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Die psychische Gesundheit von Lernenden und Lehrenden (!) konnte sich zum Glück in den letzten Jahren als Thema im Bildungsbereich etablieren. Schulen sehen sich vermehrt mit Herausforderungen konfrontiert, die über ihren traditionell vermuteten Bildungsauftrag hinausgehen. Sie müssen die Beanspruchungen aus den Lebenswelten der Kinder und Jugendlichen auffangen, gleichzeitig sollen sie vermeiden, selbst zu einem stressverstärkenden Faktor zu werden. Während die steigenden Belastungen bei den Betroffenen immer besser dokumentiert sind, bleiben Diagnostik, Intervention und strukturelle Anpassungen oft unzureichend. Dieser Blog Post arbeitet sich zu nachhaltigen Lösungsansätzen durch.
Zunahme psychischer Belastungen
Untersuchungen von Pro Juventute, Oskar Jenni und Kathrina Maag-Merki machen die signifikante Zunahme psychischer Probleme bei Kindern und Jugendlichen sichtbar. Mitverantwortlich für diese Probleme sind unter anderem gesellschaftliche Entwicklungen wie die zunehmende Digitalisierung, steigende schulische Anforderungen und veränderte familiäre Strukturen.
Lehrpersonen berichten immer häufiger von herausforderndem Verhalten bei ihren Schüler:innen, das jedoch nicht nur individuelle, sondern auch kontextuelle Ursachen hat. Während einige Kinder unter einem hohen Leistungsdruck leiden, zeigt sich bei anderen eine mangelnde schulische Resilienz, die durch instabile soziale Bedingungen verstärkt wird.
Ein weiteres Problem ist der Einfluss sozialer Medien auf die psychische Verfassung von Kindern und Jugendlichen. Die ständige Verfügbarkeit digitaler Plattformen fördert Vergleiche, soziale Isolation und Stress. Insbesondere Jugendliche sind vermehrt mit Cybermobbing konfrontiert, was ihre schulische Leistungsfähigkeit und ihr emotionales Wohlbefinden beeinträchtigt. Schulen stehen vor der Herausforderung, diesen neuen Belastungsfaktoren mit angemessenen Strategien zu begegnen.
Mangelhafte Abklärungspraxis
Eine nächste Herausforderung besteht in der oft unzureichenden Differenzierung zwischen individuellen und systemischen Ursachen psychischer und somatischer Belastungen. In der schulischen Praxis wird auffälliges Verhalten häufig auf die individuelle Ebene des Kindes reduziert, ohne dessen Kontext – sei es die Familie, die Peergroup oder die schulische Umgebung – systematisch zu analysieren.
Eine klare Unterscheidung zwischen individuellen gesundheitlichen Voraussetzungen und kontextuell ausgelösten Belastungen wird selten vorgenommen. Dies führt zu unzureichenden oder sogar kontraproduktiven Massnahmen: Statt ganzheitlicher Unterstützung erhalten Kinder und Jugendliche oft standardisierte Förderprogramme oder werden in Sonderstrukturen überführt, ohne dass die eigentlichen Ursachen ihres Verhaltens adressiert werden.
Auch Lehrkräfte fühlen sich oft überfordert, da sie für psychologische Abklärungen und den Umgang mit auffälligem Verhalten nicht ausreichend geschult sind. Ihnen fehlen oft die Werkzeuge, das Wissen, die Unterstützung und die Zeit um zu erkennen, wann und wie eine professionelle Intervention notwendig ist. Dies führt dazu, dass Kinder zu spät oder gar nicht die Unterstützung erhalten, die sie brauchen.
Schule als Teil des Problems
Nicht selten ist es die Schule selbst, die durch starre Strukturen, hohe Leistungsanforderungen und eine mangelnde Berücksichtigung individueller Lernbedürfnisse psychische Belastungen bei Lernenden und Lehrenden verstärkt. Schulen sind vielerorts nach wie vor nach einem uniformen Prinzip organisiert, das Heterogenität als Problem statt als Chance begreift.
Lehrpersonen stehen unter wachsendem Druck, einen autoritativen Lehrplan „einzuhalten“, sich gleichzeitig mit immer komplexer werdenden sozialen Herausforderungen in den Klassenzimmern auseinanderzusetzen und den gestiegenen Erwartungen an ihre pädagogische und psychologische Kompetenz gerecht zu werden.
Zusätzlicher Druck entsteht durch die verstärkte Bürokratisierung des Schulalltags, die immer umfangreichere administrative Aufgaben mit sich bringt. Auch der zunehmende Fachkräftemangel verschärft die Lage, da viele Lehrkräfte durch zusätzliche Vertretungsstunden und übervolle Klassen belastet sind. Gleichzeitig fehlt es an systematischer Unterstützung für Lehrkräfte, um mit verhaltensauffälligen oder belasteten Schüler:innen konstruktiv umzugehen.
Zudem führt die zunehmende Digitalisierung des Unterrichts zu neuen Anforderungen, die viele Lehrpersonen als zusätzliche Belastung empfinden, insbesondere wenn technische Ausstattung oder Fortbildungsangebote unzureichend sind, wodurch wenig Raum für flexible und individualisierte Lernsettings bleibt.
Bei Schülerinnen und Schülern wiederum führt die ständige Leistungsbewertung und der hohe Druck, gute Noten zu erreichen, dazu, dass sie mit Ängsten und Selbstzweifeln kämpfen. Prüfungsangst ist weit verbreitet und kann langfristig zu einer Abneigung gegenüber der Schule und zum Verlust der Lernmotivation führen, und auch hier spielt Digitalisierung mit hinein. Neben den klassischen Leistungsanforderungen setzt auch sie zunehmend viele Schüler:innen unter Stress, denn Hausaufgaben und Projektarbeiten erfordern zunehmend den Umgang mit digitalen Plattformen, was für weniger technikaffine Schüler:innen eine zusätzliche Belastung darstellt – wenn sie nicht entsprechend kompetent dabei begleitet werden.
Schliesslich spielen auch soziale Medien eine entscheidende Rolle: Schüler:innen stehen unter dem Druck, ihre Erfolge öffentlich sichtbar zu machen und sich mit anderen zu vergleichen, was das Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit verstärken kann. Auch Lehrpersonen berichten zunehmend von Erschöpfung und Burnout, da die steigenden Anforderungen und der Mangel an Unterstützung sie an ihre Belastungsgrenzen bringen.
Nicht zuletzt hat sich auch die Erwartungshaltung vieler Eltern verstärkt, die ihre Kinder unter Erfolgsdruck setzen können, sei es durch private Nachhilfe, Freizeitstress oder eine ständige Überwachung der schulischen Leistungen.
Differenzierte Diagnostik und Kontextanalyse
Um den individuellen Bedürfnissen und Bedarfen von Schüler:innen gerecht zu werden, brauchen wir deshalb eine verbesserte Diagnostik, die neben dem Verhalten auch die sozialen und schulischen Kontexte systematisch berücksichtigt.
Multiprofessionelle Teams aus Schulpsychologie, Schulsozialarbeit, Heilpädagogik, Lehrpersonen und Eltern sollten eng zusammenarbeiten, um eine fundierte Einschätzung der Belastungsfaktoren zu ermöglichen – und an ihrer Reduktion zu arbeiten. Verfahren zur Unterscheidung zwischen individuellen und kontextbedingten Belastungen müssen flächendeckend etabliert werden, um entsprechende Massnahmen entwickeln zu können.
Schule als resilienzfördernden Ort gestalten
Schulen müssen sich zu Orten entwickeln, die nicht nur Stress und Druck reduzieren, sondern eine neue Form von Stärke fördern – eine, die auf Resilienz, sozialem Lernen und individueller Entfaltung basiert. Dazu braucht es nicht einfach eine Reform der Lernsettings, sondern eine Neuausrichtung, die traditionelle Vorstellungen von Schule hinterfragt und Lernräume schafft, in denen Verletzlichkeit als Grundlage für echte Stärke verstanden wird.
Flexible Lernformen, die individuelle Stärken berücksichtigen, sind dabei essenziell, um allen Schüler:innen gerecht zu werden. Zudem sollten Schulen ressourcenorientierte Ansätze verfolgen, die nicht Defizite, sondern Potenziale in den Mittelpunkt stellen.
Zusätzlich braucht es Rückzugsorte, wo sich Schüler:innen ebenso wie Lehrpersonen bei Bedarf eine Pause gönnen. Auch Bewegungsangebote, kreative Aktivitäten und Meditationsräume tragen dazu bei, Stress abzubauen und die psychische Resilienz zu fördern.
Eine weitere Massnahme zur Förderung der psychischen Gesundheit ist ein längst überfälliges Redesign von Beurteilungsformen. Anstelle eines starken Fokus auf Noten sollten formative Bewertungen gestärkt werden, die den individuellen Lernfortschritt abbilden und den Leistungsdruck verringern.
Professionalisierung der Lehrenden
Lehrpersonen benötigen verstärkt Weiterbildungsmöglichkeiten im Bereich psychischer Gesundheit und im systemischen Denken. Gezielte Schulung kann dazu beitragen, dass Lehrerinnen und Lehrer Verhaltensauffälligkeiten differenzierter deuten und angemessene pädagogische Interventionen entwickeln können. Gleichzeitig sollten Schulen hier stärker mit externen Fachstellen kooperieren dürfen.
Darüber hinaus muss das Wohlbefinden der Lehrkräfte selbst stärker in den Fokus rücken. Die steigenden Anforderungen im Schulalltag führen zunehmend zu Stress, Erschöpfung und einem Verlust der Identifikation mit dem Beruf. Laut der Berufszufriedenheitsstudie 2024 des LCH sind viele Lehrpersonen mit ihrer Arbeitssituation unzufrieden, was sich negativ auf die psychische Gesundheit der Lehrkräfte auswirkt.
Schulen sollten daher gezielt Angebote machen, durch die Lehrkräfte Strategien zur Stressbewältigung, Selbstfürsorge und Burnout-Prävention entwickeln. Dies kann durch regelmässige Reflexionsangebote, Mentoring-Programme und eine bewusstere Gestaltung der Arbeitsbelastung geschehen.
Gleichzeitig müssen Lehrkräfte die Möglichkeit erhalten, sich um ihr Wohlbefinden zu kümmern, ohne Angst haben zu müssen, dadurch als weniger engagiert wahrgenommen zu werden. Eine schulische Kultur, die das psychische Wohl der Lehrpersonen als essenziellen Bestandteil eines funktionierenden Bildungssystems anerkennt, ist unerlässlich.
Systemische Schulentwicklung als Antwort
Ein zeitgemässes Bildungssystem muss sich von herkömmlichen, starren Strukturen lösen und einen flexiblen, anpassungsfähigen Rahmen schaffen, in dem Schüler:innen und Lehrkräfte nachhaltig unterstützt werden. Ein solches Modell basiert auf mehreren essenziellen Grundpfeilern.
Multiprofessionelle Teams als Standard
Anstatt einzelne Lehrpersonen mit der gesamten pädagogischen und sozialen Verantwortung zu belasten, übernehmen Teams aus Fachkräften – darunter Lehrkräfte, Heilpädagog:innen, Sozialpädagog:innen und Therapeut:innen – gemeinsam die Gestaltung der Lernumgebung. Durch diese enge Zusammenarbeit können psychische Belastungen frühzeitig erkannt und gezielt adressiert werden. Zudem erlaubt dieser Ansatz eine proaktive Herangehensweise an Verhaltensauffälligkeiten, sodass schulinterne Ressourcen optimal genutzt werden.
Flexible Fördermodelle für individuelle Bedürfnisse
Anstelle fester Kleinklassen oder starrer Sonderfördermassnahmen werden dynamische, bedarfsorientierte Unterstützungsangebote geschaffen. Dies ermöglicht eine passgenaue Begleitung von Schüler:innen mit besonderen Bedürfnissen innerhalb der bestehenden Lernräume. Ob temporäre Kleingruppenförderung, integrative Unterrichtsformen oder adaptive Lernsettings – durch flexible Modelle kann jede:r Schüler:in individuell unterstützt werden, ohne dass eine Separierung notwendig wird.
Bürokratieabbau für schnellere und effizientere Unterstützung
Komplizierte und langwierige Verfahren zur Bewilligung von Fördermassnahmen sind oft eine Hürde für schnelle Hilfsangebote. Durch eine Vereinfachung administrativer Abläufe können notwendige Interventionen unbürokratisch und zeitnah umgesetzt werden. Dadurch entfallen viele Stressfaktoren für Lehrpersonen und Eltern, und Schüler:innen erhalten Unterstützung, wenn sie diese tatsächlich benötigen – nicht erst nach monatelangen Entscheidungsprozessen.
Bedarfsgerechte Ressourcenverteilung
Anstatt starrer Ressourcenzuweisung erhält jede Schule eine flexible Zuteilung von Förderkapazitäten, die sich am tatsächlichen Bedarf orientiert. Durch eine transparente Steuerung kann sichergestellt werden, dass Unterstützung genau dort ankommt, wo sie am meisten gebraucht wird. Dies verbessert nicht nur die Effizienz der Massnahmen, sondern trägt auch dazu bei, den Unterricht inklusiver und ganzheitlicher zu gestalten.
Stärkung individueller Stärken statt Defizitorientierung
Ein modernes Bildungssystem setzt nicht auf Kategorisierung nach Schwächen, sondern auf eine gezielte Förderung individueller Potenziale. Anstatt Schüler:innen in starre Leistungsgruppen zu sortieren, werden ihre jeweiligen Stärken erkannt und genutzt. Dadurch steigt die Lernmotivation, und psychische Belastungen durch ein Gefühl der Unzulänglichkeit oder der Ausgrenzung werden reduziert.
Erfolg durch strukturelle Veränderung
Dieses systemische Modell schafft eine Schulumgebung, die nicht nur psychischen Druck minimiert, sondern auch die Resilienz von Lernenden und Lehrenden aktiv stärkt. Durch die Kombination aus multiprofessioneller Zusammenarbeit, flexibler Förderung, reduzierter Bürokratie, bedarfsgerechter Ressourcenverteilung und einer positiven, stärkenorientierten Pädagogik wird Schule zu einem Ort, an dem Entwicklung, Wohlbefinden und individuelle Förderung im Mittelpunkt stehen. In einem solchen Umfeld können Schüler:innen nicht nur Wissen erwerben, sondern auch soziale Kompetenzen und psychische Widerstandskraft aufbauen – essenzielle Voraussetzungen für eine nachhaltige Bildungslandschaft.
