Die Neue Zürcher Zeitung berichtet über eine innovative Schule in Wädenswil im Kanton Zürich. Die Schule hat sogar einen Preis bekommen. Wofür, das lässt bereits die Überschrift des Artikels erahnen, wenn da steht: „Farben statt Noten, pauken im eigenen Tempo“. Jean-Philippe Hagmann nennt das Innovationstheater. Zeile für Zeile liest sich der Artikel wie ein Bericht über eine neue Stufe auf dem Weg in eine „totale Pädagogik“.
„Totale Pädagogik“ klingt für manche:n nach Nazikeule. Mir geht es aber um etwas anderes. Wir sprechen heute z. B. davon, dass alle Bereiche unserer Kultur „durchökonomisiert“ sind. Was auch immer wir anpacken, sei es Gesundheit, Öffentlicher Verkehr, Altenpflege, Hochschulbildung u.v.m. – wir organisieren es nach ökonomischen Prinzipien. Wir leben in einer „totalen Ökonomie“.
Und in diesem Sinne wird auch die Pädagogik zunehmend total, wie Michael Hüter in seiner Studie „Kindheit 6.7“ ausführlich dokumentiert hat, und wie es auch der österreichische Bildungswissenschaftler Erich Ribolits im Jahr 2005 umschreibt:
Was Erziehung im Kern immer schon bedeutet hat – Anpassung an die dem Status quo gemäßen Werte, Normen und Verhaltensweisen, gekoppelt mit der Behauptung, dass diese den Ausfluss der gemeinsamen Anstrengung aller Menschen um ein vernünftiges Leben darstellen -, hat eine neue Dimension erreicht. Die Erziehung zum gesellschaftlichen Nützling beschränkt sich nicht mehr länger nur auf Elternhaus und Schule, sie wird tendenziell zu einem lebenslangen Phänomen. Zugleich wird es zunehmend schwieriger, sich dem allumfassenden Zugriff durch pädagogische Maßnahmen noch irgendwie zu entziehen. Die Charakterisierung als „lebenslanges“ oder auch „lebenslängliches“ Lernen greift für das, was da passiert, viel zu kurz, tatsächlich geht es um „lebenslängliche Erziehung“.
Quelle
Grundgelegt ist diese Totalisierung in der Schule, die diese Totalisierung unwidersprochen praktiziert.
Was ist damit gemeint? Der Reihe nach:
Deine Ziele sind nicht deine Ziele. Erreichen musst du sie trotzdem
Ich lese im Artikel: „An einer Glaswand haben sie Ziele notiert. ‚Ich möchte schneller arbeiten, damit ich freitags für die Gymiprüfung lernen kann‘, hat Lincoln geschrieben. Und Nina: ‚Ich schätze mich realistisch ein und beteilige mich aktiv am Unterricht.‘“
So ist das in der Schule. Die Ziele haben immer nur mit Schule zu tun. Immer nur mit Schule. Entweder mit der, in der du gerade steckst oder mit der, in der dich dein Heimatsystem dereinst sieht.
So haben die Teenager jederzeit jene Ziele vor Augen, die nicht auf ihrem Boden gewachsen sind, sondern auf dem von Erwachsenen. Was junge Menschen deshalb nicht lernen, zumindest nicht in der Schule: wie sie ihre eigenen Ziele kreieren, denn die sind ja immer schon vorgegeben – ebenso wie Schule vorgibt, wann du so ein Ziel erreicht hast – und wie du dich das nächste und das übernächste Mal besser dabei anstellen könntest. Realistischer.
Schule bedeutet: Ich lerne (immer besser) fremdgesetzte Ziele zu erreichen. Denn wichtig ist es Ziele zu haben; sich Ziele zu stecken. Ob das meine eigenen sind – darauf kommt’s gar nicht so an. Das würde mich womöglich bloss überfordern. Zynismus off.
Entscheidend ist vielmehr: Wer es zu was bringen will, zur Elite gehören, wie das Gymnasialrektor:innen gerne mal an Elternabenden umschreiben, der und die kommt nicht drum herum, das Leben am sich Vorbereiten auf Prüfungen auszurichten. Am Gymnasium geht es schliesslich sechs Jahre lang um nichts anderes. Nach der Prüfung ist vor der Prüfung. Disziplin ist alles. Immer noch eins obendrauf. Leistung lohnt sich. Und je schneller du den Lehrmeister verinnerlichst, umso mehr und umso besser leistest du.
Deshalb wohl zeigt sich auch Nina einsichtig. Realitätsbezogen zeigt sie sich, und beteiligt sich ab jetzt aktiv am Unterricht – ob sie will oder nicht. Ob sie den braucht oder nicht. Ob ihr der gut tut oder nicht. Das alles wurde bereits für sie entscheiden. Ihr Job ist es, noch besser im System Schule anzukommen, sich einzugliedern, sich anzupassen. Ein Schelm, der daraus Rückschlüsse ziehen würde auf das letzte Gespräch mit ihrem Lerncoach, dem/der es offenbar geglückt ist, Nina zu verklickern, dass sie an ihrer Fähigkeit arbeiten sollte, sich selbst realistisch einzuschätzen. Schulrealistisch. Vielleicht sollte sie sich dabei ein Beispiel an ihrem Mitschüler Lincoln nehmen. Nomen est omen.
Wenn „Freizeit“ zu einem Teil von Schule geworden ist
Weiter geht es im Pädagogischen Glashaus zu Wädenswil: „’Hier arbeiten wir alle nach unserem Wochenplan’, erklärt er und deutet auf eine Tabelle mit Fächern, Wochentagen, Abkürzungen und Aufträgen. Es steht ihm frei, was er gerade abarbeitet. Hausaufgaben gibt es nicht, doch muss bis Ende Woche alles erledigt sein.“
Abarbeiten.
Bis Ende Woche, mein Kind. Du schaffst das! Die Coaches helfen dir. So bleibst du dran. Das meint „totale Pädagogik“. Das Büffeln lauert hinter jeder Freizeitaktivität. Schule gibt den Takt vor, in dem die Seele zu ticken hat. Die Tabellen mit Fächern, Wochentagen, Abkürzungen und Aufträgen kippen sie dir immer wieder von Neuem auf dein individuelles Arbeitspult – und dann helfen sie dir beim Entwickeln von Priorisierungsstrategien.
Sie helfen dir dabei, Schule zu begreifen – um Schule zu bestehen.
Schicht für Schicht abtragen. Lernstrategien entwickeln, Verhaltensoptimierung, Realistisch sein. Sie liefern den Stoff – du arbeitest ihn ab. Das Leben, so lernst du in Pädagogistan, besteht aus dem Abarbeiten von Aufträgen, die andere dir geben.
So machen sie lauter kleine ChatGPTs aus diesen Jugendlichen: Eingaben verarbeiten und Ergebnisse ausspucken.
Und das Schlimmste: Es gibt kein ausserhalb von Schule mehr. Denn Ende Woche muss alles erledigt sein. Und nächste Woche wieder. Die Freizeit ist endgültig zu einem Teil von Schule geworden.
Leben am Pult
Deshalb kann eine andere Schülerin sagen: „Mittlerweile fühle sie sich in der ‚Lilo‘, ‚als ob ich zu Hause an meinem Pult sitzen würde‘“. Denn Schule ist jetzt überall. Schule ist total. Die Unterschiede zwischen dem Stoffvermittlungsmoloch und dem Rest der jugendlichen Welt sind längst weggeschmolzen. Das Pult ist überall. Sie tragen es in ihrem Kopf mit sich.
Damit die Kontrolle über das alles jedoch weiterhin beim System bleibt,
wird nur ein Drittel der Zeit „individuell gearbeitet. Ein Drittel ist für Input-Lektionen reserviert: quasi alte Schule im Klassenverband. Es ist der Versuch, Struktur und Freiheit zu vereinen. Ein weiteres Drittel der Zeit gehört dem Fachunterricht wie Sport, Bildnerisches Gestalten oder Musik“.
Zwei Drittel Beschulung wie immer, der gute alte Frontalunterricht darf nun mal nicht fehlen – und das letzte Drittel ist selbstorganisiertes Abarbeiten jener Stapel, die sie dir rhythmisiert aufs Tablet laden, aufs Pult legen oder an die Glaswand malen.
Weil sich Freiheit und Struktur ausschliessen in Pädagogistan, in Lehrerköpfen und in Schulhäusern: Entweder Freiheit oder Struktur. Das ist ihr Mantra. Das ist der fatale Grundirrtum in der totalen Pädagogik. Nichts ist älter und tiefer in dieses autoritäre Schulsystem eingeschrieben als das Entweder-Oder von Freiheit und Struktur. Das stillschweigende Gleichsetzen von Freiheit und Beliebigkeit. Das Nichtwissen darum (oder das Verleugnen dessen), worum es bei der Freiheit in Wirklichkeit geht.

Wir sind doch keine Wohlfühloase
Besonders zynisch in diesem Innovationstheater: Auch die wuchtigste Bastion dieses autoritären Systems wird nicht geschleift. Vielmehr wird sie an die Lernenden weitergereicht:
„In einigen ‚Lilos‘ gibt es keine Prüfungsnoten mehr, sondern einen Farbcode. Die Schülerinnen und Schüler setzen sich Anfang Semester für jedes Fach eine Zielnote. Erreichen sie diese in einer Prüfung, gibt es Grün, schneiden sie besser ab, gibt’s Pink, liegen sie unter dem Ziel, Orange. Das gefällt. ‚Wenn Samira und ich Grün haben, dann haben wir beide den Glückseffekt‘, sagt Ella.“
Das ist die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. Sie schiessen nicht mehr mit Noten auf Kinder. Sie legen ihnen die Waffe in die Hand. Aus Zahlen werden Farben, die wie Marzipankarotten an den Stecken hängen, mit denen sich die Lernenden zum Abbarbeiten des Stoffes motivieren. Wenn der Zeiger am Ende auf „grün“ steht, stellt sich der Glückseffekt ein. Farben statt Ziffern.
Denn: „Die Oberstufenschule Wädenswil ist für die Jugendlichen keine Wohlfühloase. ‚Der Leistungsdruck in unserer Gesellschaft bleibt, dafür müssen wir den Jugendlichen Werkzeuge und Strategien mit auf den Weg geben‘, sagt die Co-Schulleiterin.“
Eine Lernumgebung, in der lernende Menschen sich wohlfühlen, eine Oase des Lernens – das darf Schule nicht sein. Das kann Schule nicht sein. Es ist dieser Satz, der das Welt- und Menschenbild hinter Schule entlarvt: dass sie schliesslich keine Wohlfühloase sei. Leistungsdruck ist angesagt. Was für ein schreckliches System, was für furchtbare Bilder und Vorstellungen von Lernen.
Das Gegenteil einer Wohlfühloase könnte man als „Unbehaglichkeitszone“, „Stresszone“, „Belastungsumgebung“ oder „Unwohlseinsherde“ bezeichnen. Diese Begriffe vermitteln das Gefühl von Unbehagen, Stress oder Belastung, im direkten Gegensatz zur Entspannung und dem Wohlbefinden, die eine Wohlfühloase bietet.
ChatGPT zur Frage, was das Gegenteil einer Wohlfühloase sei.
Der Leistungsdruck ist der mächtigste Fetisch Pädagogistans. Er ist sein Totem. Auf seinem Altar werden Schweizer Kindheiten beendet, bevor sie angefangen haben.
Warum der Leistungsfetisch eine Lüge ist
Am Leistungsbegriff scheiden sich derzeit die Geister. Seine ideologische Aufladung gerät mehr und mehr ins Wanken – nicht zuletzt aufgrund der zunehmenden quantitativen und qualitativen Leistungsfähigkeit unserer Maschinen. Das passt nicht so ganz in die helvetische Kultur, die bis heute fest daran glaubt, dass Leistung die entscheidende Daseins-Rechtfertigung des Menschen sei.
Hinzu kommt: Wir leben längst in einem Arbeitnehmer:innen-Markt und bewegen uns auf eine Epoche zu, in der Arbeit und Leistung völlig neu designt sein werden. Es gibt so gut wie keine Branche mehr, in der es ausreichend Arbeitskräfte hat. Nicht einmal in Pädagogistan. Immer mehr Menschen spielen das Leistungsspiel einfach nicht mehr mit.
Doch in der Schule zieht das Argument vom Leistungsdruck nach wie vor – und es verjagt nach und nach auch die letzten engagierten Lehrpersonen aus diesen ideologisch aufgeladenen Lernbunkern. Denn in anderen Arbeitsmärkten haben kluge Arbeitgeber:innen längst begriffen, dass sie mit Druck niemanden mehr halten.
Vielleicht halten es jene Lehrer:innen, die noch dabeibleiben, auch deshalb aus, weil und solange sie den Druck an Schülerinnen und Schüler weitergeben können – indem sie ihnen pausenlos „Wissen vermitteln“, sie mit Stoff zumüllen und immer neue Varianten von Prüfungen und Bewertungsformaten erfinden.
Indem sie aus jungen Menschen Stoffverarbeitungsmaschinen machen.
Selbst wenn es diesen Leistungsdruck „da draussen“ stellen- und perverserweise noch gibt: seine ökonomische Ineffizienz, sein Ausbeutungscharakter, seine Anteile an den rasant zunehmenden Krankenständen und Burnouts sind längst erwiesen – und Schule müsste erst recht der Ort sein, an dem junge Menschen sich ohne Stress, Druck und Leistungsgedöns entdecken und entfalten können.
Gerade weil sich das Leistungsparadigma derzeit selber ad absurdum führt, bräuchten Kinder und Jugendliche Oasen des Lernens, die eine sichere, geborgene und gleichwürdige Umgebung bieten, in der sie zu sich und zu ihren Potenzialen finden statt Arbeitsaufträge und Prüfungen abzuhecheln.
Der Leistungsfetisch ist längst als die eigentliche humanistische Katastrophe der letzten 200 Jahre entlarvt. Doch besungen wird er weiterhin tapfer von Protagonist:innen Pädagogistans – bzw. von einem Bündner Hotelierpräsident und seinen freiheitlich-liberalen Kegelbrüdern, für die alle, die unter 30 sind, zur Generation Weichei gehören.
Auf dieses Konzept passen dann auch die „famous last words“ der vier Held:innen dieser kleinen Reportage: „Manchmal hätten sie schon Stress, erzählen Nina, Lincoln, Samira und Ella. Vor allem, wenn es gegen Ende Semester viele Prüfungen aufs Mal gebe. Da müssen alle auch zu Hause dafür lernen.“
Als ob es dabei ums Lernen gehen würde. Geht es aber nicht. Es geht ums Pauken, ums Büffeln, ums Abarbeiten. In der Schule geht es darum, mit Schule klar zu kommen. Durchzukommen. Sich aktiv am Unterricht zu beteiligen und sich freitags auf die Gymi-Prüfung vorzubereiten.
Und: sich solange realistisch einzuschätzen, bis es aus der Sicht von Schule realistisch ist.
Und damit die Kinder und Jugendlichen das alles mitspielen, erklären die Lehrer:innen ihnen, uns und allen, dass sie sich dadurch aufs Leben vorbereiten – und auf die Leistungsgesellschaft da draussen.
Mögen sie für diese dreiste Lüge dereinst in der Pädagog:innenhölle schmoren.
Titelbild von ChatGPT: An image that reflects „the educational tradition you described, where childhood is seen as merely a preliminary stage to adulthood, emphasizing a swift transition to a performance-based paradigm.“

Toll auf den Punkt gebracht, chapeau!
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Dankeschön!
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Brillant auseinandergenommen und entlarvt.
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Dankeschön!
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