Die Bildungssackgasse

Wohlstand, Wachstum und Partizipation durch Bildung lautet das mächtige Versprechen, das traditionelle Industrienationen ihren Bürger*innen machen. Die Einlösung wird bis heute an ein kompliziertes und hoch bürokratisiertes Bildungssystem delegiert. Das wird dem Versprechen jetzt zum Verhängnis. Was ist da los?

Titelbild: wal_172619 auf pixabay

Einerseits gibt es das Versprechen aus Bildungspolitik und Bildungsverwaltung an be- und entstehende Industrien, Branchen und Gesellschaften, sie mit „Human Power“ zu versorgen, also Menschen über formale und institutionelle Bildung jene Kompetenzen entwickeln zu lassen, die in Arbeitsmärkten und sozialen Gebilden gebraucht werden. Das funktioniert aber nicht mehr so tadellos, weil traditionelle (Aus-)Bildungsprozesse viel zu lange dauern (Lehrjahre, Studiendauer) und träge sind. Ihnen fehlt die nötige Flexibilität und Anpassungsfähigkeit an digital transformierte ökonomische Prozesse, die heute den Löwenanteil ökonomischer Wertschöpfung bilden. Ähnlich verhält es sich mit den Anforderungen in Forschung und Wissenschaft, in sozialen Berufsfeldern und in der Bildung selbst. Traditionelle Bildung ist in jeder Hinsicht zu langsam, zu kompliziert, zu bürokratisch und veraltet. Nicht nur dauern klassische Ausbildungen und das traditionelle Studium zu lange. Sie brauchen auch zu lange, um sich an neue Bildungs-Bedingungen anzupassen, die durch glokale ökonomische und gesellschaftliche Entwicklungen notwendig werden.

Andererseits gilt das Bildungsversprechen auch immer seltener für Menschen und ihre Berufsbiografien, wie Untersuchungen in Deutschland regelmässig bestätigen. Sowohl in Bezug auf Beteiligung und Partizipation in gesellschaftlicher Hinsicht, als auch was soziale Mobilität betrifft, also das Aufstiegsversprechen: die Annahme, dass eine bestimmte Ausbildung mit bestimmten beruflichen Chancen verbunden sei. Es dauert in Deutschland sechs Generationen, um von einem tieferen zu einem mittleren Einkommen zu gelangen. Vgl. dazu die zitierten Stimmen in diesem Blog Post.

Was tun Unternehmen und andere Organisationen, die auf menschliche Arbeit, auf deren Engagement und ihre Leistungen angewiesen sind?

Arbeitskraft importieren

Sie beginnen, ihren Bedarf an „Human Power“ anderweitig zu decken. In der Schweiz zum Beispiel geschieht dies schon länger über den Import von Arbeitskraft, weil das Bildungs- und Ausbildungssystem im eigenen Land u.a. aus oben genannten Gründen nicht in der Lage ist, für die nötige Kontinuität zu sorgen. Das gilt dort vor allem für medizinische, pflegerische, datentechnologische, bildende, gastronomische und touristische Berufe. Die Schweiz hat wohl auch das Problem der Ausbildungs-Kapazitäten, die angesichts des realen Bedarfs überlastet sind, sprich: Es ist aus infrastruktureller Sicht gar nicht möglich, eine ausreichende Anzahl an Berufstätigen in bestimmten Berufsfeldern auszubilden, etwa in der Medizin.

Arbeit globalisieren

Eine andere Reaktion auf die Bildungs- und Ausbildungsproblematik ist eine Form der „globalen Arbeitsteilung“, die sich langsam aber sicher und jenseits kolonialistischen Gebahrens entwickelt. Diese neue Arbeitsteilung organisiert Arbeit mehr und mehr kollaborativ. Sei es in Produktion, in Entwicklung, in Forschung oder in zivilgesellschaftlichem Engagement: Vor allem durch das digitale Zusammenwachsen von Menschen und Organisationen rund um den Globus entstehen derzeit völlig neue Konzepte von Arbeit, die dort nicht einfach billiger ist als hier, sondern die sich ganz selbstverständlich über verschiedene Weltregionen hinweg organisiert.

Wohlgemerkt: Lange Zeit wurden und bis heute werden Menschen, Roh- und andere Wertstoffe am einen Ende der Welt ausgebeutet um am anderen Ende Wohlstand und Wachstum zu generieren. In jüngerer Zeit kommt jedoch eine neue Dimension dazu, die auch mit Bildung zu hat:

Weil die sich nicht mehr exklusiv an Länder und Regionen binden lässt, die sich selber als „hoch entwickelt“ etikettieren, um dann ihre Vorstellungen von „guter Bildung“ in von ihnen so bezeichnete „Entwicklungsländer“ zu exportieren, bringen sich immer mehr Menschen in immer mehr Regionen der Welt in die Lage und in die Position, an einer „Arbeit der Zukunft“ mitzugestalten.

Weil soziale Organisationen das Feld entdeckt haben, aber auch, weil einzelne Vorreiter sich diese Welt erschlossen haben, beschleunigt nicht zuletzt auch durch die Isolation während der Pandemie. Diese Pioniere haben die Virtualität als einen Raum erkannt, in dem sie Anerkennung finden und Geld machen können, als einen Weg, ihrer harten Realität zu entfliehen – und sie gleichzeitig zu verändern.

Quelle

Es geht also bei dieser Perspektive auf Bildung und Arbeit nicht mehr um die Fokussierung von Unternehmen, die auf billige Arbeitsmärkte ausweichen. Es geht um die Erkenntnis, dass verkrustete Prozesse der Qualifizierung und Kompetenzentwicklung der „alten Welt“ immer öfter auf die Füsse fallen, während sich gleichzeitig Bildung jenseits traditioneller Bildungshochburgen agil und anpassungsfähig gestaltet: in engem Austausch mit den Bedarfen und mit den Entwicklungen in realen ökonomischen und sozialen Welten – und zwar in Überwindung überkommener Denkmuster von Hegemonialität: weltweit digital vernetzt, verbindlich, verbindend, kollaborativ. Was wir Arbeit nennen ist dabei, sich global neu zu erfinden: Stichwort Gig-Economy und Human Cloud.

Digitale Technologie macht Bildung adaptiv wie nie zuvor

Verstärkt und beschleunigt wird die Dynamisierung von Bildung global durch Digitale Technologien. Sie erlauben nicht nur eine maximal flexible Organisation von (Aus-)Bildungsprozessen auf Seiten öffentlicher und privater Anbieter*innen zum Beispiel bzgl. der Entwicklung, des Managements und der Logistik von Kursen und Materialien, die jederzeit überall abrufbar sind. Digitale Technologie macht – durch entsprechendes Design und gute User Experience (UX) – Bildungsprozesse für alle Beteiligten niederschwellig. Sie erlaubt beliebige Kombinationen und Skalierungen, die Anpassung an Bedürfnisse und Niveaus Lernender, sie ermöglicht Angebote, die die Arbeit, die zu tun ist, passgenau mit jenen zusammenbringt, die sie tun können (Stichwort „Microcredentials“).

Aus- und Weiterbildung werden zur Selbstläuferin durch Co- und Workplace Learning

Es gibt auch hierzulande einen (Aus-)Weg aus der Bildungssackgasse, der sich gerade inmitten traditioneller Muster und Strukturen etabliert. Ein Konzept, bei dem Menschen und ihre Organisationen (auch digital) zusammenspannen, und ihre Kompetenzentwicklung in die eigene Hand nehmen: das „social workplace learning“.

Weil Arbeit, (Aus-)Bildung und zunehmend auch Gesellschaft sich immer stärker digital organisieren (Stichwort Digital Citizenship), werden zahlreiche Aspekte der beruflichen Aus- und Weiterbildung, wird Kompetenzentwicklung zu einem integrierten Bestandteil des beruflichen und betrieblichen Alltags – bei überschaubarem infrastrukturellen Aufwand.

Längst erprobte und erfolgreiche Konzepte der zirkulären Verknüpfung von Aus-, Weiterbildung und Arbeit (Stichwort „social workplace learning“) senken nicht nur die Kosten für Aus- und Weiterbildung massiv. Darüber hinaus ist durch die Verzahnung von Bildungs- und Wertschöpfungsaktivitäten innerhalb eines Betriebes beziehungsweise eines Netzwerkes von Betrieben (Plattform) eine neue Dimension von Arbeitsqualität entstanden, die z.B. von der Cogneon Akademie und der Colearn-Community reflektiert wird.

Im Kern geht es darum, dass die alte Unterscheidung in investiv vs. produktiv zugunsten zirkulärer Prozesse aufgegeben wird. Es entstehen neue Arbeits- und Lernkulturen, die auf mehreren Ebenen für alle Beteiligten Vorteile bringen:

Wenn Strukturen, Inhalte und Abläufe von Aus- und Weiterbildungsprozessen konsequent in Prozesse der Wertschöpfung eingebunden sind – und umgekehrt (Bildung der „Arbeit“ also nicht mehr vor- sondern eingelagert ist), Lernen und Arbeiten also zirkulär verknüpft sind und nicht einander vor- und nachgelagert, dann entstehen, wachsen und vernetzen sich Kompetenz und Expertise in einer Weise, die gegenüber traditionellen Bildungskonzepten maximal anpassungsfähig sind und machen – sowohl an die Bedarfe von Betrieben, Branchen und Organisationen, als auch an die Bedürfnisse von Menschen, die ihre Arbeitsleistung zur Verfügung stellen.

In all diesen positiven Effekten (die natürlich immer auch mit vulnerablen Sideeffects verbunden sind), wird sichtbar, woran es traditionellen Bildungs- und Ausbildungssystemen mangelt: an Zukunft.

Autor: Christoph Schmitt, Bildungsdesigner, Coach & Supervisor ZFH

Bildungsaktivist, Bildungsdesigner, Ressourcenklempner, Ethiker, Rituals Expert. Ich unterstütze Menschen und Organisationen beim "Digital Turn" - systemisch & lösungsfokussiert. Ich coache Menschen in ihren Entwicklungsphasen und begleite in einschneidenden Lebensmomenten durch die Gestaltung von Ritualen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: