Schule steckt nicht einfach in einer Krise, die sich mit mehr Reform, mehr Steuerung oder mehr Innovation beheben liesse. Sie ist an einen Punkt gelangt, an dem ihre historische Grundform selbst fraglich wird. Nicht die Schule ist reformbedürftig, sondern die Vorstellung, dass Bildung in einer komplexen Gesellschaft exklusiv als Schule organisiert werden kann. Schule war historisch erfolgreich, weil sie Bildung bündeln, standardisieren und zertifizieren konnte. Heute zeigt sich, dass die Form selbst zum Hindernis geworden ist. Wer darauf mit weiteren Reformen antwortet, bleibt im Horizont des Problems gefangen. Nötig ist ein anderer Ausgangspunkt: die Frage, wie Bildung als öffentliche und gesellschaftliche Aufgabe künftig so organisiert werden kann, dass Kinder und Jugendliche jene Fähigkeiten, Haltungen und Orientierungen entwickeln, die sie für ein selbständiges, urteilsfähiges und verantwortliches Leben brauchen.
Der Anspruch, dass eine einzige Institution Bildung für eine ganze Gesellschaft definieren, organisieren und legitimieren könnte, ist heute hoch problematisch. Er verliert unter den Bedingungen der Gegenwart seine Plausibilität. In einer funktional differenzierten, kulturell pluralen und extrem dynamisierten Gesellschaft lässt sich Bildung nicht mehr verlässlich in einer einzigen institutionellen Logik konzentrieren. Internationale Debatten deuten längst in diese Richtung. Die UNESCO spricht bewusst von den „Futures of Education“ im Plural. Die OECD arbeitet mit einem Bildungsverständnis, das Wissen, Fähigkeiten, Haltungen, Werte und die Handlungsfähigkeit der Lernenden zusammendenkt.
Die Zukunftsfrage lautet nicht, wie Schule als bestehendes System gerettet oder optimiert werden kann. Sie lautet, wie Bildung unter Bedingungen organisiert werden kann, in denen Schule ein Akteur unter mehreren ist. Erst diese Perspektive löst die Bildungsfrage aus der Bindung an eine einzige Form. Von hier aus wird sichtbar, worauf es künftig ankommt: auf das Zusammenspiel unterschiedlicher Lernorte, Professionen und Verantwortlichkeiten. Nicht die einzelne Institution, sondern die Bildungsarchitektur als Ganze rückt ins Zentrum. Genau dort entscheidet sich, ob Kinder und Jugendliche jene Kompetenzen und Orientierungen entwickeln können, die eine offene Gesellschaft heute voraussetzt.
Bildung neu bestimmen, bevor wir Organisationen umbauen
Bildung ist grösser als Schule. Solange Bildung stillschweigend mit Schule identifiziert wird, landen alle Reformen wieder in derselben Form. Zuerst braucht es deshalb eine klare öffentliche und politische Neubestimmung dessen, was heute überhaupt als Bildung gelten soll. Nicht nur Fachwissen und prüfbare Leistung, sondern auch Urteilsfähigkeit, soziale Kompetenz, Kooperationsfähigkeit, Selbststeuerung, ethische Reflexion, kulturelle Orientierung, digitale Mündigkeit und gesellschaftliche Teilhabefähigkeit. Genau in diese Richtung weisen OECD und UNESCO, wenn sie Bildung breit als Kompetenzaufbau, Agency und gesellschaftliche Zukunftsfähigkeit fassen.
Schule von einem Monopol zu einem Knoten in einem Bildungsökosystem umbauen
Ich plädiere nicht für die Abschaffung von Schule, sondern für ihre Entmonopolisierung. Schule müsste von der allein vorausgesetzten Bildungsform zu einem verlässlichen Knoten in einem grösseren Bildungsökosystem werden. Die UNESCO arbeitet genau mit dem Begriff der learning ecosystems und beschreibt Lernen als Zusammenspiel formaler und non formaler Kontexte, Technologien, sozialer Beziehungen und gemeinschaftlicher Lernformen.
Praktisch heisst das: Schule ist künftig Teil einer Bildungsarchitektur, nicht mehr deren identische Gesamtform. Bildung wird nicht mehr nur „als Schule“ gedacht, sondern in einem Verbund von Schule, Familie, Jugendarbeit, Kulturinstitutionen, Sportvereinen, Bibliotheken, Musikschulen, digitalen Lernräumen, lokaler Wirtschaft, Sozialraum und zivilgesellschaftlichen Initiativen. Schule bleibt wichtig, aber nicht mehr exklusiv.
Nicht Institutionen isoliert reformieren, sondern Koordination organisieren
Nicht die einzelne Institution, sondern der koordinierte Bildungsraum ist die neue Basiseinheit für Bildungsarbeit. Die eigentliche Entwicklungsaufgabe liegt dann nicht mehr in der Optimierung einer einzelnen Organisation, sondern im Aufbau verlässlicher Koordinationsformen zwischen sehr unterschiedlichen Akteuren. Wer arbeitet mit wem zusammen, mit welcher Verantwortung, mit welchen Daten, mit welchen Qualitätsmassstäben, mit welchen Übergängen und mit welcher Legitimation? OECD Arbeiten zu learning organisations und Systementwicklung betonen, dass nachhaltige Verbesserung gerade dort entsteht, wo geteilte Vision, professionelle Kooperation, externe Partnerschaften und lernende Rückkopplung zusammenkommen. Das ist meines Erachtens der Schlüssel. Die künftige Bildungsfrage ist eine Frage der Koordinationsarchitektur. Bildung geschieht dann nicht in einem Klassenzimmer, sondern in einem koordinierten Geflecht verschiedener Lernorte. Die Idee von learning ecosystems stützt exakt diesen Perspektivenwechsel.
Bildung lokal entwickeln, aber öffentlich absichern
Ein Fehler wäre jetzt, die Antwort einfach an „die Gesellschaft“ oder an spontane Netzwerke zu delegieren. Das würde soziale Ungleichheit verschärfen. Das Gebote der Stunde lautet: Pluralisierung der Bildungsformen bei gleichzeitiger Sicherung öffentlicher Gewährleistung. Wenn Schule ihren Monopol-Status verliert, darf Bildung nicht privatisiert werden. Es braucht vielmehr eine neue öffentliche Gewährleistungslogik. Der Staat sollte nicht als alleiniger Vollzugsapparat auftreten sondern als Garant von Bildungszugang, Qualität, Inklusion, Finanzierung und Anerkennung. Die UNESCO betont in der Transformationsagenda genau diese Punkte von Equity, Inclusion und verlässlicher öffentlicher Verantwortung. Die Bildungslandschaften müssen plural werden, die öffentliche Verantwortung nicht schwächer, sondern intelligenter.
Entwicklung nicht top down verordnen, sondern in Reallaboren und Verbünden erproben
Die Frage „Welche Formen von Bildungsarbeit müssen jetzt entwickelt werden?“ lässt sich heute weder abstrakt noch ein für alle Mal beantworten. Sie muss in iterativen Entwicklungssettings beantwortet werden. Also dort, wo Schulen, Gemeinden, Jugendhilfe, Kultur, Wirtschaft, Eltern, Lernende und Wissenschaft gemeinsam neue Formate erproben. Nicht als Pilotprojekte ohne Folgen, sondern als echte Entwicklungsverbünde mit Mandat(en), Evaluation und gesellschaftlicher und ökonomischer Anschlussfähigkeit.
Die verzwickte Situation löst sich nicht durch mehr Schule, und auch nicht gegen Schule. Sie löst sich nur, wenn Schule ihren Exklusivanspruch verliert und in eine breitere Infrastruktur der Bildungsarbeit eingebettet wird. Die Einheit der Zukunft ist nicht mehr die Schule, sondern der verantwortlich koordinierte Bildungsverbund. Ich bringe vier Perspektiven ins Spiel:
Lernverbünde im Sozialraum
Die operative Einheit der Zukunft ist nicht mehr „die Schule“, sondern der regionale Bildungsraum. Schule bleibt wichtig, aber sie wird nicht länger als allein legitime Form von Bildung vorausgesetzt. Künftig wird sie als ein zentraler, aber nicht exklusiver Knoten in einem breiten Bildungsverbund verstanden. Internationale Debatten zu Lernökosystemen und lernenden Systemen gehen genau in diese Richtung: Lernen wird auf mehrere Kontexte, Institutionen und soziale Räume verteilt. Schulen arbeiten verbindlich mit Bibliotheken, Kulturhäusern, Vereinen, Sozialarbeit, Betrieben und Hochschulen zusammen. Kinder und Jugendliche lernen an mehreren Orten und in unterschiedlichen sozialen Rollen.
Wenn mehrere Akteure an Bildung beteiligt sind, reicht klassische Hierarchie nicht mehr aus. Entscheidend werden tragfähige Koordinationsformen: gemeinsame Ziele, verbindliche Rollen, abgestimmte Übergänge, Datennutzung mit klarer Verantwortung, Qualitätsentwicklung und gegenseitige Anschlussfähigkeit. Die Governancefrage verschiebt sich damit von der Einzelsteuerung zur Ermöglichung koordinierter Handlungsfähigkeit über Systemgrenzen hinweg. Arbeiten zu lernenden Organisationen im Bildungsbereich unterstreichen die Bedeutung geteilter Vision, Kooperation und Partnerschaften.
Diese neue Bildungsarchitektur kann nicht vollständig am Reissbrett geplant werden. Sie muss in regionalen Entwicklungsverbünden erprobt, ausgewertet und schrittweise verstetigt werden. Sinnvoll wären Bildungslabore oder Transformationsräume, in denen Schulen, Gemeinden, Wissenschaft, Praxispartner, Jugendliche und Zivilgesellschaft neue Formate gemeinsam entwickeln.
Projektförmige Kompetenzräume
Solange nur das sichtbar wird, was sich im traditionellen Prüfungsformat abbilden lässt, bleibt Bildungsarbeit strukturell verengt. Nötig sind Formen der Anerkennung, die auch Kooperation, Urteilskraft, Kreativität, Verantwortung, Ausdauer, Reflexionsfähigkeit und gesellschaftliche Handlungsfähigkeit ernst nehmen. OECD Konzepte betonen ausdrücklich die Verbindung von Wissen, Skills, attitudes and values sowie die aktive Mitgestaltung komplexer Zukünfte (OECD Learning Compass 2030 Concept Note).
Für mich das Wichtigste: Persönliche Lernpfade mit öffentlicher Anerkennung
Einheitliche Bildungsansprüche verlangen nicht mehr einheitliche Lernformate. Eine zukunftsfähige Bildungsarchitektur anerkennt, dass nicht alles zur gleichen Zeit, am gleichen Ort und im gleichen Format gelernt werden muss oder auch nur kann. Unterschiedliche Kinder, Jugendliche und Erwachsene brauchen unterschiedliche Zugänge, Tempi, Intensitäten und Kontexte. Deshalb müssen schulische, ausserschulische, digitale, projektförmige, kulturelle, handlungsorientierte und soziale Lernformen systematisch kombiniert werden. Das entspricht auch der internationalen Bewegung weg von reiner Stoffvermittlung hin zu breiteren Kompetenz und Agency-Modellen.
Professionen in multiprofessionellen Teams
Die Profession der Zukunft ist nicht der isolierte Lehrerberuf, sondern das koordinierende Bildungsteam. Lehrpersonen allein können die heutige Bildungsaufgabe nicht tragen. Künftig braucht es multiprofessionelle Konstellationen aus Pädagogik, Sozialpädagogik, Psychologie, Kulturvermittlung, Berufsorientierung, digitaler Didaktik und Praxispartnern. Schule wird damit weniger ein Ort singulärer Lehrzuständigkeit und stärker ein Ort professionell koordinierter Bildungsarbeit. Lernende Organisationen im Bildungsbereich leben gerade von solchen Formen professioneller Kooperation.
Eine neue gesellschaftliche Erzählung von Bildung schaffen
Am Ende ist die Herausforderung nicht nur organisatorisch, sondern kulturell und politisch. Neue Bildungsformen werden erst tragfähig, wenn sie gesellschaftlich als Bildung anerkannt werden. Solange breite Teile der Öffentlichkeit Bildung nur dort erkennen, wo Schule im klassischen Sinn sichtbar wird, bleiben alternative Bildungsformen randständig. Es braucht daher eine neue gesellschaftliche Erzählung: Bildung als gemeinsame Entwicklungsleistung einer pluralen Gesellschaft, nicht als exklusives Produkt einer einzigen Institution. UNESCOs Zukunftsperspektive auf Bildung im Plural ist dafür ein wichtiger Referenzpunkt.
Der Weg?
Am Anfang steht nicht die Reform einzelner Stundenpläne, sondern eine politisch und kulturell sichtbare Entkopplung von Bildung und Schule. Dann braucht es vielfältige regionale Bildungsallianzen mit echtem Mandat. Dann neue Anerkennungsformen für Lernen jenseits des Klassenzimmers. Und schliesslich eine neue Professionalisierung, in der Lehrpersonen nicht mehr Stoffvermittler sind, sondern Mitgestalter von Lernarchitekturen.
Der härteste Punkt ist wahrscheinlich dieser: Solange Gesellschaft Bildung nur dort erkennt, wo Schule draufsteht, wird jede Alternative randständig bleiben. Die eigentliche Arbeit ist daher nicht nur organisatorisch, sondern semantisch und politisch. Es muss gesellschaftlich sagbar, plausibel und legitim werden, dass Bildung in einer Epoche komplexer Lebenswelten auch alternative Formen braucht.
Die Antwort auf die Krise der Schule liegt nicht in der Perfektionierung ihres Monopols, sondern im Aufbau einer neuen Bildungsarchitektur, in der unterschiedliche Orte, Professionen und Formate gemeinsam jene Bildungsleistungen tragen, die die Einzelform Schule nicht mehr verlässlich hervorbringen kann.
Ein über mehrere Jahre erprobtes Framework für so einen Weg hat die colearning community in Bern entwickelt und als Open Source zur Verfügung gestellt:

