Schule später anfangen? Das geht leider nicht

Ein Reflex, den ich seit 30 Jahren in der Bildungsarbeit wahrnehme: Wenn Lehrer*innen und Schüler*innen alternativen Formen von Schule begegnen, sei es über asynchrone Medien oder in direkter Begegnung mit Menschen, die völlig neu Schule machen, dann schaltet sich in ihrem Hirn eine Region ein, die dieses Andere mit dem Bestehenden ver- und abgleicht. Aufgabe dieses Abgleichs ist die Erkenntnis, dass dieses Andere umso weniger eine Chance hat, je weiter weg es vom Bestehenden ist: „Das geht bei uns nicht.“

Diese Pespektive gibt es übrigens auch rückwärts:

Quelle

Am Ende werden deshalb Vorschläge gemacht, wie das Bestehende anders werden könnte, ohne das Andere mit einzubeziehen, weil das ja „bei uns nicht geht“. Das geht dann so: Da wir angesichts des Anderen realisieren, dass wir gar nichts ändern können, außer alles, was ja nicht geht, ändern wir unsere Einstellung zum Bestehenden: Da wir weiterhin in Ketten liegen, ändern wir unser Verhältnis zu ihnen. Wir beginnen, ihnen positives abzugewinnen. Wir sagen uns: ohne diese Ketten wäre alles noch schlimmer. Vor allem für die Bildungsfernen und für die Lernschwachen unter uns. Alle anderen bekommen bei guter Führung, vorhandener Technik und Internetverbindung nach und nach elektronische Fußfesseln. Internet Of Things you know: digital gestütztes, selbstorganisiertes Lernen …

Das Andere, wenn es am Bestehenden gemessen wird, hat keine Chance gegen das Bestehende – umgekehrt übrigens auch nicht, wie das Bestehende schmerzlich realisiert. Deshalb sind Innovationen im Schulsystem, wenn es sie überhaupt gibt, höxtens inkrementell.

Also sagen sich Schüler*innen in ihrer Hilflosigkeit und in einer Situation, in der sie überhaupt keine Gestaltungsmacht, keinen Einfluss auf die bestehenden Verhältnisse haben: Wenn sie uns nur erst einmal anders halten würden in unseren Käfigen, freundlicher, respektvoller, dann würde auch alles andere anders mit der Zeit. Und Lehrer*innen sind davon überzeugt: Wenn mehr Schüler*innen mehr Respekt zeigen würden, wäre der erste Schritt schon gemacht.

Doch es ist umgekehrt: Die Verhältnisse ändern sich nicht, weil wir unser Verhalten ändern, sondern: dass sich an unserer Schule die Verhältnisse verändert haben, erkennen wir daran, dass wir anders miteinander umgehen – und das können wir jetzt, weil die Verhältnisse es zulassen. Gemäß dem wunderbaren Grundsatz der metaplan-academy: „Bei den Verhältnissen ansetzen, nicht beim Verhalten.“

Dem halten Moralisten gerne entgegen, dass ein anderer Umgang miteinander selbstverständlich dazu führt, dass sich etwas ändert. „Respektiert eure Lehrer!“ höre ich sie rufen. Und was verändert sich durch einen anderen Umgang miteinander? Richtig: Der Umgang miteinander – nicht die Verhältnisse. Die Veränderung der Verhältnisse beginnt damit, dass ich sie in den Blick nehme und zur Disposition stelle.

Ein Beispiel: Wenn ich dir deine schlechten Noten in einem höflichen und respektvollen Umgang präsentiere, wenn ich dich auf maximal zugewandte Weise coache, damit du zu besseren Noten kommst, dann könntest du tatsächlich zu besseren Noten kommen (Verhalten). Doch dass ein entscheidender Grund für das Leid, das Schule produziert, nicht schlechte oder gute Noten sind, sondern die Tatsache, dass Noten verteilt werden (Verhältnisse), das kommt bei diesen Gedankenspielen nicht in den Blick. Und ohne Noten? Sorry, das geht bei uns nicht.

Deshalb bitten wir höflich darum, dass Noten in Zukunft „anders“ zustande kommen, irgendwie „schülerfreundlich“, und dass sie in jedem Fall freundlicher verteilt werden und verständnisvoller – wie zuvor schon der Stoff („Sorry Leute, ich bin ganz bei euch. Aber wir müssen einfach durch diesen Stoff!“).

Und wir diskutieren zum xten Mal – unter Einbezug der SMV und des Landesschülerrates – , wie gut es doch wäre, Schule nicht so früh am Morgen zu starten, weil ja längst erwiesen ist, dass die Leistungsfähigkeit und die Leistungsbereitschaft der jungen Notenproduzenten dann viel höher ist – um dann nach zähen Diskussionen erschöpft zum Ergebnis zu kommen, dass wir mit dem Unterricht leider nicht später anfangen können.

Es spricht einfach zu vieles dagegen. Bei uns hier. Im Moment. Es tut uns leid, und wir danken allen für ihr großes Engagement.

Autor: Christoph Schmitt

Culture & Mindset Worker, Blogger, Ressourcenklempner, Coach, Ethiker, Rituals Expert. Ich unterstütze Menschen und Unternehmen beim "Digital Turn" - spezialisiert auf die Themen Mindset & Kultur. Systemisch & lösungsfokussiert. Ich coache Menschen in spannenden Entwicklungsphasen und begleite in einschneidenden Lebensmomenten durch die Gestaltung von Ritualen.

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