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Über die Undurchlässigkeit des (Schweizer) Schulsystems

Katharina Maag Merki ist Professorin für Theorie und Empirie schulischer Bildungsprozesse an der Universität Zürich. Im Tagesgespräch mit SRF vom 20. März 2024 zerlegt sie in 25 Minuten die gängige Schulpraxis nach Strich und Faden. Da bleibt kein gutes Haar. Und das ist auch gut so. Es muss in diesen Tagen immer und immer wieder mit aller Deutlichkeit artikuliert und belegt werden:

Schule steht all dem im Weg, was junge Menschen zum Lernen und für ihre Entwicklung brauchen – und sie ist in keiner Weise durchlässig, ausser auf dem Papier (13:25).

Auch die so oft wie ein Schwert gezückte Durchlässigkeit des Schweizer Schulsystems ist also noch immer ein Märchen. Hier etwas konkreter beschrieben:

Das ewige wiedergekäute Hauptargument für dieses Schulmodell ist längst entlarvt: Schule benachteiligt die Lernenden, und zwar alle – und es kann exakt nachgewiesen werden wodurch. Alles bekannt, alles belegt.

Wer es auf der Sekundarstufe nicht in ein anspruchsvolles Niveau schafft, wird kaum eine höhere Allgemeinbildung abschliessen. Laut dem Bundesamt für Statistik gelingt dies genau zwei Prozent.

Quelle

Auch wird Sinn und Nutzen von Selektion erneut und zum x-Mal zer-und widerlegt. Die heutige Praxis führt sogar dazu, dass Jugendliche mit hohem Potenzial in der Sek B landen und solche mit niedrigerem am Gymnasium. Der Selektionsapparat schiesst sich also auch ins eigene Knie, denn er verhindert durch diese Praxis systematisch, dass junge Menschen in und durch Schule ihr tatsächliches Potenzial auf Gesellschaft und Arbeitsmarkt hin entdecken, entfalten und einsetzen können. Auch das ist eine katastrophale Diagnose.

Die Gleichschalterei durch die schulischen Selektionsmechanismen macht blind dafür

  • dass die reale Heterogenität, Diversität und Altersvielfalt, für das Lernen von grossem Vorteil ist
  • dass Lernende unbedingt mit einbezogen sein müssen in die Beurteilung ihrer Leistungen und Fortschritte
  • dass es in Schule um Kompetenzen gehen muss, und dass die über Portfolios erfasst werden

Das Beschämende daran: Diese Erkenntnisse sind 20, teilweise 40 Jahre alt, und das Schulsystem ignoriert sie konsequent – obwohl es die von Maag Merki aufgezählten Alternativen schon längst in Nischen gibt. Es könnte also morgen in der öffentlichen Schulpraxis Realität sein, wenn das System es zulassen oder sogar aktiv entwickeln und fördern würde.

Aber der politische Wille fehlt.

Menschen, die sich innerhalb oder ausserhalb des Schulsystems für eine zeitgemässe Schule engagieren, klug, identifiziert, leidenschaftlich, werden entweder ausgebremst, ausgebrannt oder vertrieben, oder alles zusammen.

Und was blockiert die dringend notwendigen Entwicklungen?

Mutlosigkeit, Verantwortungsdiffusion, Kantönligeist – und eine in Schulen, Lehrer- und Elternköpfen noch immer verbreitete, autoritäre und adultistische Haltung gegenüber jungen Menschen.

Adultismus.

… und hier noch ein schickes Erklärvideo zu Adultismus.

Bildung neu denken: Jenseits von Ausbildung, Erziehung und Sozialisation

In einer Zeit, in der LinkedIn mit Angeboten für Weiterbildung überflutet wird, konzentrieren sich viele auf den Erwerb und die Demonstration neuer Fähigkeiten. Diese Herangehensweise, die oft mit dem Versprechen messbarer Ergebnisse verbunden ist, spiegelt eine tief verwurzelte Auffassung von Bildung wider, die sich vorrangig auf Ausbildung stützt. Dieser Blog-Beitrag hinterfragt diese Auffassung und plädiert für ein umfassenderes Verständnis von Bildung, das persönliche Entwicklung, gesellschaftliche Verantwortung und kritisches Denken in den Mittelpunkt stellt.

Der Entwurf für diesen Blog Post wurde durch ChatGPT entschärft, geglättet und strukturiert. Das Titelbild stammt von DALL-E.

In der modernen Bildungslandschaft, wie sie sich auf Plattformen wie LinkedIn darstellt, stechen Angebote hervor, die sich auf den Erwerb spezifischer Fähigkeiten oder Kenntnisse beschränken. Diese Fokussierung auf „Skills Training“ – auf das, was nachweisbar und verwertbar ist – findet sich auch in der Ausbildung von Drogenspürhunden oder im Training von LLMs. Was dabei außer Acht gelassen wird, sind die tieferen, persönlichen und gesellschaftlichen Dimensionen von Bildung.

Bildung im eigentlichen Sinne geht weit über die Aneignung von Fähigkeiten hinaus. Sie befasst sich mit grundlegenden Fragen des Seins: Wer möchte ich sein? Wie möchte ich leben und arbeiten? Wie verhalte ich mich zu den drängenden Problemen unserer Zeit, wie zum Klimawandel, zu sozialer Ungleichheit, zu Homophobie, Misogynie und Rassismus, politischem und religiösem Extremismus?

Bei Bildung geht es darum, in der Auseinandersetzung mit solchen Fragen eigene Positionen zu entwickeln und um die Bereitschaft, mich diesen Herausforderungen zu stellen um gemeinsam mit anderen eine andere Gesellschaft und Arbeitswelt zu gestalten.

Diese Bildungsaspekte fallen jedoch unter den Tisch in einem Bildungsverständnis, das sich auf die Ausbildung von Fertigkeiten, auf Erziehung und Sozialisation konzentriert.

Leider werden jedoch exakt diese traditionellen Aspekte reaktiviert, sobald wir über Bildung nachdenken, sie planen oder umsetzen. Bildung wird zu einem Stoff, der „durchgenommen“ werden muss, ohne Raum für echte persönliche Entwicklung oder kritisches Hinterfragen. Was nicht messbar oder prüfbar ist, findet keinen Platz im Bildungssystem.

Ein neues Bildungsverständnis ist gefordert

Es ist an der Zeit, dass wir unser Bildungsverständnis überdenken und erweitern. Bildung sollte ein Prozess sein, der Menschen nicht nur auf das Berufsleben vorbereitet, sondern in dem wir uns befähigen, uns aktiv und verantwortungsvoll einzubringen: in gesellschaftliche, politische und ökonomische Prozesse – und es geht darum, als Mensch und Gemeinschaft zu gelingen.

Bildung ist ein Weg, auf dem individuelle Entwicklung und gesellschaftlicher Fortschritt Hand in Hand gehen.

Dieser Perspektivenwechsel erfordert eine Neubewertung dessen, was wir unter „Bildung“ verstehen, und eine Abkehr von ergebnisorientierten Lehr-Lern-Modellen. Es geht darum, Bildungsräume zu schaffen, in denen der Mensch in all seinen Facetten – mit seinen/ihren Fragen, Ängsten, Hoffnungen und Träumen – im Mittelpunkt steht.

Nur so können wir eine Bildungskultur schaffen, die nicht nur auf die Gegenwart reagiert, sondern auch eine lebenswerte Zukunft gestaltet.

Statt also Bildung durch die Brille von Ausbildung, Sozialisation und Erziehung zu betrachten und zu organisieren, sollten wir damit anfangen, diese drei durch die Brille von Bildung zu sehen und zu gestalten.

Bei Colearning in Bern arbeiten wir seit einigen Jahren an der Entwicklung solcher Bildungswege – mit beeindruckenden Effekten. Wir sind ein lokales Ökosystem von Pionier:innen, die jene Aspekte von Bildung zusammenbringen, die das traditionelle Bildungssystem voneinander getrennt hat.

Die Pluripotenz des Lernens – Eine Analogie zur Vielseitigkeit von Stammzellen

In einer Welt, die sich durch rasante Veränderungen und unvorhersehbare Herausforderungen auszeichnet, ist die Fähigkeit zu lernen und sich anzupassen wichtiger denn je. Interessanterweise bietet die Biologie ein faszinierendes Modell, das Licht auf die Natur des menschlichen Lernens wirft: die Pluripotenz von Stammzellen. Diese Zellen besitzen die einzigartige Fähigkeit, sich in jeden Zelltyp des Körpers zu differenzieren, was sie zu einem Schlüsselbaustein für Entwicklung und Regeneration macht. Eine ähnliche Vielseitigkeit und Anpassungsfähigkeit kann in der Natur des menschlichen Lernens gesehen werden.

Dieser Blogpost erkundet die tiefgreifende Analogie zwischen der Pluripotenz von Stammzellen und dem menschlichen Lernen und diskutiert, wie diese Perspektive unsere Ansätze in Bildung und persönlicher Entwicklung revolutionieren könnte.

Er ist auf der Grundlage eines Prompts und einer Diskussion mit ChatGPT von der KI erstellt worden. Inklusive der Bilder.

Die Natur der Pluripotenz

Pluripotente Stammzellen sind die Alleskönner der Zellbiologie. Sie haben das Potenzial, sich in jede Art von Zelle im Körper zu verwandeln, von Hautzellen bis hin zu Neuronen. Diese Fähigkeit ist grundlegend für das Wachstum, die Reparatur und die Erneuerung von Geweben. Analog dazu besitzt der Mensch die Kapazität zum pluripotenten Lernen – die Fähigkeit, Kompetenzen, Fähigkeiten und Wissen in nahezu unbegrenztem Umfang zu erwerben und sich so an eine breite Palette von Umgebungen und Herausforderungen anzupassen.

Bildung und die Umgebung des Lernens

Die Analogie zur Pluripotenz weist auf eine wichtige Verschiebung hin, die in der Bildungswelt notwendig ist. Statt Bildung als einseitige Wissensvermittlung zu betrachten, sollten wir sie als die Schaffung einer Umgebung begreifen, die das inhärente Potenzial jedes Einzelnen zur Entfaltung bringt. Eine lernförderliche Umgebung ermutigt zur Neugier, behandelt Fehler als Lernchancen und passt sich den individuellen Lernpfaden an. Dies erfordert einen flexiblen, adaptiven Bildungsansatz, der die vielfältigen Potenziale und Interessen der Lernenden berücksichtigt.

Die Rolle von Bildungseinrichtungen

Bildungseinrichtungen und Pädagogen sollten sich als Begleiter im Lernprozess verstehen, die eine unterstützende und anregende Umgebung bieten. Dies beinhaltet die Bereitstellung von Ressourcen, Unterstützung bei der Navigation durch individuelle Lernreisen und die Schaffung eines Raums für Experimente und Entdeckungen. Es geht darum, Lernende in die Gestaltung ihres eigenen Lernprozesses einzubeziehen, was zu höherem Engagement und Verantwortungsbewusstsein führt.

Entwicklung von Schlüsselkompetenzen

Die Förderung von Schlüsselkompetenzen wie kritischem Denken, Problemlösungsfähigkeiten, Anpassungsfähigkeit und lebenslangem Lernen ist von entscheidender Bedeutung. Diese Fähigkeiten ermöglichen es Individuen, in einer sich schnell verändernden Welt erfolgreich zu navigieren. Ein Bildungssystem, das diese Kompetenzen in den Mittelpunkt stellt, bereitet Lernende darauf vor, kreative und adaptive Beiträge zur Gesellschaft zu leisten.

Ein Paradigmenwechsel in der Bildung

Die Anerkennung des pluripotenten Charakters des Lernens erfordert einen Paradigmenwechsel in der Bildung. Weg von einer rigiden, standardisierten Wissensvermittlung hin zu einem Ansatz, der die individuellen Potenziale und die aktive Rolle der Lernenden betont.

Dieser Ansatz fördert nicht nur die Entfaltung individueller Talente und Fähigkeiten, sondern bereitet die Lernenden auch darauf vor, kreative und anpassungsfähige Mitglieder der Gesellschaft zu sein.

Indem wir den Lernprozess als pluripotent betrachten, erkennen wir die unbegrenzten Möglichkeiten, die das Lernen bietet, und die Bedeutung einer Bildung, die diese Vielseitigkeit unterstützt und fördert.

Individualisierte Lernwege

Eine Schlüsselkomponente im Umgang mit der Pluripotenz des Lernens ist die Schaffung individualisierter Lernwege. Jeder Mensch besitzt ein einzigartiges Set an Fähigkeiten, Interessen und Lernstilen. Ein Bildungssystem, das diese Einzigartigkeit anerkennt, kann individuelle Lernpfade anbieten, die auf die Bedürfnisse und Potenziale jedes Einzelnen zugeschnitten sind. Dieser personalisierte Ansatz ermöglicht es den Lernenden, ihre Stärken zu maximieren und Herausforderungen auf ihre eigene Weise zu begegnen.

Die Bedeutung von Autonomie und Selbstgesteuertem Lernen

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Förderung von Autonomie und selbstgesteuertem Lernen. Indem Lernende die Kontrolle über ihren eigenen Lernprozess übernehmen, entwickeln sie ein tieferes Engagement für ihre Bildung und ein stärkeres Gefühl der Verantwortlichkeit für ihre Lernergebnisse. Selbstgesteuertes Lernen fördert die Entwicklung von Selbstbewusstsein und Selbstreflexion, was wesentlich für das lebenslange Lernen und die Anpassungsfähigkeit ist.

Die Rolle der Technologie

In der heutigen digitalen Welt spielt Technologie eine entscheidende Rolle bei der Unterstützung des pluripotenten Lernens. Digitale Tools und Plattformen bieten Zugang zu einer Vielzahl von Ressourcen und Lerngemeinschaften, ermöglichen personalisierte Lernerfahrungen und unterstützen die Entwicklung von Kompetenzen, die in der modernen Gesellschaft benötigt werden. Die Integration von Technologie in den Lernprozess kann das Lernen effizienter, interaktiver und ansprechender machen.

Zusammenfassung und Ausblick

Die Analogie zwischen der Pluripotenz von Stammzellen und dem menschlichen Lernen bietet eine kraftvolle Perspektive auf das Potenzial und die Vielseitigkeit des Lernens. Indem wir dieses Potenzial erkennen und eine Umgebung schaffen, die es unterstützt, können wir die Grundlage für eine Bildung legen, die nicht nur Wissen vermittelt, sondern auch die Fähigkeit fördert, kreativ und adaptiv zu denken und zu handeln.

Ein solches Bildungssystem bereitet Individuen darauf vor, die Herausforderungen der Zukunft zu meistern und einen positiven Beitrag zur Gesellschaft zu leisten. Die Reise hin zu einem pluripotenten Bildungsmodell erfordert Engagement, Kreativität und die Bereitschaft, bestehende Paradigmen zu hinterfragen. Doch die Belohnung – eine Gesellschaft, die durch lebenslanges Lernen, Anpassungsfähigkeit und kreative Problemlösung gekennzeichnet ist – ist unermesslich wertvoll.

Ergänzung der HI: Mit dem Colearning Think Tank und der Colearning Akademie in Bern haben wir diesen Weg beschritten.

Warum ein Smartphone-Verbot alle gleich benachteiligt

In einem Gymnasium im deutschen Bundesland Hessen wurde einstimmig von allen Beteiligten beschlossen, Smartphones bei Prüfungen zu verbieten. Das ist die falsche Entscheidung. Ein Kommentar.

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Die Strategie: Alle gleich benachteiligen

Dass auch Eltern und Schüler einem Verbot von Smartphones im Kontext von Prüfungen einstimmig zustimmen, ist Kalkül. Es ist kein Zeichen von Demokratie. Demokratie ist, wenn Opposition ist.

Sozialpsychologisch ist ganz gut untersucht, warum Menschen in autoritären Systemen dazu neigen, denen ihre Stimme zu geben bzw. denen zuzustimmen, die an der Macht sind.

So ist es auch besser für Lernende und ihre Eltern, wenn sie dem zustimmen, denn das System entscheidet durch eine absurd hohe Anzahl an Prüfungen und Zeugnissen über die Zukunft dieser jungen Menschen.

Eine Gymnasialkarriere in der Schweiz impliziert zwischen 500 und 600 Prüfungen.

Worin der wahre Betrug besteht

Der Betrug besteht allerdings nicht darin, dass junge Menschen im Kontext von Bildung dort, wo es um das Lösen von Knacknüssen geht, zum Smartphone greifen, sondern dass sie es nicht dürfen.

Wenn schon „Prüfung“ dann doch über den Einsatz dieser Technologie – und zwar durchgehend formativ. Schliesslich geht es bei KI um eine völlig neue, bisher nicht dagewesene Dimension von Wissensarbeit.

Der Betrug besteht darin, dass Schule junge Menschen NICHT auf eine professionelle Nutzung dieser Technologien vorbereitet – und dass sie bis heute im Kontext von so genannten Prüfungen Kollaboration unterbindet.

Kollaboration als Kompetenz bedeutet: Die Fähigkeit reale Probleme zu lösen kommt heute nur auf den Weg durch eine qualifizierte Form der Zusammenarbeit: lösungsfokussiert und technologiezentriert. Kollaboration ist eine Problemlöse-Kompetenz – wie jede andere der 4K auch.

Stattdessen: Klausuren.

Prüfungsalltag: Unter Ausschluss von Kollaboration

Schule spricht bis heute von „Klausuren“, wenn von Prüfungen die Rede ist – abgeleitet vom lateinischen Begriff „clausura“, was „Verschluss“ bedeutet. Bis heute ist Klausur auch der Bereich in einem Kloster, der für die Öffentlichkeit gesperrt ist.

Gymnasium ist ein bizarres Fossil. Getrieben und zugleich blockiert von der Angst vor Macht- und Kontrollverlust.

Seine Existenzberechtigung würde sich umgehend in Luft auflösen, wenn dieser Prüfungsfetisch wegfällt – denn am Ende des Tages geht es am Gymnasium um die Vermittlung, den Aufbau und die Bewältigung von Prüfungsstoff.

Die erschreckende Schuldiagnose eines Berufsschülers und eine Antwort von ChatGPT

Ein Jugendlicher, der die Lernzeit der Sekundarstufe I mit uns im Colearning in Bern verbracht und gestaltet hat, ist mittlerweile im Ökosystem des Coworking (YOLU Lehrbetriebsverbund) in eine Ausbildung zum Mediamatiker eingestiegen. Bereits im ersten Jahr der Ausbildung legt er – zusammen mit einem zweiten Teamkollegen – ein beeindruckendes Entwicklungstempo vor. Für beide stellt die Berufsschule ein unlösbares Problem dar, weil sie sie in ihrer beruflichen Entwicklung nicht nur nicht fördert sondern blockiert. Darüber hat einer der beiden jüngst einen Blog Post verfasst. Klar, differenziert, ehrlich. Mit seinem Einverständnis darf ich seinen Beitrag in meinem Netzwerk sichtbar machen. Das zeugt von Mut.

Schule fühlt sich für mich wie ein schlechtes Spiel an. Das Ziel ist, so wenig Aufmerksamkeit wie möglich zu erregen, mit minimalem Einsatz durchzukommen, den Humor nicht zu verlieren und mit der Klasse ein bisschen zu rebellieren. Im Unterricht lenken sich die meisten mit Games oder eigenen Projekten ab. Wir bereiten uns auf Tests vor, indem wir Zusammenfassungen mit ChatGPT vor dem Test erstellen und sie kurz anschauen. Nach dem Test vergessen wir das Gelernte so schnell wie möglich.

Das Problem bei diesem System sind nicht die schlecht gestalteten PowerPoint-Präsentationen, die zu kurzen Pausen oder die unbequemen Stühle, es ist die falsche Einstellung zum Lernen.

Ausschnitt aus dem Blog Post

Die über den gesamten Blog Post hinweg geschilderte Problematik bildet bis heute keine Ausnahme. Nicht erst in der Berufsschule. Das treibt mich als Bildungsdesigner schon sehr lange um: Die Vergeudung wertvoller Lern- und Lebenszeit junger Menschen durch Schule, die sich während dieser Zeit auf vielfältige, kreative und hochwirksame Weise selber befähigen könnten.

Genau das machen wir im Ökosystem des Colearning vor, weil sich das Schulsystem bisher konsequent weigert Lösungen einzusetzen für die Probleme, die der sich Ausbildende beschreibt. Lösungen, die bereits zuhauf existieren. In einer grossen Vielfalt!

Welche das (u. a.) sind, zeigt der Beitrag von ChatGPT, den ich damit beauftragt habe:

Prompt

Ein Schüler der Berufsschule für Mediamatik schildert im folgenden Text aus mehreren Perspektiven, warum und wodurch die Berufsschule für ihn problematisch ist. Fasse die zentralen Kritikpunkte auch aus bildungswissenschaftlicher und pädagogischer Perspektive zusammen. Stelle dabei auch klar, wodurch Berufsschule diesen jungen Menschen deshalb gerade nicht auf seinen Beruf vorbereitet und ihn nicht dafür ausrüstet. Formuliere für jeden Kritikpunkt zwei professionelle, lösungsorientierte Alternativen, wie Berufsschule stattdessen heute aussehen müsste, damit sich Auszubildende mit ihrer Hilfe optimal auf den Beruf des Mediamatikers vorbereiten können.

Quelle

Hier die Antwort von ChatGPT

Die Kritikpunkte des Schülers an der Berufsschule für Mediamatik lassen sich aus bildungswissenschaftlicher und pädagogischer Perspektive in mehrere zentrale Themen unterteilen. Diese Kritikpunkte beleuchten grundlegende Herausforderungen im Bildungssystem, insbesondere in der Berufsausbildung, die sich in einer schnelllebigen, digital geprägten Welt befindet. Im Folgenden werden diese Kritikpunkte zusammengefasst und jeweils zwei professionelle, lösungsorientierte Alternativen vorgeschlagen.

1. Mangelnde Anbindung an die digitale Realität

Kritikpunkt: Die Berufsschule scheint von der digitalen Revolution und ihren Auswirkungen auf die Arbeitswelt abgeschnitten zu sein. Es fehlt an Diskussionen und Auseinandersetzungen mit aktuellen digitalen Trends und Technologien.

Lösungsansätze:

  • Integration aktueller digitaler Tools und Plattformen in den Unterricht: Lehrpläne sollten regelmäßig aktualisiert werden, um die neuesten digitalen Tools und Plattformen einzubeziehen. Dies könnte durch Partnerschaften mit Technologieunternehmen und Start-ups gefördert werden, um den Schülern praktische Erfahrungen zu ermöglichen.
  • Projektbasiertes Lernen: Schüler sollten durch projektbasiertes Lernen ermutigt werden, eigene digitale Projekte zu entwickeln. Dies fördert nicht nur technische Fähigkeiten, sondern auch Soft Skills wie Teamarbeit, Problemlösung und kreatives Denken.

2. Veraltete Lehrmethoden

Kritikpunkt: Der Unterricht basiert hauptsächlich auf Frontalunterricht, was zu Desinteresse und Passivität bei den Schülern führt.

Lösungsansätze:

  • Flipped Classroom-Modell: Bei diesem Ansatz erarbeiten sich die Schüler das Wissen zu Hause durch Videos oder Lesematerial und wenden es dann in der Schule durch praktische Übungen an. Dies fördert ein tieferes Verständnis und ermöglicht eine individuellere Betreuung durch die Lehrkräfte.
  • Interaktiver und partizipativer Unterricht: Lehrkräfte sollten Methoden wie Diskussionen, Workshops und Gruppenarbeiten nutzen, um den Unterricht lebendiger und interaktiver zu gestalten. Dies kann das Engagement und das Interesse der Schüler erhöhen.

3. Fehlende Praxisrelevanz

Kritikpunkt: Der Lehrplan und die Unterrichtsinhalte erscheinen oft nicht relevant für die tatsächlichen Anforderungen und Herausforderungen in der Berufswelt der Mediamatik.

Lösungsansätze:

  • Curriculum-Entwicklung mit Branchenexperten: Die Einbindung von Experten aus der Mediamatik-Branche in die Entwicklung von Lehrplänen kann sicherstellen, dass der Unterricht die aktuellen Anforderungen des Arbeitsmarktes widerspiegelt.
  • Praxisphasen und Unternehmenskooperationen: Regelmäßige Praxisphasen in Unternehmen und Projekte in Kooperation mit der Industrie können den Schülern relevante Einblicke und Erfahrungen bieten.

4. Bewertungssystem und Lernkultur

Kritikpunkt: Die Schule legt einen starken Fokus auf Noten und Bewertungen, was zu einem Lernen für Tests statt für das Leben führt.

Lösungsansätze:

  • Kompetenzbasiertes Lernen: Statt auf Noten sollte der Fokus auf den Erwerb von Kompetenzen gelegt werden. Schüler sollten in ihrem eigenen Tempo lernen können, und der Erfolg sollte anhand des Erreichens spezifischer Kompetenzen gemessen werden.
  • Portfolioarbeit: Die Bewertung der Schüler könnte durch die Erstellung von Portfolios erfolgen, in denen sie ihre Projekte und Fortschritte dokumentieren. Dies fördert eine Reflexion über den eigenen Lernprozess und die erworbenen Fähigkeiten.

Diese Lösungsansätze erfordern eine grundlegende Neuausrichtung der Bildungspolitik und -praxis. Sie setzen voraus, dass Schulen als Orte des aktiven und selbstbestimmten Lernens verstanden werden, die eng mit der realen Arbeitswelt verzahnt sind. Die Umsetzung dieser Ansätze könnte dazu beitragen, dass Berufsschulen wie die für Mediamatik ihre Schüler besser auf die Herausforderungen und Möglichkeiten der digitalen Zukunft vorbereiten.

Zurück zu den Lernenden

Ein Gedanke von mir noch zum Schluss. Wie so viele junge Menschen sind auch die beiden sich ausbildenden Jugendlichen, von denen der Autor des hier verarbeiteten Blog Posts einer ist, ungaublich helle und wache, interessierte und kluge, aufmerksame und verbindliche, fröhliche und humorvolle Menschen, die sich mit Leichtigkeit und Freude in ihrem Lern- und Arbeitsumfeld engagieren. Wer die beiden mal sehen & hören möchte: Hier kommen sie zu Wort.

Schule als Religionsersatz in einer säkularisierten Welt

Es ist noch gar nicht so lange her, da waren wir in unserer Kultur davon überzeugt, das Heil sei eine Sache der Religion. Verwaltet, zugeteilt oder entzogen durch die großen christlichen Kirchen. Begründet und ausgearbeitet in ihren Heiligen Schriften, Klöstern, und in den kirchlichen Schulen, in denen in erster Linie dafür gesorgt wurde, dass diese Kultur weiter besteht: der Glaube an die Erlösungskraft von Religion und an die Kirche als einzig glaubwürdige Vermittlerin – und nicht zuletzt auch an die gesellschaftsbildende, normierende Funktion von Religion.

Und auch wenn das alles noch gar nicht so lange her ist, ist doch erstaunlich, wie sehr die Macht und der Einfluss von Kirche auf breiter Ebene nachgelassen haben. Das Phänomen dahinter hingegen ist nicht verschwunden – die zentralen Funktionen von Religion werden von anderen Super- oder Mega-Institutionen übernommen – so etwa von Schule.

Womöglich auch weil Bildung über lange Zeit in den Händen der Kirchen lag, trägt Schule bis heute zentrale Merkmale, die auf Kirche zurückgehen und auf ihren Deutungsanspruch über das Leben der Menschen – emöglicht durch den Glauben daran, dass von dort das Heil kommt und nur von dort. „Extra ecclesiam nulla salus“ (Ausserhalb der Kirche kein Heil) ist ein bis heute gültiges, katholisches Dogma.

Schule hat Kirche als institutionalisierte Religion in zentralen Funktionen und Macht-Mechanismen abgelöst. Zum Beispiel ist sie diejenige Institution, die Zukunftschancen zu- und verteilt. Exklusiv. Vielleicht nicht mehr im Jenseits, aber doch für die gesamte Zeit davor.

Quelle (und mehr)

In ihrer Kultur, in ihren Grundzügen, in ihren Menschenbildern, Strukturen und Prozessen, in ihrem Anspruch auf umfassende Normativität und in ihrem Totalanspruch auf das Kind erweist sich Schule als Nachfolgerin dessen, was die Institution Kirche einmal war. Ihr antidemokratisches und autoritäres Auftreten gegenüber dem Kind mit eingeschlossen.

Von dort kommt auch dieser in seiner Unumstösslichkeit religiös anmutende Glaube, die Lösung für die Bildungs- und Schulkrise, für den Lehrermangel und für zeitgemässe Bildungsarbeit, das Heil also, käme ausgerechnet wieder aus dem Schulsystem. Das ist Religion 2.0: „Extra scolam nulla salus“.

Schule als säkularisiertes Heilsversprechen

Woher diese Erwartung, dass die Lösung ausgerechnet von dort kommt, wo bis heute das Problem reproduziert wird? Die Narrative gleichen sich ja:

Wo Kirche einst die sündhafte Verfasstheit des Menschen und seine Erlösungsbedürftigkeit zuerst behauptet hat, um sie dann zum Anlass ihres end- und aussichtslosen moralischen Aufrüstungsprogramms zu stilisieren, während sie also den Menschen zuerst moralisch stigmatisierte um ihn und sie dann mit einem Forderungskatalog für mögliche Erlösungswege zu versorgen, so tut Schule heute auf säkulare Weise nichts anderes, wenn sie sich als die einzig gerechtfertigte Super-Institution für die Bildung des Menschengeschlechts inszeniert.

Bis heute konstruiert Schule zuerst einen blöden Balg, der dann, um überhaupt eine Aussicht auf Bildung zu haben, aus seinen Sozialkontexten herausgelöst werden muss, um im Geäst des staatlichen Bildungswesens ordentlich beschult zu werden.

Extra scolam nulla salus.

Die Heils-Erwartung dahinter lässt sich nicht anders deuten denn als Ausdruck einer säkularisierten Hörigkeit, die ihren Ursprung dort hat, wo auch unser Bildungssystem ihn – historisch gesehen – hat: Im klerikalen Kultur-Konstrukt der Religion.

Angefangen bei und ausgehend von den Pädagogischen Hochschulen, die mit einer beispiel- und alternativlosen Entscheidungsmacht ausgestattet sind, was die Zugänge zu Bildungsberufen und zu Schulen angeht, von denen bis heute in jedem Dorf eine steht, oftmals in Sichtweite einer Kirche. Nirgendwo ausser vielleicht noch beim Pass/Ausweis, den ich auf mich trage, wird Zugehörigkeit so rigide und alternativlos gehandhabt wie im Schulsystem. Ausnahmen haben einzig den Zweck, die Regeln zu bestätigen.

Niemandem zur Rechenschaft verpflichtet ausser sich selbst, nach Regeln, die sie selber aufstellen, unterstellen Pädagogische Hochschulen all jene, die Bildungsarbeit mit Kindern und Jugendlichen machen wollen, Selektionsprinzipien, mit denen sie, die Hochschulen, nichts anderes (!) als den eigenen Fortbestand sichern als der Ort, an dem Unterrichten und Prüfen gelernt wird.

Als Begründung wird angeführt, dass es öffentliche Schule brauche, um Bildungsgerechtigkeit zu garantierten. Doch in Wahrheit geht es ihr um das Monopol auf die Selektion, die sie nach ihren Regeln organisiert. Unter Zuhilfenahme euphemistischen pädagogischen Singsangs thematisiert sie pausenlos soziale Ungleichheit – doch sie bekämpft sie nicht. Sie schiebt sie hin und her, von sich weg, diesen und dann wieder jenen in die Schuhe – aber sie reduziert sie nicht.

Sie behauptet, man könne Bildung nicht einfach den Menschen überlassen. Dafür sei sie ihr dann doch zu „heilig“. Sie müsse deshalb von einem institutionell regulierten Bildungssystem organisiert sein. Modell steht dem Schulsystem dabei die Bibel mit ihren Bildern von Selektion: Auserwählte und Verstossene, Zugehörige und Ausgeschlossene. Solche, die bestehen und solche die durchfallen. Das Jüngste Gericht als Urbild der Maturaprüfung – oder umgekehrt. Schule ist Religion 2.0

Ist noch Platz im Himmel, schrauben wir die Anforderungen runter, ist er überfüllt, schrauben wir sie wieder hoch.

Türwächter der Freiheit

Das Bildungssystem ist auf eine erschreckend kirchenanaloge Weise hermetisch. Diese hermetische Geschlossenheit macht Schule in ihrer Gesamtheit zu einem Teil des Problems, nicht der Lösung. Sie ermöglicht und verstärkt die durchgehende Realitätsverweigerung innerhalb des Bildungssystem und seiner Strukturen angesichts der gesellschaftlichen, ökonomischen und technologischen Realitäten der Gegenwart. Das schreit zum Himmel.

Säkularisierter Glaube an Zentralmacht und Bildungslieferketten

Ausserhalb dieses Systems verstärken und multiplizieren sich die Probleme. Feedback-Loops gibt es nicht nur beim Klima. Wechselwirkungen und gegenseitige Verstärkungen prägen heute vielmehr alle zivilgesellschaftlichen und ökonomischen Bereiche unserer Welt. Die Abhängigkeit von Lieferketten, die ganze Versorgungssysteme innert Tagen kollabieren lassen können, ist dafür ein ebenso beredtes Beispiel wie die Allmacht (!) weniger Technologiekonzerne. Wenn Microsoft heute den Stecker ziehen würde, wäre es (nicht nur) in der Schweiz zappenduster. Das Land wäre an keiner Stelle mehr organisierbar.

Der Glaube an die Notwendigkeit einer Zentralmacht, der wir uns anvertrauen und die uns als Gegenleistung vor dem Schlimmsten verschont, ist also mit der Selbstzerstörung vor allem der Katholischen Kirche gar nicht verschwunden. Er hat sich neue Heimaten gesucht. Neue Himmel.

In Sachen Bildung und Schule sorgt dieser säkularisierte, nicht weniger starke Glaube an „Bildungslieferketten“, die exklusiv von einer Zentralmacht garantiert werden, für eine totale Entwicklungslähmung. Dadurch setzt eine ganze Gesellschaft die Zukunft von Kindern und Jugendlichen aufs Spiel in einen Moment, wo es nicht mehr viel zu verlieren gibt.

Es ist zum Beispiel längst überfällig, dass der Beruf und die Ausbildung von Lehrpersonen komplett neu entwickelt werden. Von Grund auf. Zeitgemässe Bildungsarbeit hat nichts mehr mit dem zu tun, was heute in öffentlichen Schulen abläuft. Das geht völlig an der Lebenswelt und an den Bedarfen der Menschen vorbei: der Kinder, der Jugendlichen und ihrer Familie, und am Ende auch an den Bedarfen der Zivilgesellschaft und des Arbeitsmarktes. Schule bereitet (vorbereitet in Pädagogischen Hochschulen) auf eine Welt vor, die nicht mehr existiert. Das wissen wir alle.

Dieses Schulsystem gehört in eine andere Zeit und Welt. Der Beruf der Lehrperson ist anachronistisch. Studierende auf Lehramt werden auf eine Realität hin getrimmt, die es nicht mehr gibt.

Und statt endlich in der Gegenwart anzukommen, dreht sich dieses System pausenlos um sich selbst und erfindet immer wieder neue Gründe um durchgefüttert zu werden – und um sich an exakt den Stellen nicht bewegen zu müssen, die die eigentlichen Problemachsen bilden.

Der Preis für diese strukturelle Inzest ist hoch: Pädagogische Hochschule bereitet auch weiterhin jene, die sich für die Bildungsarbeit mit Kindern und Jugendlichen interessieren, darauf vor diese zu unterrichten, Unterricht vorzubereiten und durchzuführen, Prüfungen vorzubereiten, durchzuführen und zu bewerten. Dabei sind das allesamt aus der Zeit gefallene Konzepte von Bildungsarbeit. Das ist lang und breit und folgenlos erwiesen.

Noch immer tun Pädagogische Hochschulen so, als sei das Beschulungsprinzip und seine Architektur, nach dem sie ja selbst funktionieren, zeitgemässe Bildungsarbeit – und ignorieren dabei alles, was heute an Erkenntnis zur Verfügung steht um es anders zu machen.

Das Eigene im Kreislauf des Fremden

Ein Beispiel: Wenn sie von selbstorganisiertem Lernen sprechen, das im Unterricht gefördert werden soll – der vom Konzept her Selbstorganisation im Kern widerspricht –, dann meinen sie damit, dass Kinder dasjenige „selbst organisieren dürfen“, was ihnen von Lehrenden zu lernen vorgegeben wird – selbstverständlich nach Kriterien, die von Lehrpersonen stammen, und die von ihnen überwacht, kontrolliert und bewertet werden. Es geht auch hier wie überall in der Schule nicht darum, dass ich lerne, mein Lernen selbst zu organisieren sondern höchstens das, was mir von Schule zu lernen vorgeben wird.

Diese „Figur“ lässt sich auch für weitere, fundamental humanistische Kriterien von Menschsein ausbuchstabieren wie Selbstbestimmung, die in der Schule völlig negiert wird und durch strukturelle Fremdbestimmung ersetzt ist, Selbstreflexion, die in Schule immer und ausnahmslos an Fremdreflexion rückgebunden ist und durch letztere qualifiziert, sowie Selbstverantwortung, die das Schulsystem in allen Handlungsvollzügen negiert (verantwortlich bist du in der Schule immer nur für das, wofür dich andere verantwortlich machen) – und nicht zuletzt Selbststeuerung, eine der zentralen Kompetenzen im Technologiezeitalter, deren Entwicklung in der Schule durch die Fremdorganisation aller Vollzüge erschwert und marginalisiert wird.

Mit diesen System stiehlt die Gesellschaft ihren Kindern die Zukunft.

Was für wen auf dem Spiel steht

Für die jungen Menschen, die heute in Schulen gezwungen werden, wo sie an ihrer Lebenswelt, an ihren Bedarfen und Potenzialen vorbei beschult werden nach Prinzipien, Abläufen und Strukturen aus dem (vor-)letzten Jahrhundert, durch und durch autoritär, für die steht gerade alles auf dem Spiel.

Und Schule ist kein Ort, an dem sie sich für ihre Zukunft fit machen könnten, weil Schule in der Vergangenheit steckt. Sie vergeudet die Lebenszeit junger Menschen um die Schule bleiben zu können, die sie immer war.

Diejenigen, die jetzt gerade an den Hebeln sitzen, politische Entscheidungen treffen, Gelder sprechen, Schulnoten im Gesetz verankern, Schulhäuser bauen, Lehrmittel raushauen, Stundenpläne produzieren, Pubertierende morgens um 7:30 Uhr in die Schule jagen, Smartphones verbieten, die KI sanktionieren wollen 🤪 – diese Menschen haben sich dafür entschieden, die Welt, ihre Entwicklungen und die Technologien nicht verstehen zu wollen, sie weigern sich, auch nur eine Vorstellung davon zu entwickeln, was da eigentlich gerade draussen in dieser Welt passiert.

Und denen überlassen wir die Verantwortung über die Zukunft der Kinder – und die Kinder selbst.

Jesper Juul, Gerald Hüther, Montessori, humanistische Psychologie, Karl Rogers, Psychoanalyse, Systemtheorie, Konstruktivismus, Neurobiologie, Remo Largos Langzeitstudien – all diese und zahllose andere Denker:innen und Erkenntnisse finden bis heute keinen angemessenen Zugang in Schul- und Bildungsentwicklung, denn „man muss ja unterrichten“.

Die dramatischen Entwicklungen, die unser individuelles, unser ökonomisches und gesellschaftliches Leben im Moment und in den nächsten Jahren auf den Kopf stellen, die den Planeten und seine Bewohner:innen mit grossen und neuartigen Herausforderungen konfrontieren: das alles hat keinen Platz in Schul- und Bildungsentwicklung, denn dort muss ja unterrichtet werden.

Getaktet nach Stundenplänen, orientiert an nach wie vor inhaltlich interpretierten Bildungsplänen, nach Jahrgängen und Fächern getrennt, fremdbestimmt von der ersten bis zur letzten Minute.

Bereit.

Als ob es all die Herausforderungen, Erkenntnisse und Lösungen (!) nicht geben würde, werden Kinder so früh wie möglich in Klassenzimmer gesteckt, in diese Käfige und Reservate, um sie zu beschulen und zu benoten, und um ihr Lernen zu linearisieren.

  • Defizitorientiert und in der Bewertung ausschliesslich auf das Individuum ausgerichtet statt kollaborativ
  • direktiv statt kreativ
  • mit einem völlig sinnbefreiten Leistungsfetisch
  • an Fächern statt an Interessen und Themen entlang
  • inhalts- statt prozessorientiert.

Das ist die Realität von Schule im Jahr 2024. Mit ihr verstärken wir soziale Ungleichheit und töten Kreativität. Wir unterbinden systematisch Kollaboration und Diversität, wir regulieren Kommunikation total und kritisches Denken findet seine Grenze dort, wo es eine Sprache sucht.

Schule ist Religion 2.0

(Dieser Text ist nicht mit Unterstützung von KI erstellt. Die Bilder schon.)

Warum es höchste Zeit ist, die öffentliche Schule radikal in Frage zu stellen

In Deutschland ist es unausweichliches Schicksal, dass Kinder zur Schule müssen. Es gibt keinen Ausweg. In der Schweiz ist das anders. In den meisten Kantonen können Eltern ihre Kinder aus der staatlichen Schule nehmen oder gar nicht erst hinschicken. Sie können ihre Kinder der öffentlichen Schule entziehen. Wegnehmen. Sie können das wichtigste und wertvollste, was sie ihren Kindern schulden, selber in und an die Hand nehmen – auch indem sie selber eine „Schule“ gründen. Davon sollten viel mehr Menschen Gebrauch machen – und darum geht es in diesem Blog Post.

Auslöser für das Folgende ist ein Artikel im Magazin einer grossen Schweizer Zeitung, welcher der Leserin und dem Leser erklärt, wie die Zukunft der Schweizer Volksschule aussehen muss. Zum Beispiel so:

„Es ist völlig klar, dass die künstliche Intelligenz an die Schule gehört. Kinder sollen lernen, mit Programmen wie Chat-GPT oder Deepl umzugehen, und verstehen, welche Stärken und Schwächen die Technologie hat. Aber sie sollten sie nicht am eigenen Smartphone nutzen – dieses gehört nicht in die Schule. Den Grund dafür habe ich bei Schulbesuchen im Silicon Valley gelernt: In der Schule sind die Kinder Lernende. Im Lernraum arbeiten sie mit den Werkzeugen, die dort zur Verfügung stehen. Das Smartphone ist privat und gehört in die Freizeit.“

Quelle

Die Begründung für den Ausschluss des Smartphones: Die im Silicon Valley machen das auch so. Warum dient der als eher reaktionär bekannte Kulturraum des Silicon Valley (hier meine Nachfragen dazu bei Perplexity bzw. ChatGPT) als Vorbild für zeitgemässes Lernen in der Schweiz?

„Silicon Valley“ steht nämlich für einen nicht ganz unproblematischen sozioökonomischen Kontext, dessen Übergreifen auf die Schweiz mehr beklagt wird als gefeiert:

  • Mangelnde Inklusion und Diversität innerhalb von Technologieunternehmen, insbesondere was die Repräsentation von Frauen, schwarzen Menschen und Angehörigen anderer Minderheiten in Führungspositionen und technischen Rollen angeht.
  • Erhebliche sozioökonomische Disparitäten, mit extrem hohen Lebenshaltungskosten und einer wachsenden Kluft zwischen den sehr Reichen und den Arbeitenden, die sich kaum ein Leben in der Region leisten können.
  • Eine tiefere Ebene von Konservatismus und Status-quo-Denken, besonders in Bezug auf Wirtschaftsmodelle und Arbeitsbeziehungen – trotz liberaler Werte an der Oberfläche.

Merkwürdig also, dass für die Begründung eines solchen Eingriffs in die „Privatsphäre“ junger Menschen ausgerechnet jene Kultur beliehen wird, die sich durch das Gegenteil dessen auszeichnet, was Bildungsexpert:innen hierzulande üblicherweise als Bildungsgerechtigkeit bezeichnen würden.

Und noch merkwürdiger die Idee, diese Gerechtigkeit könne dadurch gefördert werden, dass Kindern jene Werkzeuge entwendet werden, durch deren sinnvollen Einsatz sie dieser Gerechtigkeit einen Schritt näher kommen würden.

Besonders krass im zitierten Statement ist für mich jedoch etwas anderes: Das dualistische Weltbild: Drinnen der Lernraum, draussen die Freizeit. Drinnen Lernen: fremdgesteuert, geplant und kontrolliert durch Lehrende, draussen das Smartphone, weil privat, weil Freizeit.

Drinnen lenkt das Smartphone ab von dem, was Lehrende für Lernende vorgesehen haben und worüber Lehrende bestimmen. Das Smartphone wird also auf der Seite der Lehrenden als etwas erlebt, das in eine Konkurrenz zu ihrem Führungsanspruch tritt. Es erschwert ihnen das durchzusetzen, was Kinder ihrer Überzeugung nach hier und jetzt zu tun und zu lassen haben – weil sie als Lehrende es so bestimmen und durchsetzen.

Alle Smartphones draussen abgeben!

Da geht es also gar nicht in erster Linie darum, dass „die Kinder sich endlich mal konzentrieren“, wie häufig zu hören ist. Es geht darum, dass sie sich auf das konzentrieren, worauf sie sich gemäss Schule zu konzentrieren hätten. Es geht um Hoheit. Es geht um Macht:

Wir sagen dir, was du zu tun und zu lassen hast und womit du dich jetzt und nachher zu beschäftigen hast und wie. Das ist Schule – egal, was sie sonst noch ist. In erster Linie ist sie das.

Und diese Kritik mache ich jetzt an einem einzigen, aus dem Kontext gelösten Abschnitt eines umfangreichen Artikels fest, der sich neben KI und Smartphone an immerhin weiteren 25 Stichworten abarbeitet? Yep, denn das Smartphone ist der Kristallisationspunkt, an dem sich das autoritäre Wesen des Schulsystems und seine fehlende Anschlussfähigkeit an die Gegenwart wie in einem Brennglas bündeln.

Der Pädagogische Zynismus

Draussen arbeiten Menschen mit dem Ding. Sie kaufen ein und verkaufen, sie kommunizieren, sie planen alles, was mit ihrem Leben zu tun hat. Sie finden sich zurecht auf dem Globus und in der U-Bahn, sie buchen Reisen, sie partizipieren an ihrer Kultur, hören Musik, lesen, schauen und produzieren Filme, Clips und Videos, verabreden sich, recherchieren und informieren sich und andere. Sie publizieren, sie sind politisch aktiv. Sie leben und artikulieren ihren Lifestyle.

Und sie lernen. Pausenlos. Das Smartphone ist das derzeit wichtigste Werkzeug und die derzeit zentrale Repräsentanz unserer technosozialen Arbeitswelt.

Ausser in der Schule, dem „Lernraum“, wie sie im Artikel genannt wird. In der Schule herrscht dieser Dualismus. Deshalb verinnerlichen wir Menschen ihn auch von Kindesbeinen an: Diese falsche und widerlegte Überzeugung, dass Lernen immer an irgendeine Form von Schule und Beschulung gebunden sei, und dass es dafür immer und ausnahmslos Lehr-Lern-Expert:innen brauche, die uns sagen, mit welchen Werkzeugen wir was wann zu lernen hätten. Das lernen wir als erstes in und durch öffentliche Schule – und schleppen es dann ein Leben lang als Lernbehinderung mit uns rum.

Wörtlich im Artikel:

„In der Schule sind die Kinder Lernende. Im Lernraum arbeiten sie mit den Werkzeugen, die dort zur Verfügung stehen.“

Und welche Werkzeuge das sind, welche Werkzeuge Lernende individuell benötigen, mit welchen sie gut können und mit welchen nicht, das entscheidet ausschliesslich das System der öffentlichen Schule.

Draussen ist das dann wieder Privatsache – draussen ist nicht „Lernraum“ (😳) – da sind Kinder nicht Lernende (🤔). Da ist Freizeit.

Womöglich lernen Kinder und Jugendliche auch deshalb so schwer, mit technologischer Vielfalt umzugehen?

Oder ist es am Ende ganz anders? Können sie das im Gegenteil immer früher (im Unterschied zu vielen Lehrpersonen), weil sie eben nicht nur im Lernraum Schule lernen, weil nicht nur Schule Lernraum ist und sie nicht nur im Lernraum Schule Lernende sind sondern immer?

Ja – so ist es.

Der Dualismus von „Schule als Lernraum“ und restlicher Welt ist in jedem Fall gänzlich deplatziert. Die Pädagogik dahinter ist zynisch. Sie ist weltfremd – in einem Schulsystem, das im Moment auf breiter Basis noch nicht die Spur einer Ahnung davon hat, was im Kontext Digitaler Technologien und Künstliche Intelligenz gerade abgeht.

Tatsache ist: Im Moment repräsentiert nichts anderes die Gegenwart und ihre Herausforderung (!) deutlicher als das Smartphone: die Ubiquität und Gleichzeitigkeit von allem als die eine grosse Herausforderung, mit der wir umzugehen haben. Das Smartphone steht für soziale und ökonomische Partizipation, für Selbstbestimmung und dafür, wie beide gelingen und wie sie scheitern können – nicht nur bei Kindern.

Aber das ist privat und gehört in die Freizeit?

Ebenso gut könnte ich meinem Kind das Sackgeld streichen mit der Begründung, es so auf den Umgang mit Geld vorzubereiten.

Mit der Aussage, das Smartphone gehöre ins Private, seine Nutzung in die Freizeit, repräsentiert der Artikel eine im Schulwesen der Schweiz verbreitete, reaktionäre Position – die auch gerne von manchen Eltern und Politiker:innen eingenommen wird, weil eine zunehmende Überforderung herrscht, weil sie selber keinen guten Umgang damit lernen.

Nicht den Kindern das Smartphone wegnehmen sondern dieser Schule die Kinder

Ein Satz wie „Das Smartphone sei privat und gehöre in die Freizeit“, hat diagnostischen Charakter. Er ist entlarvend. Er zeigt an, wes Geistes Kind seine Sprecher:innen sind. Sie outen sich dort, wo es um Gegenwartstechnologie geht, entweder als Ahnungslose, oder mit einem klaren Kalkül – oder mit einer toxischen Mischung von beidem.

Sie geben vor, dass es ihnen um das Wohl der Kinder geht – erst recht jener Kinder, die aus so genannt „bildungsfernen Elternhäusern“ kommen würden, wie sie immer wieder betonen: Die Volksschule als die grosse Garantin für Bildungsgerechtigkeit. Dabei stellt ja für die als „bildungsfern“ adressierten Menschen nicht das Lernen oder die Bildung ein Problem dar, sondern die Schule selbst – mit der heute, wenn überhaupt, nur noch jene klarkommen, die über ein einigermassen stabiles familiäres Umfeld verfügen. Immer mehr junge Menschen und ihre Eltern bringen nicht mehr die Kraft und die Ressourcen auf, um auch noch mit Schule klar zu kommen.

Mit Lernen und Bildungsarbeit hat das zuerst einmal gar nichts zu tun, sondern vor allem mit der Notwendigkeit, sich irgendwie dem Schulsystem ein- und unterzuordnen und damit der täglichen Ansage, wo ich wann zu sein habe, und was ich dann in welcher Form, mit wem zusammen bis wann zu erledigen habe.

Bildungsnahe Menschen, also jene, die sich selbst so bezeichnen, bezeichnen jene gerne als bildungsfern, die „mit dem Lernen so ihre Probleme haben“. Das mag stimmen, doch nur, wenn es um das schulische Lernen geht – und ausserdem sagt das Etikett „bildungsfern“ nichts darüber aus, wie weit bestimmte Eltern und ihre Kinder vom Schulsystem weg sind sondern darüber, wie weit Schule von ihnen weg ist. Die staatliche Schule ist bildungsfern – nicht die Menschen sind es.

Was die Situation im Moment zusätzlich erschwert, ist die Rede von der durch (Volks-)Schule herzustellenden Bildungsgerechtigkeit, die ja gar nicht gegeben ist, wie lang und breit erforscht ist.

Diese Formel verleiht ihren Befürworter:innen einen zusätzlichen, zähen Hauch moralischen Gutseins: Erst wenn alle Kinder und Jugendliche in einen Topf geworfen sind, hätten Bildungs- und Chancengerechtigkeit eine Chance.

Sie predigen die Alternativlosigkeit von Volksschule und setzen sie mit Hilfe staatlicher Gewalt und Steuermitteln durch, weil sie um jeden Preis dafür sorgen wollen, dass es auch in Zukunft ein System gibt, das über das Lernen von Menschen bestimmt. Es geht ihnen um Kontrolle.

Was wir alle dadurch in Kauf nehmen, ist dies:

Öffentliche Schule nimmt – in welcher „reformierten“ Form auch immer – den Menschen das Lernen zuerst weg und gibt es ihnen dann dosiert in Pulverform zurück.

Schule ist in ihrer Grundidee immer zuerst „wegnehmen“. An erster Stelle die Freiheit des Lernens, die Bewegungs-, die Denk- und die Meinungsfreiheit, um sie dann portionsweise wieder zuzuteilen.

Das Lernen als ein durch und durch individuelles Phänomen wird durch Schule zuerst gleichgeschaltet und linearisiert, um es dann portionsweise und nach Massgabe der Lehrpersonen wieder zu „individualisieren“. Das ist hanebüchen.

Friss – oder stirb!

Was öffentliche Schule damit praktiziert, ist an der Wurzel autoritär: Der Mensch wird so früh wie möglich sich selbst entzogen – nicht nur was das Lernen betrifft.

Selbstbestimmung, Selbstverantwortung und Selbststeuerung werden verneint und durch Fremdbestimmung ersetzt. Auf allen denkbaren Ebenen: sozial, fachlich, emotional. Von der ersten bis zur letzten Minute, die ein Mensch in der öffentlichen Schule verbringt, bestimmen andere, was, wo, wie, wie lange, mit wem und mit welchen Ergebnissen zu lernen ist.

Deshalb ist das Smartphone für das Schulsystem und seine reaktionären Repräsentant:innen nichts anderes als der Endgegner.

Sie können in den Gegenwartstechnologien nur eine Konkurrenz zu ihrem Monopolismus sehen, die es entweder aus den Lernprozessen auszuschliessen gilt (Smartphones) oder maximal zu kontrollieren. Das nennen sie dann: „in den Unterricht integrieren“. Thematisierung ja, aber nur nach ihren Regeln. Gemäss Lehrplan und löffelweise.

Im Lexikon der modernen Schule klingt das dann so: „Kinder sollen lernen, mit Programmen wie Chat-GPT oder Deepl umzugehen, und verstehen, welche Stärken und Schwächen die Technologie hat. Aber sie sollten sie nicht am eigenen Smartphone nutzen – dieses gehört nicht in die Schule.“

Es ist an der Zeit, dieser Art von Schule die Kinder wegzunehmen, denn es ist längst nicht mehr egal, wo Kinder die wichtigste (Lern-)Zeit ihres Lebens verbringen. Die öffentliche Schule ist von ihrem Prinzip her ein denkbar ungeeigneter Ort, wo sich junge Menschen heute auf diese radikal umgewälzte Welt vorbereiten können – ganz egal übrigens, auf welche Weise ihre Zeugnisse am Ende zu Stande kommen.

Wissen und Kompetenz sind überall. Holt euch, was ihr braucht!

Es gibt in unserer Welt, in unserer Gesellschaft, in den Vereinen, Kulturbetrieben, Unternehmen und Verbänden so unendlich viel soziale, emotionale, menschliche und fachliche Kompetenz, so unendlich viel Ressourcen, von denen Kinder und Jugendliche profitieren können. Diese Welt ist so unendlich reichhaltig. Weder seid ihr noch sind eure Kinder auf eine Art von Schule angewiesen, die diese ganze Vielfalt und ihre digitale Präsenz und Verfügbarkeit dem Privaten und der Freizeit zuordnet.

Tut euch zusammen: fünf oder zehn Familien oder mehr, die die Bildung ihrer Kinder selbst organisieren. Alles, was eure Kinder an Grundlagenwissen brauchen, ist jederzeit und überall sofort abrufbar. Alles, was sie an sozialen und emotionalen Fertigkeiten entwickeln, können sie in gleichwürdigen sozialen Kontexten ohne die Interventionen des pädagogisch-autoritären Systems schneller und nachhaltiger und lustvoller und würdiger lernen – als in einer Schule.

Ihr seid die, die zusammen mit euren Kindern und anderen Menschen guten Willens dafür sorgen könnt, dass die Diversität unserer heutigen Lebens- und Arbeitswelten, die eine ihrer wichtigsten Quellen und Inspirationen darstellt, von Anfang an die Lern- und Bildungsbiografien eurer Kinder prägt. Das ist doch ein unglaublich wertvolles Versprechen – erst recht auf dem Hintergrund der Linearisierung von Bildungsarbeit in öffentlichen Schulen!

Macht euch unabhängig von der Beschulungs-Ideologie. Lasst euch nicht länger erzählen, dass ihr als Eltern unfähig oder überfordert seid, wenn es um das Lernen eurer Kinder geht oder um euer eigenes. Ihr seid die Expertinnen und Experten für das Leben, das Lernen und für das Lieben eurer Kinder.

Warum also solltet ihr – zusammen mit euren Kindern – nicht mindestens mitbestimmen, wer eure Kinder in Sachen Lernen und Bildung begleitet, und wo, und was die dann miteinander machen und was nicht?

Entscheidet gemeinsam. Fangt wieder an, euer Recht in Anspruch zu nehmen als Familie, als Lebensgemeinschaft, als Eltern und als Kinder. Euer Recht auf ein selbstbestimmtes Leben und Lernen. Um das zu lernen, was es heute in diesem Leben braucht, braucht es die klassische Schule nicht, im Gegenteil. Streng genommen hat es sie nie gebraucht.

Brené Brown über „Belonging to“ statt „fitting in“

Wir verfügen heute mehr als je zuvor über die Möglichkeiten, uns von Schule unabhängig zu machen. Wenn dir die Zukunft deines Kindes am Herzen liegt, und warum sollte sie das nicht, dann schütze es vor dieser Schule. Befreit eure Kinder von dieser Schule, von deren autoritärem Menschenbild und von ihrem Kontrollfetisch. Holt eure Kinder aus den Klassenzimmern raus, aus diesen Käfigen und Reservaten. Tut euch zusammen, entscheidet gemeinsam, was ein junger Mensch heute braucht um in dieser Welt bestehen zu können.

Werdet aktiv. Gründet eure eigenen „Schulen“

Wenn etwas oder jemand mit der Gesamtsituation und allem, was daraus folgt, überfordert ist, dann das traditionelle Schulsystem und die Mehrheit der Lehrerinnen und Lehrer dort. Findet und haltet euch also an jene, die wirklich bereit sind, sich auf diese Gegenwart zuzubewegen und zu verstehen, was eigentlich gerade in dieser Welt abgeht.

Gründet euere eigenen Initiativen, und nennt sie, wie ihr wollt: Freie Schulen, Demokratische Schulen, oder arbeitet ohne den Begriff „Schule“ – wie auch immer. Es geht nicht so sehr um Begriffe, auch wenn sie natürlich in unseren Köpfen etwas auslösen. Deshalb darf es ja auch neue geben!

Wichtig ist einfach jetzt, dass immer mehr Menschen neue Lern- und Bildungsinitiativen und Gemeinschaften bilden und gründen. Viele der alternativen Schulen, die seit Jahrzehnten in den Ländern entstehen, in denen das möglich ist, gehen auf die Initiativen von Eltern zurück, die ihre Kinder nicht länger einem traditionellen Schulsystem aussetzen wollten, und die deshalb angefangen haben, sich auf ihre eigene Wahrnehmung und Intuition zu verlassen.

Schweizer Homeschooler sind Beschulkindern in wichtigen Kompetenzen überlegen
Quelle

Das traditionelle Schulsystem und die Mehrheit seiner Repräsentant:innen sind „getrieben und blockiert“ von Vorbehalten und rationalisierten Ängsten gegen das, was unsere Wirklichkeit gegenwärtig prägt und herausfordert. Sei es gesellschaftlich, sei es ökonomisch, sei es kulturell, sei es technologisch.

Klar, wir sind auch überfordert. Die Trennlinie verläuft nicht zwischen denen, die es sind und denen, die es nicht sind. Der Unterschied zeigt sich vielmehr darin, wie Menschen mit Unsicherheit umgehen, und inwiefern sie ihren Kindern da welches Vorbild sind.

Das traditionelle Schulsystem gibt bis heute vor, eure Kinder auf Zukunft vorzubereiten, dabei nutzt es jedes einzelne Kind jeden einzelnen Tag dafür, um sich selbst als geschlossenes, autoritäres System zu reproduzieren – mit dem Effekt der Linearisierung des Lernens. Darum geht es auch heute noch bei traditioneller Schule – und ihr wisst das, zumindest spürt ihr es. Und ihr habt Angst. Zu Recht, denn dieses System tritt bis heute mit dem Anspruch auf, die Zugänge zu den Karrieren dieser Welt zu verteilen – doch das stimmt längst nicht mehr!

Ein Ende der Schulgewalt über Menschen

Dafür braucht es übrigens gar keine Revolution.

Es kann und wird auch völlig gewaltfrei bleiben bzw. werden. Es braucht einfach Eltern und andere Engagierte, die ihre Kinder der Schule entziehen, und die die Bildungsarbeit selber in die Hand nehmen. Eltern, die sich nicht länger sagen lassen, dass sie das nicht könnten.

Das Wichtigste ist, dass sich jetzt langsam aber sicher diese Gewalt auflöst und verflüchtigt, die bis heute praktisch alle Menschen an traditionelle Schule bindet. Diese Kraft, die ihre Macht aus der Angst der Menschen bezieht, was passieren könnte oder würde, wenn sie sich und ihre Kinder so einer Schule entziehen.

Die Gewalt und die Angst vor ihr hat (in welcher rationalisierten Form auch immer) eine Geschichte. Sie hat mit abendländischer Religion zu tun, mit politischen Verhältnissen des 19. Jahrhunderts – und mit ganz viel Patriarchat.

Wenn ihr etwas ändern wollt, dann seht dieser Angst ins Gesicht – und tut euch zusammen.

Die traditionelle Schule kann bis heute vor allem deshalb existieren und Macht ausüben über Menschen, weil die absolute Mehrheit der Menschen noch immer von dieser Angst getrieben ist. Was wäre, wenn sie Schule den Rücken kehrten?

Bei vielen löst diese Gedanke pure Existenzangst aus, weil traditionelle Schule vorgibt, die Chancen zuzuteilen und vorzuenthalten. Aber das stimmt nicht. Wir wissen alle, dass Schule nur be- und übersteht und weiterführende Schule nur erreicht, wer ein entsprechendes soziales Umfeld hat. Also?

Also kümmern wir uns jetzt um dieses Umfeld – und nehmen Bildung und Lernen in die eigene Hand.

Es ist allerhöchste Zeit, dass mehr und mehr Menschen aus der traditionellen Schule ausziehen, bzw. ihre Kinder gar nicht erst dorthin bringen. Nur so, durch diesen zivilen Ungehorsam, durch ein kollektives Ignorieren schulischer Macht über Menschen, wird auch eine gesellschaftliche und ökonomische Veränderung auf den Weg kommen. Eine demokratische.

Traditionelle Schule hat nur so viel Macht, wie du ihr über dich und deine Kinder und deren Schicksal gibst. Das hört in dem Moment auf, in dem ihr auszieht und was neues gründet.

Erst wenn es uns gelingt und wenn wir den Mut aufbringen, uns dem Einfluss dieser Schule zu entziehen, werden wir die autoritäre, neoliberalistische und ausbeuterische Kultur, die uns an der Wurzel unserer Gesellschaft bis heute prägt, austrocknen.

Dadurch können wir die Voraussetzungen schaffen, um eine andere Gesellschaft zu werden – weil wir die Regeln für das Spielen dieses Machtspiels verändern. In einem Satz:

Es geht nicht darum, der Schule den Krieg zu erklären. Es geht jetzt darum, den Krieg der Schule gegen die Kinder zu beenden.

Wissensvermittlung: Ein überholtes Konzept von Schule, das nie funktioniert hat

Es gibt gar keine Wissensvermittlung. Auch wenn alle ganz selbstverständlich und unhinterfragt von ihr reden und wie wichtig die sei, und dass gerade sie die Kernaufgabe von Schule sei – und von Hochschule, Berufsschule, von Aus- und Weiterbildung. 

Doch es gibt sie nicht.

Wissen kann nicht vermittelt werden. Kompetenz kann nicht vermittelt werden. Ein Mensch, der oder die über Frontalunterricht oder über ein Video oder über einen Podcast zu mir spricht, vermittelt mir kein Wissen. Er oder sie liefert durch sein und ihr Sprechen oder durch das Einspeisen von Text Information

Nicht Information im Plural, sondern: was auf diese Weise in einen Kommunikations-, Interaktions- und Denkraum „eingespeist“ wird, ist Information – kein Wissen. 

Wenn Sprache entlarvt: Wissen erwerben -> Erwerbsarbeit -> Kauf dir was!

Das Wissen selbst entsteht dann in diesem Raum, der ein Klassenzimmer sein kann oder ein Raum, den z.B. ein Forschungs- und Entwicklungsteam öffnet, und in dem eine prinzipiell unabschließbare Menge an weiteren Informationen mäandert, je nachdem, wer sich alles in diesem Raum aufhält und mit Information(en) bespielt wird – und oder selber welche einspeist und oder mit ihnen spielt.

Das Wissen selbst entsteht dabei nicht durch Vermittlung, oder durch Erwerb, oder durch Aneignung, sondern durch soziale Konstruktion (und auch durch Emergenz), an der alle beteiligt sind, die sich selbst in diesen Prozess einbringen, also involvieren.

Das und jedes Wissen ist nicht schon „fertig“ und muss dann nur noch vermittelt, erworben, angeeignet werden. Es entsteht auch nicht im Prozess der Vermittlung, des Erwerbs oder der Aneignung.

Seine Produktion ist eine Leistung derer, die sich zusammen an die Wissensarbeit machen. Wenn ich diese Unterscheidung zwischen Wissen und Information durchziehe, dann ist das, was ich durch Memorieren oder Erinnern aktualisiere, kein Wissen. Es ist Information, die ich durch aktive, kollaborative Wissensarbeit in aktuelle Kontexte der Wissensgenerierung einbringe.

Die blosse Anwesenheit z.B. in dem Sinn, dass ich „in einem Klassenzimmer sitze“ (oder in irgendeinem „Kurs“), zuhöre, mir allenfalls Notizen mache, ist nicht gleichbedeutend mit: in die Konstruktion von Wissen involviert zu sein. Auch ist der „Austausch“ von Erfahrungen zu einem bestimmten Thema (hierfür immer wieder gerne genommen: „Breakout Rooms“ zwischen zwei Referaten) nicht gleichbedeutend mit Wissensarbeit.

Wenn der Mensch und sein Gehirn mit einer Lernmaschine verwechselt werden. Quelle

Woran erkenne ich Wissensarbeit? Wie unterscheide ich sie von Informationslogistik?

Die erfinderische Intelligenz bemisst sich an der Distanz zum Wissen.

Michel Serres, Erfindet euch neu

Ein gutes Erkennungsmerkmal dafür, dass du dich in einem Kontext der Wissenarbeit befindest, ist dies: Du bist oder ihr seid angetreten, um gemeinsam für ein für euch relevantes Problem eine Lösung zu finden.

So funktioniert das übrigens auch in der Schule. Das im eigentlichen Sinne problemlösende Wissen, das Schülerinnen und Schüler möglichst rasch und kompetent entwickeln müssen (leider bis heute immer noch weitgehend alleine), ist dies:

Wie bringe ich all diese zwischen den vielen Fächern nicht kontextualisierten und deshalb viel zu oft unverbundenen Informationen so in meinen Kopf, dass ich sie bei Prüfungen gemäss den Erwartungen der jeweiligen Lehrperson wieder so aufs Papier oder in ein anderes Format bringe, damit ich eine gute bzw. keine schlechte Note bekomme?

Das ist das wirklich wichtige – weil entscheidende Wissen – und die Überlebenskompetenz meiner Schulzeit.

Es geht bei dem Wissen, das Lernende in der Schule entwickeln, gar nicht um jenen Stoff, den Lehrerinnen und Lehrer in welcher Form auch immer an Lernende ausliefern und bei Prüfungen wieder abrufen. In der Schule geht es darum zu wissen, wie ich zu meinen Noten komme. Es geht für Lernende um Logistik-Wissen und -Kompetenz.

Deshalb auch „wissen“ junge Menschen nach Abschluss ihrer Schulzeit praktisch nichts mehr von dem, was sie während neun oder zwölf Jahren „ durchgenommen“ haben, denn es ging nie wirklich darum, irgendetwas davon über die nächste Prüfung hinaus zu „behalten“.

Ganz ähnlich verhält sich das übrigens auch mit der Effizienz und Effektivität von Beratungsprojekten im Unternehmenskontext. Was da an Inhalten und Papers und Flip-Charts und Dateien erarbeitet wird, verschwindet in ganz vielen Fällen auf Nimmerwiedersehen in irgendwelchen Schubladen und Datenbanken.

Warum? Weil es da so gut wie nie um das geht, was den Namen „Wissen“ verdienen würde. Es geht praktisch immer um das Generieren von Information – was heute eigentlich in den Zuständigkeitsbereich der Künstlichen Intelligenz fällt.

Zwar hören und lesen wir immer wieder, dass die gar nicht intelligent sei, sondern nur Information hin und her schaufle. Aber das tut Schule ja auch, wenngleich viel langsamer und ziemlich ineffizient.

KI ist unschlagbar im Handling von Information und in deren exzellenter Aufarbeitung und Präsentation (kuck dir z.B. mal perplexity an). Die Konstruktion von Wissen hingegen ist als Leistung derzeit dem Menschen vorbehalten. KI ist die reale Möglichkeit, den Wert von Information ins nahezu Unendliche zu steigern. Wissen hingegen werden nach wie vor wir draus machen auf die Art, die ich hier als Wissenarbeit skizziere.

Bullshit Bingo I

Womöglich wird die Fähigkeit, zwischen Information und Wissen zu unterscheiden, auch deshalb immer wichtiger. Sie kann uns nämlich davor bewahren, Kinder und Jugendliche weiterhin mit Information zuzuballern, statt mit ihnen zusammen an den Kompetenzen zu arbeiten, die es für Wissensarbeit braucht.

Heinz von Foerster hat da einen Vorschlag:

„Die meiste Zeit wird im Unterricht darauf verwendet, illegitime Fragen zu stellen und Antworten einzufordern. Eine Frage ist dann, so möchte ich definieren, illegitim, wenn Ihre Antwort bereits bekannt ist. Wenn ein Lehrer diesen Typ von Fragen stellt, dann ist das doch eine Schweinerei und Gemeinheit, denn er kennt die Antworten ja schon. Legitime Fragen sind dagegen echte Fragen: Für sie existiert noch keine fertige Antwort. Wäre es nicht schön, wenn sich eine Institution wie die Schule, vorrangig mit legitimen Fragen befassen würde?“ (Heinz von Foerster, Bernhard Pörksen: Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners. Gespräche für Skeptiker, 9. Auflage 2011, S. 73)

Auch das, was du liebe Leserin und lieber Leser hier liest, ist kein Wissen, sondern eine Art Information, die du im Moment des Lesens beurteilst, einordnest, verwirfst, abwägst, auf Anschlussfähigkeit und Plausibilität hin überprüfst (auch durch Recherchieren), mit deiner Erfahrung vergleichst, mit anderen Menschen erörterst – und mit echten Fragen löcherst.

Die Wahrscheinlichkeit zu belastbarem Wissen zu kommen sinkt allerdings rapide, wenn ich sie mit Informationslogistik verwechsle bzw. letztere als Wissensarbeit ausgebe; wenn ich also Schülerinnen und Schülern über ihre gesamte Bildungsbiographie hinweg das Hin- und Herbewegen von „Stoff“ aufoktroyiere: Das System spuckt via Fächer, Stundenpan und Unterricht Daten und Informationen im Überfluss aus, etikettiert sie als Wissen und beschränkt sich darauf, den „richtigen“ Umgang der Lernenden damit zu kontrollieren, nämlich das richtige Aufnehmen und das richtige Wiedergeben.

Doch weil Wissen eine sozial konstruierte Dimension (Kategorie, Wirklichkeit) darstellt, die „gesichert“ nur sein kann aufgrund einer bestimmten Qualität der „Wissensarbeit“, die keine Vermittlung ist, muss das Augenmerk jederzeit auf dieser gemeinsam geleisteten Wissensarbeit liegen. Erst sie kann auch darüber entscheiden, von welcher Qualität und Brauchbarkeit Information zu sein hat, um für diese Wissensarbeit nützlich zu sein. 

Auch diese mehr diagnostische Kompetenz der Beurteilung von Information ist ein wesentliches Element von Wissensarbeit. Sie wird nur durch und in Wissensarbeit entwickelt, nicht dadurch, dass mir irgendetwas vermittelt werden könnte, oder dass ich dermassen mit Information zugeballert werde, dass ich gar nicht in die Situation komme, deren Qualität und Brauchbarkeit beurteilen zu müssen oder auch nur zu können. Doch so funktioniert Schule bis heute.

Die eigentliche Agenda von Bildungsarbeit im 21. Jahrhundert ist also weder Wissensvermittlung noch Wissenserwerb, denn jedes Wissen entsteht immer im Prozess dieser hier nur grob skizzierten, sozial-kollaborativen Wissensarbeit. Sie zu lernen ist die Herausforderung, in der nicht nur jeder einzelne Mensch lebenslang steht, sondern auch das, was wir Gesellschaft, Kultur, System nennen.

Eine oder die Lehrperson oder ein Video, ein Text oder „die Schule“ oder „die Uni“ vermitteln kein Wissen. Die entscheidende Aktivität, in der Wissen entsteht, findet unter Verwendung (von wem auch immer in diesen Prozess) eingespeister Information in den Prozessen der Kommunikation und Interaktion derer statt, die an der Wissensarbeit beteiligt sind. 

Wie lerne ich Wissensarbeit?

So: Indem ich in einem „Wir“ diese Prozesse der Kommunikation und der Interaktion über Information in spezifischen und relevanten Kontexten praktiziere und reflektiere, in denen ich und wir zu einem bestimmten Zweck Wissen brauchen, um ein relevantes Problem zu lösen – das auch in einem Beitrag bestehen kann, um ein grösseres, womöglich umfassendes Problem zu lösen, indem wir auf eine diverse, lösungsfokussierte, diskursive, kollaborative Weise benötigtes Wissen in einer angemessenen Qualität generieren, das den Zweck hat, das Problem zu verstehen und zu lösen.

Der Auftrag an Schule in der gegenwärtigen Zeit besteht exakt darin, hierfür die entsprechenden Räume zur Verfügung zu stellen, sie zu gewährleisten und zu hosten.

Es ist in all dem nicht mehr (allein) die Aufgabe einer Schule, „Daten mit Informationscharakter“ in diesen kollaborativen Lösungsraum einzuspeisen. Daten und Informationen sind ja allgegenwärtig und jederzeit zugänglich. 

Auch die traditionelle Funktion der „Kontrolle“ über das, was in welcher Qualität an Information in den Prozessen der Wissensarbeit anwesend sein darf oder nicht, hat (nicht nur) Schule längst verloren.

Welchen Job Bildungsarbeit heute hat

Dieser ursprüngliche Hauptauftrag von Schule tritt zurück hinter die Notwendigkeit, einen Raum des Wissens- und Informationsmanagements zu gestalten und zwar so, dass darin alle auch das Geschäft der Informationsbeschaffung und -bewertung lernen, was bereits ein wesentlicher Aspekt qualifizierter Wissensarbeit ist – um quasi „von der Pike auf“ Wissensarbeit zu lernen. Auch dieses Kompetenzenbündel kann nicht vermittelt werden, sondern nur von denen entwickelt, die die jeweilige Kompetenz benötigen.

Es ist also anachronistisch, wenn Lehrerinnen und Lehrer Stoff anschleppen, den Schülerinnen und Schüler dann bearbeiten – unter den Argusaugen des Lehrkörpers, der das dann bewertet und benotet.

Würdevolle ältere Herren unterrichten Vögel in den Prinzipien des Fliegens, während diese unbeeindruckt ihre natürlichen Flugfähigkeiten demonstrieren. (Visualisierung einer Passage aus N. N. Taleb: Antifragilität. Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehen.)

Erst auf dem Hintergrund dieser Aufgabe (Konstruktion von Wissen in Prozessen und Strukturen kollaborativer Wissensarbeit), die alle Involvierten angeht und deshalb eine Aufgabe aller Involvierten ist, weil es um ihre Kompetenz geht, die sie in diesen Prozessen entwickeln und ausweiten und vertiefen, wird plausibel, was sich hinter der Zauberformel von den 4K (Kollaboration, Kommunikation, kritisch Denken, Kreativität) verbirgt, denn diese vier sind die entscheidenden Kompetenzen, die es für Wissensarbeit braucht.

Alle vier werden im derzeitigen, traditionellen Design und in den bestehenden Strukturen, Rollen und Funktionen innerhalb von Schule nicht hinreichend beachtet und gefordert – mit o, nicht mit ö, denn „fördern“ muss ich das gar nicht. Es reicht völlig aus, wenn ich die hier nur grob skizzierte Wissensarbeit nicht mit Pädagogik, Didaktik, Unterricht, Lehrplänen und Lernzielen zuschütte. Doch stattdessen wird die Entwicklung der 4K durch Schule erschwert bis blockiert.

Deshalb ist es jetzt ausserordentlich wichtig zu begreifen, worum es bei den 4K tatsächlich geht, und dass wir sie nicht dadurch lernen, dass sie uns vermittelt werden, sondern dadurch, dass wir sie in spielerischer, und darin sehr ernsthafter, lustvoller Wissensarbeit entwickeln. 

Dies gelingt am besten, wenn wir diesen Prozess als eine hier nur grob, jedoch klar skizzierte Wissensarbeit anlegen.

Das letzte, wofür junge, lernende Menschen in der Schule heute in der Verantwortung stehen, ist das Gestalten dieser fundamentalen Prozesse – durch ihre gesamte Bildungsbiographie hindurch. Schule vernachlässigt die Entwicklung dieser Kernkompetenz(en), indem sie Schülerinnen und Schülern in keinem für sie und für ihr Lernen relevanten Bereich eine Verantwortung zuspricht, die diesem Phänomen im Ansatz gerecht werden würde.

Daher meine fundamentale Kritik am Schulsystem. Es ist in seiner Struktur, in seinem Aufbau und in seinen Abläufen der denkbar ungeeignetste Ort für die Entwicklung jener Kompetenz, die heute so dringend benötigt wird – auf jeden einzelnen Menschen hin gesprochen ebenso wie auf die sozialen Kontexte und Zusammenhänge, nämlich:

zu wissen.

Wir brauchen deshalb dringend eine Alternative für dieses System. Keine andere Schule – sondern möglichst rasch etwas anderes.

Development or Change? About a difference that makes one

Not only since I have been working with schools and other organizations on development, but also when I was still active in them, I have always encountered the narrative that „development is not possible for us“. They tell me: „We are not yet at a point where we can develop.“

Change does occur because it is unavoidable, especially since it always comes from the outside: markets change and new ones emerge. Technologies change and new ones emerge. Demography changes, the shortage of skilled workers increases – change everywhere that affects organizations.

And the more change there is, the less development within the organization. Experts then talk about being overwhelmed.

Something is always missing to get started. So, conditions are requested that are missing for the organization to develop. Ironically, what is most desired is a pause in change.

However, development itself is what helps and enables positive handling of change. To co-design it. To keep up with it, rather than lagging behind.

Development makes it possible to connect with changes – speaking of the organization, not of individuals who nowadays are constantly being asked to develop, while organizations remain static.

I argue: There is a purpose behind this. By continuously focusing on the development of people and their support or promotion, there is no need to worry about the development of the organization:

„Teachers should change, not school.“

On the other hand we know that development begins where we no longer focus on behavior but on circumstances. That’s when development starts.

If you need a development assistant – let me know 🙂

Entwicklung oder Veränderung? Über den Unterschied, der einen macht

Nicht erst seit ich mit Schulen und anderen Organisationen Entwicklungsarbeit mache, sondern bereits als ich noch in ihnen tätig war, also eigentlich schon immer begegnet mir das Narrativ, dass „Entwicklung bei uns nicht möglich ist“. Sie sagen mir: „Wir sind noch nicht soweit, dass wir uns entwickeln können.“

Veränderung gibt’s schon, denn die lässt sich ja nicht vermeiden, zumal sie immer von aussen kommt: Märkte verändern sich und neue entstehen. Technologien verändern sich und neue entstehen. Die Demographie verändert sich, der Fachkräftemangel nimmt zu – überall Veränderung, die auf Organisationen einwirkt.

Und je mehr Veränderung, umso weniger Entwicklung (in) der Organisation. Von Überforderung sprechen die Expert:innen dann noch.

Etwas fehlt immer um anzufangen damit. Also werden Bedingungen formuliert, die ausstehen, damit sich die Organisation entwickeln kann. Am liebsten, so das Paradox, eine Veränderungspause.

Doch Entwicklung ist das, was hilft und ermöglicht, mit Veränderung positiv umzugehen. Sie mitzugestalten. Auf Augenhöhe statt hinterher zu hecheln.

Entwicklung macht anschlussfähig an Veränderungen – auf die Organisation hin gesprochen, nicht auf einzelne Menschen, die ja ständig dazu aufgefordert werden, sich zu entwickeln, während Organisationen verharren.

Ich behaupte: Dahinter ist ein Zweck. Dadurch dass pausenlos auf die Entwicklung von Menschen und auf deren Förderung fokussiert wird, braucht mann sich um die Entwicklung von Organisation nicht mehr zu kümmern.

Die Lehrer sollen anders werden, nicht die Schule.

Dabei wissen wir: Entwicklung fängt dort an, wo wir nicht länger am Verhalten ansetzen sondern an den Verhältnissen. Dann beginnt Entwicklung.

Wenn ihr einen Entwicklungshelfer braucht – lasst es mich wissen 🙂