Die versteckte Revolution: Warum die wahre Bildungsreform mit uns Erwachsenen beginnt

Titelbild: „Hiding your childhood behind the curtain, in the style of Paul Klee“
AI Generated by DALL-E/bing

In einer Zeit, in der Bildungsreformen und alternative Schulsysteme intensiv diskutiert werden, stellt sich die Frage: Wo setzen wir an, um echte Veränderung zu bewirken? Überraschenderweise liegt die Antwort nicht in der Neugestaltung von Lehrplänen oder in der Einführung moderner Methoden und Technologien. Sie liegt in uns selbst – in den Erwachsenen, die das System prägen und weitergeben.

Dieser Blog Post beleuchtet die tief verwurzelten Strukturen, die unsere Bildungssysteme seit Jahrzehnten – wenn nicht Jahrhunderten – unverändert lassen. Er fordert uns auf, einen heilsamen Erinnerungsprozess zu beginnen, der bei den Erwachsenen ansetzt und die Grundlagen für eine wirklich transformative Bildung legt.

Innere Landkarten neu zeichnen: Der Schlüssel zu nachhaltiger Bildungsreform liegt in uns selbst

Es mag für manche Ohren paradox klingen: Die größte Herausforderung besteht im Moment nicht darin, dass wir für Kinder und Jugendliche ein neues Schulsystem erfinden, denn dieses neue System würde sich nur durch Kleinigkeiten und Unwesentliches von dem unterscheiden, was es bisher ist, ausser wir setzen zuerst woanders an – und tiefer.  

Wir realisieren als erstes: Als Erwachsene machen wir Schule so, wie wir sie machen, damit wir eines nicht sehen müssen:

dass es bei der Frage nach einem lebendigen, menschlichen Lernen in erster Linie um uns selber geht und um unser Lernen; um unsere Identität als Lernende.

„Das jüngere Ich im Spiegel“ (DALL-E/bing)

Diese Einsicht würde uns ganz unmittelbar damit in Kontakt bringen, wie wir selber als junge Menschen Lernen gelernt haben, was wir in diesen Zeiten und Phasen verinnerlicht haben, was und wem wir zugestimmt haben, wem wir uns untergeordnet haben, ohne eine Alternative zu haben bzw. ohne bereits widersprechen zu können.

Warum die Veränderung, die beim Thema „Schule“ schon so lange ansteht, ausbleibt, bringt eine mittlerweile zum Kalenderspruch mutierte Einsicht auf den Punkt: „Those who cannot remember the past are condemned to repeat it.“ (George Santayana)

Dazu kommt mir unmittelbar zweierlei in den Sinn: 

Wir hängen diesen Satz ja sehr hoch und zitieren ihn vor allem im Zusammenhang mit dem Holocaust und anderen Völkermorden. Wir kommen nicht auf die Idee, dass dieser Satz eine ganz banale Alltagswirklichkeit beschreibt, und dass er also auch jene Praxis adressiert, die wir Schule nennen und Bildung und Erziehung. 

Ein System, das strukturell betrachtet heute noch so funktioniert wie durch das gesamte 20. Jahrhundert hindurch. Wo auch immer Schule heute anders ist als zu Kaisers Zeiten oder als in den dreißiger und vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts, hat sie doch strukturell gesehen viel mehr mit jenen Zeiten gemeinsam, als sie sich von Ihnen unterscheiden würde. Denn erst in zweiter Linie zeichnet sich Schule durch das aus, was sie lehrt, und in erster Linie dadurch, wie sie es tut. 

Deshalb ist für mich eine nächste Erkenntnis so wichtig: Solange wir die Einsicht hinter dem Spruch von Santayana um ihr emotionales Innenleben reduzieren, werden wir der mit ihr verbundenen Erinnerung nicht habhaft.

Zeitlebens beforscht hat diese Zusammenhänge Arno Gruen, der in seiner Schrift „Wider den Gehorsam“ zu folgender Erkenntnis gelangt:

Wir bilden uns heute viel darauf ein, rational zu sein. Tatsache ist jedoch, dass alltägliche Verleugnungen normaler Bestandteil unserer Kultur sind. Der Wahrheit ins Auge zu blicken, fällt uns schwer. Wir sind gefangen in der Angst, zu sehen, was wirklich ist. … Wir stufen diejenigen Menschen als normal ein, die sich der allgemeinen Verleugnung anpassen und so in unserer Kultur erfolgreich operieren.

Aufarbeiten und Heilen beginnt im „Klassenzimmer der Seele“

Was jetzt in Sachen Schule, Bildung und Erziehung ansteht, ist ein heilsamer Erinnerungsprozess, der mit uns, den Erwachsenen anfängt, die wir zwar der eigenen Kindheit, aber nicht den Erfahrungen entwachsen sind, die wir in unserer Bildungsbiografie gemacht haben.

Das geht nicht einfach Lehrer:innen an, sondern uns alle.

„Das jüngere Ich im Spiegel“ (DALL-E/bing)

Dieser Heilungsprozess besteht darin, dass wir unsere Lern- und Bildungsbiografie aufarbeiten. Wir schaffen zu diesem Zweck Räume, Zeiten, Orten und Gefässe, in denen dieses Aufarbeiten möglich wird. Wir brauchen diese Gelegenheiten, damit wir nicht mehr länger von uns verlangen, diesem Aufarbeiten auszuweichen: weil wir keine Zeit haben, weil wir anderswo gebraucht werden, weil wir Schule am Laufen halten müssen und auch sonst einer Menge anderer Verpflichtungen nachzugehen haben. 

Ich erachte es als unsägliches Versäumnis, dass dieser Prozess des Aufarbeitens der eigenen Bildungsbiografie in der Ausbildung zum Lehrer:innenberuf bis heute entweder zu kurz kommt oder ganz ausbleibt, und ich sehe es zugleich als riesige Chance, damit endlich anzufangen.

Das Ziel dieses Heilungsprozesses ist es, die Zusammenhänge zwischen gestern und heute zu durchschauen und den Wiederholungszwang zu erkennen, für den praktizierende Pädagogik bis heute blind ist. Es geht jetzt darum, die durch diesen Zwang dirigierte Praxis loszulassen, um erst dadurch die Ressourcen freigeben zu können, die anderes Lernen ermöglichen. Wir werden – metaphorisch gesprochen – die realen jungen Gefangenen, die wir heute durch Schule machen, erst dann freilassen, wenn wir das mit dem inneren Kind bei uns selbst gemacht haben. Das ist dicke Post.

Den Kolonialismus im eigenen Haus beenden

Auf die pädagogische Praxis hin gesprochen geht es darum, den „Kolonialismus im eigenen Haus“ zu durchschauen, den wir täglich praktizieren. An ihm scheitern bis heute alle pädagogischen Reformversuche. Es ist diese Blindheit, die dafür sorgt, dass die autoritäre Kultur von Schule und ihre Auswüchse (erinnert sei hier an das Mahnmal der Odenwaldschule) nicht gesehen werden können, sondern nur verdünnt.

Es ist unumgänglich, dass wir uns den verborgenen Zweck vergegenwärtigen, den wir mit unserer Bildungsarbeit bis heute verfolgen: vom Schicksal der eigenen Bildungsbiografie abzulenken – auch und gerade dann, wenn die Rede darauf kommt.

Erst im Aufarbeiten durchschauen wir die Scharade, mit der wir uns und der Welt glauben machen, „doch alles für die Lernenden zu tun“ und aufopferungsvoll für sie da sein, wo die in Wahrhheit doch für uns da sind, damit wir uns der eigenen Bildungsbiografie nicht zu stellen brauchen. So wiederholen wir das Unheil, das uns und den Generationen vor uns bereits angetan wurde: durch Schule dem eigenen Wesen entfremdet zu werden, wie Martin Walser so gut beschrieben hat:

In der Schule lernt man, sich auf etwas anderes als sich selbst zu konzentrieren. Man tut so, als sei Erlerntes etwas Eigenes geworden. So wird Eigenes zu etwas Erlerntem. Man agiert in der Art einer von der Gesellschaft gebauten und programmierten Maschine. Es scheint beim Erzogenwerden daruf anzukommen, sich auch vor sich selbst zu verstellen. Sich verborgen zu bleiben, heißt, ihnen so zu passen, daß sie dich gut erzogen nennen. Dann können sie eher machen mit einem, was Sie wollen. Man soll sich selbst undeutlich sein. Dann widerspricht man nicht, wenn sie einem sagen, wer man ist.

„Meeting the child you’ve been.“ (DALL-E/bing)

Ablenken und Sanktionieren

Schule ist ein unglaublich großes Ablenkungsmanöver, das den Erwachsenen erlaubt, die eigenen Erfahrungen der Beschämung auszublenden und umzudeuten: jene Erfahrung, durch Schule von der eigenen Lebendigkeit und Kreativität abgeschnitten worden zu sein.

Und so wiederholen wir auf einer gesellschaftlichen und kulturellen Makroebene das, was systembedingt mit uns selbst gemacht wurde – und was wir eben auch mit uns haben geschehen lassen, weil wir keine Alternativen hatten bzw. noch gar nicht die Möglichkeiten, um uns dagegen zu wehren. 

Wir halten zu diesem Zweck mit grosser Sorgfalt und Geschlossenheit an einer Systematik fest, die es uns erlaubt, das, was uns seinerzeit von uns entfremdet hat, eins zu eins weiter zu praktizieren.

Dass das so ist, erkennen wir nur schon daran, dass das Bildungssystem durchgehend ein Sanktionierungsapparat ist: wer auch nur minimal links oder rechts ausschert, wird mit aller Macht und mit allen Mitteln (von „sanft“ über „Förderung“ bis hin zu „Ausschlussdrohung“) dazu gebracht, wieder auf Spur zu kommen, während die unauffälligen Kinder und Jugendlichen als Zeug:innen solcher Maßnahmen, die ihren Mitlernenden widerfahren, ihre Kraft darauf verwenden, um in der Spur zu bleiben. Bloss nicht auffallen!

Die unglaubliche Energie und das enorme Durchhaltevermögen aller, die das Schulsystem tragen, führt sich darauf zurück. Diese Power und selbst die Professionalität, mit dem wir uns alle auf Schule verpflichten, hat den Auftrag etwas zu verneinen, wodurch wir das Verneinte präzise wiederholen.

Daraus ist weder ein Vorwurf zu formulieren noch ein Schuldkomplex zu konstruieren. Vielmehr sollten wir dem mit vereinten Kräften, mit Mut und Solidarität ein Ende machen – und anfangen in Freiheit zu lernen:

Carl R. Rogers: Lernen in Freiheit, S. 154

Wie wir das lebendige Lernen aus seinem Dornröschenschlaf wecken

Wir machen ernst mit einem Bildungsauftrag, der junge Menschen die Möglichkeiten öffnet, sich für die (Weiter-)Reise in dieses hochriskante 21. Jahrhundert zu rüsten, wenn wir als erstes der tieftraurigen Praxis Einhalt gebieten, dass immer mehr junge Menschen an Schule psychisch und körperlich erkranken.

„Das jüngere Ich im Spiegel“ (DALL-E/bing)

Das packen wir an, wenn wir den Heilungsprozess bei uns selbst auf den Weg bringen; wenn wir mit dem „Ablenkungsmanöver Schule“ aufhören, damit sich Schmerz, Verzweiflung, Scham und Wut wieder zu Wort melden können, und damit sich die vor langer Zeit (ein)gestellten Fragen wieder melden können, die Bildung und Lernen ausmachen. 

Dann fängt etwas an zu heilen – in einem gesellschaftlich wirksamen Ausmass.

Wenn ich dem Kind, das ich einmal war, in seinem ganzen Wesen vorbehaltlos begegnen kann, bin ich in der Lage, mich den Begegnungen mit jenen Kindern offen und vorbehaltlos zu öffnen, die mich heute brauchen.

Wir können und wir werden gute Schule für junge Menschen sein, wenn wir unseren eigenen Keller entrümpelt und die Leichen würdig bestattet haben.

Der steinerne Rucksack der Bildung – und meine persönliche Expedition in das Herz des Lernens

(M)ein Rückblick auf zehn Jahre „Expedition Neuland“

(M)ein Rückblick auf zehn Jahre „Expedition Neuland“

„Wer loslässt, hat die Hände frei“ – war der Titel eines Weiterbildungsseminars für Bildungsfachleute. Wohin dann aber mit all dem, was wir mit uns schleppen und nicht einfach nur los- und zurücklassen können? Das Bild vom steinernen Rucksack gibt darauf eine metaphorische Antwort.

Es ist dieser Rucksack, der schwer auf uns lastet. Sei es auf dem Rücken von Lehrenden, sei es auf dem von Lernenden – wie frei auch immer in der Zwischenzeit unsere Hände sein mögen.

Sisyphus Starterpack von PeterFreakwater auf X

Es gibt in Schule, Aus- und Weiterbildung kein „leichtes Gepäck“, mit dem wir unterwegs sein könnten, denn die Schule an sich ist das Gepäck. Ein Rucksack aus Stein. Deshalb geht es jetzt nicht mehr darum, diesen Rucksack auszumisten, wie im Beraterinnensprech hier und da empfohlen wird.

Die Metapher lädt dazu ein, ihn abzulegen. Ein für alle Mal. Doch dann würden wir endgültig mit leeren Händen dastehen. Ein bis heute für Lehrpersonen unvorstellbarer Zustand.

Meine Reise in die Bildung und mein Weg als Lernender

Ich hab’s trotzdem gemacht – und bin wieder als Lernender unterwegs. Noch während meiner Coaching-Ausbildung startete ich meine persönliche Forschungsreise. Ich wurde zum „Colearner“, und meine Reise wuchs sich aus zu einer Expedition. Meine jüngste Erkenntnis ist dabei ambivalent und schmerzhaft zugleich. Ich teile sie mit vielen, die mir auf meiner Reise begegnen: Du kannst irgendwann nicht mehr zurück in das Schulsystem,

wenn und weil du erlebt hast, was Lernen in Wirklichkeit ist und wie es geht – und das ist in allem das Gegenteil vom dem, was Schule tut.

Was auch immer sich in der Welt an faszinierenden, grossartigen und funktionierenden Alternativen formt, es findet keinen Eingang in die Schule – denn was den Unterschied ausmacht, stirbt in dem Moment ab, wenn Schule es sich einverleibt hat. Das Bild, das mir dazu einfällt: Schulentwicklung ist wie Wildblumen pflücken und in eine Vase stellen, wo sie nach kurzer Zeit verwelken.

Es gibt keine Kompatibilität zwischen dem Schulsystem und dem, was Menschen effektiv brauchen, um ihren Bedürfnissen und Bedarfen entsprechend zu lernen. Hier eine kurze Begründung.

Dafür sorgen im Viererpack die akademische Lehrerausbildung, die mittelalterliche Festung der Bildungsadministration, eine visionslose Politik, und das „Hamsterrad Schulalltag“.

Begegnungen mit alternativen Bildungskonzepten: Ein Weg abseits der ausgetretenen Pfade

Was an meiner Geschichte speziell ist: Ich habe nie eine Ausbildung zum Lehrer gemacht und dennoch viele Jahre in allen Schulformen als einer gearbeitet – mit hervorragenden Beurteilungen und über 1000 (!) systematisch erhobenen und ausgewerteten Feedbacks von Lernenden. Wunderbare, authentische und kritische Reflexionen Lernender auf unserem gemeinsamen Lernweg. Diesen Feedbacks verdanke ich auf meinem Entwicklungsweg ausserordentlich viel!

Ich sehe es sogar als Chance, dass ich die klassische Ausbildung nicht habe, weil ich mich nicht erst aus „Pädagogistan“ befreien musste. Den Freischwimmer im Lernen hatte ich aber trotzdem zu machen, denn die Käfig-Haltung des Lernens habe ich ja schon als Kind und Jugendlicher entwickelt und verinnerlicht.

Über meine Expeditionen führe ich schon länger ein analog-digitales Tagebuch, um für mich und alle, die das interessiert, die Stationen meiner Expedition sichtbar zu machen – und damit nicht nur meine Entwicklung, die anderen Mut machen kann, sondern auch die Entwicklung neuer Orte und Räume des Lernens.

Aus diesem Tagebuch ist mit der Zeit mein Lebenslauf geworden. Drei besonders wichtige „Einträge“ da drin sind

  • mein Buch „Bildung auf Augenhöhe“ (2013). Da dokumentiere ich den Prozess, wie ich am Gymnasium den Unterricht und das Lehren durch gleichwürdige Lernprozesse abgelöst habe;
  • die Begegnung mit der noch jungen Learnlife-Community in Barcelona (2019), über die ich eine Video-Doku gemacht habe;
  • und mein jüngstes Projekt: die Mitarbeit in der Colearning-Community in Bern (2023), die ich hier dokumentiere.

In Bern sehe ich mit all meinen Reiseerfahrungen im Hintergrund die derzeit am weitesten fortgeschrittene Form zeitgemässer Bildungsarbeit am Werk.

Irgendwann auf diesen Reisen habe ich einen Blog aufgemacht (www.learnflow.city). Er ist das „Buch“, an dem ich fortlaufend schreibe, wo ich Klarheit in meine Beobachtungen und in mein Denken bringe. Wo ich reflektiere, zu durchschauen versuche, zu klären. Hier verarbeite ich auch alles, was mir im Internet begegnet an Information.

Erst durch meine Arbeit an diesem Blog ist es mir gelungen, die Vielschichtigkeit des Lern- und Bildungsthemas einigermassen auf die Reihe zu bekommen – nur schon für mich selbst. Dazu gehört für mich auch die Wahrnehmung der vielen sich ständig verändernden Wechselwirkungen zwischen Bildung, Arbeit, Gesellschaft und Ökonomie.

Nach über einem Jahrzehnt Expedition kann ich sagen: Es ist alles schon da. Alle Lösungen für alle Probleme, die das Bildungssystem im Rucksack mit sich schleppt, sind da.

Wir könnten ihn also getrost ablegen.

Den digtalen Rückwärtsgang einlegen oder die nächste Raketenstufe zünden?

Umso trauriger finde ich, dass sich derzeit eine Startup-Szene etabliert, die sich als Lösungstruppe für die überbordenden Problemlagen in Schulen anbietet, und die dabei doch nur das traditionelle Mindset alimentiert. Sie sorgt dafür, dass es am Leben bleibt und reichert eifrig den Didaktik- und Methodenkoffer von Schule digital an. Hier ein besonders krasses Beispiel:

Mit eduScrum® übernehmen Lernende in der Selbstorganisation Ihrer Teams die Verantwortung für ihren Lernprozess. Die Folge davon sind intrinsische Motivation, Freude, persönliches Wachstum und bessere Resultate. Der Lehrer bestimmt das WARUM und das WAS, die Schüler bestimmen das WIE. eduScrum® ist eine Art von Unterricht, bei der personalisiertes Lernen eine besondere Rolle spielt, gemäß den 6 C’s: Creativity, Collaboration, Communication, Caring, Choice & Critical Thinking.

Quelle: Eduscrum Deutschland (23.8.2023)

In Wahrheit sind es jedoch immer die Lernenden selbst, die sich dafür entscheiden, was sie lernen und was nicht. Es gehört zum Lernen, quasi zu seinen Wurzeln, dass Menschen in allererster Linie und immer zuerst selbst entscheiden (lernen), was sie warum lernen und was aus welchen Gründen nicht. Das „Warum“ und das „Was“ lassen sich nicht vom „Wie“ trennen, und menschengerechtes Lernen entscheidet nie nur darüber, wie es lernt, sondern zuerst warum und was.

Erst recht in einer Welt und Gesellschaft, die sich demokratischen Werten verpflichtet, ist ein Lernen, wie es in diesem kurzen Werbeausschnitt über „eduscrum“ beschrieben wird, deplatziert.

Ein interessierter und unvoreingenommener Blick und ein empathisches Mitgehen mit lernenden Menschen zeigt, dass wir uns alle von Anfang an als selbstbestimmte Lernerinnen und Lerner wahrnehmen. So sind wir als Menschen gedacht.

Wenn wir lernende Menschen lernen lassen, finden sie ganz von selbst heraus, was jetzt dran ist bei ihnen. In jedem Alter. Und dann holen sie sich, was und wen sie brauchen. So wie du und ich auch. Lebenslang.

Es ist so einfach, wie es klingt.

Drei Hürden für das Lernen im 21. Jahrhundert – und wie du dich freischwimmst

Warum erleben Menschen die Freiheit im Lernen eher als Risiko, und nicht so sehr als Chance? Nicht nur Lehrerinnen und Lehrer, auch Schüler:innen und Studierende haben grossen Respekt davor, ihr Lernen selber zu organisieren und dafür in die Verantwortung zu gehen. Sie fürchten aus Erfahrung, dass sie sich unterwegs verlaufen, dass sie die Dinge vor sich herschieben, dass sie Ausweichmanöver erfinden, dass sie den Druck der letzten Minute aufbauen, um endlich mit dem Lernen anzufangen. Menschen können faszinierende Strategien entwickeln, um nicht lernen zu müssen.

Wer lieber das Video kucken mag, einfach hier klicken.

Deshalb rufen wir nach Profis, die das Lernen für uns organisieren und kontrollieren sollen. Die Erfahrung ist: Wenn wir nach einem vorgegebenen Plan lernen, wenn Lehrende das Lernen streng organisieren und eng strukturieren, dann sinken die Ablenkungen, und wir gehen unseren Weg Richtung Prüfung einigermassen sicher, ohne unterwegs an Selbstorganisation zu scheitern. Und so geht das ja im Beruf nicht selten weiter: Klare Anweisungen geben und bekommen, klare Abläufe, klare Ziele, und die Mitarbeiter*innen arbeiten das dann ab.

Wie soll ich denn da die Lust am selbstbestimmten Lernen entdecken? Wie könnte ich mich da freischwimmen, wenn ich das denn will? Ich stelle dir jetzt drei Lösungsstrategien vor, die immer funktionieren, wenn du dich dafür entschieden hast, in neue Lernwelten aufzubrechen.

Erste Strategie: Erinnere dich an etwas, das du dir selber beigebracht hast – ohne Schule

Wenn du dein Lernen nur schwer selber organisieren kannst und steuern und bestimmen, dann nicht, weil du doof bist, sondern weil du das noch nicht gelernt hast. Wer Lernen nur aus der Schule kennt, hat noch nicht Lernen gelernt, weil die Schule Lernen komplett durchorganisiert. Deswegen können so viele Menschen nicht selbstbestimmt lernen. Die Lösung für dieses Problem ist denkbar einfach:

Quelle: pixabay

Du findest in deinem Leben Situationen, in denen du dir etwas selber beigebracht hast, ohne einen schulischen Rahmen und ohne Vorgaben, einfach weil du es lernen, begreifen, können wolltest. Das muss überhaupt nichts Grosses sein, darf aber. Es geht nämlich um die Erfahrung, dass du das kannst: selbstgesteuert und selbstorganisiert lernen. Ohne Unterricht, Noten, Fächer, ohne Beschulung und Klassenzimmer. Jede und jeder von uns kann sogar ganz viel, ohne es je in der Schule gelernt zu haben. Das ist dein Schlüssel zu selbstbestimmtem Lernen.

Diese Überzeugung aus eigener Erfahrung: ich kann selbstbestimmt lernen, wenn ich mein Lernen selber bestimmen darf, diese Sicherheit gibt dir den Mut, das Vertrauen und die Kraft, dass du das kannst. Und mit dieser Sicherheit steigst du ein in deine Expedition nach Digitalien.

Zweite Strategie: Suche dir inspirierende Menschen, die sich bereits freigeschwommen haben

Es kann sein, dass du es dort, wo du arbeitest und lernst, als eher mühsam erlebst. Die Strukturen sind alle vorgegeben, die Arbeitsbelastung ist hoch und du siehst nicht, wo du innerhalb deiner Firma oder Abteilung etwas bewegen könntest, inklusive dich selber. Alles eher eingefahren. Gleichzeitig nimmst du wahr, wie sich die Anforderungen an deinen Beruf grundlegend verändern. Du spürst und siehst, wie alles in Bewegung kommt. Was jetzt? Ganz einfach:

Quelle: pixabay

Du nimmst Kontakt auf zu Menschen, die dieses Problem auch hatten, und die es gelöst haben. Von denen gibt es nämlich bereits eine ganze Menge. Von denen holst du dir Inspiration. Nicht Imitation, es geht nicht darum, denen etwas nachzumachen oder sie zu kopieren. Es geht einfach darum, dass du den Mut fasst, dich selber freizuschwimmen.

Dritte Strategie: Dem Gefühl von Angst und Scham die Stirn bieten

Und ein drittes Problem, von dem mehr Menschen betroffen sind als es scheint, ist die Angst im Kontext von Lernen entwertet zu werden, beschämt, entwürdigt. Das ist bis heute in schulischen Kontexten gang und gäbe. Dafür gibt es ausreichend Studien. Beschämt entweder durch Mitlernende (Stichwort Mobbing), oder durch Lehrpersonen, oder auch durch das Benotungssystem, das ziemlich beschämend wirken kann.

Deshalb ist Lernen für etliche Menschen zeitlebens mit der Angst vor Beschämung verknüpft – und die fällt dir unter Umständen in den Rücken, wenn du etwas Neues lernen möchtest, wenn du ganz am Anfang stehst, noch unsicher bist, womöglich umgeben von Leuten, die alle so sicher & souverän rüberkommen. Was hilft da?

Mir hat ein Coach mal gesagt: Solange du da nicht genau hinsiehst, solange du dich von solchen schmerzhaften Erfahrungen abwendest, fallen sie dir immer wieder in den Rücken bei deinen Versuchen dich freizuschwimmen. Ich fand dieses Bild sehr hilfreich: Dass ich solchen Gefühlen nicht die kalte Schulter zeige, sondern anfange ihnen die Stirn zu bieten, ihnen ins Gesicht sehen.

Ich mache Entwürdigung und Beschämung zum Thema. Ich lerne „Stop!“ sagen. Egal von woher die Stimmen kommen, die mir einreden, dass ich das eh nicht hinkriege. Und dafür suche ich mir einen geschützten Rahmen, wo ich meine Unsicherheit und Angst aussprechen kann, wo ich Sicherheit erlebe und Solidarität. Denn auch hier stelle ich schnell fest: Es geht vielen so. Wir reden einfach sehr selten drüber. Aber nur so machen wir eine Lerngelegenheit draus: Wenn wir‘s gemeinsam zum Thema machen.

Quelle: bing/AI. „Create a safe Space in the Spirit of van Gogh“

Und da es geht nicht darum, in Selbstmitleid zu baden. Es geht im Gegenteil darum, sich frei zu schwimmen.

Das sind also meine drei Strategien.

  • Werde dir bewusst, dass du schon dein ganzes Leben ein kompetenter Selbstlerner bzw. eine kompetente Selbstlernerin bist – dass du das drauf hast.
  • Vernetze dich mit Menschen, die sich freigeschwommen haben und lass dich von ihnen inspirieren.
  • Biete dem Gefühl von Scham und Angst die Stirn.

Diese drei Strategien haben eines gemeinsam:Es geht ihnen immer um deine Ressourcen und darum, dass du an sie rankommst. An deine Energie, an deine Selbstwirksamkeit. Die stärkste Kraft, die wir Menschen mit auf die Welt bringen, die mächtigste Ressource, ist das Lernen: selbstbestimmt, selbstgesteuert, selbstverantwortet.

Wer an diese Ressourcen rankommt, hat in Digitalien ausgesorgt.

Und wenn du magst: In diesem Video erzähle ich, wie ich mich freigeschwommen habe aus dem Wirrwarr an biografischen Lern-Verstrickungen:

Systemkram: Warum ich bei Anpassungsfähigkeit an Hänsel & Gretel denke

Meine Hypothese: Das Bildungssystem hat den Anschluss an gesellschaftliche und ökonomische Entwicklungen verloren. Es hat sich entkoppelt.

Der Reihe nach:

Das Augenmerk auf erfolgreiche Führung und ihre Kriterien, liegt derzeit vor allem darauf, die Funktionalität von Organisation aufrecht zu erhalten. Mittlerweile ist dieser Fokus (meiner Beobachtung nach) immer häufiger abgekoppelt vom Zweck einer Organisation. Das Aufrechterhalten ihres Funktionierens erfolgt nicht mit dem Zweck ein Unternehmensziel zu erreichen, der Fokus liegt allein auf dem Erhalten der Lebensfunktionen. Es geht rein ums Funktionieren.

Eine mögliche Dysfunktionalität der Organisation im Aussen (Forschungsfrage: „Wozu braucht es uns eigentlich ganz konkret?“) kann aufgrund des verengten Blicks auf die Funktionalität im Innen nicht mehr gesehen werden. Es findet eine Entkoppelung statt. Dadurch nimmt oder bricht auch der so wichtige Informationsfluss ab und damit die Möglichkeit, in der Organisation Wissen zu generieren über ihre Umwelten – als Überlebenszweck, sprich: um auch in Zukunft zu existieren. Dieses Wissen wird durch Vermutungen und Mutmassungen ersetzt, die aus dem Speicher der Organisation bezogen werden, also aus der Vergangenheit.

Das ist meine Zustandsbeschreibung für Schulen & Co.

Jetzt passiert folgendes:

Weil das Entwicklungstempo in den Umwelten einer Organisation mit exponentieller Geschwindigkeit voranschreitet, kann eine Verzögerung bei der Anpassungsfähigkeit ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr aufgeholt werden. Die Verspätung führt zur Entkopplung, und wenn das nächste Mal „Kommunikation“ auf dem Plan steht, ist die Schnittstelle nicht mehr da oder (kulturell) neu kodiert. Wir verstehen einander nicht mehr, während wir davon ausgehen, dass wir einander verstehen – und machen immer mehr davon:

Das System ist davon überzeugt, sich hier und jetzt um Anschluss zu bemühen, verstärkt aber gerade damit die Dysfunktionalität – als eine neue Form der Beziehung 😅.

Der Anschluss von Umwelten an Systeme und umgekehrt kann nicht mehr vollzogen werden, wenn Organisationen die Fähigkeit zur Anpassung vernachlässigen und aus dem Blick verlieren. Diese Unterscheidung zwischen konkreter Anpassungstätigkeit und der Anschlussfähigkeit ist wichtig, denn solange ich mir die Fähigkeit zur Anpassung bewahre, lassen sich Versäumnisse beim Anschliessen relativ kurzfristig aufholen und ausgleichen: Anpassung ist dann immer noch möglich.

Wenn ich aber als Organisation die Fähigkeit zur Anpassung verliere (die ich mir vor allem dadurch erhalten würde, dass ich um Anschluss bemüht bin und diesen Prozess konsequent analysiere), müsste ich, um eine Anpassungsleistung zu erbringen, zuerst einmal die eigene Anschlussfähigkeit wiederfinden (z.B. durch Versuch und Irrtum, also durch Lernen), wozu ich aber aufgrund der Entwicklungsrhythmen und -tempi in Gesellschaft und Ökonomie gar nicht mehr komme.

In der gegenwärtigen sozioökonomischen Lage, in der wir uns befinden, hat ein Pausieren der Anschlussbemühungen von Systemen an Umwelten und umgekehrt zur Folge, dass die Fähigkeit zur Anpassung rapide abnimmt.

So genannte „Feedback Loops“ verstärken diese Entwicklung. Sie sorgen dann über die Zeit hinweg dafür, dass Systeme, die ursprünglich die Funktion von Problemlösern hatten, selber zum Problemfall werden. Ein Beispiel aus dem Klimabereich: Irgendwann wird das „System Wald“, das die Funktion hatte, CO2 zu absorbieren, zu einem CO2-Produzenten (siehe hier, wie das vor sich geht).

Analog dazu die Schule: Wenn das Bildungssystem ursprünglich die Funktion hatte, Bildung zu ermöglichen und zu fördern, entwickelt es sich derzeit mehr und mehr zu einem Bildungs-Verhinderer.

Die Zeitschindererzählung vom langsamen Kulturwandel

Was den Prozess der Entkoppelung beschleunigt, ist ein Narrativ aus der gegenwärtigen Organisationsentwicklung, dass alles, was mit „Kulturwandel“ zu tun hat, viel Zeit brauche.

Doch die Erzählung, dass die Kultur einer Organisation der Bereich sei, der bei Entwicklungsprozessen am meisten Zeit benötigt und sich am langsamsten bewegt und verändert, ist recht eigentlich eine Erzählung der Kultur über sich selbst. Sie hat den Zweck, sich Zeit zu verschaffen: „Morgen ist auch noch ein Tag. Schlaf jetzt.“

Wenn nun aber Evolution gar nicht „evolutionär“ ist? Vielleicht ist sie ja ein Schwarzer Schwan. (#Antifragilität)

Wenn Umwelten zur Schule sagen: „Wir brauchen dich jetzt!“ und Schule antwortet: „Ich brauche aber mehr Zeit!“ – ist das eine Ausgangslage für Entkoppelung.

Und: Die Erzählung von der Langsamkeit der Kultur macht keine Aussage darüber, ob die Organisationskultur diese Zeit tatsächlich braucht um sich zu verändern. Sie macht lediglich eine Annahme – und schon gar nicht kann sie einen Einfluss darauf nehmen, ob oder dass es diese Zeit auch tatsächlich gibt. Das müsste uns mittlerweile stutzig machen angesichts der Radikalität und Beschleunigung der Entwicklungen, in denen wir drin stecken.

Dieses Arrangement erinnert mich an die Taktik von Hänsel und Gretel, den Rückweg aus dem Wald mit Brotkrumen zu markieren, will sagen:

Es ist ein bestimmtes Verständnis von Ressourcen und ihr konkreter Einsatz, der zu ihrem Verlust führt.

Wohl denen, die dann ein Klavier dabei haben 😎

Nun sag mir: Wie hältst du’s mit der Online-Lehre?

Eine aktuelle, gross angelegte Studie von McKinsey zeigt: An der Haltung traditioneller Lehre hat auch die Pandemie nichts verändert, von der ja so gerne erzählt wird, sie habe die Remote-Kompetenz des Bildungssystems schlagartig erhöht. Die Zahlen sind ernüchternd und weisen darauf hin, dass die entscheidenden Herausforderungen einer Bildung unter Bedingungen der Digitalität nach wie vor nicht in den Blick kommen.

Woran könnte es z.B. liegen, dass viele Studierende immer noch zögern, sich für Programme einzuschreiben, die vollständig aus der Ferne abgehalten werden? „Studierende weltweit nannten diese drei Hauptgründe:

  • Angst, durch das Online-Lernen stärker abgelenkt zu werden,
  • Langeweile, wenn die Lernerfahrung nicht motivierend ist,
  • und mangelnde Disziplin beim Absolvieren des Online-Programms.“

Diese Wahrnehmungen scheinen, so die Studie,

„darauf hinzudeuten, dass Online-Programme für einen Teil der Studierenden keine ansprechende Lernerfahrung generieren konnten.“

Was machen Hochschulen?

„Zurück in den Hörsaal!“ – und zugleich den Spassfaktor (nicht nur) von Online erhöhen: Gamification, Virtual Reality und Konsorten. Statt gemeinsam bei der Frage anzusetzen, wie Menschen jeden Alters ihr Lernen immer besser selber organisieren, bestimmen, reflektieren, steuern und verantworten – also: sich emanzipieren aus der Käfig-Haltung, die wir im Verlauf unserer Bildungsbiografie verinnerlicht haben.

(Hoch)Schulen schrauben mit dem Didaktik-Schlüssel an ihrem Angebot rum, statt auf die Bedarfe Lernender zu achten bzw. sie verwechseln das Zweite mit dem Ersten. Umso wichtiger das Ergebnis der Studie, dass die Spielzeuge, in die derzeit am meisten investiert wird, bei Studierenden nicht wirklich ankommen:

„Online-Attribute, deren Implementierung teuer ist, wie etwa virtuelle Realität (VR), Simulationen und anspruchsvolle visuelle Inhalte, werden von den meisten Studierenden nicht hoch eingeschätzt.“

Bildung als Bühnenshow

Die Studie zeigt, dass Lehre noch immer mit „Bühnenshow“ verwechselt wird: „Online programs are not motivating enough and I would get bored.“ Lernende tendieren dann dazu, den Sender zu wechseln. Sie zappen und scrollen: „I get more distracted studying online“ und „I lack the discipline to participate in an online program.“ – also muss was Interessanteres her, das die Aufmerksamkeit der Studierenden bindet. Was Motivierendes, Spielerisches.

Das erhöht nun aber nicht die Selbstlernkompetenz Lernender. Es erhöht im Gegenteil die Abhängigkeit davon bespielt zu werden und gerade nicht in die Verantwortung zu gehen. Für mich ist das eine weiter zunehmende Infantilisierung Studierender – aber auch ohne diese Zuspitzung gilt: die Unselbstständigkeit verbleibt auf hohem Niveau:

„In 80 Prozent der befragten Länder gaben Studierende an, dass der Hauptgrund, warum sie den Präsenzunterricht bevorzugen, darin besteht, dass es durch Präsenzunterricht einfacher ist, Hilfe von Dozenten zu erhalten, als durch Online-Lernen.“

So sorgt man systemisch für den Erhalt und den Ausbau erlernter Hilflosigkeit — egal ob der Support auf einem Campus erfolgt oder remote.

Würde ich „meine Uni“ einer Freundin oder einem Familienmitglied empfehlen?

Dabei lernen die doch am Gymnasium schon die Selbstständigkeit!

Hier und da höre ich dann flüstern: „ … und das, wo sie sich doch von der Schule her schon gewohnt sind, selbstständig zu lernen“ – was ja auch wieder nicht stimmt. Schule übergibt einfach vermehrt Lehraufgaben an Lernende – was beim zunehmenden Lehrermangel und dem steigenden Administrationsaufwand der verbleibenden Kolleg:innen verständlich ist 😅

Schule erhöht nicht den Anteil selbstorganisierten Lernens. Sie „erlaubt“ Lernenden vielmehr, dieselben Mengen Stoffes zeitweise unbeaufsichtigt abzuarbeiten. Da sind dann natürlich Organisationsfähigkeiten gefragt, die vor allem mit Informationslogistik zu tun haben. Das Lernen selbst hingegen bleibt fremdbestimmt und fremdgesteuert: Inhalte und zeitliche Rahmen sind ja nach wie vor vorgegeben.

Die Folge ist, so zeigen auch die Ergebnisse der Studie, ein bleibend hohes Mass an Unselbstständigkeit:

„Beispielsweise gaben Studierende in 16 der 17 Länder an, dass ein sehr gut organisierter Online-Kurs mit einem klaren Weg und einer Schritt-für-Schritt-Anleitung zum Erreichen ihrer Ziele zu ihren fünf wichtigsten Elementen gehört.“

Studierende verzichten lieber auf Formen des Lernens, die für sie echte Selbststeuerung erfordern würden:

„Netzwerkelemente wie ‚Peer-to-Peer-Lernen in Online-Umgebungen‘ und ‚von Institutionen oder Studierenden geleitete Vernetzung‘ rangierten in den meisten Ländern ebenfalls im unteren Quartil der Bedeutung“.

Es ist höchste Zeit, Bildungsarbeit neu zu erfinden, denn der nach wie vor absurd hohe Stellenwert der Informationslogistik in Prozessen der Befähigung und Qualifizierung für ökonomische und zivilgesellschaftliche Partizipation ist in Zeiten von KI kontraindiziert. An ihre Stelle tritt ein dramatisch schnell zunehmender Bedarf an Kompetenzen, die von Schule und Hochschule nach wie vor ignoriert werden.

Mir zeigt die Studie darüber hinaus, dass Studierende ihren Fokus vor allem darauf legen, den Ausbildungsprozess so effizient wie möglich zu organisieren, um zu den damit verbundenen Abschlüssen zu kommen. Ob sie dabei „future skills“ erwerben, bezweifle ich erneut, nachdem ich die vorliegende Studie konsultiert habe. Sie brauchen ja auch eher Skills zur Schul- und Prüfungsbewältigung.

Maybe you wanna start your research here:

Die inspirierende Quelle: Philippa Hardman und ihre inspiriernde Arbeit

Raus aus der „Schule im Kopf! Warum es so oft beim Traum bleibt und wie wir es trotzdem geschafft haben

Wer hatte nicht auch schon diesen Gedanken: ob es für das Wohlbefinden und die Entwicklung unserer Kinder nicht besser wäre, wenn es Orte für sie gäbe, an denen sie frei lernen können? Wo sie dabei begleitet werden, sich selbst zu werden und zu erfinden. Wo sie gemeinsam mit anderen in der Entwicklung ihrer unverwechselbaren Persönlichkeit unterstützt werden und wo selbstbestimmtes Denken, Fühlen, Sprechen und Handeln selbstverständlich sind – wo sie aus dem Spielen heraus lernen und sich diesen wertvollen Zusammenhang ein Leben lang erhalten.

Das wäre mal eine Bildung! Doch die Ausgangslage ist meist die, dass wir dafür keine freien Ressourcen haben – nicht einmal um solche Gedanken weiter zu denken. Denn wir sind ja auch auf Schule angewiesen: Sie nimmt uns die Kinder und eine Menge Organisation und Planung ab.

Andererseits höre ich in Gesprächen mit Vätern und Müttern immer wieder den Zwiespalt heraus, in dem sie sich befinden. Sie spüren, dass Schule von ihren Kindern verlangt sich anzupassen, noch bevor sie die dafür notwendigen Fähigkeiten überhaupt entwickeln konnten. Ein Dilemma.

„Raus aus der Schule“ – Das ist doch naiv, oder nicht?

Auf dem Hintergrund der vorgegebenen Taktung unseres Arbeits- und Lernalltags erscheint vielen Erwachsenen und Jugendlichen die Idee selbstbestimmten Lernens naiv: dass Menschen die Schule hinter sich lassen und ihr Lernen selber in die Hand nehmen. Es selber organisieren. Wie soll das gehen?

Da scheinen mühsam erarbeitete und aufrecht erhaltene Strukturen ins Wanken zu kommen. Die fein austarierte Kontrolle und Übersicht(lichkeit) gerät in Gefahr: Wie sollen wir das als Familie organisieren? Erst recht wenn ich alleinerziehend bin? Die Angst vor dem Verlust der unterstützenden Strukturen steht sofort bei Fuss.

Zwar ist der Gedanke an „raus aus der Schule“ im ersten Moment verlockend: intuitiv gehen wir davon aus, dass es unseren Kindern (und damit auch uns) besser gehen würde, wenn sie und wir unserem eigenen Rhythmus, den eigenen Interessen und Potenzialen folgen könnten. Doch als Nächstes stellen sich dann Fragen:

  • Wie organisieren wir das?
  • Wie garantieren wir, dass (junge) Menschen dann tatsächlich lernen und richtig lernen und das Richtige lernen.
  • Wie können wir das feststellen – als Nicht-Fachleute für Schule?
  • Wie können wir das einschätzen und beurteilen?
  • Und wie sieht es dann mit den so wichtigen Schulabschlüssen aus?

Und was heisst raus aus der Schule konkret? Wohin denn dann? Wo in unserer Gesellschaft ist denn dafür Platz? Wo sind denn andere Menschen, die ähnlich unterwegs sind? Wie finanzieren wir das? Fragen über Fragen!

Colearning als Antwort auf viele ungelöste Fragen

Colearning ist ein Bündel guter Antworten auf diese Fragen, hinter denen eine Menge guter Erfahrungen steckt. Gelingende Experimente. Was unsere Antworten gemeinsam haben, ist Selbstermächtigung.

Jung und Alt entwickeln im Colearning nach eigenen Aussagen ein gesundes Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl, Selbstverantwortung und Selbstvertrauen – und die bilden ja das Fundament und den Boden für die Entwicklung alles weiteren: für Sozialkompetenz und jede Menge Skills in Sachen Beruf & Arbeit.

Und diese Fähigkeiten sind ja nicht nur im Zusammenhang mit Kindern und Jugendlichen ein Thema. Wenn ich von mir und etlichen Gesprächspartner:innen ausgehe, dann haben auch wir Erwachsene das Bedürfnis und ein Recht darauf, uns weiterzuentwickeln. „Raus aus der Schule“ ist also auch ein Angebot an mich, den eigenen Kopf zu ent-schulen.

Grafik: Ben Zaugg, Colearner der ersten Stunde.

Und was wäre, wenn auf diesem Weg ganz viel Entlastung drinliegt für die Familie und für jede:n von uns? Entlastung vom Stress, vom Erwartungsdruck und von allerhand Organisationsleistungen rund um das Thema „Schule“?

Das alles haben wir im Blick, wenn wir „Colearning“ sagen und machen. In Bern. Tag für Tag.

Deshalb hier ein Blick auf zentrale Elemente, durch die sich Colearning von Schule unterscheidet:

Das erste Element

Zuerst ist da der Raum („Space“), in dem Lernen ja immer stattfindet. Wir sorgen in Bern gemeinsam für einen Raum, in dem das Lernen nicht orientierungslos wird wenn ihm der strukturierende, schulische Rahmen fehlt, sondern ein Raum, in dem es im Gegenteil eine neue Heimat findet, jenseits schulischer Struktur und Kontrolle.

Im Übergang von Schule zum Colearning organisiert der Raum die Beziehungen der Menschen in ihm neu, weil wir das so wollen. Wir schaffen uns diesen Raum zu diesem Zweck. Lernende Menschen, die sich für Colearning und gegen Schule entscheiden, fallen also nicht aus einer Struktur heraus ins Leere.

Wir finden in eine neue Struktur, die zu diesem Zweck nicht „erfunden“ wird oder „konstruiert“, sondern bereits existiert: Unsere Lebens- und Arbeitswelt, in unserem Fall der Coworking Space Effinger in Bern. Der entwickelt sich dadurch als Raum weiter. Er wird ein Raum für Colearning. Er beginnt sich selbst zu verändern.

Colearning ist ein Prozess, der in zwei Richtungen verändernd wirkt:

Als Lernende:r (egal ob ich offiziell noch Schüler:in bin oder bereits erwachsen) verlerne ich die mit dem Schul-Raum verbundenen Haltungen und Beziehungsmuster. Ich entwickle neue. Als Mensch in einem Arbeits-Raum bewege ich mich wiederum „auf das Lernen zu“, das bisher in Schulen untergebracht war.

Durch diese Bewegungen „aufeinander zu“ verändern sich Lernwelten ebenso wie Arbeitswelten und entwickeln neue Identitäten. Sie schaffen einen neuen, gemeinsam gestalteten und verantworteten Raum: den Colearning Space.

So ein „Colearning-Space“ entwickelt sich bevorzugt dort, wo wir ein lebendiges Interesse daran haben, auch das Phänomen des “Arbeitens“ weiterzuentwickeln. Wohl deshalb hat sich das Colearning in Bern in einem Coworking Space entwickelt.

Dort wird bereits anders (zusammen-)gearbeitet. Es gibt bereits eine sicht- und spürbare Kultur der Kollaboration mit zwei zentralen Absichten: sich aufeinander einlassen und sich aufeinander verlassen. In der Schule würden wir das womöglich „Lernziele“ nennen – im Colearning Space sind diese beiden Dimensionen fundamentale Pfeiler der gesamten Kultur.

Das zweite Element

… durch das sich Colearning von traditionell schulisch organisiertem Lernen unterscheidet, und das sehr eng mit dem Element vom „Raum“ zusammenhängt: Colearning bringt in Beziehung, was in herkömmlichen, schulischen Strukturen getrennt ist:

Wir schaffen einen Ort, wo Jugendliche und Erwachsene in der Mitte der Gesellschaft lernen können. Wir führen die Arbeitswelt und die Lernwelt von Jugendlichen und Erwachsenen zusammen.

www. colearningbern.ch

Anders gesagt: „Colearner:innen arbeiten selbstbestimmt und selbstorganisiert. Wir übernehmen Verantwortung für das eigene Lernen und unterstützen andere in ihrem Lernen. Wir sind eine Gemeinschaft, die Lernen immer wieder sichtbar macht, Lernerfahrungen reflektiert und diese mit anderen teilt. Colearning ist ein Geben und Empfangen. Unsere Lernkultur funktioniert nur, wenn wir alle bereit sind, uns in der Weise einzugeben.“ (Quelle)

Das dritte Element

Colearning lebt ganz zentral aus einem starken, gegenseitigen Interesse an den Lernprozessen derer, mit denen ich unterwegs bin. In der Schule lernen Menschen zwar klassenweise „in einem Raum“, aber am Ende doch wieder jede:r aufs eigene (Noten-)Konto. Colearning ist das Gegenteil. Dein und mein Lernen ist aufgehoben und eingebettet in ein Netz von gegenseitigem Interesse und gegenseitiger Aufmerksamkeit – generationenübergreifend.

Wir wissen umeinander: wo der und die Einzelne unterwegs ist, und wo er und sie gerade steht. Was ihn und sie um- und antreibt. Der Lern- und Arbeitsraum bietet ausreichend Platz für individuelle Projekte, er gewährleistet Zeiten und Orte der Begegnung ebenso wie die Möglichkeit, völlig ungestört zu arbeiten und zu lernen.

Orientierung finden und geben wir einander dabei auch in regelmässigen Mentorings. Sie dienen nicht der Kontrolle, sondern sind ein Ausdruck gegenseitiger Verbindlichkeit in den Lern-Beziehungen. Sie dokumentieren Interesse und bilden einen wichtigen Teil unserer Kultur des Gebens und Empfangens. Dabei liegt es in der Verantwortung jeder Colearnerin/jedes Colearners, auf die für ihn und sie richtige Balance zu achten.

Das vierte Element

… handelt von der Frage, wie wir unser Lernen sichtbar machen – für uns selbst und für die, mit denen wir heute und morgen zusammenarbeiten. Da geht es also ums Reflektieren und ums Ernten.

Zu diesem Zweck haben wir die Schatzhebungstreffen entwickelt. Sie ermöglichen uns, das Individuelle und das Gemeinschaftliche am Lernen und Arbeiten ans Licht zu bringen, es sichtbar zu machen – in erster Linie für uns selbst, und dann immer auch öffentlich:

In einem Blog, in einem sozialen Netzwerk, in Form von Reflexionen, oder indem ich Produkte, die ich entwickelt habe, öffentlich zugänglich mache: ein Programm, eine App, eine Homepage, die ich entwickelt habe, ein Video, das ich für jemanden produziert habe, eine Pilzfarm, die ich aufgebaut habe, eine Lernreise, die ich gemacht habe, einen Event, den ich organisiert habe, eine Rolle, die ich im Coworking Space übernommen habe, und über die ich mit einem Blog Post reflektiere, einen Podcast, den ich produziere. Die Liste der Möglichkeiten ist praktisch endlos.

Aus dem Konzept

Unser Colearning Space ist darüber hinaus so flexibel und agil, dass jugendliche Lernerinnen und Lerner in ihm auch alle traditionellen Lernpfade selbstorganisiert gestalten können, bis hin zu einer eidgenössischen Matura.

Da gibt es dann alles mögliche: Angefangen vom 15-jährigen, der kurz vor dem Ende seiner Pflichtschulzeit einen Raum braucht, in dem er diese Zeit gut zu Ende bringen kann, abseits von Mobbing und anderen entwertenden Formen der Kommunikation, über Jugendliche, die sich mit ihren Eltern zusammen entschieden haben, im Homeschooling zu lernen, und die diesen Prozess, um einen Colearning Space erweitern, bis hin zu Jugendlichen, die im Coworking Space eine Lehre anpacken (die wir nach innen konsequent „Lerne“ nennen) – bei den Unternehmen, die in Coworking Space ansässig sind, oder einer jungen Frau, die ihren Berufstraum der Pferdetrainerin vorantreibt, indem sie ihre Ausbildung von Grund auf systematisch selber gestaltet.

Mein eigenes Lern-Projekt ist es, Colearning immer besser sichtbar zu machen: Menschen, die sich dafür interessieren, die Idee und das Konzept näher zu bringen – gemeinsam mit dem Team, und dafür meine eigenen Kompetenzen einzubringen und zu erweitern. Die grosse Herausforderung sehe ich für mich darin, die Genialität von Colearning nicht auf ein Geschäftsmodell zu reduzieren und doch davon leben zu können.

Ist das die Quadratur des Kreises?

Was es zum Anfangen braucht

Nach meiner Beobachtung liegt die größte Herausforderung in den Anfangsphasen eines Colearning Space darin, dass wir tatsächlich aus den tief in uns verankerten Rollenbildern von „hier Schüler:in“ und „dort Lehrer:in“ nach und nach herausfinden. Dazu bedarf es relativ viel Reflexionsarbeit und gegenseitiger Unterstützung, Aufmerksamkeit und Zuwendung, die wir aber ganz selbstverständlich wieder unter Lernen „verbuchen“.

Dabei hilft uns auch wieder das Setting, hilft uns der Raum, der auf ganz „kultürliche“ Weise Lernen und Arbeiten verbindet und vernetzt. So kommt auch von dieser Seite her gar nicht erst der Eindruck auf, hier könnte so etwas wie Schule stattfinden.

Was braucht es noch neben diesem Raum, einer Minimalstruktur und -organisation, die ohne grossen Aufwand entstehen können? Vor allem eine Gemeinschaft, die uns trägt, also das, was überall eine Voraussetzung für Gelingen ist, wenn es ans Eingemachte geht, wenn es um Innovation geht, wenn es darum geht, eingespurte Wege zu verlassen.

Hier kommt die schöne Doppelbedeutung dieses Wortes zur Geltung: Weil wir uns aufeinander verlassen können, können wir das Alte verlassen. Das ist in Zeiten von sich festsetzendem Misstrauen und zunehmender Verunsicherung in praktisch allen persönlichen und öffentlichen Feldern ein anspruchsvoller Prozess – und im gelingenden Fall ein unendlich wertvoller.

Die Gründungsmitglieder von colearning.org (v.r.n.l.): Ben, Fredi, Levyn, Paula, Sandro, Marco, Christoph

Wir haben einen Verein gegründet, mit dem wir uns und jenen, die auch an der Colearning-Idee interessiert sind, eine Plattform zur Verfügung stellen. Als digitale Möglichkeit der Vernetzung via Discord, wo du Menschen triffst, ins Gespräch kommst, Material findest und teilst.

Und wir stellen unsere Erfahrung und unser Knowhow allen zur Verfügung, die Colearner:in werden möchten: unsere inspirierenden Räume in Bern, die kreative, offene Infrastruktur, die zum Colearning einlädt. Wir bieten Workshops an, Time Outs, peer-learning-events für Jugendliche und Erwachsene. Wir bieten die Möglichkeit, Colearning für Organisationen greifbar zu machen:

Auch ich mache mein Lernen immer wieder sichtbar – etwa durch Blog Posts wie diesen, mit dem ich meine Beziehung zum Colearning reflektiere und es immer wieder neu entdecke und vertiefe.

Auf ein Lern-Produkt bin ich dabei besonders stolz: Meine Videodokumentation, in der Colearner:innen jeden Alters zu Wort kommen und erzählen, was das für sie ist. Hier wird wirklich spürbar, worum es geht 🙂

Bist du neugierig geworden? Möchtest du ins Gespräch mit uns kommen? Dann melde dich ungeniert jetzt.