Entweder bist du digital – oder du bist nicht

Wir können nicht mehr trennen zwischen digital und nicht digital. Erst recht nicht bezüglich der Qualitäten, z.B. von Kommunikation oder Interaktion. Die „gute“ Kommunikation und das „saubere“ Wissen sind nicht in Analogistan zu finden und alles andere „im Netz“, weil alles im Netz ist, und weil auch die Entscheidungen, was denn jetzt gut und richtig und falsch und böse ist, im Digitalen Raum fallen.

Titelbild: Bild von Buffik auf Pixabay

Wir realisieren im Moment besonders deutlich, dass praktisch alle relevanten Prozesse unserer Kultur digital organisiert sind: Produktion, Mobilität, Arbeit, Forschung, Wissenschaft, Logistik, Konsum, Medien, Wertschöpfung – und klar, allem voran die Kommunikation. Digitalisierung steht für ein umfassendes Organisationsprinzip, das sich fundamental von dem unterscheidet, wie wir uns Gesellschaft und Ökonomie bisher vorstellen.

Es geht jetzt also darum, sich und den eigenen Alltag nach diesem Prinzip zu organisieren. Sei das jetzt Arbeit, Lernen, Freizeit, sei es Bildung, Unterhaltung, Konsum – und in all dem die Kommunikation als das Lebensprinzip, das allem zugrunde liegt, was wir Menschen sind und tun.

Diese umfassende Entwicklung setzt voraus, dass jede*r über die nötigen Geräte und Anwendungen verfügt, über Internet, über die Fähigkeit, das alles mindestens entsprechend zu „bedienen“, am besten natürlich auch in seiner Funktionalität zu verstehen. Jede*r braucht ein entsprechendes Netzwerk, also ein soziales Gefüge, und am Ende die Gestaltungskompetenz, sprich die Antwort auf die Frage, was ich denn jetzt mit all dem machen kann und soll.

Zuerst geht es also darum, aktiv partizipieren, teilnehmen und teilgeben zu können. An was genau dann da partizipiert und was gestaltet wird, ist damit noch nicht gesagt. Ich kann mit anderen zusammen eine Querdenker-Demonstration organisieren, einen Kinderporno-Ring, die transdiziplinäre Entwicklung eines Impfstoffes oder eine Crowdfunding-Kampagne für eine neue Online-Zeitung – und vieles mehr.

Die stärksten Treiber dieses Organisationsprinzips, das sich weltweit durchgesetzt hat, sind die Ökonomie und die von ihr fokussierte Forschung. Die ökonomische Perspektive bestimmt alle anderen kulturellen Vollzüge und den Diskurs über soziale, also geteilte Bedeutung mittlerweile umfassend und total. Ökonomische Interessen treiben Mensch und Gesellschaft vor sich her, wie im Verlauf der letzten beiden Präsidentschaftswahlen in den USA und jetzt auch im deutschen Wahlkampf sichtbar wird. Auch dafür eignet sich das Internet ganz hervorragend. „Machtpolitik“ ist heute, so meine Vermutung, ein durch und durch ökonomisches Prinzip.

Im Fahr- oder Kielwasser ökonomischer Interessen ziehen gesellschaftliche Institutionen (z. B. Bildung, Politik, Verwaltung, Medizin) widerwillig und extrem zögerlich mit, nicht weil sie von einem positiven Gestaltungswillen angetrieben wären, sondern wenn und weil sie nicht mehr anders können – und die derzeit größte Herausforderung sehe ich hier:

Individuen im Sinne von Personen kommen in dieser Story nicht als Gestalter*innen in den Blick, nicht als aktiv Teilnehmende und Teilgebende in einem kulturellen Entwicklungsprozess, sondern in den Funktionen, die sie aus ökonomischer Perspektive haben: als Konsument*innen, Kund*innen, Arbeitskräfte, Datenlieferant*innen, als anonyme Wähler*innen-Massen.

Digitalisierung als Organisationsprinzip: Wie und wo lerne ich das?

Wir wissen bisher nicht, ob, wo und wie sich Menschen in Bezug auf diese neue Kultur befähigen, also sich bilden. In den öffentlichen Bildungsinstitutionen und in deren Curricula, Strukturen und Prozessen findet eine entsprechende (Weiter-)Bildung jedenfalls nicht statt. Nicht zuletzt, weil ausgerechnet das staatliche Bildungssystem das „Organisationsprinzip Digitalisierung“ gar nicht versteht und sich deswegen auch nicht entsprechend weiterentwickeln und aufstellen kann in seinen Curricula, Strukturen und Prozessen.

Also sind Menschen als Individuen wie als Gruppen im Moment darauf angewiesen, diese (Weiter-)Bildungsprozesse selbst zu organisieren und zwar bezogen auf alle drei Dimensionen:

  • die Ebene des „access“, des grundsätzlichen Zugangs also,
  • die des basalen Umgangs,
  • und die der (Mit-)Gestaltung kultureller Prozesse.

Es geht also zuerst und ernsthaft um die Frage: Wie werde ich fähig, in der digitalen Kultur anwesend, sichtbar und handlungsfähig zu sein, und wie werde ich Teil der Prozesse, in denen soziale Bedeutung ausgehandelt wird? Wie werde ich ein aktiver Teil (m)einer Netzwerkgesellschaft, wie entwickle ich eine „Digital Citizenship“ in einer Kultur, die sich dadurch charakterisiert, dass sich sämtliche relevanten Prozesse im digitalen Raum abspielen?

Machtfragen, Partizipationsfragen, Fragen der Entscheidung und Gestaltung politischer Art, und auch innovative Forschungsprojekte spielen sich im Kontext dieser Kultur der Digitalität und im Rahmen ihres Organisationsprinzips ab, und das heißt auch: im digitalen Raum und nach seinen Vorgaben. Hier ein paar Beispiele:

Quelle
  • Eine Ungenauigkeit im Lebenslauf der Kanzlerkandidatin lässt die Umfragewerte sinken.
  • Das Abräumen der Coca-Cola-Flaschen durch einen Fussballstar auf einer Pressekonferenz lässt den Aktienkurs einbrechen.
  • Infektionsketten im Rahmen einer Pandemie werden ebenso digital verstärkt und abgeschwächt wie der komplette gesellschaftliche Diskurs dazu in sozialen Netzwerken stattfindet.
  • Das enorme Tempo bei der Entwicklung, Produktion und Distribution von Impfstoffen ist nur aufgrund der Digitalisierung möglich.
  • Während der Pandemie schießen die Unternehmenswerte von Digitalkonzernen durch die Decke, also die Werte all jener Firmen, die heute bereits die ganze Palette von Kultur digital abdecken und ihre Entwicklung bestimmen.

Es lässt sich nicht mehr trennen zwischen digital und nicht digital. Erst recht nicht bezüglich der Qualitäten, z.B. von Kommunikation oder Interaktion. Die „gute“ Kommunikation und das „saubere“ Wissen sind nicht in Analogistan zu finden und alles andere „im Netz“, weil alles im Netz ist, und weil auch die Entscheidungen, was denn jetzt gut und richtig und falsch und böse ist, im Digitalen Raum fallen.

Das Internet ist heute definitiv und unumkehrbar der kulturelle Raum, in dem soziale Bedeutung verhandelt wird, in dem Politik gemacht, Demokratie gestaltet und Geld verdient wird, in dem konsumiert wird, Information und Wissen produziert und vertrieben.

Das macht die Frage besonders dringlich, ob der traditionelle, öffentliche Bildungsapparat da irgendwann einsteigen wird, oder ob ihm die Disruption zuvorkommt. Oder ob die womöglich schon läuft.