(M)ein Rückblick auf zehn Jahre „Expedition Neuland“
„Wer loslässt, hat die Hände frei“ – war der Titel eines Weiterbildungsseminars für Bildungsfachleute. Wohin dann aber mit all dem, was wir mit uns schleppen und nicht einfach nur los- und zurücklassen können? Das Bild vom steinernen Rucksack gibt darauf eine metaphorische Antwort.
Es ist dieser Rucksack, der schwer auf uns lastet. Sei es auf dem Rücken von Lehrenden, sei es auf dem von Lernenden – wie frei auch immer in der Zwischenzeit unsere Hände sein mögen.

Es gibt in Schule, Aus- und Weiterbildung kein „leichtes Gepäck“, mit dem wir unterwegs sein könnten, denn die Schule an sich ist das Gepäck. Ein Rucksack aus Stein. Deshalb geht es jetzt nicht mehr darum, diesen Rucksack auszumisten, wie im Beraterinnensprech hier und da empfohlen wird.
Die Metapher lädt dazu ein, ihn abzulegen. Ein für alle Mal. Doch dann würden wir endgültig mit leeren Händen dastehen. Ein bis heute für Lehrpersonen unvorstellbarer Zustand.
Meine Reise in die Bildung und mein Weg als Lernender
Ich hab’s trotzdem gemacht – und bin wieder als Lernender unterwegs. Noch während meiner Coaching-Ausbildung startete ich meine persönliche Forschungsreise. Ich wurde zum „Colearner“, und meine Reise wuchs sich aus zu einer Expedition. Meine jüngste Erkenntnis ist dabei ambivalent und schmerzhaft zugleich. Ich teile sie mit vielen, die mir auf meiner Reise begegnen: Du kannst irgendwann nicht mehr zurück in das Schulsystem,
wenn und weil du erlebt hast, was Lernen in Wirklichkeit ist und wie es geht – und das ist in allem das Gegenteil vom dem, was Schule tut.
Was auch immer sich in der Welt an faszinierenden, grossartigen und funktionierenden Alternativen formt, es findet keinen Eingang in die Schule – denn was den Unterschied ausmacht, stirbt in dem Moment ab, wenn Schule es sich einverleibt hat. Das Bild, das mir dazu einfällt: Schulentwicklung ist wie Wildblumen pflücken und in eine Vase stellen, wo sie nach kurzer Zeit verwelken.
Es gibt keine Kompatibilität zwischen dem Schulsystem und dem, was Menschen effektiv brauchen, um ihren Bedürfnissen und Bedarfen entsprechend zu lernen. Hier eine kurze Begründung.
Dafür sorgen im Viererpack die akademische Lehrerausbildung, die mittelalterliche Festung der Bildungsadministration, eine visionslose Politik, und das „Hamsterrad Schulalltag“.
Begegnungen mit alternativen Bildungskonzepten: Ein Weg abseits der ausgetretenen Pfade
Was an meiner Geschichte speziell ist: Ich habe nie eine Ausbildung zum Lehrer gemacht und dennoch viele Jahre in allen Schulformen als einer gearbeitet – mit hervorragenden Beurteilungen und über 1000 (!) systematisch erhobenen und ausgewerteten Feedbacks von Lernenden. Wunderbare, authentische und kritische Reflexionen Lernender auf unserem gemeinsamen Lernweg. Diesen Feedbacks verdanke ich auf meinem Entwicklungsweg ausserordentlich viel!
Ich sehe es sogar als Chance, dass ich die klassische Ausbildung nicht habe, weil ich mich nicht erst aus „Pädagogistan“ befreien musste. Den Freischwimmer im Lernen hatte ich aber trotzdem zu machen, denn die Käfig-Haltung des Lernens habe ich ja schon als Kind und Jugendlicher entwickelt und verinnerlicht.
Über meine Expeditionen führe ich schon länger ein analog-digitales Tagebuch, um für mich und alle, die das interessiert, die Stationen meiner Expedition sichtbar zu machen – und damit nicht nur meine Entwicklung, die anderen Mut machen kann, sondern auch die Entwicklung neuer Orte und Räume des Lernens.
Aus diesem Tagebuch ist mit der Zeit mein Lebenslauf geworden. Drei besonders wichtige „Einträge“ da drin sind
- mein Buch „Bildung auf Augenhöhe“ (2013). Da dokumentiere ich den Prozess, wie ich am Gymnasium den Unterricht und das Lehren durch gleichwürdige Lernprozesse abgelöst habe;
- die Begegnung mit der noch jungen Learnlife-Community in Barcelona (2019), über die ich eine Video-Doku gemacht habe;
- und mein jüngstes Projekt: die Mitarbeit in der Colearning-Community in Bern (2023), die ich hier dokumentiere.
In Bern sehe ich mit all meinen Reiseerfahrungen im Hintergrund die derzeit am weitesten fortgeschrittene Form zeitgemässer Bildungsarbeit am Werk.
Irgendwann auf diesen Reisen habe ich einen Blog aufgemacht (www.learnflow.city). Er ist das „Buch“, an dem ich fortlaufend schreibe, wo ich Klarheit in meine Beobachtungen und in mein Denken bringe. Wo ich reflektiere, zu durchschauen versuche, zu klären. Hier verarbeite ich auch alles, was mir im Internet begegnet an Information.
Erst durch meine Arbeit an diesem Blog ist es mir gelungen, die Vielschichtigkeit des Lern- und Bildungsthemas einigermassen auf die Reihe zu bekommen – nur schon für mich selbst. Dazu gehört für mich auch die Wahrnehmung der vielen sich ständig verändernden Wechselwirkungen zwischen Bildung, Arbeit, Gesellschaft und Ökonomie.
Nach über einem Jahrzehnt Expedition kann ich sagen: Es ist alles schon da. Alle Lösungen für alle Probleme, die das Bildungssystem im Rucksack mit sich schleppt, sind da.
Wir könnten ihn also getrost ablegen.
Den digtalen Rückwärtsgang einlegen oder die nächste Raketenstufe zünden?
Umso trauriger finde ich, dass sich derzeit eine Startup-Szene etabliert, die sich als Lösungstruppe für die überbordenden Problemlagen in Schulen anbietet, und die dabei doch nur das traditionelle Mindset alimentiert. Sie sorgt dafür, dass es am Leben bleibt und reichert eifrig den Didaktik- und Methodenkoffer von Schule digital an. Hier ein besonders krasses Beispiel:
Mit eduScrum® übernehmen Lernende in der Selbstorganisation Ihrer Teams die Verantwortung für ihren Lernprozess. Die Folge davon sind intrinsische Motivation, Freude, persönliches Wachstum und bessere Resultate. Der Lehrer bestimmt das WARUM und das WAS, die Schüler bestimmen das WIE. eduScrum® ist eine Art von Unterricht, bei der personalisiertes Lernen eine besondere Rolle spielt, gemäß den 6 C’s: Creativity, Collaboration, Communication, Caring, Choice & Critical Thinking.
Quelle: Eduscrum Deutschland (23.8.2023)
In Wahrheit sind es jedoch immer die Lernenden selbst, die sich dafür entscheiden, was sie lernen und was nicht. Es gehört zum Lernen, quasi zu seinen Wurzeln, dass Menschen in allererster Linie und immer zuerst selbst entscheiden (lernen), was sie warum lernen und was aus welchen Gründen nicht. Das „Warum“ und das „Was“ lassen sich nicht vom „Wie“ trennen, und menschengerechtes Lernen entscheidet nie nur darüber, wie es lernt, sondern zuerst warum und was.
Erst recht in einer Welt und Gesellschaft, die sich demokratischen Werten verpflichtet, ist ein Lernen, wie es in diesem kurzen Werbeausschnitt über „eduscrum“ beschrieben wird, deplatziert.
Ein interessierter und unvoreingenommener Blick und ein empathisches Mitgehen mit lernenden Menschen zeigt, dass wir uns alle von Anfang an als selbstbestimmte Lernerinnen und Lerner wahrnehmen. So sind wir als Menschen gedacht.
Wenn wir lernende Menschen lernen lassen, finden sie ganz von selbst heraus, was jetzt dran ist bei ihnen. In jedem Alter. Und dann holen sie sich, was und wen sie brauchen. So wie du und ich auch. Lebenslang.
Es ist so einfach, wie es klingt.
