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Was ist eine gute Schule, und wie lässt sich das erfassen? Eine qualitative Studie

Titelbild gestaltet von Mauro. Lernender an der Grundacherschule

Wie erfährt eine Schule zuverlässig etwas über sich selbst?
Zuerst einmal muss sie das wollen. Anschliessend kann sie sich darüber klar werden, was sie konkret (über sich) wissen will – und lässt sich dazu
ein paar Fragen stellen.

Karin Anderhalden und Victor Steiner von der Grundi

Im Herbst 2021 hat sich die privat geführte Grundacherschule in der Zentralschweiz dafür entschieden, mit mir eine qualitative Studie durchzuführen. Die beiden Gründer*innen und zugleich Leiter*innen der Schule wollten in Erfahrung bringen, ob und wie sie eigentlich noch in ihrer Vision unterwegs sind: Sind wir für die Kinder das, was wir schon immer für sie sein wollten? Das Ergebnis der Studie sollte die ganze Schule in ihrer Entwicklung erfassen. Massgeblich finanziert wurde das Projekt durch die Stiftung Mercator Schweiz. Die Kernanliegen der Schulleitung waren:

  • kritisch hinsehen
  • den gemeinsamen Horizont öffnen und weiten
  • das Team mitnehmen und inspirieren in Bildungsfragen
  • die Reflexionskultur weiterentwickeln
  • den Schulalltag weiter verbessern

Nach welchen Kiterien soll Schule bewertet werden?

Wie geht so eine Untersuchung vor? An welchen Referenzpunkten richtet sie sich aus? An gesetzlichen Vorgaben? An Lehr- und Bildungsplänen? An allem ein bisschen? Woran soll eine Schule die Qualität dessen, was sie tut, festmachen? Wann ist sie eine „gute Schule“? Hat es mit der Zufriedenheit der Menschen in ihr zu tun? Mit der Anzahl derer, die die Schule „gut abschliessen“? Mit ihrer Beliebtheit bei Eltern, Kindern und Behörden? Ist es die technische Ausstattung und die Qualität des Personals? Und woran „messen“ wir jetzt die wieder?

Nun misst die „Grundi“, wie sich die Schule im Alltag nennt, gar nicht. Sie versteht sich ausdrücklich als ein Lern- und Arbeitsort, an dem Prüfen und Benoten nicht vorgesehen sind. Sie sind nicht Teil des Konzepts. Hinzu kommt, dass jede und jeder mit seinen und ihren Sachen in ihrem und seinem Tempo unterwegs ist und also an einem anderen Ort, Thema oder Projekt. Das gilt übrigens auch für Lernbegleiter*innen. Die erleben sich, so ein Ergebnis der Studie, selber als „pausenlos Lernende“.

Die Notwendigkeit, sich mit anderen zu vergleichen, fällt also weg. Auch klassische Unterrichtsformate finden sich an der Grundi nicht. Kriterien und Methoden einer Unterrichtsbewertung oder Unterrichtsentwicklung würden deshalb nicht greifen. Ob und wie eine Lernbegleiter*in ihren Unterricht vorbereitet und durchführt, kann nicht beurteilt werden, wenn es Unterricht nicht gibt. Woran erkennt dann „so eine Schule“, wie sie unterwegs ist?

Wenn eine Schule auf traditionelle Methoden der Bewertung von Kindern und Jugendlichen verzichtet, kann die Qualität ihrer Arbeit nicht wieder mit Hilfe solcher Methoden beurteilt werden.

„Gute Schule“ im Gemenge von Ansprüchen und Erwartungen

Konkrete Schule sieht sich immer eingebettet oder verstrickt in ein Gemenge von Ansprüchen, Forderungen und Einstellungen. Sie lebt aus einer vielschichtigen, teils widersprüchlichen Interpretation von Referenzpunkten: Der staatliche Lehrplan, das eigene Leitbild und Konzept, kantonale Richtlinien, Erwartungen von Eltern, pädagogische Überzeugungen von Lernbegleiter*innen und allem voran die individuellen Bedarfe, Bedürfnisse und Motivationslagen der Kinder und Jugendlichen.

Die Qualität einer Schule hängt deshalb massgeblich an der Fähigkeit, diese Gemengelage, die Überlagerungen und Wechselwirkungen zwischen Interessen, Erwartungen und Bedürfnissen der Handelnden (Lernende, Lernbegleiter*innen, Eltern, Behörden) zu sehen, aufzunehmen und zu gestalten. Das ist, so ein wichtiges Ergebnis der Studie, ein zentrales Kriterium für gelingende Schule.

Es gibt so viele Auffassungen von „guter Schule“, wie es Menschen gibt, die in irgendeiner Form mit einer konkreten Schule zu tun haben. Für die Leitung der Grundi bedeutet gute Schule, „im Zweifel für das Kind“ zu optieren: für seine und ihre Interessen, Bedürfnisse und Rhythmen. Das ist der visionäre Kern der Gründer*innen der Grundacherschule. Daraufhin wollten sie den Schulalltag untersuchen.

Deshalb fiel der Entscheid für den Werkzeugkoffer der qualitativen Forschung. Deren Ziel ist nicht die Fremdbeurteilung einer Organisation nach externen Kriterien. Sie macht vielmehr ein Angebot, sich selbst und die eigene Praxis besser zu verstehen – und daraus nächste Schritte abzuleiten. Zu diesem Zweck werden der Schule eine gewisse Anzahl systematisierter Beobachtungen und Hypothesen zur Verfügung gestellt, die ihr dabei helfen, ihre eigene Kriteriologie zu schärfen, sprich: das erwähnte Gemenge immer wirksamer zu entwirren und das eigene Professionshandeln weiterzuentwickeln.

Wie bringe ich eine Schule dazu, offen über sich zu erzählen?

Indem alle zu Wort kommen – auf ihre Weise und nach ihren Möglichkeiten.
Deshalb zeige ich mein Forscherinteresse so, dass Menschen möglichst nicht überlegen, was jetzt wohl eine gute, eine richtige oder eine weniger gute Antwort sei. Jugendliche habe ich z. B. gefragt, wie die Welt aussehen würde, wenn es nur Schulen wie die ihre gäbe: Was wäre dann anders? Nicht besser oder schlechter, sondern anders?

Kinder habe ich u. a. gefragt, was für sie anders wäre, wenn es ihre Schule nicht mehr gäbe. Lernbegleiter*innen wurden gefragt, was passieren müsste, damit sie nicht mehr an dieser Schule arbeiten könnten. Von Eltern wollte ich wissen, wie sie befreundete Eltern beraten würden, die überlegen ihr Kind auch an die „Grundi“ zu bringen. Worauf sollten die achten? Ausnahmslos alle habe ich gebeten mir zu sagen, was sie eigentlich tun, wenn sie lernen. Mit welchen Begriffen würden sie das beschreiben?

Bei den Menschen im Kontext der Grundacherschule geht es, wenn sie lernen, um den grossen Bereich des Entdeckens und Probierens, um Freude und Lebendigkeit, um Kraft, Dynamik und Bewegung. Es geht um Wachsen und Zusammenwachsen (vernetzen & verknüpfen) und darum, sich in die Welt und ihre Gegenstände zu vertiefen. Es geht ums Dranbleiben, das ja immer zwei Aspekte hat: Dranbleiben können und dranbleiben dürfen.
Das „innere Team“ macht sich bemerkbar.

Neben den zahlreichen Informationen über die Schule selbst, die ich dadurch gewinnen konnte, hat mich die vielschichtige und differenzierte Artikulations-Kompetenz der Kinder und Jugendlichen beeindruckt: Sie sprechen frei heraus darüber, was ihnen warum wichtig ist, und sie sind dabei in den eigenen Worten als Persönlichkeit zugegen.

Und weil Lernen den ganzen Menschen packt, habe ich nicht nur mit allen Bezugsgruppen der Schule gesprochen. Wir haben nicht nur über Schule und Lernen geredet. Es wurde auch gespielt, also dramatisiert: Kinder und Jugendliche setzten ihre Beziehung zu Lernbegleiter*innen in Szene: Was erleben wir als typisch? Was als wertvoll? Besonders beeindruckt hat mich die szenische Arbeit mit Kindern, die eine*n gute*n Freund*in zu überzeugen versuchten, doch auch an die Grundi zu kommen (oder vom Gegenteil). Die spielerische Herausforderung bestand für sie jeweils darin, mit den Stimmen ihres „inneren Teams“ klar zu kommen, die von Mitlernenden gespielt wurden, und die ihnen pausenlos Pro- und Contra-Argumente in die Ohren flüsterten bzw. posaunten.
So erfahre ich eine Menge über die Grundi.

Zwei zentrale Kriterien für die Einschätzung „guter Schule“

Über alle Interventionen hinweg haben sich dabei zwei Merkmale herauskristallisiert, für die die Grundacherschule im Erleben aller Beteiligen steht – wenn es um eine für sie gute Schule geht:

  • Das „Benoten und Vergleichen“ spielt keine Rolle
  • Lernende haben „Lern- und Entscheidungsfreiheit“
Benoten, Vergleichen und das Entscheiden darüber, wer was in welcher Form und in welchem Zeitraum lernt, bilden für alle Befragten die Hauptmerkmale von Schule. Während es für die Qualität von Schule aus traditioneller Perspektive entscheidend ist, dass diese Kriterien in der Verantwortung der Schule und der Lehrpersonen liegen, wird dies in der Grundi praktisch umgekehrt wahrgenommen.

Alle Befragten (!) schildern die Schule als einen „bewertungsfreien Entwicklungsraum“. Hier handelt es sich also offenbar um ein Kulturmerkmal, nicht um ein methodisches Detail. Diesen Raum erleben die Befragten nicht nur aufgrund der Abwesenheit traditioneller Bewertungsmethoden als wertvoll für ihr Lernen. Auch eine zweite, fundamentale Erfahrung wird durchgehend als positiv geäußert, weshalb sie auch das Titelbild des Berichts ziert: Freiheit. Eine Mutter beschreibt das so :

„Ich habe großes Vertrauen in die Freiheit, die die Kinder hier haben. Wenn sie frei sind, dann kreieren sie mit einem enormen Output. Es ist der Wahnsinn, was dabei rauskommt, wenn sie frei lernen können. So entwickeln sie ein Selbstbewusstsein, das zu der Fähigkeit führt, in jedem Moment frei entscheiden zu können, was sie tun, weil sie diese Haltung verinnerlicht haben. Ich erlebe so viele Begrenzungen, auch an mir, durch das, was ich erlebt habe: „Das kann ich nicht, das geht nicht usw.“ Diese Begrenzungen gibt es hier nicht. Hier lernen sie immer wieder zu entscheiden, was sie wollen, und welchen Weg sie gehen. So lernen sie auch ihre Grenzen setzen, das finde ich wichtig.“

Diese Aussage ist inhaltlich repräsentativ und findet sich in praktisch allen Interventionsformen quer durch alle Bezugsgruppen, die in irgendeiner persönlichen Art formulieren, wie wichtig diese Freiheit für sie ist, um lernen zu können.

Das gross Paradox

Eltern schildern, dass der Übergang von einem offenen und freien Lernumgebung, wie sie die Grundacherschule bietet, in eine traditionell strukturierte Lern- und Arbeitskultur deutlich leichter und schneller gelingt als umgekehrt.

Deshalb hat mich überrascht, dass in den Aussagen von Eltern und Lernbegleiter*innen immer eine Angst mitschwingt, ob dieses zentrale Merkmal der Grundacherschule auch „wirklich wirklich“ bei allen funktioniert: Lernt mein Kind genügend? Entwickelt mein Sohn oder meine Tochter wirklich ausreichend Motivation für jene Themen und Kompetenzen, die es braucht, um an weiterführende Schulen bzw. an eine Berufswelt anschlussfähig zu werden – wo es doch an der Grundi keine Prüfungen und Noten gibt? Wo sie alle Zeit der Welt haben, um sich selber auf die Spur zu kommen?

Diese Bedenken sind umso erstaunlicher, als die über 20-jährige Geschichte der Schule zeigt, dass und wie es funktioniert. Die zahlreichen Biografien von Schulabgänger*innen bestätigen das Vertrauen in die Lern-Kompetenz von Kindern. Auch schildern Eltern, die den Vergleich machen können, in Interviews und Gruppendiskussion, dass das Konzept der Grundacherschule nachhaltig anschlussfähig macht an weiterführende Schulen und an die Berufswelt.

Hier zeigt die Studie: Es gibt einen Graben zwischen realen Ängsten Erwachsener auf der einen Seite und der Realität von Kindern und Jugendlichen auf der anderen. Diese Ängste sitzen tief. Eltern und Lernbegleiter*innen führen das auf ihre eigene Lernbiografie zurück – auf ihre Schulerfahrung und pädagogische Ausbildung, aus der viele den Satz mitgenommen haben, dass Kinder nicht aus eigenem Antrieb lernen und sich entwickeln, sondern dass sie dazu gebracht und geführt werden müssen. Da meldet sich eine Haltung gegenüber Kindern und Jugendlichen zu Wort, die in unserer Kultur offenbar noch immer tief verwurzelt ist.

Zugleich ist das Bewusstsein um diese Problematik bei den Befragten sehr hoch. Es gibt einen starken Willen bei den erwachsenen Bezugspersonen der Kinder und Jugendlichen, ideologische Sätze aus der eigenen Lernbiografie nicht auf sie zu übertragen. Das hat mich nachhaltig beeindruckt.

Das Design

Die Anliegen der Schulleitung an die Studie wurden – in Anlehnung an die Methode des „leitfadengestützten Interviews[1]“ – in Fragen übersetzt und durch Fragen, die ich aus des Perspektive des externen Beobachters einbringe, ergänzt. Diese Fragen wurden mit den Teilnehmer*innen in den Interviews bzw. in Gruppendiskussionen und anderen Interventionsformen wie z.B. „szenische Darstellung“ thematisiert. Sie wurden einerseits offen formuliert, und haben sich andererseits an der systemischen Fragetechnik ausgerichtet, um das Risiko sozial erwünschter Antworten[2] zu minimieren. Folgende Interventionen haben stattgefunden:

Umfang: 54 Seiten (exkl. Interviews)
  • Insgesamt 24 Interviews mit sechs Lernenden, elf Lernbegleiter*innen und Betreuer*innen, den beiden Schulleiter*innen und sechs Eltern (vier Frauen und zwei Männer)
  • Gruppendiskussionen[3] mit Lernenden der Mittel- und der Oberstufe, mit Mitarbeitenden, und mit Eltern zu Fokusthemen
  • Szenische Darstellung mit Schüler*innen in Anlehnung an Themenzentriertes Theater[4]: Lernende inszenieren typische Szenen des Schulalltags. Die Szenen und eine anschließende Diskussion werden protokolliert (Video/Plakate) damit unterschiedliche Bezugsgruppen der Schule dazu Stellung nehmen können.
  • Lernende der Basisstufe malen, was für sie an der Grundacherschule typisch ist. Sie präsentieren ihre Plakate und lassen sich dazu punktuell befragen.
  • Prozessbeobachtung: Beobachtung bestimmter Prozesse im Verlauf einer Schulwoche nach zuvor besprochenen Kriterien durch den Evaluator.

[1] Helfferich, Cornelia (2019): Leitfaden- und Experteninterviews. In: Baur, Nina & Blasius Jörg (Hrsg.): Handbuch Methoden der empirischen Sozialforschung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 669–686; Kleemann, Frank & Krähnke, Uwe & Matuschek, Ingo (2013): Interpretative Sozialforschung. Wiesbaden: Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften.

[2] «Soziale Erwünschtheit (…) ist eine Antworttendenz bzw. -verzerrung bei Befragungen in Sozialwissenschaft und Marktforschung sowie psychologischen Testverfahren. Soziale Erwünschtheit liegt vor, wenn Befragte bevorzugt Antworten geben, von denen sie glauben, sie träfen eher auf soziale Zustimmung als die wahre Antwort, bei der sie soziale Ablehnung befürchten.» (https://de.wikipedia.org/wiki/Soziale_Erw%C3%BCnschtheit, 27.11.2021)

[3] Die Gruppendiskussion ist eine Erhebungsmethode der empirischen Sozialforschung, bei der im Gegensatz zu Erhebungen mit einzelnen Individuen die thematischen Aussagen einer Gruppe bzw. die Kommunikation in einer Gruppe erfasst werden soll. Die Gruppendiskussionsmethode ist v.a. in qualitativ ausgerichteten Forschungen der Sozial- und Erziehungswissenschaften von Bedeutung. (https://de.wikipedia.org/wiki/Gruppendiskussion, 27.11.2021)

[4] In einer sozialpsychologisch und sozialpädagogisch aktuellen Version findet sich der Ansatz des TZT hier: https://www.maikeplath.de/ (15.12.2021)

Warum ich der Pädagogik nicht über den Weg traue

„Eigenzeit“ von Menschen ist einer der größten Widersacher der Pädagogik. Eigenzeit ist aus pädagogischer Perspektive immer nur innerhalb eines von ihr vorgegebenen Rahmens denkbar. Und damit ist sie keine mehr, denn sie hat sich diesem Rahmen unter allen Umständen zu beugen. Vor allem was das Lernen betrifft, den Prozess also, der den Menschen ausmacht, und der so individuell ist wie nichts anderes.

Titelbild: KELLEPICS | Stefan Keller auf pixabay

Pädagogik ist eine Disziplin, die immer am Verhalten ansetzt, nie an den Verhältnissen. Deshalb verändern die sich auch nicht. Der Ort, wo sie das vor allem tut, ist die Schule: „Seid jetzt mal ruhig und passt besser auf!“ Mit dem Philosophen Michel Serres formuliert, ist Lehren und damit Schule ein Angebot, das nur in eine Richtung durchlässig ist. Deshalb schert es sich nicht darum, so Serres, welche Nachfrage es überhaupt gibt:

Da habt ihr das in den Büchern gehortete Wissen – also sprach das Sprachrohr, zeigte, las, trug vor. Hört zu, lest, wenn ihr wollt, nach. Aber seid vor allem still.

Serres, M [2013]. Erfindet euch neu! Eine Liebeserklärung an die vernetzte Generation. Berlin: Suhrkamp, S. 35
Would you stop interrupting me while I’m interrupting you?

Schule fokussiert immer das Verhalten von Schüler*innen – und btw nicht das der Lehrenden. Das wird, wenn überhaupt, dann mit den Verhältnissen gerechtfertigt, unter denen sie zu arbeiten haben. Schule passt Verhalten von Schüler*innen an ihre Verhältnisse an, kurz: Sie passt Menschen an, oder wie in der FAZ jüngst zu lesen war:

Unsere Auswertung weist darauf hin, dass die Schule in ihrer konventionellen Form ihrem Auftrag als großer Gleichmacher doch ganz gut gerecht wird.

Quelle
Korrekt angepasstes Verhalten. Lebenslang.

Das ist der Grund, warum ich Pädagoginnen und Pädagogen nicht über den Weg traue – was ihre Arbeit mit Kindern und Jugendlichen betrifft. Daher mein Vorbehalt. Sie führen nämlich immer etwas mit Kindern und Jugendlichen im Schilde. Sie trachten pausenlos und mit allem, was sie tun danach, junge Menschen zu beeinflussen, zu formen, zu korrigieren, sie mehr und weniger sanft zu dirigieren: sie zu etwas zu bewegen, sie in eine Richtung zu bringen, sie für etwas zu interessieren, sie aufzuklären (was nicht nur nach Kant eine Eigenleistung ist), sie zu bilden (auch so eine Eigenleistung) – und ihr Verhalten zu steuern durch Bestrafung und Belohnung. Durch Entzug oder Zuführung von Aufmerksamkeit. Lupfen Kinder einen Stein, schleppen (aufmerksame) Pädagoginnen eine Steinesammlung an:

Unser formales Bildungssystem hat neugieriges Sondieren schrecklich deformiert, da es aus dem Weiterverfolgen eine Tugend gemacht hat und dadurch dem Sondieren seine wesentlichsten Aspekte … geraubt hat.

Die Sudbury Valley School [2005]. Eine neue Sicht auf das Lernen. Leipzig: Tologo Verlag, S. 87

Pädagogik verzweckt Lebenswirklichkeit. Entdeckt sie, dass Menschen gerne spielen, wird sie spielerisch. Sie erfindet dann Gamification, baut Spielphasen in Unterricht ein, um „Lernen zu erleichtern“ und lustvoll zu gestalten. Um zu motivieren. Dadurch programmiert sie geschickt lernende Menschen, die dann allerlei widerspruchslos schlucken lernen, wenn es nur spielerisch genug daherkommt. So pervertiert Pädagogik das Wesen des Spiel(en)s.

Es geht nicht darum, Kinder und Jugendliche „vor der Digitalisierung zu schützen“ (schönes Interview dazu hier), sondern das Lernen vor der Pädagogik. Mehr zu dieser Spur hier.

Pädagoginnen und Pädagogen können Schüler*innen ex professo nicht einfach so begegnen. Ihr Interesse am Gegenüber ist immer schon ein pädagogisches, denn ihre Aufgabe ist ja das Vermitteln, das Heranführen von jemand an etwas. Zum Beispiel an Steinesammlungen. Sie denken und planen immer etwas für und anstelle ihres Gegenübers. Anders können sie Schüler*innen nicht begegnen. Wenn schon nicht am Pflänzchen ziehen, so doch: es gießen, beschneiden, düngen, edle Reiser aufpfropfen.

Wenn sich die Pädagogik für ihr Gegenüber interessiert, dann um ihren Vermittlungsprozess effizient(er) gestalten zu können, denn sie ist im Auftrag ihres Herrn unterwegs.

Jede Erkenntnis, jede Information und jedes Wissen, das Pädagoginnen und Pädagogen in Interaktion mit Menschen gewinnen, verwenden sie, um ihrem Gegenüber dadurch begreiflich zu machen, dass und was sie und er noch nicht begriffen hat. Das bringen sie dann durch Noten zum Ausdruck.

Wenn ich ja spüre, dass ich es noch nicht so kapiert habe, brauche ich keinen, der mir das mit einer Note labelt. Ich war deshalb früher sehr frustriert durch die Noten. Sie verstärken das Gefühl, etwas nicht zu können. Vorteilhaft ist, wenn das ausbleibt.

Schülerin (13) im Interview mit mir im Rahmen einer Schulevaluation

Das Pädagogische sieht seine Aufgabe darin, durch pädagogisch-didaktisches Geschick Nichtwissen und Nichtkönnen – nach Sektoren („Fächer“) getrennt – sichtbar zu machen und durch weitere pädagogische Interventionen zu beheben. Auch dort, wo Pädagog*innen an „Vorwissen anknüpfen“, tun sie es, um das Ausmass seiner (Noch-)Unvollständigkeit abzuchecken.

In Pädagogistan kann etwas oder jemand so, wie es, er oder sie ist, niemals „gut“ sein. Gut ist immer woanders.

Störfaktor Eigenzeit

Pädagog*innen treten – und ich meine damit den beruflichen Kontext – mit ihrem Gegenüber nie im Hier und Jetzt in Kontakt. Dieses „Hier und Jetzt“ wird durch ihre didaktische Analyse und ihre Unterrichtsvorbereitung konsequent ausgeblendet. Sie sind und sie kommen immer von woanders. Sie trachten immer danach, Kinder und Jugendliche aus einer abstrakten Situation in eine abstrakte Zukunft zu führen, in der das konkrete Gegenüber der Pädagogik (dieses Kind hier), das in diesem Konstrukt immer ein abstraktes Konkretes bleibt, dann etwas kann – und sei es auch nur besser: Rechenaufgaben lösen, Lückentexte korrekt ergänzen, Vokabeln aufsagen oder ein Gedicht. Prüfungen absolvieren. Welch bizarrer Mummenschanz.

Was auch immer im Moment ist, es muss immer anders werden, und dieses anders ist ein besser, eine Steigerung, eine Vervollkommnung – das Verweilen in einer Situation ist für Pädagoginnen und Pädagogen (im beruflichen Kontext) ein Gräuel, ein aushalten müssen, außer dieses Verweilen hat ein für sie absehbares Ende. Etwa weil ihr Konzept einen nächsten Schritt geplant hat. Für ihr Gegenüber. Es muss weitergehen. Aufgaben müssen erledigt werden, Schritte gemacht.

„Eigenzeit“ von Menschen ist deshalb einer der größten Widersacher der Pädagogik, des Pädagogischen, der Pädagoginnen und der Pädagogen. Eigenzeit ist aus pädagogischer Perspektive immer nur innerhalb eines von ihnen vorgegebenen Rahmens denkbar. Und damit ist sie keine mehr, denn sie hat sich diesem Rahmen unter allen Umständen zu beugen. Vor allem was das Lernen betrifft, den Prozess also, der den Menschen ausmacht, und der so individuell ist wie nichts anderes.

An die Stelle dieses Lernens tritt die Pädagogik. Sehr früh – und solange, bis sie Menschen reif gemacht hat.

Das Pädagogische ist immer eine Infantilisierung. Eine grundsätzliche Entwertung des Kindlichen, eine Inkompetenzvermutung, über die sie ihre Macht ausübt – „indem sie sich an vermeintliche Dummköpfe“ (Serres, M. [2013], S. 61) wendet. Nicht nur im elementaren Bildungsbereich. Das Pädagogische lebt aus dieser Unterscheidung, die es zu diesem Zweck immer zuerst konstruieren muss. Sie muss die Inkompetenz ganz grundsätzlich unterstellen. Das ist ihre auch wissenschaftlich gewonnene Überzeugung, aus der heraus sie alltagspraktisch wird. Sie erinnert an die Dinosaurier, „die umso mehr Platz beanspruchen, als sie im Aussterben begriffen sind [und] die Emergenz neuer Kompetenzen ignorieren“ (Serres, M., ebd.). Überall ist Pädagogistan.

Macht

Ich konnte nicht nachvollziehen, warum Kinder, die an unserer Schule in vollem Respekt und in Gleichheit leben und ermutigt werden, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen – warum solche Schüler sich noch immer machtlos fühlen. Ich konnte es nicht begreifen. Wenn sie versuchten, es mir zu erklären, sagte ich: „Aber das ist die Vergangenheit, hier ist es nicht so. Ich habe keine Macht über dich, ich habe dir nicht zu sagen, was du tun sollst. Selbst wenn ich es wollte, selbst wenn ich über dir stünde und verlangen würde ‚Tu das’, könntest du mich angucken und antworten: ‚ Ich will das aber nicht tun‘, denn ich bin nicht befugt dazu. Du bist hier in einer Umgebung, in der du vollkommen respektiert wirst und die Dinge selbst in die Hand nehmen kannst.“ Dieses tiefe Gefühl der Machtlosigkeit, mit dem sie ankamen, wurden sie nicht los.

Greenberg, D. [2006]. Ein klarer Blick. Neue Erkenntnisse aus 30 Jahren Sudbury Valley School. Leipzig: Tologo-Verlag, S. 97

Pädagogik unterstellt dem Gegenüber, dass es aus sich heraus nicht in der Lage ist, sich selbst und die Welt zu begreifen; sich zu entwickeln und zu entfalten. Selbst in ihrer modernsten Form und Anwendung kann sie menschliche Entwicklung nicht ohne sich, die Pädagogik und ihre Interventionen denken. All das plant und organisiert das Pädagogische deshalb auf der Basis dieser Grundannahme, die sie im Sinne einer wissenschaftlichen oder disziplinären Leistung zuvor konstruiert und empirisch erhoben hat, und zwar immer schon unter Bedingungen des Pädagogischen.

Aus diesen Gründen traue ich Pädagoginnen und Pädagogen nicht über den Weg. Nicht wenn es um das Lernen von Kindern und Jugendlichen geht. Um die Entfaltung von Selbstwert und Selbstwirksamkeit.

Und es gibt noch einen Grund. Er verbirgt sich in einem Ausspruch der Bürgerrechtlerin Maya Angelou:

Für mich ist das eine Metapher, die derzeit auf ganz viele kulturelle Felder zutrifft. Wir sind – nicht nur als Pädagog*innen oder Lehrpersonen, aber die in ihren Funktionen ganz besonders – in immer mehr Bereichen „nackt“ in dem Sinne, dass wir die Zusammenhänge und ihre Komplexität nicht (mehr) durchschauen. Wir wissen von immer mehr immer weniger. Deshalb bedarf es in meinen Augen vor allem dort, wo Kinder und Jugendliche beschult und erzogen werden sollen, einer Haltung, die bei sich selbst darum weiss und sich diese Kränkung eingestehen kann, statt sich grossspurig, autoritär, adultistisch und sonstwie besserwisserisch gegenüber jungen Generationen in Position zu bringen.

Kostenlos aber nicht folgenlos lesen.

Auch deshalb fordere ich so hartnäckig die Entpädagogisierung und Entschulung des Lernens – und stehe damit ganz und gar nicht alleine da. Es ist höchste Zeit dafür. Wie immer.

Lust auf mehr? Dann hier einsteigen:

Die Bildungssackgasse

Wohlstand, Wachstum und Partizipation durch Bildung lautet das mächtige Versprechen, das traditionelle Industrienationen ihren Bürger*innen machen. Die Einlösung wird bis heute an ein kompliziertes und hoch bürokratisiertes Bildungssystem delegiert. Das wird dem Versprechen jetzt zum Verhängnis. Was ist da los?

Titelbild: wal_172619 auf pixabay

Einerseits gibt es das Versprechen aus Bildungspolitik und Bildungsverwaltung an be- und entstehende Industrien, Branchen und Gesellschaften, sie mit „Human Power“ zu versorgen, also Menschen über formale und institutionelle Bildung jene Kompetenzen entwickeln zu lassen, die in Arbeitsmärkten und sozialen Gebilden gebraucht werden. Das funktioniert aber nicht mehr so tadellos, weil traditionelle (Aus-)Bildungsprozesse viel zu lange dauern (Lehrjahre, Studiendauer) und träge sind. Ihnen fehlt die nötige Flexibilität und Anpassungsfähigkeit an digital transformierte ökonomische Prozesse, die heute den Löwenanteil ökonomischer Wertschöpfung bilden. Ähnlich verhält es sich mit den Anforderungen in Forschung und Wissenschaft, in sozialen Berufsfeldern und in der Bildung selbst. Traditionelle Bildung ist in jeder Hinsicht zu langsam, zu kompliziert, zu bürokratisch und veraltet. Nicht nur dauern klassische Ausbildungen und das traditionelle Studium zu lange. Sie brauchen auch zu lange, um sich an neue Bildungs-Bedingungen anzupassen, die durch glokale ökonomische und gesellschaftliche Entwicklungen notwendig werden.

Andererseits gilt das Bildungsversprechen auch immer seltener für Menschen und ihre Berufsbiografien, wie Untersuchungen in Deutschland regelmässig bestätigen. Sowohl in Bezug auf Beteiligung und Partizipation in gesellschaftlicher Hinsicht, als auch was soziale Mobilität betrifft, also das Aufstiegsversprechen: die Annahme, dass eine bestimmte Ausbildung mit bestimmten beruflichen Chancen verbunden sei. Es dauert in Deutschland sechs Generationen, um von einem tieferen zu einem mittleren Einkommen zu gelangen. Vgl. dazu die zitierten Stimmen in diesem Blog Post.

Was tun Unternehmen und andere Organisationen, die auf menschliche Arbeit, auf deren Engagement und ihre Leistungen angewiesen sind?

Arbeitskraft importieren

Sie beginnen, ihren Bedarf an „Human Power“ anderweitig zu decken. In der Schweiz zum Beispiel geschieht dies schon länger über den Import von Arbeitskraft, weil das Bildungs- und Ausbildungssystem im eigenen Land u.a. aus oben genannten Gründen nicht in der Lage ist, für die nötige Kontinuität zu sorgen. Das gilt dort vor allem für medizinische, pflegerische, datentechnologische, bildende, gastronomische und touristische Berufe. Die Schweiz hat wohl auch das Problem der Ausbildungs-Kapazitäten, die angesichts des realen Bedarfs überlastet sind, sprich: Es ist aus infrastruktureller Sicht gar nicht möglich, eine ausreichende Anzahl an Berufstätigen in bestimmten Berufsfeldern auszubilden, etwa in der Medizin.

Arbeit globalisieren

Eine andere Reaktion auf die Bildungs- und Ausbildungsproblematik ist eine Form der „globalen Arbeitsteilung“, die sich langsam aber sicher und jenseits kolonialistischen Gebahrens entwickelt. Diese neue Arbeitsteilung organisiert Arbeit mehr und mehr kollaborativ. Sei es in Produktion, in Entwicklung, in Forschung oder in zivilgesellschaftlichem Engagement: Vor allem durch das digitale Zusammenwachsen von Menschen und Organisationen rund um den Globus entstehen derzeit völlig neue Konzepte von Arbeit, die dort nicht einfach billiger ist als hier, sondern die sich ganz selbstverständlich über verschiedene Weltregionen hinweg organisiert.

Wohlgemerkt: Lange Zeit wurden und bis heute werden Menschen, Roh- und andere Wertstoffe am einen Ende der Welt ausgebeutet um am anderen Ende Wohlstand und Wachstum zu generieren. In jüngerer Zeit kommt jedoch eine neue Dimension dazu, die auch mit Bildung zu hat:

Weil die sich nicht mehr exklusiv an Länder und Regionen binden lässt, die sich selber als „hoch entwickelt“ etikettieren, um dann ihre Vorstellungen von „guter Bildung“ in von ihnen so bezeichnete „Entwicklungsländer“ zu exportieren, bringen sich immer mehr Menschen in immer mehr Regionen der Welt in die Lage und in die Position, an einer „Arbeit der Zukunft“ mitzugestalten.

Weil soziale Organisationen das Feld entdeckt haben, aber auch, weil einzelne Vorreiter sich diese Welt erschlossen haben, beschleunigt nicht zuletzt auch durch die Isolation während der Pandemie. Diese Pioniere haben die Virtualität als einen Raum erkannt, in dem sie Anerkennung finden und Geld machen können, als einen Weg, ihrer harten Realität zu entfliehen – und sie gleichzeitig zu verändern.

Quelle

Es geht also bei dieser Perspektive auf Bildung und Arbeit nicht mehr um die Fokussierung von Unternehmen, die auf billige Arbeitsmärkte ausweichen. Es geht um die Erkenntnis, dass verkrustete Prozesse der Qualifizierung und Kompetenzentwicklung der „alten Welt“ immer öfter auf die Füsse fallen, während sich gleichzeitig Bildung jenseits traditioneller Bildungshochburgen agil und anpassungsfähig gestaltet: in engem Austausch mit den Bedarfen und mit den Entwicklungen in realen ökonomischen und sozialen Welten – und zwar in Überwindung überkommener Denkmuster von Hegemonialität: weltweit digital vernetzt, verbindlich, verbindend, kollaborativ. Was wir Arbeit nennen ist dabei, sich global neu zu erfinden: Stichwort Gig-Economy und Human Cloud.

Digitale Technologie macht Bildung adaptiv wie nie zuvor

Verstärkt und beschleunigt wird die Dynamisierung von Bildung global durch Digitale Technologien. Sie erlauben nicht nur eine maximal flexible Organisation von (Aus-)Bildungsprozessen auf Seiten öffentlicher und privater Anbieter*innen zum Beispiel bzgl. der Entwicklung, des Managements und der Logistik von Kursen und Materialien, die jederzeit überall abrufbar sind. Digitale Technologie macht – durch entsprechendes Design und gute User Experience (UX) – Bildungsprozesse für alle Beteiligten niederschwellig. Sie erlaubt beliebige Kombinationen und Skalierungen, die Anpassung an Bedürfnisse und Niveaus Lernender, sie ermöglicht Angebote, die die Arbeit, die zu tun ist, passgenau mit jenen zusammenbringt, die sie tun können (Stichwort „Microcredentials“).

Aus- und Weiterbildung werden zur Selbstläuferin durch Co- und Workplace Learning

Es gibt auch hierzulande einen (Aus-)Weg aus der Bildungssackgasse, der sich gerade inmitten traditioneller Muster und Strukturen etabliert. Ein Konzept, bei dem Menschen und ihre Organisationen (auch digital) zusammenspannen, und ihre Kompetenzentwicklung in die eigene Hand nehmen: das „social workplace learning“.

Weil Arbeit, (Aus-)Bildung und zunehmend auch Gesellschaft sich immer stärker digital organisieren (Stichwort Digital Citizenship), werden zahlreiche Aspekte der beruflichen Aus- und Weiterbildung, wird Kompetenzentwicklung zu einem integrierten Bestandteil des beruflichen und betrieblichen Alltags – bei überschaubarem infrastrukturellen Aufwand.

Längst erprobte und erfolgreiche Konzepte der zirkulären Verknüpfung von Aus-, Weiterbildung und Arbeit (Stichwort „social workplace learning“) senken nicht nur die Kosten für Aus- und Weiterbildung massiv. Darüber hinaus ist durch die Verzahnung von Bildungs- und Wertschöpfungsaktivitäten innerhalb eines Betriebes beziehungsweise eines Netzwerkes von Betrieben (Plattform) eine neue Dimension von Arbeitsqualität entstanden, die z.B. von der Cogneon Akademie und der Colearn-Community reflektiert wird.

Im Kern geht es darum, dass die alte Unterscheidung in investiv vs. produktiv zugunsten zirkulärer Prozesse aufgegeben wird. Es entstehen neue Arbeits- und Lernkulturen, die auf mehreren Ebenen für alle Beteiligten Vorteile bringen:

Wenn Strukturen, Inhalte und Abläufe von Aus- und Weiterbildungsprozessen konsequent in Prozesse der Wertschöpfung eingebunden sind – und umgekehrt (Bildung der „Arbeit“ also nicht mehr vor- sondern eingelagert ist), Lernen und Arbeiten also zirkulär verknüpft sind und nicht einander vor- und nachgelagert, dann entstehen, wachsen und vernetzen sich Kompetenz und Expertise in einer Weise, die gegenüber traditionellen Bildungskonzepten maximal anpassungsfähig sind und machen – sowohl an die Bedarfe von Betrieben, Branchen und Organisationen, als auch an die Bedürfnisse von Menschen, die ihre Arbeitsleistung zur Verfügung stellen.

In all diesen positiven Effekten (die natürlich immer auch mit vulnerablen Sideeffects verbunden sind), wird sichtbar, woran es traditionellen Bildungs- und Ausbildungssystemen mangelt: an Zukunft.

Was wir über die Zukunft von Schule sagen können

Beitragsbild von Gerd Altmann auf Pixabay

Führt Schule zu einer anderen Gesellschaft oder umgekehrt? Wie hängen beide zusammen, und wie wird Schule in Zukunft aussehen?

Schule ist, neben ihrem bzw. durch ihr Wissens- und Erziehungsgeschäft, eine Sortiereinrichtung mit dem Ziel, soziale Verhältnisse zu reproduzieren, indem sie einen ungefähren Ausgleich gewährleistet hinsichtlich der Zugänge zu bestimmten Berufen und der Übergänge zwischen sozialen Schichten (in Deutschland braucht es sechs Generationen, um von einem niedrigen zu einem mittleren Einkommen zu gelangen [Quelle]).

Vier kurze Statements. Zum Originalvideo

Wenn Schule und Umwelt sich auseinanderleben

Eine Veränderung dieser sozialen (kulturellen, ökonomischen) Verhältnisse kommt also eher nicht aus der Schule. Wahrscheinlicher ist, dass sich verändernde Verhältnisse in den Umwelten perturbierend (beeinflussend, aber nicht determinierend) auf Schule auswirken – in ihren Kernfunktionen

  • der Alphabetisierung: was müssen wir wissen und können?
  • der Sozialisation: wie funktioniert Gesellschaft eigentlich?
  • der sozialen Selektion: welche Gesellschaft wollen wir sein?

Je stärker die Veränderungen in den Schulumwelten, umso heftiger die Perturbationen. Das (Schul-)System versucht dann mit aller Kraft, die eigene Funktionalität nach innen zu gewährleisten. Schulentwicklung ist und tut in diesem Stadium erst einmal und immer wieder „mehr desselben“, auch wenn sie es „frisch etikettiert“.

„Mehr desselben“ (Quelle)

Ab einem bestimmten Veränderungsgrad der Umwelten geht das auf Kosten der Anschlussfähigkeit von System und Umwelt, weil das Schulsystem, je stärker es seine Dysfunktionalität wahrnimmt, umso mehr mit sich selbst beschäftigt ist. Indem es (immer) mehr desselben tut, manövriert es sich immer tiefer in die Dysfunktionalität und verliert immer mehr die Systemumwelten aus dem Blick – somit geht die Anschlussfähigkeit zurück. Gleichzeitig suchen und entwickeln die Systemumwelten von Schule nach und nach Alternativen für jene Funktionen, die für ihre eigene Funktionalität und für ihr Überleben wichtig sind – weil Schule das nicht mehr leistet.

Zwei Beispiele dafür, die derzeit noch den Charakter von „Wetterleuchten“ haben, kommen aus der Schweiz. Der Rektor der Universtität Zürich hat im März dieses Jahres (2021) verkündet, dass Studieren in Zukunft auch ohne Matura (Abitur) möglich sein wird (Quelle), und: renommierte Wissenschaftler*innen entscheiden sich vermehrt dafür, sich und ihr Forschen jenseits des Hochschulbetriebs zu oganisieren:

Bruno S. Frey gehört zu den meistzitierten Ökonomen Europas. Jahrzehntelang war er an der Universität Zürich tätig gewesen, bis er das Crema-Institut mitbegründete. «Ich bin von den klassischen Universitäten enttäuscht», sagt er. «Es geht nur noch ums Punktesammeln, die vertiefte Auseinandersetzung mit Themen findet immer weniger statt.» Die privaten Institute seien ein Zeichen, «dass die Unis nicht mehr der einzige Ort sind, um Wissenschaft zu machen», sagt Frey.

Quelle (Paywall).

Auch entstehen schon seit Jahrzehnten vermehrt und niederschwellig Initiativen und Communities, die jenseits des öffentlichen Schulsystems radikal alternative Bildungsarbeit mit Kindern und Jugendlichen machen (Beispiel). Da fehlt zwar bis heute oft noch eine Finanzierung, um diesen Weg auch für Menschen zu öffnen, die sich das nicht leisten können. Doch es dürfte eine Frage der Zeit sein, bis auch hier das Engagement von Kapitalgeber*innen greift, die verstanden haben, was die Stunde geschlagen hat. Es gehört nämlich nicht viel dazu um zu begreifen, dass Bildung nur dann ökonomisch und sozial wirksam wird, wenn sie in die Breite geht. Wenn es dazu privatwirtschaftliches Engagement braucht, sollten wir das fördern und nicht als elitäres Gedankengut einordnen.

Man mag das als „neoliberalistisch“ abtun, doch irgendwann ist es – nicht egal aber – zweitrangig, woher das Geld kommt, wenn es darum geht, ein dysfunktionales und entwicklungsresistentes Bildungssystem abzulösen und immer mehr Menschen unabhängig von ihrem sozialen Status wirkliche Bildung zu ermöglichen, denn genau hier versagt ja das öffentliche Bildungssystem.

„Elitär“ ist nämlich nicht bloss die Haltung, Bildung für Kinder wohlhabender Zeitgenoss*innen in privaten Schulen zu organisieren. Auch der Reflex, privaten Initiativen in jedem Fall die Verstärkung eines Zwei-Klassen-Systems zu unterstellen, ist eine elitäre Position, nicht zuletzt weil die erstens fast ausschließlich von Menschen artikuliert wird, die ihre eigenen Schäfchen im Trockenen wissen, und weil zweitens „schlechte Bildung für alle“ niemandem gerecht wird.

Eine kritische Beleuchtung solchen Engagements in der Schweiz findet sich hier.

Unbundling: Wehe wenn sie losgelassen…

Diese Suchbewegungen in den Umwelten von Schule bringen im Moment mit sich, dass die traditionelle Bündelung der drei Dimensionen

  • Sozialisation (Erziehung)
  • Alphabetisierung („literacy“)
  • soziale Selektion

und deren normative Delegation an ein einziges System („Schule“) sich nach und nach auflösen: unbundling. Ein schöner Text zu diesem Phänomen hier.

Kultur und Gesellschaft organisieren sich in einem exponentiellen Prozess neu – jetzt auch hinsichtlich Bildung und Lernen. Es kommt zu einer Ent-Institutionalisierung und Fragmentierung von ursprünglich aneinander gekoppelten Systemen, Funktionen und Aufgaben von Bildung, Lernen, Erziehung – und das alles aufgrund einer komplexen Neustrukturierung von Gesellschaft. Dabei werden nicht bloß „die Karten neu gemischt“, sondern ein neues Spiel entsteht – das sich neue Regeln gibt: Wissensproduktion, Kompetenzentwicklung und Qualifikationsprozesse beginnen an Orten zu sprießen, wo sie niemand vermutet hat.

Es ist davon auszugehen, dass auch hier nach einer gewissen Zeit des Mäanderns, des Ausprobierens und der lockeren Bindungen, die sich bilden und wieder auflösen, neue Systeme (ent)stehen werden. 

Im Moment ist das aber Zukunftsmusik. Was wir in den nächsten Jahren zu erwarten haben:

  • eine weiter zunehmende Dysfunktionalität des Schulsystems nach innen,
  • eine entsprechend wachsende Bindung von Ressourcen an den Versuch, die Funktionalität von Schule „nach alten Regeln“ aufrechtzuerhalten bzw. wieder herzustellen (Selbsterhalt durch mehr desselben),
  • die Entfremdung von Schule und Gesellschaft und eine abnehmende gegenseitige Anschlussfähigkeit
  • Prozesse des Neuentwickelns und Ausprobierens in den (ehemaligen) Umwelten von Schule, um die vom Schulsystem nicht mehr erfüllten Funktionen neu zu organisieren.

Wie lange es dauern wird, bis (ob?) daraus wieder eine Art „Schule“ wird und wie die dann aussieht – das ist offen und nicht vorhersehbar. Dafür sind die Wechselwirkungen und Emergenzen in einer Kultur der Digitalität zu groß.

Learnlife Reflecting Team

Regelmäßig treffen sich Menschen aus der Learnlife Alliance und reflektieren eine Fragestellung zwischen Lernalltag und Lerntheorie. So auch gestern zum Thema „self determined learning in peer groups“.

Warum diese „Reflecting Teams“? Das hat mit dem Selbstverständnis innovativer Lerngemeinschaften zu tun. Die haben vor allem zweierlei gemeinsam:

Erstens unterscheiden sie sich stark voneinander, weil sie nicht Satelliten eines Systems sind, das auf Homogenität und Vergleichbarkeit achtet, wie das für öffentliche Schule gilt. Die „diverse Identität“ ist beabsichtigt, denn:

Lernumgebungen können die Heterogenität und Diversität lernender Menschen und ihrer Lebenswelten nur dann begreifen, abbilden und gestalten, wenn sie selber so ticken.

Zweitens haben innovative Lerngemeinschaften bei aller Unterschiedlichkeit eines gemeinsam: Das Interesse an der eigenen Entwicklung; am fortlaufenden Abgleich des Alltags mit der Vision und dem Programm – und umgekehrt, also zirkulär – auch deshalb sind immer die Lernenden und ihre Prozesse im Fokus. Für diese Reflexionsarbeit holt sich Learnlife Außenperspektiven ins Spiel, die wertvolle Informationen beitragen, weil sie sehen, was innen (noch) nicht (mehr) gesehen werden kann.

Lernen in lernenden Organisationen

Diese Entwicklungsarbeit findet nicht nach Schulschluss statt, am Wochenende oder in den Ferien, sondern im alltäglichen Handeln. Sie „ist“ Schule. Sie gehört dazu, weil es sich bei „Schule“ ja um nichts anderes handelt als um Entwicklung – deshalb verstehen sich solche Lerngemeinschaften als lernende Organisation.

Learnlife leistet hier Pionierarbeit. Die Akteure reflektieren nicht nur beständig die Organisation des Lernalltags und passen ihn den Bedarfen und Bedürfnissen aller Beteiligten systematisch an. Auch auf der Ebene der Theoriearbeit gibt es rege Wechselwirkungen: Leitbild und Programm werden zirkulär weiterentwickelt, unter Einbezug eines bunten Netzwerks von Expert*innen und Allianzen.

Beim Meeting gestern ging es um die gemeinsame Reflexion auf eines der zentralen Elemente von Learnlife: den und die selbstbestimmte*n Lerner*in („self determined“) – also um den Kern von Bildung: um die Kontexte und Bedingungen, die dieses Lernen braucht, und wie groß dabei die Rolle und Funktion des peer learning ist.

Meine „Take Aways“ aus dem Meeting

  • Haltungen sind so wichtig wie Skills. Zum Beispiel Selbstvertrauen, Selbstwirksamkeit, Resilienz, innere Unabhängigkeit. Traditionelle Schule bringt nach wie vor mehrheitlich (postmoderne) Untertanen hervor: Menschen, die an autoritäre Strukturen glauben und von ihnen abhängig sind – im Sinne einer Haltung. Deshalb sind Lernumgebungen wichtig, die uns ermöglichen, unser Verhältnis zum Thema „Autorität und autoritäre Strukturen“ zu reflektieren.
  • Ich verstehe immer besser den Unterschied zwischen wählen und entscheiden. Entscheiden bringt Unterschiede hervor, während (Aus-)wählen sich bloß an bereits gemachten Unterschieden orientiert. Das ist für mich ein wichtiges Kriterium, wenn es um kritisches, auch demokratisches Handeln geht: um echte Mitbestimmung statt simulierter.
  • Peer Groups sind nicht einfach „lebende Lern-Tools“, die mir beim selbstbestimmten Lernen helfen. Ich bin ein soziales Wesen und gemeinsames Lernen bedeutet zuerst: Gemeinschaft gestalten, die hoffentlich jene Gesellschaft immer besser vorwegnimmt, in der wir gerne leben möchten.

Wer an dieser Thematik dranbleiben will, kann Mitglied der Learnlife-Alliance werden. Ein empfehlenswertes, kostenloses Online-Buch zum Einlesen findest du hier:

Schule reformieren ist wie Sandburgen bauen zwischen den Gezeiten

Titelbild: tookapic auf Pixabay

Schulentwicklung und Schulreform werden bis heute zusammengedacht. Nicht selten verbunden mit der Überzeugung, dass beide „von oben“ kommen. Die Verkürzung der Gymnasialzeit um ein Jahr war so eine Reform. Zu Schulentwicklung hat sie nicht geführt. Eher zu mehr desselben in weniger Zeit.

Die Haltung „nach oben“ zu blicken, wenn es um Veränderung geht, findet und entwickelt sich vor allem in hierarchischen Kontexten. Genährt wird sie von der Erfahrung, in solchen Kontexten am Bestehenden zu leiden oder zu scheitern. Der Blick oder Ruf nach oben fördert dabei nicht einen Zuwachs an Handlungsmacht oder das Erleben von Wirksamkeit. Eher wird das Erleben von Hilflosigkeit und Abhängigkeit verstärkt.

Wie kommt die Überzeugung in mich, dass (meine) Entwicklung, deren Richtung, Tempo und Gestalt von Autoritäten abhängt? Von Erlaubnis und Verbot, von Zustimmung oder Ablehnung durch eine Autorität, der ich damit nicht nur zugestehe darüber zu entscheiden, was ich darf und was nicht, sondern auch wer ich werden darf und wer nicht?

Das hat mit der Beschaffenheit der Beziehungen meiner ersten Lebensjahre zu tun. Mit der Art, wie ich als ganz junger Mensch gelernt habe, mich zwischen Abhängigkeit und Autonomie selber zu finden – und mich zu bilden. Die Erinnerung an diese frühen Phasen ist oft bruchstückhaft und nachlässig, vor allem hinsichtlich der Emotionen. Wie immer, wenn zwischen Erlebtem und der Gegenwart Zeit vergangen ist.

Zitat: Cees Noteboom

Die Erfahrungen selbst hingegen inszenieren sich gerne von Neuem, wenn Situationen der Gegenwart eine Nähe zu dem aufweisen, was ich vor Jahren schon einmal erlebt habe, ohne mich jetzt konkret daran zu erinnern. Vielmehr korreliert dann mein aktuelles, inneres Erleben jenseits bewusster Steuerung mit Emotionen der Vergangenheit.

Ich reinszeniere also Beziehungen aus vergangener Zeit, ohne das im Moment selbst zu realisieren. Was dann in meinem Erleben zu kurz kommt, ist die aktuelle Situation, sind die involvierten Menschen und die Beziehung, die wir miteinander haben. Stattdessen messe ich unbewusst die Gegenwart, ihre Möglichkeiten und Grenzen, an einem Erleben aus vergangener Zeit (Literatur).

In pädagogischen Kontexten ereignen sich solche Reinszenierungen gerne im Zusammenhang mit Situationen, in denen es um die Überwindung von Abhängigkeit und um den Zuwachs an Autonomie und Selbststeuerung geht.

Wie (re-)agiere ich, wenn Menschen, in deren Beziehung mit mir Abhängigkeit eine tragende Rolle spielt, aktiv an einem Zuwachs ihrer Autonomie arbeiten? Welche Spiel- und Gestaltungsräume habe dann ich? Welche entstehen dadurch neu für mich? Wie stark wiederhole ich dann „nicht erledigte“ Muster meiner eigenen Vergangenheit?

Die Situation und die Beziehungen, um die es hier und jetzt geht, inklusive möglicher Lösungen und Entwicklungen, liegen in der Gegenwart. Wie angemessen ich diese Gegenwart als Angebot nutzen kann, hängt damit zusammen, wie ich meine Aufmerksamkeit, meine Energie und meine Emotionen zur freien Gestaltung dessen einsetzen kann, was hier und jetzt ist.

Dabei hilft die Reflexion auf Beziehungskulturen, die ich verinnerlicht habe, und auf solche in meinem aktuellen beruflichen Kontext. Das ist ein „Entwicklungsweg mit Zukunft“.

Qualifizierte Beziehungsarbeit als Gebot der Stunde

Beziehungskompetenz im Sinne einer Fähigkeit, Lebens-, Lern- und Arbeitsräume gemeinsam zu gestalten, wird heute in allen kulturellen Bereichen als zentral bewertet. Kritische und mich beeindruckende Pionierarbeit hat dazu Eva Illouz geleistet.

Die Bedeutung von Beziehungskompetenz als entscheidendes Moment in der Führung von Menschen ist ebenso unbestritten wie dort, wo es darum geht, in Gruppen und Teams Prozesse jeder Art erfolgreich zu gestalten: Organisieren, Wertschöpfen, Forschen. Auch in professionellen Beziehungen wie z.B. zwischen Angehörigen von Gesundheitsberufen und Patient*in genießt die Beziehungskompetenz mittlerweile einen hohen Stellenwert, weil wir wissen, wie viel von ihr abhängt für den Erfolg medizinischer und pflegerischer Intervention: Beziehungsqualität ist entscheidend für erfolgreiches, nachhaltiges Handeln, und zwar erst recht dort, wo es um den Abbau von Abhängigkeit und Hilflosigkeit geht und um die Stärkung von Autonomie und Selbstwirksamkeit – also um das, was sich auch Schule auf die Fahnen schreibt.

Umso mehr alarmiert mich eine Erfahrung, von der mir Menschen aus dem Umfeld von Schule heute erzählen – und die ich während meiner eigenen Zeit als Lernbegleiter ebenfalls gemacht habe: dass in schulischen Kontexten die Beziehungen der Beteiligten untereinander zu selten professionell reflektiert werden:

  • im Klassenverband oder im Kontext individueller Beziehungen zwischen Schüler*innen
  • zwischen einzelnen Schüler*innen, Klassen und Lehrpersonen
  • in der Zusammenarbeit von Lehrenden untereinander und mit Eltern
  • zwischen Schulleitenden und Lehrenden
  • zwischen sozialpädagogischen, therapeutischen und lehrenden Personen
  • und im Dreieck von Lehrer*in, Schüler*in und Familiensystem.

Beziehungskompetenz setzt Beziehungsarbeit im Sinne von Reflexionsarbeit voraus – auch die mit Beziehung verknüpften Kompetenzen: eine gewaltfreie und wertschätzende Gesprächskultur, das Verhandeln von Verantwortung auf Augenhöhe, das solidarische Einstehen für Mitmensch und Mitwelt.

Es ist bis heute ein Widerspruch im schulischen Handeln als Organisation, dass solche Kernanliegen von Bildungsarbeit einerseits in Leitbildern und Sonntagsreden gefordert werden und andererseits durch die Organisation konkreter Schule marginalisiert bleiben. Sei es in der Ausbildung von Lehrpersonen, sei es im Schulalltag, sei es in der Schulentwicklung.

Zu dieser Beziehungsarbeit gehört auch die Befreiung aus den oben skizzierten „pädagogischen Programmierungen“, die untrennbar mit der Reflexion auf frühe Formen von Abhängigkeit verbunden sind. Warum ist das wichtig?

Weil diese Programmierungen in ihrer unbearbeiteten Form das Erleben von Abhängigkeit und Hilflosigkeit in pädagogischen Kontexten der Gegenwart verstärken. Dieses Aufarbeiten ist eine Herkulesarbeit für Lehrende, Eltern und für Schüler*innen, und sie wird durch die aktuelle Organisation von (Lehrer*innen-)Bildung und Schulalltag nicht gefördert oder erleichtert.

Der Rumpelstilzchen-Effekt

Schulreformen konnten dieses Kernanliegen von Bildungsarbeit bis heute nicht nachhaltig ins Bewusstsein bringen und zu einem festen Bestandteil von Schulorganisation machen. Das liegt, wie Gerald Hüther im kurzen Videoausschnitt oben beschreibt, nicht daran, dass einfach noch nicht die richtige Reform stattgefunden hat, sondern dass Schulentwicklung keine Frage der Schulreform ist. Es geht vielmehr um die bewusste, reflektierte Gestaltung komplexer Beziehungen.

Deshalb würde ich es begrüßen, wenn Beziehungsarbeit im Sinne einer Beziehungskultur viel stärker als bisher zu einem Anliegen derer wird, die konkret in konkreten Schulen handeln. Das ist ein erster Schritt, um den Rumpelstilzchen-Effekt von Schule zu stoppen, dass mit zunehmender Systemleistung (noch mehr Stroh zu Gold spinnen) nicht Autonomie und Selbststeuerung zunehmen, sondern Abhängig- und Hilflosigkeit.

Szenen aus dem Teufelskreis von Nichtwissen und Belohnung (Foto: Papageno Musiktheater)

Schule kann die Autonomie von Menschen weder wollen noch fördern, solange sie ihre Rechtfertigung aus dem Fortdauern von Abhängig- und Hilflosigkeit der Lernenden bezieht – auch aus der ihrer Mitarbeiter*innen. Das ändern wir nachhaltig durch andere Beziehungskulturen.

Die unbändige Lust am Bauen und Basteln von Reformen sollten wir woanders ausagieren. Wie beim Bauen von Sandburgen und den Gezeiten dürfen wir heute damit rechnen, dass die Umwelten von Schule vor allem in einer Hinsicht zuverlässig vorhersehbar sind: sie verändern sich pausenlos und machen jede noch so ausgefeilte Struktur mitsamt ihren Routinen „über Nacht“ zu Ruinen.

Einen in jedem Fall wunderwirkenden Ansatzpunkt sehe ich darin, eine Kultur und Praxis der Beziehungsarbeit zu entwickeln, unterstützt durch professionelle Begleitung und Beratung, um die Beziehungsstrukturen und -routinen einer konkreten Schule konsequent zu reflektieren. Ziele einer solchen Arbeit, die konkrete Bildungsarbeit ist:

  • Eine andere, offene und vertrauensvolle Kultur der Kommunikation
  • Eine neue Form der Zusammenarbeit aller Beteiligten am „Projekt Bildung“
  • Der Zuwachs an Autonomie und Handlungsmacht bei allen Beteiligten

Aus entwicklungspsychologischer Perspektive lockt hier sogar die Erfahrung, dass – biblisch gesprochen – die Austreibung der Dämonen nicht in die Katastrophe führt, sondern unmittelbar in die eigene, autonome Handlungsmacht – als Mensch und als Organisation von Menschen.

Wie Schulentwicklung unter solchen Prämissen gelingen kann – bitte hier entlang:

Was ist da los beim Lernen?

Was ist da los beim Lernen? So fragen Jan Schönfeld und Thomas Tillmann in ihrem neuen Buch Lernhacks, das mich von der ersten bis zur letzten Seite daran erinnert, dass der Wandel der Arbeitswelt nach ganz anderen Formen des Lernens ruft als die, mit denen wir groß geworden sind. Diese neuen Formen, zu denen auch die Lernhacks gehören, zeichnen sich vor allem durch eine Abnahme an Formalisierung aus: Vorgegebenes, Vorgefertigtes, Vorgekautes verlieren rasant an Relevanz, weil die Arbeitsumgebungen sich entsprechend verändern bzw. längst verändert haben.

Dies ist keine Rezension 🙂

Leider kommen unsere milliardenschweren, offiziellen Lernumgebungen da nicht hinterher. Vielmehr halten die meisten – beginnend mit der Schule – an fixen Settings und Routinen fest. Doch dort, wo sich gesellschaftliche und ökonomische Realitäten widerspiegeln, verlieren hierarchisch konstruierte und vorstrukturierte Lern-Settings ihre Plausibilität und ihren Nutzen. Sie entsprechen nicht mehr den Lebenswirklichkeiten in ihrer krassen Vielfalt, und sie helfen mir definitiv nicht mehr in diesen Realitäten zu lernen, wie ich in ihnen gestaltungsfähig bin: wie ich beruflich erfolgreich werde, wie ich mich als Bürger*in in sozialen Kontexten und Netzwerken erfolgreich bewege. Gegen solche Kopfbilder treten Lernhacks an:

Selbst wenn Hochschulen Stellen ausschreiben, in denen es darum geht, institutionell organisiertes Lernen weiterzuentwickeln, greifen sie auf solche Bilder – in unseren Köpfen – zurück. (Quelle temporär)

Die einen sagen deshalb: Wir müssen das selbstorganisierte und selbstgesteuerte Lernen „aufbauen“ – und starten ein Didaktik-Festival nach dem anderen: Sie erfinden neue Tools, mit deren Hilfe sich Lernende selbstständig Stoff aneignen können, sie deponieren diesen Stoff in digitalen Osternestern und gamifizieren das „Lernen“, bis der Arzt kommt. Sie machen also, was sie immer schon tun: Sie formalisieren das Lernen.

Andere sagen, so auch ich: Es geht nicht mehr darum, den nächsten pädagogischen Turnaround zu wuppen. Es geht nicht um den Aufbau neuer Lernumgebungen.

Es geht um den Abbau der Ideologie, Menschen bräuchten, um erfolgreich und nachhaltig und sinnvoll zu lernen, vorstrukturierte Umgebungen, Inhalte, Prozesse. Das ist der Grundirrtum des Bildungssystems.

Stattdessen geht es darum, Lernen als einen durch und durch individuellen, konstruktivistischen Prozess so zu begleiten, dass Menschen, die sich anschicken zu lernen, ihre eigene Umgebung dafür bauen – und das war’s dann.

Die Pädagogik des Stützrades

Keine noch so ausgefuchste und individualisierte Pädagogik, Didaktik und Methodik wird es schaffen (sie haben es auch noch nie geschafft), Lernen durch seine Institutionalisierung in eine Qualität zu bringen, wie sie Menschen hinkriegen, wenn sie ihr Lernen selbst organisieren – wobei immer mitgedacht ist, dass dabei auch die Organisation dieses Lernens (also die „Organisation von Selbstorganisation“) ganz selbstverständlich gelernt wird und eben nicht durch institutionelle Angebote angeleitet, rhythmisiert und gesteuert werden muss, „bis das Individuum das selber kann“.

Letzteres ist eine pädagogische Kernideologie, die jeder empirischen Grundlage entbehrt, und die ja nur dann „gilt“, wenn bereits (z.B. durch Lehrpläne) entschieden ist, wer was auf welche Weise bis wann wohin gelernt zu haben hat – wenn also „Lernen“ völlig instrumentralisiert, verzweckt und durchreguliert ist. Dann brauchen Menschen pädagogische Stützräder. In allen anderen Fällen setzen sie sich auf ein Rad und fahren (hier im Sinne einer Metapher).

Bis heute tragen wir in pädagogischen Kontexten zu keinem Zeitpunkt die reale Verantwortung für unsere eigenen Lernprozesse. Die zentralen Referenzpunkte für unser Lernen sind immer schon vorgeben: Zeiten, Rhythmen, Inhalte, Formate, Ergebnisse. Deshalb entwickeln und erfahren wir das zentrale Element und den existenziellen Nutzen des Lernens nicht: Selbstorganisation – denn das machen immer andere (pädagogische Profis), die immer auch für die Bewertung dieses Lernens (als Prozess und als Ergebnis) verantwortlich zeichnen. Soweit das elende Konstrukt, das uns in Tat und Wahrheit von dem abhält, was den Namen „Lernen“ verdienen würde.

Besonders bizarr sind für mich dabei jene „Formen selbstorganisierten Lernens“, bei denen Kinder und Jugendliche zeitweise unüberwacht in „Lernbüros“ Vorgegebenes, Vorgefertigtes und Vorgekautes abarbeiten, also ein „Lernpensum“ abspulen.

Derart programmiert betreten wir anschließend die Arbeitswelt. Auch dieses Nacheinander gehört zum traditionellen, mittlerweile dysfunktionalen Setting, nämlich: Zuerst Lernen, dann Arbeiten, dann wieder Lernen, und dann wieder Arbeiten. Nun verlangt diese Arbeitswelt von uns heute, was die folgende Grafik aus dem Buch „Lernhacks“ abbildet:

Lernhacks, Seite 21

Als Arbeitnehmer*in oder Freiberufler*in stehe ich also vor der Aufgabe, ein tief verinnerlichtes Lern- und vor allem Lehrparadigma wieder zu verlernen, das mir während meiner gesamten Schul- und Ausbildungszeit als Vorbild für Lernen gedient hat.

Dass „hinter“ diesem Verlernen wiederum nichts anderes zum Vorschein kommt als das, was Lernen in der belebten Natur immer ist, nämlich Selbstorganisation und Selbststeuerung lebender Systeme, ist im ersten Moment ein schwacher Trost, weil ich es ja anders gelernt habe, und das bedeutet eben auch: mit anderen Emotionen besetzt.

Hier liegt ein wesentlicher Grund dafür, warum uns das Ver- und Entlernen formalisierter Rituale und Überzeugungen so schwer fällt – allen voran Angehörigen pädagogischer und lehrender Berufe: Wir haben dieses Paradigma mit der Schulmilch aufgesaugt, die ja bis heute das Hauptnahrungsmittel von Pädagog*innen ist (im Sinne einer Metapher) – und wer sich anschickt, tief verinnerlichte Bilder, Erfahrungen (Belohnung und Bestrafung, Konkurrenz und Kompetition), Beziehungsmuster, Überzeugungen und Routinen traditionellen Lernens ans Licht zu holen, hat eine emotionale Achterbahnfahrt vor sich. John Erpenbeck und Rolf Arnold sprechen von „Labilisierung“: vom Aushalten der garantiert eintretenden, existenziellen Verunsicherung, ob ich denn jetzt das Richtige richtig lerne, wenn es mir nicht vorgegeben, vorgefertigt und vorgekaut wird – und von einem oder einer Expert*in entsprechend beurteilt.

Der im Verlauf der Pandemie intensiver werdende Ruf nach Präsenz- und Frontalunterricht erfüllt hier vor allem die Funktion einer psychischen Sicherheit oder zumindest Absicherung, auf dem richtigen, weil vorgegebenen und angeleiteten Pfad zu sein – sowohl was die Lerninhalte, die Lernpfade als auch die Lernziele betrifft. So interpretiere ich zum Beispiel die Aussagen von Lernenden der Sekundarstufe 1 vom Juli 2021:

Quelle

Es ist also nicht das Lernen als solches, das uns verunsichert, denn Lernen ist sogar eine Dopaminquelle, sondern das „drohende“ Verlassen jener Pfade, auf denen wir in den prägenden Phasen unseres Lernlebens immer und immer wieder geführt wurden. Wir brauchen keine pädagogischen, didaktischen und methodischen Stützräder beim Lernen. Wir brauchen heute als (Hoch-)Schulabsolvent*innen allenfalls Unterstützung beim Verlernen dieser Muster, Pfade und Routinen.

Je früher im Leben ein Mensch sein und ihr Lernen frei und selbstbestimmt praktizieren kann, umso höher die Wahrscheinlichkeit, eine resiliente Persönlichkeit zu entwickeln, die dann zu einem „Lernvorbild“ taugt, das Jan und Thomas in Lernhacks hatnäckig und sehr zu Recht anmahnen.

Ich behaupte: Je mehr sich nicht erst in der Arbeitswelt, sondern viel früher im Schulsystem ein*e Lehrer*in ganz konsequent als Lernvorbild versteht und zeigt, umso schneller lernen Menschen, die mit diesen Vorbildern unterwegs sind, ihren eigenen Pfaden zu vertrauen. Und dann treffen die genialen Lernhacks auf fruchtbaren Boden, was ich ihnen von ganzem Herzen weiterhin wünsche.

Über den deutschen Forderungsdiskurs

Titelbild: Merio from Pixabay

Es ist wahnsinnig beliebt, in den Medien Forderungen zu stellen. Egal nach was. Nach Luftfiltern, WLAN, Konsequenzen. Nach Rücktritt, Neuwahlen, Konsequenzen. Nach Einschränkung, Verhaltensänderung, Konsequenzen. Der digitalöffentliche Diskurs, und es gibt womöglich keinen anderen öffentlichen Diskurs mehr als den digitalen, ist ein Forderungsdiskurs.

Er begnügt und erschöpft sich darin, Forderungen zu stellen – und zwar auf allen Ebenen (ökonomisch, ökologisch, politisch, sozial …), und, das ist nicht trivial: zunehmend von jenen, die Forderungen nicht so sehr zu stellen hätten, sondern sie zu gewahren und mit Konsequenzen aufzuwarten. Stattdessen machen sie es wie der Bäcker, der täglich besseres Brot fordert ohne es zu backen: Wenn etwa Mitglieder des Deutschen Bundestages bzw. der regierenden Regierung Forderungen nach einer „besseren Demokratie“ stellen, ohne bzw. statt sie zu praktizieren. Hohe Politiker*innen und Führungskräfte, Meinungsführer*innen und Influencer*innen fordern am laufenden Band: Veränderungen, Einsichten, Konsequenzen, ohne dass es welche geben würde, außer der, dass die Forderungen abgelehnt werden – oder ignoriert. Keine Konsequenz ist ja irgendwie auch eine.

Foto von Victor Malenz von Pexels

Das ist der deutsche Forderungsdiskurs.
Was bewirkt er?

Er bewirkt (!) einerseits die Ablehnung von Forderungen, bzw. dass sie ignoriert werden, und daraus folgend ihre Vervielfältigung: Ignorierte oder abgelehnte Forderungen bringen mehr/neue Forderungen hervor, die dann abgelehnt bzw. ignoriert werden. Forderungen sind das Brennholz des Forderungsdiskurses. Anderes Bild:

#Ballmaschine

Aus dem Blick gerät in diesem Diskurs (weil der nur noch zu diesen reflexhaften Zyklen führt), worum es bei den Forderungen geht, außer dass sie gestellt werden. Das Geforderte wird, egal, um was es geht und warum, weil es eine Forderung ist, umgehend abgelehnt bzw. ignoriert.

Ein Zyklus ist im Forderungsdiskurs einmal durchlaufen (und beginnt von vorne), wenn die oder irgendeine Forderung gestellt wurde – und im selben Moment abgelehnt oder ignoriert. Das hält den Forderungsdiskurs am Laufen. Inklusive der Forderungen, jetzt doch endlich mal keine mehr zu stellen: „Was wollt ihr Schwulen eigentlich noch? Jetzt dürft ihr ja sogar schon heiraten!“

Image by clareich from Pixabay

Die Gefäße dieses Diskurses, also Timelines, Foren, Posts und Threads, sind die Backstuben. Hier wird der Teig gerührt, hier betört der Duft frischgebackener, knackiger, bissfester, pikanter Forderungen, hier organisieren sich jene, die Forderungen formulieren und stellen, wie sich seinerzeit die Zünfte in Zünften organisierten. Der digitale Forderungsdiskurs ist gut organisiert.

Nichts entfaltet mehr Schlagkraft als eine frisch gebackene Forderung. Deshalb wird auch Wert auf ihre Qualität gelegt. Schlüssig muss sie sein und wissenschaftlich belegt. Nachvollziehbar. Logisch. Auch diese Aufgabe ist eine Aufgabe von Diskursen, die von und in Disziplinen geführt werden. Zum Beispiel in den Backstuben der Wissenschaften. Die backen dort extrem Nahr- und Schmackhaftes. Im digitalen Forderungsdiskurs führen diese Endprodukte, die Backwaren quasi, dann zu Forderungen, die abgelehnt und/oder ignoriert werden – und in der Folge erneut/verstärkt gestellt.

Deshalb wohl bekommen Forderungen im digitalen Forderungsdiskurs mehr und mehr einen neuen Zweck. Der liegt nicht mehr darin, dass sie erfüllt werden, sondern gestellt.

Verstärkt wird diese Entwicklung durch den Empörungsdiskurs. Aber das ist eine andere Story.

Sechs Aspekte für Schule der Zukunft

Wir stecken in einem Paradigmenwechsel, der alle kulturellen Dimensionen neu definiert: Gesellschaft, Ökonomie, Arbeit, Wissenschaft und Forschung – womit wir Geld verdienen, wie wir arbeiten, kommunizieren, zusammenleben – das alles verändert sich gerade fundamental. Mit unseren geltenden Vorstellungen von Schule, Bildung und Lernen lässt sich das weder erfassen noch begreifen noch gestalten.

Titelbild: Irgendwo in Wien | Christoph Schmitt

Erster Aspekt: Es geht nicht um Werkzeuge sondern um Kultur

Im Interview mit Tamedia (2.10.2021) sagt die Lernforscherin Prof. Dr. Elsbeth Stern von der ETH Zürich (!): „Ich habe so langsam ein Problem mit dem Begriff digitales Zeitalter. Was heisst das denn eigentlich? Es wird immer so getan, als sei das jetzt eine Zeitenwende.

Frau Stern artikuliert in diesem Interview (durchgehend) die Vorstellung, dass es sich bei „Digitalem“ ausschliesslich um Werkzeug handelt: „Es gibt wunderbare Möglichkeiten, zum Beispiel für das Üben von Vokabeln oder Mathe-Aufgaben. Da kann der Computer adaptive, an den individuellen Lernstand angepasste Aufgaben stellen und gute Rückmeldungen geben.“

Diese Mängel sind in der Tat ein großes Problem in Deutschland. Doch selbst wenn wir diesbezüglich paradiesische Zustände hätten, würde Schule nach wie vor das tun, was sie immer tut, weil der kulturelle Rahmen immer stärker ist.

Diese Überzeugung ist in Bildungskontexten „State of the Art“: Da gibt es ein paar digitale Endgeräte, ein Internet und (hier und da) WLAN, der Rest der Welt ist hingegen „wie immer“.

Wenn Frau Stern dann noch zu Protokoll gibt: „Ein jedes Werkzeug ist ein Tand in eines tumben Toren Hand“, dann redet sie damit zwar nicht wenigen Pädagog*innen das Wort. Doch sie unterschlägt (oder ignoriert), dass gerade der versierte Einsatz eines Werkzeugs, jederzeit die Absicht seines/ihrer Nutzer*in spiegelt. Das gilt nicht nur für Sprache, Schusswaffen oder Narkotika.

Die für den pädagogischen Kontext exemplarischen Positionen von Frau Stern machen deutlich: Die Herausforderung der Stunde für Schulalltag und Lernforschung besteht darin, Digitalität als ein Kulturphänomen zu begreifen, nicht als Tool oder als technisches Upgrade klassischer Be-Schulung: „The Digital Condition is not about transporting content but transforming societies and people“ (Quelle) – und genau das ist heute Bildungsarbeit. Die digitale Technologie selber ist längst Normalität – außer in Pädagogistan, wo sie als eine Art „neue Unterrichtstechnik“ interpretiert wird.

Was meint „Kultur der Digitalität als Handlungsrahmen“?

Dazu lasse ich einen ausgewiesenen Experten sprechen:

  1. Immer mehr Menschen sehen sich selber als jemanden, der/die sprechen kann, der/die in irgendeiner Weise berufen ist, eine Meinung zu haben und diese auch zu vertreten.
  2. Zum anderen erfahren wir eine umfassende gesellschaftliche Liberalisierung, die es Gruppen, die bisher nicht ’sprechfähig‘ waren, erlaubt, mit ihren Wertesystemen, mit ihrem kulturellen Horizont an die (digitale) Öffentlichkeit zu treten und mitzugestalten.
  3. Daraus folgt: Kulturelle Fragen stellen sich auf immer mehr Feldern, es gibt vermehrte Handlungsoptionen, mehr Möglichkeiten des Handelns, die miteinander konkurrieren und in irgendeiner Weise verhandelt werden müssen.
  4. Diese Verhandlungen sind eingebettet in immer komplexere Technologien. Um überhaupt angesichts diese Menge an Kommunikation, die in diesen Verhandlungen produziert wird, handeln zu können, um nicht in kommunikationsreduzierende Organisationsformen gezwungen zu sein und sich durch strikte Hierarchien zu organisieren, um nicht an der inneren Komplexität zu zerbrechen, braucht es immer mehr komplexe Technologien – und also die Fähigkeit, sie entsprechend strategisch einsetzen zu können.

Zusammenfassend: Kultur als Aushandlung von Bedeutung wird heute von mehr Menschen auf mehr Feldern mit mehr Technologie als je zuvor gemacht.“

… aus einem Referat von Felix Stalder zum Thema „Kultur der Digitalität“

Zweiter Aspekt: Wir stecken also in einem Paradigmenwechsel, der alle (!) kulturellen Dimensionen neu definiert: Ökonomie, Arbeit, Wissenschaft und Forschung, das soziale Gewebe; womit wir Geld verdienen, wie wir arbeiten, kommunizieren, zusammenleben – das alles verändert sich gerade fundamental. Mit Lehr- und Bildungsplänen, Unterricht in Klassenzimmern, Jahrgangs-Kohorten und Fächerstrukturen lässt sich das weder erfassen noch begreifen noch gestalten. Auf diesem Hintergrund ist es fatal, dass ausgerechnet im Bildungssystem Vorstellungen von Digitalität üblich sind, die völlig an unserer Lebenswelt vorbeigehen. Stichwort: Digital Citizenship.

The Centre for Digital Citizenship investigates the social and political consequences of current developments in digital media technologies – smartphones, social media, algorithms, data, and beyond – and asks how these technologies shape individuals, citizens, collectives, and publics. While digital technologies offer progress in terms of political mobilization and public conversation, they also hold the potential to enhance old inequalities and divides, countering trust in society. The Centre for Digital Citizenship seeks interdisciplinary explanations to these complex digital developments and their societal effects.

Quelle

Dritter Aspekt: Bildung bedeutet heute „Alphabetisierung 2.0“, sprich:

  • Eine eigene Position in der Ursuppe des Informations-Kosmos zu entwickeln, darin orientierungsfähig werden und kritisch
  • Entscheidungsfähig werden statt nur zwischen vorgegebenen Optionen zu wählen
  • Offen auf wenig planbare Situationen zuzugehen, statt „Malen nach Zahlen“
  • Szenarien für das Unvorhersehbare zu entwickeln, statt unter künstlichen Rahmenbedingungen intellektuell zu verhungern
  • In Prototypen zu denken und zu handeln, statt Perfektion anzustreben
  • In allen relevanten kulturellen Bereichen zu partizipieren, also von Anfang an aktiv mitzugestalten: teilnehmen und teilgeben zu können

Vierter Aspekt: Dazu brauchen wir eine mit allen anderen kulturellen Playern eng vernetzte („verwickelte“) Schule, mit der Menschen folgendes lernen:

  • Wissens- und Informationsmanagement im digitalen Kosmos
  • Kollaboration
  • Unsicherheitstoleranz
  • Risikoaffinität
  • Lösungsorientierung
  • Ownership
  • sich in neuen Arbeitsmärkten & Beschäftigungsverhältnissen aktiv & selbstbewusst zu bewegen
  • Die durch nichts zu zerstörende Überzeugung, dass der eigene Anteil an der Gestaltung von Gesellschaft und Kultur unverzichtbar wichtig ist und sinnvoll.

Die aktuell größte Gefahr für junge Menschen auf ihrem Entwicklungsweg ist die Überzeugung, dass irgendjemand andere*r als sie selber für das Besorgen, Beurteilen, Verknüpfen und Verwerten von Information zuständig sei. Hier liegt im Moment die größte uneingelöste Aufgabe von Bildung.

Fünfter Aspekt: Wir brauchen eine Schule, in der Menschen sich – nicht andere – lustvoll auf verrückte, unsichere und unvorhersehbare Zukünfte vorbereiten.

Sechster Aspekt: Das beginnt mit einer neuen Lehr-Lern-Kultur, die auf Kinder, Jugendliche, ihre Eltern und auf Lehrer*innen gleichermaßen anziehend wirkt.

We ask the big question first of what are the functional skills an adult needs … to operate successfully in society and not be taken advantage of by others. That is our baseline, and forms the core skills in each programme, from explorer to creator to changemaker.

Quelle

(Aktualisiert am 3.10.2021)

Bildung und Digitalität: Drei Schritte in Richtung Zukunft

Drei Schritte, ein Ziel: Was Schulen tun können, um an Digitalität anschlussfähig zu werden.

Haben wir uns tatsächlich damit abgefunden, dass Bildung und Digitalität nicht zusammenkommen? In der Phantasie der allermeisten Menschen bringt es digitale Technologie heute nicht viel weiter als bis zum Status eines methodisch-didaktischen Spielzeugs in weiterhin geschlossenen Settings. Wenig Bereitschaft zeigen Schule und Hochschule hingegen, sich zu den neuen Bedingungen kundig zu machen, unter denen sie ihre Arbeit zu machen haben. Dabei ließe sich Bildung auch unter Bedingungen der Digitalität durchaus gestalten.

Dann jedoch ist „Weiter so!“ die falsche Devise. Sascha Lobo hat jüngst mit seiner Eröffnungsrede auf der re:publica deutlich gemacht: Die aktuelle Pandemie zeigt, dass Deutschland auf dem letzten Loch pfeift, was seine Zukunftsfähigkeit betrifft. Das ist natürlich viel auf einmal, und löst eher Depression aus als es sie zu überwinden hilft.

Ich halte in diesen stürmischen Zeiten an meiner Überzeugung fest: Wandel ist gestaltbar. In jedem Moment. Das Gerede von den Bedingungen, die wir erst zu schaffen hätten, damit sich Menschen auf den Wandel einlassen können, ignoriert, dass es diese Bedingungen nicht geben wird, außer wir schaffen sie gemeinsam – und DAS ist dann der Wandel.

Wir sollten begreifen, dass „Sicherheit“ keine Voraussetzung für Veränderung ist. Sie entsteht erst in diesem Prozess. Wir erarbeiten sie uns, in diesem Prozess. Dass Menschen Sicherheit bräuchten, um überhaupt mit dem Lernen anfangen zu können, stimmt nicht. Lernen hebt erst in jenen Situationen an, in denen Sicherheit nicht gegeben ist oder verloren zu gehen droht.

Wir Menschen verändern uns und die Welt, wir lernen, damit wir dadurch Sicherheit gewinnen, nicht weil wir sie schon haben.

Das Fehlen oder (antizipierte) Abnehmen von Sicherheit ist der Auslöser von Lernen, mit dem Ziel, Resilienz zu entwickeln. Niemand verlässt freiwillig die eigene Komfortzone, egal mit welchen methodisch-didaktischen Tricks operiert wird. Der einzige Grund sie zu verlassen, ist, wenn ich aus ihr vertrieben werde. In allen anderen Fällen erweitere ich sie bloß – und das ist die allgegenwärtige Tendenz in unserem Bildungssystem: Zurück in die gute Schulstube.

Doch selbst unter solchen Bedingungen können wir mitgestalten.

Wenn eine Schule oder Hochschule oder ein Anbieter der beruflichen oder betrieblichen Aus- und Weiterbildung sich und sein Angebot angesichts einer „Kultur der Digitalität“ weiterentwickeln möchte, dann empfehle ich als Einstieg drei Aktivitäten. Die folgende Aufzählung ist dabei weder hierarchisch noch bedeutet sie eine zeitliche Abfolge. Jede kann den ersten Schritt bilden, eine Organisation kann die drei Schritte auch gleichzeitig machen (oder andere 🙂) – wie es passt.

Hier also mein Vorschlag für die ersten Schritte:

Sich informieren, was abgeht

Organisation und Mitarbeiter*innen informieren sich umfassend und entwerfen für sich, ihren Beruf, ihre Organisation und für ihr Angebot als Bildungseinrichtung ein Bild dessen, was „Kultur der Digitalität“ für sie konkret bedeutet: für den eigenen Handlungsraum. Anschließend fragen sie sich: Was ist für uns jetzt zu tun angesichts des Wissens, das wir uns erarbeitet haben? Erstes Ziel ist also:

Aufholen des teilweise erschreckend großen Rückstands nur schon hinsichtlich Information darüber, was „Kultur der Digitalität“ beinhaltet und bedeutet.

Den eigenen, digitalen Reifegrad ermitteln

Die Führung einer Schule, einer Hochschule oder einer privaten Anbieterin von Bildung fokussiert den digitalen Reifegrad ihrer Organisation und ihrer Mitarbeitenden in technischer, organisatorischer, kultureller und strategischer Hinsicht, um entsprechende Entwicklungsmaßnahmen ergreifen zu können. Hierfür gibt es bereits brauchbare „Lese- und Arbeitsinstrumente“.

Meine Zielgruppe verstehen

Ökonomisch formuliert geht es dabei um Marktfähigkeit – nicht von Menschen, sondern von Bildungsangeboten. Zwar halten öffentliche Bildungseinrichtungen hartnäckig daran fest, dass sie diesseits von Ökonomie agieren würden und Bildung nicht ökonomisiert werden dürfe. Aus dem Blick gerät bei diesem ideologischen Gerangel jedoch, dass es bei Bildung jederzeit auch darum geht, wie lernende Menschen anschlussfähig werden an Arbeitsmärkte , die sich im Rahmen der Digitalität völlig verändern – und damit verändern sich ja auch die Lebenswelten.

Dabei geht es nicht darum, dass Schule die Arbeitsmärkte mit Personal versorgt. Diese Verkürzung ist zynisch. Es geht um die Frage, welche Kompetenzen Menschen brauchen, damit sie in Zukunft (u. a.) ökonomische Realitäten aktiv mitgestalten können. Deshalb stellen wir uns als Bildungsorganisation analytische Fragen zu unseren Zielgruppen. Sie helfen uns dabei, uns entsprechend aufzustellen.

Was sind auf diesem Hintergrund die Herausforderungen unserer aktuellen oder zukünftigen Zielgruppen? Wie müssen die lernen? Was müssen die lernen, wissen, können?

Um das zu eruieren, muss ich nicht nur meine Zielgruppe und deren Bedarfe analysieren, sondern auch zukünftige Lebens- und Arbeitsbedingungen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit zu erwarten sind, weil sie sich bereits heute andeuten:

  • Wie werden Menschen, für die wir Bildung anbieten, in Zukunft arbeiten und wo?
  • Welche Optionen entwickeln sich hinsichtlich Arbeitsverhältnissen? Welche verschwinden?
  • In welchen Berufen werden Menschen in wenigen Jahren vor allem tätig sein? Wie sehen diese Berufe aus?
  • Welche Märkte und Branchen entstehen neu?
  • Wie verändert sich dabei das soziale Gefüge, wie das Verhältnis von Arbeits- und Privatleben, kurz:

Wie sehen die Lebens- und Arbeitswelten meiner Zielgruppen unter den Bedingungen der Digitalität aus?

Das Ziel: Die neuen Lebens- und Arbeitswelten lesen und verstehen lernen

Diese Phänomene muss ich als Bildungsanbieterin lesen und deuten können. In einem nächsten Schritt entwerfen wir dann Szenarien, wie sich die diagnostizierten Entwicklungen auf Bildungswirklichkeiten und Bildungswelten auswirken.

Aus solchen Analysen wird ersichtlich, was unsere Zielgruppen lernen und sich aneignen, was sie wissen und können, wenn sie uns in Anspruch nehmen.

Bei der Weiterentwicklung bzw. Neupositionierung von Bildungsorganisationen geht es also darum

  • wie in Zukunft Bildungs- und Lernprozesse überhaupt aussehen,
  • wie Menschen diese Prozesse organisieren: Prozesse, in denen sie lernen, was sie können und wissen müssen und wie sie es wissen und können müssen.
  • Was in diesen Prozessen die Funktionen und Aufgaben von Bildungsanbieterinnen sind – queer durch die Biografien von Menschen hindurch.

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