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shareforus.net – Die digitale Sammelmappe für den Unterricht: Ein Gastbeitrag

shareforus.net – Die digitale Sammelmappe für den Unterricht: Ein Gastbeitrag

Es ist mal wieder Klausurphase und ich sitze vor meinem Schnellhefter und durchsuche Ihn nach den Inhalten die für die anschließende Prüfung relevant sind. Wie praktisch es doch wäre, wenn die wichtigsten Inhalte (Übersichten, Tafelbilder, Zusammenfassungen etc.) an einem Ort digital gesammelt wären und ich bei Fragen einfach und vor allem übersichtlich mit meinem Lehrer und meinen Mitschülern kommunizieren könnte?

Text, Bild & Logo von Jonas Fiedler

Mit diesem Szenario habe ich mich während meiner Schulzeit immer häufiger beschäftigt und schlussendlich mein damaliges soziales Netzwerk connect-friends.net in eine Plattform für die schulinterne Pürfungsvorbereitung umfunktioniert und in shareforus.net umbenannt.

Mein Name ist Jonas Fiedler, ich bin 20 Jahre alt, habe im Sommer 2019 mein Abitur gemacht und bin der Entwickler von shareforus.net, der Plattform für die schulinterne Prüfungsvorbereitung.

Die Idee von shareforus.net ist, dass eine Lehrkraft während der Unterrichtsreihe die Inhalte (Mitschriften, Präsentationen, Übungen etc.) die für die Prüfung  relevant sind an einem Ort digital sammelt (“shareforus – Die digitale Sammelmappe”) und die Schüler jederzeit (insbesondere vor den einzelnen Prüfung und hinterher bei der Abschlussprüfung) einfach auf diese zugreifen können und durch eine integrierte Kommentarfunktion unter jedem Beitrag untereinander bzw. mit der Lehrkraft z.B. bei Fragen kommunizieren können.

shareforus funktioniert so, dass eine Lehrkraft sich registriert und eine Gruppe erstellt. Dabei hat Sie die Option eine offene oder eine geschlossene Gruppe zu erstellen, wobei ich immer empfehle eine offene Gruppe zu erstellen und die Gruppe hinterher, sobald alle Kursmitglieder eingetreten sind, zu schließen.

Sobald die Gruppe erstellt ist, müssen sich auch die Schüler*innen registrieren und der Gruppe über die Suche beitreten.

Beiträge können sowohl von der Lehrkraft als auch von den Schüler*innen erstellt werden. Bei den Beiträgen gibt es die Möglichkeit diese mit Keywords (ähnlich wie bei Twitter) zu taggen (Zum Beispiel: In Biologie alle Beiträge der Themenreihe Evolution mit dem Keyword #evolution), damit sich die Schüler*innen die Inhalte jeder Themenreihe vor der Abschlussprüfung geordnet anzeigen lassen können.

Unter jedem Beitrag gibt es eine Kommentarfunktion um sich z.B. bei Fragen zu einem Tafelbild einfach auszutauschen. Bei neuen Beiträgen erhalten alle Gruppenmitglieder eine E Mail Benachrichtigung, sodass keiner mehr die Inhalte verpasst.  

Die ganze Funktionalität und der Ablauf werden auf der Plattform in Form eines Videotutorials auch nochmal dargestellt.

Einfache Zusammenarbeit zwischen Lehrenden und Lernenden

Zusammenfassend steht hinter shareforus die Vision im Zuge der Prüfungsvorbereitung das Teilen und wiederfinden von Inhalten, sowie den Austausch zwischen den Lehrkräften und den Schüler*innen so einfach wie möglich zu gestalten.

Wenn auch Sie Ihren Schülern das Lernen für die Klausuren erleichtern wollen, dann würde ich mich freuen, wenn ich Ihnen mit shareforus eine gute und einfache Lösung zur Verfügung stellen kann.

Bei Fragen kann mir jederzeit eine Email an info@shareforus.net geschrieben werden. Bei Bedarf stelle ich die Plattform auch gerne in einem persönlichen Telefonat vor.

Weil das Antlitz den Menschen macht

Weil das Antlitz den Menschen macht

Portraitfotografie: Mohamed Abdelgaffar, Egypt – on pexels

Ich fühle mich derzeit herausgefordert, den Kontakt zu mir selbst nicht zu verlieren. Die Verbindung zu meinen Überzeugungen, zu dem, was mich ausmacht und was mir wichtig ist. Es greift eine Art Überlebensmodus um sich. Verständlicherweise. Nachvollziehbar. Es müssen Situationen ausgehalten werden, die unmenschlich sind. Es müssen Lösungen gefunden werden für Umstände – in Umständen, die das Finden von Lösungen enorm erschweren.

Wie behalte ich da den Kontakt zu mir selbst? Im emotionalen, existenziellen Sinne: als Person. Die täglichen Einspielungen des Pianisten Igor Levit auf Twitter helfen mir enorm dabei. Er schreibt selber:

Es geht um mehr als um „Funktionieren“

Und je mehr ich mit mir selber in Kontakt komme, um so schmerzlicher vermisse ich in etlichen Abläufen des Alltags den Aspekt des Menschlichen. Diese Abläufe erlebe ich im Moment vor allem so, dass sie auf irgendein Funktionieren und Aufrechterhalten reduziert werden. Da liegt die psychologische Erklärung nicht fern, dass Menschen sich in solchen Situationen halt vor allem an Routinen klammern. Das höre ich pausenlos. Ich höre es seit vielen Jahren immer dort, wo Entwicklungsschübe aufgeschoben werden und abgewehrt. Ich höre: Menschen reagieren in verunsichernden Situationen verunsichert und klammern sich dann an Bewährtes. Andererseits hat mal jemand gesagt: Wir weinen nicht, weil wir traurig sind. Wir sind traurig, weil wir weinen. Also könnte es doch auch so sein, dass wir nicht deshalb klammern, weil wir verunsichert sind, sondern dass wir verunsichert sind, weil wir klammern.

I smell a rat

An diesen reflexartigen Erklärungen ist also was faul. Warum sollte ich mich in unsicheren Zeiten ausgerechnet an etwas klammern, das Verunsicherung auslöst, weil es nicht mehr funktioniert? Diesen Reflex erlebe ich derzeit auch in meinem Kerngeschäft, der Bildung. Noch mehr als zu coronafreien Zeiten überträgt dieses System jetzt seine eigene Dysfunktionalität auf die sozialen Systeme derer, die in diese Bildungssysteme eingebunden sind. Schulen, ihre Repräsentanten, (Infra-)Strukturen und Abläufe werden jetzt nicht ein- und freigesetzt, um den unzählbaren Familien und familienähnlichen Gemeinschaften wo auch immer möglich zu helfen. Vielmehr wird jetzt großflächig und täglich eine Schul(un-)kultur in diese familiären Systeme injiziert. Hier wird ausschließlich der Funktionalität einer Systemroutine Tribut gezollt, die schon im Normalbetrieb mehr als zwiespältig ist.

Just im Moment greift ein in meinen Augen kalter, technologischer Ansatz von Digitalisierung um sich, wenn in der Lern- und Arbeitswelt von oben herab in Windeseile digitale Technologien implementiert werden, um die bestehenden Lehr- und Arbeitsstrukturen und Abläufe auf die Lebenswelten lernender und arbeitender Menschen auszuweiten. Dadurch besitzen die noch weniger Ausweichmöglichkeiten, als sie in dieser schrecklichen Lage dringend bräuchten. Dabei müssen (und könnten) wir die digitalen Möglichkeiten jetzt vor allem dafür nutzen, um füreinander auf einer menschlichen und solidarischen Ebene erreichbar zu bleiben und vielerorts erst einmal zu werden. Dazu müssen wir womöglich bloß einen Moment lang innehalten und die Gesichter jener aufsuchen, mit denen wir unterwegs sind.

Foto: Mohamed Abdelgaffar, Egypt – on pexels

Meine Vermutung ist nämlich: Wenn wir uns auf diese Art „aus den Augen verlieren“, geht es zunehmend nur noch um den Aspekt der Funktionalität. Über dieses Funktionieren hinaus hat der Mensch, der mit mir unterwegs ist, dann keinen Platz mehr. In Online-Sessions und Meetings, an denen ich teilnehme, in Webinaren und Live Tutorials geht es derzeit nicht und nie wirklich um die Menschen, die da zusammenkommen. Nicht um ihre Situation, nicht um Überforderung, um Ängste. Wenn jemand seine oder ihre Tränen nur noch knapp zurückhalten kann, und wir das nicht ansprechen können, wenn jemand das Mikro stumm schaltet, damit das „Familienchaos“ ungehört bleibt und wir auch das übergehen, dann stimmt für mich etwas nicht mehr. Das sind wir in einer enormen menschlichen Schieflage angekommen.

Und ich erschrecke wirklich, wenn Führungskräfte und Moderatoren im beruflichen Alltag gegenüber ihren Mitmenschen zu Kriegsmetaphern greifen; wenn davon die Rede ist, dass wir „Gewehr bei Fuß“ zu stehen hätten, und ab Montag „scharf geschossen“ wird, sprich: das Sommersemester beginnt.

Was durch dieses Ausblenden des Menschlichen auf der Strecke bleibt und meiner Vermutung nach auch von etlichen Verantwortungsträgern absichtlich unterbunden wird, ist die Entstehung von Solidarität in den digitalen Netzwerken. Da wird keine Zeit eingeräumt, da wird keine Struktur ermöglicht, um miteinander jene Nähe entstehen zu lassen, die wir jetzt so dringend brauchen. Stattdessen wird um jeden Preis die Illusion von Funktionalität aufrechterhalten. Ich finde das in hohem Maße absurd.

Selbstverständlich gibt es im Moment Situationen, in denen es um nichts anderes gehen darf, als um das Aufrechterhalten von Funktionalität. Wenn ich nur schon an die medizinische Versorgung denke: Da hängt für ganz viele Mitmenschen alles davon ab, dass diese Systeme funktionieren. Auch stehe ich mit tiefer Bewunderung und Dankbarkeit vor Menschen, die dafür sorgen, dass unsere Nahrungsketten nicht unterbrochen werden – und vieles, vieles mehr!

Mohamed Abdelgaffar, Egypt – on pexels

Gerade deshalb finde ich es so wichtig, dass wir das Antlitz unseres Gegenübers nicht aus dem Blick verlieren – damit wir realisieren und uns vergewissern, warum wir das tun, was wir tun, und mit wem wir da gerade unterwegs sind bzw. gefangen – jede und jeder an seinem und ihrem Ort; dass wir uns darüber klar werden, warum wir uns für andere einsetzen, ihnen zuhören und Raum geben. Warum wir Systeme aufrecht erhalten: Wem wir damit nützen und Gutes tun wollen – und wie es uns selber in diesen anspruchsvollen Situationen ergeht.

Ich finde es gerade jetzt enorm wichtig, dass wir miteinander im Gespräch bleiben über das, was uns im Innersten wichtig ist – und was uns verbindet.

Ich finde es wichtig, dass wir den Kontakt erhalten zu dem, was uns ausmacht.

Corine Pellouchon über Emmanuel Lévinas (Quelle)
Mohamed Abdelgaffar, Egypt – on pexels

Ich kann jedenfalls nur schlecht damit leben, dass und wenn Menschen, ihre Gesichter und Geschichten hinter Situationen verschwinden, weil sie unsichtbar gemacht werden, weil und wenn sie zu Rädchen degradiert werden, zu Erfüllungsgehilfen von Funktionalität. Ich finde, wir dürfen das eine nicht mit dem anderen begründen. Ich möchte verhindern, dass die Meinung um sich greift, es ginge nicht um den Einzelnen und die Einzelne, mit der Begründung, es gehe jetzt um viele. Denn nicht die Masse macht den Menschen, sondern das Antlitz jeder einzelnen. Das ist die Wurzel aller Humanität, die in Zeiten wie diesen immer wieder von neuem zu verdorren droht.

Schule: Isolierstation in einer völlig vernetzten Welt

Schule: Isolierstation in einer völlig vernetzten Welt

Mein Eindruck ist, dass wir derzeit die traditionelle Trennung zwischen Schule und unseren anderen Lebens-, Arbeits- und damit auch Lernwelten vergrößern und zementieren – statt diese Trennung als den entscheidenden Risikofaktor für zukünftige Lebensentwürfe zu erkennen und deshalb nach und nach abzubauen – und klassische Schule durch Netzwerkstrukturen und Netzwerkprozesse zu ersetzen.

Wir verstehen Schulentwicklung nach wie vor nicht als Vernetzungsarbeit im Sinne einer Kultur der Digitalität, die bereits die meisten der alten Silostrukturen großräumig unterspült hat, und die ganz neue Kommunikationen erfordert, damit wir den steigenden Komplexitäts- und Geschwindigkeitsgraden gerecht werden. Schule, so der politische und pädagogische Wille, bleibt der abgeschlossene Raum, der sie immer war: „Abgrenzung“ ist und bleibt das Erkennungszeichen ihrer Pragmatik: sowohl gegen innen über Fächer, Jahrgänge, Räume und Zeiten, die alle das Paradigma des Abgrenzens zur Grundlage haben, als auch nach außen gegenüber institutionellen und individuellen Handlungsträger*innen unserer Gesellschaften. Schule ist und bleibt eine Isolierstation.

https://www.rmv-versicherung.de/projekt-rmv-stiftung-okt-17/

Auch die mehr als zaghaften, technologischen und kulturellen Veränderungen, die Schule (und Hochschule und Weiterbildung) im Kontext der digitalen Lern-, Lebens- und Arbeitskulturen im Moment mehr gezwungen als überzeugt an sich zulässt, führen nicht in eine Überwindung der Silokulturen, sondern werden ins Bestehende (Hierarchie, Kontrolle, Vermittlung, Zelebrieren von Regionallogiken) integriert.

Das System „Schule“ ist aus sich heraus nicht netzwerkfähig. Es ist geprägt vom hierarchischen, kontrollierenden und überwachenden Vermittlungscharakter (und -auftrag). Ob es sich nun um die Entwicklung und Zulassung sogenannter Lehrmittel handelt, um die Aus- und Weiterbildung von Lehrer*innen, oder um das Kerngeschäft des Unterrichtens oder um die Gestaltung von Schulbiografien: Kontrolle ist jeweils der absolute Primat.

Ihre Kommunikationen sind jederzeit zentral gesteuert – auch dort, wo sie temporär dezentral fungieren – wenn z.B. Lernende eine Zeit lang sich selbst überlassen werden mit der Begründung, das sei jetzt selbstorganisierendes Lernen, um diese Phasen am Ende durch einen entsprechenden Kontrollmechanismus der Lehrerin wieder zu reintegrieren.

Schule erhält ihre Identität und ihre Plausibilität bis heute ausnahmslos (!) aus einem Mindset und aus einer Struktur, die das Gegenteil dezentraler, kollaborativer und agiler Netzwerkkulturen darstellen. Dabei ist die klassische Art schulischer Funktionalität im Moment nur noch selbstreferenziell: Wir machen Schule so, damit wir Schule so machen können – und wir machen umso mehr davon (Command & Control), als die Umwelten des Schulsystems an Komplexität zunehmen: Wenn draußen das Virus der Agilität um sich greift, müssen wir drinnen die Anstrengungen um die Immunisierung erhöhen und verdichten.

Unser Bildungssystem weist damit dieselbe Denke und Struktur auf wie jene Techno-Giganten, die das ursprünglich dezentrale Internet korrumpiert haben:

Im Prinzip ist das Internet ursprünglich dezentral organisiert, denn es gehört niemandem. Allerdings werden wichtige Teile des Internets mittlerweile von zentralisierten Diensten zur Verfügung gestellt. Egal ob Internet-Service-Provider, Domain-Name-System, Suchmaschinen, E-Mail, Web-Hosting, soziale Medien oder die Cloud – sie alle laufen auf einer begrenzten Zahl von Servern, die von wenigen, dafür aber sehr großen Unternehmen kontrolliert werden.

https://t3n.de/news/web-3-der-anfang-vom-ende-der-plattformoekonomie-ist-dezentral-982153/

Hand in Hand mit Großanbietern wie Microsoft machen sich ganze Gesellschaften und ihre Teilsysteme völlig abhängig von VertreterInnen der Plattformindustrien und treiben dadurch das üble Spiel des Command & Control und der Abschottung auf immer höhere und komplexere Ebenen.

https://www.boyens-medien.de/artikel/dithmarschen/buesum-erste-bauplaene-der-schule.html

Auch wenn sich digitalisierungsaffine Lehrer*innen über ihre jeweiligen Schulen hinweg digital (z.B. via Twitter) bzw. durch analoge Konferenzformate (z.B. barcamps) treffen und austauschen, ist das kein Anzeichen für eine Veränderung des Schulsystems in Richtung einer Netzwerkkultur, so wenig WOL-Circles, in denen sich Mitarbeiter von Unternehmen über einen gewissen Zeitraum hinweg zu lernenden Teams verbinden, zu einer Veränderung in Organisationsaufbau und -ablauf führen.

Schule als Lern-Netzwerk

Vernetzungsarbeit wird für Schule nur wirksam, wenn sich Schule konsequent als System zu vernetzen beginnt. Schulen kommen nur und erst dann auf den Weg in die Kultur der Digitalität, wenn sie sich selber als Systeme auf den Weg machen, nicht indem sie einzelne Lehrer*innen oder diese engagierten Leute sich selbst auf Kurse schicken. Schulen müssen selber als Organisationen zur Netzwerken werden: konkrete Schulen sich als ein Netzwerk aus Netzwerken verstehen, sich als Schule je und je dezentralisieren, sprich: als Schule lernen, sich selbst als anpassungsfähige, offene und dezentrale Struktur zu begreifen und entsprechende Funktion(alität)en zu etablieren.

Wieso das? Weil die selbstorganisierende (!) Modellierung von Lern-Netzwerken eine Antwort auf die Bedürfnisse sowohl zukünftiger Menschen als auch zukünftiger Lebens- und Arbeitswelten ist, die anders gar nicht mehr gesteuert und organisiert werden können als durch selbstorganisierte Lern- und Arbeitsnetzwerke. Der Grund dafür wiederum ist die Komplexität als das Signum unserer globalisierten Kultur – wunderbar beschrieben und erklärt bei und von Armin Nassehi.

Die ideale, weil „natürliche“ Organisationsform des Lernens ist eh und sowieso ein Netz, ein Lern-Netzwerk. Lernen ist ja eh und sowieso und ausdrücklich Vernetzungsarbeit von Bekanntem, Gewusstem und Unbekanntem durch lernende Subjekte, also Menschen, Gruppen von Menschen und Organisationen, die ja auch aus Menschen und deren Kommunikationen bestehen.

Lernen ist bewusst gesteuertes und reflektiertes Schaffen, Auffinden, Verwerfen, Nutzen und Vernetzen von Ressourcen jeglicher Herkunft und Art, um identifizierte Probleme zu lösen, und um sie als solche überhaupt identifizieren zu können. Was dabei in jedem Fall geschieht, ist erstens Vernetzung und zweitens Bildung. Wenn ich Lernen und Bildung als „Vernetzungsarbeit“ betrachte, als Lern-Arbeit an und in Netzwerken, dann ist der gesuchte Lernort keine Schule, sondern ein Knotenpunkt bzw. eine Verdichtung von Kontenpunkten in einem Netzwerk.

Lern-Netzwerke als Nachfolgerinnen traditioneller Schulsysteme sind denkbar einfache und sich ganz bewusst selbstorganisierende Formen der Organisation. Sie machen sich auf hohem Niveau das Phänomen der lebensweltlichen und systemisch wirkenden Kräfte von Selbstorganisation zunutze, wie sie seit vielen Jahren in etlichen Forschungen zu diesem Thema nachgewiesen werden. Belege dazu finden sich bei Frederic Laloux und Felix Frei für unternehmerische Kontexte, bei Noah Juval Harari für kulturelle Kontexte, bei John Erpenbeck und Rolf Arnold für Kontexte institutionalisierten Lernens. Sie alle verbindet m. E. eine Erkenntnis: Selbstorganisation stellen wir nicht her, weil sie bereits die Grundlage aller lebenden Systeme ist. Wir lernen sie vielmehr zu gestalten.

Die Werkzeuge für Schulen auf diesem Weg sind systemische Organisationsentwicklung und systemische Beratung – und zwar nicht so, wie es der traditionellen Schulperspektive entsprechen würde: nicht mehr länger im Sinne einer vermittelnden Form der Beratung, sondern dadurch, dass der Beratungsprozess selbst die Veränderung, sprich die Entwicklung einer Netzwerkkultur ist.

Mehr zum Thema „Lernen in Netzwerken“ hier.

„Ach wie gut, dass niemand weiß …“ (M)ein Rückblick auf 20 Jahre Leben & Arbeiten in der Schweiz

Titelbild: Papageno Musiktheater/rheinmain4family.de

Sauber, innovativ, international, urdemokratische Strukturen. Landschaftlicher Traum. Hohe Löhne, niedrige Steuern. Geopolitisch optimal gelegen: eingebettet ins Zentrum des reichen Europa, und zugleich abgegrenzt durch den Anspruch der Neutralität. Hervorragende öffentliche (Infra-)Struktur, Sicherheit, wohin das Auge reicht. Die rechtsnationalen Tendenzen sind politisch eingebunden. Freundliche und unaufdringliche Menschen gehen vor allem ihrer Arbeit nach, von der es noch immer ausreichend gibt.

Ist die Schweiz ein Paradies – oder ein perfektes Beispiel für den Rumpelstilzchen-Effekt? Denn der Preis für diese paradiesischen Zustände ist hoch. Nicht nur gemessen in Schweizerfranken, der in absurder Höhe verharrt, sondern vor allem kulturell.

Was zeigt und erzählt die Schweizer Kultur über sich selbst einem Beobachter, der zwei Jahrzehnte hier lebt und arbeitet, und der dabei fremd bleibt? Was kann der überhaupt „sehen“? Ein belesener Schweizer Ethnologe hat mir vor Jahren einmal gesagt, dass dir eine fremde Kultur umso fremder wird, je länger du in ihr lebst. Damit hat er eine Erfahrung artikuliert, die mich in der Schweiz stets begleitet hat, und die ich bis dahin nicht artikulieren konnte. Auch hielt ich die Fremdheit, die unsichtbare Wand zwischen mir und der Schweizer Kultur und Lebenswelt bis heute eher als eine Unfähigkeit meinerseits mich zu integrieren.

Hat diese kulturelle „Wand“ Methode? Ist sie der Preis, den die Schweiz bezahlt, um weiterhin Stroh zu Gold zu spinnen und zugleich alles beim alten zu lassen – auch wenn dieser Preis dabei immer höher wird? Im Märchen vom Rumpelstilzchen fordert der Zwerg gegen Ende sogar das Kind der Königin – eine Metapher für die „Zukunft des Reiches“. Er fordert es als Tribut, um das Erfolgsgeheimnis zu wahren, das mir übrigens sehr patriarchal vorkommt. Dieses Märchen kann durchaus als Urahn des „vom Tellerwäscher zum Millionär“-Narrativs gelesen werden. Eine durch und durch männliche Erzählung, die in meinen Augen vor allem eine Story über Ausbeutung ist.

Die Schweiz und der kulturelle Wandel

Zurück zur Schweiz. Ich habe sie als eine Kultur erlebt, deren Stabilität auf einem Tabu basiert, und zwar in dem Sinn, wie Sigmund Freud es in seiner kulturtheoretischen Schrift „Totem und Tabu“ beschrieben hat: Die Tabuisierung bestimmter Bedürfnisse und Triebe in der kulturellen Kommunikation wirkt konstituierend, stabilisierend und selbsterhaltend. Kurz: Was wir nicht kommunizieren, das macht uns aus.

In der Schweiz ist das der Konflikt. Er ist tabu.

Was ich in der Schweizer Unternehmens-, Bildungs- und Politiklandschaft als erstes beliefern muss, ist das Bedürfnis nach Konsens, nach Harmonie und nach dem Kompromiss. Durch diese drei Schleusen („Tore“) muss ich durch, bevor ich überhaupt in der Eingangshalle stehe. Was diesen drei zuwider läuft, kommt nicht in die Tüte. Es wird durchgereicht: “Göschenen – Airolo“, sagen die Schweizer*innen, wenn sie auf Durchzug schalten – in Anlehnung an die beiden Portale des Gotthardtunnels. Schon die Wahrscheinlichkeit von „Konflikt“ – z. B. als Anzeichen einer „Krise“ – ist zu vermeiden. Sie stellen sich tot.

Nun ist jedoch jede „Krise“ immer auch ein Anzeichen und eine Voraussetzung für Entwicklung, und weil Strategien der Konfliktvermeidung in der Schweiz die Oberhand haben, tritt sie kulturell gesehen auf der Stelle, ohne das wiederum handlungs- und entwicklungsrelevant thematisieren zu können, denn das würde direkt in Konflikte führen – und auch Konflikte über Konfliktvermeidung sind zu vermeiden. Der Wecker, der jüngst im Fahrwasser der Thüringer Landtagswahl ohrenbetäubend geschellt hat – in der Schweiz ist der konsequent auf stumm geschaltet.

Nichts gegen den Wunsch und das Bedürfnis nach Harmonie, Konsens und Konstanz. Wenn die sich jedoch zu Prinzipien auswachsen, die das Denken und Handeln als Geiseln nehmen, dann liefere ich mich als Land und Gesellschaft der kulturellen Stagnation aus – umgeben von und doch „irgendwie“ auch angewiesen auf eine Welt, in der gerade nichts anderes stattfindet als kultureller Wandel – und eine Menge Konflikt. Mein Bild dazu: Die Königstochter, die in ihrer Kemenate brav am Spinnen ist, und die Welt da draußen den großen Jungs überläßt.

Erste Schweizer Pflicht ist es, den Status Quo zu bewahren. So jedenfalls mein Eindruck. Blind für die kulturellen Optionen des Hier und Jetzt. Als typisch dafür habe ich über 20 Jahre hinweg die Verweigerung einer wirklichen kulturellen Gleichstellung von Mann und Frau erlebt. Ein vielsagendes Beispiel ist hier der „Vaterschaftsurlaub“ als Miniaturausgabe des „Mutterschaftsurlaubs“. Es spiegelt den ungebrochenen Paternalismus wider, der die DNA der Schweizer Kultur bis heute prägt, und der womöglich eine der Wurzeln des helvetischen Beharrungswillens bildet.

In diesem Geist unterwirft sich die Schweiz ganz und gar einem harten Funktionalismus: Gut ist, was den Bestand des Bestehenden garantiert,

unter Ausschaltung der Frage, wozu denn das alles gut ist, welche Funktion, die nicht selbst wieder die Funktion von etwas ist, das alles nun haben soll.

Buchinger/Klinkhammer: Beratungskompetenz, S. 141

Über diese Frage zu sinnieren, ist in der Schweiz dem privaten Meinungslotto überlassen, das mittlerweile auch den Feuilleton in sich aufgesaugt hat. Es ist schwierig geworden, einen Journalismus zu finden, der nicht schon persönlicher Kommentar des Schreibenden ist – und die sterilisierten Geisteswissenschaften sind zu Drittmittelpumpen mutiert (wem haben sie das nun wieder nachgemacht?). Das Narrativ dahinter: Wir vermeiden jeglichen gesellschaftlichen Konflikt über den Sinn von Gesellschaft in der Absicht, sie dadurch zu erhalten.

Das Sicherheitsbedürfnis, das sich in der Schweiz auf einem extrem hohen Sicherheitsniveau austobt und pausenlos Ängste vor Sicherheitsverlust produziert, hat in eine kulturelle Erstarrung geführt: Oben werden (wenn überhaupt) gegenwartsfremde Entscheidungen getroffen, die dann unten, wo vor allem malocht wird, irgendwie und bis zur nächsten Entscheidung umgesetzt werden sollen. Den Kollateralschaden fängt eine Coaching-, Supervisions-, Therapie- und Berater*innenbranche auf, die in der Schweiz eine zertifizierte Dichte aufweist, wie sie auf so engem Raum einmalig ist auf der Welt. In der schrumpfenden gesellschaftlichen Mitte, wo sich die von oben und die von unten hier und da über den Weg laufen (z. B. am Bundesfeiertag, oder bei einem der zahlreichen Apéros), sind dann aber alle lieb zueinander. Keine Konflikte bitte.

Wenn die Angst die Bedrohung auslöst

Klar kann einem der momentane Zustand der Welt Angst machen. Und solche Angst ist alles andere als irrational. Sie ist eine Ressource, die hilft, Veränderung in Situationen anzugehen, die unausweichlich sind. Eine reale Bedrohung löst Angst aus als Aufforderung einen Weg zu finden, mit ihr umzugehen. In der Schweiz habe ich es umgekehrt erlebt. Hier löst nicht die Bedrohung Angst aus, sondern Angst die Bedrohung. Nahezu unabhängig von Situationen und Kontexten gereicht der Angst alles, was nicht an seinem Platz ist, zum Auslöser. Also gilt: Nicht bewegen. Einfach weiterspinnen. Mehr Stroh zu mehr Gold.

Auf diesem Nährboden macht sich jetzt in der Organisationsberatung das Konzept der „psychologischen Sicherheit“ breit. Es propagiert sichere soziale Rahmenbedingungen als Voraussetzung für Lernen & Entwicklung. Für Veränderung. Das ist ein nächster geschickter Schachzug der Konfliktvermeidungskultur. Ein Konzept, dem schon die (unangenehme aber) simple Erfahrung gegenüber steht, dass Lernen, zumindest jenes, das zu einem Zuwachs an Kompetenz und an Resilienz („Zukunftsreserven“) führt, nur über Verunsicherung möglich ist, neudeutsch „Labilisierung“.

Solches und jedes Lernen findet nicht aus einer Sicherheit heraus statt (warum sollte es auch), sondern aufgrund von Verunsicherung. Ich vermute: Der laute Ruf nach Sicherheit will einen wesentlichen Auslöser und Anlass für Entwicklung vermeiden:

Kompetenzentwicklung heißt auch ein Aufbrechen von Stabilität. Nach der Selbstorganisationstheorie … ist Störung nicht mehr länger eine Irritation bestehender Ordnung, sondern notwendige Voraussetzung für das Entstehen neuer Ordnung. Die Selbstorganisationstheorie belegt, dass komplexe Ordnungsbildung in der Natur an Phasen von Instabilität gebunden ist. Genau diese „emotionale Labilisierung“ passiert auch bei der Kompetenzentwicklung. Durch den Umgang mit kritischen Situationen oder das Durchleben von Grenzerfahrungen passiert in aller Regel die größte und nachhaltigste Kompetenzentwicklung. Es gibt keine Kompetenzentwicklung ohne emotionale Labilisierung.

Rarrek/Werner (2012): Die Krux mit den Fähigkeiten, in: J. Erpenbeck (Hrsg.) Der Königsweg zur Kompetenz. Grundlagen qualitativ-quantitativer Kompetenzerfassung. Münster u.a.: Waxmann, S. 48.

Davon ist die Schweizer Kultur m. E. noch weit entfernt. Nirgendwo habe ich stärker erfahren, wie Wandel & Veränderung einem Sicherheitsbedürfnis und dem Drang nach Konsens und Harmonie geopfert werden, als im Bildungssystem.

Als Lehrer in allen Schularten und später als Kurzzeitrektor eines Privatgymnasiums habe ich erlebt: Das System ist nicht in der Lage, die Potenziale junger Menschen zu diagnostizieren und zu fördern. Schule versäumt es konsequent, sich entsprechend aufzustellen und zu organisieren. Als Lehrbeauftragter für die didaktische Ausbildung habe ich realisiert: Die Entwicklung entsprechender Diagnosekompetenz bei Lehrenden findet praktisch nicht statt. In diesem Kontext sei als Erfahrungsbericht das Buch von Maximilian Janisch empfohlen, dessen Odyssee durch das Schweizer Schul- und Hochschulsystem ich selber miterlebt habe.

Der Argwohn, der ihm und seinen Eltern aus dem Schulsystem entgegenschlug, war für mich bis dahin ohne Vergleich. Heute weiß ich: Er war nur ein extremes Beispiel für den Unwillen, Schule und Bildung vom Kind aus zu denken, wie das Remo Largo schon lange fordert. Hier ein Interview, das ich vergangenes Jahr mit Maximilian führen durfte.

Die Schweizer Kultur (nicht bloß die Bildungs- und Erziehungskultur) steht sich da selber im Weg mit einer Tradition der Gleichmacherei, mit ihrem Unvermögen, in pädagogischen und erzieherischen Kontexten einen wertschätzenden Umgang mit Individualität und mit der Entwicklung von Persönlichkeit zu finden – denn das würde unvermeidlich in entsprechende Konflikte führen, die mit der Ausbildung von Individualität und Persönlichkeit untrennbar verbunden sind.

Das fällt der Schweiz mittlerweile bleischwer auf die Füße. Ihrem Schulsystem will es nicht gelingen, junge Leute während ihrer Bildungszeit konsequent beim Entdecken und Entfalten ihrer Potenziale zu unterstützen, damit sie sich für Zukunftsthemen und Zukunftsberufe begeistern und befähigen, die für die Schweiz überlebensnotwendig sind – nicht zuletzt im Kontext zivilgesellschaftlichen Engagements und politischer Ämter auf allen Ebenen, die offenbar nur noch mit Mühe besetzt werden können.

… viele Gemeinden bekunden Mühe, Freiwillige dafür zu finden, die erst noch geeignet für das Amt sind.

swissinfo – 24.5.2019

Der Hinweis auf die Tatsache, dass es im umliegenden Ausland ähnliche Entwicklungen gibt (reflexartig: „Die Deutschen sind ja auch nicht besser.“), ist da nur eine billig(end)e Ausrede.

Warum tut sich die Schweiz das an?

Für mich ist bis heute unbegreiflich, wie die Schweiz all jenen Chancen, die ihr pausenlos wie gebratenes Geflügel in den Mund flattern wollen, geschickt ausweicht. Welches andere Land hat denn eine bessere oder auch nur vergleichbar gute geopolitische, infrastrukturelle und finanzielle Ausgangslage wie die Schweiz? Warum opfert sie die Möglichkeiten einer echten Innovationskultur ihrem sturen Beharrungswillen? Es reicht schon lange nicht mehr, sich mit den Quartalszahlen & Patenten internationaler Unternehmen zu schmücken, die sich lächelnd ein Schweizerkreuz ans Revers heften.

Die Schweiz blutet aus, wenn sie sich mit Innovationen schmückt, die sich dort nur einmieten, und wenn sie die Löcher in den Zukunftsbranchen bloß durch den Einkauf von Arbeitskraft stopft. Es braucht andere Antworten auf die Frage, was übrigbleibt an Sinn und Identität, an Gemeinschaft und an Identifikation, wenn der Import an Wertschöpfung und ökonomischer Zukunftskraft seine Grenze erreicht hat. Auch führt es in keine gute Zukunft, wenn die eigene Jugend, wenn das menschliche Potenzial eines Landes durch ein reformunwilliges Schul- und Hochschulsystem gepresst wird, wo statt Zukunftskompetenzen überholte Menschen- und Gesellschaftsbilder im Zentrum stehen.

Der Fachkräftemangel in der Schweiz hat zugenommen: Die Situation in den Berufen mit dem grössten Fachkräftemangel hat sich im Vergleich zum Vorjahr nochmals akzentuiert. Unternehmen fällt es im Jahr 2019 damit noch schwerer, für die betroffenen Berufe geeignetes Personal zu finden, als noch vor einem Jahr.

Stellenmarkt-Monitor der Uni Zürich vom 28.11.2019

Nur wer Bildung jetzt radikal neu erfindet, hat als Kultur eine Überlebenschance. Arbeitskraft kann ich als reiches Land einkaufen, Kultur nicht. Hier hat die Schweiz als kleine Volkswirtschaft mit kurzen Entscheidungswegen und einem eher pragmatischen Approach in Entscheidungsfragen die Chance auf einen enormen Vorsprung, weil ja der gesamte sie umgebende Kulturraum in Sachen Bildung völlig gelähmt ist.

Warum nutzt die Schweiz diese Chance nicht? Warum überlässt sie die kulturelle Zukunftsplanung einer Altherren- und Altdamenriege in einem Parlament, das unter dem Deckmantel alpenländischer Urdemokratie zu einem Lobbyistentempel mutiert ist? Die Schweizerinnen und Schweizer lassen das geschehen bzw. stimmen sogar regelmäßig dafür, dass es so bleibt.

Quelle

Mein Fazit: Der Schweiz steht nichts und niemand im Weg außer sie sich selbst.

Die Lösung?

Im Märchen vom Rumpelstilzchen ist die Lösung ergreifend einfach: Die Dinge beim Namen nennen. Was ich benennen kann, verliert seine absolute Macht über mich. Dadurch öffne ich mir eine Tür aus der Rolle der Passivität. Ich bilde und erfahre einen Unterschied zwischen dem Nichtwissen, das mich hilflos und abhängig macht von Vermutungen, Gerüchten, Fakes (Wie heißt der Zwerg bloß?) und einem Wissen, das mir Unabhängigkeit von Tabuisiertem emöglicht. Das wirkt emanzipatorisch. Es eröffnet Perspektiven, Alternativen, Handlungsfreiheiten. Es macht Angst handhabbar.

Dabei geht es offenbar weder um reine Information, die wir einfach korrekt wiederzugeben hätten wie in der Schule oder bei „Wer wird Millionär?“, wo wir von vier Alternativen die richtige auszuwählen haben. Es geht auch nicht um empirisches Wissen, von dem wir ja mehr als genug haben, ohne dass wir spürbar vom Fleck kommen würden.

Es geht nicht um ein Wissen, das mir Macht über andere verleihen würde – sondern um eines, das mich aus der Opferrolle holt, indem es den Einfluss fremder Macht über mich schlagartig beendet. Es geht um Befreiung. Von hier aus ist dann alles möglich.

Farewell Switzerland.

Der Horror der rasant zunehmenden digitalen Spaltung

Im Moment lese ich wieder Eva Illouz: „Die Errettung der modernen Seele“ und finde dort Anklänge an Bourdieus „Habitus“, Gedanken zur Frage, wie wir gesellschaftliche Teilhabe organisieren; durch welche Fähigkeiten Menschen der Teilhabe mächtig werden – und durch welche Mechanismen sie davon ausgeschlossen werden.

Ich stolpere dabei über diesen Satz der Soziologin Karin Knorr Cetina:

Bei unserem derzeitigen Verständnis von Gesellschaft neigen wir dazu, Wissen als eine Komponente des ökonomischen, sozialen und politischen Lebens zu betrachten. Wir können dieses Verhältnis aber auch umkehren und das soziale, politische und ökonomische Leben als integralen Bestandteil einer bestimmten Wissenskultur verstehen. … Wissenskulturen haben echte politische, ökonomische und soziale Folgen, die in Bezug auf gesellschaftliche Strukturen und Interessen und das Wirtschaftswachstum nicht neutral sind.

Culture in Global Knowledge Societies, in: Marc Jacobs u. Nancy Weiss Hanrahan (Hg.), The Blackwell Companion to the Sociology of Culture, Oxford 2005, S. 74

… und ich denke: Sie bescheibt hier auch den Hintergrund, auf dem sich das größer werdende Missverständnis über unsere Vorstellungen von Wissen im Digital Age und unseren Umgang damit bildet, denn: Wir sind mittendrin, eine Wissenskultur zu formen, die auf der „Digitalen Spaltung“ aufbaut, deren Anschwellen ich in dieser Grafik beschreibe:

Je weniger ein Mensch bzw. eine Organisation über lebendiges, dynamisches, anpassungsfähiges Wissen darüber verfügt, worum es sich bei eine „Kultur der Digitalität“ (siehe hierzu auch Felix Stalder) handelt, wie er und sie die mitgestaltet, wie sie in dieser Kultur ihren Platz finde, in ihr eine Identität ausbildet, wie sie erfolgreich kommuniziert, Netzwerke bildet, kuratiert, qualifiziert, umso stärker schließt sich dieser Mensch, schließt sich eine Organisation selber aus diesen Prozessen aus – und damit schneiden sie sich von der Teilhabe ab.

Diese Digitale Spaltung ist ein schwer durchschaubarer und zugleich folgenschwerer Prozess, der viel zu viele Menschen quer durch alle „Schichten“ von Bevölkerung hindurch von einer unumkehrbaren und nahezu vollzogenen Entwicklung ausschließt. Die Digitale Spaltung vergrößert sich derzeit in hohem Tempo und weitet sich aus auf alle gesellschaftlichen Bereiche.

Dramatische Ausmaße nimmt für mich derzeit das Tempo an, in dem sich diese Spaltung vollzieht, weil Schule und alle weiteren Bildungsinstitutionen durch ihre Weigerung, den Systemwechsel zu ermöglichen, diese Spaltung systematisch vorantreiben.

Derzeit vergrößert sich in einem Affenzahn der Abstand zwischen

  • den kulturellen Praktiken, die mit einer Kultur der Digitalität einhergehen,
  • dem Wissen, das zum aktiven Verstehen und Gestalten dieser Praktiken vorhanden und notwendig ist,
  • dem Zugang zu Informationen, die das Gerüst bzw. Netz einer Kultur der Digitalität bilden,
  • dem Bündel an Fähigkeiten, das es für diesen Zugang und die entsprechende kulturelle Praktik im Umgang damit braucht,
  • dem selbstverständlichen Umgang mit den neuen Praktiken von Interaktion, Kommunikation, Kollaboration und Wissensproduktion

und dem, was Schule und alle nachfolgenden Bildungsinstitutionen tun.

Schule und Bildung sorgen durch die konsequente Verweigerung eines Systemwechsels dafür, dass jungen Menschen Tag für Tag der Zugang zu und der selbstverständliche Umgang mit einer Kultur der Digitalität verwehrt bleibt.

Die für eine erfolgreiche Teilhabe an der neuen Kultur notwendigen Fähigkeiten, Mindsets, Einsichten und Sichtweisen bleiben aus der Schulbildung ausgeschlossen, was dazu führt, dass – bedingt durch die kulturellen Praktiken von Schule – ganze Generationen ausgeschlossen bleiben von der Teilhabe an der Kultur der Digitalität.

Wir schaffen uns da gerade – ähnlich wie beim Klima – eine der schlechtesten Ausgangslagen für die Gestaltung menschlichen Lebens in sozialen Kontexten. Wir erzeugen ganz neue Formen von „Ausschluss“, von versagter Teilhabe, von Unbildung, von Prekariat.

Digitale Spaltung ist also nicht bloß unser gegenwärtig größtes Problem in Bildung und Schule – sondern zukünftig das Problem, das wir uns heute durch Schule und Bildung aufhalsen.

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Titelfoto: Alexas_Fotos auf Pixabay

Warum die Schule demokratisch werden muss

Schule kann nicht fehlen

Dieser Satz lässt mindestens zwei Deutungen zu. Ich kann ihn so interpretieren, dass die Schule unverzichtbar ist und in einer etwas altmodischen Lesart so, dass sie nicht fehlbar ist. Wie der Papst in Glaubensfragen. Zusammengenommen führen beide Deutungen in die Selbstreferenzialität jeder Argumentation über die Notwendigkeit von Schule. Sie bilden jene Voraussetzung, über die in den endlosen Diskussionen über Schule nicht noch einmal nachgedacht wird oder diskutiert. Wo und wann auch immer über Schule gesprochen wird, gilt unausgesprochen: Sie kann nicht fehlen. Was auch immer sie falsch macht – fehlen kann sie nicht.

Die unkontrollierte Kontrolle

Kein anderes kulturelles System ist in seiner Existenz wie in seiner Pragmatik so gründlich von der Reziprozität der Kontrolle ausgenommen, wie die Schule. Wann immer Schule in den Fokus von Kontrolle gerät, sind die Kontrolleure in irgendeiner Form selber Teil des Schulsystems.

Quelle: Google

Nirgendwo sonst (?) gibt es in demokratischen Gesellschaften ein System, das nichts anderes tut, als Menschen in seine Gegenwart zu zwingen, um sie zu bewerten und zu beurteilen, ohne selbst in diesen Kernprozessen von unabhängigen Instanzen bewertet und beurteilt zu werden, denn: Schule kann nicht fehlen. Sie ist „infallibel“, indem sie nicht nur auf normativer, materialer und struktureller Ebene selbstreferenziell darüber bestimmt, was sie tut, wie sie es tut und wie sie es richtig tut. Vielmehr (re-)produziert sie auf dieser Basis das Narrativ ihrer Unverzichtbarkeit (Alternativlosigkeit), also die erste angenommene Bedeutung von „Schule kann nicht fehlen“.

Verrückte Welt: Wo wir vor allem in D-A-CH pausenlos um Themen wie Privatsphäre, Datenschutz und den digitalen Kontrollverlust streiten, leisten wir uns eine Schule, in der junge Menschen ein einseitiges und absurdes Verständnis von Kontrolle entwickeln, weil sie in der Schule täglich damit konfrontiert sind und aufwachsen: mit einem einseitigen Command & Control Setting.

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Schule ist nicht undemokratisch, sondern nicht-demokratisch

Das demokratische Prinzip lebt davon, dass es sich selbst nicht abschaffen kann. Deshalb unterliegen Parlamente und Regierungen einer regelmäßigen Kontrolle durch den Souverän, der auch eine Sie ist. Dieses Kontrollprinzip gilt nicht für Schule. Die demokratische Legitimierung ihres Handelns endet auf der Schwelle.

Auf dieser Basis realisiert und reproduziert Schule mentale und soziale Rahmenbedingungen, die dem Demokratieprinzip im Kern widersprechen. Im Vollzug ebenso wie in Struktur und Kontrolle. Sie ist ein nicht-demokratisches System, kein undemokratisches. Letzteres wäre sie, wenn sie schlechte Demokratie praktizieren würde, wie das z.B. Regierungen und Parlamente regelmäßig tun. Schule hingegen ist, was auch immer sie tut, nicht-demokratisch konstruiert. Sie unterliegt keiner demokratischen Legitimation, nur ihrer eigenen, die eine bürokratische ist. Als Schüler*in kann ich dieses System nicht verlassen. Herausgeholt werden von mündigen Eltern kann ich auch nicht, denn entscheidende Grundrechte der Bürgerinnen und Bürger sind durch die Schulpflicht ausgesetzt – wie sonst nur noch im Militär oder im Gefängnis.

Wir suchen derzeit händeringend nach Gründen und Zusammenhängen dafür, warum Demokratie merkwürdig dysfunktional erscheint und für sehr viele Menschen (links und rechts) gefühlt wirkungslos. Ein ganz offensichlicher Grund liegt für mich hier: In der Schule lernen wir durch den Rahmen und die Art, wie wir dort lernen, das Gegenteil von Demokratie als Funktionsprinzip sozialer Interaktion kennen und akzeptieren. Weil Schule von ihrer Wurzel her nicht-demokratisch ist, prägt sie am Fließband Haltungen, die vieles sind – außer demokratisch.

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Was bedeutet für dich „demokratisch“?

Für mich bedeutet es, willens, motiviert und in der Lage zu sein, in diskursiven Prozessen und unter freiem Einsatz des eigenen Verstandes daran interessiert und darum bemüht zu sein, die Frage nach dem „Demokratischen“ gemeinsam und immer besser zu beantworten. Es bedeutet, sich dafür einzusetzen, dass dieser Diskurs so offen und heterogen wie möglich geführt werden und lebendig bleiben kann. Das ist für mich die Bedeutung von „demokratisch“, inklusive der auf diesem Weg immer wieder neu anzugehenden Klärung und Schärfung der Begriffe „freiheitlich“ und „rechtsstaatlich“ – dies alles unter Bedingungen, die das, was wir darunter verstehen, mindestens im Ansatz schon garantieren. Wobei in meiner Vorstellung von „demokratisch“ Bedingungen nichts gegebenes sind. Sie entstehen erst dadurch, dass wir sie forlaufend schaffen und reflektieren.

Diese Haltungen und Prozesse abzubilden und konsequent zu praktizieren, Menschen dabei zu unterstützen, diese Haltungen und Prozesse zu verstehen, sie zu verinnerlichen (Haltungen) und zu führen (Prozesse) – das ist in meinen Augen erste Pflicht und Aufgabe von Schule in sog. demokratischen Gesellschaften. Das Gegenteil wird heute praktiziert.

Wie Schule demokratisch wird

Woran ich erkenne, dass Schule auf dem Weg in eine demokratische Zukunft ist, und diese Zukunft auf diesem Weg ermöglicht – zusammen mit denen, die so eine ZUKUNFT wollen?

Wenn Schule als System ihre Vorläufigkeit und Fehlbarkeit erkennt und anerkennt, wenn sie sich vorbehaltlos einlässt auf die Begegnung und Auseinandersetzung mit allen Kräften, die Demokratie herausfordern und gestalten, wenn sie zulässt, dass sie in offenen Diskursen folgenschwer auf ihre Demokratiefähigkeit hin abgeklopft wird, wenn sie praktisch und pausenlos unter Beweis stellt, dass und wie sie jungen Menschen ECHTE Angebote macht, die sie dabei unterstützen, demokratieaffin und demokratiefähig zu werden, und wenn sie Reziprozität in ihr Selbstverständnis als bildende Institution eingeschrieben hat – und wenn jeder Mensch ganz grundsätzlich auch „Nein“ zu ihr sagen kann. Dann ist sie auf dem Weg.

Diese Schule und die Demokratie.

Warum wir die großen Entscheidungen nicht treffen

Auf den ersten Blick scheint es einen hohen Entscheidungsdruck zu geben angesichts

  • der sich zuspitzenden Klimakrise
  • des zunehmende Rechtsradikalismus
  • der Verrohung der Kommunikation in den Sozialen Medien
  • des aufblühenden Nationalismus
  • der Konzept- und Visionslosigkeit der Politik
  • des Kontrollverlusts über Daten, Wissen und Privatleben
  • der zunehmend totalitären Überwachung
  • des sukzessiven Verschwindens menschlicher Arbeit
  • des sturen Beharrens eines sklerotischen Bildungssystems

Manche vermuten, dass wir einen regelrechten Entscheidungsstau haben. Doch dem ist nicht so. Im Gegenteil. Wir sind noch gar nicht an dem Punkt angekommen, wo wir uns im privaten, öffentlichen und ökonomischen Sektor dafür entschieden hätten, dass wir bestimmte Entscheidungen zu treffen haben. Wir stecken nicht im Stau. Wir sind noch nicht einmal losgefahren.

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Wir erfassen diesen Supergau nicht als genuine Entscheidungs-Situation, weil wir uns nicht dafür entscheiden, ihn als solche zu erkennen. Deshalb halten wir es gar nicht für nötig uns zu entscheiden.

Darum treffen wir keine.

Wenn du dich tatsächlich entscheiden willst, dann musst du dich, so scary das klingen mag, zuerst einmal dafür entscheiden dich zu entscheiden. Du musst zuerst aus der Situation, in der du steckst, eine Entscheidungssituation machen. Das gilt für all jene Fälle, in denen (Achtung Metapher!) dir nicht jemand eine Knarre an den Kopf hält und abzudrücken droht, wenn du dich nicht sofort entscheidest. Es gilt also in praktisch allen Fällen.

Die Entscheidung für eine Entscheidung kommt immer zuerst. Und sie kommt von dir. Da geht es noch gar nicht um die Optionen, die du draußen in der Welt vorfindest. Ob hier und jetzt eine Entscheidung zu treffen ist, entscheiden nicht die Umstände. Das entscheidest du. Ob etwas eine Option ist, entscheidet sich erst im Horizont einer Entscheidung, für die du dich entschieden hast.

Krasses Beispiel zur Verdeutlichung: Wenn jemand die Angehörigen einer anderen Religion oder Nationalität als „niedere Tiere“ betrachtet, dann kommt er (seltener sie) gar nicht in die Situation, in der er entscheiden müsste, ob er sie wie Menschen behandeln soll oder nicht, weil es für ihn (seltener sie) da gar nichts zu entscheiden gibt.

Wir können auch anders. Wenn wir uns dafür entscheiden.