Digitalisierung vs. physische Begegnung, oder: Ein Gegensatz, der keiner ist.

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Quelle: symbolon.com

Die Angst geht um, dass das Kerngeschäft von Bildung digitalisiert wird, dass die Klassenzimmer wegrationalisiert werden. Lehrende Berufe argumentieren eifrig, dass Lernen und Bildung unbedingt und unverzichtbar auf physische Begegnung angewiesen seien. Auf jene Unmittelbarkeit, die durch nichts zu ersetzen sei. Das alles und noch viel mehr sei jetzt von der Digitalisierung bedroht, die alles ins Netz verlegen will. Das ist natürlich hanebüchen.

Denn die Formel der „physischen Begegnung“ ist pleonastisch. Auch Menschen, die sich im Netz begegnen, tun das physisch. Begegnung ist auch im Netz physisch, weil Menschen immer physisch sind. Und da geht nichts verloren, sondern es findet eine wunderbare Bereicherung statt: Eine Öffnung, Vertiefung, Vernetzung, Emanzipation. Der von Lehrenden behauptete Reduktionismus existiert nur in deren Köpfen – zumal sich Menschen nie „ins Internet hinein“ auflösen werden. Wie bizarr.

Wir sind heute digital. Wir sind immer online. Ob wir in einen Bildschirm schauen und sprechen oder nicht. Ob wir mit jemandem chatten oder ihm oder ihr unvermittelt durch digitale Medien gegenüberstehen. Wir wechseln mühelos die Medien, wenn es nötig wird und die Dinge vereinfacht. Wir kommunizieren in einer Mischung aus allen uns zur Verfügung stehenden Formen. Wenn wir es denn können.

Da wir es in der Schule noch immer nicht lernen, können es sehr viele nicht.

Die Lehrer:innen an die Hand und ihnen die Angst nehmen?

Didaktik-Digitalier schlagen vor, dass wir lehrenden Berufen mit Geduld und Langmut begegnen, damit sie langsam ihre Widerstände abbauen. Wir sollen sie an die Hand nehmen und ihnen auf diversen Safaris nach Digitalien zeigen, welche Möglichkeiten die Digitalisierung bietet, um die physische Begegnung zu erhalten und zugleich ein wenig  Digitalisierung zuzulassen. Hier mal ein digitales Quiz, da mal eine „elektronische Prüfung“. Oder gar Tablet-Klassen mit schicken Lernprogrammen drauf und „the latest Learning Analytics Software“.

Dieser Weg wird nicht funktionieren, denn in einer Kultur der Digitalität ist Didaktik nicht mehr das Mittel der Wahl, um Lernen zu unterstützen – auch keine digital gefärbte Didaktik. Sie gehört in eine andere Zeit und in eine andere Kultur.

Der lehrende Beruf und seine Didaktik: ein Relikt der Gutenberg-Galaxis

Begegnung ist immer physisch, weil Menschen physisch sind. Es gibt da kein entweder oder. Es gibt nur Begegnung. Menschen begegnen Menschen (und allem anderen auf dieser schönen Welt), auf welche Weise auch immer sie das tun. Die Vorstellung, dass Lernen, oder feierlicher formuliert, dass Bildung physische Begegnung „braucht“, kann nicht gegen dezentrale, digitale, nomadische und selbstgesteuerte Lerndesigns ausgespielt werden. Die Forderung nach physischer Begegnung ist ein pleonastisches, pädagogisches Konstrukt, mit dem Bildungsbürokrat:innen ihre Vorstellung vom lehrenden Beruf retten wollen.

Mehr noch: Weil Menschen immer lernen und dabei immer Begegnung stattfindet, die immer physisch ist, braucht es in einer Kultur der Digitalität das didaktische Setting nicht mehr, weil Lernen in allen Facetten, Farben, Formen und Vertiefungen überall und jederzeit möglich geworden ist. Didaktik ist ein Hilfsmittel für lehrende Berufe, das in die Gutenberg-Galaxis gehört: in altershomogene Klassenzimmer, überholte Fächerstrukturen, selbsterefenzielle Bewertungs- und Benotungsverfahren, Lehr- und Stundenpläne – all das Zeug, das längst durch unsere kulturelle Gegenwart überholt ist.

Wenn sich lehrende Berufe und Bildungsbürokrat:innen nicht vorstellen können, dass lernende Menschen auch und vor allem ohne Didaktik lernen, dann hat das mit dem Vorstellungsvermögen und mit dem Erfahrungshorizont dieser Leute zu tun, aber nichts mit dem Lernen lernender Menschen.

Digitalität bedeutet: Ausweitung und Neuerfindung von Möglichkeiten der (jederzeit physischen) Begegnung – und damit auch und jederzeit: Lernen. Ganz offen, ganz individuell, ganz auf die Potenziale und Bedürfnisse jedes und jeder Einzelnen fokussierbar, jeder in seinem und jede in ihrem Tempo und Rhythmus. Was für Zeiten!

Das didaktische Setting hingegen funktionalisiert Begegnung für die Organisation und die Administrierbarkeit von Lernprozessen. Didaktik reduziert Lernen auf kontrollierbare Einheiten.

Es sind heute auch gar nicht mehr die Schüler:innen, die die Lehrer:innen brauchen. Es ist umgekehrt: Das Konstrukt vom Lehrer braucht das Konstrukt vom Schüler, denn es geht mittlerweile nur noch um die Daseinsberechtigung eines Berufsbildes, das der Vergangenheit angehört. Hinter der Formel von der „echten physischen Begegnung“ steckt der Versuch, ein Menschen- und ein Berufsbild aufrecht zu erhalten. Ich halte dagegen: Begegnung ist ja überall möglich und überall besser, breiter, lustvoller, heterogener, lebendiger, vielfältiger und „bildungsfreundlicher“, faszinierender, herausfordernder und vielschichtiger als in jedem noch so innovativen didaktischen Setting, das unser Lernen auf jene Aspekte reduziert, die im Kontext von Lehren relevant sein sollen.

Digitalisierung bedeutet Emanzipation des Lernens

Es ist nicht legitim zu sagen: „Lernen braucht physische Begegnung“, oder „Bildung braucht physische Begegnung“, weil es das Gegenteil nicht gibt. So sehr es Bildungsbürokrat:innen der Digitalität auch unterstellen mögen. Tatsächlich findet im Moment eine langsame, gründliche und unaufhaltsame Emanzipation des Lernens und damit der (Selbst-)Bildungsprozesse aus den engen Grenzen dessen statt, was Pädagogik und Didaktik daraus gemacht haben. Und das versetzt dieses System und seine Agent:innen in Alarmbereitschaft. Ich verstehe das, denn hier kommt ein Konzept an sein Ende. Und das darf ja nicht sein. Das kann nicht sein.

Ein guter Anfang wäre es, die eigenen, rollenspezifischen Bedürfnisse als Lehrer:in nicht mit den Fähigkeiten, Bedürfnissen und Potenzialen von sogenannten Schüler:innen zu verwechseln. Es ist nämlich zuerst einmal das Bedürfnis der Lehrenden nach etwas, das sie „physische Begegnung“ nennen, damit sie ihren Job machen können. Mit Lernenden oder gar mit Lernen hat das erst einmal gar nichts zu tun. Und auch wenn junge Menschen während der Corona-Pandemie immer wieder betonen, wie sehr sie sich eine Rückkehr ins Klassenzimmer wünschen, dann tun sie das vor allem deshalb, weil Schule, wie sie sie kennen, dort halt am besten „funktioniert“.

Es ist auch nicht gesagt oder annähernd sicher, dass Schüler:innen ein „natürliches Bedürfnis“ nach physischer Begegnung mit Lehrenden haben. Sie haben im traditionellen pädagogischen Setting einfach keine andere Möglichkeit als diesen physischen Kontakt mit Lehrenden, dem ja immer mehr Lernende ins Netz ausweichen um sich zu bilden, und nicht um Zeit totzuschlagen.

Wir sollten endlich begreifen, dass dieses Bildungsystem eine historische Erfindung ist. Jemand hat es erfunden – und aus genau diesem Grund können wir etwas Neues erfinden. That’s it.

Also lassen wir endlich das Lernen frei. Und auf diesem Weg die Bildung. Wir verabschieden uns vom Lehrerberuf. Wir bauen Lernnetzwerke.  Wir werden  konkret.

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Autor: Christoph Schmitt

Culture & Mindset Worker, Blogger, Ressourcenklempner, Coach, Ethiker, Rituals Expert. Ich unterstütze Menschen und Unternehmen beim "Digital Turn" - spezialisiert auf die Themen Mindset & Kultur. Systemisch & lösungsfokussiert. Ich coache Menschen in spannenden Entwicklungsphasen und begleite in einschneidenden Lebensmomenten durch die Gestaltung von Ritualen.

6 Kommentare zu „Digitalisierung vs. physische Begegnung, oder: Ein Gegensatz, der keiner ist.“

  1. Hallo Christoph,

    danke für deinen Beitrag. Sicher braucht und wird es immer um das physische Erleben von Informationsaufnahme und -verarbeitung gehen. Hier spielt der menschliche Dialog, sei es face to face oder über online Kommunikation, eine entscheidende Rolle. Und der kann und sollte gerade in Bezug auf Lernen so gestaltet werden, dass Experten sich einer gewissen pädagogischen Handlungsweise zu eigen gemacht haben, mit der sie dann Lerninhalte anderen zugänglich machen. Von daher teile ich nicht ganz deinen folgenden Standpunkt: „Weil Menschen immer lernen und dabei immer Begegnung stattfindet, die immer physisch ist, braucht es das pädagogisch-didaktische Setting gar nicht mehr.“

    Es sollte vielmehr darum gehen, wie die bestehenden pädagogisch-didaktischen Settings ergänzt oder von mir aus auch teilweise ersetzt werden von neuen, feedback-basierten Lernsettings, die ein individualisiertes Lernen ermöglichen. Ergänzend dazu ist es überlegenswert, wie der große Bereich des informellen Lernens das formelle Lernen (sprich das klassische Klassenzimmer) im Zuge der digitalen Transformation verändern wird. Wie schaffen wir, als Lehrer*innen, Pädagogen und Erzieher*innen, es in Zukunft, geschützte Lernräume zu schaffen, um unsere Kinder demokratisch wachsen zu lassen. Ich glaube, eine eindeutige Antwort darauf gibt es nicht…

    Gruß René

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  2. Schüler an abgelegenen Orten Australiens lernen schon lange fern – früher über Funk, heute im Internet. 🙂 Auch Zirkuskinder, wie etwa die schulpflichtigen Kinder des Original Zirkus Trumpf, benötigen eine besondere Unterrichtsform. Der wöchentliche Standortwechsel in bis zu acht Monaten des Jahres macht es ihnen unmöglich, eine Schule an einem festen Standort zu besuchen. Die Kinder des Familienzirkus lernen online in der Zirkusschule. Auf nordrhein-westfälischem Boden wird der Online-Unterricht durch Präsenzunterricht in einem zum Klassenzimmer umfunktionierten Zirkuswagen ergänzt, der zum aktuellen Aufenthaltsort des Zirkus kommt.

    Beste Grüße
    David

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  3. Was hier völlig ausser Acht gelassen wird ist die Wirkung von Spiegelneuronen auf die Herstellung von Verbindung. Diese wiederum ist doch essentiel bei der Wissenvermittlung, weil es darauf ankommt, in wie weit ein Lehrender als authentisch wahrgenommen wird: Diese wird natürlich über die GESAMTE Wahrnehmung des Gegenübers beeinflusst. Digital Lernen lernen – undbedingt! Aber nicht NUR! Siehe auch:
    Bauer, Joachim: Warum ich fühle, was du fühlst: Intuitive Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelneurone

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