Pausenlos wird uns in Talkshows, Podcasts und pädagogischen Debatten erklärt, wir seien zu schwach für die Verlockungen der Gegenwart. Bildschirme, Plattformen und Nachrichten würden unser Dopamin kapern und unsere Aufmerksamkeit zerstören. Doch diese Erzählung sagt weniger über unser Gehirn aus als über ein Menschenbild, das Gefühle als Risiko versteht. Der Dopamin-Mythos übersetzt eine Leistungsideologie in Alltagssprache und macht aus menschlicher Bedürftigkeit ein Problem der Selbstkontrolle, während unsere Gefühle in Wahrheit nach Resonanz, Beziehung und einer Heimat suchen.
Die Erfindung des Dopaminschrecks
Der tragische Held dieser Geschichte ist der Dopaminschreck. Er macht uns anfällig für all diese Angebote da draussen, die uns ablenken von Wesentlichem und die unsere Aufmerksamkeitsspanne zerstören. Besonders betroffen seien, so heisst es, die Kinder. Diese armen Kinder, ausgeliefert an die Manipulation sozialer Medien, Netzwerke und Plattformen, schutzlos gegenüber einer Technologie, die stärker sei als ihr eigener Wille.
Diese Erzählung wirkt deshalb so überzeugend, weil sie ein einfaches Muster anbietet: Auf der einen Seite stehen die Reize, auf der anderen die schwachen Menschen. Dazwischen liegt ein chemischer Botenstoff, der zur Erklärung für kulturelle, pädagogische und soziale Verunsicherung wird. Die Komplexität menschlicher Erfahrung schrumpft auf einen neurobiologischen Mechanismus zusammen.
Was bleibt, ist ein moralisch aufgeladener Verdacht gegen das eigene Empfinden.
Dabei geschieht zunächst etwas völlig Gewöhnliches. Gefühle reagieren auf Welt. Sie suchen Resonanz. Sie bewegen sich dorthin, wo Beziehung möglich scheint. Mäandernde Aufmerksamkeit ist kein Defekt, sondern Ausdruck von Interesse. Neugier ist keine Störung, sondern eine Form der Öffnung zur Welt.
Selbstkontrolle als Währung
Das Gespenst vom Dopaminschreck und von der schwindenden Kontrolle über unsere Impulse ist keine Diagnose. Da wird ein neoliberales Leistungsideal auf unsere Gefühle angesetzt, das uns einredet, wir müssten eine vermeintliche Schwäche in den Griff bekommen.
Diese moralische Flüstertüte spricht leise, aber unaufhörlich: Du musst dich im Griff haben. Du musst deine Bedürfnisse regulieren. Du musst lernen, dich zu steuern, um nicht abhängig zu werden von Bildern, Nachrichten und Zerstreuung. So verwandelt sich Selbstfürsorge in Selbstüberwachung. Gefühl wird zum Risiko, das kontrolliert werden muss.
Im Kontext von Schule entfaltet dieses Narrativ eine besondere Wirksamkeit. Wenn Aufmerksamkeit als knappe Ressource gilt, erscheint alles legitim, was sie diszipliniert. „Nehmt ihnen den Dopaminschreck weg, damit sie mehr leisten können!“ Aufmerksamkeit wird zur Währung, sie gilt nicht mehr als eine Folge von Sinn, Beziehung oder Interesse.
Warum wir diese Geschichte glauben wollen
Auffällig ist nicht nur die Hartnäckigkeit dieser Erzählung, sondern auch unsere Bereitschaft, sie zu akzeptieren. Wir fragen selten, warum wir für dieses Narrativ so empfänglich sind; warum wir dazu neigen, Studien selektiv zu lesen und jede Beobachtung als Bestätigung einer bereits feststehenden Diagnose zu verstehen; warum die Vorstellung beruhigend wirkt, dass das Problem im Gehirn liegt.
Die Antwort liegt möglicherweise darin, dass der Dopamin-Mythos entlastet. Wenn Gefühle biochemische Fehlsteuerungen sind, müssen wir uns nicht mit ihrer Bedeutung auseinandersetzen. Wir müssen dann nicht fragen, warum so viele Menschen Unruhe, Langeweile oder Überforderung empfinden. Es genügt, an der Regulation zu arbeiten.
Doch Gefühle lassen sich nicht einfach runterregulieren, weil sie keine Fehlfunktion sind. Sie sind Hinweise. Sie zeigen an, wo etwas fehlt, wo etwas gesucht wird, wo Verbindung möglich oder verloren gegangen ist.
Gefühle ohne Heimat
Was in der Leistungsideologie keinen Platz hat, ist Bedürftigkeit. Gefühle erscheinen dort lediglich als Belohnungsmechanismus, als neurochemischer Anreiz für produktives Verhalten. In dieser Reduktion verlieren sie ihre eigentliche Bedeutung. Sie werden funktional, messbar, optimierbar. Und genau dadurch werden sie heimatlos.
Oder umgekehrt: weil unsere Gefühle heimatlos geworden sind, glauben wir dieser neoliberalen Idee, bei der es darum geht, sich selber in den Griff zu bekommen, sich zu konzentrieren auf ein Ziel, etwas zu leisten, statt dem schnöden Lustprinzip zu folgen. Das ist die Ideologie.
Doch Gefühle funktionieren nicht nach dem Effizienzprinzip. Sie suchen Resonanz. Sie wollen sich binden, an Menschen, an Dinge, an Erfahrungen, an Welt. In dieser Suche liegt keine Schwäche, sondern eine grundlegende menschliche Fähigkeit zur Beziehung.
Die Logik des Erfolgs als Ersatz für Zugehörigkeit
Die Leistungsideologie kann diese Perspektive nicht zulassen, weil sie Zugehörigkeit an das Leistungsparadigma knüpft. Sie behauptet Ankommen, in Verbindung sein, Dazugehören sei das Ergebnis von Leistung. Erst Achievement, dann Anerkennung. Erst Kontrolle, dann Entlastung.
So entsteht ein paradoxes Versprechen. Wer genug leistet, erhält für einen Moment Ruhe vor der Angst, nicht zu genügen. Die Belohnung ist keine Heimat, sondern eine kurze Unterbrechung der Unsicherheit.
Das erklärt die Beharrlichkeit des Dopamin-Mythos. Er bietet eine einfache Erklärung für ein komplexes Unbehagen.
Die unbequeme Alternative wäre eine andere: Gefühle nicht als Problem zu behandeln, sondern als Hinweis darauf, dass wir Resonanz brauchen. Nicht weniger Gefühl, sondern mehr Orte, an denen Gefühle wirklich eine Heimat finden. Dafür sind sie nämlich da.
… und hier noch ein interessanter Kommentar dazu auf LinkedIn
„Eine Ergänzung zur Geschichte von Dopamin selbst:
– Bereits in den 1920er-Jahren wurde Dopamin im Kontext von Motivation, Antrieb und Steuerbarkeit diskutiert – verbunden mit der Idee, dass Verhalten biologisch regulierbar sei.
– Daraus entstand früh die Logik: Wenn man neurobiologische Prozesse regulieren kann, wird der Mensch steuerbar.
– Diese Logik hat sich besonders im Bildungssystem festgesetzt, weil Schule auf Vergleichbarkeit, Planbarkeit und Normierung ausgelegt wurde.
– 1933 wurde dieses Denken nicht erfunden, sondern politisch verdichtet und instrumentalisiert.
– Nach 1945 verschwand die kriegsorientierte Ideologie – die bildungsbezogene Steuerungslogik jedoch blieb bestehen.
– Dabei wird ausgeblendet, dass Dopamin kein isolierbarer „Belohnungsstoff“ ist, sondern Teil eines systemischen Zusammenspiels im Körper.
– Dopamin lässt sich biologisch nicht aus seiner Ordnung herauslösen, ohne das Gesamtsystem zu verzerren.
– Trotzdem wird versucht, es zu regulieren, weil diese Systemhaftigkeit nicht in ein perfektionistisches, funktionales Lern- und Leistungsdenken passt.
– Was hier wirkt, ist keine alte Ideologie in neuem Gewand, sondern eine fortgesetzte Ideologie der Steuerbarkeit – heute getrieben von Perfektionismus.“
