Ein auf LinkedIn geposteter Beitrag behauptet, Kinder würden durch den Umgang mit Smartphones und Social Media denselben Gefahren ausgesetzt wie bei einer Autofahrt mit 200 Stundenkilometern (Quelle unten 👇). Der Autor konstruiert daraus ein dramatisches Bedrohungsszenario: Kinder seien ungeschützt, unreif und ohne Anleitung unterwegs in einer digitalen Welt, die darauf angelegt sei, sie abhängig zu machen. Zugleich erhebt er einen pauschalen Vorwurf an ein konstruiertes „Wir“. Wir würden Kinder bewusst Geräte(n) und Anwendungen überlassen, die suchtoptimiert gestaltet seien, ohne Verantwortung zu übernehmen oder Schutzmassnahmen zu treffen.
Schlafmangel, Konzentrationsstörungen, mangelnder Selbstwert und Orientierungslosigkeit Jugendlicher seien unmittelbare Folgen des Umgangs mit digitalen Medien. Gesellschaftliche, schulische oder psychosoziale Einflussfaktoren bleiben ausgeblendet.
Aus dieser Diagnose leitet der Autor drei scheinbar einfache Lösungen ab.
Erstens sollen private Smartphones vollständig aus der Schule verbannt werden. Angeblich nicht aus Technikfeindlichkeit, sondern um die „Kindheit zu retten“.
Zweitens fordert er, Social-Media-Zugänge gesetzlich an den Jugendschutz zu koppeln und nach ausländischen Modellen die Anbieter in die Verantwortung zu nehmen.
Drittens soll Medienkompetenz ausschliesslich über schulisch kontrollierte und gefilterte Endgeräte vermittelt werden, nach dem Vorbild des Autofahrens: erst Übungsplatz, dann Führerschein, dann Strasse.
Der Beitrag folgt damit einem klaren Deutungsmuster:
Digitale Technologien erscheinen als Hauptgefahr für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen, Eltern als verantwortungslose Ermöglicher, Schule als rettende Autorität.
Solche Narrative, Analogien und Forderungen tragen weder inhaltlich, noch logisch, noch pädagogisch.
Es ist ein vertrautes Muster: Wo eine Gesellschaft an die Grenzen ihrer eigenen Steuerungsfähigkeit gelangt, entstehen moralische Paniken. Was früher Rockmusik, Comics oder Videospiele waren, sind heute Smartphones und soziale Medien. In diesen Debatten wird nicht nach Ursachen, sondern nach Schuldigen gesucht, und meist trifft es das technisch Neue.
Der falsche Vergleich
Das Bild vom Kind, das „ein Auto fährt“, wenn es ein Smartphone benutzt, ist rhetorisch wirksam, logisch jedoch unhaltbar.
- Erstens: Ein Auto ist ein physisches Objekt, das mit hohem Risiko Leben gefährdet; ein Smartphone ist ein Medium, das symbolische Räume öffnet.
- Zweitens: Autofahren verlangt standardisierte Abläufe und Regelkenntnis – Kommunikation in digitalen Räumen ist situativ, sozial und kulturell kontextabhängig.
- Drittens: Geschwindigkeit ist in der Metapher wörtlich gemeint (200 km/h), während digitale „Geschwindigkeit“ eine Metapher für Informationsdichte ist. Wer diese Ebenen gleichsetzt, verfehlt jede begriffliche Präzision.
- Viertens: Ein Führerschein ist ein staatlich geregelter Kompetenznachweis; Medienkompetenz dagegen ist kein Prüfungswissen, sondern ein Prozess sozialer Aushandlung.
- Fünftens: Die Metapher verkehrt Verantwortung. Autofahren ist ein kontrollierter Akt im Verkehrssystem; digitale Kommunikation ist ein relationaler Prozess in sozialen Räumen. Wer beides gleichsetzt, verwechselt Technikgebrauch mit kultureller Teilhabe.
Diese Analogie scheitert somit auf logischer, semantischer und anthropologischer Ebene. Sie emotionalisiert, wo differenzierte Reflexion nötig wäre.
Moralische Panik als Struktur
Die Rede vom „wir“, das „unsere Kinder“ schutzlos „durch eine Welt voller Gefahren“ rasen lässt, ist kein Appell, sondern eine Projektion. Sie verallgemeinert und moralisiert, ohne empirische Grundlage. Millionen Eltern begleiten ihre Kinder heute sehr bewusst durch digitale Räume, und zwar reflektierter, als es die Schule Stand heute auf die Reihe bringt.
“Medice, cura te ipsum.”
Ein Satz wie „Wir geben ihnen Geräte, gebaut, um abhängig zu machen“ folgt einer Rhetorik der Entmündigung: Kinder erscheinen als passive Opfer, Eltern als Versager, Technik als dämonische Macht.
Doch diese Dramaturgie lenkt ab von den realen Ursachen jugendlicher Überforderung: von Prüfungsdruck, Mobbing, sozialer Isolation, Lehrpersonenmangel, überfüllten Klassen, psychischer Belastung und dem strukturellen Versagen eines Schulsystems, das bis heute kaum Resonanzräume bietet.
Das eigentliche Problem: ein analoges System in einer digitalen Welt
Schule ist die letzte grosse Analogmaschine in einer digital vernetzten Gesellschaft. Sie organisiert Lernen nach Fächern, Zeitrastern und Bewertungssystemen, die mit der Lebensrealität junger Menschen kaum noch kompatibel sind.
Die Reaktion auf diese Kluft ist nun aber nicht Innovation, sondern Restriktion: Verbote, Filtersysteme, kontrollierte Endgeräte.
Diese Kontrolle verschleiert die eigene Hilflosigkeit. Wenn Schule Medienkompetenz über „schulisch administrierte Endgeräte“ vermitteln will, institutionalisiert sie Überwachung und Zensur und nennt es Jugendschutz.
Lernen funktioniert nicht über Kontrolle, sondern durch Beziehung, Erfahrung und Verantwortung. Kinder lernen Medienkompetenz nicht durch gefilterte Übungsplätze, sondern durch begleitetes Erkunden realer digitaler Räume.
Der autoritäre Reflex
Die Forderung, private Smartphones aus Schulen zu verbannen, ist kein pädagogisches Konzept, sondern ein autoritärer Reflex.
In demokratischen Gesellschaften ist der Eingriff in persönliches Eigentum und individuelle Kommunikationsräume rechtlich wie ethisch hoch problematisch. „Kindheit ist nicht verhandelbar“, heisst es da. Doch wenn das stimmt, dann müsste zuerst das bestehende Schulsystem zur Disposition stehen: jenes System, das Kindheit systematisch verplant, standardisiert und evaluiert.
Kindheit wird nicht durch Technologie bedroht, sondern durch Strukturen, die Kindern keine Stimme geben.
Die Illusion der Altersgrenze
Kaum ein Vorschlag klingt harmloser als jener, Social-Media-Zugänge oder Smartphone-Nutzung an Altersgrenzen zu knüpfen. Doch hinter dieser scheinbar pragmatischen Idee steckt ein massiver Eingriff in Freiheits- und Persönlichkeitsrechte. In einem Rechtsstaat kann der Staat nicht darüber entscheiden, welche Kommunikationsformen oder digitalen Räume Kinder in der Obhut ihrer Eltern nutzen dürfen. Das ist keine Frage der Technik, sondern der Grundordnung: Verantwortung für Erziehung und Begleitung liegt in erster Linie bei den Eltern, nicht bei staatlicher Kontrolle.
Darüber hinaus ist die Idee einer fixen Altersgrenze unhaltbar. Kinder entwickeln sich nicht nach Kalenderjahren, sondern in relationalen, sozialen und kulturellen Kontexten. Der Versuch, einheitlich festzulegen, ab wann ein Mensch „reif genug“ für digitale Kommunikation ist, ist so absurd wie der Versuch, ein fixes Alter für Freundschaft, Verantwortung oder Trauer zu definieren.
Schliesslich ist eine solche Regelung auch praktisch nicht durchsetzbar. Digitale Räume sind keine umzäunten Spielplätze, sondern globale Infrastrukturen. Jede Sperre lässt sich umgehen, jede App neu aufrufen, jeder Account neu anlegen. Was bleibt, ist Symbolpolitik: der Versuch, Kontrolle zu simulieren, wo Bildung, Beziehung und Vertrauen gefordert wären.
Ein Staat, der Kindheit durch Zugangsbeschränkung schützen will, handelt nicht fürsorglich, sondern bevormundend. Er produziert und potenziert genau jene Ohnmacht, die er zu verhindern vorgibt.
Der Diskurs der Angst
Der Diskurs über Social Media ist längst zu einem Angstdiskurs geworden. Seine Grammatik ist die des Fundamentalismus: Er braucht klare Feindbilder, einfache Lösungen, moralische Reinheit.
Doch Angst ist keine Bildungsstrategie. Was Kinder und Jugendliche wirklich gefährdet, ist nicht der Kontakt mit Technologie, sondern das Fehlen einer Gesellschaft, die ihnen zutraut, mit Technologie verantwortungsvoll umzugehen.
Das Gebot der Stunde lautet, Beziehung, Sinn und Teilhabe in der Gegenwart neu zu gestalten. Digitale Räume sind für viele Jugendliche nicht die Ursache ihrer Einsamkeit, sondern ihr einziger verbliebener Resonanzraum. Hier liegt der Hund begraben.
Rationalität statt Kreuzzug
Wenn ein System wie die Schule, das selbst in sich autoritär und hierarchisch organisiert ist, plötzlich zum Wächter moralischer Reinheit in digitalen Räumen wird, offenbart das keinen Jugendschutz, sondern Selbstverteidigung. Was als Fürsorge auftritt, ist in Wahrheit ein Kampf um Deutungshoheit.
Ein Diskurs müsste anders beginnen:
- Er müsste anerkennen, dass digitale Sozialität eine Erweiterung menschlicher Kommunikationsformen ist, keine Degeneration.
- Er müsste akzeptieren, dass Medienkompetenz kein Verwaltungsakt ist, sondern eine Beziehungsleistung
- Er müsste aufhören, Technologie als Bedrohung zu behandeln, und beginnen, sie als Bildungsgegenwart zu begreifen.
- Er müsste Kinder und Jugendliche nicht vor der Welt schützen, sondern befähigen, sie mitzugestalten.
Die Verteufelung digitaler Medien ist keine Sorge um das Kind, sondern ein Symptom gesellschaftlicher Überforderung.
Solange Schule Kontrolle über Freiheit stellt, Moral über Erkenntnis, und Angst über Verantwortung, bleibt sie Teil des Problems.
Wenn Erwachsene wirklich Verantwortung übernehmen wollen, dann nicht, indem sie Kindern Geräte wegnehmen, sondern indem sie endlich lernen, mit ihnen gemeinsam in dieser Welt zu leben.
