Dankbarkeit ist die Zwillingsschwester vom Glück

Was mir an der Kunst der grossartigen Helene Bockhorst Eindruck macht: Sie desavouiert und dekonstruiert anhand von Alltäglichkeiten das Abwegige.

In einem ihrer kurzen Video Clips auf TikTok denkt sie laut darüber nach, wie schwierig es ist, im Kontext vom Beschenktwerden echte Freude zu zeigen.

Schon beim ersten Ankucken des Clips dachte ich daran, wie wir in unserer Kultur zu einer Art von Dankbarkeit erzogen werden, die verlogener nicht sein könnte, und die sich in solchen Dankbarkeitsbekundungen ausdrückt wie ein Pickel.

Wir sind dann nicht dankbar. Wir sind höflich.

Ich kann mit moralisierenden Formen von Dankbarkeit nichts anfangen – ausser gegen sie zu moralisieren 🤪. Gegen die Seidoch-Zufriedenheit: Sind wir doch dankbar, dass der Krieg woanders ist und der Hunger und der Smog.

Ich jedenfalls kann nicht dankbar dafür sein, dass es anderen Menschen dreckig geht und mir nicht.

Meine Grossmutter hatte dafür jeweils einen entlarvenden Spruch parat, verkleidet als Stossgebet: „Heiliger Sankt Florian, beschütz mein Haus, zünd andere an!“

Der Hl. Florian giltgalt in süddeutsch-katholischen Einzugsgebieten als Schutzpatron der Feuerwehren.

Woran erkenne ich (<-) denn nun die tatsächliche Dankbarkeit?

Für mich hat sie immer etwas mit Erlösung zu tun.

Mit dem definitiven Eintreffen einer guten Nachricht, mit einer Zusage, auf die ich lange gewartet habe, mit dem endgültigen Zerstreuen einer Angst, mit der Sicherheit, dass das Geld reichen wird.

Also immer irgendwie damit, gerettet zu sein. Nicht verschont, sondern gerettet.

Da erlebe ich mich als dankbar. Da erlebe ich Dankbarkeit – und selbst noch sie als Geschenk.

In ihrem tiefsten Wesen ungeschuldet (!) und jenseits aller Einforderung.

Für mich ist die Dankbarkeit eine Zwillingsschwester des Glücks.

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Autor: Christoph Schmitt

Bildungsaktivist | LinkedIn Top Voice | Colearner | TEDx Speaker | Bildungsdesigner | Bildungsethiker | systemischer Coach & Supervisor | Rituals Expert | Blogger | Nörgler | Ressourcenklempner. Ich unterstütze alles, was mit Aus- und Aufbrechen aus Beschulung zu tun hat. Für Jung UND Alt. Meine Kernkompetenz: Entwicklung ganzheitlich begleiten, moderieren, inspirieren.

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