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Wenn Daten und Informationen tatsächlich das „neue Öl“ sind und das frei verfügbare Kapital des Menschen und seiner Zukunftsgesellschaft, wenn die „Query“ ein Schlüsselmoment im Umgang mit diesen Daten ist, dann geht es bei uns allen zuerst um die Fähigkeit, Fragen zu stellen. Dann spuckt Schule nicht länger Antworten aus wie eine Ballmaschine ihre Tennisbälle. Dann besteht ihre er(n)ste und vornehmste Aufgabe darin, dem Fragen Raum zu geben. Konsequent. Der uneingeschränkten Neugier.

Beitragsfoto: Gerd Altmann auf Pixabay

Diskussion und Reflexion über die Zukuft schulischer Bildung bleiben beim Einsatz digitaler Medien im Nah- und Fern-Unterricht hängen. Doch nicht der Ausfall oder das Stattfinden von Unterricht ist die Herausforderung der Stunde, sondern das Ausbleiben fundamentaler Lernprozesse und basaler, sozialer Erfahrungen. Die bleiben im herkömmlichen Beschulungs-Setting ja auch aus – egal ob remote oder im Klassenzimmer eines Schulgebäudes. Das Gezanke um den digitalen Overkill ist ebenso ein Ablenkungsmanöver wie die Annahme, mit dem Einsatz digitaler Technologie sei die Zukunftsfrage von Bildung gelöst.

Da geht‘s um was ganz anderes.

Wir leben nämlich noch immer in jenen Disziplinargesellschaften, in denen – gemäß Michel Foucault – jede und jeder von uns durch ständige Disziplinierung, Überwachung und Strafe die gesellschaftliche Kontrolle verinnerlicht. So schreibt Michael Seemann in seinem Buch „Das neue Spiel. Strategien für die Welt nach dem digitalen Kontrollverlust.“

Darum geht’s in der Schule bis heute. Machstrukturen akzeptieren, Disziplin verinnerlichen und Selbstkontrolle entwickeln. Dieses Konzept bildet das Fundament aller Bildung und Erziehung in der Gegenwart. Mit diesem Narrativ sind so gut wie alle Pädagog*innen rund um den Globus groß geworden: Am Ende ist Kontrolle immer das Maß der Dinge. Wer auch immer sie hat. Eine Welt ohne sie ist unvorstellbar. Erst recht nicht in der Schule, die praktisch nichts anderes tut als Menschen zu kontrollieren. Wie Google & Facebook auch – nur macht Schule das staatlich legitimiert und monopolisiert.

Kontrollverlust als Kränkung

Mittlerweile sind wir endgültig und ausnahmslos im Zeitalter der digitalen Informationstechnologien angekommen. Dessen Hauptmerkmal ist neben der schieren Menge an Daten, die produziert und kopiert werden, der Verlust von Kontrolle über das, was zum Kerngeschäft von Schule und Hochschule gehört: Informations- und Wissenslogistik. Ankarren, Aufbereiten, Verteilen, Wiedergeben und Kontrollieren von Information. Tagein, tagaus.

Wir können vielleicht noch Anwesenheit kontrollieren und Verhalten. Nicht aber Information, und erst recht nicht die Daten. Ein wesentlicher Grund, aus dem es Schule gibt: das Wächteramt über den korrekten Umgang mit einem korrekten Bestand an Information, ist perdu. Unwiederbringlich. Ein Verlust ist das vor allem für jene Menschen und Institutionen, die sich bisher über Kontrolle definieren: ihre Identität, ihre Aufgaben und Funktionen. Sie sind versucht, Kontrolle hinüber zu retten in die Welt nach dem Kontrollverlust. Eine Studie des Max-Planck-Instituts mit Führungskräften hat gezeigt, was die Folgen sind: Es fallen keine mutigen Entscheidungen mehr.

Gesucht und gefunden werden: Die Query

Das neue Paradigma ist die Query, zu deutsch: die Abfrage. Nicht was wir anzubieten haben an Content und anderen Pralinen, nimmt am neuen Spiel teil, sondern das, was gesucht wird – und gefunden.

„Der Wert liegt in der Auffindbarkeit“

Michael Seemann

Während es lange Zeit darum ging, wie Schule es schafft, Daten und Informationen zu vermitteln und zu übertragen, sodass ein Empfänger mit dem Übertragenen (dem „Stoff“) etwas anfangen kann, dreht die Query die Fragestellung um: Was sicht- und hörbar wird und relevant, „entscheidet sich durch die Ausrichtung und Mächtigkeit der Query. Und nicht zuletzt entscheidet es sich dadurch, wer Zugriff auf die Daten hat“, so Seemann.

Wie wird Schule zur Mitspielerin?

Was kann Schule tun, um eine gestaltende Mitspielerin in diesem neuen Spiel zu werden? Wie stellt sie sich auf? Was hat sie zu bieten? Wie verändert sie ihre Beziehung zu Information und Kontrolle – und nicht zuletzt: Was ist in diesem Zeitalter der vertauschten Vorzeichen ihre Aufgabe?

Sie weiß sich für die Fragen zuständig, nicht mehr für die Antworten. Für das Suchen, nicht für das Finden. Nicht für das Liefern und Vermitteln von Information, sondern für das lustvolle Geschäft der gemeinsamen, nachhaltigen Konstruktion sinn- und bedutungsvoller Wirklichkeiten: beruflich, privat, ökologisch, sozial.

Gefragt sind mehr denn je Digital Literacy und Digitale Kompetenz – und zwar auf drei Ebenen und in dieser Reihenfolge:

(1) bei Bildungsorganisationen

(2) bei lehrenden Berufen und

(3) bei Schüler*innen.

Erst wenn sich Schulen und Lehrpersonen selber auf den Weg einer digitalen Professionalisierung gemacht haben, spüren und erkennen sie die Unterschiede zu klassischen Vorstellungen von Lehre und Vermittlung. Erst dann entwickeln sie jene Fähigkeiten, bei deren Entwicklung sie ihre Schüler*innen kompetent begleiten sollen. Eine wunderbare Unterstützung dabei bietet die Mozilla Foundation an.

Digitalien: Das nach wie vor unentdeckte Land

Wenn Daten und Informationen tatsächlich das „neue Öl“ sind und das frei verfügbare Kapital des Menschen und seiner Zukunftsgesellschaft, wenn die „Query“ ein Schlüsselmoment im Umgang mit diesen Daten ist, dann geht es bei uns allen zuerst um die Fähigkeit, Fragen zu stellen. Dann spuckt Schule nicht länger Antworten aus wie eine Ballmaschine ihre Tennisbälle. Dann besteht ihre er(n)ste und vornehmste Aufgabe darin, dem Fragen Raum zu geben. Konsequent. Der uneingeschränkten Neugier.

Wir leben jetzt in einer völlig neuen und unentdeckten Welt: im digitalen Informations-Zeitalter. Keine noch so erfolgreiche Lern- und Organisationsstrategie der Vergangenheit wird uns beim Übersetzen in diese neue Welt helfen. Deshalb finde ich: Wir sollten zur Seite treten – als Lehrende, Beschulende, Belehrende, als Besserwisser und als Bildungsinstitutionen. Wir sollten lieber heute als morgen Platz machen für die, denen diese Welt gehört. Wir sollten von ihnen lernen: von ihren Fragen, von ihrem Suchen. Wir sollten sie nach Kräften dazu ermutigen und dabei unterstützen – wenn sie uns danach fragen. Besonders verlockend und ermutigend hat das meiner Ansicht nach in jüngster Zeit Nils Landolt formuliert, einer der engagiertesten Menschen in Sachen „Zukunft des Lernens“, die ich kenne.

Und wenn du dich durch diese Gedanken belehrt fühlst – das ist nicht meine Absicht. Für mich besteht die Welt nicht zwischen den beiden Polen von Lehrern und Schülern. So wenig ich mich belehrt fühle, wenn Aktivist*innen von FridaysForFuture pausenlos verkünden, wir sollten möglichst schnell und konkret aufhören, unseren Planeten zu zerstören. Für mich ist das keine Belehrung, sondern eine Erkenntnis. Es ist eine laut verkündete Einsicht, die aus Wissenschaft und sozialer Erfahrung folgt.

So verstehe ich auch mein Engagement für neue Bildung und neues Lernen.

[Dieser Post wurde ursprünglich in einer leicht abweichenden Fassung für die neue digitale Kollaborations-Plattform TEACHoz geschrieben.]

MS Teams und die Online- Lehre: Wenn Kollaborations-Tools auf Command & Control-Kulturen treffen.

Werkzeuge, die explizit zum Zweck offener und kollaborativer Zusammenarbeit erfunden und weiterentwickelt werden, lassen sich nicht umbiegen zu Werkzeugen, mit denen Lern- und Arbeitskulturen digitalisiert werden sollen, zu deren Überwindung diese Tools ja erfunden wurden. Und solange diese Versuche als Anzeichen dafür gelesen werden, dass Schule sich tatsächlich transformiert, lügen wir uns souverän in die eigene Tasche.

Der Corona-Schock hat dazu geführt, dass viele Schulen und Hochschulen ihren Unterricht online durchführen. Da die Abhängigkeit des Bildungssystems von Microsoft groß(flächig) ist, haben viele auf die Anwendung MS Teams zurückgegriffen, um das physische Klassenzimmer ins Internet zu verlegen.

Wo Schule vor allem als Beschulung und Lehre vor allem als Belehrung verstanden werden, wurde dieser Übergang von der physischen in die digitale Präsenzlehre häufig als gelungen bezeichnet – vor allem aus der Sicht der Organisation: „Wir haben es geschafft, die Lehre laut- bzw. nahtlos ins Netz zu verlagern“.

Die Entscheidung für MS Teams ist dabei insofern nachvollziehbar, als dieses Tool in die Office-Infrastruktur integriert ist. So kann auch das gesamte Content-Management weiterhin reibungslos von statten gehen – und darum geht es ja nach wie vor in weit verbreiteten Vorstellungen von Bildung: um das Bunkern, Verschieben und Abfragen von Information. Wobei gerade beim Prüfen (Examen, Tests, Klausuren, Klassenarbeiten, Abschlussprüfungen) also dort, wo es um das eigentliche Ziel aller staatlich organisierten Bildung geht, der Einsatz digitaler Tools teilweise an harte Grenzen gekommen ist, wie ein Beispiel aus einer Prüfung im Hochschulkontext zeigt:

Quelle: https://twitter.com/bildungsdesign/status/1287098058011037696?s=20

Aber auch im Kontext des Abiturs nahm der Kontroll-Fetischismus absurde Formen an:

Quelle: https://twitter.com/flaviocarrera0/status/1255464104736718848?s=20

Was der kurzfristig notwendig gewordene Schwenk in die Online-Lehre gezeigt hat, ist dies: Die herrschende Kultur sucht sich ihre Technologie und macht sie sich passend – auch wenn das bizarre Züge annimmt.

Mit kollaborativen Tools Beschulung organisieren

Studierende, mit denen ich während Corona I online zusammengearbeitet habe, melden mir glaub- und liebenswürdig zurück, dass sie eine mediale Vielfalt schätzen statt lediglich mit synchronen online-Vorlesungen und Textarbeit konfrontiert zu werden. Was hingegen keine Chance bei ihnen hat: Die Vielfalt und Offenheit, die mit der kollaborativer Online-Welt möglich wird, als Chance zu einem selbstorganisierten und -bestimmten Lernen nur schon zu sehen. Das tun keine 10%. Es ist nicht Teil ihrer Vorstellungswelt von „Studieren“. Meine anonymen Umfragen in den Seminaren zeigen: zwischen 50 und 70% haben vor, sich auch weiterhin stumm und bedeckt im Hintergrund zu halten („eingeloggt“). Der Rest wünscht sich klare Vorgaben und Struktur, um „mitmachen“ zu können, sprich: Beschulung. Gerne bunt und vielfältig, aber im Sinne des Konsums mit anschließender Klärung, was für die Prüfung relevant ist.

Für mich ist es

  • erstens eine Horrorvorstellung, wenn so gut wie alle Studierende relevante Kompetenzen, die für Job und Leben matchentscheidend werden, nicht mit ihrem/einem Studium in Verbindung bringen. Es ist deshalb
  • zweitens ein glasklarer Auftrag an die zukünftige Entwicklung von Bildung, Schule und Hochschule, solche Kompetenz ins Zentrum zu bringen – und
  • drittens ist es ein Anlass, der gymnasialen Bildung in den Hintern zu treten, weil die offenbar noch immer nicht bereit ist, entsprechende Lernkulturen zu etablieren, wie die Worte eines Oberstudiendirektors in Dresden zeigen, mit denen er einen schulischen Regelbetrieb beschreibt: „Die optimalen Bedingungen heißen: der Schüler sitzt vorm Lehrer. Die Sozialkompetenzen werden gestärkt. Er ist mit seinen Schülern zusammen und lernt im Klassenraum“ (Quelle).
Nicht Methodenwechsel ist angesagt sondern ein Paradigmenwechsel

Hier wird noch einmal deutlich, wie sehr es eigentlich um einen tiefgreifenden Paradigmenwechsel geht. Hinsichtlich der damit verbundenen kulturellen und gesellschaftlichen Herausforderungen steckt das Bildungssystem aber nicht „in den Kinderschuhen“, wie die Führungskraft einer Hochschule neulich fast entschuldigend formuliert hat. Es steckt vielmehr in ganz alten und ausgelatschten Schlappen, die es ums Verrecken nicht eintauschen will.

Wir müssen davon ausgehen, dass die durch den Corona-Schock ausgelöste Hinwendung zu digitalen Technologien in Schulen und Hochschulen kein Zeichen dafür ist, dass sich diese Systeme einer neuen Kultur öffnen, wie sie z.B. Georg Diez und Emanuel Heisenberg in ihrem Werk „Power to the People“ thematisieren, oder Martin Burckhardt in seinem Essay „Digitale Renaissance“ bzw. Felix Stalder in seinem Grundlagenwerk „Kultur der Digitalität“.

Die Entscheidung so vieler Schulen und Hochschulen für Microsoft Teams zeigt vielmehr: Es ist eine Entscheidung für Bekanntes und Vertrautes. Es werden Anbieter und Tools bevorzugt, die in das eigene Mindset von Command & Control passen; die Reibungslosigkeit in Aussicht stellen und möglichst wenig zusätzlichen Organisationsaufwand. Da schwingt Microsoft Office natürlich oben aus.

Mit der Lancierung von MS Teams hat Microsoft ein Tool in der Tradition jener Applikationen vorgelegt, die aus dem realen und stark zunehmenden Bedarf heraus entwickelt werden, Menschen eine voraussetzungsarme, flexible Zusammenarbeit im Digitalen Raum zu ermöglichen. Eine Pionierin unter diesen Tools ist z.B. Slack – erfunden, um Menschen in offenen Netzwerken bzw. organisationsübergreifend Kollaboration zu ermöglichen. Eine Form und Kompetenz der Zusammenarbeit also, wie sie in einer Kultur der Digitalität nicht nur selbstverständlich geworden ist, sondern zu einer Voraussetzung für erfolgreiches Handeln in Digitalen Welten – hier ganz wunderbar auf den Punkt gebracht:

Da die meisten Unternehmen und staatlichen Organisationen (und damit auch die Schulen und Hochschulen) nach Prinzipien der juristischen und operativen Geschlossenheit funktionieren, kommen echt kollaborative Tools wie Slack für sie (bisher) nicht in Frage, weil die vom Prinzip her „zu offen“ sind. Als „Stand-Alone-Lösungen“ erlauben die zwar die Integration vieler Applikationen, sie sind jedoch selber nicht in geschlossene Organisations-Konstrukte integrierbar. Das ist bei MS Teams anders. Als Bestandteil einer Komplettlösung, die für unzählige Firmen und Organisationen Standard ist, ist die operative Geschlossenheit jederzeit garantiert – die einzige Schnittstelle „nach außen“ (z.B. gegenüber us-amerikanischen Regierungsorganisationen) ist Microsoft selbst.

Umso mehr werde ich hellhörig, wenn ich lese, dass das Thema Datenschutz, ein nicht selten reflexartig vorgeschobenes Argument, auch bei Microsoft nicht geklärt ist, wie eine juristische Einschätzung in der Süddeutschen Zeitung nahelegt. Die Sache mit dem Datenschutz funktioniert womöglich bei den wenigsten Anbietern us-amerikanischer Provenienz. Der Artikel in der Süddeutschen zeigt allerdings auch auf, dass die Kultusministerien alternative Lösungen dieses Problems gar nicht erst in Betracht ziehen, sondern zugunsten ihrer eigenen Abhängigkeit von Giganten wie Microsoft lieber beide Augen zudrücken.

Alles andere würde diese Systeme womöglich in die Nähe einer Kultur des „Improvisierens“ bringen und der Expedition. Offene Ränder, Ausfransen, Experimente wären die Folge. Kontrollverlust als eine der zentralen Bedingungen, unter denen Organisationen heute zu entscheiden und zu handeln haben. Das geht gar nicht für ein an sich ja technokratisch aufgestelltes Bildungssystem, das seine Hauptaufgabe bis heute darin sieht – mit welcher Technik und Methode auch immer – individuelle Bildungsbiographien bis ins Detail zu kontrollieren und zu steuern.

Dabei würde dem System angesichts der radikalen, kulturellen Veränderungen, in denen wir alle stecken, ein improvisierender Approach in Zukunftsfragen sehr gut zu Gesicht stehen: „Wo nicht improvisiert wird, da wird auch nichts wirklich Neues ausprobiert. Gerne mehr Improvisation in den Familien, den Büros, den Home Offices, den Unternehmen, den Verbänden, den Schulen, den Unis, den Parteien.“ (Martin A. Ciesielski, Berlin)

Meine Vermutung nach der ersten Corona-Welle ist: Auch die zahlreichen Aufschreie und Aufrufe, dass jetzt alles anders und in jedem Fall digitaler werde im Bildungssystem, die Rufe, die so schnell verklungen sind, wie sie anhoben – sie waren nicht Audruck einer Hoffnung auf etwas tatsächlich Anderes und Neues. Vielmehr hat sich darin das legitime Bedürfnis eines Berufsstands artikuliert, seinen Auftrag und seine Arbeit besser organisiert zu kriegen und nicht, diesen Auftrag grundsätzlich zu überdenken. Da steckt die mehr als berechtigte Sehnsucht dahinter, die eklatante Dysfunktionalität seiner Arbeitsfelder abzubauen und mehr Effizienz und Effektivität hinzubekommen. Viele (aber bei weitem nicht alle) Lehrerinnen und Lehrer wollen andere Arbeitsbedingungen. Das ist angesichts des Status Quo nicht nur nachvollziehbar sondern überfällig.

Für mich wurde aber auch klar, dass es dabei nicht in erster und auch nicht in zweiter Linie um einen Kulturwandel geht und nicht um eine Arbeit am Mindset und am Menschenbild, die das Bildungssystem bis heute prägen. Da ist es dann mit einem lauten Schrei nach dem Aufarbeiten technologischer Inkompetenz allein nicht getan.

Wenn Schule und Hochschule hingegen tatsächlich eines Tages von lernenden Menschen her denken, planen und handeln können, von deren Bedürfnissen, Potenzialen und Zukünften her, dann wäre eine Bewegung ins Spiel gekommen, die das Ende der bestehenden Kultur und seiner Organisation eingeläutet hätte. Nicht umgekehrt! Aber wir wissen ja auch: Hätte hätte Fahrradkette.

Eines steht für mich jedenfalls fest: Werkzeuge, die explizit zum Zweck offener und kollaborativer Zusammenarbeit erfunden und weiterentwickelt werden, lassen sich nicht umbiegen zu Werkzeugen, mit denen Lern- und Arbeitskulturen digitalisiert werden sollen, zu deren Überwindung diese Tools ja erfunden wurden.

Und solange diese zahlreichen Versuche als Anzeichen dafür gelesen werden, dass Schule sich tatsächlich transformiert, lügen wir uns souverän in die eigene Tasche.

Courageous, consistent, successful: The Learnlife Community

Start to connect now. Start unschooling yourself and your kids. Every kid. Get out of the position of being talked down to. Start taking ownership of your own learning path. Make that switch from being a passive to an active learner. Unlearn – to be able to engage yourself in learning again. Become an actor instead of a spectator in your own education.

No school classes, no division into age groups, no subjects, no classrooms, no lessons, no periods, no school bell, no tests, no grades. No instructions as to what or which content they should learn by when. Instead, without exception, young learning people being supported day by day in taking ownership for their own learning and growth.

For this purpose they get all human and personal support from other people in the learning community and from those who are connected from „outside“. It is strictly about the young people discovering and developing their own strengths, interests and potential. The learning environment provides them with everything they need to do this. Including the most important social tool called collaboration, the care for themselves and others, and again: undivided interest in their growth. These are some of the differences that Learning People experience at Learnlife every day.

And this works perfectly. Not only at Learnlife in Barcelona but in many learning communities around the globe, which have radically abandoned a discarded a meaningless school system to focus on the empowerment and future of young people.

And if you want to discuss this with traditional teachers, school principals or education policy makers, you quickly realize: it’s easier to nail a pudding to the wall than to find a trace of imagination inside them, any spark of curiosity that might outshine their immediate concern. They cling to what they are used to see, to think, to do and consider normal. They cannot relate to what exists outside their self-contained frame of reference in terms of development, challenge and excellent solutions.

They insist that all truly innovative and novel models, approaches and practices of learning and education are and remain incompatible with what their system does and has to do – and then they will continue to put all their energy transferring the old, completely dysfunctional school system into digital space – e.g. during the upcoming second corona wave – eagerly dressed up by digital toys.

Joining the resistance

They will never give up the power of control that makes their job what it is – until we stop giving them our kids. Try that. Start a research. Look out for people of all age and background around the world. People who create and have created fascinating learning communities: beyond the inhuman pressure of grades and merit, beyond the reproduction of a culture and an ideology of humankind that alienates even children from themselves and their possibilities on the excuse that they have to be educated.

Start to connect now. Start unschooling yourself and your kids. Every kid. Get out of the position of being talked down to. Start taking ownership of your own learning path. Make that switch from being a passive to an active learner. Unlearn – to be able to engage yourself in learning again. Become an actor instead of a spectator in your own education.

From this moment you start automatically to make all this possible for kids – and we all together start changing this fading world.

Sam, Christopher, Maria and Devin on the challenges of the learnlife project.

Der Sinn des Lebens: Dem Leben einen Sinn zu geben

Im Internet habe ich den Spruch gelesen: Der Sinn des Lebens ist es, dem Leben einen Sinn zu geben. Der besteht nun aber nicht darin, es den Tieren gleich zu tun mit Nestbau, Fortpflanzung und Revierverteidigung. Bei uns Menschen beginnt die Sinnarbeit ja erst in dem Moment, in dem die Versorgerlage geklärt und gesichert ist. Ab dann wird’s interessant!

Wir haben derzeit nicht das Problem, dass wir uns zu sehr für uns selbst und zu wenig für andere und die Mitwelt interessieren. Wir interessieren uns schlicht für unsere Versorgung, für unsere Sicherheit und dafür, dass sich im Hintergrund alles so anfühlt wie immer. Für uns selbst interessieren wir uns damit aber nicht. Im Gegenteil.

Wir interessieren uns für etwas, das mit uns zu tun hat, so wie Tiere Nester bauen und Nahrung anschaffen, ihre Reviere verteidigen und ihren Nachwuchs schützen. Wir rackern uns ab um für spätere Zeiten etwas auf die Seite zu bringen wie Vierbeiner Wintervorräte anschaffen. Dem gilt unser Interesse.

Im Internet habe ich den Spruch gelesen: Der Sinn des Lebens ist es, dem Leben einen Sinn zu geben. Der besteht nun aber nicht darin, es den Tieren gleich zu tun mit Nestbau, Fortpflanzung und Revierverteidigung. Bei uns Menschen beginnt die Sinnarbeit ja erst in dem Moment, in dem die Versorgerlage geklärt und gesichert ist. Dann wird’s interessant!

Dann öffnet sich ein Horizont an Möglichkeiten, der sich nicht mehr pausenlos mit der Notwendigkeit und der Gefahr auseinandersetzen muss, Fressen anzuschaffen oder gefressen zu werden.

Dann entsteht ein Raum der Möglichkeiten, der auch schon als „conditio humana“ bezeichnet wurde: frei zu gestaltende Zeit, das zweckfreie Spiel, die Muße, das Moment des Ästhetischen, das sich in den Künsten artikuliert, aber auch die Langeweile. Das Herausragen aus den unerbittlichen Abläufen der Natur, aus dem „so und nicht anders“ genetischer Programme. Eine Vielfalt, die aus bewusstem Handeln und Gestalten folgt, aus Entscheiden und Verantworten. Alles jederzeit verbunden mit dem Wissen um die eigene Endlichkeit.

Diese Phänomene sind es, die einen Menschen mit seinen und ihren Mitmenschen verbinden – jenseits instinkthafter Bedürftigkeit. Das macht den Menschen aus. Es führt ihn und sie über das Wesen seiner und ihrer tierischen Mitwelt hinaus, ohne die Verbindung mit ihr zu verlieren.

Wenn also jemand anfängt, sich für sich selbst zu interessieren, dann fängt er und sie damit an, sich für den Kosmos dieser Möglichkeiten zu interessieren, der jenseits einer Selbstbezüglichkeit liegt, gegen die wir keine Macht und die wir bloß zu vollziehen hätten.

Deshalb vermute ich: Wir sind im Moment nicht zu viele Menschen, die nur an sich selber denken, sondern eigentlich an alles andere. Wir kennen den Geschmack von Menschsein jenseits von Versorgung und Sicherheit nicht. Denn täten wir das, dann würden wir uns unmittelbar in einer Gemeinschaft von Mitmenschen wiederfinden, denen pausenlos wie Schuppen von den Augen fällt, wie sehr wir aufeinander angewiesen sind, wenn wir dem Leben einen Sinn geben wollen – jenseits von fressen und gefressen werden, von Absicherung, Abgrenzung, materieller Anhäufung.

Es gibt dazu ein aktuelles Buch: „Im Grunde gut“ – von Rutger Bregman. Er reflektiert dieses Phänomen auf historischem Weg und zeigt Stück für Stück auf, welche Möglichkeiten der Kooperation in uns stecken – über alle jene Grenzen hinweg, die wir uns, aus welchen Gründen auch immer, täglich aufs Neue einfallen lassen.

Schluss mit Schule

Wir hören jetzt auf damit, die Lebenszeit und das unendliche Potenzial junger Menschen zu missbrauchen, sie in Gefässe und Strukturen zu zwingen, in denen sie keine Zukunftskompetenz entwickeln können, weil wir sie sich selbst entfremden, und weil wir sie zu willfährigen Geiseln eines abgehalfterten, dysfunktionalen Systems machen, das nur noch um seiner selbst Willen existiert.

Photo: Free by 4leafcloverVN on DeviantArt

Was jetzt passieren muss, damit wir in öffentlichen Schul- und Bildungsgefässen junge Menschen dabei unterstützen, Zukunftskompetenz zu entwickeln.

  1. Wir akzeptieren als Lehrerin und Lehrer, als Schulverwaltung, als Eltern, als Ausbilder und Ausbilderinnen, als Politiker*innen und als Lernende, die wir alle sind, endlich, dass jeder Mensch, jedes Kind, jede Frau, jeder Mann, zu jeder Zeit in seinem und ihrem Leben selbst darüber entscheidet, wann er oder sie mit seinem und ihrem Lernen beginnt, pausiert, aufhört, weitermacht, und was er oder sie dann mit wem zusammen auf welche Weise tatsächlich lernt – und was nicht.
  2. Wir ziehen daraus die Konsequenzen und stellen alle Beschulung ein.
  3. Wir räumen endgültig mit der pädagogischen Kernideologie auf, dass andere darüber bestimmen, wann ich anfange zu lernen,  wie ich dann lerne, was mit wem in welcher Zeit und mit welchem Ergebnis.
  4. Wir hören umgehend damit auf, das Lernen von Menschen – egal in welchem Alter – auf die Art und Weise zu organisieren, wie wird das heute tun.
  5. Wir hören also auf damit, Menschen, egal in welchem Alter, zu unterrichten.
  6. Wir hören damit auf, Menschen nach Alter sortiert in Räume zu stecken, und über ihre Köpfe hinweg oder auf irgendeine andere Art an Ihrer Stelle darüber zu entscheiden, dass und was sie jetzt alle in derselben Zeit inhaltlich und mit welchen Ergebnissen zu lernen hätten.
  7. Wir hören endlich auf so zu tun, als würden wir sie „mit einbeziehen“ in Entscheidungen, die sie selber nie treffen und denen sie sich aus freiem Willen nie aussetzen würden.
  8. Wir hören auf, lernende Menschen zu infantilisieren, indem wir ihnen systematisch die Autonomie über das Grundprinzip des Menschwerdens nehmen bevor sie überhaupt die Chance hatten, das zu entdecken.
  9. Wir ziehen endlich die Konsequenzen aus unserem Wissen darüber, dass jeder Mensch in jedem Alter und in jeder Situation ausschliesslich nach seinen und ihren Kriterien lernen kann und muss – in ihrem eigenen Tempo und nach seinen eigenen Schwerpunkten.
  10. Wir hören damit auf, über das Lernen anderer Menschen zu bestimmen.

Dann und erst dann sind wir im Begriff, menschliche Lern- und Lebensbedingungen zu schaffen, zu denen wir allen Grund und alle Möglichkeiten haben.

Dann haben wir aufgehört, die Lebenszeit und das unendliche Potenzial junger Menschen zu missbrauchen, indem wir sie in Gefässe und Strukturen zwingen, in denen sie keine Zukunftskompetenz entwickeln können, weil wir sie sich selbst entfremden, und weil wir sie zu willfährigen Geiseln eines abgehalfterten, dysfunktionalen Systems machen, das nur noch um seiner selbst Willen existiert.

Damit muss jetzt Schluss sein.

Partizipation zwischen Durchblick und Augenwischerei

Wolfsrudel funktionieren, weil sie sich in streng hierarchischen Formationen organisieren. Die Kontinuität eines solchen Rudels wird in kritischen Zeiten nicht dadurch gewährleistet, dass seine Hierarchie durch holokratische Zirkel abgelöst wird, sondern durch einen Machtwechsel an der Spitze. Was lernen wir daraus?

Nicht nur in der Sozialen Arbeit oder in Erziehung und Schule hat Partizipation einen prominenten Platz im Wappen. Auch in den Diskussionen um New Work geht es um den Übergang von „Command & Control“ zu Kulturen des Teilgebens, der Mitbestimmung, der geteilten Verantwortung.

Fotos: pixabay

Das Paradox dabei: Wenn eine hierarchische Organisation darüber nachdenkt, ob sie auch partizipativ funktionieren möchte, kann sie darüber zum einen nicht partizipativ entscheiden, sondern nur hierarchisch. Die „Linie“ stimmt zu oder lehnt ab. Zum anderen ist diese Art der Partizipation, wenn sie denn von der Organisation zugelassen wird, eine Partizipation an hierarchischen Strukturen. Das ist die gängige Praxis von Partizipation.

Es gibt sie allerdings auch anders: als fundamentales Merkmal einer Organisation. Originär demokratische und originär soziokratische Schulen funktionieren zum Beispiel so. Sie haben sich selbst als fundamental partizipative Struktur erfunden und können zu keinem Zeitpunkt anders (z. B. hierarchisch) funktionieren.

Stick and Carrot, oder: Wir machen auf partizipativ

Ein Beispiel für Partizipation in hierarchischen Kulturen: Konkrete Bildungsarbeit in einer Schule kann durchaus partiell partizipativ designt sein, ohne das Hierarchieprinzp zu berühren. Etwa wenn Partizipation als Methode der Unterrichtsgestaltung und -durchführung zum Einsatz kommt. Dann „dürfen“ Schüler*innen z.B. mitbestimmen, welche didaktischen Formate („Wollt ihr Gruppenarbeit?“) aus einer zuvor von der Lehrperson bzw. von der Schulleitung bzw. vom (Ober-)Schulamt getroffenen Auswahl zur Anwendung kommen können. Ein anderes Beispiel für diese Art der Partizipation ist es, wenn Schüler*innen darüber mitentscheiden „dürfen“, anhand welcher inhaltlichen Schwerpunkte Lehrplan-Einheiten (über die sie nicht entscheiden) „durchgenommen“ werden.

Manchmal erstreckt sich diese Form der Partizpiation auch über den Unterricht hinaus, und Lernende dürfen dann z.B. darüber mitbestimmen, zu welchen Zeiten die Mikrowellengeräte zum Aufwärmen der mitgebrachten Speisen verwendet werden können – solange sich die Vorschläge der Schüler*innen außerhalb der Kernunterrichtszeiten bewegen: „Wo kämen wir denn hin, wenn die jedes Mal essen würden, wenn sie Hunger haben?“

Partizipation meint hier eine Auswahl aus vorgegebenen Möglichkeiten, die von der hierarchischen Struktur vorgeschlagen und kontrolliert werden, ohne diese Struktur selbst zu tangieren. Mehr noch: Solche partizipativen Elemente können jederzeit durch die Hierarchie angepasst oder zurückgenommen werden, z. B. wenn sich zeigt, dass sie ihr gefährlich werden könnten.

Die Absicht hinter solchen Partizipations-Häppchen: Schüler*innen über die Methode „stick & carrot“ einen Motivationsschub verpassen: „Ihr dürft auch mitreden“ (in der Grafik links unten).

Ähnlich verhält es sich dort, wo nicht Schüler*innen sondern Mitarbeiter*innen durch partizipative Elemente eingeladen werden, die ansonsten gleichbleibenden Prozesse und Aufgaben „partizipativer“ zu erledigen. Das während des Corona Shutdowns auf hoher und im Moment auf mittlerer Flamme gekochte Phänomen des „Homeoffice“ ist dafür ein Beispiel.

Die nächste Stufe der Simulation

Eine nächste Möglichkeit, um Partizipation – jetzt auf höherem Niveau – zu simulieren (in der Grafik unten rechts), ist deren explizite Thematisierung: Wir laden zum kommenden „Jour fixe“ zwei Referent*innen ein, die kontrovers über das Phänomen der Partizipation sprechen. Wir vertiefen das Thema anschließend in Workshops („Lego Serious Play“) und enden mit einem Panel.

Als Schule würden wir hier so vorgehen, dass wir Partizipation in den entsprechenden Fächern – oder fächerübergreifend – thematisieren, diskutieren und anschließend prüfen oder nicht. Wobei die Prüfungsrelevanz (bei Mitarbeitenden analog dazu die Gehalts- oder Karriererelevanz) den Stellenwert eines Themas erheblich steigert (siehe in der Grafik unten links).

Hierarchie als Naturprinzip: „Homo homini lupus“

Nach allem, was ich in den letzten 20 Jahren gelesen habe zu Organisationsentwicklung, lernender Organisation, zum Lernen von Menschen und Systemen, funktoniert alles, was lebt, nach Prinzipien der Selbstorganisation.

Wenn das soweit zutrifft, ist Hierarchie und die Partizipation an ihr womöglich nichts anderes als eine Spielart von Selbstorganisation, mit der sich lebende Systeme selbst organisieren. Hierarchie als Struktur wäre dann mitsamt ihren Prozessen nicht das Gegenteil von Selbstorganisation, sondern ein Ausdruck von ihr – auch wenn die Lektüre des Buches „Im Grunde gut“ von Rudger Bregman mich daran wiederum zweifeln lässt. Er entdeckt das Hierarchie-Prinzip nämlich erst in einer späten Phase menschlicher Entwicklung. Ist Hierarchie also sogar ein „kultureller Evolutionsgewinn“? Oder hilft doch ein Blick auf die nichtmenschliche Tierwelt weiter?

Wolfsrudel funktionieren ja als Wolfsrudel nur, weil sie sich in streng hierarchischen Formationen selbstorganisiert organisieren. Die Kontinuität, sprich das Überleben eines solchen Rudels wird in kritischen Zeiten nicht dadurch gewährleistet, dass seine Hierarchie durch holokratische Zirkel abgelöst wird, sondern durch einen Machtwechsel an der Spitze.

Doch zu früh gefreut (oder geärgert). Unterliegt dieses Argument doch einem Denkfehler, denn der Wolf kann sich nicht für oder gegen eine Form entscheiden, wie er sich und seine Rudel organisiert. Das Argument ignoriert darüber hinaus die Tatsache, dass wir Phänomene des nichtmenschlichen Tierreichs nicht auf kulturelle Phänomene des Menschen übertragen können – wie es z.B. der überzeugte Fleischesser auf der Suche nach Argumenten gegen den Veganismus versucht: „Tiere fressen doch auch Fleisch“. Und womöglich schlummert hier auch ein naturalistischer Fehlschluss, denn die Tatsache, dass Hierarchien in welcher Natur auch immer existieren, ist nicht gleichzusetzen mit der Schlussfolgerung, dass wir deshalb danach zu leben haben.

Fehlt ein Teil des Ganzen, ist es ein anderes. Kommt ein neues hinzu: auch

Was also kann dann Partizipation noch sein? Ich kann sie, wie beschrieben, so verstehen, dass Menschen (1) an etwas teilhaben, das auch ohne sie existiert. Wie bei einer Herde etwa. In dieser Sichtweise spielt die Frage, ob ich bei einer Firma mitarbeite oder Teil einer Schulklasse bin, für deren Existenz, Funktionalität und Identität keine Rolle. Mein Fehlen ist nicht relevant für das System. Jede*r ist ersetzbar.

Auch wenn ich „kulturelle Teilhabe“ so verstehe, spielt es für die Kultur selbst keine Rolle, ob ich an ihr partizipiere oder nicht. Die Partizipation (Teilnahme) eines individuellen Menschen (ich als Mann, du als Frau, als Migrantin, als Schüler) oder einer Gruppe von Menschen ist für das kulturelle System, an dem sie teilhaben, weder existenziell noch wesentlich. Würden sie fehlen, fehlten sie nicht.

Ich kann Partizipation aber auch (2) so verstehen, wie es in der simplen Grafik vom Puzzle zum Ausdruck kommt: Fehlt ein Teil, ist das Ganze unvollständig. Egal an welcher Stelle des Ganzen – und auch ganz ohne Hierarchie. Doch auch hier bin ich als Einzelne*r noch immer „Element“, sprich: ich kann heraus- und wieder hineingerechnet werden.

Noch einmal anders (3) sieht die Sache mit der Partizipation aus, wenn durch deine und meine An- oder Abwesenheit dasjenige, woran wir partizipieren oder eben nicht, ein anderes wird. Nicht einfach unvollständig wie ein Puzzle, sondern anders. Wenn sich die Funktionalität, das Wesen, die Gestalt einer Familie, einer Schulkasse oder eines Teams von Grund auf verändern, wenn sie also eine neue Identität erhalten – allein dadurch, dass du partizipierst oder nicht. Diese Perspektive auf Partizipation verdanke ich dem Philosophen Heinrich Rombach und seiner „Phänomenologie der Freiheit“, die mich sehr geprägt hat.

Ich bin davon überzeugt, dass nur diese dritte Auffassung von Partizipation unserem Menschsein gerecht wird: uns als Individuen und als Gemeinschaften – alles Nichtmenschliche in der Natur eingeschlossen. Erst auf diesem Weg der Anerkennung der prinzipiellen und unvorhersehbaren, nicht plan- und nicht bestimmbaren Selbstorganisation alles Lebendigen können wir jene Rahmenbedingungen schaffen, die dem Wesen alles Lebendigen zu Grunde liegen: Entfaltung, Individuation, Verwirklichung eines Eigenen als unverzichtbares Glied einer kulturellen Gemeinschaft.

Deshalb plädiere ich dafür, Partizipation nicht mehr als Teilhabe an und Weitergabe von Kulturen, Traditionen und Routinen zu verstehen – wie das Weiterreichen von mit Wasser gefüllten Eimern in einer Löschkette.

Sei es mit Blick auf zukünftige Formen des Zusammenlebens, auf Prozesse des Lernens und der Bildung, des Wirtschaftens und der politischen Entscheidungskultur: deren Qualität eröhen wir in dem Maße, wie wir (wieder oder erstmals) die Erkenntnis kultivieren, dass sich der Wert einer Gemeinschaft zuerst daran misst, wie sie den Wert und die Bedeutung jeder und jedes einzelnen Wesens in ihr zu schätzen und zu schützen weiß.

Und was hat das jetzt mit Hierarchie zu tun? Womöglich eben nichts. Umso tragischer wäre es dann, dass wir uns an sie klammern.

Der Schlachtruf der Lemminge: Wir müssen alle mitnehmen!

Zurzeit nehmen wir vor allem das mit, was noch übrig ist. Das sind nicht Menschen, Eltern, Schüler*innen, Mitarbeitenden, denn davon gibt es ja (noch) genug. Wir nehmen die Reste an Nahrungsmitteln mit, an fossilen Brennstoffen, an Geld, an Wald, an Fleisch, an sauberem Wasser. Wir überschlagen uns vor Empörung über die Plünderungen angesichts der Massenproteste in den USA oder an jenem legendären Ausrasterabend vor kurzem in der Stuttgarter Innenstadt. Dabei sind das Spiegel-Phänomene einer globalen Gesellschaft, die auf dem Prinzip der Plünderung basiert.

Wir müssen die Menschen mitnehmen, höre ich. Speziell in Unternehmens- und Bildungskontexten höre ich das: Die Führungskräfte müssen die Mitarbeitenden mitnehmen. Die Pioniere müssen auf die Ängstlichen warten, Lehrer*innen müssen alle Schüler*innen mitnehmen, Schulleitende die Lehrer*innen, Politiker*innen das Volk.

Jede und jeder hat jemanden, den er und sie mitnimmt. Das nennen sie Verantwortung. Einspruch.
Wir lenken mit dieser Taktik, mit diesem Narrativ konsequent von uns selbst ab; und wir geben die Verantwortung, die wir für uns selbst haben, an andere weiter, denn irgendjemand muss auch uns immer mitnehmen.
Die soziale Funktion des und der Einzelnen ist darauf reduziert, dass er und sie andere mitnimmt. Das ist eine „Hidden Agenda“, die mich davor bewahren soll, für mich selbst zu sorgen, denn ich muss immer andere mitnehmen. Für mich sorgen dann schon andere, die mich mitnehmen, bezahlen, versorgen.

Wichtiger als das „Wohin“ ist, dass wir alle dorthin mitnehmen

Hinter diesem Karussell-Spiel steckt die kollektive Angst, dass wir ja gar nicht weiterwissen; dass wir keine Ahnung davon haben, wohin wir uns eigentlich alle mitnehmen sollen. Und der einzige Proviant, den wir derzeit haben, sind die(se) Durchhaltesprüche – und die Ignoranz der Bedingungen, unter denen wir dieses Spiel spielen.


Nirgendwo in den Diskussionen über Bildung und Zukunft geht es um die großen Herausforderungen, in denen wir stehen. Es geht in diesen Diskussionen ausschließlich um Fragen der Organisation: Wie organisieren wir Bildung und Schule unter den Bedingungen von Corona oder Digitalität? Es geht nicht um die Fragen: Wie wollen oder sogar wie müssen wir leben – und wie lernen wir das? Welche Perspektiven haben wir eigentlich: die Mitnehmerinnen, die Mitnehmer – und die Mitgenommenen, die wir alle sind?

Mitnehmen was übrig ist

Und in Wirklichkeit nehmen wir zurzeit vor allem das mit, was noch übrig ist. Das sind nicht Eltern, Schüler*innen, Mitarbeitende, denn davon gibt es ja (noch) genügend. Wir nehmen die Reste an Nahrungsmitteln mit, an fossilen Brennstoffen, an Geld, an Wald, an Fleisch, an sauberem Wasser. Wir überschlagen uns vor Empörung über Plünderungen angesichts der Massenproteste in den USA oder an jenem legendären Ausrasterabend vor kurzem in der Stuttgarter Innenstadt. Dabei sind das Spiegel-Phänomene einer globalen Gesellschaft, die auf dem Prinzip der Plünderung basiert – während wir uns zeitgleich und mit Verve in den Diskursen und Diskussionen über die Zukunft von Bildung, Lernen und Arbeit in ein Gefasel darüber verlieren, wer jetzt wen mitnimmt.

Wohin denn?

Das Tetralemma als Weg zu neuen Lösungen

Insa Sparrer und Matthias Varga von Kibéd kommt das große Verdienst zu, die Idee und die Praxis des Tetralemma für Coaching, Beratung, Therapie und Organisationsentwicklung zugänglich gemacht zu haben. Mir erscheint diese Methode als eine veritable Alternative des Entscheidens zu all jenen, die wir derzeit in Politik, Ökonomie und Bildung – und im Privatleben benutzen.

Beitragsbild: Gerd Altmann auf Pixabay

Im Moment machen wir in allen kulturellen Bereichen die Erfahrung, dass unsere persönlichen Entscheidungen und die der Funktionsträger*innen in Politik, Bildung und Ökonomie ausschließlich alte Lösungs-Muster reproduzieren. Wir wenden im Privaten wie im Öffentlichen Lösungen an, die keine sind, sondern die unsere Probleme kurz- bis mittelfristig vergrößern.

Das liegt daran, wie wir gelernt haben, Entscheidungen zu treffen: als hätten wir uns jeweils zwischen zwei oder mehreren Optionen für eine (1) zu entscheiden – oder wir hätten eine Sowohl-Als-Auch-Entscheidung zu treffen – im Schweizerischen gerne paraphrasiert mit „Die Münze und das Weggli wollen“. Das Interessante daran: Auch die „Sowohl-Als-Auch“-Option ist in dieser Fassung eine Variante des „Entweder-Oder“, weil sie sich als Alternative positioniert: „Sowohl-Als-Auch“ ist in der Entscheidungs-Gleichung entweder das Entweder – oder das Oder.

Zeichnet eine Entscheidung sich doch dadurch aus, dass sie den einen Weg geht und den anderen nicht. Ich kann nicht mit zwei Menschen gleichzeitig verheiratet sein in unserer Kultur, also entscheide ich mich: entweder für eine Ehe mit einem der beiden – oder gegen eine Ehe. Seinen Ernst bekommt das Entscheiden also durch die Konsequenzen, die es nach sich zieht. An ihnen erkenne ich die Kraft der Entscheidung.

Selbstverständlich kann ich versuchen, mich für „Beides“ zu entscheiden. Dadurch fülle ich meinen Rucksack mit einer Last, die mir die Reise fortan erschwert: Ich nehme beide Optionen mit ins Gepäck, statt mich einer zu entledigen. Im Fall einer Doppelehe mache ich mich darüber hinaus strafbar.

Das Tetralemma

Insa Sparrer und Matthias Varga von Kibéd kommt das Verdienst zu, die Idee und die Praxis des Tetralemma für Coaching, Beratung, Therapie und Organisationsentwicklung zugänglich gemacht zu haben. Mir erscheint diese Methode als eine veritable Alternative des Entscheidens zu all jenen, die wir derzeit in Politik, Ökonomie und Bildung – und im Privatleben benutzen.

Eine kleine Einführung findest du hier:

https://youtu.be/L77BJgpfTC


Das Tetralemma übersteigt sowohl das „Entweder-Oder“ als auch das „Sowohl-Als-Auch“. Es erlaubt und ermöglich den Blick über bestehende Optionen und Alternativen des Entscheidens hinaus. Es verlässt den bipolaren Raum, in den wir uns landläufig schicken, wenn wir zu entscheiden haben: Weder die eine noch die andere Option steht zur Entscheidung noch ein Kompromiss. All dies nicht, sondern das Ermöglichen ganz anderer Lösungen – oder noch einen Schritt weiter: Die Veränderung (m)eines Bewusstseins, das ich vom Entsc heiden habe und meiner Beziehung zu dem hinter der Entscheidung liegenden Problem. Beide werden dadurch aufgebrochen, dass ich aus einem „statischen Beurteilungsschema“ erst einmal aussteige.

Dieser Zugang lebt aus der Erfahrung, dass die Zukunft, die wir im Aufspannen eines Entscheidungskorridors einzugrenzen versuchen, durch dieses „Einzäunen“ weder provoziert noch ermöglicht wird. Wir wissen im Gefolge einer Entscheidung weder, wie es uns mit der verworfenen Option ergangen wäre, noch sehen wir voraus, was uns auf dem Weg ereilt, für den wir uns entschieden haben – und erst recht werden wir nicht in Erfahrung bringen, ob das mit unserer Entscheidung für diese Option zu tun hat.

Das Tetralemma eröffnet mir jenseits dieser Überlegungen die Option, eine andere, sich weit öffnende Haltung der Zukunft gegenüber zu entwickeln. Das Tetralemma macht die Erfahrung nutzbar, dass unsere Lebenswege umso lebendiger und kreativer werden, je mehr wir uns von dem lösen, was wir im Konktext einer Entscheidung als Realität konstruieren – und stattdessen den eigenen Wirklichkeitsraum erweitern.

shareforus.net – Die digitale Sammelmappe für den Unterricht: Ein Gastbeitrag

Es ist mal wieder Klausurphase und ich sitze vor meinem Schnellhefter und durchsuche Ihn nach den Inhalten die für die anschließende Prüfung relevant sind. Wie praktisch es doch wäre, wenn die wichtigsten Inhalte (Übersichten, Tafelbilder, Zusammenfassungen etc.) an einem Ort digital gesammelt wären und ich bei Fragen einfach und vor allem übersichtlich mit meinem Lehrer und meinen Mitschülern kommunizieren könnte?

Text, Bild & Logo von Jonas Fiedler

Mit diesem Szenario habe ich mich während meiner Schulzeit immer häufiger beschäftigt und schlussendlich mein damaliges soziales Netzwerk connect-friends.net in eine Plattform für die schulinterne Pürfungsvorbereitung umfunktioniert und in shareforus.net umbenannt.

Mein Name ist Jonas Fiedler, ich bin 20 Jahre alt, habe im Sommer 2019 mein Abitur gemacht und bin der Entwickler von shareforus.net, der Plattform für die schulinterne Prüfungsvorbereitung.

Die Idee von shareforus.net ist, dass eine Lehrkraft während der Unterrichtsreihe die Inhalte (Mitschriften, Präsentationen, Übungen etc.) die für die Prüfung  relevant sind an einem Ort digital sammelt (“shareforus – Die digitale Sammelmappe”) und die Schüler jederzeit (insbesondere vor den einzelnen Prüfung und hinterher bei der Abschlussprüfung) einfach auf diese zugreifen können und durch eine integrierte Kommentarfunktion unter jedem Beitrag untereinander bzw. mit der Lehrkraft z.B. bei Fragen kommunizieren können.

shareforus funktioniert so, dass eine Lehrkraft sich registriert und eine Gruppe erstellt. Dabei hat Sie die Option eine offene oder eine geschlossene Gruppe zu erstellen, wobei ich immer empfehle eine offene Gruppe zu erstellen und die Gruppe hinterher, sobald alle Kursmitglieder eingetreten sind, zu schließen.

Sobald die Gruppe erstellt ist, müssen sich auch die Schüler*innen registrieren und der Gruppe über die Suche beitreten.

Beiträge können sowohl von der Lehrkraft als auch von den Schüler*innen erstellt werden. Bei den Beiträgen gibt es die Möglichkeit diese mit Keywords (ähnlich wie bei Twitter) zu taggen (Zum Beispiel: In Biologie alle Beiträge der Themenreihe Evolution mit dem Keyword #evolution), damit sich die Schüler*innen die Inhalte jeder Themenreihe vor der Abschlussprüfung geordnet anzeigen lassen können.

Unter jedem Beitrag gibt es eine Kommentarfunktion um sich z.B. bei Fragen zu einem Tafelbild einfach auszutauschen. Bei neuen Beiträgen erhalten alle Gruppenmitglieder eine E Mail Benachrichtigung, sodass keiner mehr die Inhalte verpasst.  

Die ganze Funktionalität und der Ablauf werden auf der Plattform in Form eines Videotutorials auch nochmal dargestellt.

Einfache Zusammenarbeit zwischen Lehrenden und Lernenden

Zusammenfassend steht hinter shareforus die Vision im Zuge der Prüfungsvorbereitung das Teilen und wiederfinden von Inhalten, sowie den Austausch zwischen den Lehrkräften und den Schüler*innen so einfach wie möglich zu gestalten.

Wenn auch Sie Ihren Schülern das Lernen für die Klausuren erleichtern wollen, dann würde ich mich freuen, wenn ich Ihnen mit shareforus eine gute und einfache Lösung zur Verfügung stellen kann.

Bei Fragen kann mir jederzeit eine Email an info@shareforus.net geschrieben werden. Bei Bedarf stelle ich die Plattform auch gerne in einem persönlichen Telefonat vor.

Weil das Antlitz den Menschen macht

Ich kann nur schlecht damit leben, dass und wenn Menschen, ihre Gesichter und Geschichten hinter Situationen verschwinden, weil sie unsichtbar gemacht werden, weil und wenn sie zu Rädchen degradiert werden, zu Erfüllungsgehilfen von Funktionalität. Ich finde, wir dürfen das eine nicht mit dem anderen begründen. Ich möchte verhindern, dass es – gerade – jetzt nicht um den Einzelnen und um die Einzelne gehen darf, mit der Begründung, dass es um viele geht. Diese Erkenntnis ist sehr alt: dass das Antlitz den Menschen macht. Das ist die Wurzel aller Humanität, die in Zeiten wie diesen immer wieder von neuem zu verdorren droht.

Portraitfotografie: Mohamed Abdelgaffar, Egypt – on pexels

Ich fühle mich derzeit herausgefordert, den Kontakt zu mir selbst nicht zu verlieren. Die Verbindung zu meinen Überzeugungen, zu dem, was mich ausmacht und was mir wichtig ist. Es greift eine Art Überlebensmodus um sich. Verständlicherweise. Nachvollziehbar. Es müssen Situationen ausgehalten werden, die unmenschlich sind. Es müssen Lösungen gefunden werden für Umstände – in Umständen, die das Finden von Lösungen enorm erschweren.

Wie behalte ich da den Kontakt zu mir selbst? Im emotionalen, existenziellen Sinne: als Person. Die täglichen Einspielungen des Pianisten Igor Levit auf Twitter helfen mir enorm dabei. Er schreibt selber:

Es geht um mehr als um „Funktionieren“

Und je mehr ich mit mir selber in Kontakt komme, um so schmerzlicher vermisse ich in etlichen Abläufen des Alltags den Aspekt des Menschlichen. Diese Abläufe erlebe ich im Moment vor allem so, dass sie auf irgendein Funktionieren und Aufrechterhalten reduziert werden. Da liegt die psychologische Erklärung nicht fern, dass Menschen sich in solchen Situationen halt vor allem an Routinen klammern. Das höre ich pausenlos. Ich höre es seit vielen Jahren immer dort, wo Entwicklungsschübe aufgeschoben werden und abgewehrt. Ich höre: Menschen reagieren in verunsichernden Situationen verunsichert und klammern sich dann an Bewährtes. Andererseits hat mal jemand gesagt: Wir weinen nicht, weil wir traurig sind. Wir sind traurig, weil wir weinen. Also könnte es doch auch so sein, dass wir nicht deshalb klammern, weil wir verunsichert sind, sondern dass wir verunsichert sind, weil wir klammern.

I smell a rat

An diesen reflexartigen Erklärungen ist also was faul. Warum sollte ich mich in unsicheren Zeiten ausgerechnet an etwas klammern, das Verunsicherung auslöst, weil es nicht mehr funktioniert? Diesen Reflex erlebe ich derzeit auch in meinem Kerngeschäft, der Bildung. Noch mehr als zu coronafreien Zeiten überträgt dieses System jetzt seine eigene Dysfunktionalität auf die sozialen Systeme derer, die in diese Bildungssysteme eingebunden sind. Schulen, ihre Repräsentanten, (Infra-)Strukturen und Abläufe werden jetzt nicht ein- und freigesetzt, um den unzählbaren Familien und familienähnlichen Gemeinschaften wo auch immer möglich zu helfen. Vielmehr wird jetzt großflächig und täglich eine Schul(un-)kultur in diese familiären Systeme injiziert. Hier wird ausschließlich der Funktionalität einer Systemroutine Tribut gezollt, die schon im Normalbetrieb mehr als zwiespältig ist.

Just im Moment greift ein in meinen Augen kalter, technologischer Ansatz von Digitalisierung um sich, wenn in der Lern- und Arbeitswelt von oben herab in Windeseile digitale Technologien implementiert werden, um die bestehenden Lehr- und Arbeitsstrukturen und Abläufe auf die Lebenswelten lernender und arbeitender Menschen auszuweiten. Dadurch besitzen die noch weniger Ausweichmöglichkeiten, als sie in dieser schrecklichen Lage dringend bräuchten. Dabei müssen (und könnten) wir die digitalen Möglichkeiten jetzt vor allem dafür nutzen, um füreinander auf einer menschlichen und solidarischen Ebene erreichbar zu bleiben und vielerorts erst einmal zu werden. Dazu müssen wir womöglich bloß einen Moment lang innehalten und die Gesichter jener aufsuchen, mit denen wir unterwegs sind.

Foto: Mohamed Abdelgaffar, Egypt – on pexels

Meine Vermutung ist nämlich: Wenn wir uns auf diese Art „aus den Augen verlieren“, geht es zunehmend nur noch um den Aspekt der Funktionalität. Über dieses Funktionieren hinaus hat der Mensch, der mit mir unterwegs ist, dann keinen Platz mehr. In Online-Sessions und Meetings, an denen ich teilnehme, in Webinaren und Live Tutorials geht es derzeit nicht und nie wirklich um die Menschen, die da zusammenkommen. Nicht um ihre Situation, nicht um Überforderung, um Ängste. Wenn jemand seine oder ihre Tränen nur noch knapp zurückhalten kann, und wir das nicht ansprechen können, wenn jemand das Mikro stumm schaltet, damit das „Familienchaos“ ungehört bleibt und wir auch das übergehen, dann stimmt für mich etwas nicht mehr. Das sind wir in einer enormen menschlichen Schieflage angekommen.

Und ich erschrecke wirklich, wenn Führungskräfte und Moderatoren im beruflichen Alltag gegenüber ihren Mitmenschen zu Kriegsmetaphern greifen; wenn davon die Rede ist, dass wir „Gewehr bei Fuß“ zu stehen hätten, und ab Montag „scharf geschossen“ wird, sprich: das Sommersemester beginnt.

Was durch dieses Ausblenden des Menschlichen auf der Strecke bleibt und meiner Vermutung nach auch von etlichen Verantwortungsträgern absichtlich unterbunden wird, ist die Entstehung von Solidarität in den digitalen Netzwerken. Da wird keine Zeit eingeräumt, da wird keine Struktur ermöglicht, um miteinander jene Nähe entstehen zu lassen, die wir jetzt so dringend brauchen. Stattdessen wird um jeden Preis die Illusion von Funktionalität aufrechterhalten. Ich finde das in hohem Maße absurd.

Selbstverständlich gibt es im Moment Situationen, in denen es um nichts anderes gehen darf, als um das Aufrechterhalten von Funktionalität. Wenn ich nur schon an die medizinische Versorgung denke: Da hängt für ganz viele Mitmenschen alles davon ab, dass diese Systeme funktionieren. Auch stehe ich mit tiefer Bewunderung und Dankbarkeit vor Menschen, die dafür sorgen, dass unsere Nahrungsketten nicht unterbrochen werden – und vieles, vieles mehr!

Mohamed Abdelgaffar, Egypt – on pexels

Gerade deshalb finde ich es so wichtig, dass wir das Antlitz unseres Gegenübers nicht aus dem Blick verlieren – damit wir realisieren und uns vergewissern, warum wir das tun, was wir tun, und mit wem wir da gerade unterwegs sind bzw. gefangen – jede und jeder an seinem und ihrem Ort; dass wir uns darüber klar werden, warum wir uns für andere einsetzen, ihnen zuhören und Raum geben. Warum wir Systeme aufrecht erhalten: Wem wir damit nützen und Gutes tun wollen – und wie es uns selber in diesen anspruchsvollen Situationen ergeht.

Ich finde es gerade jetzt enorm wichtig, dass wir miteinander im Gespräch bleiben über das, was uns im Innersten wichtig ist – und was uns verbindet.

Ich finde es wichtig, dass wir den Kontakt erhalten zu dem, was uns ausmacht.

Corine Pellouchon über Emmanuel Lévinas (Quelle)
Mohamed Abdelgaffar, Egypt – on pexels

Ich kann jedenfalls nur schlecht damit leben, dass und wenn Menschen, ihre Gesichter und Geschichten hinter Situationen verschwinden, weil sie unsichtbar gemacht werden, weil und wenn sie zu Rädchen degradiert werden, zu Erfüllungsgehilfen von Funktionalität. Ich finde, wir dürfen das eine nicht mit dem anderen begründen. Ich möchte verhindern, dass die Meinung um sich greift, es ginge nicht um den Einzelnen und die Einzelne, mit der Begründung, es gehe jetzt um viele. Denn nicht die Masse macht den Menschen, sondern das Antlitz jeder einzelnen. Das ist die Wurzel aller Humanität, die in Zeiten wie diesen immer wieder von neuem zu verdorren droht.