Ob der Klimawandel Glaubenssache ist, hab ich gefragt!

Beitragsbild: Quelle 1. – Quelle 2. Montage: Christoph Schmitt

Was ist gefährlicher? Von der Existenz von etwas auszugehen, das nicht existiert oder von der Nichtexistenz dessen, was es gibt? Womöglich denkst du jetzt an den Klimawandel. Das ist dann der aktuellen Situation geschuldet.

Ich musste zuerst an das Christkind denken. Ein in meiner Kindheit bedeutendes Phänomen. Seine Existenz kleidete die Phantasieräume jener Zeit aus, war Erziehungsgehilfe, Glücks- und Geschenkebringer. Irgendwann verflüchtigte sich seine imaginierte Existenz, nicht jedoch das, was mit seiner Hilfe entstanden war. Haltungen etwa oder eine bestimmte Moral. Verloren gingen zwar die Geschenke, die ich mit ihm als Lieferanten in Verbindung brachte, nicht aber die Phantasie, in der das Christkind zuhause war.

Ich sage mir also: Entscheidend ist nicht so sehr, ob etwas tatsächlich existiert, sondern was durch die Annahme seiner (Nicht-)Existenz entsteht, und welche Möglichkeiten sichtbar werden. Der Glaube versetzt Berge. Er ist offenbar nicht einfach eine Gegenkraft zu wissenschaftlicher Erkenntnis oder zu dem, was wir Vernunft nennen und Rationalität, und die ihn schlussendlich aufheben würden. Ich nehme den Glauben eher als einen Treiber wahr, auch als Antreiber z.B. für Wissenschaft und Forschung. Sei es, weil Forschende davon überzeugt sind, durch ihre Forschung diese Welt zu verbessern, sei es, dass sie sich Ruhm und Reichtum erhoffen, oder alles zusammen. Der Glaube versetzt Berge. Woran auch immer, auch der an Horoskope oder an Homöopathie – und er findet immer seine Beweise, indem er die Prophezeiungen, die er produziert, durch das, was existiert, erfüllt sieht: Wer „beim Universum“ einen Parkplatz in der City bestellt, wird einen vorfinden. Auch „Erziehung“ ist dafür ein beredtes Beispiel. Sie nährt, seit es sie gibt, ihre Rationalität aus dem, was sie als Ergebnis ihres Handelns beansprucht.

Sollte also der Klimawandel, für den so überwältigend viel spricht, eine Annahme sein, was ich mir nicht vorstellen kann (andere schon), so wird (bzw. würde) allein durch die Annahme, dass es ihn gibt, eine Menge möglich. Zum Beispiel der Klimaschutz, von dem es noch viel zu wenig gibt. Doch dass noch immer viel zu wenig geschieht, hat nichts mit fehlenden Informationen zu tun, denn die haben wir ja – alle Medien sind voll davon, sondern mit einem Glauben, mit „für wahr Halten“. Das ist immer die Rückseite der Medaille. Woran du glaubst, das treibt dich an.

Quelle

Nicht weil oder wenn der Klimawandel oder irgendein anderes Phänomen, unter dem der Planet und das Leben auf ihm ächzen, hinreichend wissenschaftlich bewiesen sind, stehen wir dagegen auf, sondern weil und wenn wir daran glauben. Dieser Glaube folgt aber nicht aus dem wissenschaftlichen Beweis, sonst wäre er ja allgegenwärtig. Der Streit um die Existenz eines Klimawandels entzündet sich auch nicht dort, wo Fakten aufeinander treffen, sondern Überzeugungen. Die einen sind – und bleiben – von Fakten überzeugt, die anderen von etwas anderem, das auch sie für Fakten halten.

Das digitale Schlachtfeld Twitter und Co

Das aktuelle Gemetzel in den digitalen Netzwerken offenbart die Bedingungen, unter denen das alles verhandelt wird, nicht nur bezogen auf das Klima und seine Folgen, sondern hinsichtlich unseres Zusammenlebens, unseres Umgangs miteinander und des Wirtschaftens. Da sich heute alles, was sich ereignet, umgehend in den sozialen Netzwerken des Internets wiederfindet, bekomme ich ein Bild davon, wie es im „Maschinenraum“ unserer Kultur zugeht – und da herrschen Glaubenskriege: Anklagen, Verleugnungen, Verleumdungen, Fundamentalismen, Bannflüche, Morddrohungen, Verschwörungen. Nicht nur in Sachen Klimawandel, sondern zu allem, was die Kultur hergibt.

Wie gut, dass da immer auch Menschen unterwegs sind, die sich der Aufklärung verpflichtet wissen. Deshalb wird die reale Existenz einer Gefahr – wie etwa die des Klimawandels – niemals ganz geleugnet werden können. Lineare Konsequenzen werden daraus jedoch keine folgen. Eher exponenzielle.

Der sich gerade erst entwickelnde digitale Kulturraum ist einerseits eine ungeheure Chance, dass Wirklichkeiten ans Licht kommen, die in früheren Zeiten hübsch herausgefiltert wurden von den Wissenswächter*innen der vierten Gewalt im Staate. In der „redaktionellen Gesellschaft“ (Pörksen) ist heute möglich, dass Investigation und Bericht enorm in die Breite gehen, wenn auch nicht automatisch in die Tiefe. Doch immer mehr Menschen begreifen und nutzen das Netz um zu zeigen, was ist. Immer öfter auch in bewegten Bildern.

Dass dies nicht automatisch zu mehr Aufklärung und einer besseren Welt führt, sondern auch zu Empörungswellen und intellektuellen Totalausfällen, hat weniger mit Amoral und Algorithmus zu tun als mit einem Merkmal des Glaubens, der nicht in Aufklärung überführt werden kann, sondern nur in eine neue Form seiner selbst. Bis dahin spuckt er offenbar Gift und Galle zu seiner Verteidigung. Deswegen hoffen nicht wenige darauf, dass irgendwann einfach ausreichend Menschen an den Klimawandel glauben, so wie heute noch etliche an den Kapitalismus.

Der dritte Weg

Gibt es einen dritten Weg? Einen, der aus den Glaubenskriegen der Gegenwart herausführt? Dazu fallen mir vor allem Geschichten ein. Erzählungen.

Zum Beispiel das uralte Narrativ vom „homo adoptatus“: Ein Mensch, der lange nicht um seine Adoption weiß, der oder die ganz selbstverständlich in eine Wirklichkeit hineinwächst, und den oder die das hereinbrechende Wissen um seine Adoption in eine Identitätskrise stürzt, oft gepaart mit dem Wunsch, die genetischen Eltern zu finden: Wie kann etwas sein, das bisher nicht war? Oder zugleich sein und nicht?

Eine Variante davon: Die Geschichte, die im Film „Truman Show“ erzählt wird, wo der Protagonist am Ende entdeckt, dass das, was bislang sein Leben war, nur als Inszenierung existierte, von der nur er nichts wusste, und dass „dahinter“ noch eine Welt steckt.

Ich denke an die Story vom Ghostwriter Cyrano de Bergerac und seiner Angebeteten, die nichts von seiner Liebe wissen kann, solange er die Liebesbriefe für einen anderen schreibt. Eine Erzählung, die vor bald 20 Jahren im Blockbuster „Love Actually“ wieder aufgenommen wurde und jüngst auf Netflix aufblitzte:

Und auch Chuck Noland, der Held im Film Cast Away, realisiert nach der Rückkehr von der Insel, dass die Welt gelernt hat sich ohne ihn weiterzudrehen. Diese Erfahrung bedeutet für ihn aber nicht das Ende, sondern markiert den Neuanfang: Zukunft.

Bei diesen Geschichten sind immer Menschen im Spiel, die in einer „Wirklichkeit“ leben, die im Moment ihres Zusammenbruchs nicht einfach endet, sondern in eine völlig neue übergeht. Fast wie neu geboren werden: in eine echte, wahrhaftige Welt. Was solche Ereignisse gemeinsam haben: Sie sind unvorhersehbar. Sie brechen ein.

Das gibt es auch in der Welt jenseits zwischenmenschlicher Beziehungen und Begegnungen. Auch dort ereignen sich hin und wieder bahnbrechende Wirklichkeitsimplosionen, und sie tun es unvorhergesehen, brechen quasi in unseren Erwartungs- oder Möglichkeitsraum ein: die Entdeckung des Penicillins, der Röntgenstrahlen, neuer Kontinente.

Sind auch die im Kontext des Klimawandels zunehmenden Naturkatastrophen solche Ereignisse, die uns „wachrütteln“ sollen und zum Handeln bringen? Ich denke nicht – auch wenn sie für manche*n noch immer „überraschend“ kommen. Und die oben erwähnten Geschichten berichten ja alle davon, wie Menschen zu sich selbst kommen und in ihre eigene Wahrheit finden. Der Schmerz, den Truman empfindet, ist mindestens so sehr ein Geburtsschmerz wie einer der Enttäuschung. Naturkatastrophen hingegen löschen einfach nur aus.

Beim dritten Weg geht es immer um die Entdeckung von Neuland. Das findet uns eher, wenn wir in ganz bestimmten Haltungen unterwegs sind. Neugier gehört dazu. Unvoreingenommenheit, Leidenschaft, ein Interesse am Ermöglichen.

Und dann ist da die digitale Welt, die sich vor allem durch zwei Merkmale auszeichnet: Durch ein hohes Potenzial an Emergenz und durch schier grenzenlose Serendipität. Das sind auch heute die wichtigsten Werkzeuge für Entdecker*innen. Zusammengenommen bieten sich uns dadurch Zukunftschancen, die die Menschheit bis heute nicht gesehen hat.

Inwiefern uns das im Kampf gegen den Klimawandel helfen könnte – well: Let your mind wander.

(Mehr zum Klimawandel hier)

Autor: Christoph Schmitt

Culture & Mindset Worker, Blogger, Ressourcenklempner, Coach, Ethiker, Rituals Expert. Ich unterstütze Menschen und Unternehmen beim "Digital Turn" - spezialisiert auf die Themen Mindset & Kultur. Systemisch & lösungsfokussiert. Ich coache Menschen in spannenden Entwicklungsphasen und begleite in einschneidenden Lebensmomenten durch die Gestaltung von Ritualen.

Ein Gedanke zu „Ob der Klimawandel Glaubenssache ist, hab ich gefragt!“

  1. Ja ja, die Welt geht unter. Nein, tut sie nicht. Die Menschheit vielleicht. Na und? Seid nicht solche Memmen. Wenn eine Spezies durch ist, verschwindet sie. Pseudophilosophisches Geschwafel bringt da auch nix. Sorry, sehe ich so.

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