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LearnLabs statt Schule. Ein nächster Schritt in die Evolution des Lernens. Teil 1

In keine andere menschliche Eigenschaft wird derzeit mehr Hoffnung gesetzt, als in das Lernen. Ein Merkmal, durch das wir den Maschinen noch voraus sind. Also überwinden wir Schule und initiieren LearnLabs wie Google seine Garage: Räume für den Ernstfall des Lernens.

Titelbild: Gerd Altmann auf Pixabay

In keine andere menschliche Eigenschaft wird derzeit mehr Hoffnung gesetzt, als in das Lernen – eines der wenigen Merkmale, durch das wir den Maschinen noch voraus sind neben Imagination, Empathie und Kreativität. Meine Frage lautet: Welche Umgebung brauchen wir für eine möglichst umfassende Entfaltung des Lernens – und worum geht es dabei überhaupt?

Die Antwort fällt völlig anders aus, je nachdem ob ich Lernen als eine Aktivität im Kontext von Schule, Lehren und Erziehung betrachte, oder mit Blick auf das Subjekt, also auf dich und mich. Wenn ich vom lernenden Menschen selbst ausgehe, lande ich bei völlig anderen Vorstellungen und Artefakten, als wenn ich das Lernen durch die Brille institutioneller Bildung sehe. Karlheinz Pape, einer der Köpfe von colearn.de, betont: „Für mich ist Lernen ein so individueller Vorgang, dass es unmöglich ist, den von außen sinnvoll zu gestalten.“ Was gäbe ich drum, wenn sich diese Erkenntnis endlich und mit aller Konsequenz in unserem Bildungssystem durchsetzen würde. Hier ein ganz wichtiges Forschungsergebnis dazu.

Eine gründliche Untersuchung dieser Unterscheidung Innen/Außen hat Klaus Holzkamp 1995 mit seinem Buch „Lernen“ vorgelegt. Er unterstreicht darin die Bedeutung des Lernens als Erweiterung subjektiver Erfahrungs- und Lebensmöglichkeiten und grenzt sie ab vom Verständnis des Lernens als eines mir von anderen auferlegten Prozesses.

Jane Hart (Quelle)

Auch die britische Bildungsforscherin Jane Hart nimmt den Begriff des Lernens quasi in Schutz, wenn sie schreibt: „It is important not to misuse the word learning. Words like training, courses, content are not synonyms of learning. Learning is not a product nor a commodity; it is an internal process, so, in other words:

You can’t design learning  – you can design training, a course, or content – but that’s not designing learning. You can’t deliver learning – you can deliver training or a course – but that’s not delivering learning. You can’t transfer learning – you can (try to) transfer knowledge – but that’s not transferring learning. You can’t manage learning – you can manage participation on a training course or access to some online content – but that’s not managing learning. The only person who manages learning is the individual him/herself.“ (Quelle)

Von der Pädagogik zur Selbstermächtigung

Mein Eindruck ist, dass die zunehmende Dynamik in Ökonomie und Gesellschaft, dass auch die „Kultur der Digitalität“ (Felix Stalder) mehr und mehr nach Individuen ruft, die in der Lage sind, sich durch Lernen die komplexen Lebens- und Arbeitswelten selbstgesteuert und selbstverantwortet zu erschließen, und dass der Anteil institutioneller Bildungsorganisation an der Gestaltung individuellen Lernens sukzessive abnehmen wird, wie z.B. Laurençon/Wagner aufzeigen. Ganz aktuell setzt sich auch Nick Shackleton Jones in Buch und Podcast mit der Frage auseinander, wie wir Lernen aus der Sicht des Individuums begreifen können und ihm entsprechende Räume zur Verfügung stellen.

Herkömmliche, institutionell organisierte Bildungsprozesse zeichnen sich dadurch aus, dass unser Lernen vollständig auf die Organisation ausgerichtet ist. Wenn Lernen jedoch aus der Pespektive eines lernenden Menschen betrachtet wird, steht nicht mehr die steuernde und kontrollierende Organisation im Zentrum, sondern der lernende Mensch selbst, der mit seinem Lernen im Sinne Holzkamps eine höhere Selbst- und Weltverfügung anzielt.

Durch diesen Paradigmenwechsel kehren wir die institutionell gegebenen Vorzeichen des Lernens um und anerkennen die Bedingungen eines Lernens, das zuerst den Lernenden selbst und dann auch der Gegenwart gerecht wird, in der wir lernen.

Schule hat dann als Institution, um die herum der Mensch sein und ihr Lernen bisher organisiert, keine Existenzberechtigung mehr. Was wir jetzt brauchen, ist und hat eine völlig andere Dimension, denn:

Edison’s electric light did not come about from the continuous improvement of the candles.

Oren Harari

Es gibt den Übergang von dem, was Schule heute ist zu einer Organisation, die unserem Lernen gerecht wird so wenig, wie den Übergang von der Kerze zum elektrischen Licht – oder um es mit Henry Ford zu sagen: „Wenn ich die Menschen gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie gesagt schnellere Pferde.“ Was wir suchen und dringend benötigen, ist keine Verlängerung von Schule in die Zukunft.

Ein wesentlicher Unterschied zum „Konzept Schule“ ist der: Mein Lernen wird nicht mehr von anderen für mich organisiert, von ihnen vorbereitet, überwacht und geprüft. Vielmehr ist selbst die Organisation des Lernens ein Teil desselben und liegt in der Verantwortung derjenigen, die sich zum Zweck des Lernens zusammentun.

Der Raum, in dem sich Lernen dann organisiert, ließe sich mit dem Begriff des Learning Lab bzw. mit dem Kürzel LearnLab umschreiben. Damit kommt der explorative, entdeckende, expeditive und experimentierende Charakter des Lernens zum Ausdruck. Der Begriff „Learning Lab“ wird bereits breit verwendet. Werfen wir einen Blick drauf.

LearnLabs als neue Organisationsform des Lernens?

Die ZHAW verwendet den Begriff, um ihr Angebot der Förderung von Unterrichtsgestaltung zu umschreiben bzw. zur Entwicklung innovativer Lehr- und Lernformen. An der Universtität Duisburg-Essen hat das Learning Lab ebenfalls Institutscharakter und versteht sich als Angebot zur Weiterentwicklung der Hochschullehre. In Hamburg werden lehrende Berufe durch ein Learning Lab bei der Entwicklung ihrer Lehre unterstützt.

Learning Labs kümmern sich also im Hochschulbereich vor allem um die Weiterentwicklung institutioneller Lehre. Sie sind somit eigentlich Teaching Labs. Es handelt sich mehr um Teachers Support als um explorative Bewegungen in Richtung neuer Formen und Wege des Lernens.

Andere Learning Labs, z.B. in Stanford verstehen sich ausdrücklich als Forschungsprojekte über das Lernen, oder sie bieten Bildungsarbeit neben bzw. außerhalb der regulären Schule an, wie hier in Los Angeles: „to disrupt the generational cycle of poverty“. Wieder andere bieten co-creative Unterstützung für innovative Learnerfahrungen an bzw. nennen ihr Online-Kursprogramm „Learning Lab“ wie z.B. GitHub.

Die bisher aufgezählten Learning Labs sind also meist im Sinne eines Angebots „für andere“ designt. Sie sind pädagogisch strukturiert und mit einem klarem Auftrag unterwegs wie z. B. auch hier in Wien. Nicht zuletzt figurieren unter diesem Begriff auch fertige Verantaltungsformate mit Kongress-Charakter für teuer Geld.

LearnLabs als selbstorganisierte Expeditionsräume des Lernens

Eine ganz anderer Ansatz von LearnLab ersetzt Programm, Beschulung, Versorgung und Vermittlung durch (Selbst-)Ermächtigung. Hierzu gehören z.B. die Schools of Trust, die Democratic Schools und die learnlife-Community, die sich dadurch auszeichnet, dass sie jungen Menschen mit jedem denkbaren schulischen Hintergrund das gestufte Neuanfangen in der eigenen, selbstbestimmten Lernwelt ermöglicht.

Ein ebenso bewunderswertes wie durchdachtes Konzept von LearnLab ist das Projekt Selbstbestimmt Studieren, das von Mitgliedern des Vereins Demokratische Stimme der Jugend entwickelt wird, und dessen Prototyp im Herbst 2019 an den Start geht.

Wann sich LearnLabs von Schulen unterscheiden

Den Begriff LearnLabs verwende ich für Communities, die den Paradigmenwechsel umsetzen, der oben beschrieben wurde, und der von learnlife in vier Schritten abgebildet wird:

Quelle: Privat zur Verfügung gestellte Folie von learnlife

Die Learnlife-Community verwendet zur Beschreibung der eigenen Funktionalität den Begriff des „Learning Eco Systems“. Sie versteht sich als ein dezentrales, lernfähiges, offenes soziotechnisches System mit den Eigenschaften der Selbstorganisation, der Skalierbarkeit und der Nachhaltigkeit (formuliert in Anlehnung an die Definition des „Digital Ecosystem“ auf wikipedia). Ein System also, in dem sich alle Akteure als lebenslange Lernerinnen und Lerner verstehen.

Ein LearnLab, wie es hier praktiziert wird, ist offen für Menschen und ihre Erfahrungen aus allen möglichen Lern- und Bildungskontexten. Wer sich dafür entscheidet, hier zu lernen, findet den Raum, die Zeit und die Möglichkeiten, seine/ihre eigene Lernbiographie zu entwickeln.

Dieser Approach an ganz neue Umgebungen und Prozesse des Lernens löst eine intensive Entwicklungs-Arbeit an der Lernkultur von Mensch und Organisation aus. Jedoch nicht im Sinne einer Voraussetzung, sondern als zentralen Bestandteil des neuen Paradigmas. Das beginnt bei der Arbeit an der eigenen Lernbiografie und setzt sich fort in die Reflexion über die Rahmenbedingungen eines „personal learning created by the learner“.

Devin Carberry

Devin Carberry von learnlife bringt es im Interview auf den Punkt: „The key question is how we are moving from a control to an empowerment paradigm? How do we empower learners rather than thinking about how to control their learning, they’re behaving, what they’re going to do with their lives? It’s all about how we empower them to take responsibility and agency over themselves.“

Wie sich ein LearnLab bildet

Ein LearnLab fällt nicht vom Himmel. Es entwickelt sich aus dem Bedürfnis heraus, mit anderen zusammen anders zu lernen. Der vielleicht wichtigste Aspekt beim Entstehen eines LearnLabs ist von Beginn an die Vernetzung:

Built, join and co-create ecosystems, a vibrant network of learning people and communities. Don’t stand alone for yourselves, but find others and share experiences, hopes and visions.

let’s do it

LearnLabs können dabei auch einen eigenen Raum innerhalb eines größeren Ganzen bilden, z. B. im Stil der „Google Garage“, einer Art Makerspace, den Google an diversen Standorten eingerichtet hat. Das sind Orte maximaler Gestaltungsfreiheit und Kreativität, an denen im dichten Austausch Lösungen für alle denkbaren Herausforderungen entstehen, wie Frederik Pferdt in brandeins berichtet. Der Makerspace ist also kein Ort, an dem Schülerinnen und Schüler dazu angehalten werden, eigene Erfindungen zu machen. Es geht vielmehr um ein „maker-oriented mindset“: Menschen, ihre Möglichkeiten und Fragen kommen zusammen und erfinden Lösungen in Form von Prozessen, Produkten und Dienstleistungen.

LearnLabs im hier angedachten Sinn unterscheiden sich von institutionellen Lern- und Bildungsangeboten durch eine Kultur der Kollaboration. Diese wird in LearnLabs nicht „gelehrt“ oder von den einen für die anderen vorgelebt, sondern schlicht und einfach von allen praktiziert. Entsprechend gibt es keine Lehrpläne oder andere inhaltlichen Vorgaben, keine zeitlich vorgegebene Taktung von Lernprozessen und kein „kontrollierendes Gegenüber“, weil es nur Beteiligte im Sinne von Teilgebenden gibt. In dieser Atmosphäre entwickeln Menschen ganz selbstverständlich kollaborative Kompetenz als die zentrale Fähigkeit in der Netzwerkgesellschaft.

Kollaborative Lerngemeinschaften werden zu den Problemlösern in einer Welt, in der Agilität, Kreativität und Innovation erforderlich sind, um zukünftige Herausforderungen zu meistern.

Janina Lin von der Otto Group (Quelle)

LearnLabs als Knotenpunkte einer Netzwerkkultur

Die stärkste kulturelle Veränderung, von der wir im Moment und in Zukunft gleichermaßen betroffen sind und profitieren, ist die Netzwerkkultur. Dahinter steckt die Idee und die Praxis vom gemeinschaftlich verantworteten Lern-Lebens-Arbeits-Raum, den Co-Learner und Co-Workerinnen explizit selbstorganisiert gestalten. Von diesem Lebensprinzip profitieren auch LearnLabs.

Solch fundamentale Veränderungen sind nicht im Alltagsbetrieb einer Bildungsinstitution möglich. Das Mindset der radikalen Innovation widerspricht den Haltungen und Tugenden eines Schulbetriebs diametral. Innovation und Alltag behindern sich in ihren Absichten und Abläufen gegenseitig.

Aus diesem Grund können Schulen jeglicher Couleur LearnLabs initiieren wie Google seine „Garage“. Räume, in denen der hier beschriebene Paradigmenwechsel praktiziert wird als Ernstfall eines alternativen Lernens. Ein Lernraum, in den jederzeit alle an diesem neuen Paradigma interessierten einsteigen können, um den Paradigmen- und Kulturwechsel am eigenen Leib zu erleben und zu reflektieren – und um die wesentlichen Unterschiede zwischen dem alten „Command-and-Control-Paradigma“ und dem alternativen „Self-Empowerment-Paradigma“ wirklich und tatsächlich machen zu können.

Hier findest du Teil 2 zum Thema LearnLab mit Ideen und Konkretionen zur Umsetzung. Trage einfach im Menu deine Email-Adresse ein, und du wirst über die Veröffentlichung neuer Blog-Beiträge automatisch informiert.

Bildung & Lernen im Digital Age. Ein Online Expert’innen-Talk

Wir schieben den Diskurs in Richtung Zukunft an und bringen dazu unser Wissen und unsere Erfahrungen zusammen. Wir nutzen dazu den Mehrwert der Gruppe – und bringen ein neues Format des Gesprächs voran: Online über geographische Grenzen hinweg.

Titelfoto: Cover des gleichnamigen Buches von Steven van Belleghem

Worum geht es? 

Vier Menschen nähern sich aus vier Richtungen dem Thema Bildung & Lernen im Zeitalter der Digitalität. Heraus kommt ein Online Expert’innen-Talk mit Luzia Anliker Kunz, Christina Tschopp, Andreas Broszio und Christoph Schmitt -> klick names for more info 🛎

Wir arbeiten alle auf unsere Weise an der Überwindung von Ängsten, Vorbehalten und Widerständen gegen die Veränderungen im Kontext der Digitalen Transformation. Wir bringen anthropologische Aspekte und Impulse aus der Lerntheorie ins Spiel, sprechen über den Beitrag der Soziokratie und des BetaKodex Netzwerks für die Gestaltung von Organisationen und diskutieren über den radikalen Paradigmenwechsel im Lernen und Arbeiten.

Warum machen wir das?

Wir schieben den Diskurs in Richtung Zukunft an und bringen dazu unser Wissen und unsere Erfahrungen zusammen. Wir nutzen dazu den Mehrwert der Gruppe – und bringen ein neues Format des Gesprächs voran: Online über geographische Grenzen hinweg.

Wo kann ich das ankucken? 

Hier.

Wer keine Vision hat, braucht einen Arzt

Ein Blick in die Geschichte zeigt (von den großen Religionsgründern der Antike, über Martin Luther King bis zum Christopher Street Day), wann Visionen tatsächlich eine nachhaltige Wirkung entfalten: wenn sie aus realem, geteiltem Leiden entstehen, aus empfundener Unerträglichkeit, nicht weil sie verschrieben werden.

Beitragsfoto: Gerd Altmann auf Pixabay

Wenn Sie Ihre Mitmenschen so richtig ärgern wollen, dann werfen Sie den Begriff „Vision“ in die Runde. Das geht auch mit „Digitalisierung“ – aber „Vision“ tut gemäß Senioritätsprinzip mehr weh. „Vision“ sagen ist wie Kaugummi zücken, wenn jemand aus dem Mund riecht: Schnelle Lösung, am Symptom orientiert. Dabei sind die meisten so genannten Visionen schlicht Beschiss. Ihre Wirkung lässt so schnell nach wie der Geschmack des Bubblegum. Der Rest ist Kauen. Warum hält sich das Visions-Gemurmel so beharrlich im Marketing-Sprech und blitzt alle Nase lang auf linkedIn & Co auf?

Weil Visionen im ersten Moment intensiv triggern können. Sie erzählen von einer schönen Zukunft. Sie entwickeln einen Sog. Sie schmecken verführerisch. Sie lenken für den Moment ab vom schnöden Status Quo. Doch es gilt auch: Je saturierter dieser Status Quo, umso genervter die Beschenkten. Sattheit ruft nach „mehr Desselben“, nicht nach Veränderung. Auch deshalb haben es echte Visionen bei uns schwer.

Wann Visionen wirken

Ein Blick in die Geschichte – von den großen Religionsgründern der Antike, über Martin Luther King bis zum Christopher Street Day – zeigt, wann Visionen eine nachhaltige Veränderung bewirken: wenn sie aus realem, geteiltem Leiden entstehen, aus empfundener Unerträglichkeit, Unterdrückung, Benachteiligung – nicht weil sie verordnet werden.

Und entgegen einer irrigen Auffassung steht am Beginn eines Visionsprozesses nicht schon die reale Veränderung realer Verhältnisse, sondern das Moment des Verbündens. Wirksame Visionen verbünden Menschen – nicht umgekehrt. Visionen entstehen fast von selbst aus einer erdrückenden Situation heraus. Deshalb: Solange der Klimawandel „irgendwo“ wütet, haben Menschen „anderswo“ keinen Visionsbedarf – und sind auch mit Schreckensszenarien nicht zu bewegen.

Eine Vision ist nicht etwas, das ich „habe“ und dann mit anderen teile. Visionen entstehen, wenn Teilen ins Spiel kommt.

Visionen entfalten eine Wirkung über den Moment hinaus dort, wo Menschen bestimmte Grundbedürfnisse teilen: nach Sinnhaftigkeit, nach Anerkennung, nach einer lebenswerten Zukunft. Und auch dann ist nicht vorhersehbar, in welche Richtung sie sich entwickeln. Visionen bündeln zwar die Kräfte zur Veränderung, aber sie können die Richtung selber nicht bestimmen. Sie erleichtern das Losgehen, garantieren aber nicht das Ankommen. Hier liegen die häufigsten Irrtümer der Marketing-Sprechblasen. Echte Visionäre wissen das, falsche womöglich auch, aber letztere verschweigen es lieber – und dann schlägt ein Visionsprozess um in Manipulation: Das Versprechen, das im Aufbruch liegt, mutiert zu Versprechungen über höchst ungewisse Zukünfte.

Die vier Eigenschaften einer Vision

Wirksame Visionen haben mindestens diese vier Eigenschaften:

  • Sie sind radikal, weil sie den Status Quo nicht mehr ertragen und deshalb ein echtes Gegenbild entwickeln. Eines das Sog entwickelt.
  • Sie sind subjektiv in dem Sinne, dass es geteilte Visionen einzelner Menschen sind: skin in the game. Ich finde mich in ihnen wieder. Wirksame Visionen sind niemals objektiv und nie „importiert“ oder verordnet. Sie gehen immer vom einzelnen Menschen aus, der und die sie mit anderen teilt. Deshalb wirken echte Visionen gemeinschaftsbildend – was die Profiteure des Status Quo nicht wollen können.
  • Sie sind drittens träumerisch, denn nur so gelingt es den Trägern einer Vision, sich definitiv vom Staus Quo zu lösen,
  • und sie sind konkret, denn nur dann entfalten sie Motivationskraft.

Denken Sie dran, wenn sie das nächste Mal den Begriff „Vision“ in den Mund nehmen. Die Geschmäcker sind ganz unterschiedlich 😉

Und wenn Sie einem guten Moderator brauchen, um eine zu entwickeln, dann geben Sie bitte Bescheid. Ich mach das.

Barcamp #initiate19

Die Konferenz der Zukunft wird nicht mehr vom Keynote-Speaker geprägt und  nicht von Panels, auf denen sich Expert’Innen vor Publikum im Saal unterhalten. Im Digitalen Zeitalter werden solche Auftritte ins Netz verlegt und können dort von jeder jederzeit auf jede erdenkliche Weise genutzt werden. Die so wertvolle menschliche Präsenz, das Zusammenkommen von Menschen zu Anliegen und Themen gestaltet sich in Zukunft radikal anders. Wie genau und wie vielfältig: darum geht es auf dem Barcamp #initiate19 am 7. Juni in Zürich.

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Unser Medienpartner

Mittlerweile haben sich fast 70 Personen aus dem ganzen deutschsprachigen Raum angemeldet – wir sind ganz aus dem Häuschen! Mehr Partizipation in Meetings, Trainings und Konferenzen sollen nicht nur Inhalt des barcamps sein, sondern auch Methode. Alle Teilnehmenden haben die Möglichkeit, eigene Erfahrungen mit partizipativen Formaten zu teilen, Fragen zu stellen oder neue Methoden miteinander auszuprobieren.

Als vor wenigen Monaten die Idee zu einem solchen Barcamp entstand, gab es lediglich die überall spürbare Unzufriedenheit mit der bestehenden Konferenz-Kultur und einen diffusen Bedarf, einen Wunsch nach „bitte anders!“ Seither verbreiten und vernetzen wir diese Idee im Internet, sind auf der Suche nach Sponsorinnen und Sponsoren, die uns finanziell unterstützen, und haben einen Workspace auf Slack eingerichtet. Alle Teilnehmerinnen sind eingeladen worden, dort mitzumachen, sich schon mal persönlich vorzustellen und die eigene Fragestellung zu konkretisieren. Hier wird zum ersten Mal sichtbar, wieviel geballte Kompetenz und Erfahrung am barcamp teilnehmen wird. Die Chance auf einen echten kollaborativen Mehrtwert ist also real. Wir wollen sie nutzen.

Unser Dank gilt an dieser Stelle der Obersee Bilingual School in Pfäffikon und der Bold Brains AG, die uns durch Sponsoring großartig unterstützen. Beide Unternehmen sind seit vielen Jahren erfolgreich engagiert in der konkreten Weiterentwicklung von Bildung und Schule.

Wir freuen uns nach wir vor sehr über jede weitere Spende – und selbstverständlich sind auch jetzt noch Anmeldungen möglich. wir freuen uns über jede und jeden, der und die den Diskurs mitgerstalten, differenzieren und vernetzen möchte.

Tickets gibt es hier bei eventbrite.

Die 3 Ansprüche der Millennial Generation an den Arbeitgeber

In diesem Gastbeitrag blickt Diego Beck kritisch auf die aktuell noch vorherrschenden Denkweisen und Anstellungsbedingungen bei Gross- und Kleinunternehmen. Er nimmt bewusst den Blickwinkel der Millennial Generation ein und zeigt auf, was Unternehmen zwingend ändern müssen, um langfristig den eigenen Personalbestand mit sogenannten «jungen Talenten» zu sichern. Es gilt als attraktiver Arbeitgeber gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen, den Menschen wieder ins Zentrum zu stellen und obsolete Business-Modelle durch Innovation abzulösen.

Meiner Ansicht nach haben sich Unternehmen zu lange der gezielten Rekrutierung und Förderung junger Mitarbeiter entzogen. Mitarbeiter sind in den Augen von Unternehmen nur ein Mittel zum Zweck, und das Arbeitsklima sowie junge Talente werden nur mit dem nötigen Minimum gefördert. Das Aufzeigen von Chancengleichheit und klar definierten Entwicklungsmöglichkeiten mit regelmässigem und konstruktivem Feedback kommt einer Utopie gleich. Und falls doch mal ein Versuch gewagt wird, sind die verantwortlichen Manager und Teamleiter entweder überfordert, oder das gemeinsame Verständnis für konstruktive Personalführung driftet komplett auseinander.

Ich stelle mir also vermehrt die Frage, ob heutige Führungskräfte sich der personellen Verantwortung nicht bewusst sein wollen, oder ob sie es ganz einfach nicht können. Ich glaube es ist eine Mischung aus beidem. Ja, unsere Generation (Millennials / Generation Y) hat im Vergleich zu früheren Generationen (Baby Boomers / Generation X) andere Wertvorstellungen und eine andere Erwartungshaltung was einen potenziellen Arbeitgeber betrifft. Doch statt sich über die Eigenheiten und Ansprüche unserer Generation zu beklagen, sollten die heutigen Manager und Teamleiter sich lieber mit der Veränderung auseinandersetzen, Massnahmen einleiten und sich als Unternehmen attraktiver gegenüber den Millennials auf dem Arbeitsmarkt positionieren.

Warum Millennials ein Umdenken einfordern

Die Millennial Generation, Geburtsjahrgänge zwischen 1983 und 1994, werden innerhalb der nächsten 10 Jahren 75% der Arbeitskräfte ausmachen. Es besteht also eine gewisse „Dringlichkeit“. Und mit diesem Generationenwechsel werden sich wie bereits angedeutet die Wertvorstellungen und Erwartungshaltungen gegenüber potenziellen Arbeitgebern drastisch ändern. Doch was heisst das genau?

Die Millennial Generation empfindet im Vergleich zu früheren Generationen ein viel grösseres Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Gesellschaft und setzt sich für nachhaltiges bzw. langfristiges unternehmerisches Handeln ein. Zudem ist das Thema Chancengleichheit und Verdienst in Bezug auf das Geschlecht unumgänglich. Mehr dazu hier. Es ist für die Millennial Generation somit bei der Auswahl des Arbeitgebers essenziell, was die wahren Werte einer Unternehmung sind und vor allem, wie diese Werte auch im realen Unternehmensalltag gelebt und gefördert werden. Wie sich ein Unternehmen vordergründig in der Presse darstellt hat keine Bedeutung mehr. Gemäss der „Deloitte Millennial Survey 2018“ bemängelten 75% der befragten Millennials, dass sich heutige Unternehmen nach wie vor nur auf den eigenen Vorteil konzentrieren. Gesellschaftliches Engagement und die eigenen Mitarbeiter, egal ob Mann oder Frau, als wertvolles Gut und eine Investition zu betrachten sind nach wie vor fehl am Platz. Man merkt also, dass unsere Generation bestehende Strukturen hinterfragt und vor einer Bewerbung auch gerne mal einen Blick hinter die Kulissen einer Unternehmung wirft. Und wer jetzt vielleicht denkt, dass das doch gar nicht möglich ist, kann sich gerne mal auf www.kununu.ch oder www.glassdoor.ch umschauen. Dort findet man so ziemlich alle Informationen über ein Unternehmen, die man für eine Bewerbung vorab braucht. Und wenn uns nicht gefällt was wir sehen, gehen wir zu einem anderen Unternehmen. Ganz einfach.

Was Unternehmen für junge Talente tun müssen

Meiner Meinung nach gibt es drei Punkte, die heutige Unternehmen bei der gezielten Rekrutierung und Förderung junger Mitarbeiter der Millennial Generation berücksichtigen und nach aussen kommunizieren müssen. Nur so kann der zukünftige Personalbestand einer Unternehmung gesichert werden.

  1. Als Unternehmen einen positiven Einfluss auf die Gesellschaft haben

Wie bereits angesprochen legen wir einen grossen Wert auf gesellschaftliches Engagement. Das heisst, dass die eigene Gier eines Unternehmens zurückgestellt und der Gemeinschaft etwas zurückgegeben werden muss. Ob der Profiteur die lokale Gemeinde, die ganze Stadt oder auch ein Dorf auf einem anderen Kontinent ist, spielt für uns keine Rolle. Es geht uns darum, dass heutige Unternehmen wieder den Menschen ins Zentrum stellen (People First) und dass bewusst ein gesellschaftlicher Beitrag geleistet wird. Denn egal in welcher Branche ein Unternehmen tätig ist, schlussendlich sind immer die Menschen selber die Endkunden – direkt oder indirekt. Warum also an seinem eigenen Ast sägen?

  1. Innovative Ideen, Produkte und Dienstleistungen zum Vorteil der eigenen Kunden anbieten

Wir Millennials wollen genau wie jede vorherige Generation etwas bewegen. Wir wollen die Welt zu einem besseren Ort machen und unseren Beitrag dazu leisten – egal ob gross oder klein. Und genau hier haben veraltete und den Kunden übervorteilende Business Modelle nichts mehr verloren. Aktuell müssen sich die Banken und die gesamte Auto-Branche komplett neu erfinden, um langfristig die eigene Existenz sichern zu können. Zu lange hat man sich auf Altbewährtes verlassen und den Status quo zum eigenen Vorteil ausgenutzt. Der Wille sich zum Wohle der eigenen Kunden neu zu erfinden muss von heutigen Unternehmen konstant nach aussen kommuniziert und intern gelebt werden. Wir Millennials wollen hören und sehen, wie ein Unternehmen den Alltag der eigenen Kunden durch innovative Ideen, Produkte und Dienstleistungen erleichtert. Nicht mehr und nicht weniger. Das macht ein Unternehmen zu einem attraktiven Arbeitgeber.

  1. Weiterentwicklung der eigenen Angestellten fördern

Von früheren Generationen hört man immer wieder, dass man auf die eigene Karriere keinen wirklichen Einfluss hat und sich somit einfach mehr oder weniger ins Ungewisse treiben lassen soll. Darauf haben wir keinen Bock mehr. Wir fordern klare Perspektiven, damit wir uns engagieren, uns weiterentwickeln und unseren Beitrag zum Wohle der Unternehmung (und der Gesellschaft) leisten können. Besonders am Anfang einer Karriere sind Sorgen und Ängste bei jungen Talenten vorhanden. Und da müssen Unternehmen vermehrt anfangen Stellung zu beziehen und gemeinsam mit ihnen den Weg beschreiten. Ja, es ist zeitintensiv und nein, mit einem jährlichen halbstündigen Mitarbeitergespräch ist es nicht getan. Karriereentwicklung erfordert kontinuierliches und konstruktives Feedback. Es lohnt sich. Wenn ein Unternehmen sich für die Weiterentwicklung der eigenen Angestellten einsetzt und uns statt eines befristeten Arbeitsvertrags eine Perspektive aufzeigt, dann sind wir gewillt vollen Einsatz zu geben und danken es mit Loyalität.

Über Diego Beck

Bildschirmfoto 2019-05-02 um 16.22.26Diego Beck ist ein Digital Marketing Manager und Webprojektleiter mit einer starken Affinität zur Technologie und Leidenschaft für das Thema Millennials am Arbeitsplatz. Als Vertreter dieser Generation ist es sein Ziel, das gegenseitige Verständnis zwischen Unternehmen und Millennials zu stärken, um die Zusammenarbeit und Effizienz innerhalb einer Unternehmung zu steigern.

Weitere Blogartikel von Diego Beck.

Quelle Titelbild

 

Please: Let me learn. Thank you

What if „self-directed and self-organised learning“ was not a skill, but a fundamental quality of learning? What if learning itself was self-determined and self-organised? What if these two attributes were to characterise learning? If learning were self-organization and self-determination, no matter what education and pedagogy do and do not do? So if these were qualities that would not somehow be added to learning, but would always be characteristics of learning? Then what sense would it make to speak of self-organized and self-directed learning as a skill that a person develops under certain circumstances and not or only badly under others?

None.

What if a pattern of behaviour which at first glance appears to be a refusal to learn or a „delay“ in learning were nothing more than a function of self-organising and self-determining learning in this situation? What if learning itself, where it would be strongly restricted to formalised learning processes, would not and never lose this quality – but would, for example, autonomously and self-organised look for escape routes that the educational system interprets as deficient?

Watch your step.

The assumption that self-directed and self-organised learning is a skill would then declare what is a precondition for developing skills declare as a consequence of that development. And on the basis of this switching of precondition and consequence, THEN the conclusion would make sense that we can or have to develop self-directed and self-organized learning, because THEN learning is not (any longer) the precondition for the development and unfolding of any abilities, but the consequence of a development, which we NOW must of course promote. And so we would need pedagogy and didactics.

Notice anything?

On this point learning is like breathing which is also not an ability but a quality of living beings. A property: They breathe. And whatever is in the air, how clean or contaminated it may be, how „right“ or „wrong“ one breathes, or how strongly this function may be restricted: as long as the human being lives, he and she breathe. Breathing is not an ability that I develop. It is always a given precondition. To speak of self-determined and self-organized breathing would be senseless speech, because there is no opposite.

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The lazy bastards. (Photo: Christoph Schmitt)

I can „use“ breathing one way or the other. But never stop it. It always organizes itself – despite all creative interventions. This also applies to learning. Both are a precondition for everything else. Learning does not only become more or less self-organized and self-directed learning through its pedagogically supported or handicapped use, because it is that at all times.

But does the metaphor of breathing really fit in here? After all, there is also „mechanical respiration“ in cases where someone can no longer breathe by himself. But then we’re dangerously ill. It is cynical to compare this with the pedagogically constructed „retarded learner“, because what school actually does is this: They systematically prevent learning people – here again speaking metaphorically – from using their lungs freely. Instruction respirates healthy people year after year using mechanical respiration (which is called „didactics“). And then, after years of treatment, teachers find that very few learners have the ability to breathe in a self-directed and self-organised way. Except for one or two particularly „gifted breathers“ 😦

Remember something?

The assumption that there are two fundamentally different ways of learning: here the self-directed, there the externally directed, is wrong because learning is not externally determinable. We’re all autodidacts. Always. Whatever we do to a learning person, refuse to do or „make possible“: his and her learning is and remains self-organized and self-directed. It makes no sense to speak of externally determined learning, as little as it makes sense to speak of externally determined breathing. The fact that the frightening majority of people (including teachers) have great problems with self-determined learning is not due to a lack of ability. Rather, the moment when you are supposed to breathe without a tube for the first time in your life is filled with fear – and often painful.

When we speak of learning, we speak of a self-organized and self-directed process. Living systems always learn self-determined and self-organized – completely independent of how strongly external manipulations affect humans, i.e. also „with a tube in the throat“: Learning is and remains self-organized and self-determined.

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All the Bastards ever want is to shoot and play. (Photo: Christoph Schmitt)

This is where pedagogy meets its limits. It was invented for the purpose of developing certain skills (and preventing others from developing). A popular narrative in pedagogy is that there are „predispositions“ and „potentials“ that are only developed and unfolded through pedagogical intervention. It thus assumes that young people do not yet have something, that they do not (yet) have certain abilities, and that these are then developed by the support of sophisticated pedagogical interventions – and that they develop in any case better and more purposefully than without these interventions – or even self-determined.

And it is this conviction that pedagogy naturally applies to learning itself, ignoring the fact that learning is a precondition that cannot be controlled.

Bad thing.

The common problems, differences, half-truths and conflicts occurring in the context of self-organised and self-determined learning arise because we assume that it is a skill to be developed. This false assumption underlies our pedagogical thinking. Only when I have understood, as a human being as well as a system, that learning is a fundamentally self-directed and self-organized phenomenon, when I have understood that this is a quality of human existence, a property of human life like breathing, only then will I stop doctoring and didacticizing learning people „so that they learn self-organized and self-determined learning“.

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They always leave their trash out there. Bastards. (Photo: Christoph Schmitt)

So how do we liberate learning from „pedagogic island“? Long time ago we’ve surrendered our most important property to the pedagogic mindset & system. Whenever something occurs that looks/sounds/feels like learning, we immediately hand it to educators and teachers, because we are used to think that it’s their business and that they are responsible for everything regarding the „learning thing“. And this is wrong. We have to change that now. By bringing the purpose of learning back to the surface.

Bildschirmfoto 2018-12-26 um 16.17.42Jane Hart regularly points out innovative concepts, clarifying approaches and new ways in this understanding of learning – I have benefited from her surveys, analyses and interpretations for a long time. Therefore, I would like to close with an excerpt from her current book:

It „is important not to misuse the word ‚learning‘. Words like ‚training‘, ‚courses‘, ‚content‘ are not synonyms of ‚learning‘. ‚Learning‘ is not a product nor a commodity; it is an internal process, so, in other words:
* You can’t design learning  – you can design training, a course, or content – but that’s not designing learning
* You can’t deliver learning – you can deliver training or a course – but that’s not delivering learning
* You can’t transfer learning – you can (try to) transfer knowledge – but that’s not transferring learning
* You can’t manage learning – you can manage participation on a training course or access to some online content – but that’s not managing learning.

The only person who manages learning is the individual him/herself.“

Studie zeigt: Bei der Digitalisierung der Weiterbildung nach wie vor Fehlanzeige

Der Schweizerische Verband für Weiterbildung (SVEB) hat mit der PH Zürich zusammen im Herbst 2018 Inhaberinnen und Inhaber des eidg. Fachausweises Ausbilder/in zur Nutzung Digitaler Technologien befragt. Die lesenswerte Studie kann hier geladen werden. Ihre Ergebnisse zeigen: Digitale Transformation findet nach wie vor woanders statt.

(Titelbild: wikipedia)

41 % der Befragten setzen ihren Schwerpunkt in der Weiterbildungspraxis auf technologiefreien Präsenzunterricht, 46 % auf digital begleiteten Präsenzunterricht, wobei hier nach Aussage der Autoren „ausser Lernplattformen, Sozialen Medien und Web bzw. Computer Based Training (…) kaum Technologien genutzt werden“. (S. 7)

Bildschirmfoto 2019-04-27 um 15.53.53
Quelle: Digitalisierung in der Weiterbildung: Die Sicht der Ausbildenden

Die Studie zeigt auch, wie wenig sich das traditionelle Mindset von Erwachsenenbildung mit den kulturellen Veränderungen auseinander setzt, die mit der Digitalisierung für Bildung und Lernen einhergehen. Das wird z.B. deutlich, wenn die Ausbilder‘innen befragt werden, welche Kompetenzen ihrer Meinung nach für ihre Arbeit nötig sind (die Grafik dazu auf S. 11). Weniger nötig bis nicht relevant sind nach Überzeugung der Befragten:

  • Kenntnisse über neue Entwicklungen (VR, Crowdsourcing etc.): 46 %
  • Programmierkenntnisse: 78 %
  • Entwicklung von Online Angeboten: 61 %
  • Soziale Medien: 44 %
  • Umgang mit „BYOD“: 50 %
  • Erstellen von Videos: 49 %
  • Entwicklung und Nutzung von OER: 49 %

Diese Zahlen zeigen meiner Ansicht nach einen großen Aufholbedarf an Bewusstseinsbildung im Kontext der zertifizierten Erwachsenenbildung. Denn hinter diesen Faktoren verbergen sich ja zentrale Zukunftsthemen von Bildung im Digitalen Zeitalter, die um Empowerment, Selbststeuerung, Ownership, Open Source, Kollaboration, Bildungsnomadentum und User Experience (UX) kreisen. Hingegen fokussieren Ausbilder‘innen bis heute offenbar vor allem das klassische Mindset von „Lehre und Vermittlung“, innerhalb dessen Digitalisierung lediglich als methodisches Hilfsmittel figuriert, wie auch der folgende Befund nahelegt.

Selbst wer sich selber für digital fit hält, unterrichtet mehreitlich lieber ohne digitale Technologie

Bei den Befragten, die von sich selber sagen: „Ich besitze die Kompetenzen, um digitale Technologien systematisch zu nutzen“, liegt der Anteil derer, die (dennoch) selten auf Digitales im Unterricht setzen, durchgehend über 50 %. „Die Gründe für den seltenen Einsatz digitaler Technologien sind also nicht allein bei den fehlenden Kompetenzen zu suchen. Es ist anzunehmen, dass dahinter zumindest teilweise bewusste didaktische Entscheidungen stehen“ (S. 9) – oder aber, sit venia verbo, ein Mindset, das Digitalisierung auf technische Mittel und Methoden reduziert, um den Hegemonieanspruch der Alten Schule aus der Gefahrenzone heraus zu halten.

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Quelle: Digitalisierung in der Weiterbildung: Die Sicht der Ausbildenden

Dringender Handlungsbedarf in Sachen Digitaler Kompetenz

Diese Bestandsaufnahme ist aus Kundensicht besorgniserregend, weil der Markt der Erwachsenen- und Weiterbildung ja über den Fachausweis als eidgenössisch anerkanntem Berufszugang reguliert wird.  Allein deshalb ist es hoch problematisch,  wenn die Ausbildung diesen Markt weiterhin – via Zertifizierung – mit Ausbilder‘innen flutet, die sich ausgerechnet in dem Bereich unzureichend befähigen, der den umfassenden Kulturwandel unseres Lebens antreibt, bestimmt und gestaltet. Auch die Ausbildenden selbst schätzen ihre „eigene Vorbereitung auf die Digitalisierung durch Aus- und Weiterbildungen … eher mittelmässig oder schlecht ein: 19 % sehen sich gut oder gar sehr gut vorbereitet. 37 % bezeichnen die eigene Vorbereitung als mittelmässig und weitere 44 % als ungenügend oder nicht vorhanden“. (S. 8)

Digitale Technologie weiterhin nicht im Fokus

Die AutorInnen fassen zusammen: „Einerseits zeigt sich, dass erworbene digitale Kompetenzen in einem Zusammenhang mit deren Einsatz in Lehrveranstaltungen stehen. Aber ein Umkehrschluss gilt nicht: Der Verzicht auf digitale Lehrmethoden kann nicht alleine mit fehlenden Kompetenzen in Zusammenhang gebracht werden. Gleiches gilt für den Stellenwert, welcher der Digitalisierung zugeschrieben wird, und die Nutzenerwartungen an digitale Unterrichtsmethoden: Wenn diese hoch sind, geht damit oft auch ein häufiger Einsatz einher. Gleichzeitig gibt es aber auch eine Vielzahl Ausbildender, die beides als hoch betrachten, aber auf den Einsatz digitaler Technologien im Unterricht dennoch verzichten. Hierzu ist festzuhalten, dass ein stärkerer Einsatz von digitalen Methoden nicht per se ein Ziel für Ausbildende ist. Nicht zuletzt der starke Fokus auf Präsenzunterricht zeigt, dass Digitales oft eher als Ergänzung eingesetzt wird.“ (S. 10)

Das Konzept „Unterricht“ radikal überdenken

Für mich wird das Grundproblem nicht erst auf der Ebene von Didaktik und Methodik sichtbar. Es zeigt sich bereits dort, wo das Studiendesign in der Formulierung seiner Fragen ganz selbstverständlich davon ausgeht, dass Prozesse der Erwachsenenbildung heute und in Zukunft im Format des Unterricht[en]s stattfinden werden, denn nur auf dieses Format und sein Mindset hin wurde befragt. Dadurch suggeriert die Studie, dass Digitalisierung den „Unterricht“ zwar in irgendeiner, noch nicht so recht absehbaren Weise verändert, nicht aber lässt sie den Gedanken zu, dass das Konzept selbst im Rahmen der Digitalisierung durch andere Konzepte abgelöst werden könnte. Genau hier liegt aber die Herausforderung für Bildung.

Der nächste Schritt:  Weiterbildung an die Entwicklungen von Mensch und Gesellschaft anpassen

Diese Beobachtungen zeigen, wie tiefgreifend die Problematik im Bildungswesen wirklich ist, weil die Anbieter von Erwachsenen- und Weiterbildung und weil die Ausbilder der Ausbilder das kulturelle Mega-Phänomen der Digitalisierung lediglich durch eine (zudem veraltete) didaktisch-methodische Brille betrachten, statt diesen Rahmen zu verlassen und zu fragen, welchem Wandel unsere Lern-, Arbeits- und Lebenskulturen aufgrund der längst vollzogenen Digitalisierung eigentlich unterworfen sind – und wie Bildung und Lernen darauf zu antworten haben. Die Unfähigkeit des Bildungssystems, die Ebenen der Technologie in größere Zusammenhänge einordnen zu können (und zu wollen), ist wohl die eigentliche Herausforderung. Die Frage ist nur für wen, denn die Kundinnen und Kunden haben schlicht keine Zeit mehr, um auf den längst fälligen Turnaround im Bildungssystem zu warten.

Ein Blick über den Horizont: In welche Richtung wir uns bewegen

In einem spannenden Podcast betont Andreas Schleicher, Leiter des Direktorats für Bildung bei der OECD, dass es bei der Digitalisierung vor allem um kognitive Fähigkeiten gehe, und führt als Beispiel die Lesekompetenz an: „Im Print-Zeitalter ging es darum, aus Büchern Informationen zu extrahieren, in Lexika nachzuschlagen im Vertrauen, dass die Antwort richtig ist. Heute schau ich bei Google nach. Ich bekomme 100 000 Antworten auf meine Frage. Ich muss jetzt selber Informationen miteinander verknüpfen, neues Wissen konstruieren. Diese Konstrukte haben sich verändert. Das ist digitale Kompetenz. Auch bei der Arbeit im Team. Früher konnte ich auf Insel-Lösungen setzen, heute geht es darum, Wissen zu vernetzen, Disziplinen übergreifend zu denken. Das hat mit der Fähigkeit zu tun, die künstliche Intelligenz durch menschliche Fähigkeiten zu ergänzen.“

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Auf einer nächsten Stufe spricht Schleicher eine zentrale Chancen der Digitalisierung für das Lernen an: „Warum soll ich als Schüler von einer Lehrkraft lernen, die gerade zufällig vor mir steht, wenn ich gleichzeitig von einer Lehrkraft lernen könnte, die genau auf meinen persönlichen Lernstil zugeschnitten ist? Das ist die Digitalisierung. Sie schafft uns den Zugang zum Wissen der Welt. Verschiedene Menschen lernen unterschiedlich. Das ist in einem traditionellen Lernumfeld sehr schwer umzusetzen. Individuelle Lernförderung heißt dann ‚Klassengröße 1‘.“

Es ist höchste Zeit, dass das Bildungssystem selbst anfängt zu lernen. Und zwar von Grund auf neu.

„Nicht so limitiert sein im Kopf“

So lautet ein Fazit des Start Up Gründers Nils Reichardt, den Rona van der Zander in ihrem Podcast interviewt hat zu seinen Erfahrungen an den Schnittstellen von Schule und allem, was es sonst noch gibt im Leben. Im Gespräch kommt zum Ausdruck, warum es da einen krassen Unterschied gibt – und was es statt Schule eigentlich braucht, um zukunftsfähig zu werden als junger Mensch. Selten habe ich eine so klare Analyse gehört, wie hier von einem Vertreter jener Generation, die für die Zukunft steht. Hellwach, unaufgeregt, kompetent.

Nils ist 17 Jahre alt und erfolgreicher Gründer. Bei „Start Up Teens“ haben er und sein Team mit der Schulapp „Sharezone“ gewonnen – die App ist seit kurzem in der Open-Beta mit bereits +1.200 registrierten Nutzern. Im Podcast geht es um die Frage, vor welchen Herausforderungen junge Gründer stehen und woher sie sich die erforderlichen Fähigkeiten für ihr Start Up geholt haben.

Wir haben ein Problem. Wir lösen es.

Alles beginnt damit, dass ein paar Leute vor einem Problem stehen, das sie nervt, und sie tun alles, um möglichst rasch für dieses konkrete Problem eine Lösung zu finden. Ich würde meinen, das ist „Entrepreneurship from scatch“.

Zu diesem Zweck bringen sie sich jetzt all das bei, was sie brauchen – und zwar selber und in Windeseile. Erwähnenswert: außerhalb der Schule, und also für viele noch immer „in Konkurrenz“ zu dem, was in diesem Alter für sie wichtig sein sollte („Mach einen guten Abschluss, Kind!“). Dieses Argument hören wir ja seit den FridaysForFuture wieder alle Nase lang.

Die Gründer sehen sich also damit konfrontiert,  dass sie auch Lösungen für jene Probleme entwickeln müssen, die bei der Lösung des Problems erst auftauchen: Konfligierende Zeitbudgets und unterschiedlichen Systeme unter einen Hut zu bringen, die so gut wie nichts gemeinsam haben: Hier das Mindset Schule, dort die Dynamik der Start Up Welt. Konkret erläutert Reichardt diese Herausforderung am Beispiel des Datenschutzes – der ist ja bekanntlich die Innovations-Guillotine des gesamten Bildungssystems.

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Wie unterstützt Schule bei so einem Projekt?

Unterstützung kommt offenbar nicht so sehr von der Schule als aus der start-up-Ecke – und auch nur dann, wenn sich die Initianten konsequent selber darum bemühen, und zwar in ihrer „Freizeit“ – obwohl sie ein Berufskolleg besuchen mit dem Schwerpunkt Mathematik und Informatik. Nach Aussage von Nils Reichardt bestand die Unterstützung des Lehrkörpers vor allem darin, sie auf die Probleme hinzuweisen, die mit einer solchen App aus Sicht der Lehrerschaft verbunden sind. Was tun die Gründer? Sie bauen diese Informationen geschickt in ihr Projekt ein, indem sie aus ihren Lehrern kurzerhand Kunden machen, die sie in den Entwicklungsprozess einbeziehen – wie im richtigen Start Up Leben auch.

Was lernt ihr eigentlich bei so einem Projekt?

Die Aufzählung klingt vielfältig und so gar nicht einseitig: Ideen präsentieren können, netzwerken, sich auf entsprechenden Events umsehen und umhören, sprich: sich informieren, mit Experten ins Gespräch kommen, Projekte planen, Programmieren, sich Wissen im Internet besorgen, online-Kurse belegen. Nils Reichardt empfiehlt hierzu ganz konkret das Angebot des Hasso Plattner Insituts und das von udemy.

Diese vom Fachjargon zu den „Kernkompetenzen des 21. Jahrhunderts“ gezählten Fähigkeiten bringen sie sich also nicht nur außerhalb der Schule in ihrer „Freizeit“ selber bei. Sie lernen es nach eigenen Aussagen auch viel schneller als im regulären Schulbetrieb, weil sie es unmittelbar und konkret anwenden können und deshalb auch (oder erst) einen Sinn hinter dem sehen, was sie lernen müssen, um so ein Projekt erfolgreich zu machen. In der Schule hingegen sei „sehr oft nicht klar, warum man Sachen lernt“, so Reichardt im Gespräch.

Aber Schule macht doch auch Gruppenarbeiten?

Auch hier winkt Reichardt ab: Die Art von Gruppenarbeiten in der Schule hätten nichts mit dem zu tun, was du in einer Gruppe tust, wenn du ein solches Projekt durchziehen willst. Das sei etwas komplett anderes – und auf einer ganz anderen Ebene.
Wichtig für das reale Projekt sei, dass man professionell kommunizieren kann, z.B. im Bildschirmfoto 2019-04-24 um 14.42.29Kontext der Aufgabenverteilung: dass der andere genau weiß, was gemeint ist – und das hat bei uns „in der Schule nicht so sehr eine Bedeutung“. Dort hätten Gruppenarbeiten eher eine Alibi-Funktion, und du wirst vom Lehrer in eine Gruppe gesteckt, „damit du jetzt halt mal Gruppenarbeit machst“. Wenn ich hingegen erfolgreich ein Produkt entwickeln und zur Marktreife bringen will, komme es vor allem darauf an, sich in den Kompetenzen gegenseitig zu ergänzen und auf diesen Kompetenzen aufzubauen. So komme man auch viel schneller voran.

Statt eine Traumschule zu entwickeln ist lebenslang lernen angesagt

Von Rona befragt, wie für ihn eine ideale Schule aussehen würde, antwortet Reichardt: Viel wichtiger sei – noch vor der Frage, wie sich Schulen und Hochschulen verändern müssten, dass der Mensch sich und seine Denkweise verändert und erkennt, dass das lebenslange Lernen entscheidend ist. Gerade jetzt, wo sich alles exponenziell entwickelt. Es komme jetzt und in Zukunft darauf an, extrem viel in kurzer Zeit zu lernen. Gemeint ist damit aber offenbar nicht der Bulimie-Modus, in dem das gymnasiale Bildungssystem bis heute funktioniert. Vielmehr geht Reichardt davon aus, dass die Entwicklungen der realen Welt eine hohe Agilität und Anpassungsfähigkeit von uns verlangen – also nicht die Fähigkeit, in kurzer Zeit viel Wissen runter zu würgen, um es bei Tests unverdaut wieder auszukotzen (wie ich das formuliere). Für Reichardt haben viele noch immer das falsche Mindset im Kopf: „Ohje, ich muss schon wieder was Neues lernen.“, statt: „Oh cool, ich kann wieder was Neues lernen.“

„Nicht so limitiert sein im Kopf“

So lautet Reichardts Appell. Auch mal nach links und rechts schauen, kucken, was bei anderen los ist. Als Lehrer nicht einfach straight den eigenen Unterricht durchziehen für die nächsten 20 Jahre – was ja auf alle anderen Bereiche/Berufe übertragen werden könne.

Es klingt einfach. Und doch scheint es zum Schwersten überhaupt zu gehören, die Limits im eigenen Kopf hinter sich zu lassen. Diese Mantras, mit denen Schule ihren Kopf aus der Schlinge zieht. Die Refrains, die wir zur Genüge kennen: „Wir müssen alle mitnehmen.“, oder: „Das hier sind die großen Ausnahmen.“ Umso mehr war ich froh, in einem Gespräch mit Rona van der Zander und Aileen Moeck wieder einmal zu hören, dass es eigentlich nicht die Schüler’innen sind, an denen Projekte scheitern, und auch nicht die Schüler’innen, die an Projekten scheitern. Sehr viele junge Menschen scheitern an den Vorstellungen derer, die ihnen etwas zutrauen – und viel zu oft eben nichts. Es fällt noch immer sehr vielen Lehrenden und Erziehenden ungemein schwer zu akzeptieren, dass die krasse Mehrheit junger Menschen ihnen in ganz Vielem voraus ist. Vielleicht wird nur schon diese Möglichkeit als Kränkung der eigenen beruflichen oder elterlichen Identität erlebt. Hören Sie rein in das Interview, es lohnt sich:

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Es gibt keine richtige Berufswahl mehr, sondern nur ein richtiges Mindset. Also bilden wir es!

In einem Gastbeitrag für die Wirtschaftswoche beschreibt Sebastian Dettmers das Mindset und die Fähigkeiten, mit denen junge Menschen zukunftsfähig werden. Er adressiert aus guten Gründen nicht das Bildungssystem, sondern direkt die jungen Leute. Ein genialer Schachzug. Wie wir junge Menschen dabei unterstützen? Wir machen Kräfte und Ressourcen frei, um endlich entsprechende Lern- und Erfahrungsräume zu vermehren: Colearing-Spaces und Learning Communities, die dicht vernetzt sind mit der Kultur des neuen Arbeitens rund um den Globus.

In einem Gastbeitrag für die Wirtschaftswoche beschreibt Sebastian Dettmers das Mindset und die Fähigkeiten, mit denen junge Menschen zukunftsfähig werden. Er adressiert aus guten Gründen nicht das Bildungssystem, sondern direkt die jungen Leute. Ein genialer Schachzug. Wie wir junge Menschen dabei unterstützen? Wir machen Kräfte und Ressourcen frei, um endlich entsprechende Lern- und Erfahrungsräume zu vermehren: Colearing-Spaces und Learning Communities, die dicht vernetzt sind mit der Kultur des neuen Arbeitens rund um den Globus.

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Foto: Gerd Altmann • Freiburg/Deutschland via pixabay

Statt in den Refrain einzustimmen, wie sicherheitsbedürftig und schülerhaft die junge Generation doch sei, fordert Dettmers den jungen Menschen zu einem Shift seines/ihres Mindsets auf: Glaube nicht mehr jenen Leuten, die dir erzählen, dass du mit denselben Tugenden erfolgreich und glücklich durchs Leben kommst, wie anno dazumal. Dieser Einladung zum Kurswechsel kommt entgegen, was das WEF bereits klar umrissen hat: Der Bedarf an jenen Skills und Aufgaben, auf die wir Alten die nachfolgende Generation nach wie vor trimmen, nimmt konsequent ab:

  • Manuelle Geschicklichkeit, Ausdauer, Präzision.
  • Gedächtnis, verbale, visuelle, auditive und räumliche Fähigkeiten.
  • Lesen, Schreiben, Rechnen und aktives Zuhören.
  • Verwaltung der finanziellen und materiellen Ressourcen.
  • Installation und Wartung von Technologie.
  • Personalmanagement.
  • Qualitätskontrolle und Sicherheitsbewusstsein.
  • Koordination und Zeitmanagement.
  • Technologieeinsatz, -überwachung und -steuerung.

Bildschirmfoto 2019-04-13 um 13.03.04 KopieLeuten mit der alten Brille auf der Nase fällt dazu – neben einem gerüttelt Maß an Empörung über den Untergang des Abendlandes – wenig anderes ein als der Satz „Diese jungen Leute können ja heute nicht mal …“ – an dessen Ende sie dann jene Fähigkeiten aufzählen, für die sie in ihrer eigenen Ausbildung jahrelang gepiesackt wurden, respektive für die sie das alte System belohnt hat. Deshalb können sie gar nicht sehen, dass es heute und morgen um völlig andere Kompetenzen geht. Die bringt jetzt Dettmers ins Spiel.

Die neuen Skills und Haltungen

  • Lernt, Probleme zu lösen und mit Veränderungen umzugehen.
  • Bleibt offen für neue Wege, seid kreativ und kommunikationsstark.
  • Beweist im Rahmen einer durchaus fundierten Ausbildung, dass ihr euch in spezielle Themen einarbeiten könnt. Fixiert euch aber nicht darauf.
  • Investiert fortlaufend – auch nach Lehre oder Studium – in euch selbst, vor allem in eure Persönlichkeit.
  • Viel wichtiger als das Fachgebiet an sich ist: Neugier für Verbesserungspotenziale zu zeigen und diese auch beizubehalten.
  • Die Arbeit und ihren Nutzen für das Unternehmen aus der Vogelperspektive analysieren.
  • Den Mut aufbringen, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen.

„Denn es gibt heute keine richtige Berufswahl mehr, sondern nur noch ein richtiges Mindset“ – hält Dettmers abschließend fest. Seinen Beitrag in der Wirtschaftswoche finden Sie hier.

Das Händeringen hat längst begonnen

Immer mehr Konzerne, Berufsverbände und Unternehmen sehen sich vor die Aufgabe gestellt, durch interne Angebote bei ihren Arbeitskräften diese Fähigkeiten zu wecken, weil Schulen und Hochschulen das nicht tun. Etliche Unternehmer sagen mir ganz ungeschminkt: Nicht die jungen Leute sind das Problem, sondern die Schulen, die mit veralteten Ausbildungsstandards unterwegs sind. Mit Menschenbildern und Vorstellungen von Lernen, die indiskutabel sind. Deshalb suchen immer mehr ökonomische Player händeringend nach Alternativen, denn es geht um ihr wirtschaftliches Überleben. Was wir im Moment noch nicht realisieren, ist dies:

Die „New Work“, von der jetzt alle sprechen, und die ja bereits überall Einzug hält, setzt „New Learning“ voraus. Das ist die Erkenntnis der Stunde.

Deshalb brauchen wir jetzt Investor’innen, die die Zeichen der Zeit erkennen und mutig Ressourcen investieren in das Design neuartiger Lernräume. In die Entwicklung von Ateliers, Colearning-Spaces, Academies. Dabei vertrauen wir nicht länger auf das Mindset des alten Bildungssystems und seiner politischen Dinosaurier – das funktioniert ja schon in der unseligen Klimadebatte nicht, sondern wir identifizieren und fördern mit aller Kraft das neue Mindset und vernetzen es, was das Zeug hält. Dieser spannenden Aufgabe haben sich Bildungsdesigner, wie ich einer bin, verschrieben.

Komplexität & Digitale Transformation: Wie stemmen wir das? Ein Workshop & ein Barcamp

Wie bereiten wir uns, unsere Mitarbeitenden und die betrieblichen Abläufe auf die komplexen Herausforderungen der Digitalen Arbeits- und Businesswelt vor? Wie befähigen wir uns als Menschen und als Organisation? Wie bleiben oder werden wir entscheidungsfähig angesichts der Menge und Komplexität der Daten und Informationen? Das waren die Themen bei meinem Workshop für die Teilnehmer’innen im CAS „Strategisches Projektmanagement im Bauwesen“ an der Hochschule Luzern.

Zappa GeistAm Anfang steht für mich (immer) die Einladung, kollaborative Tools der Zusammenarbeit „hands on“ und konkret im Seminar zu erleben, indem wir damit arbeiten. Dieses Mal vor allem mit Slack und mit dem Google Drive. Die Teilnehmenden erleben 1 zu 1 die Vorteile der digitalen Tools: den Austausch von Wissen, Fragen, Erfahrungen – das synchrone Erarbeiten von Lösungen, den Zugriff auf alle relevanten Informationen und die Möglichkeiten, alles jederzeit zu bearbeiten und zu teilen.

Komplexität als alltägliches Business-Phänomen in den Griff bekommen

Zwei ExpertInnen zu „Komplexität und dem Umgang damit“, kommen während des Workshops per Video ins Spiel: Peter Kruse und Friederike Müller-Friemauth. Über das snychrone Erstellen eines Dokuments im Google Drive erarbeiten sich die Teilnehmenden einen Zugang zur „komplexen Thematik der Komplexität“ – zusammen mit mir als Seminarleiter. In diesen Prozess der gemeinsamen und jederzeit für alle sichtbaren und beeinflussbaren Konstruktion von Wissen entstehen nach und nach Einsichten und Lösungsansätze – bereits während des Seminars.

Statt mit „Case Studies“ zu arbeiten, sprich aus Vergangenem für die Gegenwart zu lernen, üben wir, aus der komplexen Gegenwart heraus zukunftsfähig zu werden. Mit den Worten von John Seely Brown: „In a world of constantly changing contexts, best practices don’t travel very well.“ Die Teilnehmenden machen ihre eigene Arbeits- und Lernwelt zum Ausgangs- und Zielpunkt der Prozesse, was ja auch sinnvoll ist, weil es ihre eigenen Herausforderungen sind, die sie zu bewältigen haben. Übrigens können bei diesem Vorgehen jederzeit weitere ExpertInnen quasi „life“ und von überall her digital zum Prozess zugeschaltet werden: Mitarbeitende, die wichtige Beiträge leisten können, auch wenn sie gerade nicht am Seminar teilnehmen sondern „im Dienst“ sind. Es können auch ganze Seminargruppen (z.B. aus anderen oder parallelen Studiengängen) phasenweise in einen „digitalen Diskussionsraum“ eingeladen werden bzw. in die Entwicklung eines Dokuments auf Google Drive eingeladen werden. Im Handumdrehen.

Das mittlerweile sattsam bekannte VUCA Phänomen (siehe Grafik unten) kann so nach und nach auf konkrete Arbeits- und Lern-Situationen hin heruntergebrochen und mit ganz viel wertvollem Erfahrungswissen vernetzt werden. Die Teilnehmenden verknüpfen ihre Erfahrungen aus ihrem betrieblichen Alltag gegenseitig und mit dem theoretischen Modell:

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Ein „Neues Lernen“ soll Einzug halten in die betriebliche Welt. Welche Fragen haben wir an diese Prozesse?

Was wir wissen wollen
Die Fragen der Teilnehmenden zum „Lernen im Digital Age“ sind zahlreich und fundamental.

Wo fangen wir an, wenn wir uns selbst, wenn wir Mitarbeitende und die Organisation befähigen wollen im wertschöpfenden Umgang mit Komplexität? Stellt das Internet mit seinen unendlichen Möglichkeiten womöglich alles auf den Kopf, was wir bisher über das Lernen gelernt haben? Wie lernen wir, uns in dieser Komplexität auszukennen und sie nutzbar zu machen?

Mein Vorschlag an die Kursteilnehmenden war: Lassen Sie uns bei uns selbst anfangen und bei der Frage, in welchen Situationen wir „Lernen“ positiv erlebt haben:

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Die Ergebnisse dieser biografisch ausgerichteten Reflexionsphase sind beeindruckend. Gefragt, welche typischen Eigenschaften das gute und nachhaltige Lernen begleiten, kamen diese Charakteristika zusammen:

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Wenn wir also im Rahmen der betrieblichen Weiterbildung und des Learning & Development Menschen gewinnen möchten, sich proaktiv auf die Achterbahnfahrt einer sich digitalisierenden Ökonomie einzulassen, wenn wir Fahrt aufnehmen wollen in Richtung digitaler Kompetenz, dann zeigen die Begriffe oben ganz klar, von welcher Qualität diese Prozesse in Zukunft sein müssen.

Besonders wirkungsvoll und nachhaltig erweisen sich dafür Konzepte des Social WoBildschirmfoto 2019-04-11 um 14.54.59rkplace Learning. Deshalb habe ich den Teilnehmenden einen Einblick in die Corporate Learning Comunity gegeben, die im deutschsprachigen Raum die heißen Eisen und Themen der „New Work“ aufgreift und in einer neuen Kultur der Kollaboration über Unternehmens- und Ländergrenzen hinweg konsequent weiter entwickelt. Wer die Aktivitäten dieser Community in den Sozialen Netzwerken aufmerksam verfolgt, bekommt eine Ahnung von der positiven Kraft und von der Nachhaltigkeit echter Kollaboration. Ganz aktuell bietet Simon Dückert am 12. April 2019 einen Sprint zu einem sehr interessantes Toolset für selbstgesteuertes Lernen (genannt LernOS) an, das sich für betriebliche Umgebungen sehr gut eignet.

Und wie umschreiben wir jene Digitale Kompetenz, um die es dabei geht?

Da könnten wir jetzt einzelne Fähigkeiten („Skills“)  aufzählen, die es braucht, um die ganze Palette der Digitalen Lern- und Arbeitswelt abzudecken. Ich bevorzuge einen anderen Weg und entscheide mich für fünf Kompetenzen, die in der Lage sind, einzelne Fähigkeiten zu bündeln und an eine Haltung zu binden, wie das folgende Chart zeigt:

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Wenn ich mich der gewaltigen Herausforderung einer Digitalen Lern- und Arbeitswelt auf diese Weise nähere, wird schnell klar, dass wir als Menschen und Organisationen in erster Linie neue Haltungen entwickeln werden. Das technische Knowhow ist dann schnell erworben. Unsere Lern- und Arbeitsumgebungen werden sich so radikal verändern, dass wir sie nur mit einem neuen Mindset wirklich begreifen und uns adäquat in ihnen bewegen können.

Wie solche Prozesse in einer neuen Kultur durchgeführt werden können, das ist eines der Ziele jener kollaborativen Communities die sich im Moment immer stärker vernetzen, wie z.B. auch in der Working Loud Community.

Wenn Sie sich für solche neuen Formen des Lernens und der Vernetzung interessieren, wenn Sie diese neue Kultur life miterleben und mitgestalten möchten, dann sind Sie ganz herzlich eingeladen zu unserem Barcamp #Initiate19 am 7. Juni 2019 im Tram Museum in Zürich, wo wir einen Tag lang gemeinsam an Wegen für mehr Partizipation in Meetings, Trainings und Konferenzen arbeiten. Hands on.

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