MS Teams und die Online- Lehre: Wenn Kollaborations-Tools auf Command & Control-Kulturen treffen.

Werkzeuge, die explizit zum Zweck offener und kollaborativer Zusammenarbeit erfunden und weiterentwickelt werden, lassen sich nicht umbiegen zu Werkzeugen, mit denen Lern- und Arbeitskulturen digitalisiert werden sollen, zu deren Überwindung diese Tools ja erfunden wurden. Und solange diese Versuche als Anzeichen dafür gelesen werden, dass Schule sich tatsächlich transformiert, lügen wir uns souverän in die eigene Tasche.

Der Corona-Schock hat dazu geführt, dass viele Schulen und Hochschulen ihren Unterricht online durchführen. Da die Abhängigkeit des Bildungssystems von Microsoft groß(flächig) ist, haben viele auf die Anwendung MS Teams zurückgegriffen, um das physische Klassenzimmer ins Internet zu verlegen.

Wo Schule vor allem als Beschulung und Lehre vor allem als Belehrung verstanden werden, wurde dieser Übergang von der physischen in die digitale Präsenzlehre häufig als gelungen bezeichnet – vor allem aus der Sicht der Organisation: „Wir haben es geschafft, die Lehre laut- bzw. nahtlos ins Netz zu verlagern“.

Die Entscheidung für MS Teams ist dabei insofern nachvollziehbar, als dieses Tool in die Office-Infrastruktur integriert ist. So kann auch das gesamte Content-Management weiterhin reibungslos von statten gehen – und darum geht es ja nach wie vor in weit verbreiteten Vorstellungen von Bildung: um das Bunkern, Verschieben und Abfragen von Information. Wobei gerade beim Prüfen (Examen, Tests, Klausuren, Klassenarbeiten, Abschlussprüfungen) also dort, wo es um das eigentliche Ziel aller staatlich organisierten Bildung geht, der Einsatz digitaler Tools teilweise an harte Grenzen gekommen ist, wie ein Beispiel aus einer Prüfung im Hochschulkontext zeigt:

Quelle: https://twitter.com/bildungsdesign/status/1287098058011037696?s=20

Aber auch im Kontext des Abiturs nahm der Kontroll-Fetischismus absurde Formen an:

Quelle: https://twitter.com/flaviocarrera0/status/1255464104736718848?s=20

Was der kurzfristig notwendig gewordene Schwenk in die Online-Lehre gezeigt hat, ist dies: Die herrschende Kultur sucht sich ihre Technologie und macht sie sich passend – auch wenn das bizarre Züge annimmt.

Mit kollaborativen Tools Beschulung organisieren

Studierende, mit denen ich während Corona I online zusammengearbeitet habe, melden mir glaub- und liebenswürdig zurück, dass sie eine mediale Vielfalt schätzen statt lediglich mit synchronen online-Vorlesungen und Textarbeit konfrontiert zu werden. Was hingegen keine Chance bei ihnen hat: Die Vielfalt und Offenheit, die mit der kollaborativer Online-Welt möglich wird, als Chance zu einem selbstorganisierten und -bestimmten Lernen nur schon zu sehen. Das tun keine 10%. Es ist nicht Teil ihrer Vorstellungswelt von „Studieren“. Meine anonymen Umfragen in den Seminaren zeigen: zwischen 50 und 70% haben vor, sich auch weiterhin stumm und bedeckt im Hintergrund zu halten („eingeloggt“). Der Rest wünscht sich klare Vorgaben und Struktur, um „mitmachen“ zu können, sprich: Beschulung. Gerne bunt und vielfältig, aber im Sinne des Konsums mit anschließender Klärung, was für die Prüfung relevant ist.

Für mich ist es

  • erstens eine Horrorvorstellung, wenn so gut wie alle Studierende relevante Kompetenzen, die für Job und Leben matchentscheidend werden, nicht mit ihrem/einem Studium in Verbindung bringen. Es ist deshalb
  • zweitens ein glasklarer Auftrag an die zukünftige Entwicklung von Bildung, Schule und Hochschule, solche Kompetenz ins Zentrum zu bringen – und
  • drittens ist es ein Anlass, der gymnasialen Bildung in den Hintern zu treten, weil die offenbar noch immer nicht bereit ist, entsprechende Lernkulturen zu etablieren, wie die Worte eines Oberstudiendirektors in Dresden zeigen, mit denen er einen schulischen Regelbetrieb beschreibt: „Die optimalen Bedingungen heißen: der Schüler sitzt vorm Lehrer. Die Sozialkompetenzen werden gestärkt. Er ist mit seinen Schülern zusammen und lernt im Klassenraum“ (Quelle).
Nicht Methodenwechsel ist angesagt sondern ein Paradigmenwechsel

Hier wird noch einmal deutlich, wie sehr es eigentlich um einen tiefgreifenden Paradigmenwechsel geht. Hinsichtlich der damit verbundenen kulturellen und gesellschaftlichen Herausforderungen steckt das Bildungssystem aber nicht „in den Kinderschuhen“, wie die Führungskraft einer Hochschule neulich fast entschuldigend formuliert hat. Es steckt vielmehr in ganz alten und ausgelatschten Schlappen, die es ums Verrecken nicht eintauschen will.

Wir müssen davon ausgehen, dass die durch den Corona-Schock ausgelöste Hinwendung zu digitalen Technologien in Schulen und Hochschulen kein Zeichen dafür ist, dass sich diese Systeme einer neuen Kultur öffnen, wie sie z.B. Georg Diez und Emanuel Heisenberg in ihrem Werk „Power to the People“ thematisieren, oder Martin Burckhardt in seinem Essay „Digitale Renaissance“ bzw. Felix Stalder in seinem Grundlagenwerk „Kultur der Digitalität“.

Die Entscheidung so vieler Schulen und Hochschulen für Microsoft Teams zeigt vielmehr: Es ist eine Entscheidung für Bekanntes und Vertrautes. Es werden Anbieter und Tools bevorzugt, die in das eigene Mindset von Command & Control passen; die Reibungslosigkeit in Aussicht stellen und möglichst wenig zusätzlichen Organisationsaufwand. Da schwingt Microsoft Office natürlich oben aus.

Mit der Lancierung von MS Teams hat Microsoft ein Tool in der Tradition jener Applikationen vorgelegt, die aus dem realen und stark zunehmenden Bedarf heraus entwickelt werden, Menschen eine voraussetzungsarme, flexible Zusammenarbeit im Digitalen Raum zu ermöglichen. Eine Pionierin unter diesen Tools ist z.B. Slack – erfunden, um Menschen in offenen Netzwerken bzw. organisationsübergreifend Kollaboration zu ermöglichen. Eine Form und Kompetenz der Zusammenarbeit also, wie sie in einer Kultur der Digitalität nicht nur selbstverständlich geworden ist, sondern zu einer Voraussetzung für erfolgreiches Handeln in Digitalen Welten – hier ganz wunderbar auf den Punkt gebracht:

Da die meisten Unternehmen und staatlichen Organisationen (und damit auch die Schulen und Hochschulen) nach Prinzipien der juristischen und operativen Geschlossenheit funktionieren, kommen echt kollaborative Tools wie Slack für sie (bisher) nicht in Frage, weil die vom Prinzip her „zu offen“ sind. Als „Stand-Alone-Lösungen“ erlauben die zwar die Integration vieler Applikationen, sie sind jedoch selber nicht in geschlossene Organisations-Konstrukte integrierbar. Das ist bei MS Teams anders. Als Bestandteil einer Komplettlösung, die für unzählige Firmen und Organisationen Standard ist, ist die operative Geschlossenheit jederzeit garantiert – die einzige Schnittstelle „nach außen“ (z.B. gegenüber us-amerikanischen Regierungsorganisationen) ist Microsoft selbst.

Umso mehr werde ich hellhörig, wenn ich lese, dass das Thema Datenschutz, ein nicht selten reflexartig vorgeschobenes Argument, auch bei Microsoft nicht geklärt ist, wie eine juristische Einschätzung in der Süddeutschen Zeitung nahelegt. Die Sache mit dem Datenschutz funktioniert womöglich bei den wenigsten Anbietern us-amerikanischer Provenienz. Der Artikel in der Süddeutschen zeigt allerdings auch auf, dass die Kultusministerien alternative Lösungen dieses Problems gar nicht erst in Betracht ziehen, sondern zugunsten ihrer eigenen Abhängigkeit von Giganten wie Microsoft lieber beide Augen zudrücken.

Alles andere würde diese Systeme womöglich in die Nähe einer Kultur des „Improvisierens“ bringen und der Expedition. Offene Ränder, Ausfransen, Experimente wären die Folge. Kontrollverlust als eine der zentralen Bedingungen, unter denen Organisationen heute zu entscheiden und zu handeln haben. Das geht gar nicht für ein an sich ja technokratisch aufgestelltes Bildungssystem, das seine Hauptaufgabe bis heute darin sieht – mit welcher Technik und Methode auch immer – individuelle Bildungsbiographien bis ins Detail zu kontrollieren und zu steuern.

Dabei würde dem System angesichts der radikalen, kulturellen Veränderungen, in denen wir alle stecken, ein improvisierender Approach in Zukunftsfragen sehr gut zu Gesicht stehen: „Wo nicht improvisiert wird, da wird auch nichts wirklich Neues ausprobiert. Gerne mehr Improvisation in den Familien, den Büros, den Home Offices, den Unternehmen, den Verbänden, den Schulen, den Unis, den Parteien.“ (Martin A. Ciesielski, Berlin)

Meine Vermutung nach der ersten Corona-Welle ist: Auch die zahlreichen Aufschreie und Aufrufe, dass jetzt alles anders und in jedem Fall digitaler werde im Bildungssystem, die Rufe, die so schnell verklungen sind, wie sie anhoben – sie waren nicht Audruck einer Hoffnung auf etwas tatsächlich Anderes und Neues. Vielmehr hat sich darin das legitime Bedürfnis eines Berufsstands artikuliert, seinen Auftrag und seine Arbeit besser organisiert zu kriegen und nicht, diesen Auftrag grundsätzlich zu überdenken. Da steckt die mehr als berechtigte Sehnsucht dahinter, die eklatante Dysfunktionalität seiner Arbeitsfelder abzubauen und mehr Effizienz und Effektivität hinzubekommen. Viele (aber bei weitem nicht alle) Lehrerinnen und Lehrer wollen andere Arbeitsbedingungen. Das ist angesichts des Status Quo nicht nur nachvollziehbar sondern überfällig.

Für mich wurde aber auch klar, dass es dabei nicht in erster und auch nicht in zweiter Linie um einen Kulturwandel geht und nicht um eine Arbeit am Mindset und am Menschenbild, die das Bildungssystem bis heute prägen. Da ist es dann mit einem lauten Schrei nach dem Aufarbeiten technologischer Inkompetenz allein nicht getan.

Wenn Schule und Hochschule hingegen tatsächlich eines Tages von lernenden Menschen her denken, planen und handeln können, von deren Bedürfnissen, Potenzialen und Zukünften her, dann wäre eine Bewegung ins Spiel gekommen, die das Ende der bestehenden Kultur und seiner Organisation eingeläutet hätte. Nicht umgekehrt! Aber wir wissen ja auch: Hätte hätte Fahrradkette.

Eines steht für mich jedenfalls fest: Werkzeuge, die explizit zum Zweck offener und kollaborativer Zusammenarbeit erfunden und weiterentwickelt werden, lassen sich nicht umbiegen zu Werkzeugen, mit denen Lern- und Arbeitskulturen digitalisiert werden sollen, zu deren Überwindung diese Tools ja erfunden wurden.

Und solange diese zahlreichen Versuche als Anzeichen dafür gelesen werden, dass Schule sich tatsächlich transformiert, lügen wir uns souverän in die eigene Tasche.