Warum Schule nicht vom Fleck kommt – und wie vielleicht doch …

Egal an welcher Stelle ich beim Thema „Schulentwicklung“ ansetze und dabei nicht einfach das Bestehende verändere sondern ersetze durch zeitgemäße Prozesse und Strukturen, die an den Menschen, ihren Bedarfen und Potenzialen ausgerichtet sind: das bestehende System von Kontrolle, Selektion und Disziplinierung würde sich entweder sofort selber aufheben – oder, was es bisher immer tut: sich durchsetzen.

Titelbild von Vishwas Bangar auf Pixabay

Ein wesentlicher Faktor, warum Schulentwicklung auch im 21. Jahrhundert nicht funktioniert, und in der Folge auch nicht die Entwicklung entsprechender Kompetenz bei Lernenden, ist der: Das System kann nicht an einzelnen Stellen verändert werden ohne dass das Gesamtsystem kollabieren würde. Alles hängt mit allem zusammen. Ich kann nicht nur an einer Stelle radikal werden, weil Wechselwirkungen eine ungeheure Macht haben. Deshalb kommt Schule nicht vom Fleck.

Die Kernfunktionen von Schule: Disziplinieren, Kontrollieren, Selektion

Ich kann nicht etwa, was ich müsste, um ein anderes Paradigma von Bildung und Lernen zu ermöglichen, das längst entlarvte Benotungs- und Prüfungswesen durch etwas anderes ersetzen, und alles andere beim Alten lassen, denn es handelt sich dabei um ein Prinzip von Schule: um eine grundsätzliche Funktion von Schule und um ein dahinter liegendes Prinzip: Kontrolle, Disziplinierung und Selektion. Wann immer ich versuchen würde, eine Alternative für „Prüfen und Benoten“ einzuführen, die nicht mehr Kontrolle, Disziplinierung und Selektion zum Ziel hat, würde das System Schule alles daran setzen, diese drei Funktionen in der gefundenen Alternative doch wieder unterzubringen.

Wenn ich also Schule als System neu aufsetzen will, muss ich zuerst den funktionalen Kernauftrag von „Kontrolle, Disziplinierung und Selektion“ außer Kraft setzen, der allen schulischen Strukturen und Prozessen zugrunde liegt, weil er sich sonst in jeder Entwicklungs-Aktivität re-installiert und in Stellung bringt. Mala herba non interit 🙂

Wechselwirkungen: Ohne Noten kein Unterricht – und umgekehrt

Würden „Prüfung“, „Note“ und „Zeugnis“ wegfallen, wäre z.B. die funktionale Ausrichtung eines anderen strukturellen Handlungsfelds hinfällig: das Unterrichten. Unterrichten ist vom Design her durch das Prüfungswesen strukturiert, getaktet und darauf ausgerichtet. Prüfen und Benoten sind bis heute das zentrale Werkzeug der Disziplinierung im Kontext des Unterrichtens. Wir erinnern uns an das Drama von Orchideenfächern: „Wie kriege ich Disziplin hin, ohne dass ich mit Noten Druck ausüben kann?“

Einen nächsten Zweck hat das Format des Unterrichts darin, Stoff so zu vermitteln, damit der auf den aktuellen Unterricht folgende Unterricht in der nächsten Jahrgangsstufe „stoffmäßig“ darauf aufbauen kann. Auch das prüfen Prüfungen.

„Was hat denn der in der achten mit denen gemacht in Mathe? Die können ja gar nix!“

Wer Fächer abschafft, schafft Schule ab

Ähnlich ist das mit dem Fächersystem, das wie das Prüfungswesen ein Weltbild repräsentiert, das im Rest der Welt abgelöst ist. In einer Gesellschaft und Ökonomie, die nach dem Netzwerkprinzip arbeitet, steht das Denken in Disziplinen quer zu den Funktionsprinzipien von Forschung, Wissenschaft, Organisation von Gesellschaft, Ökonomie. Wenn ich jedoch innerhalb von Schule das Fächersystem schleifen würde, brächte ich damit die Prozesskette heillos durcheinander:

  • die Organisation des Schulbetriebes
  • das Ausbildungssystem der Lehrpersonen
  • den gesamten Lehrmittelbereich

Praktisch alles würde von jetzt auf gleich dysfunktional werden, weil Schule ausnahmslos auf das Denken, Strukturieren, Planen und Handeln „in Fächern“ ausgelegt ist, aus dem ein bestimmter Unterricht folgt, der wiederum auf Prüfen und Benoten ausgelegt ist.

Bild von Free-Photos auf Pixabay

Entweder bewegt sich alles – oder nichts

Ich kann also Unterricht als Handlungsprinzip, als Prozess und Struktur (Aufbau) schulischen Handelns nicht „mal eben“ durch andere, zeitgemäße Formate und Prozesse des Lernens und der Kompetenzentwicklung ersetzen, ohne dass das System kollabieren würde:

Nimm dem Unterricht das, was ihn zum Unterricht macht: Kontrolle, Disziplinierung, Selektion – und er ist keiner mehr.

Deshalb kann er im bestehenden Schulsystem nicht ersetzt werden, außer wieder durch eine andere Form von Unterricht. Dasselbe würde sich beim Prinzip der Synchronizität ergeben: Jede und jeder zur selben Zeit am selben Ort, denselben Stoff in derselben Form mit denselben Quellen und Methoden und denselben, geprüften und benoteten Ergebnissen. Schaffen wir das ab, fällt das System in sich zusammen. Dasselbe gilt für das Prinzip Jahrgangsklassen, mit ihrem Nivellierungs-Auftrag individueller Entwicklung: Wer in welcher Klasse was wissen und können muss, was wann dran ist im Stoffplan usw.

Lesen lernen hat für alle in der ersten Klasse zu erfolgen, egal was in der Entwicklung eines Kindes gerade dran ist und was nicht.

Und kommt das Kind nicht mit, drohen Förderung und Nachhilfe. Übrigens: Da geht es überhaupt nicht darum, auf „die bösen Lehrer*innen“ zu schielen, denn die machen, wenn sie unterrichten, kontrollieren, disziplinieren, selektionieren, prüfen und benoten – ihren Job. Die einen besser, andere suboptimal, doch sie machen immer ihren Job. Von ihnen etwas anderes zu erwarten, wäre mindestens unredlich.

Bild von StartupStockPhotos auf Pixabay

Deshalb schlage ich ein lösungsorientiertes Vorgehen vor

Wir schaffen Laborsituationen: Entwicklungsnischen, in denen sich alternative Lernformen unabhängig vom schulischen Mainstream entwickeln können. Projekte, die eng mit jenen innovativen Initiativen zusammenarbeiten, die weltweit bereits existieren. Wir beginnen also auch mit einer starken, digitalen Vernetzungsarbeit zwischen Pionier*innen und solchen, die sich auf den Weg machen.
In diesen Zukunftslaboren sind die oben erwähnten, klassischen Parameter von Schule außer Kraft gesetzt. Lernende, die sich dafür entscheiden, Teil einer solchen Expedition zu werden, sind eingeladen, für einen bestimmten Zeitraum ihre Lernbiografie in diesen Laboren zu gestalten. Wie solche Netzwerke und Learn-Labs aussehen und wie sie funktionieren können, habe ich in mehreren Blog-Posts skizziert:

Dieses Vorgehen hat den Vorteil, dass nicht ein ganzes System auf einmal „abgeschaltet“ werden müsste, was ja gar nicht geht und deshalb auch nicht passiert. Vielmehr werden Räume eröffnet, die dezidiert außerhalb des traditionellen Schulsystems und seiner Normierungen stehen und arbeiten. Solche Labore können durchaus wissenschaftlich begleitet und evaluiert werden.

Idee: Christoph Schmitt

Diese Begleitung & Evaluation sollte nun aber nicht vom Bildungssystem aus erfolgen, weil dann ja über die Evaluation wieder jene Parameter wirksam werden, zu deren Überwindung so ein Projekt antritt. Ich würde Forschungs- und Beobachtungsteams zusammenstellen, die nicht im weiteren und engeren Sinn dem „pädagogischen Kuchen“ entstammen und möglichst nicht dem Frame „Hochschule“ oder gar „Kultusministerium“, da es ja nicht um eine Weiterentwicklung bestehender Schulformate geht (also gerade nicht anders unterrichten, anders benoten, andere Fächer etc.) sondern um Strukturen und Prozesse, die diese Kultur und Tradition überwinden.

Autor: Christoph Schmitt

Culture & Mindset Worker, Blogger, Ressourcenklempner, Coach, Ethiker, Rituals Expert. Ich unterstütze Menschen und Unternehmen beim "Digital Turn" - spezialisiert auf die Themen Mindset & Kultur. Systemisch & lösungsfokussiert. Ich coache Menschen in spannenden Entwicklungsphasen und begleite in einschneidenden Lebensmomenten durch die Gestaltung von Ritualen.

Ein Gedanke zu „Warum Schule nicht vom Fleck kommt – und wie vielleicht doch …“

  1. Super Beitrag. Ich kann da aus vollem Herz zustimmen. Schule darf sich endlich verändern und dazu verhelfen, dass die Schüler/-innen glückliche Menschen werden (nicht „schubladisierte“). Danke für euer Engagement und Herzblut.

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