Schule als Religionsersatz in einer säkularisierten Welt

Es ist noch gar nicht so lange her, da waren wir in unserer Kultur davon überzeugt, das Heil sei eine Sache der Religion. Verwaltet, zugeteilt oder entzogen durch die großen christlichen Kirchen. Begründet und ausgearbeitet in ihren Heiligen Schriften, Klöstern, und in den kirchlichen Schulen, in denen in erster Linie dafür gesorgt wurde, dass diese Kultur weiter besteht: der Glaube an die Erlösungskraft von Religion und an die Kirche als einzig glaubwürdige Vermittlerin – und nicht zuletzt auch an die gesellschaftsbildende, normierende Funktion von Religion.

Und auch wenn das alles noch gar nicht so lange her ist, ist doch erstaunlich, wie sehr die Macht und der Einfluss von Kirche auf breiter Ebene nachgelassen haben. Das Phänomen dahinter hingegen ist nicht verschwunden – die zentralen Funktionen von Religion werden von anderen Super- oder Mega-Institutionen übernommen – so etwa von Schule.

Womöglich auch weil Bildung über lange Zeit in den Händen der Kirchen lag, trägt Schule bis heute zentrale Merkmale, die auf Kirche zurückgehen und auf ihren Deutungsanspruch über das Leben der Menschen – emöglicht durch den Glauben daran, dass von dort das Heil kommt und nur von dort. „Extra ecclesiam nulla salus“ (Ausserhalb der Kirche kein Heil) ist ein bis heute gültiges, katholisches Dogma.

Schule hat Kirche als institutionalisierte Religion in zentralen Funktionen und Macht-Mechanismen abgelöst. Zum Beispiel ist sie diejenige Institution, die Zukunftschancen zu- und verteilt. Exklusiv. Vielleicht nicht mehr im Jenseits, aber doch für die gesamte Zeit davor.

Quelle (und mehr)

In ihrer Kultur, in ihren Grundzügen, in ihren Menschenbildern, Strukturen und Prozessen, in ihrem Anspruch auf umfassende Normativität und in ihrem Totalanspruch auf das Kind erweist sich Schule als Nachfolgerin dessen, was die Institution Kirche einmal war. Ihr antidemokratisches und autoritäres Auftreten gegenüber dem Kind mit eingeschlossen.

Von dort kommt auch dieser in seiner Unumstösslichkeit religiös anmutende Glaube, die Lösung für die Bildungs- und Schulkrise, für den Lehrermangel und für zeitgemässe Bildungsarbeit, das Heil also, käme ausgerechnet wieder aus dem Schulsystem. Das ist Religion 2.0: „Extra scolam nulla salus“.

Schule als säkularisiertes Heilsversprechen

Woher diese Erwartung, dass die Lösung ausgerechnet von dort kommt, wo bis heute das Problem reproduziert wird? Die Narrative gleichen sich ja:

Wo Kirche einst die sündhafte Verfasstheit des Menschen und seine Erlösungsbedürftigkeit zuerst behauptet hat, um sie dann zum Anlass ihres end- und aussichtslosen moralischen Aufrüstungsprogramms zu stilisieren, während sie also den Menschen zuerst moralisch stigmatisierte um ihn und sie dann mit einem Forderungskatalog für mögliche Erlösungswege zu versorgen, so tut Schule heute auf säkulare Weise nichts anderes, wenn sie sich als die einzig gerechtfertigte Super-Institution für die Bildung des Menschengeschlechts inszeniert.

Bis heute konstruiert Schule zuerst einen blöden Balg, der dann, um überhaupt eine Aussicht auf Bildung zu haben, aus seinen Sozialkontexten herausgelöst werden muss, um im Geäst des staatlichen Bildungswesens ordentlich beschult zu werden.

Extra scolam nulla salus.

Die Heils-Erwartung dahinter lässt sich nicht anders deuten denn als Ausdruck einer säkularisierten Hörigkeit, die ihren Ursprung dort hat, wo auch unser Bildungssystem ihn – historisch gesehen – hat: Im klerikalen Kultur-Konstrukt der Religion.

Angefangen bei und ausgehend von den Pädagogischen Hochschulen, die mit einer beispiel- und alternativlosen Entscheidungsmacht ausgestattet sind, was die Zugänge zu Bildungsberufen und zu Schulen angeht, von denen bis heute in jedem Dorf eine steht, oftmals in Sichtweite einer Kirche. Nirgendwo ausser vielleicht noch beim Pass/Ausweis, den ich auf mich trage, wird Zugehörigkeit so rigide und alternativlos gehandhabt wie im Schulsystem. Ausnahmen haben einzig den Zweck, die Regeln zu bestätigen.

Niemandem zur Rechenschaft verpflichtet ausser sich selbst, nach Regeln, die sie selber aufstellen, unterstellen Pädagogische Hochschulen all jene, die Bildungsarbeit mit Kindern und Jugendlichen machen wollen, Selektionsprinzipien, mit denen sie, die Hochschulen, nichts anderes (!) als den eigenen Fortbestand sichern als der Ort, an dem Unterrichten und Prüfen gelernt wird.

Als Begründung wird angeführt, dass es öffentliche Schule brauche, um Bildungsgerechtigkeit zu garantierten. Doch in Wahrheit geht es ihr um das Monopol auf die Selektion, die sie nach ihren Regeln organisiert. Unter Zuhilfenahme euphemistischen pädagogischen Singsangs thematisiert sie pausenlos soziale Ungleichheit – doch sie bekämpft sie nicht. Sie schiebt sie hin und her, von sich weg, diesen und dann wieder jenen in die Schuhe – aber sie reduziert sie nicht.

Sie behauptet, man könne Bildung nicht einfach den Menschen überlassen. Dafür sei sie ihr dann doch zu „heilig“. Sie müsse deshalb von einem institutionell regulierten Bildungssystem organisiert sein. Modell steht dem Schulsystem dabei die Bibel mit ihren Bildern von Selektion: Auserwählte und Verstossene, Zugehörige und Ausgeschlossene. Solche, die bestehen und solche die durchfallen. Das Jüngste Gericht als Urbild der Maturaprüfung – oder umgekehrt. Schule ist Religion 2.0

Ist noch Platz im Himmel, schrauben wir die Anforderungen runter, ist er überfüllt, schrauben wir sie wieder hoch.

Türwächter der Freiheit

Das Bildungssystem ist auf eine erschreckend kirchenanaloge Weise hermetisch. Diese hermetische Geschlossenheit macht Schule in ihrer Gesamtheit zu einem Teil des Problems, nicht der Lösung. Sie ermöglicht und verstärkt die durchgehende Realitätsverweigerung innerhalb des Bildungssystem und seiner Strukturen angesichts der gesellschaftlichen, ökonomischen und technologischen Realitäten der Gegenwart. Das schreit zum Himmel.

Säkularisierter Glaube an Zentralmacht und Bildungslieferketten

Ausserhalb dieses Systems verstärken und multiplizieren sich die Probleme. Feedback-Loops gibt es nicht nur beim Klima. Wechselwirkungen und gegenseitige Verstärkungen prägen heute vielmehr alle zivilgesellschaftlichen und ökonomischen Bereiche unserer Welt. Die Abhängigkeit von Lieferketten, die ganze Versorgungssysteme innert Tagen kollabieren lassen können, ist dafür ein ebenso beredtes Beispiel wie die Allmacht (!) weniger Technologiekonzerne. Wenn Microsoft heute den Stecker ziehen würde, wäre es (nicht nur) in der Schweiz zappenduster. Das Land wäre an keiner Stelle mehr organisierbar.

Der Glaube an die Notwendigkeit einer Zentralmacht, der wir uns anvertrauen und die uns als Gegenleistung vor dem Schlimmsten verschont, ist also mit der Selbstzerstörung vor allem der Katholischen Kirche gar nicht verschwunden. Er hat sich neue Heimaten gesucht. Neue Himmel.

In Sachen Bildung und Schule sorgt dieser säkularisierte, nicht weniger starke Glaube an „Bildungslieferketten“, die exklusiv von einer Zentralmacht garantiert werden, für eine totale Entwicklungslähmung. Dadurch setzt eine ganze Gesellschaft die Zukunft von Kindern und Jugendlichen aufs Spiel in einen Moment, wo es nicht mehr viel zu verlieren gibt.

Es ist zum Beispiel längst überfällig, dass der Beruf und die Ausbildung von Lehrpersonen komplett neu entwickelt werden. Von Grund auf. Zeitgemässe Bildungsarbeit hat nichts mehr mit dem zu tun, was heute in öffentlichen Schulen abläuft. Das geht völlig an der Lebenswelt und an den Bedarfen der Menschen vorbei: der Kinder, der Jugendlichen und ihrer Familie, und am Ende auch an den Bedarfen der Zivilgesellschaft und des Arbeitsmarktes. Schule bereitet (vorbereitet in Pädagogischen Hochschulen) auf eine Welt vor, die nicht mehr existiert. Das wissen wir alle.

Dieses Schulsystem gehört in eine andere Zeit und Welt. Der Beruf der Lehrperson ist anachronistisch. Studierende auf Lehramt werden auf eine Realität hin getrimmt, die es nicht mehr gibt.

Und statt endlich in der Gegenwart anzukommen, dreht sich dieses System pausenlos um sich selbst und erfindet immer wieder neue Gründe um durchgefüttert zu werden – und um sich an exakt den Stellen nicht bewegen zu müssen, die die eigentlichen Problemachsen bilden.

Der Preis für diese strukturelle Inzest ist hoch: Pädagogische Hochschule bereitet auch weiterhin jene, die sich für die Bildungsarbeit mit Kindern und Jugendlichen interessieren, darauf vor diese zu unterrichten, Unterricht vorzubereiten und durchzuführen, Prüfungen vorzubereiten, durchzuführen und zu bewerten. Dabei sind das allesamt aus der Zeit gefallene Konzepte von Bildungsarbeit. Das ist lang und breit und folgenlos erwiesen.

Noch immer tun Pädagogische Hochschulen so, als sei das Beschulungsprinzip und seine Architektur, nach dem sie ja selbst funktionieren, zeitgemässe Bildungsarbeit – und ignorieren dabei alles, was heute an Erkenntnis zur Verfügung steht um es anders zu machen.

Das Eigene im Kreislauf des Fremden

Ein Beispiel: Wenn sie von selbstorganisiertem Lernen sprechen, das im Unterricht gefördert werden soll – der vom Konzept her Selbstorganisation im Kern widerspricht –, dann meinen sie damit, dass Kinder dasjenige „selbst organisieren dürfen“, was ihnen von Lehrenden zu lernen vorgegeben wird – selbstverständlich nach Kriterien, die von Lehrpersonen stammen, und die von ihnen überwacht, kontrolliert und bewertet werden. Es geht auch hier wie überall in der Schule nicht darum, dass ich lerne, mein Lernen selbst zu organisieren sondern höchstens das, was mir von Schule zu lernen vorgeben wird.

Diese „Figur“ lässt sich auch für weitere, fundamental humanistische Kriterien von Menschsein ausbuchstabieren wie Selbstbestimmung, die in der Schule völlig negiert wird und durch strukturelle Fremdbestimmung ersetzt ist, Selbstreflexion, die in Schule immer und ausnahmslos an Fremdreflexion rückgebunden ist und durch letztere qualifiziert, sowie Selbstverantwortung, die das Schulsystem in allen Handlungsvollzügen negiert (verantwortlich bist du in der Schule immer nur für das, wofür dich andere verantwortlich machen) – und nicht zuletzt Selbststeuerung, eine der zentralen Kompetenzen im Technologiezeitalter, deren Entwicklung in der Schule durch die Fremdorganisation aller Vollzüge erschwert und marginalisiert wird.

Mit diesen System stiehlt die Gesellschaft ihren Kindern die Zukunft.

Was für wen auf dem Spiel steht

Für die jungen Menschen, die heute in Schulen gezwungen werden, wo sie an ihrer Lebenswelt, an ihren Bedarfen und Potenzialen vorbei beschult werden nach Prinzipien, Abläufen und Strukturen aus dem (vor-)letzten Jahrhundert, durch und durch autoritär, für die steht gerade alles auf dem Spiel.

Und Schule ist kein Ort, an dem sie sich für ihre Zukunft fit machen könnten, weil Schule in der Vergangenheit steckt. Sie vergeudet die Lebenszeit junger Menschen um die Schule bleiben zu können, die sie immer war.

Diejenigen, die jetzt gerade an den Hebeln sitzen, politische Entscheidungen treffen, Gelder sprechen, Schulnoten im Gesetz verankern, Schulhäuser bauen, Lehrmittel raushauen, Stundenpläne produzieren, Pubertierende morgens um 7:30 Uhr in die Schule jagen, Smartphones verbieten, die KI sanktionieren wollen 🤪 – diese Menschen haben sich dafür entschieden, die Welt, ihre Entwicklungen und die Technologien nicht verstehen zu wollen, sie weigern sich, auch nur eine Vorstellung davon zu entwickeln, was da eigentlich gerade draussen in dieser Welt passiert.

Und denen überlassen wir die Verantwortung über die Zukunft der Kinder – und die Kinder selbst.

Jesper Juul, Gerald Hüther, Montessori, humanistische Psychologie, Karl Rogers, Psychoanalyse, Systemtheorie, Konstruktivismus, Neurobiologie, Remo Largos Langzeitstudien – all diese und zahllose andere Denker:innen und Erkenntnisse finden bis heute keinen angemessenen Zugang in Schul- und Bildungsentwicklung, denn „man muss ja unterrichten“.

Die dramatischen Entwicklungen, die unser individuelles, unser ökonomisches und gesellschaftliches Leben im Moment und in den nächsten Jahren auf den Kopf stellen, die den Planeten und seine Bewohner:innen mit grossen und neuartigen Herausforderungen konfrontieren: das alles hat keinen Platz in Schul- und Bildungsentwicklung, denn dort muss ja unterrichtet werden.

Getaktet nach Stundenplänen, orientiert an nach wie vor inhaltlich interpretierten Bildungsplänen, nach Jahrgängen und Fächern getrennt, fremdbestimmt von der ersten bis zur letzten Minute.

Bereit.

Als ob es all die Herausforderungen, Erkenntnisse und Lösungen (!) nicht geben würde, werden Kinder so früh wie möglich in Klassenzimmer gesteckt, in diese Käfige und Reservate, um sie zu beschulen und zu benoten, und um ihr Lernen zu linearisieren.

  • Defizitorientiert und in der Bewertung ausschliesslich auf das Individuum ausgerichtet statt kollaborativ
  • direktiv statt kreativ
  • mit einem völlig sinnbefreiten Leistungsfetisch
  • an Fächern statt an Interessen und Themen entlang
  • inhalts- statt prozessorientiert.

Das ist die Realität von Schule im Jahr 2024. Mit ihr verstärken wir soziale Ungleichheit und töten Kreativität. Wir unterbinden systematisch Kollaboration und Diversität, wir regulieren Kommunikation total und kritisches Denken findet seine Grenze dort, wo es eine Sprache sucht.

Schule ist Religion 2.0

(Dieser Text ist nicht mit Unterstützung von KI erstellt. Die Bilder schon.)

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Autor: Christoph Schmitt

Bildungsaktivist | LinkedIn Top Voice | Colearner | TEDx Speaker | Bildungsdesigner | Bildungsethiker | systemischer Coach & Supervisor | Rituals Expert | Blogger | Nörgler | Ressourcenklempner. Ich unterstütze alles, was mit Aus- und Aufbrechen aus Beschulung zu tun hat. Für Jung UND Alt. Meine Kernkompetenz: Entwicklung ganzheitlich begleiten, moderieren, inspirieren.

2 Kommentare zu „Schule als Religionsersatz in einer säkularisierten Welt“

  1. Schule ist doch lediglich das Spiegelbild und die Reproduktionsretorte des Gesellschaftskonzeptes „Demokratie“.

    Was nutzt es, die Konturen von selbigen nachzuzeichnen und gleichzeitig weiterhin als Bürge (Staatsbürger) dieses Systems Träger der umfassenden Verantwortung zu sein?

    Den Weg aus dem „Teufelskreis“ findet man in unserem Blog.

    Liebe Grüße aus Dresden

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  2. „Schule als Religionsersatz“ … nicht nur die Schule, sondern der gesamte s.g. „Staat“!

    Die Religionsgemeinschaft „Jehovas Zeugen“ ist offiziell eine „Körperschaft öffentlichen Rechts“ und wird als „Sekte“ diffamiert.

    Der s.g. „Freistaat Sachsen“ ist gleichfalls eine „Körperschaft öffentlichen Rechts“ und wird als … angebetet!

    Das gesamte System „Demokratie“ ist nichts weiter als ein „Glaube“ aber leider mit falschem (menschenverachtenden) Vorzeichen.

    Den religiösen Irrsinn kann man bestens am Beispiel der allgegenwärtigen „Diktatur der Judikative“ veranschaulichen.

    https://freiefamiliedresden.wordpress.com/2023/05/02/absurditat-der-rechtspraxis-a-la-brd/

    Liebe Grüße aus Dresden

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