Lernen im Survival Modus. Was KI über die Kompetenzen von Jugendlichen sichtbar macht

Wenn Jugendliche im Kontext von Schule künstliche Intelligenz nutzen, richtet sich der pädagogische Blick häufig auf vermeintliche Defizite: zu wenig kritisch, zu oberflächlich, zu abhängig. Ich schlage eine andere Lesart vor und betrachte die Art der KI Nutzung nicht als Problem, sondern als Fenster auf ein Kompetenzrepertoire, das Schülerinnen und Schüler im Verlauf ihrer Schulzeit entwickeln, um in einer von Bewertung, institutionellen Erwartungen und Anpassungsdruck geprägten Ordnung handlungsfähig zu bleiben. Junge Menschen müssen ganz andere Kompetenzen als jene im Lehrplan entwickeln, um Schule zu bewältigen. Wer genauer hinschaut, erkennt deshalb hinter der alltäglichen Praxis der KI Nutzung nicht mangelnde Reflexion, sondern kontextsensible Strategien, mit denen Lernende Unsicherheit bewältigen, Anforderungen interpretieren und ihre Position im System Schule sichern.

Schule als Kontext der KI Nutzung

Die Diagnose mangelnder KI Kompetenz bei Jugendlichen verkennt häufig den Kontext, in dem diese Nutzung stattfindet. Schule ist ein eigenständiges soziales System, das Handlungen entlang von Leistungs-, Bewertungs- und Selektionslogiken organisiert.

Aufgaben, Interaktionen und Produkte gehen aus schulischen Strukturen und Prozessen hervor. Sie verdanken ihnen ihre Form, Zielsetzung und Bedeutung. Sie entstehen nicht aus eigenständigen Problemstellungen der Jugendlichen, sondern aus schulischen Erwartungen, Regeln und Deutungsmustern, die das Handeln junger Menschen im Kontext Schule rahmen und definieren. Damit verschiebt sich der Referenzpunkt von Lernen und von Kompetenzentwicklung: Nicht die Bedeutsamkeit einer Frage oder Herausforderung begründet die Situation, sondern ihre Passung zu schulischen Formaten und Bewertungslogiken.

Diese Struktur begünstigt den Einsatz generativer KI als funktionale Abkürzung. Erst recht wenn Aufgaben primär auf reproduzierbare Formate, erwartbare Antworttypen und klar definierte Bewertungskriterien ausgerichtet sind, entsteht für Lernende eine Situation, in der das zentrale Problem weniger in der eigenständigen Klärung einer Frage liegt als in der effizienten Herstellung eines formal passenden Produkts. Generative KI bietet hierfür eine unmittelbar verfügbare Ressource. Sie liefert schnell strukturierte, sprachlich kohärente und formatnahe Antworten, die sich an schulischen Erwartungsmustern orientieren lassen. Der Rückgriff auf KI erscheint unter diesen Bedingungen nicht als Vermeidung von Lernen, sondern als nachvollziehbarer Versuch, Unsicherheit zu reduzieren, Anforderungen zu antizipieren und den Aufwand formaler Anpassung zu minimieren. 

Auch Schülerinnen und Schüler verfügen nur begrenzt über zeitliche, mentale und emotionale Ressourcen.

Kompetenzen im Survival Modus Schule

Um sich in diesem spezifisch schulischen Gefüge orientieren zu können, handlungsfähig zu werden und Anerkennung zu sichern, brauchen Schülerinnen und Schüler also ein ganzes Bündel spezifischer Kompetenzen. Diese bilden sie im schulischen Alltag fortlaufend aus und weiter, nicht weil sie explizit im Lehrplan stehen oder als offizielles Bildungsziel ausgewiesen sind, sondern weil sie notwendig sind, um schulischen Erwartungen gerecht zu werden, um Anforderungen zu bewältigen und um innerhalb der schulischen Ordnung handlungsfähig zu bleiben.

Lernende entwickeln die Fähigkeit, Erwartungen zu antizipieren, Aufgabenformate zu interpretieren und eigene Beiträge strategisch auf Bewertungssituationen auszurichten. Gleichzeitig entsteht eine ausgeprägte Selbstregulationskompetenz, die den Umgang mit Unsicherheit, Leistungsdruck und sozialer Sichtbarkeit umfasst. Hinzu kommen Sensibilität für implizite Normen, ein Gespür für das Timing von Beiträgen, Risikomanagement bei Fehlleistungen sowie situative Anpassungsfähigkeit an wechselnde Anforderungen.

Die Entwicklung einer reflexiven Deutungskompetenz ermöglicht es zudem, Rückmeldungen von Lehrpersonen einzuordnen, ihre Zuschreibungen zu verarbeiten und das eigene Handeln im Spannungsfeld von fachlicher Bearbeitung und sozialer Positionierung zu steuern, sprich um schulischen Anforderungen so gut wie möglich und immer besser gerecht zu werden.

KI Nutzung reiht sich in dieses Kompetenzgefüge ein. Sie wird ein Teil von Ressourcenmanagement, Entscheidungsstrategien und Aufgabendeutung und erweitert bestehende Fähigkeiten vor allem in der Navigation schulischer Anforderungen.

KI Nutzung als Ausdruck strukturell unsichtbarer Kompetenzen


Vor diesem Hintergrund greift die verbreitete Rede von unreflektierter oder inkompetenter KI Nutzung zu kurz. Sichtbar wird vielmehr eine Praxis, in der Schülerinnen und Schüler die KI in ihre bestehenden Strategien der Aufgabenerledigung, Ressourcennutzung und in die Bearbeitung der unzähligen Ansprüche und Erwartungen integrieren. Dabei entstehen Kompetenzen

  • der situativen Einschätzung von Werkzeugen: Wann ist KI hilfreich, wann ein Lehrmittel, wann eine eigene Notiz?
  • der Kombination unterschiedlicher Informationsquellen: Hefteintrag, Lehrmittel, Internet und KI Antwort miteinander abgleichen und ergänzen
  • der Bewertung einer Passung zwischen Aufgabe und Output: Entspricht die generierte Antwort Umfang, Sprachstil und fachlicher Ausrichtung der Aufgabe?
  • sowie der Entscheidung, wann Übernahme, Anpassung oder Distanzierung sinnvoll ist: Was kann direkt verwendet werden, was muss umformuliert werden, was ist fachlich unpassend?

Diese Kompetenzen bleiben für das System Schule unsichtbar, weil sie im Modus alltäglicher Bewältigung entstehen und nicht als eigenständige Lernleistung markiert werden.


Ressourcen und Voraussetzungen in der jugendlichen Lebenswelt

Die Entwicklung solcher Kompetenzportfolios ist alles andere als voraussetzungslos. Sie gelingt umso besser, als Schülerinnen und Schüler in ihren Lebenswelten ausserhalb von Schule auf bestimmte Ressourcen in ihrem Umfeld zurückgreifen können, denn auch das Erbringen anspruchsvoller Anpassungs- und Deutungsleistungen braucht bestimmte Bedingungen.

Dazu gehören psychologische Sicherheit und verlässliche Bindungen, die Fehler ohne dauerhafte Beschämung erlauben. Ebenso wichtig sind sprachliche und soziale Unterstützung, um Erwartungen zu klären, Rückmeldungen einzuordnen und Konflikte zu verarbeiten. Hinzu kommen ausreichende Ressourcen wie Zeit, Ruhe, Raum und gesundheitliche Stabilität, damit Selbstregulation gelingen kann. Bedeutsam sind auch Vorbilder gelingender Bewältigung, also Erwachsene, die zeigen, wie man mit Druck, Kritik und Ungewissheit konstruktiv umgeht.

Diese Voraussetzungen wirken nicht als Garantie, sondern als Ermöglichungsbedingungen dafür, dass Kinder und Jugendliche die Kompetenzen entwickeln, die sie benötigen, um im „Survival Modus Schule“ handlungsfähig zu bleiben.

Unsichtbarkeit als strukturelles Phänomen

Dass diese Kompetenzen häufig unsichtbar bleiben, hat strukturelle Gründe. Schule beobachtet Handlungen Lernender vor allem unter der Perspektive von Leistung, Produkt und Bewertung. Prozesse situativer Anpassung, strategischer Ressourcennutzung und der Bearbeitung schulischer Erwartungen entziehen sich dieser Beobachtungslogik, weil sie nicht explizit eingefordert, beschrieben oder bewertet werden. Sie werden vom System eiskalt vorausgesetzt.

KI Nutzung erscheint hier primär als unlauteres Mittel zur Aufgabenerfüllung und nicht als Ausdruck komplexer Entscheidungs- und Deutungsleistungen, die darauf abzielen, Anforderungen zu antizipieren, Unsicherheit zu reduzieren und die Passung eigener Beiträge zu schulischen Erwartungsstrukturen herzustellen. So entsteht die für Schule typische Form der Wahrnehmung, die Produkte sieht, aber die dahinterliegenden Navigationsleistungen nicht erfasst.

Dies gilt umso mehr, als die schiere ökonomische Notwendigkeit dieses Handelns ausgeblendet bleibt: Das von Schülerinnen und Schülern praktizierte Ressourcenmanagement stellt unter den gegenwärtigen schulischen Anforderungen eine zentrale Voraussetzung dar, um Arbeitsaufwand zu bewältigen, Zeit zu koordinieren und dauerhaft handlungsfähig zu bleiben.

Perspektiven für eine Lernumgebung im KI Zeitalter

Vor dem Hintergrund dieser strukturellen Verschiebung stellt sich die Frage, wie eine zeitgemässe Lernumgebung im KI Zeitalter eigentlich gestaltet sein müsste.

Sie würde schulische Praxis nicht primär über Bewertung, Selektion und Vergleich organisieren, sondern über gemeinsame Problemorientierung, dialogische Reflexion und die bewusste Entwicklung von Urteilskompetenz. Lernende könnten KI als epistemisches Werkzeug nutzen, um Fragen zu klären, Perspektiven zu erweitern, Unsicherheiten sichtbar zu machen und eigene Denkprozesse zu vertiefen. Schule würde damit Räume schaffen, in denen Prompting Literacy, Verifikationskompetenz, kritische Quellenarbeit, digitale Diagnostik und epistemische Reife explizit thematisiert, eingeübt und wertgeschätzt werden.

Bis es soweit ist, lernen junge Menschen in der Schule weiterhin vor allem, wie sie mit Schule klarkommen.

Einordnung

Die „Survival Skills“ entstehen nicht als beabsichtige Ergebnis schulischer Anforderungen, sondern als eigenständige Leistungen von Schülerinnen und Schülern im Versuch, sich innerhalb schulischer Erwartungsstrukturen zu orientieren und zu behaupten. Entsprechend bleiben sie als Fähigkeiten unbeachtet, werden nicht reflektiert und erfahren keine Anerkennung als bedeutsame Fähigkeiten, die über den schulischen Kontext hinaus biografische Relevanz besitzen.

Gleichwohl handeln Lernende damit nicht defizitär. Vielmehr entwickeln sie komplexe Anpassungs- und Deutungsleistungen innerhalb einer Ordnung, in der Bewertung zum zentralen Massstab von Bedeutung wird und permanenter Anpassungsdruck die Realität bildet.

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Autor: Christoph Schmitt

Bildungsaktivist | LinkedIn Top Voice | Colearner | TEDx Speaker | Bildungsdesigner | Bildungsethiker | systemischer Coach & Supervisor | Rituals Expert | Blogger | Nörgler | Ressourcenklempner. Ich unterstütze alles, was mit Aus- und Aufbrechen aus Beschulung zu tun hat. Für Jung UND Alt. Meine Kernkompetenz: Entwicklung ganzheitlich begleiten, moderieren, inspirieren.

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