Die alte und die neue DNA von Bildung

Die Verteidiger:innen der Schule behaupten, dass alles, was nicht Schule ist, was ausserhalb ihrer Kultur, Tradition und ihres Einflussbereichs liegt, keine richtige Bildungsarbeit sei, mindestens insuffizient, in jedem Fall elitär. Sie sagen, dass alles was mit Bildung und mit Lernen zu tun hat, wirklich korrekt und gerecht nur innerhalb des Schulsystems passieren könne. Abgesehen davon, dass sie diesem Anspruch selber gar nicht gerecht wird, dient dieses in Dauerschleife reproduzierte Narrativ vor allem als Argument, um die DNA von Schule in die Zukunft zu retten – ohne zu realisieren, dass es das Ökosystem, für das diese DNA entwickelt wurde, gar nicht mehr existiert.

Auf der anderen Seite sind wir, die Beschulten. Wir lassen uns von den Repräsentant:innen eines autoritären, patriarchalen und hierarchischen Bildungssystems um den Finger wickeln, wenn sie uns klar machen, dass und warum es Schule auch heute noch braucht – und wir glauben und vertrauen (!) ihnen gegen jede Evidenz die Kinder und Jugendlichen an. Wir geben sie täglich und ihre ganze Kindheit und Jugend lang in die Hände derer, die um jeden Preis einen Status Quo aufrecht erhalten, weil ihnen die Konzepte, das Vorstellungsvermögen und die Kompetenz für etwas anderes fehlen.

Wir, die Beschulten, bringen für jeden einzelnen, überforderten Schuldirektor oder Lehrer mehr Verständnis auf als für das Kind, das wir jeden Tag in diesen Käfig schicken. Verkehrte Welt.

Während in Zürich mittlerweile jede zweite 14-jährige unter Schulstress leidet, müssen wir uns von neoliberalistischen Leistungsfetischisten sagen lassen, dass die Jugend verweichlicht sei.

Woher kommt diese Treue gegenüber einem Bildungs- und Erziehungssystem, das täglich mehr von jenen Problemen hervorbringt, die es zu verhindern vorgibt?

Warum werden in einer Studie zur Zufriedenheit mit dem Schweizer Schulsystem ausgerechnet jene nicht befragt, die da jeden Tag hingehen, weil sie alternativlos müssen? 40 Prozent dieser Befragten wiederum finden, Schule bereite zu wenig auf das vor, was danach kommt und 60 Prozent von ihnen sagen, Schule tue zu wenig gegen Mobbing.

Was dabei aussen vor bleibt: dass Schule selber ein Nährboden für Mobbing ist. Was also sollte sie dagegen tun können, wenn sie als in der Wolle gefärbtes Belohnungs- und Bestrafungssystem der ideale Boden dafür ist?

Gleichzeitig werden in der Umfrage jene Eltern, die sich im Interesse ihres Kindes einmischen, von über 90 Prozent der Befragten als besonders lästig empfunden, während 60 Prozent der Befragten den Eltern (also irgendwie ja auch sich selber) vorwerfen, sie würden sich insgesamt zu wenig um die Erziehung ihrer Kinder kümmern. Verkehrte Welt.

Wie kommt’s, dass wir komplett desensibilisiert sind für das, was sich uns in Sachen Schule über Erfahrung, Intuition und Wissenschaft zeigen möchte, und was uns bedeuten will, dass Schule als Organisationsprinzip von Bildung und Lernen ausgedient hat?

Was einst unsere Einwände gegen Reformen waren („Aber mann muss doch auch noch berücksichtigen dass …“) die dann zu Ausreden gegenüber Veränderung wurden („Wir würden ja gerne, aber …“), haben wir mittlerweile weiterentwickelt zu Abwehrreflexen, die wir den realen sozialen und individuellen Wirklichkeiten wie Pfeile entgegen schleudern, wenn sie in das Feld unserer Wahrnehmung treten.

Dem Heilsversprechen (reine Schulbildung) liegen bis heute und erstaunlicherweise höchst erfolgreich folgende (Bildungs-) Dogmen und neuzeitliche Mythen zugrunde: Die elementaren Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen werden nur durch (immer frühere) Beschulung erworben. Der nächste Mythos und dem Vorangegangenen zugrundeliegende ist: das Kind (der Mensch) ist von Natur aus unfähig und unwillig, sich selbst zu bilden. Die nächsten beiden ‚Bildungsdogmen‘ sind nicht nur paradox, sondern auch gänzlich inhuman: die Bildung und die Sozialisierung des Menschenkindes ist ausschließlich durch die Trennung von seiner Familie und dem ‚wirklichen‘ Leben (der Gesellschaft) über die ganze und verlängerte Kindheit möglich! Und: Nur und ausschließlich durch Bildungs und Schul-Pflicht und Zwang, erst durch die Un-Freiheit wird das Menschenkind befähigt und überhaupt berechtigt, später (nach der ‚verlängerten‘ Kindheit) in ‚Freiheit‘ zu leben. (Quelle)

Was könnte da noch helfen, wenn Wissenschaft und eigene Erfahrung von Leid und Misslingen an der Treue gegenüber einem System abprallen, das dieses Leid ja hervorbringt im Sinne einer fortlaufenden Reproduktion desselben – nicht nur was das schal gewordene Wohlstandsversprechen betrifft oder die Aufklärungsidee und den Partizipationsgedanken – oder einfach nur diese seit langem uneingeholte Behauptung, Schule würde auf das Leben vorbereiten?

“Mit welchem Argument schließt man 16-Jährige, 12-Jährige, 8-Jährige vom demokratischen Prozess aus — Menschen, die viel stärker von den Folgen heutiger Entscheidungen betroffen sein werden als die Älteren und die folglich ein Mitspracherecht verdient hätten? Eigentlich sollte ihre Stimme mehr zählen als die der Älteren, eigentlich fehlt eine Art chronopolitische Zukunftsdividende. Es braucht eine größere Offenheit, Partizipation und Transparenz für die demokratischen Prozesse, eine Durchdringung von politischer Debatte und bürokratischer Entscheidung, eine stärkere Hitze und größere Intensität des täglichen Miteinanders in konstruktiver Art und Weise, ein Bewusstsein dafür, dass der Staat nichts Abstraktes ist, sondern nur eine Abstraktion dessen, was wir sind, als Gemeinschaft, Gesellschaft, Bevölkerung. Ein neues, anderes Bewusstsein ist elementar, wenn es darum geht, eine andere Demokratie zu denken, zu sehen, zu realisieren.” (Quelle)

Wozu es Schule braucht und wozu nicht

Schule ist historisch gesehen Teil jenes Organisationsprinzips, jenes Ensembles an Institutionen, durch die sich Gesellschaft organisiert. Auch die Ökonomie ist ja so ein Konstrukt. Schule und Wirtschaft sind Geschwister.

Mit Hilfe einer Institution wie Schule und den dahinter liegenden Prinzipien regelt eine Gesellschaft sich selbst und ihre Abläufe und – ganz wichtig: sie regelt, nach welchen Kriterien sie Selektion betreibt. Zum einen hinsichtlich der Bedarfe auf dem Arbeitsmarkt, oder in den Wissenschaften, in der Forschung, in der Politik, zum anderen bezüglich ihrer Schichtung: Wie viele Wohlhabende darf es geben, wie viele Arme muss es geben, damit „das System“ funktioniert?

Zwar gibt es innerhalb des Schweizer Schulsystems bis heute diesen anti-ökonomischen Reflex, der den Einfluss von Unternehmen mit grosser Emphase aus dem Schulbetrieb herauszuhalten sucht mit der Begründung, „die Wirtschaft“ würde ihren Einfluss in der Schule wohl nur geltend machen, um entsprechende Arbeitskraft zu generieren. „Lasst uns die Schule und die Kinder vor dem verderblichen Zugriff der Profitgeier schützen!“ lautet der Schlachtuf. Dabei tut Schule ja gerade aufgrund ihrer DNA nichts anders als junge Menschen für diesen Maschinenpark zu präparieren. Sie strukturiert sich und organisiert Bildungsarbeit in ihrer Funktion als Selektionsmaschine exakt so, dass die ökonomischen Tiefenstrukturen von Gesellschaft funktionsfähig bleiben – und reproduziert damit etwas, das wir ja eigentlich loswerden müssten …

Schule organisiert Verteilung. Das ist ihr Job. Der Staat hat sich vor langer Zeit ein Schulsystem gegeben, das auch ein Erziehungssystem ist, um Gesellschaft zu organisieren. Das war’s.

Damit Menschen sich als Menschen entwickeln und entfalten können, damit sie gute Bedingungen haben um zu lernen und sich zu bilden, braucht es gar keine Schule und erst recht nicht die Art von Schule, die es heute gibt. Was das betrifft, haben wir die nötigen Informationen.

Es ist heute klar, dass Schule, so wie wir alle sie kennen und durchlebt haben, der denkbar ungünstigste Ort ist für den Menschen, um zu lernen und sich zu bilden. Das wird seit vielen Jahrzehnten immer wieder – auch durch pädagogische Forschung – belegt. Unter anderem um diese Forschung sichtbar zu machen, habe ich vor knapp acht Jahren mit meinem Blog begonnen.

Warum sich da nicht wirklich etwas ändert? Weil Schule gar nicht erfunden wurde, um Menschen ideale Lernräume zu bieten. Sogar Lesen und Schreiben können heute nicht mehr oder weniger Menschen als zu der Zeit, als die Schulpflicht eingeführt wurde. Es ging damals nämlich gar nicht darum, dass es Schule braucht, damit Menschen Lesen lernen. Der Staat wollte darüber bestimmen können, was sie lesen (Quelle).

Schule wurde entwickelt, um eine konkrete historische Form von Gesellschaft zu reproduzieren und darin ein bestimmtes Verständnis von Gesellschaft, von Ökonomie, von Politik, von Sozialität, von Autorität. Das ist bis heute die DNA von Schule. Dabei reproduziert sie nicht „irgendeine“ Gesellschaft, sondern eine bestimmte Gesellschaftsform – nämlich jene aus der Zeit, als Schule erfunden wurde.

Deshalb, weil es um die Reproduktion von Verhältnissen geht, wird eine Gesellschaft auch nicht gerechter oder ungerechter durch Schule – weil Schule dafür zu sorgen hat, dass Gesellschaft bleibt, was und wie sie ist. Das ist ja die Aufgabe einer DNA. Wenn wir eine andere Gesellschaft wollen: (mehr) Gerechtigkeit, (mehr) Diversität, (mehr) Gleichwürdigkeit, (mehr) Kritisches Denken, (mehr) Empathie, (mehr) tatsächliche Kollaboration – dann geht das nur über eine andere DNA, sprich: wir erreichen das nur, wenn wir Bildung und Lernen anders organisieren als über Schule. Diese DNA gibt es bereits. In Nischen und kleinen Biotopen. Doch gegen den Dino des Bildungssystems sind diese Initiativen chancenlos.

Denn die DNA von Schule stammt aus dem 19. Jahrhundert. Es ist eine Dino-DNA.

Die DNA von Schule hat das 21. Jahrhundert überlebt

Zwae hat sich „die“ Welt seit der Erfindung von Schule bis zur Unkenntlichkeit weiterentwickelt – und doch leiden nicht wenige Menschen rund um den Globus weiterhin unter furchtbaren Auswüchsen, die einfach nicht verschwinden wollen – im Gegenteil:

Was heute an autoritären, patriarchalen, industrialistischen, klerikalen, heterosexistischen, misogynen und Strukturen Urständ feiert – unter den verzweifelten bzw. resignierten Augen vieler Engagierter (die es ja auch innerhalb des Schulsystems gibt), war nie wirklich weg.

Weil Schule bis tief in ihre Wurzeln ein Konstrukt des 19. Jahrunderts ist, reproduziert sie diese in der Theorie überwundenen Phänomene, die wir zwar heute als humanoide Zerrformen benennen können, die wir aber solange nicht überwinden, als Kinder von einem System beschult werden, das z. B. den Grad an Rassismus in einer Gesellschaft in ihrem Handeln als System nur reproduzieren kann.

Zwar sagen uns die Oberhäupter immer wieder, Schule sei halt mit all dem überfordert. Doch in Wahrheit kann sie gar nicht anders als Menschenbilder und soziale Wirklichkeiten zu reproduzieren, denn dafür wurde sie vor mehr als einem Jahrhundert erfunden.

Schule speichert Vergangenheit und wer „Vergangenheit speichert, speichert auch deren Widersprüche, deren Verbrechen, deren dunkle Flecken und Obsessionen.“

Milo Rau, Die Rückeroberung der Zukunft, S. 140.

Die Oberhäupter haben gewechselt, die Funktion ist geblieben. Es begann mit „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist“, was in der Schweiz auf Kirchenfürsten und den Herrgott umgemünzt wurde, und landete weniger als ein Jahrhundert später – nach der tödlichen Variante von „Gebt’s dem Führer“ – bei „Gebt’s dem Markt, der euch nährt.“

Schule verändert Welt nicht, sie sorgt dafür, dass sie bleibt, was sie ist. Das tut sie über Menschenbilder, Weltbilder, den Umgang mit Wissen, mit dem und der Fremden, mit der Art und Weise, wie Menschen zueinander in Beziehung stehen und gehen, wie sie Geschlechtlichkeit interpretieren und Identität entwickeln, welchen Bezug sie zu Leistung herstellen, welche Wertehierarchien sie auf- und nachbauen, und so weiter und so fort.

Zweierlei macht Schule also heute auf so bizarre Weise dysfunktional und mächtig zugleich. Zum einen dass sie, was auch immer sie an Bildungsarbeit zu leisten vorgibt, als Institution doch nur ihre fossile DNA reproduziert. Sie liest Tag für Tag in ihrem Handeln die Erbinformationen einer Kultur aus, die nur noch in der Schule existiert: Jurassic Park.

Zum anderen überlebt diese fossile DNA nicht zuletzt aufgrund der masochistisch anmutenden Weigerung ihrer Verteidiger:innen, Schule würdig zu bestatten.

Ich hätte nichts einzuwenden gegen wehmütige und verklärende Grabreden, wenn Schule an deren Ende endlich und endgültig unter die Erde kommen würde. Stattdessen gibt es da diese Treue – und den Reflex, mit den armen Jungs „da oben“ Verständnis zu demonstrieren. Diese Nachsicht mit der Verzagtheit der Patriarchen ist ein wuchtiger Teil des Problems – und der DNA. Sie verhindert die Lösungen und ist vor allem in der Schweiz erstaunlich weit verbreitet.

Wo ist bloss der helvetische Wille zum Widerstand gegen die Freiheitsfressser hin?

Erster Teil der Lösung: Konzertierter Widerstand

Doch es geht gar nicht um Angriff. Es geht um aktiven Widerstand. Diese Unterscheidung ist enorm wichtig, gerade in der konfliktscheuen Schweiz. Keine Angst, Leute: niemand wird angegriffen. Es geht um Widerstand, also um das, was euch die Schule seinerzeit gründlich ausgetrieben hat. Das dürfte wohl einer der Gründe dafür sein, dass „Aufbegehren“ gegenwärtig nicht wirklich eine Schweizer Tugend ist. Dafür gibt’s am Ende schlechte Noten.

Doch es braucht jetzt den Widerstand: gegen die Männer und Frauen in Politik und Verwaltung. Gegen ihre Verschleppungs- und Ablenkungsmanöver; und es braucht den Widerstand gegen die eigene innere Tendenz, Autoritäten in Schutz zu nehmen statt sie ernsthaft zu konfrontieren.

Nur so überwinden wir die „Schule in uns allen“.

Der Fisch muss auf den Tisch, und die Dinge müssen beim Namen genannt werden. Immer und immer wieder. Professionell, wissenschaftlich fundiert und untermauert. Und immer wieder: konzertiert. Wir können uns das „Weiter so“ nicht mehr leisten – deshalb können wir uns auch nicht mehr leisten, die Verantwortung für die Zukunft der Bildung jenen Führungskräften zu überlassen, die vordergründig als rationale Bedenkenträger auftreten, während diese Bedenken doch nur rationalisierte Ängste sind. Ausdruck ihrer eigenen Überforderung.

Der dringende Wandel der Bildungsarbeit scheitert jetzt im Moment an der Haltung der Männer und Frauen in der so genannten „politischen Verantwortung“ – hinter denen sich alle jene versammeln, die selber von Zukunftsangst gelähmt sind. Zusammen lenken sie mit ihren Verhinderungstaktiken von ihrer eigenen Konzeptlosigkeit ab, die im Bildungsbereich eine kollektive ist. Nicht nur in der Schweiz. Gute Bildung funktioniert im Moment fast nur noch dort, wo diese Leute mit ihrer Verwaltungsdiktatur nicht mehr hinreichen.

Neben dem Widerstand braucht es also einen wuchtigen Zuwachs an Kompetenz, die über eine zivilgesellschaftliche Allianz auf den Weg kommt. Eine Vergemeinschaftung von Menschen und Institutionen, die sich für die Umsetzung jener Erkenntnisse einsetzen, die wir heute über Bildung und Lernen haben.

Auch an den im gegenwärtigen System so wichtigen Entscheidungsstellen muss rasch für den Zuwachs an Kompetenz gesorgt werden. Es darf nicht so weitergehen, dass über die Zukunft von Bildungsarbeit von Menschen entschieden wird, die sich fürs Nichthandeln entscheiden, weil es ihnen an Information, an strategischer und an Unsicherheitskompetenz fehlt – und auf diesem Hintergrund an Souveränität.

Zweiter Teil: Digitale Öffentlichkeit schaffen

Es braucht eine neue, digitale Öffentlichkeit, die auch eine zivilgesellschaftlich organisierte Kontrolle über den Verwaltungsapparatschik praktiziert.

Diese Kontrolle fällt im Moment noch völlig aus. Stimmzettel sind dafür nicht geeignet. Über die Verweigerung muss anders abgestimmt werden. Zum Beispiel dadurch, dass immer mehr Menschen sich solidarisch zusammenschliessen und ihre Kinder nicht mehr der Schule aussetzen.

Und zweitens muss neben dem fortlaufenden, professionellen digitalen Protest eine viel stärkere digitale Sichtbarkeit dessen auf den Weg kommen, was es an Bereitschaft zur Veränderung und an konkreter, gelebter Veränderung bereits gibt.

Das alles muss tatsächlich im digitalen Raum stattfinden, denn hier ist die neue Öffentlichkeit und ihr enormes Potenzial, das die Pioniere seinerzeit angetrieben hat, das Internet überhaupt zu entwickeln und allen Menschen offen zu halten!

Wir nutzen das Internet als diesen demokratischen und freien, politischen Öffentlichkeitsraum noch viel zu wenig, weil wir nach wie vor in einer Kultur des Autoritären, des Hierarchischen, des Patriarchalen unterwegs sind. Deshalb haben wir noch nicht einmal angefangen, uns digital zu verbünden und rauszugehen. Wir haben Angst.

Es geht jetzt um eine Entmachtung des patriarchalen Apparatschiks. Nicht durch Revolution oder Revolte, sondern durch eine konzertierte, souveräne, professionelle und nachhaltige Praxis. Die neue Bildung kommt dann auf den Weg, wenn wir die hohle Macht der Administrator:innen solange ins Leere laufen lassen, als sie uns nicht glaubwürdig versichern, durch Entscheidungen und durch Budgets, dass sie den Schuss gehört haben.

Solange als sie uns nicht durch TATEN glaubwürdig machen, dass sie verstanden haben, worum es jetzt geht, und dass sie ein Interesse an der Zukunft von Bildung haben – statt sie mit ihrem Gezauder zu verhindern.

Ich traue uns unbesehen zu, dass wir diesen Unterschied in dem Moment erkennen, wenn er sich zeigt.

Dritter Teil: Die Agenda für eine neue DNA von Bildung

Erstens: Die soziale Welt und Kultur wird zum Lern- und Bildungsraum. Die mentale Mauer zwischen Lern- und Lebenswelt, die das Lernen und die Bildungsarbeit von der Zivilgesellschaft und der restlichen Kultur abtrennt, wird geschleift. Das Scheinargument vom „Schutzraum des Lernens“ ist ja längst entlarvt. Lernen braucht keine speziell dafür gemachten Räume. Lernen sucht sich seine Räume – nicht umgekehrt.

Zweitens: Lernen und Bildungsarbeit werden ent-pädagogisiert und ent-didaktisiert. Das Lernen wird nicht mehr in (schulische) Bahnen gelenkt. Es wird überhaupt nicht mehr gelenkt: Das Lernen lenkt!

Drittens: Lernen und Bildungsarbeit werden als Kernaktivität lernender und sich bildender Menschen er- und anerkannt. In dieser Reihenfolge. Das beginnt als fundamentaler (Ent-)Lernprozess für jene, die bisher pädagogisch-didaktisch unterwegs sind. Dazu gibt es eine Videoserie von mir, die das Schritt für Schritt konkretisiert.

Viertens: Lernen und Bildungsarbeit werden in der Zivilgesellschaft und in ihren Kulturen verankert – als deren ureigenes Anliegen und zentrale Aufgabe. Wo die Organisation von Lernen und Bildungsarbeit delegiert werden soll, weil Lernende das wünschen, geschieht das in einem zivilgesellschaftlichen Prozess des Aushandelns. Dieses Aushandeln ist eine genuine Art von Lernen und von Bildung. Auf diese Weise wird die Verantwortung für das Lernen (wieder) von denen ausgeübt, die sie haben!

Fünftens: Wir designen die Neu-Organisation von Lernen und Bildungsarbeit als kollaborativen Lern- und Bildungsprozess, den die Zivilgesellschaft verantwortet (genossenschaftlich, auf der Ebene von Vereinen, Zünften …), nicht als ein staatliches Bildungssystem, wie wir es heute haben. Es gilt: jede dezentrale und lokale zivilgesellschaftliche Lebens- und Arbeitswelt hat das Recht und die Selbstverpflichtung, Bildungsarbeit und Lernen für ihren Lebens- und Arbeitsraum so zu organisieren und zu gestalten, wie sie es braucht. Idealerweise ist es nicht möglich, sich als Individuum oder Familie aus dieser Selbstverpflichtung komplett rauszuhalten. Die Kontrolle dieser Strukturen und Prozesse ist ganz wesentlich eine Form aktiv ausgeübter Selbstkontrolle.

Sechstens: Lernen und Bildungsarbeit entwickeln so aus sich selbst heraus eine in sich diverse und vielfältige Lern- und Bildungskultur, die sukzessive wächst, und die die traditionelle Beschulungskultur loslässt und ablöst.

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Autor: Christoph Schmitt

Bildungsaktivist | LinkedIn Top Voice | Colearner | TEDx Speaker | Bildungsdesigner | Bildungsethiker | systemischer Coach & Supervisor | Rituals Expert | Blogger | Nörgler | Ressourcenklempner. Ich unterstütze alles, was mit Aus- und Aufbrechen aus Beschulung zu tun hat. Für Jung UND Alt. Meine Kernkompetenz: Entwicklung ganzheitlich begleiten, moderieren, inspirieren.

Ein Gedanke zu „Die alte und die neue DNA von Bildung“

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