dass es behält, wie es eine Information später erzeugen kann. Diese Fähigkeit nennt man ‚Wissen‘!“

Henning Beck, Neurowissenschaftler. Quelle

Wissen

bildet sich (oder wird gebildet) immer durch vielschichtige Unterschiedsbildung auf der Ebene des Informationalen. Deshalb hebt seine Konstruktion auch immer damit an.

Woher ich das weiss? Das weiss ich nicht mehr.

Autor: Christoph Schmitt, Bildungsdesigner, Coach & Supervisor ZFH

Bildungsaktivist, Bildungsdesigner, Ressourcenklempner, Ethiker, Rituals Expert. Ich unterstütze Menschen und Organisationen beim "Digital Turn" - systemisch & lösungsfokussiert. Ich coache Menschen in ihren Entwicklungsphasen und begleite in einschneidenden Lebensmomenten durch die Gestaltung von Ritualen.

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