Nüsse sammeln statt Nüsse knacken, oder: Wie Schule bis heute den Kopf füllt, aber das Denken begrenzt

Titelbild: DALL-E ist völlig überfordert mit dem Ausstellen eines Nuss-Zeugnisses …

In der Schule geht es nicht darum, Probleme zu lösen, sondern sich an sie anzupassen. Kinder werden darauf trainiert, Nüsse zu sammeln – Wissen und Fertigkeiten anzuhäufen, sich in vorgegebene Strukturen einzufügen und ausnahmslos externe Erwartungen zu erfüllen. Doch was sie eigentlich lernen müssten, ist Nüsse zu knacken: selbstständig denken, Herausforderungen durchdringen, kreativ Lösungen finden und ihre eigene Rolle in der Welt reflektieren. Stattdessen wird ihnen früh beigebracht, dass Widerstand zwecklos ist, dass ihr Wert von ihrer Anpassungsfähigkeit abhängt und dass wahre Erkenntnis nicht im tiefen Verstehen, sondern in der korrekten Wiedergabe dessen liegt, was ihnen vorgesetzt wird.

Worin besteht der Unterschied zwischen Nüsse sammeln und Nüsse knacken? Es ist der Unterschied zwischen Gehorsam und kritischem Denken, zwischen blossem Wissenserwerb und echter Bildung. Solange Schule diese Unterscheidung nicht anerkennt und dann macht, bleibt sie ein Ort der Konformität – nicht der Entfaltung.

Schule vermittelt Anpassung statt Problemlösungsfähigkeit

Kinder erfahren früh, dass Widerstand gegen vorgegebene Strukturen unerwünscht ist und dass es sicherer ist, sich ein- und unterzuordnen. Statt Strategien zu entwickeln um die zahlreichen Herausforderungen des realen Lebens nach und nach zu bewältigen, statt auf Herausforderungen mit Entwicklung zu antworten, wird Anpassung zur zentralen Kompetenz.

Dies geschieht in einem Alter, in dem Kinder logischerweise noch gar nicht über Strategien verfügen, um selbstbestimmt Probleme anzupacken, sondern wo sie einen geschützten Raum brauchen, in dem sie genau diese Kompetenz entwickeln können. Stattdessen wird ihnen in der Schule vermittelt, dass Ausprobieren, Sondieren, Verweilen, endloses Nachfragen und Untersuchen, dass eigenständiges Denken – wenn überhaupt – nur sehr begrenzt innerhalb eines vorgegebenen Rahmens zu geschehen haben.

Die Regeln stehen fest. Wenn Kinder und Jugendliche von diesen Regeln abweichen, empfindet und spiegelt Schule das nicht als eine Arbeit an sich selbst und an kreativen Lösungsstrategien, sondern als Störung.

Diese frühe Prägung bleibt nicht ohne Folgen. Wer gelernt hat, dass Anpassung der Schlüssel zum schulischen Erfolg ist, wird diese Haltung ins Erwachsenenleben mitnehmen. Statt Innovation und Kreativität wird Regel-, Struktur- und Prozesskonformität als Massstab für Erfolg gesetzt. Statt junge Menschen mit den endlosen Möglichkeiten des Lebens bekannt zu machen, erzieht Schule zur Regelkonformität und Anpassung.

Das tut sie nicht, weil sie schlechte Schule wäre. Das tut sie, weil es in ihre DNA eingeschrieben ist: Widerstand und kritisches Hinterfragen können schulischerseits nicht als Ausdruck von Lernen betrachtet werden. Sie müssen als Störung wirken und „behoben“ werden.

Widerstand als Problem, nicht als Erkenntnis

Besonders in sensiblen Übergangsphasen wie beim Schuleintritt oder in der Pubertät wird Anpassung als einzige Lösung vermittelt: Je weniger sie einem jungen Menschen zu gelingen vermag, umso unnachgiebiger wird sie verlangt. Widerstand gilt als Fehlverhalten. Das System reagiert dann umgehend mit Korrektur, Förderung oder Therapie, um den „abweichenden“ Schüler wieder in die Bahn zu lenken. Wer hinterfragt, wird nicht ermutigt, sondern gebremst.

Irgendjemand steht immer auf deiner Bremse – und verlangt gleichzeitig von dir, endlich mal Gas zu geben.

Dabei ist Widerstand ein Indikator für eine erste bewusste Auseinandersetzung mit der eigenen Umwelt. Statt diesen Widerstand als Problem zu betrachten, könnte Schule ihn als Chance nutzen, um tatsächliche Partizipation und kritisches Denken zu ermöglichen. Das würde bedeuten, dass Lehrerinnen und Lehrer nicht einfach den Kurs bestimmen und Regeln einfordern, sondern auch Macht teilen – eine Herausforderung, der sich Schule als System bis heute nicht stellt.

Pubertät als Kampf um Deutungshoheit

Wenn Jugendliche beginnen, hinter die Kulissen des Systems zu blicken, teils intuitiv, teils reflektiert, wird ihr Verhalten als rebellisch etikettiert („Das geht auch vorbei.“)

Neurobiologische Argumente werden herangezogen, um mangelnde Selbststeuerung zu erklären. Doch es geht nicht um wissenschaftliche Erkenntnis, sondern um die Legitimation bestehender Machtverhältnisse. Jugendliche durchschauen solche Widersprüche, was ihren Widerstand verstärkt und ihre Position noch weiter schwächt.

Die Nuss, die es für Schule zu knacken gilt, ist also das Verhalten eines oder einer Jugendlichen: Dieses Verhalten ist zwar nicht per se problematisch, es entspricht halt einfach nicht den Systemanforderungen. Statt das Potenzial hinter diesem Verhalten zu erkennen – die Fähigkeit, Fragen zu stellen, Strukturen zu hinterfragen und eigenständige Denkprozesse zu entwickeln – muss genau das vom System als Störfaktor eingeordnet werden.

In Wahrheit geht es also nicht um die Jugendlichen selbst, sondern um das Bedürfnis des Systems, Kontrolle zu wahren und Abweichungen zu minimieren.

Vollends absurd wird es, wo genau dieser kreative Widerstand später im Leben als erwünschte Eigenschaft im Beruf gilt. Während in der Schule Gehorsam als Tugend etikettiert wird, fordern immer mehr Branchen und Unternehmen Eigeninitiative und kritisches Denken. Diejenigen, die sich in der Schule durch Anpassung erfolgreich gezeigt haben, müssen dann mühsam umlernen, um sich in einem dynamischen, kreativen Umfeld zu behaupten.

Schule als Ort der Kontrolle statt der Sinnstiftung

Nächstes Thema: Die Frage nach dem Sinn des Lebens – und nach der eigenen Rolle, die ich in diesem Leben spielen möchte, ist zentral für die menschliche Entwicklung. Doch in der Schule wird diese Herausforderung nicht thematisiert, ausser als curricularer Auftrag. Dann wird es als (Lehr- und Stundenplan-)Thema methodisch-didaktisch strukturiert, in einen Unterrichtsrahmen gespannt und nach einer bestimmten Anzahl von Interventionen, Lektionen und allenfalls einer Prüfung oder Lernkontrolle wieder abhakt. Mitdenken ist Nachvollziehen, nicht eigenständige, kreative, gemeinschaftliche emergente Reflexion.

Es geht für Schülerinnen und Schüler darum, dass sie auf mehr oder weniger kreativen Pfaden zu den selben Schlussfolgerungen kommen, die im Lehrplan stehen, wie Peter Sloterdijk in seiner „Kritik der zynischen Vernunft“ einst vermerkte.

Was Schule in diesem Kontext als „Selbstorganisation“ bezeichnet, ist lediglich partielle Selbstverwaltung: Statt dass Schülerinnen und Schüler ermutigt werden, eigene Lernwege zu entwickeln, wird ihnen eine scheinbare Selbstorganisation innerhalb rigider Strukturen aufgezwungen. Sie dürfen sich und ihre Aufgaben verwalten, aber nicht wirklich gestalten.

„Entscheidungen“ über ihren Lernprozess treffen sie nur innerhalb vorgegebener Optionen. Sie dürfen selbst bestimmen, welche Nüsse sie zuerst sammeln oder wo sie zuerst nach Nüssen suchen könnten – aber nicht, ob Nüsse sammeln ihr Ding ist – ob das für sie einen Sinn ergibt.

Am Schluss muss einfach der volle Topf abgegeben werden.

So wird der Anschein von Autonomie erweckt, ohne dass eine tatsächliche Eigenverantwortung möglich ist. Abweichung von vorgegebenen Bahnen ist nicht vorgesehen, sondern jederzeit korrekturbedürftig. Wo eine Korrektur nicht stattfindet, ist sie lediglich temporär ausgesetzt, um irgendwann wieder regulär zuzuschlagen. Es gibt keine glaubwürdige Einladung, eigene Wege zu suchen, sondern nur den vorgegebenen Pfad „gehen zu lernen“.

Dabei zeigen Bildungsstudien, dass Sinnstiftung ein entscheidender Motivationsfaktor ist. Menschen lernen am besten, wenn sie einen persönlichen Bezug zum Lernstoff haben und wenn sie verstehen, warum sie etwas lernen sollen.

Basierend auf der Selbstbestimmungstheorie (SDT) von Deci & Ryan wurde in einer schweizerischen Studie festgestellt, dass selbstbestimmte Motivation (intrinsisch oder identifiziert) essenziell für erfolgreiche Lernprozesse ist. Die Erfüllung psychologischer Grundbedürfnisse wie Autonomie, Kompetenz und soziale Eingebundenheit fördert nicht nur positive Emotionen wie Freude, sondern auch nachhaltiges Engagement und Interesse am Lernstoff. Dies unterstreicht die Bedeutung eines persönlichen Bezugs und der Sinnhaftigkeit im Bildungsprozess. (Quelle)

Doch das ist in der Schule praktisch tabu. Während ein Curriculum wie der Lehrplan 21 in der Schweiz Gestaltungsspielräume gerade öffnen will, wird „der Lehrplan“ im schulischen Alltag vor allem bemüht, um bestehende Abläufe und Machtstrukturen zu stabilisieren.

Ähnlich wie im Umgang mit pubertierenden Jugendlichen wird hier nicht das Potenzial der Flexibilität ausgeschöpft, sondern das Narrativ der Notwendigkeit eines rigiden Rahmens bemüht, um Kontrolle und Struktur aufrechtzuerhalten.

Sonst funktioniert Schule nicht.

Der konditionierte Wert eines Kindes in der Schule

Der „Wert“ eines Kindes wird währenddesssen an seiner Anpassungsfähigkeit gemessen. Schule arbeitet nicht am Bewusstsein individueller Bedeutung. Sie knüpft „Wert“ an Leistung und an reibungsloses Funktion im System. Brené Browns Unterscheidung zwischen „fitting in“ (Anpassung) und „belonging to“ (echte Zugehörigkeit) verdeutlicht das Problem: Kinder lernen, dass sie erst dann wertvoll sind, wenn sie das Spiel mitspielen.

Doch was bedeutet es für eine Gesellschaft, wenn junge Menschen ausgerechnet in der Schule nicht erfahren, dass sie als Individuen bedeutsam sind? Die Auffassung und Praxis von Bedeutung, wie Schule sie praktiziert, steht im Widerspruch zu einer tieferen, menschlichen Auffassung von Bedeutung. In der Schule sind Schülerinnen und Schüler zwar nicht bedeutungslos, aber ihre Bedeutung wird an ihrer Anpassung und Funktionalität innerhalb des Systems bemessen.

Ihnen wird eine positive Bedeutsamkeit gespiegelt, solange sie reibungslos funktionieren, Leistung erbringen und sich den bestehenden Strukturen unterordnen. Die Idee einer individuellen, intrinsischen Bedeutung als Mensch, die sich aus ihrer Einzigartigkeit und ihrem eigenständigen Denken speist, wird hingegen nicht gefördert.

So wird Bedeutung nicht als etwas erkannt, das aus der Person selbst heraus entsteht, sondern als etwas, das durch äussere Anforderungen definiert wird. Das führt am Ende dazu, dass viele Erwachsene sich nach Anerkennung durch äussere Systeme sehnen, anstatt ein stabiles inneres Selbstwertgefühl zu entwickeln.

Schulen inszenieren Wertschätzung, praktizieren aber systematische Anpassung. Rituale der Gemeinschaftsbildung stehen, wo es sie gibt, im Widerspruch zum schulischen Alltag, der dem Kind signalisiert: Deine Eigenzeit, dein individueller Rhythmus und dein Interesse sind zweitrangig. Was zählt ist, dass du dich in das System einfügst.

Schule lehrt nicht fürs Leben – sie lehrt, wie ich Schule lerne

In Konzepten der Schulentwicklung wird Selbstorganisation als ‚kompetenzorientiertes Lernen‘ gefordert, doch die Organisation des eigenen Lernens bleibt eine Simulation: Die Schule bleibt der Rahmengeber, der bestimmt, in welchen Grenzen Selbstorganisation stattfinden darf. Die Folge: Schülerinnen und Schüler lernen, sich innerhalb vorgegebener Strukturen effizient anzupassen, nicht aber, eigene Wege zu suchen oder tatsächlich in die Verantwortung für ihren Lernprozess zu gehen. In der Realität bleibt der Fokus auf dem normierten Lernen bestehen.

Anhand des nach wie vor gern genommenen Beispiels vom „Lesen, Schreiben und Rechnen“ wird deutlich, dass es in der Schule nicht darum geht, individuell und im eigenen Tempo zu entdecken, wie Sprache funktioniert oder wie Zahlen sinnhaft genutzt werden können, sondern darum, diese Fertigkeiten innerhalb eines normierten Rahmens zu erwerben bzw. sie zu demonstrieren. Kinder lernen, dies nach den Regeln der Schule zu tun. Lernen geschieht nicht nach individuellen Rhythmen, sondern nach vorgegebenen Zeitplänen, die den Lernstoff in fixen Einheiten organisieren, unabhängig davon, ob er für das Kind in diesem Moment Sinn ergibt oder nicht.

Zugespitzt: Kinder lernen in der Schule nicht Lesen, Schreiben und Rechnen. Sie lernen in der Schule, wie sie in der Schule Lesen, Schreiben und Rechnen lernen. Zwischen diesen beiden Effekten liegt ein galaktischer Unterschied.

In der Schule lernen Kinder, wie sie in der Schule lernen. Sie lernen Schule. Fertig. Alles andere (!) würden sie überall, mit allen anderen Menschen und in allen anderen Kontexten lernen. Individuell und zugleich maximal sozial eingebettet.

Das wollen wir nicht wahrhaben. Denn sonst müssten wir Schule loslassen.

In der Schule werden Wissensaufbau und Kompetenzentwicklung nicht als individueller, komplett ungleichzeitiger Prozess mit Eigenzeit und Eigenrhythmus designt, sondern als ein Anhäufen und Reproduzieren vordefinierter Inhalte. Nüsse sammeln bis der Arzt kommt.

Das wichtigste Lernziel ist nicht das tiefe Verstehen oder die Fähigkeit, Gelerntes auf neue Situationen zu übertragen. Schule bedeutet Nüsse sammeln, nicht Nüsse knacken.

Eine Schule, die echte Wertschätzung praktiziert, müsste deshalb nicht nur theoretisch über Autonomie und Individualität sprechen, sondern die Prinzipien von Wertschätzung in ihrer Struktur verankern, damit ein ganz anderes Lernen möglich wird. Das wäre dann eine

Inklusive Schule

  • Das Ziel 4 der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen zielt darauf ab, „eine inklusive, gerechte und hochwertige Bildung zu gewährleisten und Möglichkeiten für lebenslanges Lernen für alle zu fördern.“ Dieser Rahmen ist ein zentraler Bezugspunkt für die Förderung inklusiver Bildung.
  • Weitere Informationen zu inklusiver Bildung finden sich in der Bildungsstrategie 2030, insbesondere zu Themen wie Inklusion, Chancengleichheit und Zugang zu Bildung für benachteiligte Gruppen. Eine spezifische Quelle dazu ist die UNESCO-World Education Report.
  • UNICEF setzt sich in verschiedenen Berichten und Programmen für die Rechte von Kindern auf Bildung und den Zugang zu inklusiven Bildungsangeboten ein. Ein Beispiel für solche Programme ist das UNICEF Education Programme und die UNICEF Strategic Plan.
  • Im Zusammenhang mit Inklusion ist besonders die Arbeit von UNICEF im Bereich der Bildung von Kindern mit Behinderungen relevant, die im UNICEF Global Annual Reports dokumentiert wird.

Die Arbeit an diesen Anforderungen erfordert wiederum eine echte Partizipation aller Beteiligten, die nicht nur symbolisch oder konsultativ bleibt, sondern eine geteilte Macht über den Grundauftrag von Schule ermöglicht.

Schule wäre dann nicht nur ein Ort, an dem Informationslogistik betrieben und abgeprüft wird, sondern ein Raum, in dem junge Menschen sich als bedeutsame Mitglieder einer lernenden Gemeinschaft erfahren, in der sie mitgestalten und mitentscheiden.

Bedeutung als Grundpfeiler einer menschlichen Schule

Schule kann mehr sein als ein Ort der Anpassung. Sie könnte ein Raum sein, in dem sich die Bedeutung des und der Einzelnen entfaltet. Junge (alle?) Menschen brauchen eine Umgebung, die ihnen zeigt, dass sie nicht nur Teil eines Systems sind, sondern eine individuelle, nicht ersetzbare (!) Rolle haben. Wertschätzung darf nicht nur ein methodisches Mittel sein, sondern muss das Fundament schulischen Handelns bilden.

Bildungssysteme, die auf die Frage der individuellen Bedeutung fokussieren, könnten so auch dazu beitragen, die Entwicklung einer Gesellschaft zu unterstützen, in der Menschen mit Selbstvertrauen und Eigenverantwortung handeln. Eine solche Veränderung braucht jedoch Mut und ein tiefes Umdenken darüber, was Lernen bedeutet.

Schule als System der Einordnung, nicht der Entwicklung

„Selbstkompetenz“
Quelle

Ich halte fest: Die grösste Herausforderung für Schüler ist nicht das eigenständige Denken, sondern das Erfüllen der systemischen Erwartungen. Das Damoklesschwert, das während ihrer gesamten Schulzeit über ihnen hängt, ist die Frage: Wie kann ich möglichst viele Nüsse sammeln – ohne mich damit aufzuhalten sie zu knacken?

Doch genau diese letzte Frage sollte Schule zum Anlass nehmen, umzudenken. Was, wenn Lernen nicht mehr nach dem Prinzip der Anpassung, sondern nach dem Prinzip der Bedeutung organisiert wäre? Der Unterschied zwischen beiden Ansätzen könnte nicht fundamentaler sein:

Während Anpassung bedeutet, bestehende Strukturen zu übernehmen und sich in vorgegebene Abläufe einzufügen, erfordert Bedeutung ein aktives Gestalten und ein Erleben von Sinnhaftigkeit im eigenen Lernprozess. Anpassung verlangt Gehorsam, Bedeutung setzt auf Eigenverantwortung. Anpassung bewertet Leistung nach standardisierten Kriterien, Bedeutung erkennt die Einzigartigkeit individueller Entwicklungsprozesse an.

Erst wenn Schule den Mut hat, diesen Paradigmenwechsel zu vollziehen, kann sie aufhören, Kinder auf das Sammeln von Nüssen zu trainieren – und ihnen stattdessen die Möglichkeit geben oder zumindest lassen, die Schale zu knacken und dadurch hinter den eigentlichen Wert zu kommen.

Lehrkräfte am Limit, Schüler unter Druck: Warum wir eine ganzheitliche Schulentwicklung brauchen

Dieser Beitrag stammt inhaltlich vom Autor und wurde mit Hilfe von chatgpt.com redigiert.
Beitragsbild von svklimkin auf Pixabay

Die psychische Gesundheit von Lernenden und Lehrenden (!) konnte sich zum Glück in den letzten Jahren als Thema im Bildungsbereich etablieren. Schulen sehen sich vermehrt mit Herausforderungen konfrontiert, die über ihren traditionell vermuteten Bildungsauftrag hinausgehen. Sie müssen die Beanspruchungen aus den Lebenswelten der Kinder und Jugendlichen auffangen, gleichzeitig sollen sie vermeiden, selbst zu einem stressverstärkenden Faktor zu werden. Während die steigenden Belastungen bei den Betroffenen immer besser dokumentiert sind, bleiben Diagnostik, Intervention und strukturelle Anpassungen oft unzureichend. Dieser Blog Post arbeitet sich zu nachhaltigen Lösungsansätzen durch.

Zunahme psychischer Belastungen

Untersuchungen von Pro Juventute, Oskar Jenni und Kathrina Maag-Merki machen die signifikante Zunahme psychischer Probleme bei Kindern und Jugendlichen sichtbar. Mitverantwortlich für diese Probleme sind unter anderem gesellschaftliche Entwicklungen wie die zunehmende Digitalisierung, steigende schulische Anforderungen und veränderte familiäre Strukturen.

Lehrpersonen berichten immer häufiger von herausforderndem Verhalten bei ihren Schüler:innen, das jedoch nicht nur individuelle, sondern auch kontextuelle Ursachen hat. Während einige Kinder unter einem hohen Leistungsdruck leiden, zeigt sich bei anderen eine mangelnde schulische Resilienz, die durch instabile soziale Bedingungen verstärkt wird.

Ein weiteres Problem ist der Einfluss sozialer Medien auf die psychische Verfassung von Kindern und Jugendlichen. Die ständige Verfügbarkeit digitaler Plattformen fördert Vergleiche, soziale Isolation und Stress. Insbesondere Jugendliche sind vermehrt mit Cybermobbing konfrontiert, was ihre schulische Leistungsfähigkeit und ihr emotionales Wohlbefinden beeinträchtigt. Schulen stehen vor der Herausforderung, diesen neuen Belastungsfaktoren mit angemessenen Strategien zu begegnen.

Mangelhafte Abklärungspraxis

Eine nächste Herausforderung besteht in der oft unzureichenden Differenzierung zwischen individuellen und systemischen Ursachen psychischer und somatischer Belastungen. In der schulischen Praxis wird auffälliges Verhalten häufig auf die individuelle Ebene des Kindes reduziert, ohne dessen Kontext – sei es die Familie, die Peergroup oder die schulische Umgebung – systematisch zu analysieren.

Eine klare Unterscheidung zwischen individuellen gesundheitlichen Voraussetzungen und kontextuell ausgelösten Belastungen wird selten vorgenommen. Dies führt zu unzureichenden oder sogar kontraproduktiven Massnahmen: Statt ganzheitlicher Unterstützung erhalten Kinder und Jugendliche oft standardisierte Förderprogramme oder werden in Sonderstrukturen überführt, ohne dass die eigentlichen Ursachen ihres Verhaltens adressiert werden.

Auch Lehrkräfte fühlen sich oft überfordert, da sie für psychologische Abklärungen und den Umgang mit auffälligem Verhalten nicht ausreichend geschult sind. Ihnen fehlen oft die Werkzeuge, das Wissen, die Unterstützung und die Zeit um zu erkennen, wann und wie eine professionelle Intervention notwendig ist. Dies führt dazu, dass Kinder zu spät oder gar nicht die Unterstützung erhalten, die sie brauchen.

Schule als Teil des Problems

Nicht selten ist es die Schule selbst, die durch starre Strukturen, hohe Leistungsanforderungen und eine mangelnde Berücksichtigung individueller Lernbedürfnisse psychische Belastungen bei Lernenden und Lehrenden verstärkt. Schulen sind vielerorts nach wie vor nach einem uniformen Prinzip organisiert, das Heterogenität als Problem statt als Chance begreift.

Lehrpersonen stehen unter wachsendem Druck, einen autoritativen Lehrplan „einzuhalten“, sich gleichzeitig mit immer komplexer werdenden sozialen Herausforderungen in den Klassenzimmern auseinanderzusetzen und den gestiegenen Erwartungen an ihre pädagogische und psychologische Kompetenz gerecht zu werden.

Zusätzlicher Druck entsteht durch die verstärkte Bürokratisierung des Schulalltags, die immer umfangreichere administrative Aufgaben mit sich bringt. Auch der zunehmende Fachkräftemangel verschärft die Lage, da viele Lehrkräfte durch zusätzliche Vertretungsstunden und übervolle Klassen belastet sind. Gleichzeitig fehlt es an systematischer Unterstützung für Lehrkräfte, um mit verhaltensauffälligen oder belasteten Schüler:innen konstruktiv umzugehen.

Zudem führt die zunehmende Digitalisierung des Unterrichts zu neuen Anforderungen, die viele Lehrpersonen als zusätzliche Belastung empfinden, insbesondere wenn technische Ausstattung oder Fortbildungsangebote unzureichend sind, wodurch wenig Raum für flexible und individualisierte Lernsettings bleibt.

Bei Schülerinnen und Schülern wiederum führt die ständige Leistungsbewertung und der hohe Druck, gute Noten zu erreichen, dazu, dass sie mit Ängsten und Selbstzweifeln kämpfen. Prüfungsangst ist weit verbreitet und kann langfristig zu einer Abneigung gegenüber der Schule und zum Verlust der Lernmotivation führen, und auch hier spielt Digitalisierung mit hinein. Neben den klassischen Leistungsanforderungen setzt auch sie zunehmend viele Schüler:innen unter Stress, denn Hausaufgaben und Projektarbeiten erfordern zunehmend den Umgang mit digitalen Plattformen, was für weniger technikaffine Schüler:innen eine zusätzliche Belastung darstellt – wenn sie nicht entsprechend kompetent dabei begleitet werden.

Schliesslich spielen auch soziale Medien eine entscheidende Rolle: Schüler:innen stehen unter dem Druck, ihre Erfolge öffentlich sichtbar zu machen und sich mit anderen zu vergleichen, was das Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit verstärken kann. Auch Lehrpersonen berichten zunehmend von Erschöpfung und Burnout, da die steigenden Anforderungen und der Mangel an Unterstützung sie an ihre Belastungsgrenzen bringen.

Nicht zuletzt hat sich auch die Erwartungshaltung vieler Eltern verstärkt, die ihre Kinder unter Erfolgsdruck setzen können, sei es durch private Nachhilfe, Freizeitstress oder eine ständige Überwachung der schulischen Leistungen.

Differenzierte Diagnostik und Kontextanalyse

Um den individuellen Bedürfnissen und Bedarfen von Schüler:innen gerecht zu werden, brauchen wir deshalb eine verbesserte Diagnostik, die neben dem Verhalten auch die sozialen und schulischen Kontexte systematisch berücksichtigt.

Multiprofessionelle Teams aus Schulpsychologie, Schulsozialarbeit, Heilpädagogik, Lehrpersonen und Eltern sollten eng zusammenarbeiten, um eine fundierte Einschätzung der Belastungsfaktoren zu ermöglichen – und an ihrer Reduktion zu arbeiten. Verfahren zur Unterscheidung zwischen individuellen und kontextbedingten Belastungen müssen flächendeckend etabliert werden, um entsprechende Massnahmen entwickeln zu können.

Schule als resilienzfördernden Ort gestalten

Schulen müssen sich zu Orten entwickeln, die nicht nur Stress und Druck reduzieren, sondern eine neue Form von Stärke fördern – eine, die auf Resilienz, sozialem Lernen und individueller Entfaltung basiert. Dazu braucht es nicht einfach eine Reform der Lernsettings, sondern eine Neuausrichtung, die traditionelle Vorstellungen von Schule hinterfragt und Lernräume schafft, in denen Verletzlichkeit als Grundlage für echte Stärke verstanden wird.

Flexible Lernformen, die individuelle Stärken berücksichtigen, sind dabei essenziell, um allen Schüler:innen gerecht zu werden. Zudem sollten Schulen ressourcenorientierte Ansätze verfolgen, die nicht Defizite, sondern Potenziale in den Mittelpunkt stellen.

Zusätzlich braucht es Rückzugsorte, wo sich Schüler:innen ebenso wie Lehrpersonen bei Bedarf eine Pause gönnen. Auch Bewegungsangebote, kreative Aktivitäten und Meditationsräume tragen dazu bei, Stress abzubauen und die psychische Resilienz zu fördern.

Eine weitere Massnahme zur Förderung der psychischen Gesundheit ist ein längst überfälliges Redesign von Beurteilungsformen. Anstelle eines starken Fokus auf Noten sollten formative Bewertungen gestärkt werden, die den individuellen Lernfortschritt abbilden und den Leistungsdruck verringern.

Professionalisierung der Lehrenden

Lehrpersonen benötigen verstärkt Weiterbildungsmöglichkeiten im Bereich psychischer Gesundheit und im systemischen Denken. Gezielte Schulung kann dazu beitragen, dass Lehrerinnen und Lehrer Verhaltensauffälligkeiten differenzierter deuten und angemessene pädagogische Interventionen entwickeln können. Gleichzeitig sollten Schulen hier stärker mit externen Fachstellen kooperieren dürfen.

Darüber hinaus muss das Wohlbefinden der Lehrkräfte selbst stärker in den Fokus rücken. Die steigenden Anforderungen im Schulalltag führen zunehmend zu Stress, Erschöpfung und einem Verlust der Identifikation mit dem Beruf. Laut der Berufszufriedenheitsstudie 2024 des LCH sind viele Lehrpersonen mit ihrer Arbeitssituation unzufrieden, was sich negativ auf die psychische Gesundheit der Lehrkräfte auswirkt.

Schulen sollten daher gezielt Angebote machen, durch die Lehrkräfte Strategien zur Stressbewältigung, Selbstfürsorge und Burnout-Prävention entwickeln. Dies kann durch regelmässige Reflexionsangebote, Mentoring-Programme und eine bewusstere Gestaltung der Arbeitsbelastung geschehen.

Gleichzeitig müssen Lehrkräfte die Möglichkeit erhalten, sich um ihr Wohlbefinden zu kümmern, ohne Angst haben zu müssen, dadurch als weniger engagiert wahrgenommen zu werden. Eine schulische Kultur, die das psychische Wohl der Lehrpersonen als essenziellen Bestandteil eines funktionierenden Bildungssystems anerkennt, ist unerlässlich.

Systemische Schulentwicklung als Antwort

Ein zeitgemässes Bildungssystem muss sich von herkömmlichen, starren Strukturen lösen und einen flexiblen, anpassungsfähigen Rahmen schaffen, in dem Schüler:innen und Lehrkräfte nachhaltig unterstützt werden. Ein solches Modell basiert auf mehreren essenziellen Grundpfeilern.

Multiprofessionelle Teams als Standard
Anstatt einzelne Lehrpersonen mit der gesamten pädagogischen und sozialen Verantwortung zu belasten, übernehmen Teams aus Fachkräften – darunter Lehrkräfte, Heilpädagog:innen, Sozialpädagog:innen und Therapeut:innen – gemeinsam die Gestaltung der Lernumgebung. Durch diese enge Zusammenarbeit können psychische Belastungen frühzeitig erkannt und gezielt adressiert werden. Zudem erlaubt dieser Ansatz eine proaktive Herangehensweise an Verhaltensauffälligkeiten, sodass schulinterne Ressourcen optimal genutzt werden.

Flexible Fördermodelle für individuelle Bedürfnisse
Anstelle fester Kleinklassen oder starrer Sonderfördermassnahmen werden dynamische, bedarfsorientierte Unterstützungsangebote geschaffen. Dies ermöglicht eine passgenaue Begleitung von Schüler:innen mit besonderen Bedürfnissen innerhalb der bestehenden Lernräume. Ob temporäre Kleingruppenförderung, integrative Unterrichtsformen oder adaptive Lernsettings – durch flexible Modelle kann jede:r Schüler:in individuell unterstützt werden, ohne dass eine Separierung notwendig wird.

Bürokratieabbau für schnellere und effizientere Unterstützung
Komplizierte und langwierige Verfahren zur Bewilligung von Fördermassnahmen sind oft eine Hürde für schnelle Hilfsangebote. Durch eine Vereinfachung administrativer Abläufe können notwendige Interventionen unbürokratisch und zeitnah umgesetzt werden. Dadurch entfallen viele Stressfaktoren für Lehrpersonen und Eltern, und Schüler:innen erhalten Unterstützung, wenn sie diese tatsächlich benötigen – nicht erst nach monatelangen Entscheidungsprozessen.

Bedarfsgerechte Ressourcenverteilung
Anstatt starrer Ressourcenzuweisung erhält jede Schule eine flexible Zuteilung von Förderkapazitäten, die sich am tatsächlichen Bedarf orientiert. Durch eine transparente Steuerung kann sichergestellt werden, dass Unterstützung genau dort ankommt, wo sie am meisten gebraucht wird. Dies verbessert nicht nur die Effizienz der Massnahmen, sondern trägt auch dazu bei, den Unterricht inklusiver und ganzheitlicher zu gestalten.

Stärkung individueller Stärken statt Defizitorientierung
Ein modernes Bildungssystem setzt nicht auf Kategorisierung nach Schwächen, sondern auf eine gezielte Förderung individueller Potenziale. Anstatt Schüler:innen in starre Leistungsgruppen zu sortieren, werden ihre jeweiligen Stärken erkannt und genutzt. Dadurch steigt die Lernmotivation, und psychische Belastungen durch ein Gefühl der Unzulänglichkeit oder der Ausgrenzung werden reduziert.

Erfolg durch strukturelle Veränderung

Dieses systemische Modell schafft eine Schulumgebung, die nicht nur psychischen Druck minimiert, sondern auch die Resilienz von Lernenden und Lehrenden aktiv stärkt. Durch die Kombination aus multiprofessioneller Zusammenarbeit, flexibler Förderung, reduzierter Bürokratie, bedarfsgerechter Ressourcenverteilung und einer positiven, stärkenorientierten Pädagogik wird Schule zu einem Ort, an dem Entwicklung, Wohlbefinden und individuelle Förderung im Mittelpunkt stehen. In einem solchen Umfeld können Schüler:innen nicht nur Wissen erwerben, sondern auch soziale Kompetenzen und psychische Widerstandskraft aufbauen – essenzielle Voraussetzungen für eine nachhaltige Bildungslandschaft.